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Full text of "Grundzüge de physiologischen Psychologie"

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GRUNDZÜGE 



DER 



PHYSIOLOGISCHEN PSYCHOLOGIE 



DRITTER BAND 



GRUNDZÜGE 



DER 



PHYSIOLOGISCHEN PSYCHOLOGIE 



VON 



WILHELM WUNDT 

PROFESSOR AN DER UNIVERSITÄT ZU LEIPZIG 



FÜNFTE VÖLLIG UMGEARBEITETE AUFLAGE 



DRITTER BAND 

MIT 75 ABBILDUNGEN IM TEXT 



LEIPZIG 

VERLAG VON WILHELM ENGELMANN 

1903 



Alle Rechte, besonders dos der Uebersetzang, bleiben vorbehalten. 



Inhalt des dritten Bandes. 



Dritter Abschnitt. 
Von der Bildung der Sinnesvorstellungen. 

(Schluss.) 

Seite 

Fünfzehntes Capitel. Zeitvorstellungen i 

1. Entwicklung der Zeitvorstellungen in den einzelnen Sinnesge- 

bieten I 

a. Das Problem des Zeitsinns i 

b. Zeitliche Tastvorstellungen 5 

c. Zeitliche Gehörsvorstellungen 20 

2. Complicationen der Zeitvorstellungen 39 

3. Die Zeitschwellen 45 

a. Absolute Zeitschwellen 45 

b. Unterschiedsschwellen 47 

4. Zeittäuschungen 53 

a. Größentäuschungen des Zeitsinns bei unmittelbaren Zeitvorstellungen. . 54 

b. Zeitverschiebungen bei momentanen Eindrücken 64 

c. Zeitverschiebungen innerhalb einer stetigen Vorstellungsreihe (Compli- 

cationsversuche) 67 

5. Theorie der Zeitvorstellungen 86 

a. Allgemeine Bedingungen der Zeit Vorstellungen 86 

b. Psychologische Entwicklung der Zeitvorstellungen 91 

c. Entwicklung zusammengesetzter rhythmischer Vorstellungen 94 

Vierter Abschnitt. 

Von den Gemüthsbewegungen und 
Willenshandlungen. 

Sechzehntes Capitel. Vorstellungsgefühle und Affecte ... 107 

I. Allgemeine Eigenschaften der Vorstelhingsgefühle 107 

a. Begriff und Merkmale der Vorstellungsgefühle 107 

b. Beziehungen zwischen den Vorstellungen und ihren Gefühlscomponenten iio 

1^737 



VI Inhalt des dritten Bandes. 

Seite 

c. Die Vorstellungsgefiihle als Bewusstseinsfanctionen 119 

d. Psychologische Bedeutung der Vorstellungsgefuhle 121 

2. Aesthetische Elemcntargefühle 123 

a. Subjective und objective Bedingungen ästhetischer Elementargefühle . . 123 

b. Aesthetische Wirkungen der niederen Sinne. Natur und Kunst .... 127 

c. Klangharmonie 135 

d. Farbenharmonie 140 

e. Gestaltgefiihle 147 

f. Rhythmische Gefühle. Das Wohlgefallen am Rhythmus 154 

g. Speciellere Gefühlswirkungen rhythmischer Formen 163 

h. Associative Factoren ästhetischer Elementargefuhle. Verschmelzungen 

directer Factoren 175 

i. Assimilative ästhetische Elementarwirkungen . . .... 180 

k. Theorie der ästhetischen Elementargefuhle 195 

3. Affecte 209 

a. Eigenschaften der Affecte 209 

b. Grundformen der Affecte 214 

c. Vasomotorische und respiratorische Affectsymptome 226 

d. Theorie der Affecte 234 

Siebzehntes Capitel. Willensvorgänge 242 

1. Begriff und Eigenschaften der Willensvorgänge 242 

a. Begriff des Willens 242 

b. Verlauf der Willensvorgänge 250 

c. Grundformen der Willensvorgänge 254 

2. Trieb-, Reflex- und Willkürbevvegungen 25S 

a. Trieb und Instinct 258 

b. Automatische und reflectorische Bewegungen 266 

c. Entwicklung der Trieb- und Willkürbewegungen 277 

3. Ausdrucksbewegungen 284 

a. Princip der directen Innervationsänderung 286 

b. Princip der Association verwandter Gefühle 289 

c. Princip der Beziehung der Bewegung zu Sinnesvorstellungen 291 

4. Theorie des Willens 296 

a. Das Willensvermögen und die transcendente Willenstheorie 296 

b. Die intellectualistischen Willenstheorien 29S 

c. Die emotionale Willenstheorie 303 

d. Psychische Causalität des Willens 313 

Fünfter Abschnitt. 

Von dem Verlauf und den Verbindungen 
der seelischen Vorgänge. 

Achtzehntes Capitel. Bewusstsein und Vorstellungs verlauf 320 

I. Das Bewusstsein 320 

a. Bedingungen und Grenzen des Bcwusstseins 320 

b. Aufmerksamkeit und Apperception 331 



Inhalt des dritten Bandes. yij 

Seite 

c. Die Apperception als Willensvorgang 342 

d. Umfang der Aafmerksamkeit und des Bewusstseins 351 

c. Schwankungen der Aufmerksamkeit (Appereeptions wellen) 366 

f. Entwicklung des Bewusstseins 373 

2. Verlauf der directen Sinnesvorstellungen 377 

a. Allgemeines über das Problem des Verlaufs psychischer Vorgänge . . 377 

b. Methodik der Reactionsversuche 380 

c. Der einfache Reactionsvorgang 410 

d. Veränderungen der einfachen Reaction durch psychische Einflüsse . . 433 

e. Zusammengesetzte Reactionsvorgänge 450 

3. Verlauf reproducirter Vorstellungen 476 

a. Allgemeine Eigenschaften reproducirter Vorstellungen 476 

b. Reproduction einfacher Sinnesempfindungen 482 

c. Reproduction räumlicher Vorstellungen 486 

d. Reproduction zeitlicher Vorstellungen 492 

c. Allgemeine Reproductionsersch einungen. Verlauf der Erinnerungsbilder 

unter complexen Bedingungen 507 

Neunzehntes Capitel. Psychische Verbindungen 518 

1. Allgemeine Uebersicht der Formen psychischer Verbindung . . 518 

2. Associationen 526 

a. Verschmelzungen 526 

b. Assimilationen 528 

c. Assimilative Erinnerungsassociationen. (Wiedererkennungs - und Erken- 

nuDgsvorgänge.; 535 

d. Complicationen 541 

e. Successive Erinnerungsassociationen. Statistik der Associationsrichtungen 544 

f. Psychologrische Analyse der successiven Erinnerungsassociationen ... 551 

g. Psychologische Theorie der Associationen 558 

h. Physiologie der Associationen 565 

3. Apperceptive Verbindungen 572 

4. Complexe intellectnelle Functionen 581 

a. Gedächtnissleistungen 583 

b. Methodik und allgemeine Ergebnisse der Lernversuche $^5 

c. Typische Unterschiede der Gedächtnissleistungen 592 

d. Allgemeine Theorie der Gedächtnissleistungen 595 

e. Das Lesen. Der einzelne Leseact 601 

f. Das zusammenhängende Lesen 609 

g. Das Schreiben 612 

h. Verlaufs formen geistiger Arbeit 615 

i. Die Componenten der Arbeitscurve 618 

5. Intellectnelle Gefühle 624 

6. Geistige Anlagen 628 

a. Intellectnelle Anlagen 62S 

b. Gemüthsanlagen 637 



VIJJ Inhalt des dritten Bandes. 

Seite 

Zwanzigstes CapiteL Anomalien des Bewusstseins . ... 642 

I Elementarftörongen des Bewasstseins ... 642 

a. HaUnemationen 643 

b- mosioneD 647 

2. Schlaf und Traam 649 

a. Ursacheo nnd Begleiterscheinongeii des Schlafes 649 

b. Verändeinngen des Bewusstseins im Tranm 652 

c. Theorie der TranmTorstelliuigeii 658 

3. Hypnotische Zustände 663 

a. Acnßerc Bedingungen der Hypnose. Arten nnd Grade hypnotischer 

Zostlnde 663 

b. Psychophyrische Gmndlagen nnd Theorie der Hypnose 666 

4. Geistesstörangen 673 

Sechster Abschnitt. 

Schlussbetrachtungen. 

Einundzwanzigstes CapiteL Naturwissenschaftliche Vor- 

begriffe der Psychologie 677 

1. Logische Grandlagen der Naturwissenschaft 677 

a. Das Princip des Erkenntnissgnindes 677 

b. Das Cansalprincip 682 

c. Das Zweckprindp 685 

d. Cansale nnd teleologische Aaffassang der Lebenserscheinangen .... 688 

2. Mechanik und Energetik 692 

a. Das demokritische Weltbild 692 

b. Die aristotelische Naturphilosophie 694 

c. Die mechanische Naturanschauung der Renaissancezeit 697 

d. Empirische nnd logische Grundlagen der mechanischen Naturanschaunng 701 
c. Die Selbständigkeit der Psychologie ein Postulat der mechanischen Na- 
turlehre 703 

f. Entwicklung der neueren Energetik 705 

g. Versuche zur Wiederemeuerung einer energetischen Weltanschauung. . 709 

h. Verhältniss der modernen zur aristotelischen Energetik 711 

i. Vorzüge und Nachtheile der energetischen Naturbetrachtung 714 

k. Mechanik und Energetik in ihrem Verhältniss zu den allgemeinen Be- 
dingungen der Naturerkenntniss 720 

3. Mechanismus und Vitalismus 725 

a. Allgemeine Grundlagen der Biologie 725 

b. Selbsterhaltung und Fortpflanzung der Organismen ... 730 

c. Die Regen crationsvorgänge 733 

d. Die Entwicklungserscheinungen. Ontogenie und Phylogenie 737 

e. Erkenntnisstheoretische Bedeutung des biologischen Zweckprincips . . . 741 

4. Causalität und Teleologie psychophysischer Lebensvorgänge 744 

a. Die Willenshandlungcn als Grundformen psychophysischer Vorgänge . . 744 

b. Psych ophysische Betrachtung der Willenshandlungen . 745 



Inhalt des dritten Bandes. jx 

Seite 

c. Physiologische Interpretation psychophysischer Lebensvorgänge .... 750 

d. Psychologischer Standpunkt 753 

Zweiundzwanzigstes Capitel. Principien der Psychologie 756 

1. Der Begriff der Seele 756 

a. Die Seelensnbstanz 756 

b. Die actuclle Seele * 758 

c. Einheit von Leib und Seele 761 

d. Heuristisches Princip des psychophysischen Parallelismus 768 

2. Principien der psychischen Causalität 778 

a. Princip der schöpferischen Resultanten 778 

b. Princip der beziehenden Relationen 782 

c. Princip der steigernden Contraste 785 

d. Princip der Heterogonie der Zwecke 787 

e. Psychologische Principien und psychophysische Entwicklungsgesetze . . 790 

Berichtigungen und Zusätze 794 



Dritter Abschnitt. 
Von der Bildung der Sinnes Vorstellungen, 

(Schluss.) 



Fünfzehntes Capitel. 

Zeitrorstellungen. 

I. Entvncldung der ZeitvorsteUungen in den einzelnen 
Sinnesgebieten. 

a. Das Problem des Zeitsinns. 

Jeder Bewusstseinsvorgang hat neben seinen andern auch zeitliche 
Eigenschaften, die wir als die Dauer eines einzelnen Vorgangs und, 
wenn mehrere Bewusstseinsinhalte einander ablösen, als einen zeit- 
lichen Verlauf von Vorgängen auffassen. Hiernach lassen sich die 
zeitlichen Vorstellungen wieder in Dauervorstellungen und Ge- 
schwindigkeitsvorstellungen sondern. Beide sind natürlich immer 
mit einander verbunden. Denn jeder einzelne psychische Vorgang hat 
eine kürzere oder längere Dauer und zeigt zusammen mit andern Vor- 
gängen einen langsameren oder schnelleren Wechsel. Gleichwohl werden 
auch hier diese in der Wirklichkeit stets vereinigten Momente zum Zweck 
der psychologischen Analyse zunächst von einander zu scheiden sein. 
Hierbei lassen sich am leichtesten die Geschwindigkeitsvorstellungen da- 
durch relativ isoliren, dass man auf einander folgende Vorgänge von ver- 
schwindender Dauer durch geeignete äußere Reize auslöst, wogegen in 
die Dauervorstellungen immer zugleich irgend welche Factoren der Ge- 
schwindigkeit mit eingehen. Aus diesem Grunde wird auch die experi- 
mentelle Untersuchung im allgemeinen die Geschwindigkeitsvorstellungen 
als diejenigen, die thatsächlich die einfacheren Bedingungen darbieten, 

WüNDT, Grundzfige. IIl. 5. Aufl. I 



2 2^it Vorstellungen. 

zweckmäßig voranstellen. Diese zeitlichen stimmen nun darin durchaus 
mit den räumlichen Eigenschaften der Vorstellungen überein, dass sie an 
bestimmte qualitative und intensive Inhalte gebunden sind, unter 
denen namentlich Empfindungsinhalte, die irgend einem Sinnes- 
gebiet oder mehreren gleichzeitig angehören, niemals fehlen. Bezeichnet 
man mit einem aus der Physiologie übernommenen Ausdruck alle Fragen, 
die sich auf die Bedingungen und Eigenschaften unsrer zeitlichen Vor- 
stellungen beziehen, als das Problem des Zeitsinns, so bietet demnach 
der Zeitsinn insofern analoge Verhältnisse wie der sogenannte Raumsinn, 
als wir erst vermöge der Fähigkeit, verschiedenen Raum- und Zeitinhalten 
übereinstimmende räumliche und zeitliche Eigenschaften beizulegen, zur 
Abstraction von Raum- und Zeitformen gelangt sind, bei denen wir die 
in jedem einzelnen Fall vorhandenen Inhalte dieser Formen außer Be- 
tracht lassen können. Psychologisch betrachtet gibt es jedoch ebenso- 
wenig einen specifischen Zeitsinn, wie es einen besonderen Raumsinn 
gibt, sondern eben nur zeitliche Eigenschaften unsrer den verschiedenen 
Sinnesgebieten zugehörigen Vorstellungen und der mit diesen Vorstellun- 
gen verbundenen Gefühle und Affecte. Auch der Begriff des Zeitsinns 
entspringt also lediglich daraus, dass es uns frei steht, die zeitlichen 
Eigenschaften ebenso wie alle andern isolirt der Untersuchung zu unter- 
werfen. Aber dabei sind nicht nur diese andern Eigenschaften stets in 
unsern zeitlichen Vorstellungen mit enthalten, sondern sie üben auch 
fortwährend auf dieselben bestimmte Einflüsse aus. In dieser Beziehung 
gleicht demnach der Zeitsinn vollständig dem Raumsinn, bei dem uns 
die Analyse der räumlichen Tast- und Gesichtsvorstellungen jene Ein- 
flüsse kennen lehrte; und auch darin verhalten sich beide analog, dass 
die Zeit ebensowenig wie der Raum aus irgend etwas anderem, z. B. 
aus einem speciellen Empfindungsinhalt, logisch deducirt werden kann, 
sondern dass immer nur die Bedingungen nachzuweisen sind, unter denen 
die einzelnen zeitlichen Vorstellungen zu stände kommen. In Bezug auf 
diese Bedingungen scheint sich nun aber der Zeitsinn vom Raumsinn zu 
scheiden, da die räumlichen Vorstellungen zu einem wesentlichen Theile 
auf den psychophysischen Eigenschaften beruhen, die bestimmten ein-^ 
zelnen Sinnesgebieten, speciell dem Tast- und Gesichtssinn, zukommen, 
während der Zeitsinn nicht an die Organisation besonderer peripherer 
Sinnesapparate gebunden ist, sondern auf alle möglichen Vorstellungen 
ebenso wie auf Gefühle, Affecte u. s. w. Anwendung findet. Hierdurch 
bilden die Zeitvorstellungen in der That eine Art von Uebergangsgebiet 
von den Vorstellungsbildungen zu den Gemüthsbewegungen sowie zu den 
aus den Verbindungen der psychischen Vorgänge hervorgehenden seeli- 
schen Zusammenhängen. 



Entwicklung der Zeitvorstellungen in den einzelnen Sinnesgebieten. 3 

Aus diesen Verhältnissen erklärt es sich wohl, dass der von Kant 
aufgestellte Begriff der Zeit als einer »Anschauungsform des inneren 
Sinnes«, die als solche alle äußeren und inneren Erlebnisse umfasse, 
eben darum aber auch aus diesen selbst niemals abgeleitet werden könne, 
meist von der Psychologie in dem Sinne recipirt wurde, dass für sie ein 
Problem des »Zeitsinns« eigentlich überhaupt nicht existirte. Doch so 
unzulässig es ist, in diesem Wort Zeitsinn etwas anderes zu sehen als 
einen kurzen Ausdruck für die gesammten Eigenschaften der zeitlichen 
Vorstellungen, und ihn etwa, ähnlich missbräuchlich wie den »Raumsinn«, 
als ein besonderes Sinnesgebiet mit specifischen »Zeitempfindungen« auf- 
zufassen, ebenso falsch ist offenbar der Schluss, die Zeitvorstellung ent- 
behre deshalb aller jener Beziehungen zu einzelnen Bewusstseinsinhalten, 
weil wir an jedem dieser Inhalte jene Momente der Dauer und der Ge- 
schwindigkeit unterscheiden können. Vielmehr würde dies nur dann 
zutreffen, wenn Zeitvorstellungen auch ohne irgend einen sonstigen Be- 
wusstseinsinhalt und insbesondere auch ohne andere Vorstellungsbestand- 
theile nachzuweisen wären. Dies ist aber bekanntlich nicht der Fall. 
Wo alle Bewusstseinsinhalte schwinden, z. B. im traumlosen Schlaf, da 
gibt es auch keine Zeitvorstellungen mehr. Jenes Argument aus den 
zeitlichen Eigenschaften aller psychischen Vorgänge beweist also nur, 
dass die Bedingungen zur Entstehung dieser Eigenschaften verbreitetere 
sind als diejenigen anderer Factoren des psychischen Geschehens, unter 
anderm auch der Raumvorstellungen, obgleich die letzteren immerhin, 
nachdem sie sich einmal in bestimmten Sinnesgebieten entwickelt haben, 
durch die alle andern Inhalte begleitenden Vorstellungen dieser räum- 
lichen Sinne ebenfalls constante Bestandtheile aller Bewusstseinsvorgänge 
bilden. Nun ist, wenn wir, selbst von der Möglichkeit einer solchen 
Uebertragung absehend, zunächst als die wahrscheinlichste Annahme die 
betrachten, dass jedes psychische Erlebniss Bedingungen zur Entstehung 
von Zeitvorstellungen mit sich führe, immerhin das Vorhandensein der 
Elemente, in die sich alle Bewusstseinsvorgänge zerlegen lassen, der Em- 
pfindungs- und Gefühlselemente, schließlich auch als die allgemeinste 
Bedingung der Zeitvorstellungen vorauszusetzen. Ob es aber bestimmte, 
etwa durch ihre Constanz hierzu geeignete Empfindungen und Gefühle, 
oder ob es irgend welche Verbindungen derselben gibt, denen jene 
Eigenschaft zukommt, dies muss vorläufig dahingestellt bleiben, da die 
experimentelle Analyse der Zeitvorstellungen selbst erst auf diese Fragen 
eine Antwort zu suchen hat. Nur wird diese Analyse einen methodo- 
logischen Gesichtspunkt voranstellen müssen. Da es Empfindungen 
und Gefühle sind, aus denen sich im allgemeinen jeder irgendwie zeit- 
lich bestimmte Bewusstseinsinhalt zusammensetzt, so ist der nächste 



4 Zeit Vorstellungen. 

Angriffspunkt der Untersuchung auch hier die Empfindung. Denn sie 
allein lässt sich durch die angemessene Variation äußerer Reize willkür- 
lich beeinflussen. Erst aus den so bewirkten Veränderungen der Vor- 
stellungen in Verbindung mit den zugleich sich darbietenden subjectiven 
Wahrnehmungen lässt sich aber in erster Linie auf die Empfindungs- 
substrate und dann, gemäß den allgemein für die Analyse der Gefühle 
geltenden Grundsätzen, auf die Gefühlssubstrate der Zeitvorstellungen 
zurückschließen. (Vgl. Cap. XI, Bd. 2, S. 263 ff.) 

Hieraus ergibt sich, dass die Untersuchung des Zeitbewusstseins, 
ähnlich wie die der intensiven und der räumlichen Vorstellungen, von 
den einzelnen Sinnesgebieten auszugehen hat. Auch hier wird sie 
sich aber wieder, eben weil es sich um ein allgemeines psychologisches 
Problem handelt, das in den verschiedenen Fällen voraussichtlich auf 
übereinstimmende allgemeine Bedingungen zurückführt, auf diejenigen 
Sinnesgebiete beschränken können, die den Charakter zeitlicher Sinne 
in höherem Grade als andere besitzen, und deren zeitliche Vorstellungen 
daher auch der experimentellen Beobachtung leichter zugänglich sind. 
Hierher gehören in erster Linie die mechanischen Sinne in der 
früher (Bd. i, S. 367) festgestellten Bedeutung dieses Wortes. Unverkenn- 
bar hängt dies mit den beiden Eigenschaften dieser Sinne zusammen, 
dass sie momentane Reize, der Tastsinn speciell die hier allein in Be- 
tracht kommenden äußeren und inneren Druckreize, mit annähernd 
momentanen Empfindungen beantworten, und dass bei länger dauern- 
den Reizen auch die Empfindung bis zu einer gewissen Grenze in un- 
verminderter Stärke während der Einwirkung der Reize bestehen bleibt. 
Die erste dieser Eigenschaften befähigt die Empfindungen beider Sinne 
in hohem Maße, Substrate von Geschwindigkeitsvorstellungen zu 
sein; die zweite erleichtert die Bildung deutlich begrenzter Dauervor- 
stellungen. Indem aber in beiden Eigenschaften, und namentlich in 
der zweiten, der Gehörssinn dem Tastsinn wieder überlegen ist, ge- 
winnt vorzugsweise jener den Charakter eines zeitlichen Sinnes. Die 
chemischen Sinne stehen hier, ähnlich wie auch die Temperatur- und 
Schmerzempfindungen der Haut, weit zurück. Die lange Nachwirkung 
der Erregungen sowie die meist rasche Abnahme der Empfindung bei 
längerer Dauer verdeckt durch die Stetigkeit dieser Veränderungen 
ebenso sehr die Intervallgrenzen snccessiver wie die bestimmteren Zeit- 
unterschiede dauernder Reize. Nur beim Gesichtssinn führt trotz 
dieser Eigenschaften die Stetigkeit der Veränderungen räumlicher 
Objecte hinwiederum zu eigenartigen Geschwindigkeits- und Dauer- 
vorstellungen, in denen jedoch die reine Zeitanschauung durch ihre 
Verbindung mit der Raumanschauung verschwindet, um mit dieser zu 



Entwicklung der 2SeitvorstelIungen in den einzelnen Sinnesgebieten. c 

der Bevvegungsvorstellung zu verschmelzen. Da nun die charakte- 
ristischen Eigenschaften der letzteren wesentlich durch ihre räumlichen 
Factoren bestimmt und auf das engste mit andern Eigenschaften der 
Gesichtseindrücke verknüpft sind, so wurden sie bereits im vorigen 
Capitel erörtert (Bd. 2, S. 577 ff.). Hier wird darum nur noch auf 
diejenigen Zeitvorstellungen des Gesichtssinns einzugehen sein, die in 
unmittelbarer Beziehung zu zeitlichen Tast- und Gehörsvorstellungen 
stehen. Eine weitere Beschränkung ist der lolgenden Betrachtung end- 
lich dadurch geboten, dass sie es, gemäß der allgemeinen Aufgabe 
dieses Abschnitts, ausschließlich mit der Bildung der Zeitvorstellungen 
zu thun hat, daher sie zunächst alles ausschließen wird, was auf irgend 
welche reproductive Factoren zurückführt : so z. B. die Auffassung größe- 
rer, den unmittelbaren Bewusstseinsinhalt überschreitender Zeiträume, 
die Vergleichung gegebener Zeit Vorstellungen mit andern, ihnen länger 
vorangegangenen (das Problem des sogenannten Zeitgedächtnisses) u. s. w. 
Da alle diese Fragen in den Zusammenhang der associativen und ap- 
perceptiven Processe eingreifen, so können sie erst in Verbindung mit 
diesen (in Abschn. V) erörtert werden. Ihnen gegenüber wollen wir 
die durch direct gegebene Bewusstseinselemente vermittelten Zeitvor- 
stellungen als die unmittelbaren bezeichnen, und ihnen jene später zu 
untersuchenden, durch reproductive Vorgänge erzeugten als die mit- 
telbaren gegenüberstellen. Auch aus dem so begrenzten Gebiet der 
unmittelbaren Zeitvorstellungen wird aber eine Gruppe von Erscheinun- 
gen deshalb theilweise auszuscheiden sein, weil sie mit gewissen com- 
plexen Gefühlen und Gemüthsbewegungen, die uns im nächsten Abschnitt 
beschäftigen sollen, auf das engste zusammenhängt. Dies ist die Gruppe 
der rhythmischen Vorstellungen, auf die hier nur insoweit einzu- 
gehen ist, als sie aus den allgemeinen Eigenschaften der unmittelbaren 
Zeitvorstellungen ihren Ursprung nehmen und daher wesentliche Factoren 
der Entwicklung dieser Vorstellungen selbst sind. 

b. Zeitliche Taslvorstellungen. 

An den Tastsinn als den allgemeinen Sinn ist, soweit wir aus der 
Organisation der Thiere schließen dürfen, die erste Entwicklung zeitlicher 
Vorstellungen in der Thierreihe geknüpft. Auch treten uns bei ihm die 
Bedingungen dieser Entwicklung am unmittelbarsten in bestimmten 
Functionsäußerungen vor Augen. Denn diejenige Function, die von 
Anfang an Beziehungen zu gewissen, wenn auch noch so primitiven Zeit- 
vorstellungen in sich schließt, ist die Tastbewegung, zu der in wei- 
terem Sinne vornehmlich auch die spontane Ortsbewegung der Thiere 
gehört. In die Bewusstseinscomponenten dieser Bewegungen gehen, 



5 Zeit Vorstellungen. 

neben mannigfach wechselnden Gefühls- und Vorstellungsinhalten thie- 
rischer Triebe, als constante Elemente vor allem die inneren Tast- 
empfindungen ein, jene Empfindungen in den Gelenken und Muskeln, 
die alle activen Tastbewegungen begleiten, und die überdies mit äußeren 
Druckempfindungen verbunden sind, die durch die Rückwirkung der 
Bewegung auf die Körperbedeckung und durch die Tasteindrücke äuße- 
rer widerstehender Medien entstehen. Alles was wir über die unmittel- 
baren Zeitvorstellungen der Thiere aussagen können, besteht nun natür- 
lich in bloßen Vermuthungen, die sich theils und vornehmlich auf die 
Beobachtung ihrer locomotorischen Functionen, theils auf die wohl be- 
gründete Annahme stützen, dass diese Functionen von ähnlichen ein- 
fachen Empfindungen und Gefühlen begleitet sein werden wie die unseren. 
Hier aber scheiden sich dann mit Rücksicht auf den symptomatischen 
Werth für etwa vorhandene zeitliche Vorstellungen die Bewegungen in 
unregelmäßige, nach Dauer wie Intervallen beliebig wechselnde, und 
in mehr oder minder regelmäßige, die in der Weise einander ablösen, 
dass eine nachfolgende Bewegung in ihrer Dauer und in ihrer Gliederung 
in einzelne Bewegungsacte als eine Wiederholung der vorangegangenen 
erscheint, während zugleich, wo solche Bewegungen in größerer Zahl 
einander ablösen, Pausen zwischen denselben von annähernd gleicher 
Größe eingeschaltet sind. Wir wollen den ersten dieser Bewegungstypen 
den arrhythmischen, den zweiten den rhythmischen nennen. Zeit- 
liche Tastvorstellungen von noch so primitiver Natur können wir nur 
beim Vorhandensein rhythmischer Bewegungen mit einiger Sicherheit 
voraussetzen. Die arrhythmischen Bewegungen bleiben daher für das 
Problem der Entwicklung der Zeitvorstellungen als Symptome von min- 
destens zweifelhafter Bedeutung von vornherein außer Betracht. Wo 
sich dagegen, wie bei den Arthropoden und den höheren Mollusken, 
sowie bei den sämmtlichen Wirbelthieren, rh5^hmische Tastbewegungen 
insbesondere in der Form rhythmischer Ortsbewegungen vorfinden, da 
dürfen wir in diesen zwar noch immer nicht sichere Zeugnisse wirklich 
vorhandener Zeitvorstellungen, unter allen Umständen aber psychophy- 
sische Bedingungen erblicken, auf deren Grundlage sich solche ent- 
wickeln können und wahrscheinlich in vielen Fällen thatsächlich ent- 
wickeln. Letzteres ist namentlich überall da mit Wahrscheinlichkeit 
anzunehmen, wo die rhythmische Bewegung in der Form der Willens- 
handlung auftritt oder mindestens als solche in einem sichtlich durch 
den Willen bestimmten Tempo eingeleitet wird. Hierbei können Ge- 
schwindigkeits- und, insofern sie immer in einem gewissen Grade mit 
ihnen verbunden sind, auch Dauervorstellungen in den Momenten der 
willkürlichen Einleitung der Bewegung oder der willkürlichen Aenderung 



Entwicklang der Zeitvorstellongen in den einzelnen Sinnesgebieten. *i 

einer solchen unmöglich fehlen, wenn sie auch noch so unbestimmt sein 
mögen. Dagegen darf keinesfalls aus dem Vorhandensein rhythmischer 
Bewegungen überhaupt auf begleitende Zeitvorstellungen geschlossen 
werden. So verlaufen unsere eigenen Herzbewegungen immer, unsere 
Athembewegungen in der Regel ohne Zeitbewusstsein. Das Kind zeigt 
schon in einer sehr frühen Lebenszeit rhythmische Armbewegungen, und 
ebenso erfolgen die Saugbewegungen des Säuglings theilweise rhyth- 
misch. Aber hier handelt es sich offenbar, gerade so wie bei den Herz- 
und Athembewegungen, lediglich um eine physiologische Rhythmik der 
Innervationsprocesse. Das nämliche gilt im allgemeinen von dem wei- 
teren Verlauf von Bewegungen, die willkürlich in einem bestimmten 
Tempo eingeleitet werden und darum, wie wir voraussetzen dürfen, von 
einer gewissen Geschwindigkeitsvorstellung b^leitet sind. So können 
unsere eigenen Geh- und Laufbewegungen als automatische Fortsetzun- 
gen willkürlich eingeleiteter Bewegungen subjectiv gewissermaßen zeitlos 
verlaufen; und das gleiche ist natürlich bei den ähnlichen Bewegungen 
der Thiere vorauszusetzen. 

Der so sich ergebende wesentliche Unterschied der willkürlich er- 
zeugten und der automatisch sich wiederholenden Rhythmik gewisser 
Bewegungen, in Verbindung mit der Thatsache, dass bei Mensch wie 
Thier zahlreiche rhythmische Thätigkeiten von Anfang an automatisch 
erfolgen, weist nun aber zugleich auf das bestimmteste darauf hin, dass 
das Primäre bei der individuellen Entstehung dieser Wechselwirkungen 
nicht das Zeitbewusstsein, sondern eben jener Complex physischer Be- 
wegungsvoi^änge ist, der vermöge des regelmäßigen Ineinandergreifens 
centraler Erregungs- und Hemmungsinnervationen an den äußeren Be- 
wegungswerkzeugen nicht anders als bei den Herz- und Athembewe- 
gungen automatisch zu stände kommt. Wie solche rhythmische Auto- 
matismen in der generellen Entwicklung entstehen konnten, muss hier, 
wo es sich lediglich um die empirische Nachweisung der allgemeinen 
Bedingungen der thatsächlich gegebenen Zeitvorstellungen handelt, vor- 
läufig außer Betracht bleiben \ Für die individuelle Entstehung dieser 
letzteren bleibt die Thatsache maßgebend, dass dem Eingreifen der 
Willensantriebe in den Mechanismus der Bewegungen von Anfang an 
fertige, an und für sich bereits rhythmisch functionirende nervöse Appa- 
rate zur Verfügung stehen. Vor allem zeigt dies auch die Entwicklung 
der locomotorischen Functionen beim Menschen, die sich wegen der 
Langsamkeit, mit der sie erfolgt, deutlich in ihren einzelnen Stadien 



^ Vgl. hierüber die Erörterungen über die Entwicklung der Willenshandlungen in 
Abschn. IV. 



8 Zeitvorstellungen. 

verfolgen lässt. In dem Maße als sich hier mit den anfangs fast allein 
in automatischer Rhythmik thätigen Armen auch die entsprechenden 
Bewegungen der Beine verbinden, und als damit gleichzeitig die Muskeln 
derselben die zur Stütze des Körpers erforderliche Kraft gewinnen, be- 
ginnen auch die Willensimpulse des Kindes die Bewegungen hervor- 
zubringen oder regulirend in sie einzugreifen. Nicht in dem Augen- 
blick, wo es will, sondern in dem, wo es kann, macht daher das 
Kind seine ersten Gehversuche, und diese erfolgen wiederum nicht des- 
halb in einem bestimmten Rhythmus, weil ein solcher willkürlich erzeugt 
wird, sondern weil die Willensimpulse von vornherein einen auf rhyth- 
mische Function angelegten Mechanismus auslösen. Wie überall die 
centralen Regulationsvorrichtungen und die peripheren Werkzeuge, die 
der unmittelbaren Ausführung der Leistungen dienen, functionell ein- 
ander entsprechen, so trifft dies auch durchaus für den Mechanismus 
der Körperbewegungen zu. Die Dimensionen der beweglichen Skelet- 
theile, die Lagerung und Ausbildung der Muskeln stehen in genauem 
Connex mit den den Muskeln zufließenden Innervationsimpulsen. So 
entspricht, wie die Gebrüder Weber bemerkt haben, die Länge der 
Beine derart den beim natürlichen Gehen an ihre Leistungen gestellten 
Forderungen, dass jene, wenn sie an der Leiche in pendelnde Bewegung 
versetzt werden, ungefähr in der nämlichen Periode schwingen, in der 
sie sich beim wirklichen Gehen bewegen. Auch entspricht dem die 
Beobachtung, dass kleine Leute schneller als große ihre Beine zu be- 
wegen pflegen, und dass wir unwillkürlich beim Uebergang vom ge- 
wöhnlichen Gehen in den Eillauf den Rumpf samt den Schenkel- 
köpfen senken, so dass die Länge der pendelnden Beine vermindert 
wird*. Dies bedeutet nun freilich nicht, dass die Regelmäßigkeit der 
Bewegungen durch diese Eigenschaft der Gehwerkzeuge, nach der sie an 
und für sich betrachtet physische Pendel sind, bewirkt wird, sondern 
eben nur dies, dass die rhythmische Function in diesen äußeren Eigen- 
schaften ihre natürliche und nothwendige Ergänzung findet. Thatsäch- 
lich ist es aber der in regelmäßig wechselnden Erregungs- und Hem- 
mungswellen auf- und abwogende centrale Regulationsapparat, der die 
Bewegungen in ihrer rhythmischen Folge unterhält. Darum weicht denn 
auch die Periodik der einfachen Gehbewegungen in ihrer wesentlich 
durch das wechselnde Eingreifen der Muskelkräfte bestimmten Gliede- 
rung erheblich von der Periodik der Pendelbewegungen ab. Nur die 
Dauer eines Doppelschrittes, die beim gewöhnlichen Gang des Menschen 
durchschnittlich etwa 0,98 See. beträgt, steht annähernd im Einklang 



* W. und Ed. Webkr. Mechanik der menschlichen Gehwerkzeuge, 1836, S. 39 ff. 



Entwicklung der Zeitvorstellungen in den einzelnen Sinnesgebieten. g 

mit der Schwingungsdauer eines nach Länge und Massenvertheilung 
dem Bein gleichenden Pendels. Gleichwohl erfolgen die Bewegungs- 
phasen der Gehwerkzeuge selbst sowie die aus ihnen resultirenden des 
Gesammtkörpers und seiner übrigen Theile in einer sehr regelmäßigen, 
wenn auch etwas asymmetrischen Periodik, da in Folge der größeren 
Stoßenergie der rechtsseitigen Muskeln in der einen der beiden Perio- 
den, aus der sich eine Doppelschwingung zusammensetzt, die Beschleu- 
nigung merklich größer zu sein pflegt (vgl. Fig. 310, Curve B), Diese 
Regelmäßigkeit der Periodik erfährt nun aber keine wesentliche Ver- 
änderung bei willkürlich gesteigerter Geschwindigkeit, obgleich hier 
die Willensimpulse häufiger und energischer regulirend in den natür- 
lichen Ablauf der Bewegungen eingreifen. Noch mehr gilt das natürlich 
für die complicirteren rhythmischen Bewegungen, wie z. B. für die 
Formen des Tanzes, die außerdem bereits stark von der Entwicklung 
rhythmischer Gehörsvorstellungen abhängen, und die darum hier, wo 
es sich für uns lediglich um die Zeitvorstellungen des Tastsinnes als 
solche handelt, außer Rücksicht bleiben. An dieser Stelle werden wir 
uns um so mehr auf die Betrachtung des gewöhnlichen Gehens be- 
schränken können-, weil bei diesem jene automatischen Regulirungen 
der Bewegungen am ungestörtesten functioniren , die für die individuelle 
Entwicklung des Zeitbewusstseins maßgebend sind. 

Indem die normalen Gehbewegungen, abgesehen von den sie an- 
regenden und von einzelnen beim Eintritt neuer Bedingungen in sie 
eingreifenden Willensimpulsen, durchaus der automatischen R^ulation 
der auf- und abwogenden erregenden und hemmenden Innervation über- 
lassen bleiben, erfolgen sie nun im allgemeinen mit einem Minimum von 
Aufmerksamkeit. Dennoch unterscheiden sie sich deutlich von solchen 
automatischen Bewegungen, die, wie die Herzbewegungen, unter nor- 
malen Verhältnissen ohne begleitende Empfindungen und darum gänzlich 
bewusstlos verlaufen. Wir können nämlich jeden Augenblick unsere 
Aufmerksamkeit auf die Gehbewegungen richten und dann deutlich 
Empfindungen wahrnehmen, die an sie gebunden sind, und nach denen 
wir in jedem Moment das gerade vorhandene Stadium des Vorgangs 
auffassen. Vor allem aber zeigen die Wirkungen, die zufällig eintretende 
Störungen in dem Ablauf dieser Empfindungen hervorbringen, auf das 
deutlichste, dass jene Folge von Empfindungen, die eine Schrittbewegung 
begleiten, auch dann, wenn sich dieser die Aufmerksamkeit nicht zu- 
wendet, doch keineswegs außerhalb des Bewusstseins bleibt, sondern 
dass sie eben nur dunkler bewusst ist. Die vollkommene Con- 
tinuität, die zwischen den Theilen des Vorgangs besteht, wo wir den 
Empfindungen die Aufmerksamkeit zuwenden, und denen, wo sie völlig 



1 o Zeitvorstellungen. 

dieser entschwinden, beweist aber zugleich, dass, abgesehen von dieser 
größeren oder geringeren Klarheit ihrer Auffassung, die Bewusstseins- 
inhalte selbst den gleichen Verlauf zeigen. Nun wird dieser Abfluss der 
eine Bewegungsperiode begleitenden Empfindungen von uns immer zu- 
gleich als ein zeitlicher Vorgang aufgefasst, und mit diesen zeitlichen 
Eigenschaften verhält es sich nicht wesentlich anders als mit den diesen 
Vorgang zusammensetzenden Empfindungen und Gefühlen. Auch die 
zeitlichen Eigenschaften werden dunkler, unbestimmter, sobald der Vor- 
gang außerhalb des Blickpunktes unseres Bewusstseins liegt; sie treten 
deutlicher hervor, sobald wir ihn aufmerksam verfolgen. Von dem letz- 
teren Fall werden wir daher wiederum auszugehen haben; und auch 
hier wird die bei der Analyse der Vorstellungen überhaupt und nament- 
lich der räumlichen befolgte Maxime gelten, dass das Ganze der com- 
plexen Vorstellung zunächst in seine Elemente zu zerlegen ist, um dann 
die Beziehungen festzustellen, die zwischen diesen Elementen und der 
complexen Vorstellung selbst stattfinden. Dagegen ist es ein von vorn- 
herein verfehltes Unternehmen, wenn man, wie es bei den Zeitvorstellun- 
gen gewöhnlich geschieht, das Zeitbewusstsein von vornherein als etwas 
selbständig diesen Empfindungs- und Gefühlselementen gegenüberste- 
hendes ansieht. Das letztere würde nur dann gerechtfertigt sein, wenn 
eine für sich bestehende Zeitempfindung oder Zeitvorstellung, wie man 
sie hier voraussetzt, jemals vorkäme und also unabhängig von irgend 
welchen anderweitigen Bewusstseinsinhalten, die sich in Empfindungen 
und Gefühle zerlegen lassen, beobachtet werden könnte. 

Nun ist hier wie überall die bloße Selbstbeobachtung ein un- 
zulängliches Hülfsmittel der geforderten Analyse. Ueberdies bildet in 
diesem Fall das Ineinandergreifen verschiedener Empfindungselemente 
und die stetige Veränderlichkeit derselben noch ein besonders erschwe- 
rendes Moment. Ist aber auch bei den gewöhnlichen Gehbewegungen, 
da sie eben zu ihrem wesentlichen Theile automatische, also dem will- 
kürlichen Eingriff gerade in ihrem regulären Ablauf entzogene Vorgänge 
sind, eine willkürliche Variation der Bedingungen nicht möglich, so lässt 
sich doch eine solche bis zu einem gewissen Grade durch die objective 
Analyse des Bewegungsvorganges selbst ersetzen, insofern diese die 
Zuordnung bestimmter Empfindungscomplexe zu bestimmten Phasen der 
Bewegung auf Grund der sonst bekannten Verhältnisse des Tastsinns 
gestattet. Hierbei genügt es für unseren Zweck, die Bewegung in der 
Wirkung, die sie auf die Bewegung des Gesammtschwerpunktes des Kör- 
pers ausübt, zu verfolgen, da sich in den Bewegungen dieses letzteren, 
wie die Mechanik der Gehwerkzeuge lehrt, in besonders empfindlicher 
Weise alle Einzelwirkungen reflectiren, aus denen sich der ganze Vorgang 



Entwicklung der Zeitvorstellnngen in den einzelnen Sinnesgebieten. 



II 



l, Sr 



zusammensetzt. Aus den Bewegungen nach den drei Raumdimensionen, 
aus denen in Wirklichkeit jede Schrittbewegung besteht, werden wir fer- 
ner diejenige, die der Gangrichtung entspricht, ausschließlich herausgreifen 
dürfen, weil vor allem in ihr das Ziel der Bewegung zum Ausdruck 
kommt. Ueberdies 
sind die seitlichen 

Componenten der 
Bewegung unerheb- 
licher, während die 
Verticalbewegung in 
der für die Empfin- 
dung maßgebenden 
Vertheilung der Be- 
wegungsphasen mit 
der Bewegung in der 
Gangrichtung wesent- 
lich übereinstimmt. 

Nun lässt sich 
jede derartige Bewe- 
gung in drei Facto- 
ren zerlegen: in die 
zurückgelegte Weg- 
länge, die in jedem 
Moment vorhandene 

Geschwindigkeit, 
und die ebenso wie 
diese stetig veränder- 
liche Beschleuni- 
gung*. So erhalten 
wir drei Curven: die 
Wegcurve ( W^ Fig. 
310), die Geschwin- 
digkeitscurve ( V) und 
die Beschleunigungs- 
curve [B), In allen 
drei Curven bedeuten 

die Abscissenlinien die Zeiten, und zwar umfasst in Fig. 310 die ganze 
Abscissenlänge etwas mehr als die Dauer eines Doppelschritts. Erhebung 




f,0 1,i S6C. 

Diagramme für die Bewegung des Gesammtschwer- 
punktes in der Gangrichtnng beim gewöhnlichen Gehen, nach 
O. Fischer. 



^ O. Fischer. Der Gang des Menschen, 2. Theil, Abhandl. der sächs. Ges. der Wiss. 
Math.-phys. Cl. Bd. 25, 1899, S. 27 flf. Taf. IV— XI. 



1 2 Zeitvorstellungen. 

Über die Abscissenlinien bedeutet danach Bewegung nach vorwärts, Sen- 
kung unter dieselben Bewegung nach rückwärts. Die ganze Bewegung 
setzt sich so aus Vor- und Rückwärtsbewegungen des Schwerpunktes, 
natürlich mit einem Uebergewicht der ersteren, zusammen. Die Art 
aber, wie sich die Acte der Bewegung zu den drei Factoren der Weg- 
länge, Geschwindigkeit und Beschleunigung verhalten, spricht sich nun 
in den durch die verticalen Linien entstehenden Theilungen aus, wo R^ 
und Z, den ersten Moment des Aufsetzens des rechten und linken Fußes, 
/?, und Zj, den Beginn der Abwicklung derselben vom Boden, Sr den 
Anfang der Schwingung des rechten, Si den der Schwingung des linken 
Beines bedeuten. Aus der Abfolge dieser Bewegungsacte können wir 
nun ohne weiteres auf den Wechsel der den ganzen Vorgang constitui- 
renden Empfindungselemente zurückschließen. Als die Hauptcomponen- 
ten der Empfindung sind hierbei nach dem, was früher (Bd. 2, S. i ff.) 
über die verschiedenen Elemente der Tastempfindungen bemerkt wurde, 
die äußeren, durch die Berührung der Fußsohlen mit dem Boden, und 
die inneren, die Gelenkbewegungen und Muskelspannungen begleiten- 
den Tastempfindungen zu betrachten. Die Dauer jeder dieser Empfin- 
dungen ist durch die horizontalen Linien T und G zwischen den beiden 
unteren Curven angedeutet: TJ die äußere Tastempfindung, ist dabei 
eine qualitativ und extensiv mit dem Aufsetzen und Abwickeln der Fuß- 
sohle wechselnde Empfindung, deren Intensitätsmaximum dem Moment 
entspricht, wo der Fuß auf den Boden aufgesetzt wird. In der Figur 
entspricht die ausgezogene Linie T der Tastempfindung des rechten, 
die unterbrochene der des linken Fußes. Die Anfangspunkte beider 
Linien sind als Intensitätsmaxima durch Kreuzchen gekennzeichnet, die 
des rechten Fußes, da ihm wieder die intensivere der beiden Empfin- 
dungen entspricht, durch ein doppeltes, die des linken durch ein ein- 
faches Kreuz. Ein zweites Maximum der Tastempfindung fallt dann an 
das Ende des Zeitraums, in den Moment, wo der Fuß den Boden zu- 
rückstößt und dem Körper seine stärkste Beschleunigung nach vorn gibt. 
Doch kehrt sich diesmal das Verhältniss der beiden Seiten um: der linke 
Fuß übt jetzt den stärkeren Stoß aus, wie schon die subjective Beob- 
achtung erkennen lässt, und wie auch der objective Verlauf der Be- 
schleunigungscurve zeigt, wo unmittelbar den Momenten Z, und R^ die 
stärksten positiven Erhebungen der Curve B folgen, wobei aber die 
erste, die dem Moment Z, folgt, die größere ist. Wir deuten da- 
her diesen Unterschied an, indem wir diesmal Z^ mit einem doppel- 
ten und /?2 mit einem einfachen Kreuz auszeichnen. Gleichförmiger ist 
offenbar der Verlauf der inneren, namentlich in ihren empfindlichsten 
Componenten, den Gelenkempfindungen, an die Schwingungsbewegung 



Entwicklang der Zeitvorstellungcn in den einzelnen Sinnesgebieten. 12 

im Oberschenkelgelenk gebundenen Tastempfindungen, der durch die 
Linie G angedeutet ist. Wiederum entspricht die ausgezogene der 
rechten, die unterbrochene der linken Seite. Immerhin zeigt auch hier 
der Anfang einer jeden Periode ein deutliches Maximum, das den den 
Beginn der Schwingung begleitenden Rückstoß auf das Gelenk kenn- 
zeichnet: er ist wieder merklich stärker auf der rechten als auf der 
linken Seite, theils wegen der größeren Kraft der rechtseitigen, den 
Schwingungsimpuls bewirkenden Muskeln, theils aber auch in Folge der 
oben erwähnten größeren Reactionswirkung des vom Boden sich ab- 
wickelnden linken Fußes. Objectiv spricht sich dieser Unterschied in 
der größeren Rückwärtsbeschleunigung aus, die hier rechts unten die 
zweite Schwingungsphase der Beschleunigungscurve zeigt. Deuten wir 
demnach diese gegenüber den vorigen zurücktretenden Empfindungs- 
maxima der Gelenkempfindungen durch kleine horizontale Striche an, so 
können wir diesmal den Punkt Sr durch einen doppelten, 5/ durch einen 
einfachen Strich auszeichnen. Ueberblickt man das so entstehende Bild 
des Empfindungsverlaufs, wie es, von den stetigen Veränderungen ab- 
sehend, in seinen allgemeinsten, bloß die Dauer und die Maxima der 
einzelnen Empfindungen heraushebenden Momenten die Fig. 310 zur 
Darstellung bringt, so fällt die überaus zusammengesetzte Beschaffen- 
heit dieses einfachsten, in unserer Vorstellung mit ausgeprägten zeit- 
lichen Eigenschaften ausgestatteten Vorganges in die Augen. In diesem 
Verlauf ist, wie die hier besonders maßgebenden Beschleunigungscurven 
schließen lassen, kein Moment dem andern absolut gleich. Aber der 
ganze Verlauf selbst ist eine treue Wiederholung vorangegangener Be- 
wegungsperioden, und er ist in einzelne Phasen gegliedert, die einander 
ähnlich genug sind, um noch als annähernd gleich aufgefasst zu werden, 
und die sich doch hinreichend unterscheiden, um nicht als völlig iden- 
tisch zu erscheinen. Dabei bilden die relativen Empfindungsmaxima in 
ihren verschiedenen Abstufungen wie nicht minder die an fest bestimm- 
ten Stellen wiederkehrenden und mit einander wechselnden Empfin- 
dungspausen charakteristische Einschnitte, die eine ebenso große Regel- 
mäßigkeit wie Mannigfaltigkeit des Gesammtverlaufs herbeiführen. Völlig 
symmetrisch vertheilt sind nur die Empfindungspausen, die derart ein- 
ander ablösen, dass der Pause der Empfindung T die von G inner- 
halb einer jeden Hälfte unmittelbar folgt. Dagegen bilden die Empfin- 
dungsmaxima nur eine annähernde Symmetrie, indem das wirksamste 
Maximum der äußeren Tastempfindungen und damit das absolute der 
ganzen Periode auf den Punkt 7?,, das ihm nächstkommende auf den 
kurz vorhergehenden Punkt L^ fällt, wodurch beide zusammen eine 
einzige sich bedeutend verstärkende Hebung bilden, so dass diese Stelle, 



I ^ Zeitvorstellungen. 

an der noch dazu die beiden Theilmaxima durch eine sehr kurze, sie 
beide hebende Pause getrennt sind, den Hauptpunkt des ganzen Ver- 
laufs bildet, nach dem sowohl die übrigen Empfindungen wie die fol- 
genden Perioden orientirt werden. Eine schwächere Wiederholung dieser 
Doppelhebung bilden dann die symmetrischen Punkte R^ und Z,,. Neben 
dieser durch die äußeren Tastempfindungen in deutliche Abschnitte ge- 
theilten Periodik bewegt sich nun aber die leiser anklingende der inneren 
Tastempfindungen G, bei der bemerkenswerther Weise das Lageverhält- 
niss der zu einander symmetrischen stärkeren und schwächeren Hebun- 
gen sich umkehrt, während die Maxima Zeitpunkten entsprechen, die 
gegen die Maxima der Linie T um den Betrag der zweiten Hälfte der 
partiellen Empfindungspause verschoben sind. So verbinden sich dem- 
nach auch diese Empfindungsstöße mit den vorigen zu je einem um- 
fassenderen Maximum. Doch ist dieses zweite Maximum nicht nur nach 
dem Gesammteflfect der in ihm verbundenen Empfindungen das schwä- 
chere, sondern auch qualitativ das Gegenbild des andern, indem hier 
der stärkeren Hebung der Tastempfindung unmittelbar die schwächere 
Hebung der Gelenkempfindung nachfolgt, und umgekehrt. 

In den mechanischen Bedingungen, die sich in diesem Empfindungs- 
wechsel spiegeln, ist nun weiterhin noch eine andere, abermals für die 
Verbindungen dieser Empfindungen bedeutsame Erscheinung gegeben: 
es ist die, dass der Vorrang, den die rechte Seite vor der linken in der 
Ausbildung der Muskeln der Gehwerkzeuge einnimmt, und der in der 
energischeren Schwingung derselben zum Ausdruck kommt, den Beginn 
einer Bewegungsreihe dem linken Fuße zuweist, der, zuerst auf den 
Boden aufgesetzt, den Gehbewegungen von vornherein denjenigen Rhyth- 
mus mittheilt, der der überwiegenden Energie der rechtsseitigen Schwin- 
gung am günstigsten ist: dies ist aber ein Rhythmus, bei dem von den 
ungleichen Taktgliedern das schwächere vorangeht, da der größere Kraft- 
antrieb den günstigsten Nutzefifect hervorbringt, wenn er in die Periode 
wachsender Energie fallt. Wo etwa zufällig einmal die Bewegung nicht 
in dieser Weise begonnen hat, da regulirt sie sich daher bald von selbst 
so, dass wir in der Aufeinanderfolge der Schritte jedesmal den Zeitpunkt 
des Aufsetzens des linken Fußes {L^ Fig. 310) als den Anfang einer 
Schrittperiode auffassen, was auch darin sich ausspricht, dass wir schon 
beim gewöhnlichen Gehen und in gesteigertem Maße beim Marsche das 
nach dem Aufsetzen des rechten Fußes eintretende Intervall als eine 
Pause empfinden, sei nun eine solche hier wirklich eingetreten oder nur 
durch die unten zu erwähnende Rückwirkung der intensiveren Betonung 
auf die Intervallvorstellungen erzeugt worden (siehe unten 4, a). Ver- 
ändern wir diesen Verhältnissen gemäß die Anordnung der in Fig. 310 



Entwicklung der Zeitvorstellnngen in den einzelnen Sinnesgebieten. je 

dargestellten Bewegungsacte, so wird demnach die Periode eines Doppel- 
schritts nicht bei den Punkten stärkster Hebung der Empfindung Z, /?,, 
sondern bei denen der schwächeren R^L^ zu beginnen haben, und der 
ganze Empfindungsverlauf als stetiger Vorgang wird nun schematisch 
durch die Fig. 311 wiederzugeben sein. Dabei bezeichnen L und R als 
stärkste Erhebungen die Momente der Aufsetzung des linken und rechten 
Fußes auf den Boden, r, und /, die Momente des Stoßes der sich ab- 
lösenden Sohle gegen *den Boden , und endlich r, und /, die Momente 




Fig. 311. Schematische Darstellung des Empfindungsverlaufs wähtend eines 

Doppelschrittes. 

des Rückstoßes im Gelenk, die mit dem Anfang der Schwingung ver- 
bunden sind. In der Aufeinanderfolge dieser relativen Empfindungs- 
maxima alterniren rechts und links in der Weise, dass die absoluten 
Maxima der Halbschritte L und R Mittelpunkte bilden, um die sich 
Empfindungsstöße der entgegengesetzten Seite, der eine als Auf-, der 
andere als Nachtakt, gruppiren. Der ganze Doppelschritt bildet somit, 
in der Sprache der Metrik ausgedrückt, eine »aufsteigende amphibrachi- 
sche Dipodiec, mit der eigenthümlichen Modification, dass der Nachtakt 
des schwachen Takttheils relativ stark und der des starken relativ schwach 
ist (r^ und /g), so dass sich beidemal der Charakter des folgenden Takt- 
theils bereits vorbereitet'. Natürlich ist dieses Schema des Empfindungs- 
verlaufs im Ansatz der einzelnen Größen willkürlich. Aber in den 
Hauptpunkten des Verlaufs wird man es als ein zutreffendes ansehen 
dürfen, insofern auch hier mit der Stärke der Reize die der Empfindun- 
gen zu- und abnehmen muss. Auf das Verhalten der bei der Bewegung 
wirksamen Druckreize kann ja aber aus den mechanischen Bedingungen 
der Bewegung geschlossen werden, die namentlich in dem Verlauf der 
Beschleunigungscurve ihren Ausdruck finden. Da nun ferner eine ab- 
stracte Zeitempfindung oder Zeitvorstellung thatsächlich nicht existirt, so 
bleiben auch die unmittelbar wahrgenommenen zeitlichen Eigenschaften 



' Wir nehmen dabei den Ausdruck »amphibrachisch« im rein dynamischen Sinne. 
indem er lediglich auf die Stärke der Betonung, nicht, wie in der antiken Metrik, der er 
entlehnt ist, anf die Dauer der Taktglieder bezogen werden soll. 



1 6 Zeitvorstellungen. 

der Ortsbewegungen an die entsprechenden Empfindungsfolgen gebunden, 
und sie besitzen losgelöst von diesen für uns keine Wirklichkeit. Dies 
bestätigt sich wiederum darin, dass die Ausbildung dieser zeitlichen 
Eigenschaften durchaus gleichen Schritt hält mit der Deutlichkeit der 
zugehörigen Empfindungsreihen. Wenn wir angefangene Gehbewegungen 
automatisch fortsetzen, ohne uns derselben klar bewusst zu werden, so 
sind auch die mit ihnen verbundenen Zeitvorstellungen dunkel und 
unsicher, wie sich an den bedeutenden Täuschungen verräth, die in sol- 
chen Fällen über die Größe eben durchlebter Zeiten vorkommen. Sobald 
wir dagegen die Aufmerksamkeit unseren Schritten zuwenden, so dass 
sich die einzelnen Empfindungsacte scharf im Bewusstsein ausprägen, so 
wird mit den Empfindungen selbst auch die an sie gebundene Zeitvor- 
stellung viel klarer, und namentlich geschieht dies in dem Sinne, dass 
die Gleichheit der einzelnen Perioden und ihre regelmäßige Aufeinander- 
folge auffallt. Irgend genauere Zeitvergleichungen sind daher schon hier 
durchaus an die Existenz eben jener rhythmisch periodischen Bewegun- 
gen gebunden, wie sie in ihrer allgemeinsten, immer und immer wieder 
Ruhepausen oder andere, irregulärere Bewegungen unterbrechenden Form 
in den Gehbewegungen auftreten. Darum kann man es wohl als einen 
glücklichen Zufall betrachten, dass die aus physikalischen Ursachen zur 
Aufnahme gelangte objective Zeiteinheit, die Secunde, der natürlichen 
durchschnittlichen Zeit eines Doppelschritts sehr nahe kommt. Auch ist 
dies jedenfalls ein Umstand, der die Fähigkeit, Zeitgrößen objectiv 
richtig zu schätzen, erleichtert, wodurch sich wieder um so sicherer jene 
physikalische Zeiteinheit als eine allgemeingültige fixiren konnte. In 
dieser Beziehung sind also die Zeitmaße offenbar den räumlichen 
Maßen überlegen, obgleich diese doch ursprünglich, indem sie die 
Länge des Fußes zur Einheit nahmen, direct von einer am Menschen 
selbst gegebenen Größe ausgingen, während sich bei der Zeit eine solche 
Uebereinstimmung erst nachträglich ergeben konnte. Darum mag aber 
auch jene natürliche Zeiteinheit des Doppelschritts dazu mitgewirkt haben, 
dass uns für alle praktischen Zwecke die Secunde als kleinste Einheit 
zu genügen pflegt, was von jener natürlichen Längeneinheit jedenfalls 
nicht gesagt werden kann, wie sie denn ja auch in der Wissenschaft 
wie in der Praxis andern, objectiv zweckmäßigeren Einheiten weichen 
musste. 

Von den bei der Analyse der natürlichen rhythmischen Körper- 
bewegungen gewonnenen Gesichtspunkten aus erscheinen nun schließ- 
lich auch die arrhythmischen Körperbewegungen in einem an- 
deren Lichte, als dies der Fall ist, wenn man sich, wie es gewöhnlich 
geschieht, eine rhythmische Form aus einem der Regelmäßigkeit 



Entwicklnng der Zeitvorstellungen in den einzelnen Sinnesgebieten. i n 

ursprünglich gänzlich entbehrenden Material entstanden denkt. Mit 
jenen Gegenwirkungen erregender und hemmender Kräfte, auf denen 
wahrscheinlich alle centralen Functionen des Nervensystems beruhen, 
hängt überall die Anlage zu einem oscillatorischen Verlauf der Lebens- 
vorgänge zusammen, dem sich auch die rhythmischen Körperbewegungen 
als eine besondere, an gewisse Bedingungen der Geschwindigkeit und des 
Wechsels gebundene Form unterordnen. Darum sind schon jene inneren 
Bewegungen, wie die des Herzens und der Blutgefäße, die, weil sie sich 
im allgemeinen nicht in Empfindungen kundgeben, auch keinen directen 
Einfluss auf das Zeitbewusstsein besitzen können, rhythmisch angelegt. 
Andere, wie die Athembewegungen, die sich wenigstens zeitweise durch 
begleitende Empfindungen verrathen, mögen immerhin einen mitwirken- 
den Einfluss gewinnen. Gerade die Ortsbewegungen des Körpers neh- 
men aber hier offenbar darum eine wichtige Mittelstellung ein, weil 
einerseits die automatische Regulation derselben noch einflussreich genug 
ist, um einen Isochronismus gewisser Bewegungsperioden zu erzeugen, 
der sonst nur den ganz und gar automatisch wirkenden, eben darum 
aber auch bewusstlos verlaufenden Bewegungen eigen ist, und weil an- 
derseits ihre Beherrschung durch die Willensvorgänge sie zu bald deut- 
lich hervortretenden, bald mehr verdunkelten, immer aber während 
ihres Ablaufs in irgend einem Bewusstseinsgrade gegenwärtigen Er- 
lebnissen macht. Dabei zeigt außerdem schon die mechanische Ana- 
lyse auch der andern in der Regel nicht rhythmisch ablaufenden will- 
kürlichen Bewegungen, dass sie nicht nur durch Zwischenglieder mit den 
rhythmischen zusammenhängen, sondern dass insbesondere ein Merk- 
mal der letzteren auch ihnen nicht fehlt: es besteht darin, dass jede 
einzelne Bewegung eine bestimmte Regelmäßigkeit zeigt, vermöge deren 
sie bei ihrer Wiederholung in übereinstimmenden Phasen zu verlaufen 
pflegt. Während die rhythmische Bewegung die zwei charakteristischen 
Eigenschaften besitzt, dass erstens jede einzelne Bewegungsphase ein 
bestimmtes Gesetz einhält, und dass sich zweitens diese Phasen in einem 
regelmäßigen Wechsel wiederholen, hat irgend eine arrhythmische Be- 
wegung nur die zweite dieser Eigenschaften eingebüßt, die erste bleibt 
ihr ebenso gut wie der rhythmischen zu eigen. Nun wiederholen sich 
zudem auch solche arrhythmische Bewegungen in Folge ihrer functio- 
nellen Bedingungen, nur dass sie in unregelmäßiger, durch beliebige 
Intervalle getrennter Folge eintreten. Auch hier wird daher eine ähn- 
liche, nur selbstverständlich losere und unbestimmtere Beziehung der 
sich wiederholenden Bewegungsacte auf einander eintreten können wie 
bei dem rhythmischen Verlauf. In diesem Sinne sind die außerhalb 
der rhythmischen Functionen liegenden Bewegungen Fragmente von 

WuNDT, Gnindzüge. lU. 5. Aufl. 2 



l8 Zeitvontellnngen. 

Rhythmen, die sich zeitweise mehr oder minder den eigentlichen 
Rhythmen nähern. Wie sich bei den Ortsbewegungen die enge Ver- 
bindung mit Empfindungen, die nach einer bestimmten Regel sich ab- 
lösen und wiederholen, als nie fehlende Bedingung erwies, so folgen 
demnach schließlich auch die an die arrhythmischen Bewegungen ge- 
bundenen Empfindungen annähernd dieser R^el. Tritt die Gesetzmäßig- 
keit dieser Bewegungen minder augenfällig hervor, so ist doch nicht 
zu übersehen, dass eben durchweg auch das an sie gebundene Zeit- 
bewusstsein ein unvollkommeneres, ja zeitweise gänzlich zurücktretendes 
ist, wie man sich denn überhaupt bei der Untersuchung der psychi- 
schen Eigenschaften der Zeitvorstellungen vor der Einmengung des 
objectiven Zeitbegriffs in die psychologischen Fragen zu hüten hat. 
Weil die für die Zwecke des praktischen Lebens und der objectiven 
Wissenschaften fixirten Zeitmaße die Zeit als eine unabhängig von dem 
Subject immer fließende Größe voraussetzen, so ist man geneigt, nun 
die nämliche Eigenschaft den subjectiven Zeitvorstellungen zuzuschrei- 
ben. Aber diesen mangelt jene Eigenschaft durchaus. An den im Be- 
wusstsein vorhandenen Empfindungsinhalten können in Wahrheit die 
zeitlichen Factoren bald deutlich bald nur dunkel und unbestimmt her- 
vortreten, bald können sie ganz verschwinden. Die Psychologie der 
Zeitvorstellungen hat es aber selbstverständlich eben nur mit dieser 
subjectiven Zeit und ihren Erscheinungen zu thun, während jene ob- 
jective ein abstracter, auf die allgemeinsten äußeren Zeitbedingungen ein- 
geschränkter Begriff ist, bei dem eben darum gerade die Eigenschaften, 
die das psychologisch Charakteristische der Zeitvorstellungen ausmachen, 
gänzlich eliminirt sind. 

Indem wir bei dieser Betrachtung der rhythmischen und der ar- 
rhythmischen Tastbewegungen davon ausgingen, dass die zeitlichen 
Eigenschaften der diese Bewegungen begleitenden Vorstellungen nichts 
den übrigen Elementen Aeußerliches, sondern eng mit diesen verbun- 
den und daher auch irgendwie durch sie bedingt seien, ist nun aber 
noch ein Moment außer Rücksicht geblieben. Von jenen übrigen Vor- 
stellungsinhalten wurden nur die Empfindungselemente berücksichtigt, 
weil die Aufeinanderfolge dieser am unmittelbarsten unserer Beobachtung 
zugänglich ist, und allein auf ihren Intensitätswechsel mit einiger Sicher- 
heit aus den Bewegungen selbst zurückgeschlossen werden kann. Gleich- 
wohl wird man schon unter dem allgemeinen Gesichtspunkt, dass Empfin- 
dungen und Gefühle überall zusammen in die Constitution der psychischen 
Vorgänge eingehen, diese Analyse nicht für eine vollständige ansehen 
können, um so mehr, da die Willensantriebe, die die Bewegungen aus- 
lösen und in einzelnen Momenten in ihren Ablauf eingreifen, ganz gewiss 



Entwicklung der Zeitvorstellnngen in den einzelnen Sinnesgebieten. ig 

ZU jenen äußeren und inneren Tastempfindungen weitere Elemente hinzu- 
bringen, die dem allgemeinen Gebiet der Gefühlsprocesse angehören. 
Dazu kommt noch eine andere Beobachtung, die, über eine solche bloß 
sporadische Betheiligung hinausgehend, die Annahme eines Gefühlsvor- 
ganges, der ebenso continuirlich wie die Empfindung die einzelnen Acte 
einer Bewegung begleitet, unabweislich macht. Wenn man nämlich eben 
jenes Mittel anwendet, durch das man sich von der fortwährend, auch 
im Zustand vollständiger Unaufmerksamkeit stattfindenden Bewusstseins- 
wirkung regelmäßiger Körperbewegungen überzeugen kann, dies nämlich, 
dass man eine plötzliche Abänderung der Bedingungen in den Ablauf 
des Bewegungsvorganges einfuhrt, so lehrt die subjective Beobachtung 
in überzeugender Weise, dass es die Störung im Zusammenhang der 
Empfindungen nicht allein, ja dass sie es nur zum allergeringsten 
Theile ist, die uns eine solche Aenderung wahrnehmbar macht. Vielmehr 
ist es ein äußerst lebhafter, meist zu dem eintretenden Empfindungs- 
wechsel außer allem Verhältniss stehender Gefühlseflfect, den wir hier- 
bei wahrnehmen; und zugleich bemerkt man, dass dieser Gefühlsimpuls 
kein isolirt dastehender Vorgang ist, sondern dass er irgend einen, nur 
viel undeutlicher wahrgenommenen, vorausgehenden Vorgang unterbricht, 
um einen neuen einzuleiten. Kurz, solche Störungs- und Unterbrechungs- 
eingriffe zeigen deutlich, dass der Empfindungs- von einem Gefühlsverlauf 
begleitet wird, der bei den rhythmischen Bewegungen offenbar eine nicht 
minder große Regelmäßigkeit besitzt, wie die Aufeinanderfolge der Em- 
pfindungen, und der, wie die intensiven Wirkungen seiner Unterbrechung 
vermuthen lassen, für die zeitlichen Eigenschaften der Vorstellungen viel- 
leicht sogar die überwiegende Bedeutung hat. Zur näheren Verfolgung 
dieses Gefühkverlaufes fehlt es uns aber im vorliegenden Fall an den 
zureichenden Hülfsmitteln. Auch steht der zuverlässigen Selbstbeobach- 
tung gerade bei den Tastbewegungen die stark hervortretende Qualität 
der Empfindungen im Wege, die es zu einer einigermaßen gesonderten 
Auffassung der Gefühle nicht kommen lässt. Nur so viel lässt sich wohl 
mit Sicherheit sagen, dass die für den Verlauf der Vorgänge entschei- 
denden Gefühle in erster Linie den Richtungen der Spannungs- und 
Lösungsgefiihle angehören. Namentlich scheinen sie es zu sein, die in 
continuirlichem Verlauf die Vorgänge begleiten, während Erregungs-, 
Lust-, Unlustgefühle u. s. w. wohl nur sporadisch , die ersteren als Be- 
gleiter neu eintretender Willensimpulse, die letzteren in Folge zufällig 
begleitender Stimmungen in den Gefühlsverlauf eingreifen. Hier, wo die 
psychologische Analyse dieser ursprünglichsten Formen zeitlicher Vor- 
stellungen nothgedrungen nach einer ihrer wichtigsten Seiten unvollstän- 
dig bleiben muss, tritt nun aber der zweite, auf die Erweckung zeitlicher 



20 Zeitvorstellungen. 

Vorstellungen in eminenter Weise angelegte Sinn, der Gehörssinn, bei 
dem die äußeren Bedingungen eine Sonderung der Empfindungs- und 
Gefühlselemente leichter gestatten, ergänzend ein. 

c. Zeitliche Gehörsvorstellungen. 

Während die zeitlichen Tastvorstellungen stets an die mechanischen 
Bedingungen der Bewegungsorgane und an die ihnen zugeordneten 
centralen Regulirungseinrichtungen der Innervationen gebunden bleiben, 
bewegen sich die entsprechenden Gehörsvorstellungen von vornherein 
innerhalb viel weiterer Grenzen. Jeder mögliche Wechsel von Klang- 
und Geräuschformen, soweit er in Folge irgend welcher objectiver Be- 
dingungen entstehen, und soweit ihm das Ohr gemäß den der Gehörs- 
empfindung nach Intensität, Schwingungszahl und Dauer der Eindrücke 
gesetzten Grenzen folgen kann, bietet sich hier als Substrat auf das 
mannigfachste variirender Zeitvorstellungen. So können denn diese nach 
Dauer und Geschwindigkeit nicht nur weit über die längsten Zeiten 
herauf-, sondern namentlich auch weit unter die kürzesten hinabgehen, 
die bei unsern rhythmischen oder arrhythmischen Orts- oder sonstigen 
Tastbewegungen vorkommen; und daneben bieten sie gegenüber den 
durch die Anordnungen der Gelenke und Muskeln relativ fest gegebenen 
Arten der Ausfüllung der Zeitstrecken mit einem bestimmten Empfin- 
dungsinhalt eine geradezu unerschöpfliche Mannigfaltigkeit des Wechsels. 
Zwischen den beiden Fällen einer während ihrer ganzen Dauer mit einer 
gleichmäßigen Klangempfindung ausgefüllten und einer sogenannten 
»leeren« oder, wie wir sie besser nennen, »reizfreien« Zeitstrecke, die 
nur durch zwei ihren Anfang und ihr Ende bezeichnende Eindrücke ab- 
gegrenzt ist, bieten sich hier alle möglichen Zwischenfälle: theilweise 
reizfreie, mit wechselndem Inhalt ausgefüllte, im ganzen reizfreie, die 
durch regelmäßig oder unregelmäßig interpolirte Eindrücke in kleinere 
Strecken getheilt sind, u. s. w. Es würde unmöglich sein, auch nur die 
wichtigeren der hier möglichen Zeitformen, vollends in der Ausdehnung 
auf beliebige arrhythmische Schallbewegungen, zu untersuchen. Für die 
allgemeineren Fragen nach der Beschaffenheit und Entstehungsweise 
dieser Vorstellungen genügt es aber auch, gewisse Hauptfalle in Be- 
tracht zu ziehen, unter denen wieder die zwei Grenzialle des gleich- 
mäßig dauernden Klangs und des reizfreien Intervalls von Inter- 
esse sind. 

Ein gleichmäßig während einer gegebenen Zeit andauernder Schall 
ist namentlich dann mit deutlich ausgeprägten Zeitvorstellungen ver- 
bunden, wenn verschiedene Schalleindrücke, insbesondere auch solche 
von verschiedener Dauer mit einander wechseln, wie dies bei vielen 



Entwicklnng der Zeit Vorstellungen in den einzelnen Sinnesgebicten. 2 I 

Dauergeräuschen, bei der Aufeinanderfolge der Sprachlaute innerhalb 
der menschlichen Rede, und in ästhetisch ausgebildeter Form in der 
musikalischen Melodie geschieht. In Folge dieses Wechsels verbinden 
sich dann stets mit den Dauer- auch Geschwindigkeitsvorstellungen. 
Dabei werden aber um so mehr, je mannigfaltiger der Wechsel wird, 
und je mehr rhythmische Motive in ihn eingreifen, hauptsächlich die 
Intervalle zwischen den einzelnen Dauereindrücken und die zwischen 
ihnen liegenden Pausen für die Zeitvorstellungen maßgebend, so dass 
hier überall schon die Erscheinungen eine Verbindung der in den beiden 
oben erwähnten Grenzfällen wirkenden Bedingungen einschließen. Eine 
reine, einen Dauereindruck begleitende Zeitvorstellung kommt daher vor- 
zugsweise dann zur Beobachtung, wenn ein Klang entweder ganz für 
sich allein, ohne Beziehung auf vorangehende oder nachfolgende ein- 
wirkt, oder wenn höchstens zwei kurz nach einander einwirkende und an 
Dauer gleiche oder verschiedene Klänge zur Vergleichung geboten werden. 
Im letzteren Fall gibt dann zugleich die unten (3, b) zu erörternde zeit- 
liche Unterschiedsschwelle ein gewisses Maß für die Schärfe der Zeit- 
auffassung, freilich unter der Bedingung fortdauernder Aufmerksamkeit 
auf den Klang und seine zeitlichen Eigenschaften, eine Bedingung, die 
bei solchen Schwellenbestimmungen unerlässlich, sonst aber keineswegs 
immer vorhanden ist. Wo sie nicht zutrifft, da pflegen dann auch die 
Zeitbestimmungen solcher Dauerreize außerordentlich schwankend und 
unsicher zu sein. Doch auch sonst bieten dieselben wenig günstige, ja 
im ganzen viel ungünstigere Bedingungen für die Analyse der Zeitvor- 
stellungen, als die Tastbewegungen, da eine genauere Verfolgung des 
Gefühlsverlaufs mindestens ebenso sehr wie bei diesen durch die an- 
dauernde Empfindung gehindert, dafür aber nicht einmal durch einen 
objectiv und subjectiv zu verfolgenden Empfindungswechsel ein gewisser 
Ersatz geboten wird. Dauert der Eindruck über ein gewisses durch die 
allgemeinen rhythmischen Bewegungen, namentlich auch die Dauer der 
Ortsbewegungen gegebenes Zeitmaß an, so entstehen jedoch deutlich 
wachsende Spannungsgefühle, zu denen bei noch längerer Dauer eine 
wachsende Erregung und dann meist zugleich ein starkes Unlustgefühl 
hinzutreten kann. 

Das einfachste Hülfsmittel zur Erzeugung zeitlich leicht abzustufender 
Gehörseindrücke mit reizfreien Intervallen ist das Metronom. Es ge- 
stattet zugleich eine zureichende Variation der Geschwindigkeit, um die 
für die Fragen des Zeitbewusstseins hauptsächlich in Betracht kommenden 
Zeitstrecken herzustellen. Lässt man dasselbe eine Reihe von Takt- 
schlägen in gleichem Tempo ausführen, so bilden die so hergestellten 
Intervalle Zeitstrecken von gleicher Größe, die unmittelbar auf einander 



22 Zeitvorstellungen. 

bezogen und mit einander verglichen werden. Dabei bemerkt man nun 
zunächst, dass sich die Intervallgrößen, die für die Beobachtung der auf 
die Zeitauffassung einwirkenden Elemente günstig sind, innerhalb ziem- 
lich enger Grenzen bewegen. Wird die obere etwa bei dem Zeitwerth 
von I See, also wieder bei einer die Dauer eines Doppelschritts nicht 
wesentlich überschreitenden Größe erreicht, so entspricht der fünfte 
Theil dieser Zeit oder das Intervall von 0,2 See. annähernd dem Maxi- 
mum der Geschwindigkeit, bei dem noch eine einigermaßen sichere 
Auffassung der zeitlichen Vorgänge möglich ist. Steigt die Geschwindig- 
keit erheblich über diese Grenze, so nehmen wir zwar den Vorgang 
noch als einen discontinuirlichen wahr. Aber die Vorstellung einer Reihe 
von Zeitstrecken, die durch Reize begrenzt sind, macht nun mehr und 
mehr der eines dauernden discontinuirlichen Eindruckes Platz, wie er 
z. B. bei dem Schwebungsphänomen oder bei Trillern und Passagen 
beobachtet wird (vgl. Bd. 2, S. 93 ff.). Innerhalb der oben angegebenen 
Grenzen liegt dann der für die Zeitauffassung günstigste Werth wieder 
bei etwa 0,5 See, also bei einem der Dauer des Halbschritts nahe kom- 
menden Intervall. Es entspricht ungefähr dem gewöhnlich angewandten 
Marschtempo, einer Geschwindigkeit, die sich auch bei den Ortsbewegun- 
gen im allgemeinen als die für eine längere Zeit fortgesetzte Bewegungs- 
weise günstigste bewährt. 

Bei einem auf solche Weise ausgeführten einfachen Taktirversuch 
sind nun offenbar die Anforderungen an die als Substrate der Zeitvor- 
stellungen dienenden Empfindungen auf das überhaupt mögliche Mini- 
mum reducirt, indem nur die zur Auffassung und Vergleichung der Zeit- 
strecken nöthigen Eintheilungspunkte durch die Schalleindrücke ge- 
geben sind. Zugleich entfernen sich dadurch die Bedingungen so weit 
wie möglich von denen der zeitlichen Vorstellungen bei dauernden Ge- 
hörseindrücken sowie der in eine ununterbrochene Empfindungsfolge zu 
zerlegenden rhythmischen Ortsbewegungen. Gerade deshalb aber, weil 
hier die Intervalle in Bezug auf die von außen einwirkenden Eindrücke 
»reizfrei« sind, gestatten die Versuche um so mehr eine scharfe Beob- 
achtung der subjectiven Empfindungs- und Gefühlselemente, die sich 
vermöge irgend welcher innerer Bedingungen dem Ablauf der äußeren 
Reizphänomene zumischen. Hier zeigt nun die aufmerksame Beobachtung 
zunächst, dass das »reizfreie« Intervall durchaus nicht empfindungsfrei 
ist. Da Empfindungen nicht ohne irgend welche Reize möglich sind, 
so dürfen wir hieraus offenbar schließen, dass es in Wirklichkeit auch 
nicht absolut reizfrei sei. Man bemerkt nämlich, bei etwas größeren, der 
Grenze von i See. nahe kommenden Intervallen besonders auffallend, 
aber auch bei solchen von 0,5 See. noch vollkommen deutlich eine 



Entwicklung der Zcitvorstellungen in den einzelnen Sinnesgebieten. 



23 



schwache Spannungsempfindung im Ohr, die im Verlauf einer Taktreihe 
bei aufmerksamem Hinhören etwas zu wachsen, dagegen von einem 
Taktschlag zum andern annähernd gleichmäßig anzudauern scheint. In 
Wahrheit ist also auch in diesem Fall die Empfindung eine continuir- 
liche: an die allerdings sehr viel stärker als z. B. bei den Gehbewegungen 
hervortretenden Maxima /„ /„ t^ . . .y die durch die äußeren Schallreize 
in regelmäßigen Abständen gegeben werden, schließen sich hier sehr 
schwache dauernde Empfindungen an, die man wohl auf die Spannung 
des Trommelfells und die Action des Musculus tensor tympani zurück- 
fuhren darf. Der gesammte Empfindungsverlauf kann also durch die in 
Fig. 312 unterbrochen gezeichnete Curve dargestellt werden, in welcher 



t, 


Hl 

5 


u. ^ 


5 


97 


\- 


"" y^ 


A y^- 




' \ 



Fig. 312. Empfindnngs- und Gefuhlsverlauf bei der Einwirkung regelmäßig sich 
wiederholender Taktschläge. 

jede der Erhebungen /,, Z^, i^ die einem Schallreiz correspondirende 
Empfindung, die Linie ss dagegen die dauernde subjective Spannungs- 
empfindung andeutet. Weiterhin zeigt nun aber die subjective Beob- 
achtung, die in diesem Fall durch die sehr geringe Intensität dieser 
Zwischenempfindung erleichtert wird, dass sich der ganze Vorgang 
keineswegs in dem Enipfindungsverlauf erschöpft. Vielmehr bemerkt 
man, wiederum bei den der oberen Grenze näher liegenden Zeitinter- 
vallen deutlicher als bei den kürzeren, dass die anscheinend gleichmäßig 
andauernde subjective Spannungsempfindung im Ohr von einem Ge- 
fühlsverlauf begleitet ist, der sich von ihr dadurch wesentlich unter- 
scheidet, dass er durchaus nicht gleichmäßig andauert, sondern auf- und 
abwogt und dabei — was eine Verwechselung mit dem Empfindungs- 
verlauf mit Sicherheit ausschließt — zwischen contrastirenden Gefühlen, 
die mit bestimmten Phasen des rhythmischen Vorgangs zusammenfallen, 
oscillirt. Unverkennbar sind es aber hierbei unter den in Cap. XI erör- 
terten Hauptrichtungen der Gefühle wieder die der Spannung und 
Lösung, die wir in Wirksamkeit treten sehen. Verfolgt man näm- 
lich den Verlauf von einem gegebenen Taktschlag an, so stellt sich 
kurze Zeit nach Eintritt desselben zunächst ein wachsendes Spannungs- 
gefühl ein, das unmittelbar vor dem neuen Taktschlag sein Maximum 
erreicht, und dann sofort in ein durch seinen rascheren Verlauf sich 



24 ZeitTonteUmigen. 

auszeidmendes Lösungsgefühl übergeht , um in der nächsten Periode 
wiederum der wachsenden Spannung Platz zu machen u. s. w. Auf diese 
Weise ist es in erster Linie dieser Gefühlsverlauf, der die übereinstimmen- 
den Zeitmomente der auf einander folgenden Perioden charakterisirt. Dies 
erhellt deutlich, wenn man, wie in Fig. 312 durch die ausgezogene Linie, 
den angegebenen Verlauf graphisch darzustellen sucht Ist auch die 
Gestalt dieser Curve natürlich in den Einzelheiten willkürlich, so darf 
doch, worauf es hier allein ankommt, das allgemeine Verlaufsgesetz in 
dem Sinne ab gesichert gelten, dass erstens in der angegebenen Weise 
Spannungs- und Lösungsphase wechseln, und dass zweitens der anstei- 
gende Theil der Curven, also die Wiederaufhebung der Lösung und 
das Anwachsen der Spannung, einen wesentlich langsameren Verlauf 
hat als der sinkende, das Aufhören der Spannung und der Eintritt der 
Lösung. Daraus folgt dann aber zugleich, dass innerhalb einer Periode 
jeder einzelne Punkt der Gefühlscurve einem übereinstimmend liegenden 
einer andern Periode entspricht, und dass also der in einem g^ebenen 
Moment vorhandene Gefühkwerth nach Vorzeichen und Größe in jeder 
Periode nur einmal vorkommt, um sich in jeder andern Periode des 
gleichen Verlaufs an der gleichen Stelle zu wiederholen. Hiermit 
steht offenbar auch die Thatsache in Verbindung, dass innerhalb der- 
selben Grenzen der Geschwindigkeit, in denen der Verlauf der Span- 
nungsgefühle am regelmäßigsten in dem angegebenen Wechsel sich 
ausprägt, auch die Zeitauffassung am empfindlichsten ist, indem plötz- 
liche Abweichungen von der bis dahin eingehaltenen Periode in sehr 
auffallender Weise mit Störungen des Gefühlsverlaufs, namentlich mit 
intercurrirenden Ueberraschungs- und Unlustgefühlen, verbunden sind. 
Weicht das Tempo der regelmäßigen Takte von jenen für die Auf- 
fassung eines dauernden Verlaufs günstigsten Werthen erheblich ab, 
so wird die Zeitvorstellung eine unsichere, während sich zugleich der 
Gefühlsverlauf durch die Beimengung anderer Gefuhlsformen complicirt, 
die schließlich über den Wechsel der Spannungs- und Lösungsgefühle 
das Uebergcwicht erlangen können. Namentlich treten diese bei sehr 
viel schnelleren Taktfolgen ganz hinter dem erregenden Gefühl zurück, 
das discontinuirlichc Eindrücke zu begleiten pflegt. Bei sehr bedeutender 
Größe der Intervalle werden dagegen die eine starke Spannung beglei- 
tenden Unlustgefühlc immer intensiver. Da nun diese andern Gefühls- 
formen jenen periodischen Verlauf mit deutlichem Phasenwechsel nicht 
zeigen, so entstehen Störungen desselben, die um so empfindlicher 
sind, weil die Auffassung der Regelmäßigkeit dieses Wechsels an sich 
schon an jene Grenzen gebunden ist, zwischen denen die für die Zeit- 
vergleichung günstigsten Intervalle liegen. 



Entwicklung der Zeitvorstellungen in den einzelnen Sinnesgebieten. 25 

Lässt man innerhalb dieser dem periodischen Steigen und Sinken 
der Spannungs- und Lösungsgefühle günstigsten Zeitgrenzen Schallreize 
auf das Ohr einwirken, so bemerkt man nun aber noch eine andere Er- 
scheinung, die wiederum an das natürliche Vorbild des Rhythmus der 
Doppelschritte bei den Ortsbewegungen erinnert. Die einzelnen, in 
Fig- 3 ^ 2 gleich gezeichneten . Perioden zwischen /, und t^ , t^ und t^ 
sind nämlich in Wirklichkeit nicht ganz gleich, sondern sie weichen in 
dem Sinne von einander ab, dass auf je eine Periode mit schwächerer 
eine solche mit stärkerer Gefühlsbetonung folgt. Demnach zerlegt sich 
der Verlauf auch hier in Doppelperioden, deren beide Hälften einander 
qualitativ gleichen, intensiv aber abweichen. Dabei stellt sich jedoch 
noch die eigenthümliche Erscheinung ein, dass sich dieses Auf- und 
Abwogen der Gefühle auch den Empfindungen mittheilt, die sich nicht 
nur in ihren subjectiven Bestandtheilen ss^ sondern auch in ihren ob- 
jectiven /,, /„ t^ abwechselnd heben und senken. Die Taktschläge 
erscheinen daher, auch wenn sie einander objectiv vollkommen gleichen, 
doch nicht gleich, sondern ein schwächerer und ein stärkerer Schall 
scheinen in regelmäßigem Rhythmus zu wechseln. Das Metronom ist 
für die Nachweisung dieser subjectiven Reizverstärkung ungünstig ein- 
gerichtet, weil der Mechanismus des bei ihm verwendeten Federuhrwerks 
an und für sich eine geringe Verstärkung des einen von je zwei zu- 
sammengehörigen Schlägen mit sich führt. Man ist daher im allgemeinen 
geneigt, hierbei den periodischen Wechsel so eintreten zu lassen, dass 
der objectiv stärkere Schall auch stärker gehört wird. Dennoch kann 
man bei dem geringen objectiven Unterschied, der hier in der Regel 
besteht, meist diesen willkürlich durch die subjective Betonung über- 
winden: man kann also in die Schläge des Metronoms einen Rhythmus 
hineinhören, der dem objectiven des Instrumentes entgegengesetzt ist. 
Gleichwohl ist es zweckmäßiger, diese Versuche mit eigens construirten 
Taktirapparaten auszuführen, bei denen auf völlige objective Gleichheit 
der Taktschläge Bedacht genommen ist, und denen sich dann außerdem 
auch noch eine Einrichtung geben lässt, bei der der Spielraum der 
möglichen Geschwindigkeiten nach oben wie unten hin ein erheblich 
größerer ist als beim Metronom. Geht man nun hier von einer Suc- 
cession in Intervallen von je 2 See. aus, so bemerkt man zunächst bei 
diesen langsamen Taktfolgen, dass die einzelnen Eindrücke überhaupt 
nicht zusammengehalten werden: kommt ein neuer Schallreiz, so scheint 
der vorangegangene bereits ganz dem Bewusstsein entschwunden zu 
sein; man nimmt daher nicht nur keine Intensitätsunterschiede wahr, 
sondern man ist nicht einmal im stände zu entscheiden, ob die Inter- 
valle gleich sind oder nicht. Das ändert sich erst, wenn man sich der 



26 ZeitvorstellaDgen. 

Grenze von i See. nähert Jetzt treten zugleich mit der deutlichen Zu- 
sammenfassung der Takte zuerst schwächere und dann bei steigender 
Geschwindigkeit immer stärker werdende scheinbare Intensitätsunter- 
schiede der Taktschläge auf. Eine objective Reihe 

Trtrrrrrrrr- 

nimmt also in der subjectiven Auffassung die Form an: 

rrrrrrrrrrr 

wobei wir den stärker gehobenen Eindruck durch den darüber gesetzten 
Punkt bezeichnen. Es ist die einfachste Taktform, die des '/g-Takts mit 
vorangehendem schwachem Takttheil. Letzteres erscheint zunächst des- 
halb als der naturgemäße Ausdruck, weil, wenn man die Taktfolge be- 
ginnen lässt oder auf sie hinzuhören anfangt, der erste Taktschlag 
schwächer erscheint, indem er zunächst nur als ein Signal aufgefasst wird, 
das auf die folgende Reihe vorbereitet. Dabei tritt aber noch eine 
andere Erscheinung hervor, die eigentlich schon in das Gebiet der Zeit- 
täuschungen herüberreicht. Sie besteht darin, dass trotz vollkommenster 
objectiver Gleichheit der Intervalle kleine scheinbare Zeitunterschiede 
auftreten, indem jedesmal dem schwächer gehobenen Eindruck die längere 
Zwischenzeit zu folgen scheint. Auf diese Weise ordnet sich die Folge 
»starker, schwacher Eindruck, Pause« zu einer Takteinheit zusammen, 
und die Einleitung solcher durch den Ort der Pause bestimmter Ein- 
heiten durch einen schwächeren Eindruck verleiht diesem den Charakter 
eines Auftaktes, der, die Taktreihe vorbereitend, selbst nicht zu ihr 
gehört. Demnach nimmt dieser natürliche ^/g-Takt nun die Form an : 



rftrftr'rtrl 



Im poetischen Metrum führt bekanntlich die Takteinheit, aus deren un- 
veränderten oder modificirten Wiederholungen sich ein rh}^hmisches 
Gebilde zusammensetzt, den Namen »Fuß« (kou;), ein Ausdruck, der 
auf jene die betonteren Stellen begleitenden Taktbewegungen der Füße 
hinweist, in denen sich die gemeinsame Action der beiden auf rhyth- 
mische Bewegung angelegten zeitlichen Sinne kundgibt. Der '/g-Takt 
bildet die untere Grenze der hier möglichen Formen: eine »Mono- 
podie«, die wohl wegen ihrer das ästhetische Gefühl wenig befrie- 
digenden Einförmigkeit in der musikalischen wie in der poetischen 
Rhythmik kaum vorkommt. Aber gerade bei jenem passiven Anhören 
einer Reihe in gleichen Zeitintervallen ablaufender Schalleindrücke bildet 



Entwicklung der Zeitvorstellungen in den einzelnen Sinnesgebieten. 21 

diese Monopodie die zunächst sich einstellende Form. Dagegen hat die 
absteigende Form dieser Monopodie keine ähnlich allgemeingültige 
Bedeutung. Vielmehr ist zu vermuthen, dass sie, gleich dem Sprechtakt 
der gewöhnlichen Rede, variiren kann. Dieser Sprechtakt hat nämlich im 
Deutschen und in den andern germanischen Sprachen in der gewöhn- 
lichen, leidenschaftslosen Rede einen fallenden Rhythmus \ Es ist daher 
wohl möglich, dass sich bei Angehörigen solcher Nationen, deren Spra- 
chen, wie z. B. das Französische, die entgegengesetzte Richtung zeigen, 
auch eine andere spontane Rhythmisirung eintritt. Hierfür spricht schon 
die Beobachtung, dass jene Neigung zum absteigenden Takt nur inner- 
halb solcher Grenzen der Geschwindigkeit, in denen sich auch die normale 
Sprechweise bewegt, hervortritt, während, sobald die Intervalle der Takt- 
schläge weiter abnehmen, statt dessen nun umgekehrt meist steigende 
Rhythmisirung entsteht, — eine Thatsache, die den Einfluss des Affectes 
auf diesen Wechsel wahrscheinlich macht. Denn stets ist eine solche 
Zunahme der Geschwindigkeit mit einer gewissen Affecterregung des 
Hörers verbunden. Man bemerkt dies, ebenso wie die Umkehrung in 
der Rhythmisirung, am deutlichsten, wenn man plötzlich von einer etwas 
langsameren Taktfolge von etwa 0,4 See. zu einer schnelleren von 0,3 
See. übergeht, wo zugleich der Contrast die Wirkung verstärkt. Beim 
Eintritt der schnelleren Taktfolge empfindet man dann eine plötzliche 
affective Erregung, und mit ihr tritt meist zugleich die Umkehr in den 
aufsteigenden Rhythmus ein. Mit den Verhältnissen der Affectanlage 
hängen denn auch wahrscheinlich die Unterschiede zusammen, die man 
bei Angehörigen verschiedener Nationen in der spontanen Rhythmi- 
sirung gleichförmiger Taktschläge beobachtet, und auf die wir unten 
bei der specielleren Erörterung der rhythmischen Vorstellungen (5, c) 
zurückkommen werden. Femer ändert sich nun aber das Verhältniss 
auch dann, wenn man nicht mehr zwanglos und passiv auf die Takt- 
schläge hinhört, sondern eine bestimmte Richtung bevorzugt. In diesem 
Fall kann man ohne besondere Schwierigkeit abwechselnd den absteigen- 
den in den aufsteigenden Takt oder wiederum diesen in jenen über- 
führen. Hieraus begreift es sich, dass die musikalische wie die poeti- 
sche Rhythmik durchaus bald willkürlich, bald aber, und offenbar 
hauptsächlich, unter dem Einfluss der in dem Rhythmus zum Ausdruck 
kommenden Stimmungen und Affecte fast beliebig die eine oder andere 
Form der Bewegung wählen oder innerhalb einer zusammengesetzten 
rhythmischen Form zwischen beiden wechseln kann. Auch dazu findet 
sich freilich schon die Anlage im gewöhnlichen Sprechrhythmus, der in 



' Sievers, Phonetik *♦, 1893, S. 217 fT. 



28 Zeilvorstellungen. 

Frage und Ausrufung oder im gesteigerten Affect eine der regelmäßigen 
entgegengesetzte Bewegung einschlagen kann\ Einen besonders wirk- 
samen Anlass für einen solchen Uebergang bietet außerdem der Rhyth- 
mus der Gehbewegungen, die ja stets die aufsteigende Taktbildung 
zeigen. Wo sich der musikalische Rhythmus unmittelbar dem Takt- 
maß des Doppelschritts anpasst, wie im Marsch, da ist er daher auch 
in dieser Beziehung eine Nachbildung desselben. Im übrigen aber 
spricht doch die Selbständigkeit der Entwicklung, die in dieser fun- 
damentalen Beziehung der Rhythmus der Sprache eingeschlagen hat, 
gegen die unmittelbare Anlehnung an die Ortsbewegungen, wie sie zu- 
weilen für den Ursprung der poetischen und musikalischen Rhythmik 
angenommen wurde "". Das Verhältniss ist hier schließlich ein einiger- 
maßen analoges wie bei den Raum Wahrnehmungen des Tast- und 
Gesichtssinnes. Beide führen auf die nämlichen psychophysischen Be- 
dingungen zurück und können sich daher auch wechselseitig beeinflussen : 
so die Gehbewegungen das akustische Taktmaß beim Marsch, und so 
umgekehrt der zunächst durch Affecte und ausgebildetere rhythmische 
Gefühle bestimmte Takt der Melodie die Körperbewegungen beim Tanze. 
Im ganzen liegen aber der Entwicklung der zeitlichen Gehörsvorstellun- 
gen doch die Stimm- und Sprachlaute näher, und auf die Sprache wirken 
daher jene die Bewegungen der Sprachorgane beherrschenden Gesetze am 
unmittelbarsten ein. 

Wie Affect- und Willenseinflüsse die dem Gehörssinn zumeist ad- 
äquate, dem gewohnheitsmäßigen Tonfall der Rede entsprechende rhyth- 
mische Bewegung in die entgegengesetzte umkehren können, so kann 
nun aber auch in Folge ähnlicher Einflüsse aus jener einfachsten mono- 
podischen Gliederung, die sich bei rein passiver Aufnahme einer Reihe 
von Schalleindrücken einstellt, ein verwickelterer metrischer Aufbau her- 
vorgehen, sobald entweder von vornherein die Absicht, einen solchen 
auszuführen, den gehörten Takten entgegenkommt, oder sobald auch nur 
das allgemeine Streben obwaltet, eine größere Zahl von Eindrücken zu- 

^ Die Beispiele, die J. Minor (Neuhochdeutsche Metrik ', 1902, S. 157) als Zeugnisse 
wider die Geltung des absteigenden Rhyihmus im deutschen Sprechtakt beibringt, gehören 
lediglich diesem Gebiet freier, wesentlich durch den Affect bestimmter Wahl an. Der 
Spielraum derselben ist schon im poetischen Metrum begreiflicher Weise viel größer als 
in der gewöhnlichen Sprache, und auf das musikalische Metrum übt der natürliche Sprech- 
takt schwerlich mehr einen merklichen Einfluss aus. Für die vorherrschende Bedeutung, 
die in dem normalen, von specifischen Affecteinflüssen und auf ihnen beruhenden ästhe- 
tischen Wirkungen unabhängigen Sprechtakt der absteigende Rhythmus besitzt, dürften 
übrigens die Versuche am Taktirapparat (s. unten Fig. 313; ein auffallender Beleg sein, 
nm so mehr, da sich hier bei Beobachtern deutscher Zunge jene absteigende Rhythmisi- 
ning ganz unwillkürlich und ohne Wissen der Versuchspersonen, ja am sichersten bei 
völliger Unaufmerksamkeit einstellt. 

2 Vgl. z. B. W. SciiERER. Poetik, 1888, S. 274. 



Entwicklung der Zeitvorstellnngen in den einzelnen Sinnesgebieten. 20 

sammenzufassen. Hierbei gestalten sich die Erscheinungen wiederunni 
dann besonders bemerkenswerth, wenn man nicht von vornherein irgend 
welche Takte in die gleichförmig ablaufenden objectiven Eindrücke hinein- 
hört, sondern wenn man sich auf das allgemeine Streben beschränkt, 
möglichst viele Eindrücke zu einem Ganzen zusammenzufassen. 
Dann stellt sich heraus, dass sich mit der Zunahme der Geschwindigkeit 
die Takte von selbst wechselnd gestalten. Bei dem langsamsten Tempo, 
das der Grenze entspricht, wo eben überhaupt noch eine Zusammen- 
fassung je zweier Eindrücke möglich ist, gelangt man nicht über die 
Monopodie des */g -Taktes. Bei etwas rascherer Folge erweitert sich 
dieser von selbst zu einem */^-Takt, indem je zwei der vorigen Ein- 
heiten zu einer Dipodie zusammentreten: 

"^ trtr rtrtr 

Dabei folgt jeder Dipodie eine deutlich wahrnehmbare Pause, auch wenn 
die objectiven Eindrücke keine solche zwischen sich haben, und zwischen 
den beiden Monopodien, aus denen sich jene zusammensetzt, liegt eben- 
falls eine etwas kürzere scheinbare Pause. Steigert man die Geschwin- 
digkeit abermals, so erweitert sich diese Form zu einem ^/^-Takt, in- 
dem noch ein dritter Fuß hinzutritt, und nun in der so entstandenen 
Tripodie drei Hebungsgrade mit nach ihnen abgestuften Pausen ein- 
ander folgen: 



~t!~\U U 'S 



Endlich bei noch größerer Geschwindigkeit entsteht die ebenfalls durch 
drei Hebungen ausgezeichnete, aber um einen weiteren Fuß vergrößerte 
Tetrapodie, der '*/^-Takt: 



-tr-niT-u^irt:- 



Nur in seltenen Fällen kommt dazu noch, als eine Erweiterung des letz- 
teren, ein ^/^-Takt, der aber dieselbe Zahl von Hebungen enthält, nämlich: 



Mit diesen Formen sind im wesentlichen die im musikalischen und poeti- 
schen Metrum häufiger vorkommenden zweitheiligen Taktarten erschöpft. 
Andere Taktformen , die noch angenommen werden, lassen sich auf die 



30 Zeitvorstellnngen. 

aufgezählten zurückführen, so der "/\ und '/,g auf den ""/g, der ^/^ auf 
den Y4» der Ya und */g auf den '/i-Takt; in allen diesen zweitheiligen 
Takten ist der '/g-Takt die Takteinheit. Indem mehrere solche Ein- 
heiten zu einem größeren Ganzen zusammentreten, stufen sich zugleich 
von selbst die Hebungen, welche die Gliederung des Taktes vermitteln, 
zunächst in zwei und dann in drei Grade ab. Bei diesem Punkte ist 
dann die Grenze erreicht, die nicht weiter überschritten wird. Das so 
sich ergebende Gesetz der dreistufigen Hebung scheint ein durch- 
aus allgemeingültiges zu sein. Schon die Angaben der antiken Rhyth- 
miker weisen auf dasselbe hin^; und nicht minder bestätigt es sich 
bei der Betrachtung der neueren Formen musikalischer und poetischer 
Metren'. Demnach handelt es sich hier augenscheinlich um eine That- 
sache, die mit zwei Eigenschaften des menschlichen Bewusstseins auf 
das engste zusammenhängt: erstens mit der Eigenschaft, intensive 
Gradabstufungen der Eindrücke nur in sehr beschränkter Anzahl deutlich 
zu sondern, und zv/eitens mit der andern, eine extensive zeitliche Reihe 
von Eindrücken nur bis zu einer gewissen Grenze zu einem einheitlichen 
Ganzen verbinden zu können. Zugleich zeigen die geschilderten Erschei- 
nungen, dass beide Eigenschaften wieder nahe mit einander verbunden 
sind, indem die intensive Unterscheidung das unentbehrliche Hülfsmittel 
der extensiven Zusammenfassung ist; daher diese genau bei dem Punkte 
versagt, wo zu einer weiteren Steigerung der extensiven Wahrnehmung 
eine die thatsächliche Unterscheidungsfähigkeit überschreitende Stufen- 
zahl erforderlich sein würde. Hier stehen daher diese Eigenschaften 
der Zeitvorstellungen in unmittelbarer Beziehung zu den später (in 



' Man vergleiche R. Westphals Zusammenstellung der kleinsten und größten Takte 
in den Rhythmengeschlechtern der Griechen, Griechische Rhythmik 3, 1883, S. 153. 
Westphal bezeichnet allerdings nicht die verschiedenen Betonungsgrade ; sie ergeben 
sich aber von selbst aus dem Zusammenhang. 

* Hauptmann (Die Natur der Harmonik und Metrik, 1853, S. 226 ff.) unterscheidet 
ein >zwei-, drei- und vierzeitiges Metrum«. Hier ist die Senkung des Tons mitgezählt, 
was drei Hebungen voraussetzt. Ebenso unterscheidet schon Aristoxenus (Westphal, 
a. a. O. S. 66 ff.) Takte mit zwei, drei und vier yp'Svot oder orjfjieTa. Dabei bedeutet 
das Semeion das Taktzeichen, das in der Erhebung der Hand bei Senkung des Tons (dem 
av«)), in der Abwärtsbewegung derselben 'dem y.d7ra) bei der Verstärkung des Tons be- 
stand: dies lässt wiederum auf drei Grade der Hebung schließen. H. Riemann hat 
allerdings sehr energisch dieser, wie er sie nennt, > schematischen Accenttheorie« Avider- 
sprochen (Musikalische Dynamik und Agogik, 1884, Elemente der musikalischen Aesthetik. 
1900, S. 138 f.); und wenn er mit diesem Widerspruch meint, dass die Unterschiede der 
rein dynamischen Betonung nicht die einzig ausschlaggebenden im musikalischen Rhyth- 
mus seien, so ist er damit sicherlich im Rechte, da, wie wir unten sehen werden 4 der 
Reichthum des musikalischen Rhythmus wesentlich darauf beruht, dass bei ihm die un- 
endlich mannigfaltiger abzustufenden qualitativen Klangunterschiede zu jenen dynamischen 
Momenten hinzutreten. Damm bewahrt aber doch für diese das Princip der drei Hebungs- 
stufen seine Geltung, der sich, da sie nun einmal in allgemeinen Eigenschaften des 
menschlichen Bewusstseins begründet ist, auch die Musik nicht entziehen kann. 



Entwicklung der Zeitvorstellungen in den einzelnen Sinnesgebieten. 



31 



Abschn. V) zu erörternden Thatsachen des Bewusstseinsumfangs über- 
haupt*. 

So lange man in der oben geschilderten Weise auf eine Reihe glei- 
cher und in gleichen Intervallen sich folgender Taktschläge nur in dem 
Bestreben hinhört, sie zusammenzufassen, so entstehen nun nie andere als 
die erwähnten zweitheiligen Takte. Die Dipodie in ihrer einfachen Form 
und in ihren durch das Gesetz der drei Hebungsstufen beschränkten Er- 
weiterungen, wie sie beim Tastsinn schon in den Gehbewegungen vor- 
gebildet ist, erscheint so auch im Gebiet des Gehörssinns immer als die 
nächste, natürlichste rh}^hmische Form. Sobald eine willkürliche Beein- 
flussung der Rhythmisirung oder, wie bei gewissen einfachen Tanzbe- 
wegungen, besonders dem Walzer, eine von abweichenden Schrittbewe- 
gungen ausgehende Wirkung hinzukommt, so entwickelt sich aber aus 
jenen zweitheiligen eine entsprechende Reihe dreitheiliger Taktformen. 
Auf diese Weise entspringt aus dem 78 ^^^ ^/s » ^"^ ^^^ ^U ^^^ ^/s 7 
aus dem Y4 der "/sj ^"^ ^^"^ V4 der ^/g-Takt: 



vstirrairhüT 



oder 



fj UJ\^ HS 



'/s 'cir in iLS~rtL!~u j iu 



Auch bei diesen Takten ist wieder die absteigende Bewegung die 
häufigste, die bei mäßiger Geschwindigkeit am leichtesten von selbst sich 



* Unter den oben angeführten Taktformen nähert sich schon der 6/4-Takt, der in 
gewissem Sinn auch bereits eine Zwischenform zwischen den zwei- und den d reitheiligen 
Takten bildet, der Grenze der Ueb ersichtlichkeit. Am Taktirapparat stellt er sich nie 
von selbst ein, wie gelegentlich noch der ^/4-Takt, sondern immer nur in Folge will- 
kürlichen Zusammenfassens. Zuweilen hat man auch einen ^/4-Takt angewandt. Dieser 
müsste, wenn er keine bloße Wiederholung des ^/^-Taktes sein sollte, folgende Accen- 
tnation besitzen: 



lT^-CT- 



d. h. es miissten vier Grade der Hebung unterschieden werden. Eine solche Taktforra 
lässt sich aber nicht mehr übersehen, und sie löst sich von selbst in ihre rhythmischen 
Bestandtheile auf, indem sie meist in drei ^/^-Takte zerfällt. 



2 2 Zeitvorstellungen. 

einstellt: so vor allem bei den einfachsten derselben, dem ^g" ^^^ Vs" 
oder Walzertakt. Doch können sich im Affect oder bei willkürlicher 
Abänderung der Betonung auch hier die Eindrücke zu aufsteigenden 
Rhythmen ordnen, die in diesem Fall in den beiden Formen 

• ••• • ^ » ••• • 

"ICrrLiT " 'IL I CLT 

möglich sind, indem sich hier in jeder einzelnen Gruppe schon deutlich 
zwei Grade der Hebung unterscheiden lassen, wobei im ersten Fall die 
zweite, schwächere Hebung eines Taktes gegenüber der folgenden stär- 
keren des nächsten im Sinne einer Senkung wirkt'. Demnach können 
wohl zwei unbetonte oder zwei ungleich betonte Eindrücke, niemals aber 
zwei gleich stark betonte auf einander folgen, sondern die starke Hebung 
fordert allezeit einen ihr vorangehenden schwächeren Eindruck als Vor- 
bereitung. Wie der Zwang zur Rhythmisirung objectiv gleichförmiger 
Eindrücke, und das die Grenzen der Taktformen beherrschende Gesetz 
der drei Hebungsstufen, so ist auch dieses Princip der Vorbereitung 
betonter Takttheile durch unbetonte offenbar in den nämlichen 
allgemeinen Bedingungen begründet, die schon in den rhythmischen 
Gliederungen der Geh- und der Athembewegungen ihre Wirkungen 
geltend machen. Mit diesen führen sie schließlich auf die regulatori- 
schen Wechselbeziehungen der Hemmungs- und Erregungsvorgänge des 
centralen Nervensystems zurück, auf denen der periodische Ablauf der 
Lebensvorgänge beruht. 

Alle diese Eigenschaften der durch den Gehörssinn vermittelten 
rhythmischen Zeitvorstellungen entspringen so schließlich aus den glei- 
chen allgemeinen Bedingungen, die uns bei den äußeren Körperbewegun- 
gen, vor allem bei den Gehbewegungen, begegnet sind. Dabei weisen 
aber doch zugleich die Taktirerscheinungen und die ihnen durchaus 
parallel gehenden Gesetze der musikalischen und poetischen Metrik auf 
selbständige Motive hin, die bei dem Gehörssinn zu jenen allgemeinen, 
in den Körperbewegungen vorgebildeten Bedingungen hinzutreten. Solche 
Motive liegen in der natürlichen ungleich reicheren Ausbildung dieses 
Sinnes im Vergleich mit den weit einförmigeren inneren Tastempfindun- 
gen, sowie in dem damit nahe zusammenhängenden Einfluss, den zuerst 
die Sprache, dann der Gesang und endlich, aus diesem hervorgehend, 
die musikalische Kunstübung auf die Ausbildung der rhythmischen For- 
men ausgeübt hat. Damit ist dann zugleich eine Erweiterung des Um- 
fangs und der Gliederung der Zeitvorstellungen verbunden, die in dem 

' Vgl. Westphal, a. a. O. S. 153. 



Entwicklung der Zeitvorstellungen in den einzelnen Sinnesgebieten. ^^ 

Umfang und der Gliederung der Taktformen ihren unmittelbaren Aus- 
druck findet. Denn alle jene Erscheinungen, die uns in der Begrenzung 
der Taktmaße, in dem Gesetz der drei Hebungsstufen und seinem Zu- 
sammenhang mit diesem Taktumfang, sowie in dem Auseinanderfallen 
künstlich gebildeter Formen von willkürlich erweitertem Umfang ent- 
gegentraten, — sie alle zeigen deutlich, dass diese Entwicklung des 
rhythmischen Bewusstseins durchaus zusammenfallt mit der Entwicklung 
des Zeitbewusstseins selbst, so dass unter allen Umständen der im Be- 
wusstsein unmittelbar noch als ein einheitliches Ganzes aufgefasste Takt 
auch den Umfang einer noch unmittelbar, also simultan im Bewusstsein 
gegebenen Zeitvorstellung bezeichnet. Dies schließt natürlich nicht aus, 
dass nicht unter Umständen mehrere solche von einander gesonderte 
Zeitvorstellungen gleichzeitig im Bewusstsein existiren könnten — bei 
den kürzeren Taktmaßen wird dies sogar stets vorauszusetzen sein — , 
es schließt aber aus, dass es einen einheitlichen Takt gebe, der selbst 
erst aus mehreren successiven Vorstellungen bestünde. In diesem Sinne 
bezeichnet daher der größte mögliche Takt den größten möglichen Um- 
fang einer unmittelbaren Zeitvorstellung. Hierin liegt zugleich das 
eminente psychologische Interesse begründet, das die Geschichte der 
Taktformen besitzt. Denn in ihr spiegelt sich eben die Entwicklung der 
unmittelbaren Zeitvorstellungen selbst, die, wenn nicht in höherem, doch 
jedenfalls in augenfälligerem Grade als andere Vorstellungen mit der ge- 
sammten geistigen Entwicklung des Menschen znsammenhängt. Hierfür 
ist der gewaltige Schritt von den an die primitiven Tastfunctionen ge- 
bundenen einfachen bis zu den aus einem verwickelten musikalischen 
Metrum hervorleuchtenden zusammengesetzten Zeitvorstellungen ebenso 
bezeichnend, wie die Entwicklung der Taktmaße selbst von den einfachsten 
Gesangs- und Tanztakten der Naturvölker bis zu den kunstvollen metri- 
schen Formen der Griechen. Bedeutsam bleibt es freilich nicht minder, 
dass immerhin auch hier die psychophysische Organisation des Menschen 
dieser Entwicklung der Zeitvorstellungen gewisse unüberschreitbare Gren- 
zen gesetzt hat, und dass in dieser Beziehung schon in den metrischen 
Formen der griechischen Musik eine seither nicht überschrittene und 
darum wohl auch überhaupt unüberschreitbare Grenze erreicht wurde. 
Namentlich in einer Beziehung ist der Sinn für den Aufbau rhythmi- 
scher Formen vielleicht eher zurückgegangen als fortgeschritten: in der 
kunstvollen Bindung verschiedener Takte zu complicirteren metrischen 
Gebilden*. Dies ist um so bemerkenswerther, als es von frühe an nicht 



' Vgl. Westphal, Griechische Rhythmik 3, S. i68 flf. Vor allem gehören hierher 
WuNDT, Grundrüge. III. 5. Aufl. j 



34 Zeit Vorstellungen. 

an Bestrebungen gefehlt hat, gerade im Interesse der kunstvollen Zu- 
sammenfassung sprachlicher und musikalischer Gebilde weiter und weiter 
zu dringen. Solche Versuche haben dann aber von selbst auf ein anderes 
Gebiet des Zeitbewusstseins hinübergeführt, das wir, im Gegensatze zu 
den unmittelbaren Zeitvorstellungen, deren jede als ein simultan im Be- 
wusstsein gegebenes Ganzes vorausgesetzt werden muss, das Gebiet des 
mittelbaren Zeitbewusstseins nennen können. Insofern dieses überall 
auf reproductiven Associations Vorgängen beruht, föUt die Untersuchung 
seiner allgemeineren psychologischen Bedingungen durchaus den später 
zu erörternden Erscheinungen des > Zeitgedächtnisses« zu. Immerhin sind 
die Grenzen, wo die unmittelbaren in solche mittelbare Zeitvorstellungen 
übergehen, nicht immer mit voller Sicherheit zu ziehen. Ueberdies zeigt 
aber die Art der Zusammenfassung der Eindrücke in diesem Fall Eigen- 
thümlichkeiten, die den Qiarakter der unmittelbaren Zeitvorstellungen als 
simultan gegebener Wahrnehmungsinhalte um so deutlicher hervortreten 
lassen. Sie erheischen daher mit Rücksicht auf diese Verhältnisse hier 
noch eine kurze Betrachtung. 

Schon die nächste dieser aus der Verbindung mehrerer Takte ent- 
stehenden zusammengesetzteren Einheiten, die rhythmische Reihe, 
trägt in der Regel deutlich Merkmale an sich, die auf die entschei- 
dende Mitwirkung von Erinnerungsacten bei ihrer Bildung hinweisen; 
und diese Merkmale successiver Associationen und Reproductionen stei- 
gern sich bei der weiteren Verbindung solcher Reihen zu rhythmischen 
Perioden. Die kleinste rhythmische Reihe besteht aus zwei Takten, 
die größte wird, wie die musikalische und die poetische Metrik überein- 
stimmend zeigen, in der Regel durch sechs Takte gebildet. In der 
Musik ist das Mittel zwischen diesen Extremen, die geradzahlige Reihe 
aus vier Takten, die gewöhnliche Form. Rhythmische Reihen, die über 
sechs Takte hinausgehen, lassen sich, namentlich wenn der einzelne Takt 
selbst schon eine zusammengesetztere Form hat, kaum mehr verbinden. 
Auch für die Periode (Strophe) ist wieder zwei die kleinste und zu- 



die fünf- und siebentheiligen Takte: so als einfachste Form der schon oben angeführte 
Vs-Takt: 

• • • • 

oder 



als verwickeitere der aus ^/^ und ^j^ zusammengesetzte ^/^-Takt: 



Entwicklang der Zeitvorstellungen in den einzelnen Sinnesgebieten. ^c 

gleich die gewöhnliche Zahl der Reihen, aus denen sie sich zusammen- 
setzt: die erste bildet den Vorder-, die zweite den Nachsatz. Seltener, 
fast nur in der poetischen Rhythmik, die hier bei ihrer sonstigen Ein- 
förmigkeit einen größeren Umfang zulässt, können drei, vier, selbst fünf 
Reihen verbunden werden \ Die Zahl einfacherer rhythmischer Gebilde, 
die in zusammengesetztere vereinigt werden können, nimmt demnach mit 
steigender Complication immer mehr ab. Während der Takt sehr wohl 
12 Intensitätswechsel des Klangs enthalten kann (wie im ^^/g-Takt), er- 
reicht die Reihe höchstens 6 Takte, die Periode 4, nur ausnahmsweise 
5 Reihen. In der Musik wird das in Takte, Reihen und Perioden ge- 
gliederte Ganze häufig mehrmals in größere Abschnitte oder Sätze ein- 
gefügt. Aber diesen Abschnitten fehlt die rhythmische Uebersichtlichkeit. 
Sie finden ihren Zusammenhang nicht in rhythmischen Motiven, sondern 
in der Melodie, die, indem sie die rhythmischen Momente mit solchen 
des qualitativen Klangwechsels verbindet, eine Reproduction voran- 
gegangener Vorstellungen innerhalb viel umfassenderer Grenzen möglich 
macht. 

Die von Takten zu Reihen, von Reihen zu Perioden fortschreitende 
rhythmische Eintheilung successiver Klangvorstellungen ermöglicht nun 
die zeitliche Zusammenfassung eines Ganzen, welches die Grenzen einer 
unmittelbaren Zeitvorstellung weit überschreiten kann. Die Reihe wird 
durch Takte, die Periode durch Reihen zusammengehalten: für sich 
würde jedes dieser größeren rhythmischen Gebilde aus einander fallen; 
und wie jedes nur eine begrenzte Größe erreichen kann, bis zu der es 
allein von unserer Zeitauffassung zu bewältigen ist, so findet der ganze 
rhythmische Aufbau seine Grenze hinwiederum in der Periode. Das 
rhythmische Element aber, auf das alle zusammengesetzten Bildungen 
zurückführen, bleibt der Takt, das einzige Object unmittelbarer 
Zeitvorstellung. Verbindet sich endlich mit der Intensitätsänderung 
zugleich ein Wechsel in der Qualität der Klänge, so ist damit die 
Grundlage der Melodie gegeben. Die melodische Bewegung, die sich 
der rhythmischen unterordnet, kann dabei an sich sowohl dem Gebiet 
der Constanten wie dem der variabeln Klangverwandtschaft ange- 
hören. Nur die letztere umfasst die eigentliche Melodie im musikalischen 
Sinne, die erstere entspricht den melodischen Bestandtheilen der sprach- 
lichen Formen, In der Sprache tritt aber der Trieb nach melodischen 



' Als Beispiel einer fünfgliedrigen Periode vgl. Goethes Kophthisches Lied (»Geh', 
gehorche meinen Winkenc u. s. w. Werke, Weimarer Ausg. Bd. i, S. 131). Eine fünfgliedrige 
Periode steht, wie dieses Beispiel zeigt, schon sehr hart an der Grenze, wo die Uebersicht- 
lichkeit aufhört. Vgl. Westphal, Theorie der neuhochdeutschen Metrik, 1870, und: 
AUgemeine Theorie der musikalischen Rhythmik seit J. S. Bach, 1880. 

3* 



36 Zeitvorstclltmgen. 

Klangverbindungen vor allem an den Stellen hervor, die auch in Folge 
der rhythmischen Gliederung dem Gehör intensiver sich aufdrängen. So 
entstehen Assonanz und Reim, von denen die erstere das ursprüng- 
lichere und allgemeinere, der letztere das spätere Hülfsmittel zu sein 
scheint, eine Entwicklung, die vielleicht mit den allmählich eintretenden 
Aenderungen in dem Tempo der Rede und in der Betonung zusammen- 
hängt. Die antike Rhythmik, die auf die Zeitdauer der Klänge ein 
größeres Gewicht legte, indem sie durchschnittlich zwei kurzen Silben 
eine lange äquivalent sein ließ, gewann damit ein strengeres Zeitmaß, 
zugleich aber, wegen der wechselseitigen Ersetzung der Kürzen und 
Längen nach ihrem Zeitwerth, eine freiere Bewegung innerhalb der ein- 
zelnen Takte. Hierdurch wurde dieses Zeitmaß dem der eigentlichen 
Melodie näher gerückt. In dieser erreicht, vermöge der freien Bewegung 
der musikalischen Klänge, die Vertretung derselben nach ihrem Zeitwerth 
den weitesten Umfang, der in der modernen Musik erst an den Grenzen 
unserer Auffassung, also bei einem Zeitwerth von etwa 730 See, seine 
Grenze findet \ Viel unbestimmter ist die längste Zeitdauer, die der ein- 
zelne Klang erreichen kann: sie hängt von dem Taktmaß der Melodie, 
mit dem unsere Fähigkeit einem ausdauernden Klang seinen richtigen 
Zeitwerth zuzumessen veränderlich ist, zum Theil aber auch von un- 
mittelbaren, die rhythmischen Rücksichten hintansetzenden Motiven der 
Klangwirkung ab'. Der Aufbau der Melodie innerhalb dieser freieren 
Zeitbewegung der Klänge wird dann ganz und gar durch die variable 
Klangverwandtschaft bestimmt. Ihr Einfluss macht sich hauptsächlich in 
den zwei Momenten geltend, dass das melodische Ganze mit einem und 
demselben Klang, der Tonica, anzuheben und wieder zu schließen 
pflegt, und dass in der Beziehung der rhythmischen Perioden zu ein- 
ander jede derselben auch in melodischer Beziehung ein Vorbild oder 
eine freie Wiederholung der zu ihr gehörenden folgenden oder voran- 
gehenden ist. In dem Ausgang von einem Grundton und in der Rück- 
kehr zu ihm liegt eine gewisse Verwandtschaft mit Assonanz und Reim, 
die ebenfalls durch die Wiederholung eines Klangs den rhythmischen 
Eindruck verstärken. Aber beide stehen zu dem rhythmischen Ganzen 
in keiner innern Beziehung, daher sie auch fortwährend wechseln können 
und nur die einzelnen rhythmischen Reihen von einander sondern. Die 
Tonica dagegen beherrscht die ganze Klangbewegung der Melodie, so 
dass in dieser jede rhythmische Reihe und Periode entweder mit der 



' Siehe oben Bd. 2, Cap. X, S. 106. 

* Das merkwürdigste Beispiel der letzteren Art ist wohl der die Grenzen alles Zeit- 
maßes weit überschreitende Orgelpunkt in Es-Dur, mit dem Richard Wagners Nibelun- 
gen beginnen. 



Entwicklung der Zeitvorstellungen in den einzelnen Sinnesgebieten. 77 

Tonica selbst oder mit einem ihr verwandten Klang beginnt oder ab- 
schließt. Nächst der Tonica kommt dann zugleich den nach den Ge- 
setzen der variabeln Klangverwandtschaft ihr nächststehenden Klängen, 
der über und unter ihr gelegenen Quinte, der Ober- und Unterdomi- 
nante, im Fortgang der Melodie eine herrschende Rolle zu\ Durch 
alle diese rhythmischen Klangwiederholungen verstärkt sich wesentlich 
die Zeitanschauung, welche die zusammengesetzteren Bestandtheile des 
Rhythmus überhaupt nur dadurch zu umfassen vermag, dass sich die- 
selben mit einem melodischen Inhalte füllen, während die bloße Hebung 
und Senkung der Klangintensität bloß zum Ueberblick des einzelnen 
Taktes ausreicht. Darum bleibt die Rhythmik der Körperbewegungen 
im allgemeinen auf den Takt und seine einfache Reproduction be- 
schränkt. Eine weiter gehende Gliederung wird erst auf dem Boden 
der Klangverwandtschaft möglich; und in dem Maße als das Gebiet der 
letzteren die deutlich unterscheidbaren Intensitätsabstufungen der Empfin- 
dung an Ausdehnung übertrifft, wird es zugleich fähig, größere Reihen 
auf einander folgender Vorstellungen in Zusammenhang zu bringen. Da- 
mit verwandeln sich dann aber stets zugleich die unmittelbaren Zeitvor- 
stellungen in reproductive Erscheinungen. 

Für die Untersuchung der oben erörterten zeitlichen Eigenschaften der 
Gehörsvorstellungen , namentlich der unwillkürlichen Rhythmisirungen , sind 
Taktirapparate ein unentbehrliches Hülfsmittel. Für viele Zwecke reicht 
als ein solcher das gewöhnliche MÄLZEL'sche Metronom aus. Doch hat man 
bei der Wahl des Instrumentes darauf zu sehen, dass der objective Unter- 
schied der Taktschläge möglichst klein sei , was dann der Fall ist , wenn er 
sich ohne Schwierigkeit durch entgegengesetzte subjective Betonung scheinbar 
umkehren lässt. Für exactere Versuche ist es jedoch theils wegen des an- 
geführten Mangels theils wegen der zu engen Geschwindigkeitsgrenzen nicht 
zu empfehlen. Dann kann man sich entweder der später (Abschn. V) zu 
beschreibenden »Zeitsinnapparate« oder des in Fig. 313 abgebildeten Taktir- 
apparates bedienen. Derselbe besteht aus einem in ein Gehäuse einge- 
schlossenen möglichst geräuschlos gehenden Gewichtsuhrwerk U, das ohne 
Unterbrechung des Gangs bei c aufzuziehen ist, uncj das bei d momentan 
arretirt werden kann. Dieses Uhrwerk bewegt eine stähteme Walze W^ die 
sich zwischen Spitzen mit gleichförmiger Geschwindigkeit dreht. Sie trägt 
in zwölf auf einander folgenden Kreisen kleine Stahlspitzen, die in jedem 
Kreisumfang in gleichen Abständen stehen, so aber dass diese von rechts 
nach links immer kleiner werden. So kommt im ersten Kreis auf den ganzen 



' Die Analogie der poetischen und der musikalischen Klangwiederholung wird voll- 
ständiger, wenn in dem poetischen Kunstwerk Assonanzen oder Reime von Anfang bis 
zu Ende übereinstimmen. Dadurch gewinnen das Ghasel und andere auf Klangwieder- 
holung gegründete Formen der orientalischen Poesie eine unverkennbare Aehnlichkeit mit 
der musikalischen Melodie. 



38 



ZeitTonteUimgeii. 



Umfang nur eine Spitze, während im letzten deren \ierzig stehen. In den 
zwischen! inenden finden sich die verschiedenen Abstufungen zwischen diesen 
äußersten Grenzen. Parallel der Achse der Walze läuft femer der cylindri- 
sche Stahlstab rr, auf dem die vom etwas nach unten gebogene Messing- 
feder l h mit einer Hülse derart verschoben werden kann, dass sie in die 
kleinen Löcher, die sich an den den Stiftkreisen entsprechenden Stellen 
einer Stahlleiste s s' befinden , mittelst eines kleinen Zapfens federnd ein- 
greift Indem das vordere umgebogene Ende der Feder l h die Stifte der 
Walze W während der kurzen Zeit des Vorübergangs berührt, öfinet und 




f^>g- 3 '3- Taktirapparat. 



schließt es rasch nach einander jedesmal einen Strom, der von einem Accumu- 
lator K aus durch a in die Walze geleitet wird, um dann durch /// und den 
Stahlstab rr über b und den Taktirhammer H z\x K zurückzukehren. Da 
die Walze in 4 See. eine Umdrehung macht, so folgt demnach, wenn die 
Feder in den ersten Kreis eingreift, nur alle 4 Secunden ein vorübergehen- 
der Stromschluss. Bei dem zweiten Kreis geschieht dies in Pausen von je 2, 
bei dem dritten, vierten in solchen von '7i3' ^ ^^^- ^- ^- ^^-j endlich beim 
zwölften von Yio ^^c. Dabei ist natürlich diese Intervalltheilung etwas von 
der Bedingung des gleichen Abstandes auf der Kreisperipherie abhängig. Auf 
der Scale //, an welcher der am hinteren Ende der Feder /// befindliche 
Zeiger hinläuft, sind die jeder Stellung entsprechenden Inter\'alle angegeben. 
Der eigentliche Taktirapparat, der durch diese in gleichförmige Umdrehung 
versetzte Contactwalze in Function tritt, wird nun durch den kleinen elektro- 



Complicationen der Zeitvorstellungen. ^g 

magnetischen Schallhammer H gebildet, dessen auf eine Stahlunterlage auf- 
schlagender Kopf k durch den verstellbaren Widerhalt w, durch die Feder / 
sowie durch das kleine Laufgewicht g auf die geeignete Amplitude und Schall- 
intensität eingestellt werden kann. Für exactere Versuche stellt man am zweck- 
mäßigsten den Schallhammer in einem andern Raum auf als das Uhrwerk mit 
dem Contactapparat, damit der den Taktirungen des Hammers folgende Be- 
obachter durch die Geräusche jener Hülfsapparate nicht gestört wird. Bei 
sorgfaltiger Einstellung der Feder Ih und des Hammers H sind die Takt- 
schläge bei den verschiedensten Geschwindigkeiten von 4 See. bis zu 7xo See. 
Intervall vollkommen gleichförmig, und es lassen sich so an dem Apparat 
die sämmtlichen oben geschilderten Erscheinungen leicht zur Wahrnehmung 
bringen. Ebenso können einige der im Folgenden zu erwähnenden 2^it- 
täuschungen mittelst geeigneter Modificationen der Versuchsanordnung an 
dem Apparat beobachtet werden. Zur Erzeugung einer dieser Erscheinungen, 
nämlich des Eindrucks, den durch mehrfache Taktschläge ausgefüllte Zeiten 
im Vergleich mit imausgefüUten erzeugen, sind links von den zwölf zu den 
gewöhnlichen Taktirversuchen dienenden Kreisen noch einige andere, speciell 
für diesen Zweck bestimmte angebracht, bei denen nur ein Theil der Peripherie 
mit Contactstiften ausgefüllt ist. (Vgl. unten S.57.) 



2. Complicationen der Zeitvorstellungen. 

Bezeichnet man nach dem Vorgang von Herbart als »Compli- 
cationen« die Verbindungen zwischen Vorstellungen verschiedener Sinnes- 
gebiete*, so lassen sich nun weiterhin auch die Wechselbeziehungen, 
die zwischen den Zeitvorstellungen des Tast-, Gehörs- und Gesichts- 
sinnes vorkommen, als »Complicationen der Zeitvorstellungen« zusammen- 
fassen. Die verstärkenden Wirkungen, die bei solchen Complicationen 
einander regelmäßig begleitende Eindrücke ausüben, sind im allgemeinen 
bekannt. Sie geben sich deutlich genug in der unwillkürlichen Ergän- 
zung rhythmischer Schalleindrücke durch Taktbewegungen zu erkennen, 
wobei die letzteren wesentlich als Reize für die Erregung rhythmischer 
Tastempfindungen aufzufassen sind; ebenso umgekehrt in der Verstär- 
kung der rhythmischen Bewegungen und Bewegungsempfindungen beim 
Marsch, beim Tanz sowie bei den verschiedensten mechanischen Ar- 
beiten durch Schallerregungen von übereinstimmendem Rhythmus. Auch 
der Gesichtssinn ist an dieser Verstärkung durch combinirte Thätigkeit 
nicht ganz unbetheiligt. Wie der Taktirstock des Dirigenten das Zu- 
sammenspiel des Orchesters lenkt, so übt bei gemeinsamer mechanischer 
Arbeit oder bei den Bewegungen des Tanzes das Gesichtsbild der rhyth- 
mischen Bewegungen vielfach eine den Rhythmus der Schall- und Tast- 
eindrücke unterstützende Wirkung aus. 

' Ueber die Complicationen als eine besondere Form der Associationen vgl. unten 
Abschn. V, Cap. XIX. 



40 Zeitvorstellungen. 

So unzweifelhaft nun aber dieses Zusammenwirken der verschie- 
denen Sinne ist, so schwierig kann es bisweilen sein, zu entscheiden, 
von welchem Sinnesgebiet der ursprüngliche rhythmische Impuls ausgeht. 
Auch, können in diesem Fall sehr leicht Action und Reaction derart in 
einander greifen, dass der zuerst secundäre Bestandtheil einer solchen 
Complication allmählich in den Vordergrund treten und dadurch die 
ursprünglichere Vorstellungsform wesentlich umgestalten kann. So haben 
wir allen Grund, in den Gehbewegungen den natürlichen Ausgangspunkt 
rhythmischer Wahrnehmungen und damit der Zeitvorstellungen über- 
haupt zu sehen. Aber nachdem in einer sehr frühen Zeit schon die 
Gehörsvorstellungen zu einer selbständigen Quelle mannigfaltiger Rhythmen 
geworden sind, haben diese ihrerseits wieder auf die Rhythmisirung der 
Körperbewegungen zurückgewirkt. Da schon der primitive Tanz nie 
ohne Musik- oder sonstige taktirende Schallbegleitung vorkommt, so 
erscheint es nicht unwahrscheinlich, dass er unter dem Einfluss der 
Sprache und anderer rhythmischer Schalleindrücke aus den Gehbewe- 
gungen hervorgegangen sei. Den Tanzbewegungen passen sich dann 
aber wiederum die begleitenden Schallerzeugungen an. Von einem abso- 
luten vorher und nachher kann darum hier kaum die Rede sein, son- 
dern die Wechselbeziehungen verschlingen sich so enge, dass es wahr- 
scheinlich nicht eine einzige Erscheinung gibt, die nicht von Anfang an 
Spuren dieses gemeinsamen Ursprungs schon an sich trüge. Deutlich 
tritt dies insbesondere auch bei jenen Verbindungen von Klang- und 
Bewegungsrhythmen hervor, die, wie K. BCCHER gezeigt hat, in der 
menschlichen Arbeit ihre Quelle haben\ Die Arbeitslieder, die die 
Arbeit an der Handmühle, das Weben, Flechten und andere Handwerke, 
das Tragen und Heben von Lasten, das Ziehen, Schieben und Rudern 
begleiten, sie zeigen in ihrem Rhythmus um so deutlicher das Gepräge 
der mechanischen Bedingungen, je unabänderlicher diese aus der Natur 
der Arbeit hervorgehen; und sie bewegen sich um so freier, je mehr 
der Bewegung selbst ein willkürlicher Spielraum gelassen ist. Diesem 
Ineinandergreifen der Wirkungen entspricht es denn auch durchaus, dass 
im allgemeinen überall da, wo mechanische Arbeit von selbst zu regel- 
mäßiger Wiederholung drängt oder wenigstens leicht eine rhythmische 
Wiederholung zulässt, eine solche rhythmische Begleitung die Arbeit 
quantitativ und, sofern nur die aufeinanderfolgenden Bewegungsacte eine 
gewisse Gleichförmigkeit bedingen, auch qualitativ zu einer exacteren 
macht*. 

' K. BÜCHER, Arbeit und Rhythmus 3. 1902. 

» M. K. Smith, Rhythmus und Arbeit, Philos. Stud. Bd. 16, 1900, S. 71 ff. Pädago- 
gisch bemerkenswerth ist es, dass zu den durch taktförmige Ausführung qualitativ gewin- 



Complicationen der Zeitvorstellangen. ^j 

Als die allgemein menschlichen Formen rhythmischer Körper- 
bewegungen, die sich mit entsprechenden Gehörs- und zuweilen auch 
mit rhythmisch geordneten Gesichtsvorstellungen verbinden , können 
hiernach der Marsch, die gleichförmige mechanische Arbeit und 
der Tanz unterschieden werden. Unter ihnen steht der Marsch dem 
Ursprung rh5^hmischer Zeitvorstellungen am nächsten. Ist er doch von 
Anfang an nichts anderes als eine strenger geregelte, von einer größeren 
Anzahl Einzelner in übereinstimmendem Tempo ausgeführte natürliche 
Gehbewegung. Die Schallbegleitung, sei es durch die eigene Stimme, 
sei es durch Lärm- und auf einer weiteren Stufe durch Musikinstru- 
mente, erfolgt hier unter dem doppelten Motiv der Erleichterung der 
individuellen Bewegung durch die mit den Gehörseindrücken verbundene 
exactere Rhythmisirung und der Uebereinstimmung der Einzelnen in 
ihren Bewegungen. Dem gegenüber erscheint die rhythmisch ausge- 
führte mechanische Arbeit als eine Weiterbildung und Uebertragung 
regelmäßig geordneter Bewegungen von den zu solchen in erster Linie 
beanlagten Gehwerkzeugen auf andere Organe und auf andere Formen 
der Bewegung. Hierzu treten aber in vielen Fällen zugleich objective 
Bedingungen, die ein taktmäßiges Arbeiten fordern und dann in der 
Regel die Art des Rhythmus der Bewegungen mitbestimmen. So be- 
dürfen die Arbeiter, die gemeinsam schwere Lasten heben, emporziehen 
oder fortschieben, die Ruderer, die das Fahrzeug lenken, des Gleich- 
takts, um den günstigsten Effect zu erzielen; und zugleich wird durch die 
Größe der aufzuwendenden Energie bis zu einem gewissen Grade das 
Tempo bestimmt. Ist die Arbeit eine mehr individuelle, wie die des 
Spinnens, Webens, Schmiedens u. s. w., so fällt derjenige Theil der 
objectiven Bedingungen hinweg, der aus dem Bedürfniss gemeinsamer 
Regulirung der Leistungen hervorgeht; die rhythmische Bewegung wird 
daher nun eine freiere, mehr von der wechselnden Stimmung des Arbei- 
tenden selbst abhängige. Nichts desto weniger bewahrt die Art der 
Arbeit in gewissem Grade immer ihren regulirenden Einfluss, und wo 
der Arbeitseffect selbst mit Geräuschbildung verbunden ist, da gewinnt 
das in angemessenem Tempo die äußeren Bewegungen begleitende 
Arbeitslied in onomatopoetischen Wort- und interjectionalen Refrain- 
bildungen einen imitativen Charakter, — ein sprechendes Zeugniss 
für das hier obwaltende Zusammenwirken subjectiver und objectiver 
Motive*. 

nenden Formen mechanischer Arbeit insbesondere auch das Schreiben gehört. Außerdem 
ist es aber begreiflich, dass sich dieser arbeitfördernde Einfluss in sein Gegentheil ver- 
wandeln kann, wenn die äußeren Bedingungen der Gleichförmigkeit der sich wiederholen- 
den Bewegungen nicht erfüllt sind. 
* BÜCHER, a. a. O. S. 57 ff. 



4 2 Zeitvorstellungen. 

Noch anders verhält sich die dritte dieser rhythmischen Bewegungs- 
weisen, der Tanz. Sein Ursprung ist unter allen diesen Formen am 
meisten in Dunkel gehüllt'. Denn früher und weit mehr als die voran- 
gehenden Formen rhythmischer Beweg^ung ist diese zum reinen, bloß 
der Aeußerung mannigfacher, namentlich freudiger AfTecte dienenden 
Spiel geworden. Daraus zu schließen, dass der Tanz von Anfang an 
diesen Zweck gehabt habe, scheint freilich um so weniger gerechtfertigt, 
als uns bei primitiven Völkern überall zwei Formen des Tanzes be- 
gegnen, denen jedenfalls ursprünglich eine ernstere Bedeutung zukommt: 
der Culttanz und der Kriegertanz, von denen der letztere wahr- 
scheinlich zunächst nur eine Abart des ersteren ist, in die Classe jener 
Culthandlungen gehörend, die bei vielen Völkern den Beginn und das 
glückliche Ende kriegerischer Unternehmungen begleiten, und deren 
Reste sich noch bei den heutigen Culturvölkern erhalten haben. Nach 
dem allgemeinen Princip, dass, wo eine Sitte gleichzeitig als eine auf 
bestimmte Lebenszwecke gerichtete Handlung und als eine nur dem 
augenblicklichen Vergnügen dienende spielende Beschäftigung vorkommt^ 
der ernste Zweck das frühere, die spielende Nachahmung das spätere 
sei, werden wir darum in dem Culttanz den Ursprung des Tanzes 
überhaupt vermuthen dürfen. Hierdurch liegt er wieder näher als die 
andern Ausgangspunkte rhythmischer Körperbewegung den Anfangen 
der Dichtkunst und der Musik. Darum ist aber auch diese Form wahr- 
scheinlich in höherem Grade von dem Einfluss rhythmischer Schall- 
eindrücke abhängig. So gestaltet sich denn im allgemeinen bei den 
drei genannten Ursprungsformen des rhythmischen Zeitbewusstseins das 
Verhältniss zu den vom Gehörssinn ausgehenden rhythmischen Motiven 
so, dass bei dem Marsch die Körperbewegung das primäre Moment 
bildet, nach dem sich die Taktbewegung der begleitenden Gehörsein- 
drücke regelt, und dass dann bei den mannigfachen Formen rhythmischer 
Arbeit ein mehr veränderliches, bald von der Arbeit selbst gefordertes, 
bald freieres, den Einflüssen des musikalischen Rhythmus bereits einen 
weiteren Spielraum gewährendes Verhältniss eintritt, bis endlich beim 
Tanz die Körperbewegung im weitesten Umfange den musikalischen Mo- 
tiven folgt, um allein an der mechanischen Möglichkeit der Bewegungen 
gewisse Grenzen zu finden, über die nur der rein auf Gehörseindrücke 
sich beschränkende rhythmische Eindruck noch hinausgehen kann. 
Demnach bildet die Reihenfolge >Gang — Marsch — rhythmisirte Arbeit — 
Tanz — musikalischer Takt< eine Stufenfolge, die mit den hauptsäch- 
lichsten Entwicklungsmomenten der rhythmischen Zeitvorstellungen auch 

' Vgl. die Uebersicht der hierher gehörenden ethnologischen Thatsachen bei H. 
ScHURTZ, Urgeschichte der Cultur, 1900, S. 498 ff. 



Complicationen der Zeitvorstellungen. 47 

den allmählichen Uebergang der entscheidenden Empfindungsbestand- 
theile dieser Vorstellungen vom Tastsinn auf den Gehörssinn andeutet. 
Ein wichtiges, besonders über die mittleren Stufen dieser Entwicklung 
übergreifendes und sie verbindendes Zwischenglied bilden hierbei die 
rhythmischen Lautbildungen der Sprache. Als Articulations- 
bevvegungen gehören sie zu den rhythmischen Functionen des Tastsinns, 
als Lautbildungen reichen sie in die musikalische Rhythmik hinüber. So 
sind denn auch Marschlied, Arbeitslied, Tanzlied, alle drei ursprünglich 
vereinigt im Cultlied, die Formen, aus denen sich die specifisch musi- 
kalische Rhythmik entwickelt hat. Dabei hat die Rhythmik der Sprache 
auch insofern eine vermittelnde Stellung, als sie gegenüber den voran- 
gehenden schwerfälligeren Körperbewegungen mannigfaltigeren Wechsel 
und gesteigerte Geschwindigkeit der Bewegung gestattet, so dass sich 
dann an sie als letzte Stufe die in allen diesen Beziehungen freieste 
Rhythmik, die rein musikalische, unmittelbar anschließt, als diejenige, 
die nur an den zeitlichen Bedingungen des Tonmaterials und seiner 
instrumentellen Erzeugung ihre Grenzen findet*. 

Unter den genannten Formen rhythmischer Bewegung bildet nun 
der Tanz auch noch deshalb eine besonders bedeutsame Zwischenstufe, 
weil bei ihm mehr als bei irgend einer andern dieser natürlichen Ent- 
wicklungsformen ein dritter Sinn, der Gesichtssinn, in die Compli- 
cation der Vorstellungen eingreift und die ästhetische Gesammtwirkung 
des Ganzen verstärkt. Diese bevorzugte Rolle, die der Tanz als beinahe 
ausschließliche Form der Erzeugung rhythmischer Gesichtsvorstellungen 
übernimmt, ist aber wesentlich dadurch bedingt, dass er unter den rhyth- 
mischen Körperbewegungen einerseits eine reichere rhythmische Gliede- 
rung zulässt als der in den einförmigen Takt der Doppelschritte ein- 
geengte Marsch, und dass er sich anderseits in der Geschwindigkeit der 
Bewegungen den Bedingungen anpassen kann, die das Auge durch die 
lange Nachdauer seiner Empfindungen der Ausbildung rhythmischer 
Gesichtsvorstellungen entgegenbringt. Diese lange Nachdauer, durch 
die sich die Licht- von der Schallempfindung so wesentlich unterscheidet, 
legt den rhythmischen Gesichtsbildern die Beschränkung auf, dass die 
verschiedenen Phasen einer Bewegung mit der erforderlichen Langsam- 
keit verlaufen und einander ablösen müssen, um einen rhythmischen Ein- 
druck hervorzubringen, der zugleich mit einer deutlichen Auffassung der 



* Auf Betrachtungen, die sich mit den obigen nahe berühren, beruht augenschein- 
lich die von Franz Saran (Die Jenaer Liederhandschrift, Bd. 2, 1901, S. 102 f.) vorge- 
schlagene Eintheilung des Rhythmus in die drei Formen des orchestischen (gehen, 
hüpfen und andere Körperbewegungen), des sprachlichen und des melischen (rein 
musikalisch-instrumentellen). Dass diese Formen vielfach mit einander gemischt sind, 
hebt übrigens auch Saran hervor. 



44 Zcitvorstellungeii. 

Zeit\'erhältnisse der Bewegungsphasen verbunden ist Man überzeugt sich 
hiervon am besten am Stroboskop (Bd. 2, Fig. 281, S. 581), welches die 
rhythmischen Eindrücke auf das Auge ohne die sonst bei rh3^mischen 
Bewegungen vorkommenden Schallbegleitungen zu beobachten gestattet. 
Wählt man hier ein stroboskopisches Object, das die verschiedenen 
Acte einer rhythmischen Bewegung in angemessenen Abständen zur 
Darstellung bringt, so gewinnt man schon bei den langsamsten , eben 
noch die Bewegungsvorstellung vermittelnden Umdrehungsgeschwindig- 
keiten einen rhythmischen Eindruck. Dieser steigert sich zunächst bei 
Zunahme der Geschwindigkeit. Er wird am deutlichsten, wenn die 
Bilder in einem Wechsel von annähernd 1 See. einander ablösen. Bei 
größerer Steigerung vermindert sich wieder der rhythmische Eindruck, 
und schließlich hört er ganz auf, während zugleich die successiven Reize 
in ein undeutliches und verwaschenes Bild zusammenfließen. Das näm- 
liche bestätigt sich auch bei der Beobachtung der verschiedenen Formen 
des Tanzes. Unsere heute üblichen Tanzarten, Walzer, Galopp u. dergl., 
bereiten bekanntlich dem Zuschauer kein sonderliches Vergnügen, abge- 
sehen etwa von der begleitenden Musik, deren Rhythmus allein deutlich 
wahrnehmbar ist, während man von den Bewegungen der Tanzenden 
meist nur den Eindruck einer sehr schnellen und bei genauerer Ver- 
folgung etwas schwindelerregenden Bewegung hat. Das ist ganz anders 
bei den langsamen Reigentänzen, die, mit Grazie ausgeführt, für sich 
allein schon, ohne begleitende Musik einen rhythmischen Eindruck machen 
können, wie denn z. B. auch Taubstumme sich am Anblick solcher 
Tänze erfreuen. Darum gestattet sich selbst das moderne Ballet nur an 
einzelnen Stellen eine die Grenze dieser Rhythmik des Auges über- 
schreitende Geschwindigkeit. Im ganzen aber hält es doch die Schranken 
ein, die durch diese Eigenthümlichkeit des Gesichtssinnes gefordert sind. 
So werden die Bedingungen für die Aufeinanderfolge der Eindrücke, 
bei der eine wirksame Entstehung rhythmischer Zeitvorstellungen mög- 
lich ist, wesentlich durch das gleichzeitige Zusammenwirken der Sinne 
bestimmt. Zwischen den weitesten Grenzen bewegt sich hier das 
Tempo der Takte, so lange der Gehörssinn allein bleibt, was freilich 
auf die Dauer kaum möglich ist, da wir mit leisen Tastbewegungen 
stets den gehörten Rhythmus begleiten. Die Association rhythmischer 
Schall- und Tastempfindungen bestimmt daher zunächst, und zwar durch 
den im ganzen auf längere Intervalle angewiesenen Tastsinn, die Ein- 
wirkungsweise der rhythmischen Reize. Am meisten eingeengt wer- 
den diese, wenn auch noch der Gesichtssinn als dritter zu den vorigen 
hinzutritt. Um so intensiver verstärken sich in diesem Fall die Ein- 
drücke in ihren Gefühlswirkungen, und hierdurch schon würden sie 



Die Zeitschwellen. 45 

vielleicht eine gewisse Beschränkung der Geschwindigkeit bedingen, wenn 
diese ihnen nicht durch die Eigenschaften der Gesichtsempfindung schon 
vorgezeichnet wäre. Jedenfalls aber werden dadurch sehr langsame 
Folgen von Bewegungen noch rhythmisch wirksam, die bei den rasch 
verlaufenden Eindrücken des Gehörs allein bereits jenseits der erträg- 
lichen Grenzen liegen. 



3. Die Zeitschwellen. 

a. Absolute Zeitschwellen. 

Wie auf die räumlichen Wahrnehmungen, so kann auch auf die 
zeitlichen der Begriff der »Schwelle« in jenem allgemeinen Sinne über- 
tragen werden, in welchem er zunächst im Gebiet der Intensität und 
Qualität der Empfindungen eingeführt worden ist\ Behält man den 
in diesem Fall wegen der Analogie dieser Vorstellungsschwellen mit den 
Empfindungsschwellen wohl am ehesten zulässigen Ausdruck »Zeitsinn« 
bei, so können demnach auch hier eine der Reizschwelle der Empfin- 
dungen vergleichbare absolute Schwelle des Zeitsinnes und eine 
Unterschiedsschwelle desselben einander gegenübergestellt werden. 
Als absolute Zeitschwelle werden wir dann diejenige Zeitgröße eines 
Reizes bezeichnen, die eben noch als ein bestimmter Zeitwerth wahr- 
genommen wird, als Unterschiedsschwelle denjenigen kleinsten Unter- 
schied zweier Zeiten, bei dem diese als ebenmerklich verschiedene 
aufgefasst werden. 

Unter diesen Größen kann nun die absolute Zeitschwelle wieder 
in verschiedenen Bedeutungen verstanden werden, je nach den Gesichts- 
punkten, von denen man bei der Definition dieses Schwellenbegriffs 
ausgeht. So lässt sich im Zusammenhang mit den Schwellenbeg^ffen 
der reinen Empfindung die »Zeitschwelle des Reizes« als diejenige 
kleinste Reizdauer bestimmen, die erforderlich ist, um eine Empfindung 
zu erzeugen. Eine solche Zeitschwelle ist uns früher namentlich im Ge- 
biet der »Tonschwellen« begegnet, als die kleinste Zahl von Schwin- 
gungen, die eben noch entweder als Ton oder, bei einer engeren Fassung 
des Begriffs, als Ton von bestimmter Höhe empfunden wird-. Hiervon 
unterscheidet sich nun die eigentliche Zeitschwelle dadurch, dass 
sie sich nicht auf die Empfindung, sondern auf die Zeitvorstellung 
bezieht, indem sie den kleinsten Zeitwerth bedeutet, der noch als Zeit 



^ Vgl. Bd. I, S. 468, und Bd. 2, S. 48 ff. 
» Vgl. oben Bd. 2, S. 89 ff. 



46 Zeitvorstellungen. 

wahrgenommen werden kann. Damit erst tritt dieser Begriff in Parallele 
zur Raumschwelle des Tast- und des Gesichtssinnes. Auf die Größe 
dieser Zeitschwelle haben denn auch, nicht minder wie auf die der 
Raumschwelle, physiologische Momente einen wesentlichen Einfluss. 
Bestehen diese dort in der räumlichen Ausbreitung der Sinnesnerven- 
endigungen, so entspringen sie hier aus dem zeitlichen Verlauf der 
Sinneserregungen. Die Hauptunterschiede dieses Verlaufs sind wiederum 
so sehr an die Eigenschaften der Sinnessubstanzen gebunden, dass sie 
uns oben bereits als nächste äußere Merkmale bei der Sonderung der 
Sinneswerkzeuge in die beiden Classen der »mechanischen« und der 
»chemischen Sinne« dienen konnten \ Die folgende Übersicht enthält 
die dort nach den Versuchen von MACH angeführten nebst den von 
einigen weiteren Beobachtern ermittelten Werthen der Zeitschwellen in 
Tausendtheilen einer See. Dabei sind die nur für Gehör und Gesicht 
ausgeführten Bestimmungen von S. ExNER ' und E. M. We\TER ^ für den 
Tastsinn nach den Versuchen von W. Preyer^ ergänzt. 

Abgerundete 
Mach Preyer Exner Weyer Mittelwerthe 

2.0 1,7— 5,5 16—2 

27—36 27 

44 42,6—52,8 43 

Die Schwellen für den Gesichtssinn beziehen sich in allen Beobachtungen 
auf Tagesadaptation. Bei Dunkeladaptation fand sie Weyer für die- 
selben Reize (zwischen Spitzen überspringende Funken) ungefähr doppelt 
so groß (75,8 — 105,9). Ebenso fand er, dass die Funken, bevor sie 
deutlich getrennt erschienen, als Flimmern eines scheinbar einzigen 
Funkens wahrgenommen wurden. Auch hieraus geht hervor, dass die 
Zeitschwelle in erster Linie durch die physiologischen Eigenschaften der 
Sinnesorgane bedingt ist. Immerhin wird man sie, so gut wie die Raum- 
schwelle, als eine psychophysische Größe betrachten dürfen, da die Auf- 
fassung der Eindrücke als einer Succession doch zugleich eine psychische 
Thatsache in sich schließt. Dem entspricht denn auch die Beobachtung, 
dass gesteigerte Aufmerksamkeit und Uebung verändernd auf die Schwelle 
einwirken. Diese psychischen Momente werden aber vollends die aus- 
schließlich bestimmenden, sobald man den Begriff der Schwelle auch 
auf die zeitliche Unterscheidung von Eindrücken verschiedener Sinne, 

^ Bd. I, s. 366 f. 

* Exner, Pflügers Archiv, Bd. 11, 1875, S. 403 ff. 

3 E. M. Weyer, PhUos. Stiid. Bd. 15, 1899, S. 67 ff. 

^ W. Preyer, Die Grenzen des Empfindungsvermögens und des Willens, 1868. 



Gehör 


16,0 


Getast 


27J 


Gesicht 


47.0 



Die Zeitschwellen. 



47 



z. B. von Auge und Ohr, anwendet. Die hier sich bietenden Erschei- 
nungen werden wir bei den »Zeitverschiebungen« näher kennen lernen. 
(Vgl. unten 4, c.) 

b. Unterschiedsschwellen. 

Mehr als die absolute Zeitschwelle besitzt auch hier die Unter- 
schiedsschwelle einen wesentlich psychologischen Charakter. Genauere 
Bestimmungen derselben sind freilich bis jetzt nur im Gebiet des Ge- 
hörssinnes versucht worden, wo sie wieder in der doppelten Form der 
Unterscheidung »reizerfiillter« und »reizfreier« Zeitstrecken möglich sind. 
Im ersten Fall werden unmittelbar nach einander gleichförmig andauernde 
Schallempfindungen, z. B. Klänge von gleicher Qualität und Stärke, er- 
zeugt, und die Zeitdifferenz bestimmt, die ihnen gegeben werden muss, 
damit diese Differenz eben erkennbar sei. Im zweiten Fall lässt man 
zwei durch kurze Schallreize eingefasste Zeitstrecken nach einander auf 
das Ohr einwirken, um sie in ähnlicher Weise zu vergleichen. Dabei 
können dann natürlich in beiden Fällen neben der zunächst zur Be- 
stimmung der Unterschiedsschwelle sich darbietenden Methode der 
Minimaländerungen auch die übrigen psychischen Maßmethoden mit den 
analogen Modificationen, wie sie bei der Anwendung auf extensive Raum- 
größen in Betracht kommen, verwendet werden \ 

Die so ausgeführten Bestimmungen zeigen sich nun zunächst von 
einem Grundphänomen abhängig, das wiederum den Zeit- mit den Raum- 
vorstellungen gemein ist, dabei aber bei jenen wegen der Bedeutung, 
die für die Zeitauffassung gewisse Normalzeiten gewinnen, eine wesent- 
lich größere Rolle spielt. Wie wir nämlich kleine Raumstrecken zu über- 
schätzen und große zu unterschätzen pflegen, ein Unterschied, der bei 
den geometrisch-optischen Täuschungen eine wichtige Rolle spielt', so 
werden im allgemeinen auch kleine Zeitstrecken überschätzt und größere 
unterschätzt. Zugleich gewinnt aber hier der Grenzwerth, bei dem 
die eine dieser Schätzungsweisen in die andere übergeht, eine specifische 
Bedeutung. Dieser Indifferenzpunkt der Zeitauffassung, bei wel- 
chem die Zeitwerthe annähernd in der ihnen wirklich zukommenden 
Größe aufgefasst werden, liegt nämlich nach den Bestimmungen ver- 
schiedener Beobachter zwischen 0,7 und 0,5 See; er kann also wohl 
annähernd auf durchschnittlich 0,6 See. geschätzt werden^. Er entspricht 



' Vgl. Bd. 2, Cap. XUI, S. 439, und XIV, S. 501. . 

« VgL Cap. XIV, S. 548. 

3 Die größeren Werthe nach den älteren Bestimmungen von Kollert (Philos. Stud. 
Bd. I, 1883, S. 78) und Estel (ebend. Bd. 2, 1885, S. 37), die kleineren nach den neueren 
von E. Meumann (ebend. Bd. 9, 1894, S. 282 ff.). Vgl. auch unten Cap. XVIII, 3. 



48 Zeitvorstellungen. 

demnach einer Zeit, die innerhalb der durch die natürlichen Tast- 
bewegungen vermittelten Zeitvorstellungen ungefähr der unteren Grenze 
rhythmischer Bewegungen nahe kommt, indem sie zwischen der nor- 
malen Größe eines Halbschritts und eines Doppelschritts in der Mitte 
liegt. Uebrigens tritt dieser Indifferenzwerth bei reizfreien Zeitstrecken, 
die, wie wir unten (5b) sehen werden, für die psychologische Analyse 
der Zeitvorstellungen hauptsächlich maßgebend sind, allein deutlich 
hervor, da bei reizerfüllten Zeitstrecken fortwährend die Tendenz zur 
Ueberschätzung der Zeiten erhalten bleibt. Der Indifferenzwerth und 
Wendepunkt scheint also in diesem Fall erst bei einer Zeitgröße zu 
liegen, die den Umfang des Bewusstseins und damit das Gebiet der 
unmittelbaren Zeitvorstellungen überschreitet'. Auf die Unterschieds- 
schwelle übt nun der Indifferenzwerth insofern einen maßgebenden Ein- 
fluss aus, als die Zeitauffassung unter demselben eine wesentlich andere 
als über ihm zu sein scheint: dort drängen sich hauptsächlich die 
beiden begrenzenden Eindrücke zum Bewusstsein, hier, oberhalb der 
Indifferenzzone, macht sich dagegen das Intervall selbst geltend. Da- 
rum ist eine Vergleichung verschiedener reizfreier Zeitstrecken, die ver- 
gleichbare Resultate liefern soll, nur bei Zeiten möglich, die den Indiffe- 
renzwerth überschreiten. Hier aber wird die Vergleichung wieder dadurch 
eingeengt, dass eine längere Zeitstrecke überhaupt nicht mehr als eine 
unmittelbare, einheitliche Vorstellung im Bewusstsein zusammengefasst 
werden kann. Auf diese Weise ist die Möglichkeit einer exacten 
Zeitvergleichung eine ziemlich beschränkte, indem dieselbe einerseits für 
reizfreie Zeiten ganz anderen Bedingungen unterworfen ist als für reiz- 
erfüllte, und indem anderseits für die ersteren, die im übrigen die für 
die Zeitauffassung weitaus günstigeren Bedingungen bieten, die genauere 
Vergleichung in ziemlich enge Grenzen eingeschlossen ist. Als unterer 
Werth derselben ergibt sich nämlich die dem Indifferenzpunkt ent- 
sprechende Zeit, als oberer die Ausdehnung einer unmittelbaren, 
d. h. nicht durch reproductive Wirkungen vermittelten Zeitvorstellung. Zu- 
gleich ist jedoch diese obere Grenze eine ziemlich variable, da sie nament- 
lich davon abhängt, ob die gegebene reizfreie Zeitstrecke durch zwischen- 
liegende momentane Schallreize in eine Anzahl kleinerer Strecken ein- 
getheilt ist oder nicht. Hierbei zeigt sich nämlich, dass der Umfang 
einer unmittelbaren, in allen ihren Theilen im Bewusstsein gegen- 
wärtigen Zeitvorstellung beträchtlich zunimmt, wenn dieselbe regelmäßig 
rhythmisch gegliedert ist. Im allgemeinen dürfte dann unter 
günstigsten Umständen der Zeitwerth von 4 — 5 See. die obere Grenze 

' Wrinch, Philos. Stud. Bd. 18, 1902, S. 2740". 



Die Zeitschwellen. 



49 



bezeichnen, bis zu der eine Zeitvorstellung als Ganzes unmittelbar zu- 
sammengefasst werden kann, wogegen diese Grenze auf höchstens 1,5 bis 
2 See. herabsinkt, wenn die Zeitstrecke ungegliedert ist. 

Innerhalb jener beiden Grenzen, dem Indiflerenzwerth als unterer 
und dem Maximalumfang des Bewusstseins als oberer, folgt nun die 
UnterschiedsempfindUchkeit für Zeitgrößen ziemlich genau dem Wkber- 
sehen Gesetze: bezeichnet man mit / die einwirkende Zeitstrecke, mit 
jii deren eben erkennbaren Unterschied, so ist demnach die relative 
Unterschiedsschwelle Jt/t eine nahezu constante Größe. Dabei trifft zu- 
gleich, wie dies der oben erörterte Einfluss des Indifferenzwerthes be- 
greiflich macht, für ausgefüllte Zeiten (Klange) das Gesetz exacter und 
innerhalb weiterer Grenzen zu als für reizfreie (Takte)'. Ferner näherte 
sich in Versuchen von Wrinch nach der Methode der mittleren Ab- 
stufungen das Schätzungsergebniss für dauernde Tone bei Zeiten von 
0^25 bis 2,0 See. mehr dem arithmetischen als dem geometrischen Mittel, 
während bei reizfreien, durch Taktschläge begrenzten Zeiten das geo- 
metrische Mittel, also ebenfalls das WEBER'sche Gesetz auch hier zutraf, 
bei übrigens ziemlich erheblichen individuellen Differenzen derUnterschieds- 
constante*. Es entspricht also hierin die Zeitauffassung den extensiven 
räumlichen GröOenschätzungen des Gesichtssinnes. Zugleich bilden aber 
Raumsinn des Auges und Zeitstnn neben den das Hauptanwendungsgebiet 
des WEBER'schen Gesetzes bildenden Intensitätsverhältnissen wohl die 
einzigen, dem Gebiet der Vorstellungsbildung zugehörigen Fälle, wo 
jenes Gesetz sich bestätigt findet. Da dies bei dem Raummaß des 
Auges mit Wahrscheinlichkeit auf seine Geltung für die Spannungs- 
empfindungen bei der Bewegung des Auges zurückgeführt werden kann 
(Bd. 2, S. 598), so wird man aber auch bei den Zeitvorstellongen ver- 
muthen dürfen, dass es nicht irgend eine abstracte Zeitanschauung ist, 
die wir auf diese Weise nach ihrem Verhältniss zu andern ähnlichen 
Zeitanschauungen abschätzen , sondern dass es ebenfalls die Emphn- 
dungs- und Gefühlssubstrate des Zeitbewusstseins sind, denen wir die 
Maßstäbe solcher Zeitschätzung entnehmen. In der That stimmen mit 
dieser Annahme durchaus die sonstigen Bedingungen überein, denen die 
Erscheinungen der unmittelbaren Zeitschätzung unterworfen sind. Die 
Genauigkeit, mit der hier das WEBER'sche Gesetz zutrifft, ist nämlich 



' Mkhker, Pbilos. Stud. Bd. 2, iS8s, S. 546 ff. Glass, ebend. Bd. 4, 1888. S. 423 fr. 
Wrinch^ ebend. Bd. 18, 1902^ S. 274 ff. Enthält besonders vergleichende Versuche über 
reiz freie und rebcrfiiUte Zeiten.) 

' Wrinch, a. a. O. S. 31, 39, Die nach der Mmiraalmethode bestimmte Unterschieds- 
constAnte schwankte bei Normalzeiten von 0,2$^ — 1.$ See. für Töne bei deoi einen Beob- 
acbier nnrcgelinäBig zwischen 0.050 und 0,074, ^^^ ^^^ andern zwischen 0^040 und 0,074 

W ^"nindiüge. TU. 5. Aufl. 4 



^O Zeitvorstellungen. 

dann am größten, wenn jede der verglichenen Zeitstrecken von einer 
continuirlichen Empfindung ausgefüllt ist Sie wird unsicherer bei reiz- 
freien Intervallen, und sie erfahrt bedeutende Schwankungen, wenn ver- 
schiedene Inhalte mit einander wechseln. Letzteres ist selbst dann der 
Fall, wenn sich dieser Wechsel regelmäßig xriederholt, so dass er zu 
einer rhythmischen Gruppirung der Eindrücke herausfordert. Obgleich 
dabei die Zurückbeziehung der folgenden auf die vorangehenden Zeit- 
vorstellungen eine viel lebhaftere ist, so wird doch die exacte Zeitver- 
gleichung beeinträchtigt. Denn gerade die Rhythmisirung der Eindrücke 
führt, wie wir unten sehen werden, gewisse subjective Zeittäuschungen 
mit sich (s. unten 4, a). Anderseits begründet freilich die rhythmische 
Gliederung die Möglichkeit, dass, wenngleich unsicherer, noch über die 
oben bezeichneten Grenzen einer unmittelbaren Zeitvorstellung hinaus 
Zeitgrößen quantitativ verglichen werden können ; und es ist bemerkens- 
werth, dass selbst für solche zum Theil weit jenseits der Grenzen der 
unmittelbaren Zeitauffassung liegenden Werthe noch eine Annäherung 
an das WEBER'sche Gesetz, also eine annähernde Constanz der relativen 
Zeitunterscheidung, gefunden wird. Dabei treten nun aber doch zugleich 
Abweichungen in gewissen periodischen Erscheinungen hervor, die sich 
vor allem bei reizfreien, der subjectiven Rhythmisirung einen freieren 
Spielraum lassenden Intervallen geltend machen. Da diese Erscheinungen 
mit den Reproductionsphänomenen zusammenhängen, so werden sie uns 
übrigens erst an einer späteren Stelle beschäftigen können (Abschn. V, 
Cap. XVIII, 3). 

Bei der Untersuchung der absoluten Zeitschwellen macht sich die 
Abhängigkeit von den physiologischen Bedingungen der Erregung namentlich 
in der Verschiedenheit der gewonnenen Zeitwerthe je nach der Art der 
verwendeten Reize geltend. Da stärkere Erregungen längere Nachwirkungen 
zur Folge haben, so wird im allgemeinen die Schwelle kleiner gefunden, 
wenn man schwächere Reize anwendet, falls man nur der Intensitätsschwelle 
nicht zu nahe kommt, bei der die Auffassung der Empfindungen unsicher 
wird. Außerdem ist aber der Umstand von wesentlichem Einfluss, ob kurz 
dauernde Tonschwingungen, oder ob momentane Geräusche auf das Ohr ein- 
wirken. Hierauf sind die beträchtlichen Unterschiede zurückzuführen, die in 
der obigen Tabelle (S. 46) die von Mach einerseits und die von Exner und 
Wever anderseits gefundenen Schwellen darbieten. Mach bediente sich der 
Schläge eines rasch rotirenden Zahnrads gegen eine Feder, also einer Schall- 
erzeugung, die mit der Entstehung von Tonschwingungen verbunden war. So 
stimmt denn auch der von ihm gefundene Schwellenwerth von 16*^ genau mit 
dem früher (Bd. 2, S. 95) angegebenen Grenzwerth für die deutliche Wahr- 
nehmung von Schwebungen (60 in i See.) überein. Exner und Weyer ver- 
wendeten dagegen die Knistergeräusche schwacher elektrischer Funken, also 
vollkommen tonlose Momentangeräusche, auf deren sehr viel kürzere Zeit- 



Die Zeitschwellen. 



51 



schwellen schon die Bewegungscim^en solcher Geräusche (vgl, Bd. 2, Fig. 235» 
S. 386) zurückschließen lassen. Demnach bezeichnen die Zahlen lö'' und 2^ 
zwei wesentlich verschiedene Zeitsch wellen, die darum auch nicht wohl zu 
einem Mittelwerth vereinigt werden können : 1 6^ die Schwelle für auf ein- 
ander folgende Tonerregungen, 2^ diejenige für Momentangeräusche. Insofern 
man unter der Zeitschwelle ein >0[>timumc, d. h. den absolut kleinsten Zeit- 
werth versteht, der unter den günstigsten Bedingungen zu gewinnen ist, wird 
in diesem Fall demnach die Schwelle fiir Momentangerausche nls ein -solcher 
absoluter Grenzwerth gelten müssen. 

Für die Ermittelung dieses günstigsten Grenzwerth es sind nun die von 
ExKER tmd Wever angewandten Knistergerauschc elektrischer Funken auch 
deshalb besonders geeignet, weil sich dabei die nämlichen Vorrichtungen zu- 
gleich zur Bestimmung der Zeitschwellen des Gesichtssinns und eventuell ibei 
der Anwendung elektrischer Hautreize) des Tastsinns verwenden lassen- Zur 
Herstellung der Funkenstrecke dienen zwei durch Schrauben genau gegen ein- 
ander verstellbare Platinspitzen, die in die Rolle eines Inductionsapparates 
zusammen mit einem die Stromstarke auf das erforderliche Maß reducirenden 
Rheostaten eingeschaltet sind. Zur Erzeugung genau messbarer und abzu- 
stufender Zeitinter\alle der Reize diente in den Versuchen von We\'er ein 
besonderer »Zeitschwellenapparat«, der aus emem schweren gusseisernen Pen- 
del bestand, auf dessen Tisch die zur Auslösung der elektrischen Stromstöße 
bestimmte Contactvorrichtung festgeschraubt war (Fig. 314). Diese besteht 
im wesentlichen aus einer nach dem Schwingungsbogen des Pendels gekrümm- 
ten Scale Sj an der die auf Schlitten befestigten Platinstifte ß ß* mittelst der 
Mikrometerschraiiben T T unabhängig versteilt werden können. Die Schlitten 
sind, von einander durch Hartgummi isolirt, in zur Inductionsspirale gehörige 
Leitungen eingeschaltet. Je- 
dem der Contactstifte ent- ^, ^ 
spricht ferner eine am unte- 
ren Ende des Pendels ebenfalls 
isolirt in die entsprechende 
Leitung eingeschaltete Platin- 
platte. Die Schlitten mit den 
Contactstiften bewegen sich, 
gleich den ihnen entsprechen- 
den Contactplatten des Pen- 
dels, in verschiedenen Ebenen. Jeder Contactstift kann daher bis auf Zeitgleich- 
heit mit dem andern eingestellt und dann innerhalb des Scalenurafangs auf be- 
liebige Entfernung verschoben werden. Um den Apparat auch für solche Ver- 
suche verwendbar zu machen, bei denen mehr als zwei Reize auf verschiedene 
Sinnesorgane einwirken sollen, ist noch ein zweites, dem beschriebenen ähnliches 
Paar von Contactschlitten am hinteren Theil des Apparats angebracht. Dadurch 
ist es möglich, vier beliebig vertheilte durch elektrische Contacte auszulösende 
Reize entweder gleichzeitig oder rasch nach einander einwirken zu lassen. 
Für die Zeitschwellenbestimmungen kommen nur zwei dieser Contacte, die 
auf identische Reize des gleichen Smnesgebiets eingestellt sind, in Betracht. 
Die Hinzufügung weilerer Reize, die dann zugleich disparaten Sinnesgebieten 
angehören können, macht aber den Apparat zugleich zur Untersuchung ge- 
wisser noch zu erörternder Phänomene der »Zeitverschiebvmg« verwendbar 



Fig. 3"4- 



Contactvorrichtung 2um Zeitsch wellen- 
apparat. 



5 2 Zeitvorstdlixiigeii. 

vgl. unten 2. b . Um die den verschiedenen Stellnngen der Contactstifte 
entsprechenden Zeitwerthe constant zn erhalten, lässt man das Pendd mittdst 
der Unterbrechung des Stromes eines Elektromagneten, durch den es in einer 
bestimmten Ablenkung ans der Mittellage festgehalten ist, seine Schwingung 
beginnen, um es dann sofort nach dem Vorübexgang an dem Contactappazar 
mit einem anf der andern Seite angebrachten ähnlichen Elektromagneten 
weder aufzufangen, so dass es bei jedem Versnch nur eine einzige Schwin- 
^ng von genau bestimmter Amplitude ausfuhrt. Die zu jedem Werth der 
Scale S gehörigen Zeitwerthe können dann entweder berechnet oder mittelst 
der Schwingungen einer Stimmgabel ein für allemal empirisch bestimmt wer- 
den*. Obgleich übrigens dieser Apparat för die drei bei der Zehschwclle 
überhaupt in Rücksicht kommenden Sinnesgebiete. Gdiör. Gesicht und Getast. 
als F'unkenknistem , Fankensehen und unter Verwendung einer kleineren 
Stromstärke) als elektrische Hautreizung, angewandt werden kann, so sind 
«'loch bis jetzt nur Bestimmungen der Zeitschwelle von Gehör imd Gesicfat 
a\:i <iiesem Wege vorgenommen. Beim Tastsinn begegnet der elektrische 
Reiz dem Bedenken, dass er kein vollkommen adäquater Reiz ist. Immerhin 
tirürde eine Flrgänzung der von Mach und Treyer ausgeführten Versuche in 
dieser Richtung wünschenswerth sein. 

Die Untersuchung der Unterschiedsschwellen des Zeitsinns ist ver- 
möge der besonderen Bedingungen dieses Gebietes im wesentlichen auf zwei 
der früher [Bd. i. S. 466ft. erörterten psychischen Maßmethoden, nämHch anf 
die Absrafungsme^oden der > Minimaländerungen« tmd der > mittleren Fehler« 
.inge^iesen. Die Methode der »richtigen tmd falschen FäDe« b^egnet hier 
zwei sehr großen Schwierigkeiten. Erstens ist der sogenannte »Zeitsinn« kein 
Vorstellungsgebiet. auf dem sich die einzelnen der Schätzung imterwc^fenen 
(Großen wahrend längerer Zeit unveranden erhalten lassen, wie das bei den 
e^iger.tlichen Flmpnr.dungsgiößen und auch noch bei den RaimiTorstdlongcn 
des Auges annähernd zutrifft. Vielmehr liegt es in der Natur der Zeitvor- 
stelh:r.gen, dass die Bedingungen derselben fortwährenden VeräDdenu^en 
unterworfen sind. Es ist daher kaimi mi^ch. die zu einem einzelnen na- 
menschen Resultat erforderlichen Fälle zu sammeln, ohne dass die zn mes- 
sende Gnvße selbst im Lauf der Versuche unberechenbare Veränderungen 
eifr^hrt. Zweitens führt der bei der >r- und /-Methode« geforderte Wechsel 
der Zeitlaeen bei den Zeit\'orstellungen im allgemeinen wesentlich abweichende 
Hcdingun^'en für die Entstehuni: der VorsteUungen mit sich, so dass die in 
Ißcridcn Zeitlagen ausgeführten Versuche nicht unmittelbar mit einander ver- 
gleichbar sind*. Auf die instrumentellen Hülfsminel zur Untersuchung dieser 
Üriterschied.«^sch welle soll, da sie wesentlich mit Rücksicht auf die »mittelbaren c, 
durch ref#rodur.tive Vorgänge 1/eeinflussten Zeit\ors:ellungen ausgebildet worden 
sind, erst bei den Reproductionserscheinungen (in .\bschn. V, Cap. XVIII, 3^ 
naher eingegangen werden. 

' WcMJL. riu](». Smd. Bd. 14. 1S98. S. 626 ff. 

* Vgl, hierca F. Schumaxns Zcitsmnversnche nach der r- nr.d /-Methode, Zotschr. 
f. Psycho! Bd. 4, 1S92, S. iff.. und EL Metmanns Kritische Bemerktmgien za denselbeiL, 
Phtlos. Smd. Bd. 8. 1893. S. 456 ff. 



Zeittäuschungen. ^ ^ 

4. Zeittäuschungen. 

Unter dem Namen der > Zeittäuschungen« lassen sich alle diejenigen 
Veränderungen in der Auffassung von Zeitgrößen zusammenfassen, bei 
denen entweder verschiedene Zeitstrecken in einem von ihrem wirklichen 
abweichenden Größenverhältniss oder in einer der wirklichen entgegen- 
gesetzten Zeitfolge aufgefasst werden. Die Täuschungen der ersteren 
Art bezeichnen wir als »zeitliche Größentäuschungen«, die der zweiten 
als »Zeitverschiebungen«. Da es ein absolutes Zeitmaß ebenso wenig 
wie ein absolutes Raummaß in unserer Wahrnehmung gibt, so können 
sich beide Täuschungen wiederum nur auf das Verhältniss Verschiedener 
Zeitwerthe zu einander beziehen. Weiterhin besteht dann aber eine 
gewisse allgemeine Analogie zwischen den früher (Bd. 2, S. 544) be- 
sprochenen Raum- und den Zeittäuschungen auch darin, dass die zeit- 
lichen Größentäuschungen mit den räumlichen Streckentäuschungen in 
Parallele gebracht werden können, während die Zeitverschiebungen inso- 
fern den Richtungstäuschungen verwandt erscheinen, als in beiden Fällen 
die einzelnen Eindrücke selbst, hier in ihrem Verhältniss zum umgeben- 
den Raum, dort in dem zum Gesammtablauf der Zeit verändert erscheinen. 
Dabei bewahrt aber natürlich jede der beiden Formen der Ordnung unserer 
Empfindungen ihre Eigenart, wie sieb besonders bei den Zeitverschie- 
bungen zeigt, die durchaus von jener Eigenschaft der Zeit beherrscht 
sind, die mathematisch ihre eindimensionale Natur genannt wird, wo- 
gegen den Richtungstäuschungen linearer Strecken im Raum die Mehr- 
dimensionalität des letzteren ihren Charakter verleiht. Da die räum- 
lichen Streckentäuschungen überall auf die Auffassung der Verhältnisse 
linearer Raumstrecken zurückführen, so treten demnach die Größen- 
täuschungen auf beiden Gebieten in eine viel nähere Analogie als die 
Richtungstäuschungen. Dazu kommt, dass bei den Zeittäuschungen jene 
Veränderungen, die bei der Vergleichung unmittelbarer und früher durch- 
lebter Zeiträume eintreten, von viel eingreifenderer Bedeutung sind als 
die entsprechenden Erscheinungen bei der Vergleichung directer und 
reproducirter Raumvorstellungen. Denn in Folge der fließenden Natur 
der Zeitvorstellungen gehen bei ihnen directe und reproducirte Eindrücke 
continuirlich in einander über. Wegen der hervorragenden Wichtigkeit 
des Zeitgedächtnisses für die Phänomene der successiven Association und 
Reproduction wird uns jedoch dieser Gegenstand erst bei der allgemei- 
nen Erörterung der Reproductionserscheinungen (in Abschn. V) beschäf- 
tigen können. Hier beschränken wir uns daher auf die Betrachtung der 
beiden oben unterschiedenen Gruppen von Zeittäuschungen bei un- 
mittelbaren Zeitvorstellungen. 



c^ 2^ityontelliiiige 



a. Größentänschnngen des Zeitsinns bei nnmittelbaren 
Zeitvorstellnngen. 

GröOentäuschungen des Zeitsinns können ent^^eder darin zum Aus- 
druck kommen, dass von zwei oder mehr objectiv gleichen Zeitstrecken 
die einen größer aufgefasst werden als die andern, oder darin, dass 
Zeitstrecken, die objectiv verschieden sind, gleich oder in der ihrem 
objectiven Unterschied en^egengesetzten Richtung verschieden erscheinen. 
Alle diese Täuschungen fallen so lange in das Gebiet unmittelbarer Zeit- 
täuschungen, als vermöge der sonstigen Bedingungen und Eigenschaften 
derselben die verglichenen Zeitstrecken noch im Bewusstsein zusammen- 
gehalten werden können. Dies setzt naturgemäß voraus, dass die Zeit- 
strecken hinreichend kurz seien, und dass sie hinreichend schnell auf 
einander folgen. Wir werden später sehen, dass die Grenzen, bis zu 
denen diese Bedingung erfüllt ist, im allgemeinen leicht mittelst der für 
die Bestimmung des »Bewusstseinsumfanges« geltenden Kriterien fest- 
zustellen sind. (Abschn. V, Cap. XVIII.) 

Innerhalb dieser Grenzen besitzen nun alle Täuschungen über die 
Größe von 2^itstrecken den Charakter von Geschwindigkeits- 
täuschungen. Denn die Bedingung zur Entstehung einer Geschwin- 
digkeitsvorstellung besteht eben darin, dass die successiven Eindrücke 
wenigstens in einem Theil ihres Verlaufs unmittelbar im Bewusstsein 
vereinigt werden. Sobald dagegen ein zweiter Eindruck kommt, nach- 
dem der vorangegangene schon aus dem Bewusstsein verschwunden ist, 
so verlieren wir jedes Geschwindigkeitsmaß für die Aufeinanderfolge. 
An sich können aber zur Erweckung solcher Geschwindigkeitsvorstel- 
lungen sowohl »reizerfiillte« wie »reizleere« Strecken in dem oben defi- 
nirten Sinne dienen. Ein Beispiel der ersten Art bietet die Aufeinander- 
folge der Klangvorstellungen einer Melodie, ein Beispiel der zweiten 
eine Reihe sich folgender Taktschläge, z. B. der Schläge des Metronoms 
oder der Hammerschläge des Taktirapparates (Fig. 313, S. 38). Wegen 
der scharfen Bestimmtheit, mit der bei reizfreien Intervallen die einzelnen 
Strecken gegen einander begrenzt sind, ist für die vorliegenden Zwecke 
die Taktirmethode vorzuziehen, wie ja überhaupt in diesem Fall die 
Zeitschätzung an und für sich schon viel genauer ist. Die unter dieser 
Bedingung zu beobachtenden Geschwindigkeitstäuschungen können dann 
wieder in zwei Gruppen geschieden werden: in die Täuschungen bei 
gleichförmig ablaufenden Eindrücken, und in diejenigen beim Inten- 
sitäts- oder Qualitätswechsel derselben. 

Die Geschwindigkeitstäuschungen bei gleichförmig ablau- 
fenden Reizreihen sind in der Regel entweder mit Intensitätstäuschungen 



Zeittäuschungen. ee 

oder aber mit wirklichen Intensitätsunterschieden der Eindrücke ver- 
bunden. Zeittäuschungen mit gleichzeitigen Intensitätstäuschungen haben 
wir bereits bei den oben geschilderten Taktirversuchen kennen gelernt. 
Eine am Taktirapparat hergestellte Taktreihe ist nach Intensität der 
Taktschläge wie Größe der Intervalle vollkommen gleichförmig. Trotz- 
dem hören wir sie bei ungezwungener Auffassung in beiden Beziehungen 
ungleichförmig: im Wechsel betonter und unbetonter Taktschläge er- 
scheinen jene intensiver als diese, und jeder durch einen solchen Inten- 
sitätswechsel abgesonderte Takttheil scheint durch ein größeres Zeit- 
intervall von den andern ähnlichen Takttheilen getrennt zu sein. Wir 
hören also die gleichförmig ablaufende Reihe bei sinkendem Rhythmus 
in der Form: 



bei steigendem in der andern 



oder, wenn man dreigliedrig taktirt, in Formen wie: 

wo jedesmal der Verticalstrich ein scheinbar größeres Intervall bezeichnet. 
Entsprechend bilden sich dann bei dem Hineinhören complicirterer Takt- 
maße weitere Zeitunterschiede, indem eine größere Taktgruppe jeweils 
durch ein längeres Intervall von der folgenden getrennt erscheint, als es die 
Untergruppen unter sich sind. Der ^/^- und der '^/^-Takt (S. 29) zeigen 
also z. B. , wenn wir die verschiedene Länge der Pausen durch die Zahl 
der kleinen verticalen Zwischenstriche andeuten, folgenden Verlauf: 
• • • • 

'' \J\\L! I Lj'illLj'ilÜ' I Cj" 

Wie drei Grade der Hebung nicht überschritten werden können, so gibt 
es auch höchstens drei Grade scheinbarer Vergrößerung des Intervalls 
zwischen zwei Eindrücken: die kleinste Verlängerung fällt dabei zwischen 
die kleinsten Taktgruppen, die größte zwischen die ganzen Takte. Offen- 
bar ist es in allen diesen Fällen die Sonderung der Taktgruppe, 
die die entsprechende scheinbare Aenderung der Zeitintervalle nach sich 



5 6 Zeitvorstellnngen. 

zieht. Diejenige Gruppe von Eindrücken, die wir als ein Ganzes apper- 
cipiren, sondert sich auch zeitlich um so mehr von ihrer Umgebung, 
je mehr sie als rhythmische Einheit von der vorangehenden oder nach- 
folgenden Gruppe gesondert ist. 

Dieser subjective Eindruck verschiedener Hebungen und Pausen 
verwandelt sich natürlich in dem Augenblick in ein objectives Inten- 
sitäts- und Zeitverhältniss, sobald man eine solche rhythmische Reihe 
durch eigne Bewegungen, z. B. durch Taktschlagen mit dem Finger, 
nachzubilden sucht. Dabei zeigt sich aber noch außerdem, dass nicht 
bloß den Intervallen zwischen den Eindrücken, sondern auch diesen 
selbst verschiedene Zeitwerthe gegeben werden, indem der betontere 
Eindruck stets als der länger dauernde erscheint gegenüber dem minder 
betonten*. Ahmt man etwa die einfachen Dreitakte 



XLT 



und 



durch Taktschläge nach, die auf einer mit gleichförmiger Geschwindig- 
keit rotirenden Kymographiontrommel registrirt werden, so erhält man 
folgende Bilder: 



n. 



3 

1 



2 

i 



Sie zeigen zugleich, was sich übrigens leicht auch durch die subjective 
Beobachtung bestätigen lässt, dass schon hier die beiden gesenkten Takt- 
schläge ebenfalls an Intensität und Dauer verschieden sind. Genauer 
würden also beide Dreitakte durch 

ß (sinkend) und f f ß (steigend) 

wiederzugeben sein. 

Wie die zusammenfassende Apperception eines Ganzen scheinbare 
Intensitäts- und Zeitunterschiede hervorbringt, die von uns bei selbst- 
thätiger Reproduction wieder in entsprechende objective Werthe über- 
tragen werden, so können nun auch umgekehrt solche eintreten, indem 
objective Unterschiede der Reize, die bloß intensiver oder qualitativer 
Art sind, zugleich scheinbare Zeitänderungen herbeiführen. Stellt man z. B. 



E. Meumann, Philos. Stud. Bd. lo, 1894, S. 321. 



ZelLtänachiiiigen. 



ein Metronom auf, das in Intervallen von 0^3 — 0,5 See. seine regelmäßigen 
Taktschläge ausführt, und lässt man dann abwechselnd den Schall dieser 
Taktschläge bald frei, bald stark geschwächt durch einen Schalldämpfer 
auf das Ohr einwirken, so scheint sich das Tempo immer in dem Mo- 
ment zu beschleunigen, wo sich die Taktschläge verstärken, und zu 
verlangsamen, sobald sie schwächer gehört werden*. Die Erscheinung 
ist um so deutlicher, je mehr die Auffassung der schwachen Eindrücke 
mit einer merklichen Spannung der Aufmerksamkeit auf dieselben ver- 
bunden ist, und sie hört ganz auf oder kann sich sogar in ihr Gegen- 
theil umkehren, wenn die Aenderung des Schalles innerhalb höherer 
Werthe der Intensitätsscala geschieht. Die hierin hervortretende Be- 
deutung der wechselnden Spannung der Aufmerksamkeit wird durch die 
weitere Beobachtung bestätigt, dass solche scheinbare Geschwindigkeits- 
unterschiede auch bei gleich bleibender Schallstärke lediglich dadurch 
entstehen können, dass man abwechselnd die Aufmerksamkeit auf die 
Taktschläge richtet oder sie einem andern Object zuwendet In dem 
Augenblick des Hinhörens auf die Taktschläge scheint sich dann die 
Geschwindigkeit zu verlangsamen. Mit dieser Erscheinung hängt wahr* 
scheinlich noch eine andere, nicht regelmäßig, aber bisw^eilen zu machende 
Beobachtung zusammen. Sie besteht darin» dass sich eine gleichförmige 
Reihe von Taktschlägen in ihrem Verlauf etwas zu beschleunigen scheint '> 
Vergleicht man daher eine kürzere und eine längere objectiv vollkommen 
gleichförmige Reihe von Schlägen, die kurz nach einander dargeboten 
werden, so erscheint die längere Reihe immer zugleich als die schnellere. 
Da jede Reihe bei ihrem Beginn die Aufmerksamkeit am meisten auf 
sich zieht, so ist wohl auch hier die scheinbare Beschleunigung ein Phä- 
nomen, das den Nachlass der Aufmerksamkeitsspannung begleitet Ebenso 
ist die leicht zu bestätigende Beobachtung, dass man eine durch Tak- 
tiren mit dem Finger hergestellte Taktreihe allmähh'ch, ohne es zu 
merken , beschleunigt , offenbar eine Modification der gleichen Er- 
scheinung, 

In der nämlichen Richtung bew^egen sich die Veränderungen, die in 
der Schätzung eingetheilter und nicht eingetheilter Zeitstrecken 
je nach der Länge derselben eintreten^. Lässt man nach einander zwei 
durch einfache Taktschläge begrenzte Strecken von etwa 0,5—1,5 See. 
einwirken, von denen die eine reizfrei, die andere von mehreren in gleich- 
mäßigen Intervallen sich folgenden Schlägen erfüllt ist, so erscheint die 



' E. Meiimann, Philos. Stud. Bd. 9, 1894, S. 269 IT. Nichols, Amer, Joura. of PsychoL 
vol. 4t p. 83 ff- 

* BfcuMANN« Philos. Stnd> Bd. 12, 1896, S. 131. 
^ Meumann, ebend. S. 142 IT, 



j8 Zeitvorstellnngen. 

eingetheilte Zeit größer als die nicht eingetheilte, ganz wie eine einge- 
theilte Raumstrecke dem Tast- und Gesichtssinn im allgemeinen größer 
erscheint (Bd. 2, S. 463 u. 548). Aber bei dem Zeitsinn kehrt sich die Er- 
scheinung um, sobald man zu größeren, der Grenze der unmittelbaren Zeit- 
vorstellungen näher kommenden Zeitstrecken von 2 und mehr See. über- 
geht: jetzt erreicht man einen Punkt, wo die leere Strecke der reizerfiillten 
zuerst gleich und dann größer erscheint als diese. Dabei fallt die Um- 
kehiung der Täuschung sehr deutlich mit dem Punkt zusammen, wo 
die Erwartungsspannung bei der Auffassung der leeren Strecke eine 
größere Intensität gewinnt*. Die gleichen Täuschungen beobachtet man 
auch, wenn die Zeitstrecken durch Tast- und Lichteindrücke begrenzt 
und ausgefüllt werden. In beiden Fällen, und am meisten beim Tast- 
sinn, ist die Ueberschätzung der reizerfüllten Zeitstrecke sogar noch 
größer als bei Schallreizen. Wahrscheinlich hängt dies damit zusammen, 
dass überhaupt der Gehörssinn die relativ kürzesten ZeitaufTassungen 
vermittelt. So schätzt man das Intervall zwischen zwei kurz nach ein- 
ander überspringenden elektrischen Funken größer, wenn man die Fun- 
ken bloß sieht, als wenn man sie zugleich hört. Ebenso ist dann aber 
wieder das directe dem indirecten Sehen in der Zeitauffassung über- 
legen. Die nämliche Funkenreihe erscheint daher, wie schon CZERMAK 
beobachtete, im directen Sehen rascher als im indirecten'. 

Wird femer eine Reihe in gleichen Intervallen sich folgender Reize 
durch einen objectiven Intensitäts- oder Qualitätswechsel einzelner 
Eindrücke verändert, so hat dies zunächst auf die Zeitaufifassung den 
nämlichen Einfluss, wie die bloß subjective Betonung. Doch lassen sich 
hierbei leicht auch Bedingungen herstellen, die bei der bloß subjectiven 
Rhythmisirung nicht leicht einzutreten pflegen. Wird z. B. innerhalb 
einer sonst gleichförmig ablaufenden Reihe nur ein einzelner Eindruck 
ausgezeichnet, so besteht die Wirkung in der Regel darin, dass das 
diesem Eindruck vorangehende Intervall verkürzt und das ihm folgende 
verlängert erscheint. Wenn wir die objective Verstärkung (im Unter- 
schied von dem die bloß subjective andeutenden Punkt) durch einen 
Accent, und das scheinbar verkürzte Intervall durch das Zeichen ^, 
das verlängerte durch - andeuten, so verläuft also die Reihe, abgesehen 



' An dem oben (Fig. 313, S. 38) beschriebenen Taktirapparat sind links von den 
zu Taktiningen von wachsender Geschwindigkeit dienenden Stiftreihen Einrichtungen an- 
gebracht, welche diese beiden Fälle der Wirkung der Eintheilung der Zeitstrecken zeigen. 
An einem ersten Kreis beträgt die Zeit i See, an zwei weiteren je 2^/3 See. Jede dieser 
Zeiten ist einmal ungetheilt, und einmal durch Zwischentakte in Intervalle von '/^ See. 
getheilt. Bei der Strecke von i See. erscheint die Zeitstrecke durch die Eintheilung deut- 
lich verlängert, bei der Dauer von 2^/3 See. ebenso deutlich verkürzt. 

^ Meumann, ebend. S. 195 ff. 



Zetttäuscliungen. 



59 



von den etwa nebenhergehenden subjectiven Betonungsunterschieden ^ 
folgendermaßen: 

Noch deutlicher tritt die nämliche Erscheinung bei einer kleineren Zahl, 
besonders aber bei bloß drei Eindrücken hervor: 

Die Täuschung besteht schon bei einer einzigen dieser Triolen, sie wird 
nur deutlicher, wenn man mehrere auf einander folgen lässt'. Man hat 
dann bei jedem Dreitakt die Vorstellung einer zuerst zu-, dann wieder 
abnehmenden Geschwindigkeit. 

Eine bloße Modiiication dieser Täuschung, bei der aber die gegen- 
sätzliche Wirkung der auf- und absteigenden Betonung noch augenfälliger 
ist, zeigt sich, wenn man zwei aus je zwei Schlägen bestehende Takte 
in einem angemessenen Zwischenraum sich folgen lässt, und entweder 
die Schläge der ersten oder die der z%veiten Gruppe stärker betont; 
dann wird das Intervall der starken Schläge relativ kleiner geschätzt, 
wenn es nachfolgt, größer, wenn es vorausgeht, nach dem Schema: 



tr-cr 



und 



Hier hat man bei der ersten Anordnung die deutliche Vorstellung einer 
beschleunigten Bewegung, während die andere den Eindruck einer sol- 
chen macht, die sofort mit großer Stärke einsetzt, um dann im weiteren 
Fortgang schwächer und zugleich schneller zu werden, so dass eine 
ähnliche Wirkung eintritt, wie man sie bei gleichen Taktschlägen be- 
obachtet, wenn sie der Aufmerksamkeit entschwinden: die Intervalle ver- 
kiirzen sich. Diesem Unterschied der Bedingungen entspricht es wohl, 
dass auch die Zeitgrenzen, bis zu denen diese Täuschungen bemerkt 



* Für diese Versuche mit drei in gleichen oder auch beliebig verschiedenen Inter- 
vanen einander folgenden Reizen kann man sich des oben beschriebcDen ZeitschweUen- 
apparates (S, 51, Fig* 314) bedienen. Stellt man an demselben z. B. drei Contacte so 
ein, dass der mildere dem Durchtritt des Pendels durch die Glcichgewichölagc cnt- 
ipiicht, während der erste nnd dritte gleich weit von demselben abstehen, so erhält 
man eine der gleichförmigen Triole eni-iprechende Folge von Stromstößen, deren jeder 
sich auf einen elektromagnetiüchen Schallhanimer, wie in Fig. 313^ S. 38, übertragen lüsst* 
iJurch die Verbindmig der eimielnen Contacte mit SchaUhämmem von verschiedener Schall- 
stärke oder durch Variirnng des Abstandes der Cuntacte lassen sich dann die verschiede- 
nen Modißcationen dieser Versuche ausführen. Doch bedient man sich noch zweckmäßiger 
hierbei der später^ bei der Erörterang der Erscheinungen des Bewusstseinsnmfangcs und 
der Zcilreproductionen (Abschn. \\ Cap. XVIII, i und 5) zu beschreibenden »Zeitsinn* 
apparat«« , die mannigfaltigere Abändeningcn der Hedingtmgen sowie beliebige Wieder- 
liolungen der Taktgruppen leichter zulassen. 



6o Zeitvorstellnngen. 

werden, für beide Täuschungen abweichen, indem zwar beide nur bei 
kleinen Zeitintervallen, die erste aber doch innerhalb eines weiteren Spiel- 
raums beobachtet wird als die zweite: hier verschwindet nämlich der 
Unterschied schon bei etwa 0,55, dort erst bei 1,05 See. Die Vorstel- 
lung der zunehmenden Geschwindigkeit ist eben die uns geläufigere und 
daher auch innerhalb weiterer Grenzen associativ wirksamere. Der Ein- 
druck des Sinkens der Aufmerksamkeit, der in Folge der Abnahme der 
Schallstärke auf einen unterhalb der vorhandenen Adaptation liegenden 
Grad entsteht, schwindet aber, sobald ihr durch ein zureichendes Inter- 
vall zu einer neuen Anpassung Zeit gelassen wird. 

Analoge Scheinänderungen der objectiv gleichen Intervalle beob- 
achtet man, wenn der verstärkte Eindruck nicht in die Mitte, sondern 
an den Anfang oder an das Ende der Triole verlegt wird. Nun folgt 
nämlich im ersten Fall dem voranstehenden intensiveren Schlag unmittel- 
bar eine längere Pause, wogegen sie im zweiten Fall dem zuletzt stehenden 
vorangeht, also: 

Der betonte Taktschlag bewirkt demnach auch hier jedesmal eine Ver- 
längerung des Intervalls: als Nachwirkung, wenn er die Gruppe beginnt, 
als Vorauswirkung, wenn er sie abschließt Hält man diese Erschei- 
nungen mit denen zusammen, die bei der Rhythmisirung völlig gleich- 
förmig ablaufender Taktreihen entstehen, so ist die unmittelbare Beziehung 
zu der mehr oder minder energischen Apperception der verschiedenen 
Taktschläge unverkennbar. Wie sich bei der unwillkürlichen Rhyth- 
misirung der stärker gehobene, d. h. von der Aufmerksamkeit bevorzugte 
Eindruck nicht bloß durch scheinbar größere Intensität, sondern auch 
durch ein scheinbar größeres Zeitintervall von seiner Umgebung trennt, 
so ist das auch hier der Fall. In beiden Fällen aber hängt es von den 
besonderen Bedingungen der ablaufenden Eindrücke ab, an welcher 
Stelle, ob dem gehobenen Eindruck vorausgehend oder ihm nachfolgend, 
die größere Pause liegt. Die drei möglichen Fälle des Dreitakts 



trr -ttr trr 

zeigen die Unterschiede dieser Bedingungen sehr deutlich. Steht der 
betonte Taktschlag am Anfang, so äußert sich die stärkere Hebung in 
einer verlängerten Nachwirkung, ebenso in der Mitte der Gruppe. Bildet 
dagegen der gehobene Taktschlag den Schluss, so äußert sich dies 
in der einer stärkeren vorbereitenden Spannung der Aufmerksamkeit ent- 
sprechenden längeren Vorpause. Ihrem ganzen Charakter nach sind 



Zeittäuschangen. 5 1 

demnach diese Erscheinungen nur besondere, den speciellen Bedingungen 
angepasste Anwendungen der bei dem Hinhören auf eine gleichförmige 
Taktreihe sich aufdrängenden Thatsache, dass die energischere An- 
strengung der Apperception die Zeitvorstellungen relativ vergrößert, und 
dass ihr Sinken sie verkleinert. Zugleich tritt aber dabei deutlich auch 
noch die andere Thatsache hervor, dass jede so entstehende Zeit- 
verlängerung eines Intervalls mit einer entsprechenden Zeitverkürzung 
des ergänzenden, auf der entgegengesetzten Seite des gehobenen Takt- 
schlags gelegenen Intervalls verbunden ist. Der verlängernden Nachwir- 
kung entspricht also regelmäßig eine verkürzende Vorauswirkung, und 
umgekehrt. 

Hiermit stimmen nun weiterhin auch diejenigen Erscheinungen überein, 
die man beobachtet, wenn statt des einen zwei Eindrücke in dem Drei- 
takt durch stärkere Intensität gehoben werden. Wieder sind hier drei 
Fälle möglich: entweder bilden die zwei Hebungen den Anfang oder 
den Schluss des Taktes, oder sie schließen den schwachen Takttheil ein. 
Danach gestalten sich in diesen drei Fällen die Erscheinungen folgender- 
maßen : 

-^ "lir- -Tff 

Die intensivere Taktgruppe erscheint verlängert, die schwächere verkürzt ; 
und wo zwei intensivere Taktschläge einen schwachen einschließen, da 
erscheint im allgemeinen der zweite betonte Schlag als der stärker be- 
tonte, und demnach die ihm vorangehende Pause als die relativ längere, 
so dass die beiden Gruppen 

-rfj- und -f^i- 

die sich in der Vertheilung der Betonungen symmetrisch ergänzen, in 
der Lage des längeren Intervalls mit einander übereinstimmen. 

Genau die gleichen Beziehungen ergeben sich endlich, wenn man, 
statt die Intervalle gleich zu machen und die Schallstärken zu ändern, 
umgekehrt die ersteren variirt und die letzteren constant lässt. Dann 
wirkt sowohl die vorangehende wie die nachfolgende längere Pause 
hebend auf den Eindruck, und es hängt von den besonderen Bedingungen 
der Vertheilung der Intervalle ab, welche dieser Wirkungen überwiegt, 
oder ob beide sich verstärken. Aehnlich wie schon bei dem objectiv 
gleichförmigen Dreitakt f f f (s. oben S. 56), beobachtet man aber 
hier stets zugleich zwei Grade der Hebung. Deuten wir die objectiv 
längeren Zeitintervalle zwischen den Taktschlägen durch größere Raum- 
strecken und die subjectiven Betonungen wieder durch Punkte an, so 



62 Zeitvorstellungen. 

ergeben sich demnach, unter Hinzunahme der Betonungen bei gleichen 
Zwischenzeiten, folgende Hauptfälle: 

• • • • 

Der dritte Fall ist dem ersten ähnlich, der vierte bildet die Umkehrung 
des zweiten, doch erscheinen beidemal die Betonungen verstärkt, indem 
dort die längere Pause einen ihr folgenden Schlag gegenüber dem un- 
betonten Takttheil mehr hebt, hier über diesen hinaus auf den dritten 
Schlag einwirkt, der daher im letzten dieser Fälle durch gleichzeitige Vor- 
und Nachwirkung am stärksten gehoben ist. Aehnliche Femewirkungen 
entstehen auch dann, wenn in zwei nach einander kommenden Gruppen 
die Intervallverhältnisse geändert werden. Dann können sich nämlich in 
der zweiten Gruppe unter der Nachwirkung der ersten die Betonungs- 
verhältnisse verschieden gestalten. So betonen wir: 

Hier werden also beide Gruppen zu einer Gesammtgruppe mit stei- 
gend-fallendem Rhythmus vereinigt. Für das Verständniss aller dieser 
Größentäuschungen bei unmittelbaren Zeitvorstellungen ist vor allem die 
bei kürzeren wie längeren Taktreihen sich aufdrängende Beobachtung 
maßgebend, dass es keine Aufeinanderfolge von Eindrücken gibt, die 
nicht irgendwie rhythmisch aufgefasst würde. Schon zwei oder drei 
Taktschläge, mögen letztere nun in gleichen oder ungleichen Intervallen 
einander folgen, bilden, auch wenn sie für sich allein stehen, ein rhyth- 
misches Ganzes, und dieser Eindruck wird nicht erst erzeugt, sondern 
nur verstärkt, wenn die gleiche Gruppe wiederholt wird. Nun spielt 
aber bei allen rhythmischen Vorstellungen die Spannung der Aufmerk- 
samkeit die herrschende Rolle. Sie ist hier wie überall wiederum in 
doppelter Weise wirksam: erstens als vorbereitende Spannung auf 
den kommenden Eindruck, und zweitens als Nachwirkung des voraus- 
gegangenen. Diese Wirkung übt an und für sich jeder irgendwie rhyth- 
misch eingeordnete Reiz aus. Sie wächst aber naturgemäß mit der 
Stärke desselben, sei diese nun eine objectiv gegebene oder bloß durch 
subjective Betonung, also durch die Aufmerksamkeit selbst erzeugte. 
Befindet sich irgendwo in einer Gruppe von Eindrücken ein in solcher 
Weise gehobener, so hängt es daher nun wiederum von seinem Ver- 
hältniss zu den vorausgehenden und nachfolgenden ab, ob die eine oder 
andere Richtung, die Vor- oder die Nachwirkung überwiegt. Halten 
sich die objectiven Momente nach beiden Richtungen das Gleichgewicht, 



Zeittluschungen , 



63 



SO ist allg^emein in der subjectiven Auffassung die Nachwirkung vor- 

herrschend: wir rhythmisiren daher f ff , und niemals f f f ~ ebenso 

^f~f~T~ i nicht 'f^f^; und wo Vor- und Nachwirkung zusammentreffen, 

da überwiegt ilir Effect über den der bloßen Nachwirkung, wir rhyth* 

mistren also " f ff 7 nicht ~f~f^ ^' In andern Fällen kann der Erfolg 

je nach den hinzutretenden Bedingungen ein abweichender sein: so, 

wenn in der Combination "*"* T/ im allgemeinen die Vorwirkung, 

in der andern 'f^ TT" umgekehrt die Nachwirkung des ersten und 

die Von^nrkung des zweiten gehobenen Eindrucks über eine etwa mög- 
liche Cumulation ihrer beiden Nachwirkungen auf die zeitUch weiter 
abstehende Gruppe überwiegt. Vor- und Nachwirkungen zusammen 
machen sich geltend, wenn wir eine Reihe leiserer Tak'tschläge, auf die 
wir gespannt die Aufmerksamkeit richten, oder wenn wir bei abwediseln- 
der Lenkung der letzteren jedesmal Bruchstucke einer Reihe, auf die 
wir gespannter hinhören, mit größeren Pausen zwischen den einzelnen 
Eindrücken verschen. Das ähnliche tritt endlich ein, wenn sich eine 
gleichmäßig ablaufende Taktreihe von selbst in ihrem Verlauf zu be-* 
schleunigen scheint: denn hier ist es der Anfang der Reihe, der die 
Aufmerksamkeit stärker fesselt. Nach allem dem können die vorliegenden 
Zeittäuschungen sämmtlich als Wirkungen der Aufmerksamkeits- 
vorgänge betrachtet werden, bei denen im allgemeinen eine Zunahme 
der Aufmerksamkeitsspannung eine Intensitätshebung des Eindrucks und 
je nach den besonderen Bedingungen eine scheinbare Vergrößerung der 
vorangehenden oder der nachfolgenden, und im Contrast hierzu eine 
Verkürzung der zugehörigen ergänzenden Zeitstrecke zu erzeugen strebt, 
unter welchen Wirkungen im allgemeinen die Nachwirkung überwiegt. 
Wo sich neben diesen fundamentalen Bedingungen der Aufmerksamkeit 
andere, den concreten Vorstellungsbeziehungen angehörende geltend 
machen, da sind diese wahrscheinlich durchweg secundärer Art: sie 
associiren sich ihrerseits erst den Phänomenen der wechselnden Auf- 
merksamkeitsspannung. So, wenn wir 2. B. eine scheinbar an Intensität 

abnehmende Reihe T'f.^^f ,^ ' * ' ^'^ eine besdileunigte Bewegung, 

oder wenn wir eine Gruppe von der Form / ff als eine zuerst sich 
beschleunigende und dann wieder sinkende Geschwindigkeit aufTassen. 
UeberaJl sind hier die veränderlichen Geschwindigkeits- oder Beschleuni- 
gungsvorstellungen die Wirkungen, nicht die Ursachen der Aufmerksam- 
keitsvorgänge. Die Bedeutung der letzteren für das Zeitbewusstsein tritt 



64 2^itvorstellangen. 

nun aber noch schlagender bei der zweiten Art von Zeittäuschungen her- 
vor: bei den Zeitverschiebungen. 

b. Zeitverschiebungen bei momentanen Eindrücken. 

Mit dem Namen der »Zeitverschiebungen« wurden oben jene Zeit- 
täuschungen belegt, bei denen gleichzeitige oder zeitlich wenig von ein- 
ander abweichende Sinneseindrücke derart gegen einander verschoben 
erscheinen, dass die in Wirklichkeit gleichzeitigen successiv wahrgenommen 
werden, oder dass eine wirklich vorhandene Succession umgekehrt wird, 
man also den früheren als den späteren und den späteren als den früheren 
auffasst. Solche Verschiebungen finden sich hauptsächlich zwischen dis- 
paraten Sinnesreizen, also zwischen Gesichts- und Gehörs-, Gesichts- und 
Tast-, Tast- und Gehörssinn. Bei Eindrücken innerhalb des gleichen Sin- 
nesgebiets kommen sie nur dann vor, wenn sie auf verschiedene Einzel- 
organe oder auf weit von einander entfernte Stellen eines und desselben 
Organs einwirken, z. B. auf die beiden Augen und Ohren oder auf eine 
Hautstelle der oberen und der unteren Extremität. Dass Reize auf das 
gleiche Ohr oder Auge oder auf eine und dieselbe Hautstelle zeitlich 
gegen einander verschoben würden, lässt sich dagegen niemals beobachten \ 

Die Zeitverschiebungen zwischen disparaten Sinneseindrücken sind es, 
die die Ausdehnung des Begriffs der Zeitschwelle von der Succession 
gleichartiger auf ungleichartige Sinneseindrücke in seinem eigentlichen 
Sinne unmöglich machen (S. 46). Stellt man z. B. solche Versuche an, um 
die Zeitschwelle für einen Licht- imd einen Schalleindruck zu bestimmen, 
die sehr rasch auf einander folgen, so kann es sich ereignen, dass bei 
einer und derselben zeitlichen Folge im einen Versuch der Schall- vor 
dem Lichteindruck, im andern dieser vor jenem, und in einem dritten beide 
gleichzeitig wahrgenommen werden. Dabei ist es aber in jedem dieser 
Fälle die Richtung der Aufmerksamkeit, welche die Erscheinung be- 
stimmt : innerhalb eines gewissen kleineren Spielraums der Zeitunterschiede 
wird derjenige Reiz zuerst aufgefasst, dem die Aufmerksamkeit zugewandt 

^ Es existirt allerdings in der Litteratur eine Angabe, die dem zu widersprechen 
scheint, und über die Fechner (Psychophysik, Bd. 2, S. 433) berichtet. Ein Dr. Hadbkamp 
theilte mit, es sei ihm einigemal begegnet, dass beim Aderlass das Blut scheinbar »aus 
der Ader hervorsprang, ehe der Schnepper losging«. Da Erscheinungen, die dieser Be- 
obachtung entsprechen, bei exacter Versuchsausfühnmg niemals vorkommen, auch wenn 
man die Aufmerksamkeitsbedingungen für den nachfolgenden Eindruck noch so günstig 
gestaltet, so muss man wohl annehmen, dass es sich bei den Beobachtungen des Dr. H. 
entweder um eine Erinnerungstäuschung gehandelt habe, oder dass er im Moment der 
Operation eine Äugenbewegung ausführte, in Folge deren er den einen Act mit dem einen, 
den andern mit dem andern Auge sah. Da bei Eindrücken auf beide Ohren Zeitverschie- 
bungen unter günstigen Umständen, namentlich bei sehr schwachen Eindrücken und starker 
einseitiger Richtung der Aufmerksamkeit, vorkommen können, so wäre immerhin das ähn- 
liche auch für beide Augen nicht aufgeschlossen. 



Zeittanscliungen. 



65 



istj und gleichzeitig werden die Reize nur bei diffuser, aicht einem 
bestimmten Sinnesgebiet zugekehrter Aufnierksamkeit wahrgenommen* 
Man darf wohl annehmen, dass bei den Versuchen ExNFRs über die 
»Zeitschwellen disparater Sinnesreize c die letztere Bedingung annähernd 
erfiiUt gewesen ist, da er eigentliche Zeitv^erschiebungen nicht beobachtete. 
Er fand nämlich die folgenden Mittel werthe in Tausendtheilen einer See. : 

zwitcben Gesichts- und Tasteindrnck* ....... 71 

» Tust- and Gesicbtsemdruck . ....... 50 

> Gesichts- und Gebörsemdrtick 160 

» Gehörs- und Gesichtseindruck 60 

# Geräu.schemp findungen der beiden Ohren . 64 

» Li chtein drücken auf beide Nebshantcentren . 17 



Die Verschiedenheit des Intervalls je nach der Reihenfolge der Ein- 
drücke erklärt sich hier leicht aus den abweichenden physiologischen Ver- 
hältnissen der Erregung und namentlich aus der verschiedenen Dauer des 
Ansteigens und der Nachwirkung der Reizung, welche die bedeutende 
Verlängerung der Schwelle bei vorangehendem Gesichtseindruck bewirkt. 
Ebenso erklärt es sich hieraus, dass, wenn ein Lichtreiz gleichzeitig mit 
einem Schall- oder Tastreiz einwirkt, man geneigt ist, letzteren zuerst zu 
appercipiren\ Gleichwohl geschieht dies keineswegs atisnahmslos^ sondern 
es können alle diese >ZeitschweUen« wesentliche Veränderungen erfahren, 
sobald nur die Aufmerksamkeit vorzugsweise einem Reiz zugewandt ist. 
In diesem Fall ist der bevorzugte Eindruck bei gleichzeitiger Einwirkung 
scheinbar auch der zeitlich vorangehende , und bei successiver erhalt 
man ganz abweichende Werthe, je nachdem die Aufmerksamkeit auf 
den ersten oder den zweiten Reiz gespannt ist. In allen diesen Fällen 
einseitig gerichteter Apperception äußern zugleich die sonst Rir die 
Schwelle maßgebenden Verschiedenheiten des Ansteigens und Verlaufs 
der physiologischen Reizung nur noch einen verschwindend kleinen mit- 
wirkenden Einfluss, der sich namendich darin kundzugeben scheint, dass 
die Zeitschwellen sehr viel größer werden, wenn sich die Aufmerk- 
samkeit vorwiegend den Gesichtseindrücken zuwendet. Doch kommt 
dabei wahrscheinlich außerdem in Betracht, dass die schneller ansteigen- 
den Reize, namentlich die des Gehörs, auch günstigere Apperceptions- 
bedingungen vorfinden. Denn man beobachtet durchweg, dass es bei 
gleichzeitiger Erregung verschiedener Sinne leichter ist, die Apperception 
auf den Schall als auf den Lichteindruck vorbereitend einzustellen. So 
kommt esj dass in diesen Fällen die unterschiede der Schwellen werthe 



* ExNSit, PflOgebs Archiv, Bd. 11, 1875, S. 406 ff. 



66 Zeitvorstellungen. 

außerordentlich groß werden, indem sie unter den günstigsten Bedingungen, 
wenn ein Gehörs- und ein Tastreiz einander folgen, nur wenige Tausend- 
theile einer See. betr^en, unter den ungünstigsten aber, wenn ein Gesichts- 
einem Gehörseindruck vorangeht und dem ersteren die Aufinerksamkeit 
entgegenkommt, bis zu '/xo See. und mehr ansteigen können. Außerdem 
verändern sich die beobachteten Zeitwerthe sehr bedeutend je nach der 
Richtung der Aufmerksamkeit auf den in Wirklichkeit vorangehenden oder 
den nachfolgenden Eindruck, wie dies die folgenden, von E. M. Weyer mit- 
telst des oben beschriebenen Zeitschwellenapparates (Fig. 314, S. 51) unter 
Anwendung elektrischer Reize (Lichtfunken, Knistergeräusche, elektrische 
Hautreize) gewonnenen Mittelwerthe bei drei Beobachtern (A, B, C) zeigen. 
(Die von der Aufmerksamkeit bevorzugten Reize sind cursiv gedruckt.) 

I. Aufinerksamkeit auf den ersten Eindruck gelenkt: 

ABC 

T H (Tast- und GehÖneindrnck, Tasteindniek voran] 35,9 »9,5 

H 1 ( > > » Gehöraeindruck voran) — 10,5 54 

T L (Tast- und Gesichtseindrack, Tasteindrnck voran) 20,4 28,9 

Z T { > > » Gesichtseindnick voran) 87,7 

H. L (Gehörs- and Gesichtseindruck, Gehörseindruck voran) 47,1 

Z H ( > » » Gesichtseindruck voran) 80,6 96,6 

II. Aufmerksamkeit auf den letzten Eindruck gelenkt: 

ABC 

T H (Tast- und Gehörseindruck, Tasteindruck voran) 78,6 90,4 ^,7 

H 7' ( > » > Gehörseindruck voran) 79,2 62,5 

T Z (Tast- und Gesichtseindruck, Tasteindruck voran) 23,2 49,9 

L 7* ( » > » Gesichtseindmck voran) 83,2 56,2 

H Z (Gehörs- und Gesichtseindruck, Gehörseindruck voran) 74,0 

L. 1/ { » * > Gesichtseindnick voran) 57,3 

Man ersieht ohne weiteres, dass diese Zahlen schon insofern eine wesent- 
lich andere Bedeutung als die gewöhnlichen Schwellenwerthe besitzen, 
als sie keine unter bestimmten Reizbedingungen ii^endwie constanten 
Größen bezeichnen, sondern in erster Linie offenbar Functionen der 
Energie und Richtung der Aufmerksamkeit sind. Daneben machen sich 
aber die Eigenschaften der Sinnesgebiete {selbst wahrscheinlich in einem 
doppelten Einflüsse geltend: in einem peripheren, durch den Verlauf der 
Erregung bedingten, und in einem centralen, der freilich zugleich mit den 
peripheren Eigenschaften zusammenhängt, indem die rascher verlaufenden 
Erregungen zugleich diejenigen zu sein scheinen, die am leichtesten und 
schnellsten appercipirt werden. In Folge dieser Verhältnisse sind die ge- 
fundenen »Schwellen* zwischen den beiden Eindrücken der mechanischen 



Zeittätischtingen. 



67 



Sintie, falls unter ihnen wieder der apperceptionsfähigere Reiz, der Schall, 
vorangeht, die kürzesten : sie zeigen in einzelnen Fällen sogar kleine nega- 
tive W'erthe, indem bei der Verbindung von Schall und Tastreiz nicht nur 
bei gleichzeitigem, sondern sogar bei kurx vorangehendem Tasteindruck die 
Succession Schall — Tastreiz empfunden wird (I, //T), Dagegen sind all- 
gemein die Schwellen größer, wenn auf den zuletzt kommenden Eindruck 
die Aufmerksamkeit gerichtet ist, ausgenommen beim Gesichtssinn, wo 
offenbar in Folge des langsamen Ansteigens der Lichtempfindung nun 
gerade diese Combination für eine verhältnissmäßig rasche Aufeinander- 
folge der Empfindungen meist die günstigere ist. 



c. Zeitverschieburigcn innerhalb einer stetigen Vorstellungsrelhe. 
( Co mplications versuche-) 

Verwickelter gestalten sich die Bedingungen, wenn nicht bloß zwei, 
soadern wenn mehrere disparate Sinneseindrückc gleichzeitig oder in rascher 
Folge emwirken. Unter den hier möglichen Fällen, in denen begreiflicher 
Weise die peripheren Bedingungen der Erregung noch mehr als im vori- 
gen gegenüber den centralen der Aufmerksamkeit zurücktretenj ist bis jetzt 
nur ein einziger näher erforscht : er besteht in den Zeitverschiebungen^ die 
sich einstellen, wenn in eine Reihe stetig einander folgender Gesichtsein- 
drücke in regelmäßigen Intervallen disparate Reize eingeschaltet werden. 
Nennt man die Verbindungen ungleichartiger Vorstellungen nach dem Vor- 
gang Herbarts •Complicationen«, so lassen sich Versuche dieser Art 
allgemein als >Comp]icationsversuche4, und die bei ihnen zur Anwendung 
kommenden Apparate als »Complicationsapparate« bezeichnen. Einen 
solchen, in der Astronomie längst angewandten Complicationsapparat stellt 
z. B. das »Passageinstrument« der Astronomen samt dem mit ihm zugleich 
benutzten Secundenpendel dar, wenn es bei der sogenannten >Auge- und 
Ohrmethode* zur Zeitbestimmung von Sterndurchgängen durch den Meri- 
dian des Beobachtungsortes benutzt wird. Der durch das eingetheilte Ge- 
sichtsfeld des Fernrohrs hindurchJaufende Stern bildet liier eine Reihe von 
stetig einander folgenden Gesichtseindrücken, die Pendelschläge der da- 
neben stehenden Uhr compliciren diese mit rcgelmäliig sich folgenden 
einzelnen Schallrcizen. Da jedoch bei diesen Beobachtungen nur im all- 
gemeinen aus den abweichenden Resultaten verschiedener Beobachter auf 
das Stattfinden einer Zeit^erschiebung zu schließen ist, deren Richtung 
und Größe unbekannt bleibt, so bedient man sich für psychologische 
Zwecke besser eigens construirtcr Vorrichtungen, die es gestatten, das 
wirkliche Zeitverhaltniss der Eindrücke mit dem scheinbaren zu vergleichen. 
Ein Apparat solcher Art ist die »Complicationsuhr«, die in ihrer Con- 
struction einer großen Gewichtsuhr mit VVindflügelregulirung zur Erhaltung 



68 



ZeitTorstellnngen. 



1 


ilt|, 


p^. 


\ 


V 


1 




^ ■ % ^■■■y 

i..,......,.,i.:!uJ... . 



constanter Geschwindigkeiten gleicht, aber in ihrer Geschwind^keit inner- 
halb weiter Grenzen variirt werden kann und außerdem mit einer Ein- 
richtung versehen ist, durch 
die im Moment des Vorüber- 
gangs des Zeigers an einem 
bestimmten Theilstrich des 

Zifferblatts ein Glocken- 
schlag ausgelöst wird. Zu- 
gleich ist die Stelle dieser 
Auslösung beliebig variirbar, 
so dass sie dem Beobachter, 
der den Gang des Zeigers 
verfolgt, unbekannt bleibt 
(Fig. 315)'. Hierbei ergfibt 
sich nun regelmäßig, dass 
im allgemeinen der Theil- 
strich des Zifferblatts, bei 

dem der Schalleindruck 
wahrgenommen wird, nicht 
dem Ort seines wirklichen 
Eintritts entspricht, sondern 
bald mit einem früheren bald mit einem späteren Punkte zusammenfallt. 
Entspricht also z. B. in Fig. 315 die angegebene Stellung des Zeigers dem 
wirklichen Ort der Verbindung, so wird der Schall nicht an den ent- 
sprechenden Punkt der Scale, sondern, wie dies die unterbrochenen Linien 
andeuten, entweder an einen früheren oder späteren verlegt. Ersteres 
können wir die n^ative ( — ), letzteres die positive Zeitverschiebung (+) 
nennen. Das Verhältniss beider pflegt man auch dahin zu definiren, »im 
ersten Fall werde zuerst gesehen, und dann gehört, im zweiten zuerst ge- 
hört, und dann gesehen«. Diese Formulirung ist jedoch thatsächlich un- 
richtig oder mindestens irreführend. Denn sie beruht auf der falschen 
Annahme, dass überhaupt Sehen und Hören untheilbare, je auf einen 
bestimmten Augenblick concentrirte und darum gewissermaßen einander 
ausweichende Vorgänge seien; und sie hängt daher mit der zuweilen ge- 
hegten Vorstellung zusammen, es könne in einem gegebenen Moment 
überhaupt nur ein Eindruck von der Aufmerksamkeit erfasst werden. 
Dies ist aber durchaus nicht der Fall, wie schon der Umstand beweist, 
dass zwischen den beiden Gegensätzen der positiven und der negativen 



^g* 315* Complicationsuhr, schematisch. 



* Vgl. die Beschreibung der nach diesem Princip construirten Complicationsuhr bei 
M. Geiger, Neue Complicationsversuche, Philos. Stud. Bd. 18, 1902, S. 349 ff. 



ZeittäaschuQgen. 



69 



Zeitverschiebung immerhin auch die Verschiebung Null als Grenzfall vor- 
kommt Zudem widerspricht jene meist den analogen astronomischen 
Erscheinungen zu Grunde gelegte Erklärung sovs'ohl der subjectiven Be- 
obachtung wie den unter verschiedenen Bedingungen eintretenden Modi- 
ficationcn der Erscheinung. Der Thatbestand des Bewusstseins ist nämlich 
bei diesen Versuchen keineswegs der, dass man etwa in einem bestimmten 
Moment bloß das Zifferblatt sieht, und in dnem andern dieses verschwin- 
det und der Glockenschlag auftaucht^ sondern man hat durchaus die Vor- 
stellung einer continuirlichen Zeigerbewegung ^ mit der sich an einer be- 
stimmten Stelle der Schall verbindet. Diese Verbindung ist also bei der 
positiven und bei der negativen ebenso gut wie bei der Zeitverschiebung 
Null eine simultane; und es handelt sich demnach auch nicht im mindesten 
in den beiden ersten Fidlen um eine Succession der Vorstellungen, die im 
dritten nicht vorhanden wäre, sondern lediglich um eine Zeittäuschung 
bei gleichzeitig vorhandenen Vorstellungen, die nur dann ver- 
schwindet, wenn sich die Motive zu positiver und negativer Verschiebung 
das Gleichgewicht halten. Diese Motive selbst bestehen nun aber, wie 
die weiteren Variationen der Bedingungen lehren, überall in Verände- 
rungen der Spannung und Richtung der Aufmerksamkeit. So 
übt z. B. jedes auszeichnende Merkmal, das man an den Theilstrichcn der 
Scale anbringt, oder eine ausgezeichnete Lage des Zeigers, wie die auf 
den obersten und untersten Punkt der Scale gerichtete, gewissermaßen 
einen Reiz auf die Apperception aus, und macht geneigt, den Schall mit 
dem betreffenden Punkt zu verbinden. Ein Beleg hierfür ist schon der 
Umstand^ dass auch dann, wenn, wie in Fig. 315, die Scale nur aus ganz 
gleichen Theilstrichcn besteht, man nicht leicht zwischen zwei Striche, 
auch wenn diese ziemlich weit von einander entfernt sind, den Schall 
verlegt'. Abgesehen von diesen Momenten, die bestimmten Raumpunkten 
einen Einfluss auf die Complication gestatten, sind aber drei Einflüsse die 
entscheidenden: die der Geschwindigkeit, der Richtung der Bewe- 
gung, und die der sogenannten Uebung, d. h., correcter ausgedrückt, 
die Summe der associativen und apperceptiven Wirkungen, die voran- 
gegangene Apperceptionen auf folgende ausüben. 

Der Einfluss der Geschwindigkeit lässt sich kurz dahin zusammen- 
fassen, dass bei langsamer Bewegung die Tendenz zu negativen Zeitiger- 
Schiebungen überwiegt, während bei größerer Geschwindigkeit die zu 
positiven vorwaltet. Dazwischen Hegt ein Indifferenzpunkt, bei dem die 



' Für (He Untersuchung solcher ModiücadoneQ ist es zweckmäßig, eine Reihe ver- 
schiedener eingctheilter Zifferblätter aus Carton anzufertigen. Bei der Construction des 
Apparates ist darauf Hedacht genommen^ dass solche Hülfsscheiben leicht eingesetzt wer* 
den können. 



jO Zeitvontellungen. 

Zeitverschiebungen durchschnittlich Null sind. Er findet sich individuell 
etwa zwischen einer Umdrehungsdauer des 25 cm langen Zeigers von 5 
bis 2 See. oder einer Geschwindigkeit von 28 — 48 cm-sec. Bei größeren 
Geschwindigkeiten wird dann die Verschiebung positiv, erreicht aber bald 
eine Grenze, bei der wegen der Undeutlichkeit des rasch bewegten Zei- 
gers eine bestimmte Complication nicht mehr möglich ist Auf der 
andern Seite bilden bei einer Umdrehungsdauer von 6 — 8 See. negative 
Zeitverschiebungen von 0,08 — 0,12' die äußerste Grenze, jenseits deren der 
Werth derselben rasch gegen Null sinkt, indem sich die Bewegung dem 
Punkte nähert, wo sie langsam genug ist, dass der Ort des wirklichen 
Schalls unmittelbar wahrgenommen werden kann. Dieser Einfluss der 
Geschwindigkeit complicirt sich femer noch mit dem der Richtung 
der Bewegung in dem Sinne, dass bei aufsteigender Bewegung die 
Neigung zu negativen, bei absteigender die zu positiven Zeitverschie- 
bungen vorwiegt. Diese Erscheinung ist, wie die Beobachtung der dem 
bewegten Zeiger folgenden Nachbilderscheinungen lehrt, durch jenen 
verschiedenen Energieaufwand bei der auf- und abwärtsgerichtetert Blick- 
bewegung bedingt, wie er sich an gewissen geometrisch-optischen Täu- 
schungen zu erkennen gibt (Bd. 2, S. 558 f). Bei der relativ erschwerten 
Auf\värtsbewegung bleibt nämlich der Blick hinter der Zeigerbewegung 
zurück, daher das Nachbild des Zeigers verbreitert erscheint, wogten 
bei der leichteren Abwärtsbewegung der Blick dem Zeiger unmittelbar 
fixirend zu folgen pflegt'. Diese Einflüsse der Geschwindigkeit und 
der Bewegungsrichtung bleiben nun auch bei längerer Fortsetzung der 
Beobachtungen ihrer allgemeinen Richtung nach bestehen; doch wer- 
den die Werthe der negativen Zeitverschiebungen kleiner, und diese 
erreichen schon bei einer geringeren Verlangsamung den Grenzwerth, von 
dem an sie wiederum sinken. Auf diese Weise nehmen bei fortgesetzter 
Wiederholung die Zeitverschiebungen überhaupt in ihrer Größe ab. Na- 
mentlich aber vermindern sich die anfänglich weitaus vorherrschenden ne- 
gativen Verschiebungen, während sich die positiven über ein weiteres 
Gebiet von Zeitwerthen ausdehnen'. Die Fig. 316 veranschaulicht diese 
Verhältnisse an zwei idealen Curven, von denen die an den einzelnen 
Beobachtern gewonnenen natürlich im einzelnen mannigfach abweichen. 
Die Abscissen entsprechen den Umdrehungszeiten des Zeigers von i 
bis 8 See. Die ausgezogene Curve enthält die Werthe einer ersten, von 



' Solche Nachbildversuche sind im Dunkeln auszuführen, indem man Zeiger und 
Theilstriche der Scale bei durchfallendem Licht als leuchtende Linien erscheinen lässt. 
Der Zeiger erscheint dann in der Phase der Aufwärlsbewegung stark verbreitert. Vgl. 
Geiger, a. a. O. S. 425 ff. 

' M. Geiger, a. a. O., vgl. die Curven S. 360 f. 



ZeittäQschungen. 



71 



großen zu kleineren Umdrehungszeiten fortschreitenden, die unterbrochene 
Curve die einer folgenden, unter dem starken Einfluss der Wiederholung 
stehenden Versuchsreihe, die umgekehrt von kleineren zu größeren Zeiten 
übergeht. Die Werthe aller Zeitverschiebungen sind hier vermindert, das 
Gebiet der positiven ist weiter ausgedehnt, und die negativen erreichen 
schon bei kleineren Zeiten ihren Maximalwerth. 




Fig. 316. Gang der Zeitverschiebungen an der Complicationflnlir, schematiscb. 



Bemerkenswerthe Abänderungen dieser Ergebnisse entstehen, wenn 
die stetige Reihe der Gesichtseindrücke nicht mit gleichförmiger, sondern 
mit zu- oder abnehmender Geschwindigkeit abläuft. Diese Bedingung 
wird verwirklicht, wenn man statt der gleichförmig stetigen Bewegung des 
Uhrzeigers der Complicationsuhr ein »Complicationspendel« anwendet. Auch 
bei diesem wird an irgend einer beliebig variirbaren Stelle des Vorüber- 
gangs eines Zeigers vor einer Kreisscala ein disparater Sinneseindruck 
erzeugt. Die Zeigerbewegung selbst wird aber direct durch die Schwin- 
gungen eines durch ein Gewichtsuhrwerk im Gang gehaltenen Pendels be- 
wirkt. (Siehe unten Fig. 319, S. 82.) Hier besteht beim Passiren des Zeigers 
durch die Mitte der Scala annähernd constante Geschwindigkeit, rechts 
und links dagegen je nach der Richtung der Bewegung eine nach dem 
Pendelgesetz ab- und zunehmende. Die nächste Veränderung, die diese 
Versuchsweise herbeifuhrt, besteht nun darin, dass die Tjei der Complica- 
tionsuhr in so augenfälliger Weise hervortretenden Einflüsse der »Uebung« 
fast ganz verschwinden, so dass in dieser Beziehung die Bedingungen viel 
constanter bleiben. Man darf dies wohl ohne weiteres darauf zurück- 
führen, dass eben der fortwährende Wechsel der Geschwindigkeit und 
ihrer Veränderungen die Adaptation an eine bestimmte Vorstellungsfolge 
nicht aufkommen lässt, da mit dem nach jeder Beobachtung vorgenom- 
menen Ortswechsel des complicirenden Eindrucks jedesmal auch eine 
Veränderung der Geschwindigkeitsverhältnisse eintritt. So kommt es, dass, 
während bei der vorigen Einrichtung der Werth und die Grenzen der 



72 



Zeitvorstellungen. 



Zeitverschiebungen in wenigen Stunden beträchtliche, wenn auch im all- 
gemeinen stetige Veränderungen erfahren, bei dieser variableren Versuchs- 
weise die gefundenen Werthe zwar hin- und herschwanken, aber in ihrer 
durchschnittlichen Größe annähernd constant bleiben. Im übrigen stimmen 
jedoch die Ergebnisse durchaus mit den vorigen überein, nur dass die 
negativen Zeitverschiebungen fortwährend stark üben\iegen, um erst bei 
den größten Geschwindigkeiten positiven Platz zu machen. Daneben 
complicirt sich der auch hier auftretende Einfluss der Bewegungsrichtung 
mit dem der Geschwindigkeitsänderung, indem die bei der aufwärts 
gehenden Bewegung bestehende Neigung zu negativer Verschiebung, 
wenn sie mit einer Phase beschleunigter Pendelbewegung zusammentrifft, 
beträchtlich verstärkt wird, und ebenso umgekehrt bei abwärts gerichteter 
Bewegung die abnehmende Zeigergeschwindigkeit der positiven Verschie- 
bung begünstigend entgegenkommt (S. 70). Die folgenden Mittelwerthe, 
aus einer großen Zahl während eines Monats täglich ausgeführter Versuche 
an mir selbst gewonnen, veranschaulichen diese Verhältnisse, c bedeutet 
die Winkelgeschwindigkeit des Zeigers, d die Geschwindigkeitsänderung, 
und zwar +^' die Beschleunigung, — d die Verlangsamung. Die Zeit- 
verschiebungen sind in Tausendtheilen der See. angegeben'. 



c 


+ .' ! 




— f' 






bis 10 


10 bis 20 


20 bis 40 1 


bis 10 


10 bis 20 


20 bis 40 


5 bis 7 


-124 


— 70 




— 120 


+ 76 


+ 69 


7 bU 9 


-95 


— 73 






+ 76 


+ 79 


9 bis II 


— 82 


-69 


-55 


+ 83 


+ 77 


+ 69 


II bis 13 




-69 


-55 


1 


4-77 


+ 69 



Lässt man statt des Schalls andere annähernd momentane Sinnesreize, 
z. B. Druck- oder elektrische Hautreize einwirken, so erfahren diese Zeit- 
verschiebungen keine irgend merklichen Aenderungen. Dagegen treten 
solche um so augenfälliger hervor, wenn die Erscheinung dadurch com- 
plicirt wird, dass man eine Mehrheit disparater Eindrücke in die 
stetig ablaufenden Gesichtsvorstellungen einschaltet'. Der einfachste und 
zugleich lehrreichste Fall letzterer Art ist hier wiederum der, wo diese 
weiteren Reize sämmtlich in einem und demselben Zeitmoment einwirken. 
Tritt auf diese Weise zu dem Schall- ein gleichzeitiger Tasteindruck, so 



' Weitere Versuche an mehreren Beobachtern mit im wesentlichen übereinstimmen- 
den, nur individuell etwas variirenden Resultaten vgl. bei Chr. D. Pfxaum, Philos. Stud. 
Bd. 15, 1899, S. 139 flf. 

» W. VON TcHiscH, Philos. Stud. Bd. 2, 1885, S. 603 ff. 



Zeittäosclmflgen. 



73 



werden diese beidea momentanen Reize in der Regel simoltan auf- 
gefasst; die Zeitverschiebung nimmt aber nun im Vergleich mit der 
einfachen Complication ab, wenn sie auch im allgemeinen noch vor- 
wiegend negativ bleibt. IJisst man ferner statt der disparaten sehr ver- 
schiedene Reize innerhalb eines und desselben Sinnesgebiets einwirken, 
auf die man gleichzeitig die Aufmerksamkeit richtet , so verhalten sich 
solche annähernd ähnlich wie disparate Reize. Man erhält also eine ähn- 
liche Verminderung der Zeitverscliiebung, wenn man statt eines Schall- 
^ und Tastreizes zwei qualitativ sehr verschiedene Schallreize, z. B, einen 
Glockenton und einen If ammerschlag, oder ebensolche Tastreize, z. B* 
einen Druck- und einen elektrischen Hautreiz^ verbindet. Diese Thatsache 
macht es leicht^ die Zusammensetzung der Complication noch weiter zu 
steigern. Fügt man so zu den vorigen noch einen dritten ungleich- 
artigen Eindruck^ etwa zu dem Schall- und Druckreiz einen elektrischen 
Hautreiz, so schlägt nun die Zeitverschiebung regelmäßig in positive 
Werthe um, und die Größe der letzteren wird noch weiter vermehrt, 
wenn man zu einer Complication vierten Grades (mittels eines zweiten 
ungleichartigen Schallreizes) übergeht. Zugleich zeigt sich aber, dass 
sich die verschiedenen Reize eines und desselben Sinnesgebiets wieder 
abw^eichend verhalten, je nachdem sie Bedingungen mit sich führen, die 
eine Association der einzelnen Eindrücke in eine einzige Vorstellung ver- 
anlassen können, oder aber andere, die einer solchen im Wege stehen. 
Am leichtesten lassen sich diese verschiedenen Verhältnisse bei Tast- 
eindrücken herstellen. Reizt man nämlich benachbarte Stellen der Haut, 
so werden die Eindrücke zu einer räumlichen Vorstellung vereinigt; reizt 
man aber ganz verschiedene Theile, z. B. Hand und Fuß, Arm und Bein 
u. s. w. , so verhalten sich die Eindrucke ganz wie disparate Sinnes* 
reize. Auch im ersten dieser Fälle erfolgt nun bei der Hinzufügung 
des zweiten Eindrucks zu der primären Complication eine Abnahme der 
Zeitverschiebung, und diese wird noch größer bei einem dritten und 
vierten Eindruck; aber quantitativ ist die Veränderung viel geringer als 
im zweiten Falle, so dass selbst bei drei zur primären Complication hin- 
zugekommenen, zu einer Gesammtvorstellung associirten Eindrücken die 
Zeitverscliiebung vonviegend negativ bleibt Beide Formen der Zusammen- 
setzung lassen sich nun aber auch in beliebiger Weise mit einander com- 
biniren. In solchen Fällen ergibt sich dann der resultirende Einfluss im 
allgemeinen aus einer Addition der einzelnen Wirkungen , welche die zu- 
sammenwirkenden Complicationen und gleichartigen Associationen für sich 
hervorgebracht haben würden. Die Fig. 317 zeigt diese Verhältnisse an 
drei Beispielen, Dieselbe bezieht sich auf Versuche am Complicadons- 
pendel, jedoch ohne merkliche Geschwindigkeitsänderung: die Eindrücke 



74 



Zeitvontellnngen. 



fielen also annähernd mit der Nullstellung des Zeigers zusammen. Die 
negativen Zeitverschiebungen sind durch negative, die positiven durch 
positive Ordinalen zur Abscissenlinie XY dai^estellt, die Zeitwcrthe in 
Zehntausendtheilen einer See. als Mittelwerthe aus den drei benutzten 
Geschwindigkeiten (5,69 — 7,25 — 10,30) beigefugt. Die Curve a ent- 
spricht einer Reihe reiner Complicationen bis zu 4 Eindrücken: bei i 
liegt die Zeitverschiebung der primären Complication, bei 2, 3 und 4 sind 
die entsprechenden Wcrthe einer doppelten, einer drei- und vierfachen 
aufgetragen. Die Curve b entspricht einem successiven Hinzutritt von drei 



^..— -^i*# 




Fig- 317- Veränderung der Zeitverschiebungen durch mehrfache Complicationen 
und gleichartige Associationen. 



gleichartigen Associationen (bei 2, 3 und 4) zur primären Compli- 
cation (i). Endlich die Curve c gibt eine Versuchsreihe, in der zur 
primären Complication zuerst eine gleichartige Association hinzutrat (2), 
worauf sich dann drei weitere Complicationen (3, 4, 5) anschlössen. Aus 
dieser Darstellung erhellt unmittelbar der stärkere Einfluss, den die eigent- 
liche Complication im Vergleich mit den gleichartigen Associationen aus- 
übt, und zugleich die allmähliche Verminderung der Wirkung in beiden 
Fällen mit der Vermehrung der Zahl neuer Eindrücke. 

Die psychologische Interpretation aller dieser an den Complications- 
apparaten zu beobachtenden Erscheinungen ergibt sich ohne Schwierigkeit, 
wenn man sich die Wirkungen vor Augen hält, die bei der Bestimmut^ 



ZeittÄwclittiigcii, 



75 



der sogenannten »Zcitsch wellen disparater Sinnesreize« der Einfluss der 
Aufmerksamkeit ausübt (S. 66). Der Eindruck, auf den die Aufmerksam- 
keit gferichtet ist, wird stets auch zeitlich bevorzugt. Unter sonst gleichen 
Bedingungen sind aber Schalleindrücke nicht bloß durch die kürzere Zeit 
der psychologischen Erregung, sondern auch durch die gunstigere Dis- 
position der Aufmerksamkeit den andern Sinnesreizen, und am meisten 
den Gesichtsreizen überlegen. Nun machen sich diese allgemeinen Be- 
dingungen bei den CompHcationsversuchen mit der Modification geltend, 
dass die auf einen bestimmten, im allgemeinen bereits vorher bekannten 
Zeitpunkt gerichtete Erwartung hinzutritt. Denn zwei wesentliche Be- 
dingungen dieser Versuche bestehen darin, dass man erst auf Grund 
mehrerer Vorübergänge des Zeigers eine bestimmte Vorstellung von dem 
Ort des hinzukommenden Eindrucks gewinnt | und dass man sich un- 
befangen, ohne willkürliche Bevorzugung eines bestimmten Eindrucks 
der Erscheinung hingibt, so also, dass die Aufmerksamkeit durch die Ein- 
drücke gelenkt, nicht umgekehrt die Eindrücke durch eine der Aufmerk- 
samkeit willkürlich ertheilte Richtung beeinflusst werden*. Nun kann an 
und für sich die Association des hinzutretenden Eindrucks mit irgend einem 
in der stetigen Reihe der Gesichtsbilder innerhalb ziemlich weiter Grenzen 
schwanken, da die Apperception eines Reizes stets eine gewisse Zeit 
braucht, und diese Zeit, wie schon die Versuche über die »Zeitschwellen 
disparater Reize« zeigen, von der Spannung der Aufmerksamkeit abhängt. 
Diese letztere Abhängigkeit steigert sich nun in ganz besonderem Maße 
bei erwarteten und vollends bei regelmäßig sich wiederholenden, also für 
einen bestimmten Zeitpunkt erwarteten Eindrücken. Da außerdem aber 
der Gehörs- und bis zu einem gewissen Grade auch der Tastsinn durch 
die günstigere Disposition der Aufmerksamkeit bevorzugt ist, so ergibt 
sich hieraus ohne weiteres die allgemein zu beobachtende Tendenz zu 
negativen Zeitverschiebungen. Diese sind natürlich nicht so aufzufassen, 
als wenn man einen Reiz wahrnehme, noch ehe er wirklich stattfindet; 
sondern in eine Reihe von Gesichtsein drücken, die im Bewusstsein die 
simultane, aber stetig fließende Vorstellung eines Zeitverlaufs bilden, 
tritt ein momentaner Schall- oder Tasteindruck ein, der als solcher nur 
mit irgend einem einzelnen Punkt dieser Zeitvorstellung associirt werden 
kann: mit welchem, dies hängt lediglich von den Bedingungen theils des 



* Allerdings folgen auch dann, wenn nicht in dieser Weise »naiv*, aondem irgend- 
wie »retlectirend* beobachtet wird, die Erscheinungen einer mit der ersteren Methode in 
den lilgemeinsten Zügen übereinstimmenden Regelmäßigkeit. Doch documentireD sich da- 
bei solche »redectirende* Versuche durch manche Abweichungen als gestörte, und sie 
&itid theils darum theils nach den allgemeinea Regeln psychologischer Beobachtung für 
das Sttiditini der Erscheintingeii jedenfalls wenig geeignet. Vgl. hierüber Geiger, a. n. O. 
S. 3S2 (f. 



j6 Zeitvontellangen. 

Eindrucks selbst, theils seiner Apperception ab. Je mehr die Aufmerk- 
samkeit auf ihn gespannt ist, um so mehr wird er an den Anfang der 
ihm zugeordneten Zeitstrecke des Gesichtssinnes verschoben, je mehr jene 
Spannung erschwert ist oder aus irgend welchen Ursachen abnimmt, um 
so mehr rückt er gegen das Ende derselben. Nun wird die Spannung 
der Aufmerksamkeit vor allem durch die zunehmende Geschwindigkeit 
der gesehenen Beweg^mg erschwert: mit ihr nimmt daher die n^[ative 
Verschiebung ab und geht schließlich in ihr Gegentheil über. Anderseits 
besteht bei einer stetig veränderlichen Geschwindigkeit die Neigung, den 
Eindruck mit einem der deutlicheren Gesichtsbilder zu associiren; deutlicher 
sind aber immer die Stellen, bei denen sich der Zeiger langsamer bewegt: 
sie liegen bei zunehmender Geschwindigkeit am Anfang, bei abnehmender 
am Ende der Zeitstrecke, daher dort die Neigung zu negativen, hier die 
zu positiven Verschiebungen. Einen analogen Einfluss übt außerdem die 
von der Bewegungsrichtung abhängige Energie der Blickbewegung: je 
schwerer diese dem Gesichtsreiz folgt, um so eher tritt negative, im um- 
gekehrten Fall positive Verschiebung ein. Hier hängen dann auch diese 
Einflüsse eng mit dem willkürlich angebrachter auszeichnender Merkmale 
zusammen, die überall die Tendenz einer Verbindung des hinzutretenden 
Eindrucks mit ihnen herbeifuhren. Von entgegengesetzter Art sind da- 
gegen die Wandlungen der Aufmerksamkeit dann, wenn durch häufige 
Wiederholung der Beobachtungen bei gleicher Geschwindigkeit eine Ein- 
übung der Associationen eintritt. Eine solche ist hier wie überall mit 
einem Nachlass der Aufmerksamkeitsspannung auf den erwarteten Ein- 
druck und zugleich mit größerer Sicherheit der stattfindenden Associatio- 
nen verbunden: so erklärt sich die starke Abnahme der Zeitverschiebungeü 
unter den an der Complicationsuhr obwaltenden gleichförmigen Bedin- 
gungen, sowie ihre Tendenz, allmählich von der negativen auf die positive 
Seite überzugehen. 

Innerhalb der durch den Umfang unserer simultanen Zeitvorstellungen 
und durch die Genauigkeit derselben bestimmten Grenzen variabler Zu- 
ordnung der Eindrücke ist demnach das scheinbare Zusammenfallen der 
letzteren überhaupt nicht von ihrem wirklichen Zusammenfallen, son- 
dern einzig und allein von dem Spannungswachsthum der Aufmerk- 
samkeit abhängig. Dieses Spannungswachsthum wird aber durch die 
Geschwindigkeit bestimmt, mit der sowohl die complicirenden Reize wie 
die Gesichtszeichen auf einander folgen. Bei einer bestimmten Geschwin- 
digkeit der ersteren kann sich die Anpassung der Aufmerksamkeit gerade 
von einem Eindruck zum andern vollenden: hier ist daher die Zeit- 
verschiebung durchschnittlich null. Bei größerer ist die Anpassung noch 
nicht vollendet, bei den gewöhnlichen mäßigeren Geschwindigkeitsgraden 



Zeittäuschungen, 



77 



dagegen ist sie früher vollendet: daher dort die positive, hier die negative 
Zeitverschiebung. Außerdem ist die Anpassungsgeschwindigkeit aber auch 
von der Succession der Gesichtsvorstellungen abhängig. Sie ist größer, 
wenn diese rascher, kleiner, wenn sie langsamer einander folgen, weil 
linwiJlkiirlich der Spannungswechsel von der Succession der ablaufenden 
Vorstellungsreihe bestimmt wird: daher die größte negative Zeitverschie- 
bung bei verhältnissmäßig langsamer Succession sowohl der Gesichtsbilder 
wie der hinzutretenden Reize. Tritt nun femer zu dem ersten ein zweiter 
disparater Eindruck, so wird dadurch die Spannung der Aufmerksamkeit 
erschwert, und sie bedarf daher einer längeren Zeit als bei bloß einem 
Eindruck, Hieraus erklärt sich unmittelbar die eintretende Abnahme der 
negativen Zeitverschiebungen, Diese Abnahme wird dann naturgemäß 
noch größer bei drei- oder gar vierfacher CompHcation; zugleich lehrt 
aber der Versuch, dass die relative Erschwerung, die jeder neue Eindruck 
hinzufügt, verhältnissmäßig immer kleiner wird. Dem geht offenbar die 
leicht zu bestätigende Erscheinung parallel, dass die complicirte Vor- 
stellung fortwährend an Klarheit abnimmt, indem die disparaten Eindrücke 
allmählich sich merklich stören. Man wird daher annehmen dürfen, dass 
jene relative Verminderung von der Abnahme der für jeden einzelnen 
Eindruck disponibeln Spannung herrührt, indess die Gesammtspannung 
bis zu vier Eindrücken zunimmt, hier aber auch, wie der Verlauf der 
Curven a und c m Fig. 317 lehrt, schon der Grenze nahe zu sein 
scheint, die sie überhaupt erreichen kann. Besteht dagegen die Vermeh- 
rung der Emdrücke in einer Hinzufiigung gleichartiger Reize, so wird 
hierdurch der Aufmerksamkeit ein weit geringeres Wachsthum ihrer Span- 
nung zugcmuthet, da es verhältnissmäl3ig leichter ist, eine Vielheit solcher 
Eindrücke in eine einzige Vorstellung zusammenzufassen. So erklärt sich 
die geringere Abnahme der Zeitverschiebung im letzteren Falle. Nimmt 
man demnach die primäre CompHcation {\ Fig. 317) zum Ausgangspunkt, 
so lassen sich nach den in den anderen Fällen eintretenden Veränderungen 
die Erschwerungen der Appcrception ermessen, die mit der Zusam- 
mensetzung der Eindrücke durch steigende Complication oder gleichartige 
Association eintreten» Nimmt man an, dass bei gleich bleibender Ge- 
schwindigkeit der Gesichtseindrücke und der Intervalle des hinzutretenden 
Reizes die Spannung der Aufmerksamkeit in allen Fällen im gleichen 
Zeitmoment zu wachsen beginne, so können dann jene Differenzen un- 
mittelbar als Verzögerungswerthe der Aufmerksamkeit oder auch, mit 
Rücksicht auf den hinzutretenden Eindruck, als Zeitwerthe für die Ver- 
bindung des neuen Eindrucks mit der primären Complication 
angesehen werden. Wenn also z. B. die bei der letzteren vorhandene 
negative Zeitverschiebung in einer Versuchsreihe um 55, 7^^ (1 ff ^0,001 See.) 



78 



ZeitTorstellnngen. 



abnimmt, sobald ein zweiter disparater Eindruck hinzukommt, so werden 
wir diese 55,7*^ als die Zeit ansehen dürfen, welche die zur primären 
hinzutretende erste Complication zu ihrem Vollzug bedarf. Auf diese 
Weise ergeben sich aus den durch die obigen Curven dargestellten Mit- 
telzahlen die Zeiten: 

der ersten Complication einer einfachen Vorstellung (Curve a) 55,7 

der zweiten » ^ » , * 40,9 

der dritten * » » » > 10,3 

der ersten gleichartigen Association einer einfachen Vorstellung (Cnrve 6] 27,7 

der zweiten » » » » > > 19^9 

der dritten » » » > > » 10,2 

der ersten Complication einer zusammengesetzten Vorstellung (Curve c, 41,6 

der zweiten » » » » > 29,1 

der dritten » » > » » 12,6 



Mit den Bedingungen der primären Complication eines Schalleindrucks 
mit einer Gesichtsreihe stimmen im wesentlichen auch die der astronomi- 
schen Zeitbestimmungen nach der sogenannten Auge- und Ohr-Me- 
thode tiberein. Bei dieser Methode bedient sich der Astronom eines um 
eine Horizontalachse im Verticalkreis des Meridians drehbaren Fernrohrs, des 
Passageinstruments. Zur Orientirung im Gesichtsfelde dient ein in der ge- 
meinsamen Focalebene der Objectiv- und Ocularlinse ausgespanntes Faden- 
netz, das gewöhnlich aus 2 Horizontalfaden und aus 5, 7 oder mehr Vertical- 
fäden besteht. Das Femrohr wird so aufgestellt, dass der mittlere Verticalfaden 
genau mit dem Meridiane zusammenfällt. Einige Zeit, ehe der Stern diesen 

Faden erreicht, sieht man nach 
der Uhr und zählt dann, wäh- 
rend man durch das Femrohr 
blickt, nach den Schlägen der 
Uhr die Secunden weiter fort. 
Da nun der Stern, namentlich 
wenn er eine größere Geschwin- 
digkeit besitzt^ selten mit dem 
Secundenschlag durch den Me- 
ridian treten wird, so muss sich 
der Beobachter, um auch noch 
die Bruchtheile einer Secunde 
bestimmen zu können, den Ort 
des Sterns bei dem letzten Se- 
cundenschlag vor dem Durch- 
tritt und bei dem ersten Secundenschlag nach dem Durchtritt durch den 
Mittelfaden des Femrohrs merken und dann die Zeit nach dem durchmessenen 



Fig. 318. Schema der astronomi»chen Durchgangs- 
beobachtungen bei der Auge- und Ohrmethode. 



^ Dies ist immer der Fall, weil man die Methode, so wie sie oben beschrieben ist, 
nur bei solchen Sternen anzuwenden pflegt, die nicht allzufern vom Himmelsäqoator liegen. 
Bei dem Polarstem ist die Beobachtungsweise eine andere^ worauf wir hier nicht näier 
eingehen können, da dieselbe für die vorliegende Frage ohne Interesse ist. Vgl. darüber 
Petbrs, Astronomische Nachrichten, Bd. 49, S. 16. 



Zeittäuschuogen« 



79 



Raum einibeÜen. Gesetzt z. B. man habe 20 Secunden gezählt, bei der 21. Se- 
cunde befinde sich der Stern im Abstand ac^ bei der 22, im Abstand bc von 
dem Mittelfaden c (Fig. 31SJ, und es verhalten sich ac \ bc wie i : 2 , so 
muss, da die ganze Distanz ab in einer Sectmde durchlaufen wurde, der 
Stern den Mittelfaden c bei 2173 See. Uhrzeit passirt haben. Offenbar sind 
nun die Verhältnisse bei diesen Beobachtungen ganz ähnliche wie bei unsern 
Versuchen. Die Bewegung des Sterns vor den Verticalfäden des Fernrohrs 
gleicht der Vorbeibewegung des Zeigers vor der Scala. Es wird also auch 
hier eine Zeitverschiebung erwartet werden können, die bei größeren Ge- 
schwindigkeiten leichter im positiven Sinne, im entgegengesetzten Fall leichter 
im negativen stattfinden wird* Die Beobachtungen der Astronomen geben 
keine Möglichkeit, die absolute Größe dieser Zeitverschiebung zu bestimmen. 
Aber die Existenz derselben verräth sich darin, dass, nachdem alle sonstigen 
Fehler der Beobachttmg eliminirt sind, stets zwischen den Zeitbestimmungen 
je zweier Beobachter eine persönliche Differenz bleibt. Sie beläuft sich in 
\ielen Fallen nur auf Zehn- oder Hünderttheile einer Secunde, in andern 
kann sie eine volle Secimde und darüber betragen. Es ist wohl kaum zu 
bezweifeln, dass bei den kleineren persönlichen Gleichungen die Zeitverschie- 
bungen der zwei Beobachter im selben Sinne stattfinden und nm* von ver- 
schiedener Größe sind ; bei größeren persönlichen Gleichungen werden da- 
gegen auch Unterschiede in der Richtung der Zeit Verschiebung zu en^'arten 
sein. Dabei kommt überdies in Betracht, dass bei jeder Durch gangsbestim- 
mung eine doppelte Lagebestimmung des Sterns stattfindet, daher die indivi- 
duellen Unterschiede der Zeitverschiebung sich verdoppeln müssen'. Hieraus 
erklärt es sich^ dass die persönliche Gleichung meistens größer ist, als man 
nach den unter einfacheren Bedingungen erhaltenen Zeitwerthen der obigen 
Com plicationsv ersuche erwarten würde. Die Vergleichung der Differenzen 
einzelner Beobachter, die in mehreren Fällen durch viele Jahre hindurch 
fortgesetzt wurde« zeigt auJQerdem. dass dieselben keineswegs constant sind. 
Offenbar stehen also die individuellen Bedingtmgen der Aufmerksamkeit nicht 
stille, sondern sie sind theils unregelmäßigeren Schwankungen, theils aber 
auch länger dauernden stetigen Veränderungen unterworfen. So erfuhr 2. B. 
die persönliche Gleichung zwischen den Astronomen Main und Robertson 
vom Jahre 1840 bis 1853 folgende Veränderungen: 



M—R 


M—H 


1S40 — 0,1^^ 


1S48 +0,37' 


41 -ho,o8 


49 + 0,39 


45 -f 0,20 


SO + 045 


44 H-o,iS 


5« +047 


45 -f 0,20 


52 -h 0,63 


46 4- 0,26 


53 +0.70 


47 +0.3S 





' A&GELANDEK bemerkt« ferner in einer un die erste Mittheiitmg meiner 'l'ersuche 
anf der Natnrforscherversammlung zu Speyer sich anschließenden Debatte, dass bei der 
Btobftcbtung des Sterns nach dem Durchgang durch den Mittel faden die Anfmerksamkeit 
ertchöpft sei, weshalb man hier den Stern beim Secundenschlag^ zuweilen an zwei Orten 
sa sehen glaube, deren Zeitdistaivi 0,1 — 0,1$' betragen könne, (Tageblatt der Natur- 
fauche rversammlnng zu Speyer, 1861, S, 25.) 



So 



ZcitvorstcUungen. 



Es ist augenscheinlich, dass hier, von einer sehr kleinen Schwankung (zwi- 
schen 1843 und 45) abgesehen, die persönliche Gleichung in einer stetigen 
Zunahme in positivem Sinne begriffen ist, so dass die ganze Veränderung 
innerhalb der 13 Jahre 0,85' erreicht Innerhalb eines einzigen Tages be- 
obachteten Wolfers und Nehus Differenzen bis zum Betrag von Oj22*\ Um 
die absolute Größe des von einzelnen Beobachtern begangenen Fehlers zu 
bestimmen, sind dann bereits im astronomischen Interesse Versuche ausgeführt 
worden J. Haktmann imd N. C. Wolff ließen einen künstlichen Stern 
durch den mittleren Vertical faden des Femrohrs passiren und verglichen die 
nach Secundenschlägen geschätzte mit der wirklichen Zeit des Durch tritts*. 
WoLiF fand so bei sich selbst während melirerer Monate eine durchschnitt- 
lich um Ojio' verfrühte Auffassung der Durchgangszeit, Größe und Richtung 
dieses Fehlers wiurden nicht geändert, wenn nicht Schalleindrücke, sondern 
in gleichen Intervallen folgende Lichtsignale die Zeitmomente angaben* Wurde 
die Geschwindigkeit der Bewegung vergrößertj so verspätete sich die Auffas- 
sung etwas, was mit den oben erlialtenen Rei^ultaten übereinstimmt. Ebenso 
erklärt sich aus dem oben ennittelten Eiotiuss der Geschwindigkeit die schon 
von Bessel beobachtete Erscheinung, dass sich die persönliche Differenz be- 
deutend vermindert, wenn man eine Uhr^ die ganze Secunden schlägt, mit 
einer solchen vertauscht, die halbe angibt Endlich wird die allgemein von 
den Astronomen gemachte Wahrnehmung j dass bei der Beobachtung plötz- 
licher Erscheinungen alle persönlichen Differenzen kleiner sind^, zum Theil 
darauf zurückzuführen sein, dass in diesem Fall nur noch e'me positive Zeit- 
verschiebung stattfinden kann, während die größten Werthe der Differenz 
dann entstehen müssen, wenn bei dem einen Beobachter eine positive, bei 
dem andern eine negative Verschiebung existirt* 

Für psychologische Zwecke, bei denen es darauf ankommt^ die Abhängig- 
keit der Zeitverschiebungen von den verschiedenen äußeren Bedingungen zu 
ermitteln, sind vor allem solche Verfahrungsweisen zu ivählen, bei denen man 
leicht die Geschwindigkeit der Eindrücke variiren sowie eventuell auch zu- 
und abnehmende Geschw^indigkeiten herstellen kann. Diese Bedingungen er- 
füllt der Pendelapparat für Complicationsverstiche, und für gleich- 
förmige Geschwindigkeiten, die zugleich in erheblich weiteren Grenzen variirt 
werden können, die oben erwähnte Complicationsuhr, l>a bei beiden 
Apparaten die Einrichtungen für die Auslösung der complicirenden Reize 
übereinstimmen, so beschränken wir uns hier auf die Beschreibung des im 
ganzen einfacher gebauten Pendelapparats*. Derselbe ist im wesenthchen 
eine Pendeluhr mit veränderlicher Pendellänge. Auf einem Fußbrett, das 
durch drei Stellschrauben und mit Hülfe eines an dem Faden g hängenden 



I 



^ PsTKiis, Astronomische Nachrichten, Bd. 49, S. 20. 

' J. Hartmann, Grunerts Archiv f. Mathematik ü. Physik, Bd. 31, 1S58, S. i f. 
N. C. WoLFF, Recherches sur r^quation personnelle. ]Ann. de robservatoire de PariÄ, t. 8, 
1865. Im Auszug in der Vierteljahrsschr. der Astronom* Gesellscli. Bd. i, S. 236 f,) 

^ Vgl Peters, a, a. O. S. 21. 

* Die von dem Mechaniker E, ZiraniennRnn gebaute neue ComplicationsuhrT die ein 
auf Mattglas angebrachtes Zifferblatt von 20 cm Radius besitzt, das elektrisch erleuchtet 
werden kann^ lässt sich übrigens ebensowohl zu exacten Versuchen wie zur Demonstration 
der Complicationsersclieinungen verwenden. 




Z«ittäusckange%i. * 3^ 

Lothes nivellirt wird, befindet sich eine hölzerne Säule M von 120 cm Höhe. 
Der obere Theil derselben samt den damit zusammenhängenden wesentlichen 
Theilen ist in Fig. 319 abgebildet. Auf dem obern Ende der Säule- Jl/ sitzt 
eine Messingplatte m fest, auf die hinten der Scalenhalter n und vom das 
Zeigerwerk festgeschraubt ist. Der erstere hat zwei divergirende Arme o\ 
an deren oberem Ende zwei auf der Fläche der Arme senkrechte Säulchen 
aufsitzen, welche die Scale S tragen. Der Radius der Scale und des Zeigers 
beträgt 17 cm. Am rechten Arm J des Halters befindet sich eine kleine 
Messinghülse h^ in der die Glocke G vermittelst ihres Stiels b festsitzt. Die- 
sen kann man samt def Glocke in der Hülse emporschieben und durch An- 
ziehen der Schraube s feststellen. Es geschieht dies, falls man, wie z. B. 
in Tastversuchen, das Anschlagen der Glocke bei den Bewegimgen des Uhr- 
werks und des Hebels vermeiden will. Die Drehungsachse des Zeigers Z ist 
mit einem kleinen Zahnrad y versehen, und der Zeiger kann an dieser Achse 
in jeder beliebigen Lage festgestellt werden. Außer den eben beschriebenen 
Theilen trägt die Messingplatte m auf der rechten Seite das Lager für die 
gemeinsame Achse des Schallhammers q und des Hebels H^ die beide dicht 
neben einander auf der Drehungsachse befestigt sind. In das obere Ende 
von q ist ein Knopf eingeschraubt, der bei einer bestimmten Stellung der 
Hebelachse auf die Glocke G aufschlägt. Der Hebel H besteht aus einem 
linken längeren und einem rechten kürzeren Arm. Am Ende des letzteren 
befindet sich ein Schraubengang, auf dem der Knopf / hin- und hergeschraubt 
werden kann, um die Last auf beiden Seiten zweckmäßig zu vertheilen. Am 
Ende des linken Arms befindet sich der Tasthammer v^ der mit einem elfen- 
beinernen Knopfe versehen ist. Zu diesem für die Tastversuche bestimmten 
Theil des Apparats gehört außerdem das an der Säule befestigte Tischchen 
T, das ein auf drei Messingfüßen stehendes kleineres rundes Tischchen T* 
trägt. Dieses hat in der Mitte, dem Tasthammer v gegenüber, eine runde 
Oeffnung , in die das Elfenbeinplättchen / eingeschraubt werden kann. Auf 
seiner untern Fläche ist das letztere, um den Stoß von v abzuschwächen, mit 
Leder überzogen. Das Tischchen T ist der Oeffnung T gegenüber von der 
Schraube k durchbohrt, auf deren oberem Ende v aufruht, wenn das Uhr- 
werk stillesteht. Durch Auf- oder Niederschrauben der Schraube k und der 
Platte / kann die Schwingungsweite von v und damit auch des Hebels H 
verändert werden. Auf dem Hebel H und dem Tischchen T werden end- 
lich noch die elektrischen Unterbrecher angebracht, die für die zusammen- 
gesetzteren Complicationsversuche erforderlich sind. In der Fig. 319 ist ein 
solcher Unterbrecher (//) sichtbar. Derselbe besteht in zwei auf T befestigten 
Quecksilbemäpfchen aus Hartgummi und einer kleinen Platingabel, die in 
einer auf H verschiebbaren Elfenbeinhülse fixirt wird. Die beiden Queck- 
silbemäpfchen sind in den Stromeskreis aufgenommen, dessen Unterbrechung 
die Auslösung bestimmter Reizeffecte (elektrischer Hautreize, Geräusche u. dgl.) 
bewirkt. Die Unterbrechung geschieht, wenn der Hebel H gehoben wird, in 
einem durch die Höher- oder Tieferstellung der Platingabel beliebig zu fixi- 
renden Momente. An der vorderen Seite der Säule M^ etwas nach unten 
von der Messingplatte w, ist das Uhrgehäuse U angebracht. Dasselbe ent- 
hält ein einfaches Pendeluhrwerk, das nur hinsichtlich der Einrichtung des 
Kronrades eine Besonderheit bietet. Die Achse des letzteren läuft näm- 
lich unten in einer Stahlplatte, die mittelst einer Schraube einer über ihr 

WuNDT, Grundtuge. UL 5. Aufl. 6 



ZeittäuscbuDgen. 



83 



befindlichen festen Messingplatte entweder genähert oder von ihr entfernt werden 
kann. Dadurch kann die Wirkung des Uhrwerks auf das Pendel und m Folge 
dessen die Amplkude der Schwingungen innerhalb ziemlich weiter Grenzen 
variirt werden. Außerdem lässt sich durch diese Einrichtung die während 
längerer Versuchsperioden unvermeidlich eintretende Abnutzung der Zähne des 
Kronrades compensiren. Die Verbindung des letzteren mit der Fendelachse 
ist die bei größeren Pendeluhren gewöhnliche. Die Achse des Steigrads 
durchbohrt die Säule M und trägt auf der hinteren Seite das Gewichtsrad, 
an dem mittelst einer mehrfach umgeschlungenen Schnur das Gewicht Q be- 
festigt ist; durch Umdrehen des Gewichtsrades wird das Uhrwerk aufgezogen. 
Die Pendelslange F besteht in ihrem oberen Theil aus Metall, in ihrem unteren 
größeren aus Holz. Die ziemlich schwere Linse L kann an dem hölzernen 
Theil der Pendelstange mittelst der an ihr befindlichen Schraube verstellt 
werden ^ wodurch sich die Schwingungsdauer verändert* Die Pendelstange 
selbst ist danach empirisch graduirt. Um die Pendelbewegungen auf das 
Zeigerwerk zu übertragen, stellt das Ende x des Pendels den Sector eines 
Zahnrades dar, dessen Zähne genau in das an der Achse des Zeigers befind* 
liehe Zahnrädchen y eingreifen. Da der Halbmesser des Zahnrädchens genau 
7»o von demjenigen des Sectors beträgt, so bewegt sich der Zeiger mit der 
zehnfachen Winkelgeschwindigkeit des Pendels» Mit dem obern Theil des 
Pendels ist endlich ein Messingansatz fest verbunden, der von der Pendel- 
achse durchbohrt wird und um dieselbe gedreht werden kann. Dieser Ansatz 
ragt in den von dem gezahnten Sector umschlossenen Raum hinein und endigt 
hier mit dem Daumen d. Die Verbindungsstücke des Sectors mit der Pendel* 
Stange sind aber von den Schrauben rr' durchbohrt, die, wenn man sie mög- 
lichst sich annähert, das den Daumen // tragende Ansatzstück zwischen sich 
fassen. Durch Aenderung der SchraubenstelluDg kann daher die Stellung des 
Daumens innerhalb ziemlich weiter Grenzen verändert werden. Die Bewegung 
des Pendels wird nun auf den Hebel If mittelst einer Zwischenvorrichtung 
übertragen. Dieselbe besteht ans einer von einer Feder umsponnenen Achse, 
die vom den an den Daumen des Pendels sich anlegenden Fortsatz t trägt, 
und an der sich hinten nahe vor dem Hebel 1/ der Mitnehmer / befindet. 
Dieser umfasst etwa in der Weise eines in zwei Phalangen gebogenen Fingers 
einen an dem Hebel befindlichen Stift p. Wenn Pendel und Zeiger sich für 
den Beobachter von links nach rechts bewegen, so stößt der Daumen d an 
den Fortsatz f an, dadurch dreht sich die mit dem letzteren verbundene 
Achse gleichfalls von links nach rechts , der Mitnehmer /, und durch ihn 
Srift / und Hebel /I werden in die Höhe gehoben, bis der an diesem be- 
festigte Hammer bei einer bestimmten Stellung an die Glocke anschlägt. Der 
Apparat muss so eingestellt sein, dass in dem Moment, in dem dies eintritt, 
der Fortsatz e wieder von dem Daumen d abgleitet^ was durch die Wirkung 
einer Spiralfeder unterstützt wird, welche die Achse, an der <r befestigt ist, 
umwindet. Im selben Augenblick fallen aber auch Hebel und Hammer wieder 
zurück. Es kann also die Berührung zwischen Hammer und Glocke durch 
sorgfältige Einstellung des Hebels und des Hammerköpfchens genau auf einen 
Moment beschränkt werden, so dass der Glockenschlag keinen die Bewegung 
des Pendels und Zeigers störenden Stoß verursacht. Geht dann das Pendel 
rtickwärts von rechts nach links, so gleitet der Daumen d ohne erheblichen 
Widerstand an dem Fortsatze t; vorbei, da^ wenn die Achse des letzteren in 

6* 



84 Zcitvorstellungcn. 

dieser Richtung sich dreht, die Feder nicht gespannt wird, und der Mit- 
nehmer i gleitet leicht von dem Stift /, der in ihm ruht, ab. Es findet also 
immer nur dann, wenn Pendel und Zeiger von links nach rechts gehen, eine 
Bewegung des Hebels und ein Glockenschlag statt. Die Zeit aber, zu welcher 
der Glockenschlag stattfindet, lässt sich durch wechselnde Einstellung des 
Daumens d mittelst der Schrauben r r variiren. Da die Bewegungen des 
Hebels und Hämmerchens die Versuche stören würden, indem sie die Auf- 
merksamkeit abziehen, so werden alle hinter der Scale befindlichen Theile des 
Apparates durch einen schwarzen (in der Abbildung weggelassenen) Schirm 
verdeckt, der oben an den die Scale tragenden Messingsäulchen festgebun- 
den ist. 

Die Anstellung der Beobachtungen geschieht nun in folgender Weise. 
Nachdem die Bewegung des Hebels regulirt wurde, bringt man zunächst die 
Pendellinse in die für die beabsichtigte Schwingungsdauer erforderliche Höhe 
und erzeugt dann durch die früher beschriebene Verstellung des Kronrades 
die gewünschte Schwingungsamplitude. Hierauf wird der Daumen d durch 
die Einstellung der Schrauben r r in eine beliebige , jedenfalls aber dem- 
Beobachtenden unbekannte Lage gebracht. Macht man an sich selber die 
Versuche, und hat man keinen Gehülfen, der die Einstellung übernimmt, so 
stellt man am besten unmittelbar nach jeder Beobachtung für die nächste ein 
und verfährt dabei möglichst unaufmerksam. Sind alle Vorbereitungen beendet, 
so wird durch Anstoßen des Pendels das Uhrwerk in Bewegung gesetzt. Bei 
jeder Bewegung des Zeigers von links nach rechts bestimmt man denjeni- 
gen Theilstrich der Scale, vor dem der Zeiger im Moment des Glocken- 
schlags, des Tasteindrucks u. s. w. vorbeizugehen scheint. Damit diese Auf- 
fassung mit der erforderlichen Genauigkeit geschehen könne, muss das Uhrwerk 
einige Zeit im Gang erhalten bleiben. Im allgemeinen ist das Urtheil um so 
länger schwankend, je rascher die Bewegung ist. Nachdem hinreichend scharf 
der Theilstrich der Scale festgestellt ist, bei dem der Eindruck aufgefasst wird, 
notirt man denselben samt der zugleich stattfindenden Schwingungsamplitude 
und Schwingungsdauer. Dann erst sieht man nach, welcher Moment der 
Bewegung des Zeigers wirklich mit dem Eindruck zusammenfiel. Dies ge- 
schieht, indem man langsam das Pendel von links nach rechts führt, bis der 
Hammer q die Glocke, oder das Knöpfchen v den Finger berührt. Zur Be- 
stimmung der verschiedenen Zeitwerthe, die bei den Beobachtungen in Be- 
tracht kommen, dienen folgende Gleichungen. Bezeichnen wir mit / die 
Schwingungsdauer des Pendels, mit a dessen Ablenkung aus der Gleichge- 
wichtslage, mit 1} den Ort des wirklichen Sinneseindrucks und mit ^ den- 
jenigen des scheinbaren, beide in Winkeln von der Mittellage aus gerechnet, 
so findet man die Zeit .r, die zwischen dem Vorbeigang bei ^ und bei ^/ 
liegt, aus der folgenden Annäherungsformel: 



X = - - arc cos arc cos 

2.71 \ €C (( J 



Ist c die momentane Geschwindigkeit des Pendels beim Durchgang des Zei- 
gers durch den Punkt /i, c' die bei diesem Punkte stattfindende Geschwin- 
digkeitsiinderung, so ist hiemach: 

^ = ^; = 7" > 2 (cos -J — cos « : . c = --^., =-- -- sm li . 



Zeittänsclinngen . 3 5 

Die Erscheinungen der complicativen Zeitverschiebung haben mehrfach 
den Gegenstand theoretischer Discussionen gebildet. Am einfachsten fanden 
sich meist die Astronomen bei der »Auge- und Ohrmethode« damit ab, in- 
dem sie die aus den individuellen Unterschieden der Zeitverschiebung resul- 
tirenden persönlichen Gleichungen darauf zurückführten, den Beobachtern sei 
bald die Gewohnheit eigen, »zuerst zu sehen und dann zu hören«, bald die 
andere, »zuerst zu hören und dann zu sehen«, wobei sie außerdem zum 
Vollzug . dieser Acte möglicher Weise eine verschiedene Zeit nöthig hätten. 
Stillschweigende Voraussetzung war es dabei offenbar, dass man mit voller 
Aufmerksamkeit in einem gegebenen Moment jeweils nur einen Sinnesein- 
druck auffassen könne, und dass sich daher zwei simultane Eindrücke immer 
in eine Succession umwandeln müssten. Aehnlich wird die Sache vielfach 
auch noch von Psychologen beurtheilt: so von W. James*, der außerdem der 
Meinung ist, man sei bei den psychologischen Complicationsversuchen ge- 
nöthigt, den Zeiger für einen Augenblick ruhend zu denken; die Schwierig- 
keit, dies zu thun und gleichzeitig den Schall zu hören, bewirke daher, dass 
man beide in eine Succession ordne. Da die Voraussetzung, dass man den 
Zeiger momentan ruhen sieht, in Wahrheit nicht zutrifft, und da das was man 
wahrnimmt, thatsächlich nicht in einer Schall- und Gesichts Vorstellung besteht, 
die einander folgen, sondern in der vollkommen simultanen Auffassung von 
Schall und Ort, so ist diese Deutung offenbar falsch, wie denn ja auch die 
verbreitete Meinung, die Aufmerksamkeit oder gar das Bewusstsein sei in je 
einem gegebenen Moment immer nur auf einen einzigen Sinneseindruck be- 
schränkt, nicht bloß durch diese Complicationsversuche, sondern noch durch 
zahlreiche andere Thatsachen widerlegt wird. J. R. Angell und A. H. Pierce' 
suchten die relative Begünstigung negativer Zeitverschiebungen aus der kürze- 
ren Dauer des Ansteigens der Schallerregungen zu erklären. Die eigenen 
Versuche dieser Beobachter sind übrigens, abgesehen davon, dass sie zu ge- 
ring an Zahl sind, dadurch getrübt, dass sie ihre Versuchspersonen nicht 
mibefangen beobachten ließen , sondern verlangten , der Beobachter solle 
den bei der ersten Umdrehung wahrgenommenen Ort des Schalls auch bei 
der wiederholten Bewegung wiederzufinden suchen. Dadurch strebten sie 
künstlich einen wesentlichen Factor dieser Erscheinungen, die Erwartung, 
zu eliminiren. Da aber dies nie vollständig gelingen kann, so waren die 
Bedingungen, unter die sie das Bewusstsein ihrer Beobachter brachten, über- 
aus verwickelt, so dass si<I:h nicht entscheiden lässt, welches der einander 
entgegenwirkenden Motive, ob die Erwartung oder die Suggestion des voraus- 
bestimmten Orts, bei ihren Versuchen die größere Rolle gespielt haben mag-^. 
Am seltsamsten legt sich endlich Ebbingh aus*, der offenbar selbst keine Ver- 
suche ausgeführt hat, sondern nur von den allgemeinen Postulaten der Re- 
flexionspsychologie aus über sie urtheilt, die Sache zurecht. Der Beobachter 
suche, so meint er, fort und fort seine bei den ersten Umdrehungen gemachten 
Aussagen zu verbessern, komme aber damit um so mehr ins Gedränge, je 



* W.James, Psychology, vol. i, p. 415. 

' Angelt, and Pierce, Amer. Jonm. of Psychol. voL 4, p. 529 IT. 
' 3 Tjox Kritik der Versuche von Angell und Pikrce vgl. übrigens Geigkr. a. a. O. 
S. 401 ff. 

^ Ebbinghaus, Grundzüge der Psycho'ogie, Bd. 2, S. 593. 



/)6 Zeitvontellangen. 

schneller sich der Zeiger bewege, wogegen er bei langsamer Bewegung, »tun 
der ihm aus dem Leben bekannten Gefahr des Ueberholtwerdens zu en^ehen 
und sich als einen guten Beobachter zu zeigen, auf eine zu frühe Stelle ver- 
falle«. Von allen diesen Reflexionen, die hier dem Beobachter zugeschrieben 
werden, existirt thatsächlich nichts. Das nächste was bei dem Phänomen 
autTällt, ist vielmehr dies, dass die eintretende Complication unter allen Um- 
standen und namentlich bei langsameren Geschwindigkeiten, bei denen ja 
nach dieser Theorie die verwickeltsten Reflexionen stattfinden sollen, als un- 
mittelbare anschauliche Wirklichkeit dem Beobachter entgegentritt. Uebrigens 
ist diese Interpretation zugleich ein charakteristischer Beleg dafür, wie das 
Bestreben, den einfachsten Functionen der Apperception aus dem W^e zu 
gehen, dazu führen kann, dass man einen verwickelten Apparat logischer 
(Gedankenarbeit und mandimal sogar noch ethische Beweggründe, wie im 
gegenwärtigen Fall den Ehrgeiz es besser machen zu wollen als Andere, in 
das üewusstsein hineininterpretirt. Der gemeinsame Fehler aller dieser Er- 
klärungsversuche besteht aber darin, dass sie wegen des fließenden Charakters 
der Zeitvorstellungen die gleichwohl immer vorhandene simultane, d. h. in 
einem gegebenen Moment stets eine gewisse Zeitstrecke umfassende Natur 
derselben übersehen. In Folge der nämlichen Verwechselung der Vorstellun- 
gen mit ihren Objecten begeht man so den entgegengesetzten Fehler wie bei 
(len räumlichen Vorstellungen. Diese hält man in der Regel für dauernde, weil 
die Objecte dauernd sind. In die Zeitvorstellungen verlegt man die abstracte 
Succession des Zeitbegriffs, obgleich schon Herbart mit Recht gewarnt hat, 
man solle die Vorstellung der Succession nicht mit der Succession der Vor- 
stellungen verwechseln: man verwechselt jene in Wahrheit nicht bloß mit 
dieser, sondern sogar mit dem aus ihr abstrahirten reinen Zeitbegriff der 
Naturwissenschaft. Die Deutung der Zeitverschiebungen wird dagegen ver- 
hältnissmäßig einfach, wenn wir davon ausgehen, dass von der allen <tiesen 
Theorien zu Grunde liegenden Voraussetzung, bei solchen Beobachtungen 
werde entweder zuerst gehört und dann gesehen oder zuerst gesehen und 
dann gehört, genau das Gegentheil richtig ist: es wird stets gleichzeitig 
gehört und gesehen; aber der Umfang, in dem die beiden neben ein- 
ander hergehenden Vorstellungsreihen zusammen im Bewusstsein anwesend 
sind, lässt der Verbindung beider einen Spielraum, innerhalb dessen nun 
theils den äußeren Bedingungen theils und vornehmlich der Aufmerksamkeit 
der entscheidende Einfluss zukommt. 



5. Theorie der Zeitvorstellungen. 

a. Allgemeine Bedingungen der Zeitvorstellungen. 

Ehe die Frage beantwortet werden kann, wie eine Zeitvorstellung 
entsteht, ist natürlich vor allem darüber Rechenschaft zu geben, wie eine 
solche überhaupt beschaffen sei. Die populäre Auffassung, wie sie 
gegenwärtig noch selbst bei Psychologen herrschend ist, verfehlt hier 
von vornherein die richtige Fragestellung, indem sie jener unerlässHchen 
Vorfrage ganz aus dem Wege geht. Man hält die Zeitvorstellung 



» 



^ 



^ 



fiir uomittelbar gegeben, indem man sie mit jenem abstracten objec- 
tiven Zeitbegriff zusamenfallen lässt, den die Naturwissenschaft für ihre 
Zwecke festgelegt hat^ und der dann von ihr aus auf alle Gebiete des 
praktischen Lebens^ in denen man allgemeingültiger, also objectiver Zeit- 
werthe bedarf, übergegangen ist Dieser objectiv^e Zeitbegriff ist in seinen 
Anfängen eine so frühe Errungenschaft der Culturj dass man ihn trotx 
der mannigfachen Correcturen^ die er sich bis in neuere Zeiten im ein- 
zelnen hat gefallen lassen müssen, nicht bloß für ein Fundament der ob- 
jectiven Weltordnung, sondern in der Regel auch für ein solches der sub- 
jectiven Ordnung unseres Bewusstseins ansieht Dies spricht sich zunächst 
darin aus, dass man die subjective Zeitvorstellung in dem Sinne für eine 
fließende Größe ansieht, dass nie zwei Zeitmomente gleichzeitig 
im Bewusstsein sein könnten. Da es ein Widerspruch gegen jenen 
abstracten, objectiven Zeitbegriff sein würde, anzunehmen , zwei Zeit- 
momente könnten ihrem ZeiUverthe nach verschieden und doch gleich- 
zeitig sein, so gilt es für eine selbst\^Grständliche Folge, dass das nämliche 
auch fiir unsere subjectiven Zeitvorstellungen gelte. Dabei wird jedoch über- 
sehen, dass unser Bewusstsein fiir die Zeitvorstellongen ebenso wenig wie 
fiir irgend welche andere ein bloßer Punkt ist, sondern dass es stets eine 
Anzahl auf einander folgender Zeitacte enthält* In diesem Sinne sind daher 
die Zeitvorstellungen simultan gegebene ausgedehnte Großen, so 
gut wie die Raum%^orstellungen. Was sie aber vor diesen auszeichnet, 
ist^ dass sie außerdem stetig fließende Größen sind, die in diesem 
ihrem Flusse zugleich einen regelmäßigen Verlauf zeigen. Dieser ist 
es auch, der das Fließen der Zeitvorstellungen von den sonstigen Ver- 
änderungen der Bcwusstseins Vorgänge scheidet, welche letztere ja insofern 
sämmtlich fließende Größen sind, als die Bewosstseinsinhalte niemals auch 
nur während kurzer Zeit unverändert bestehen bleiben. Aber in vielen 
Fällen, z. B, bei der Wahrnehmung unverändert bleibender Rauniobjecte, 
besteht dieser Wechsel in einem unregelmäßigen OscilHren zwischen ver- 
schiedenen TheiÜnhalten eines Vorstellungsganzen, das bei der relativen 
Constanz des letzteren völlig unserer Beachtimg entgehen kann. Das 
Fließen der Zeit kann uns dagegen, sofern %%'ir überhaupt Zeit\^orstellungen 
haben ^ niemals entgehen, da diese Vorstellungen in nichts anderem als 
eben in dem Fließen der Bewußtseinsinhalte selbst bestehen. Hieraus 
erklärt es sich auch, dass wir der Zeitanschauung im Vergleich mit der 
Raumanschauimg einen allgemeineren, alle möglichen psychischen Vor- 
gänge in sich schUcßenden Inhalt geben, während doch jene nicht weniger 
wie diese bestimmter sinnlicher Substrate innerhalb gewisser Sinnesgebiete 
bedarf. Demnach lassen sich ihrem psychologischen Charakter nach die 
Zcitvorstellungen als regelmäßig fließende, aber in bestimmten 



^ Zeitrontelltmgen. 

Thcileii ihres Abflusses stets simultan gegebene psychische 
^»cbilwlc iieliniren, die theils nach dem Umfang eines solchen Gebildes, 
thcils nach dem innerhalb eines gegebenen Umfangs stattfindenden Wechsel 
vergleichenden Maßbeziehungen unterworfen werden. Das so entstehende 
natürliche Um&ngsmaß der Zeitvorstellungen nennen wir Zeitdauer, das 
(.U^ Wechsels der Vorstellungsinhalte Geschwindigkeit des Zeitver- 
Uuf&. In unserer subjectiven Wahmehmimg ist die Geschwindigkeit 
nk^ht minder veränderlich, wie die Dauer eines irgendwie zusammen- 
^cfassten Vorstellungsganzen verschieden sein kann, und in beiden Be- 
asWhungen sind unsere subjectiven Zeitmaße dem gleichen Princip der 
Relativität unten^'orfen wie die psychischen Maße überhaupt 

Der entscheidende Beweis dafür, dass alle unsere Zeitvorstellungen 
simultane fließende Größen sind, liegt in den Erscheinungen der 
Nachwirkung und vor allem in denen der Vorwirkung intensiver be- 
ti>nter Eindrücke bei den Größentäuschungen der Zeit. Verschwände ein 
Eindnick sofort nachdem er eingewirkt hat, und ehe noch der nächste 
eintritt, aus dem Bewusstsein, so wäre schwer begreiflich, wie er eine 
Nachwirkung hinterlassen könnte, durch die die Zeitstrecke zwischen bei- 
ilen verlängert erscheint; und es wäre vollends ganz unbegreiflich, wie 
ein Eindruck eine ähnliche Wirkung sogar ausüben könnte, bevor er selber 
schon da ist. Diese Erscheinung der Vorwirkung, wie sie z. B. der Drd- 

takt mit letztem betonten Glied " ^ f f " zeigt, gewinnt vielmehr nur dann 

i?inen verständlichen Sinn, wenn wir diesen Takt als ein Ganzes auffassen, 
das als solches vollständig im Bewusstsein vorhanden sein muss, ehe den 
einzelnen Taktschlägen irgend ein zeitiiches Verhältniss gegeben wird. 
Unsere Vorstellung folgt auch hier dem Reiz immer erst nach; aber sie 
folgt nicht alsbald jedem einzelnen, sondern einer ganzen Folge von 
ICindrücken, die sie dann nach den Bedingungen, welche sie der Apper- 
ception bieten, in ein Ganzes ordnet. Geben wir dies als eine unweiger- 
liche Folgerung zu, so ergibt sich aber aus den Erscheinungen beim 
Zusammenfassen größerer Taktgebilde ohne weiteres, dass wir nicht 
bloß solche kleinste Taktgruppen zu einem simultanen Ganzen ver- 
binden, sondern dass, wo irgend die Bedingungen günstig sind, der 
Umfang dieser simultanen fließenden Vorstellungen sehr leicht mehrere 
Gruppen umfassen kann. Wenn wir in einer nach dem Typus des Y^- 

Taktes aufgebauten Reihe -#-# i [ # # i | i # -[-[-[- drei Grade der Hebung 

und drei Grade der Pause unterscheiden, so müssen diese drei Grade 
wiederum simultan in unserem Bewusstsein gegeben sein, wenn sie in 
unserer unmittelbaren Auffassung in dieser Weise gegen einander abgestuft 



Theorie der Zeitvorstellnngen. 'gg 

•werden sollen. Unter demselben Gesichtspunkt werden dann aber auch 
die Zeitverschiebungen vollkommen verständliche Phänomene, während 
sie zu den wunderlichsten Reflexions-, wenn nicht gar Hallucinations- 
hypothesen verfuhren, wenn man sich mittelst des herkömmlichen ab- 
stracten Zeitbegriffs mit ihnen abfinden will (s. oben S. 85). Aus allen 
diesen Erscheinungen ergibt sich aber nicht bloß, dass die Zeitvorstellungen 
in dem angeführten Sinne simultane Gebilde sind, sondern wir können auch 
aus den Größen- und Intensitätstäuschungen bei gleichförmig ablaufenden 
Zeitreihen einigermaßen auf den Umfang dieser simultanen fließenden 
Größen ziu^ckschließen. Folgen sich Eindrücke in Intervallen von etwa 
4 See, so fehlt uns selbst bei schärfster Aufmerksamkeit jede Vorstellung 
davon, ob die Intervalle gleich oder ungleich sind: hier bilden also augen- 
scheinlich die beiden Eindrücke keine simultane Vorstellung mehr. Erst 
bei der Verkürzung auf 2 See. gewinnen wir die Anschauung einer unge- 
fähren Gleichheit, und unter dieser Grenze, bei der Annäherung an i Sec.^ 
beginnt dann auch bei unbefangenem zwanglosem Hinhören jener schein- 
bare Intensitätswechsel, der das deutliche Zeichen der Vereinigung zweier 
auf einander folgender Eindrücke in ein Ganzes ist. Diese annähernde 
Zeit von i See. scheint nun aber weiterhin zugleich derjenige Zeitwerth 
zu sein, der dem Umfang einer leicht überschaubaren simultanen Zeit- 
vorstellung besonders adäquat ist, da sich die unwillkürliche Rhythmi- 
sirung gleichförmiger Eindrücke in der Regel von selbst bei steigender 
Geschwindigkeit der Taktreihen derart regulirt, dass das Taktganze un- 
gefähr dem objectiven Zeitwerthe einer Secunde gleichkommt". Erst etwa 
bei der Hälfte dieser Zeit (0,5 — 0,6 See.) wird jedoch derjenige objective 
Zeitwerth erreicht, für den subjectiv die Auffassung die genaueste ist, 
so dass bei ihm auf einander folgende Takte am schärfsten verglichen 
werden können (s. oben S. 22), 

Indem die Zeitvorstellungen simultane, regelmäßig fließende Gebilde 
sind, die in dieser ihrer fließenden Beschaffenheit unmittelbar in Größen- 
beziehungen zu einander gebracht werden, schließt nun aber diese wesent- 
liche Eigenschaft derselben zugleich die andere in sich, dass jede Zeitgröße 
entweder selbst rhythmisch gegliedert oder als Theil eines rhythmischen 
Ganzen aufgefasst wird. . Dies ergibt sich ohne weiteres aus der Regel- 
mäßigkeit des Fließens der Zeitvorstellungen. Das Regelmäßige im Ge- 
biet der subjectiven Zeitauffassung ist eben das Rhythmische, da jedes 
rhythmische Gebilde auf der Wiederholung von Zeitvorstellungen ähnlichen 
Umfangs und ähnlicher Gliedening beruht. Dabei erstreckt sich dieser Be- 
griff des Aehnlichen von der Grenze der vollen Gleichheit an bis zu der 



BoLTON, Amer. Jonrn. of Psych, vol. 6, p. 214. 



go Zeitvontellung;en. 

entgegengesetzten einer Verschiedenheit, die nur noch in gewissen Grund- 
eigenschaften an das ähnliche Gebilde zurückerinnert Das Rhythmische setzt 
darum nothwendig eine Mehrheit von Gliedern voraus. Aber diese brauchen 
nicht sämmtlich unmittelbar in der Wahrnehmung vorhanden zu sein, sie 
können auch erwartete und darum bloß vorgestellte sein. Das letztere 
trifft in der That immer dann zu, wenn uns Eindrücke gegeben werden, 
die an sich keinerlei rhythmische Gliederung oder Beziehung enthalten. 
So fassen wir schon zwei vereinzelte Eindrücke oder drei, die durch be- 
liebig ungleiche Intervalle getrennt sind, in Wahrheit rhythmisch auf, so- 
fern sie nur innerhalb der für die unmittelbare Verbindung im Bewusstsein 
erforderlichen Zeitgrenzen einander folgen: zu dem Zweitakt TjT" oder 

dem Dreitakt TjT^f" u. s. w. erwarten wir seine Wiederholung. Bei dieser 

unmittelbaren, nicht weiter abzuleitenden Thatsache der Beobachtung kann 
nur auf die gesammten Eigenschaften der psychophysischen Organisation 
hingewiesen werden, nach denen alle thierischen Bewegungen entweder 
wirkliche rhythmische Bewegungen sind, wie die Geh- und die Athem- 
bewegungen, oder aber als Fragmente solcher betrachtet werden müssen*. 
Wie schon physiologisch jede arrhythmische Bewegung als rhjrthmisches 
Theilgebilde, so ist daher für uns irgend ein Eindruck, namentlich inner- 
halb der für die Entwicklung der Zeitvorstellungen hauptsächlich bestim- 
menden Sinne, Gehör und Getast, ein rhythmisches Ganzes oder ein rhyth- 
mischer Theil. Die rhythmischen Zeitvorstellungen haben sich in diesem 
Sinne nicht aus ursprünglich regellosen arrhythmischen, sondern es haben 
sich umgekehrt alle Zeitvorstellungen, auch die arrhythmischen, aus den 
rhythmischen entwickelt. Das im gewöhnlichen Sinne Arrhythmische 
kann daher immer zugleich und vor allem psychologisch als ein Rudiment 
eines Rhythmischen betrachtet werden. Denn so lange überhaupt Zeit- 
vorstellungen entstehen sollen, müssen die sie erweckenden Eindrücke auf 
nachfolgende, sei es wirkliche, sei es bloß erwartete von ähnlicher Be- 
schaffenheit, bezogen werden. Ohne dieses Moment der Erwartung er- 
weckt der Eindruck überhaupt keine Zeitvorstellung. In dem Augenblick, 
wo er aufhört, in diesem weiteren Sinne rhythmisch zu sein, hört er 
zugleich auf, einer bestimmten Zeitvorstellung anzugehören. Auch darin 
aber trübt das Vorurtheil der Uebertragung des objectiven Zeitbegriffs 
auf das Bewusstsein die unbefangene Auffassung der Zeitvorstellungen, 
dass man die großen Schwankungen, denen das Zeitbcwusstsein unter- 
worfen ist, wenig beachtet. In Wahrheit ist dieses, so lange beliebig 
wechselnd oder relativ isolirt stehende arrhythmische Inhalte vorhanden 



Siehe oben S. i6f. 



Tlieorie der Zelhrontellungen. 



91 



sind, ein höchst unbestimmtes und bisweilen ganz zurücktretendes. Be- 
stimmter wird es allema! erst da, wo irgend %velche rhythmische Motive 
Jn den Verlauf unserer Vorstellungen eingreifen, 

b. Psychologische Entwicklung der Zeitvorstellungen. 

Wollen wir uns über die Entstehung der Zeitvorstellungen Rechenschaft 
jeben, so dürfen wir demnach nicht von dem scheinbar allgemeineren, 
in Wahrheit aber specielleren Fall unbestimmter zeitlicher Vorstellungen 
"^ ausgehen, sondern von solchen Erscheinungen, in denen sich das Zeit- 
bewusstsein in seiner ausgeprägtesten Form darbietet: von den rhythmi- 
schen Vorstellungen. Allerdings nicht von den vervvickelteren rhythmi- 
schen Gebilden, die ihrerseits wieder Producte kunstmäßiger Ent^vicklung 
sind, sondern von jenen einfachsten Rhythmen^ in denen wir einerseits 
ebenso sehr Vorbilder der höheren rhythmischen Formen wie Ausgangs- 
punkte für die allgemeine Entwicklung der Zeitvorstellungen zu sehen 
haben. Auf solche ist ja ohnehin die gesammte psychophysische Orga- 
nisatton des Menschen angelegt, wie sich dies in dem einfachen rhythmi- 
schen Charakter der Körperbewegungen und, damit zusammenhängend, in 
dem auf die Herstellung oscillatorischer, also im weiteren Sinne rhythmi- 
scher Vorgänge gerichteten Wechselverhältniss erregender und hemmen- 
der Kräfte in dem Mechanismus der Innervation ausspricht. Für die Ent- 
wicklung des Zeitbcwusstseins können aber naturgemäß unter allen diesen 
rhythmisch angelegten Lebensvorgängen nur diejenigen in Betracht kom- 
men, deren rhythmischer Verlauf bestimmte Bewusstseinsdata, also Empfin- 
dungen und Gefühle, mit sich führt. Dies sind nicht die Herzbewegungen, 
^die im ganzen ebenso wne die Schwankungen anderer innerer Lebensvor- 
gänge unbew^usst bleiben, und dies sind mindestens nur in sehr zurück- 
tretendem MaDe die Athembewegungcn, die sich nur unter außergewöhn- 
lichen Umständen der Aufmerksamkeit aufdrängen. Wohl aber gehören 
hierher von seiten des Tastsinnes die Gehbewegungen und andere, meist 
minder gleichförmige, jedoch im ganzen ebenfalls rhythmisch angelegte 
Bew^egungen, wie vor allem die der Arme und Hände, Vom Gebiet des 
Tast- in das des Gehörssinnes führen dann die Lautarticulationen der 
Sprache, die, dem aÜgemeinen Bewegungsmechanismus zufallend, von 
vornherein rhythmisch angelegt sind , . un? nun in Folge der specifischen 
i^usbildung des Gehörssinnes in die von dem letzteren ausgehende selb- 
idige Entwicklung coniplicirter rhythmischer Vorstellungen einzumün- 
ien. Damm bilden schließlich die reinen Gehörswirkungen die günstigsten 
fälle für die Analyse der Bedingungen des Zeitbcwusstseins. Unter ihnen 
tehen aber wieder diejenigen voran, die der Beobachtung der begleiten- 
den subjectiven Vorgange die günstigsten Bedingungen bieten, wie die 



na Zeitvorstellungen. 

oben benutzten gleichförmig sich wiederholenden TaktscHäge, zwischen 
denen reizfreie Zwischenzeiten bleiben. Je mehr nämlich in einem solchen 
Verlauf die Empfindungsbestandtheile zurücktreten, um so deutlicher werden 
nun die Gefühlselemente wahrnehmbar. Dass auf den letzteren der Schwer- 
punkt des ganzen Verlaufs dieser Vorgänge liegt, darauf weist aber der 
tiefgreifende Einfluss der Aufmerksamkeitsvorgänge auf die 2^it- und ins- 
besondere auf die rhythmischen Vorstellungen unzweifelhaft hin. Denn, 
wie uns die Analyse dieses Falls einfachster Rhythmisirung gezeigt hat, 
ist ein derartig »leeres« Intervall keineswegs empfindungsfrei, sondern die 
den Schallrhythmus auslösenden Eindrücke /,,/,... (Fig. 312, S. 23) wer- 
den durch jene leisen Spannungsempfindungen ss verbunden, die, dem 
Ohr angehörend, als eine nahezu gleichförmige Ausfüllung des reizfreien 
Intervalls gelten können. Als der Hauptinhalt des letzteren treten uns 
dann die Gefiihlscurven g^ g^ entgegen. Bei irgend einem aus einer ge- 
gebenen Taktreihe herausgegriffenen Taktschlage /, geht das voran- 
gegangene, unmittelbar vor dem Eintritt des Reizes auf sein Maximum 
gesteigerte Spannungsgefühl annähernd plötzlich in seinen Gegensatz, ein 
deutlich ausgeprägtes Lösungsgefühl über, das wir durch den Uebei^ang 
der Geflihlscurve auf die entgegengesetzte Seite der Abscissen andeuteten. 
Dann steigt das Spannungsgefiihl allmählich von neuem an, um vor dem 
nächsten Taktschlag t^ wieder ein Maximum zu erreichen und nun den 
gleichen Verlauf nochmals zu beginnen. Da die Curve g^ eine Wieder- 
holung von g^ ist, so wirkt jedes einzelne Empfindungs- und Gefuhls- 
moment auf das entsprechende der vorangehenden Phase reproducirend 
und assimilirend. Auf diese Weise bilden die in irgend einem Moment a 
oder b vorhandenen Gefühls- in ihrer Verschmelzung mit den zugleich 
bestehenden Empfindungselementen die Zeitzeichen, nach denen jeder 
der Taktreihe angehörige oder sie begleitende Eindruck zeitlich geord- 
net wird; und je zwei übereinstimmende Zeitzeichen aa^^bb^ bewirken 
die Einordnung der zugehörigen Empfindungen in correspondirende Mo- 
mente der einander folgenden Phasen des Zeitverlaufs. Indem die Auf- 
merksamkeitsvorgänge wesentlich in dieser zwischen Spannung und Lösung 
sich bewegenden Geflihlscurve bestehen, zu der, als für die Zeitvoi^nge 
weniger wesentliche Componenten, noch Erregungs- und Lust -Unlust- 
wirkungen hinzukommen, ergibt sich aus dieser Beschaffenheit der 
Zeitzeichen und ihrem engen Zusammenhang mit den Aufmerksamkeits- 
vorgängen unmittelbar der große Einfluss der letzteren auf die Zeit- 
vorstellungen, wie ihn uns die mannigfachen Erscheinungen der Zeit- 
täuschungen kennen lehrten. Die »Zeitzeichen« stehen nach allem dem 
in naher Analogie zu den >Localzcichen<. Doch der wesentlich ab- 
weichende Inhalt, den die Analyse der Raum- und der Zeitvorstellungcn 



Theorie der ZeitvorstelluDgen. qt 

für jene wie für diese ergibt, charakterisirt zugleich auf das schärfste die 
verschiedene Natur beider Wahrnehmungsformen. Die Localzeichen fallen 
durchaus in das Gebiet der Empfindungen, und sie sind in Folge dessen 
eng an bestimmte Sinnesorgane, den Tast- und Gesichtssinn, gebunden, bei 
denen sich vermöge ihrer Structur- und Functionsverhältnisse ausschließlch 
jene regelmäßigen Beziehungen zwischen den localen Färbungen der Em- 
pfindung und den zu ihnen gehörigen Bewegungsreactionen vorfinden, wie 
sie das überall geforderte System complexer Localzeichen voraussetzt. 
Auch die Zeitzeichen bilden nun ein comp lex es System. Aber es sind 
nicht zwei Empfindungssysteme, die bei den complexen Zeitzeichen 
einander regelmäßig zugeordnet sind, sondern Empfindungen und Gefühle; 
und in dieser Verbindung bilden die Empfindungen beliebig variirbare 
Elemente, während die Spannungs- und Lösungsgefiihle, die mit den 
Empfindungen verschmelzen, immer den gleichen Charakter besitzen und 
wesentlich durch ihren Wechsel zwischen entgegengesetzten Phasen sowie 
durch ihren periodischen Gesammtverlauf die Zeitvorstelluug bestimmen. 
Immerhin macht sich die complexe Natur der Zeitzeichen darin gel- 
tend, dass dieser periodische Gefühlsverlauf stets ein Empfindungssubstrat 
fordert, um eine concrete zeitliche Vorstellung erzeugen zu können. 
Hieraus erklärt sich einerseits das was man die »Allgemeinheit« der Zeit- 
vorstellungen zu nennen pflegt, oder, genauer gesprochen, die Fähigkeit 
aller Empfindungen, welchem Sinnesgebiet sie auch angehören mögen, 
als Empfindungssubstrate der Zeitzeichen zu dienen; es erklärt sich daraus 
aber auch anderseits der ungeheure Einfluss, den der Wechsel der Auf- 
merl^amkeitsvorgänge, oder, was damit identisch ist, der Wechsel der 
Spannungs- und Lösungsgefühle auf das Zeitbewusstsein ausübt. Nicht 
minder empfangt schließlich die Beobachtung, die uns schon bei der Be- 
schreibung der elementaren Gefühle entgegentrat, dass Spannung und 
Lösung die am häufigsten subjectiv wie objectiv nachzuweisenden Gefühle, 
und dass sie zugleich diejenigen sind, die am häufigsten unvermischt mit 
andern yorkommen, eine neue Beleuchtung aus dieser ihrer Bedeutung für 
die Bildung der Zeitvorstellungen (Bd. 2, S. 292). Als die constantesten und 
doch in ihrer Richtung und Intensität fortwährend wechselnden Gefiihls- 
elemente des Bewusstseins, bilden sie eben zugleich die Substrate derjenigen 
Vorstellungsform, die an alle unsere Bewusstseinsinhalte geknüpft, dabei aber 
ebenso wechselnd wie das Gefühl selbst ist. Indem die Zeitvorstellungen 
eigenartige Verschmelzungsproducte sind, die sich von allen andern durch 
die constitutive Bedeutung, die für sie der Gefühlsinhalt des Bewusst- 
seins besitzt, unterscheiden, nehmen sie nun auch schließlich noch darin 
eine ausgezeichnete Stellung ein, dass sie zwischen den beiden Haupt- 
classen psychischer Verschmelzungen, den Vorstellungen und den Gemüths- 



94 



ZdtvorstellDiifen, 



bewegiingerij in gewissem Sinne vermitteln. Den Vorstellungen gehören 
sie an theils durch ihre unmittelbare Beziehung auf Empfindungen als 
ihre Inhalte, und mittelst dieser Empfindungen auf äußere Objecte und 
objective Vorgange* In das Gebiet der Gemüthsbewegungen ragen sie 
hinüber, weil die wesentlichen Factoren dieser Ordnung der Empfindungen 
Gefühle sind. Darum ist die Zeitanschauung auch in dem Sinne um vieles 
subjectiver als die Raumanschauung, dass sie ungleich mehr mit subjectiven 
Bedingungen veränderlich ist^ und dass nicht minder der an die Bildung 
der Zeitvorstellungen gebundene Gefühlsverlauf gleichzeitig einen wichtigen 
Bestandtheil affectiver Erregungen bilden kann. So kommt es, dass in 
Sprache und Musik die rhythmischen Verhältnisse eine enge Beziehung 
erkennen lassen zum Ausdruck und zur Erweckung von Gemüths- 
bewegungen, und dass selbst die einfachste, inhaltsleerste Taktform, wie 
eine Aufeinanderfolge gleicher Taktschläge, je nach der Geschwindigkeit 
oder nach gewissen zu auf- oder absteigendem Rhythmus tendirenden 
Intensitätsänderungen, AflTecte her\^or2ubringen vermag. Auf diesen Be- 
dingungen beruht denn auch offenbar die Weiterbildung der einfachen 
Zeitvorsteüungen zu zusammengesetzteren rhythmischen Gebilden^ mit 
denen sich dami im allgemeinen zugleich das Zertbewusstsein selber er- 
weitert. 



I 

I 
I 



c. Entwicklang zusammengesetzter rhythmischer Vorstellungen* 

Die Frage nach der allgemeinen Entstehung rhythmischer Vorstel- 
lungen fällt, wie wir sahen, mit der nach der Entstehung der Zeitvorstellungen 
überhaupt zusammen ^ da diese vermöge der auf regelmäßig periodische 
Bewegungen angelegten psychophysischen Organisation und der zmschen 
Spannung und Lösung hin und her oscülirenden Aufmerksamkeitsvorgänge 
von vornherein einen rhythmischen Charakter besitzen. Aber diese ur* 
sprünglichen und natürlichen rhythmischen Vorstellungen sind einfachster 
Art: in einer Form wie der aufsteigenden Dipodie der menschlichen Geh- 
bewegungen [S. 15) bietet sich zwar schon ein gewisser Uebergang vom 
Einfachen zum Zusammengesetzteren; sie dürfte aber auch die Grenze 
bezeichnen, die ohne Hinzutritt weiterer, durchgängig erst einer höheren 
Cultur angehöriger Motive erreichbar ist. Nun lässt sich der Uebei^ang 
von einfachen zu zusammengesetzteren Rhythmen unter den einfachsten 
Bedingungen an dem oben (Fig. 313, S. 38) beschriebenen Taktirapparat 
herbeiführen, wenn man die Geschwindigkeit der Taktfolge allmählich 
steigert; mit diesem Uebergang ist dann stets auch ein solcher zu compli- 
cirteren Rhythmen verbunden. Der hinsichtlich der Grade der Hebungen 
einstufige '^j^- geht in den zweistufigen 74"? dieser in den dreistufigen ^j^- 
oder ^/^-Takt über, ohne dass sich dabei die zeitliche Dauer eines 



I 



Theorie der ZeihrorsteUtmgen. 



95 






oh 
sc 

dt 



Takt ganzen erheblich ändert. Man hat diese Erscheinung zuweilen 
auf ein »Streben nach Zusammenfassung« zurückgeftihrt. In der That 
it sich wohl nicht bestreiten, dass ein solches Streben unter Umständen 
irksam werden kann. Dies geschieht namentlich in allen den Fällen^ 
wo von vornherein die willkürliche Tendenz zu einer solchen Verbindung 
oder gar die zum Hineinhören eines bestimmten Rhythmus in die Takt- 
folge obwaltet Aber bei näherer Betrachtung zeigt sich doch, dass jene 
endenz nicht die letzte Ursache der Erscheinung sein kann. Denn 
lese stellt sich auch dann ein, und sie bringt sogar einen viel regelmäßi- 
geren Wechsel der rhythmischen Formen dann hervor, wenn man sich 
ohne jede Absicht, unbefangen den Eindrücken hingibt. Aller Wahr- 
scheinlichkeit nach ist daher die willkürliche rhythmische Gliedenmg und 
re Veränderung mit der Geschwindigkeit das Primäre , und erst nachdem 
üeselbe verwickelter aufgebaute Rhythmen erzeugt hat, kann nun auch 
der Wille regulirend und verändernd in diesen Vorgang eingreifen. Es 
^entsteht also die Frage: ob die Einwirkung einer Reihe von Eindrücken 
ihrer unmittelbaren Wirkung auf das Bewusstsein schon Bedingungen 
mit sich fuhrt, die eine solche mit steigender Geschwindigkeit zunehmende 
rhythmische Gliederung ohne jede darauf gerichtete Absicht veranlassen? 
Um diese Frage zu beantworten, müssen wir zunächst von jenem 
einfachsten Fall rhythmischer Sonderung ausgehen, der einem Intervall 
einzelner, gleichförmig einander folgender Taktschläge von etwa i See, 
entspricht. Hier gerade ist es der deutliche Unterschied in der sub- 
jectiven Wahrnehmung, der hervortritt, wenn wir diese natürliche Takti- 
rimg bald gewähren lassen, bald absichtlich zu unterdrücken suchen, 
der auf die Quelle dieser Erscheinungen hinweist. Jene einfache Rhyth- 
mik ist nämlich dann am schärfsten wahrzunehmen, wenn man sich 
den Eindrücken vollkommen passiv und willenlos hingibt, — eine 
Thatsache^ die ohne weiteres dafür Zeugniss ablegt, dass von einem 
»Streben nach Zusammenfassung« hier nicht die Rede sein kaim, Wohl 
aber bemerkt man, dass diese beginnende Gliederung mit einem andern 
Bewusstseinsphänomen zusammenfallt, das ebenfalls bei solchen regel- 
mäßig einander folgenden Eindrücken und bei ruhiger Hingabe an die- 
selben besonders hervortritt, nämlich mit einem Auf- und Abwogen 
der Aufmerksamkeit: der stärker betonte Eindruck ist derjenige, bei 
dem die Aufmerksamkeit intensiver gespannt ist, der schwächere derjenige, 
bei dem diese Spannung nachlässt Die beginnende Rhythmisirung fallt 
also mit Oscillationen der Aufmerksamkeit oder, wie wir es mit Rücksicht 
auf die in diese eingehenden Gefühle auch ausdrücken können, mit einer 
Periodik der Spannungsgefühle zusammen, bei welcher von zwei auf 
etinander folgenden Eindrücken der eine in eine Phase gesteigerter, der 




a6 Zeitvorstellungeu. 

andere in eine solche abnehmender Spannung fällt. Nun werden wir es* 
unten als eine allgemeine Eigenschaft der Gefühle bei den Aufmerksam- 
keitsvorgängen kennen lernen, dass sie durch ihre subjective Verstärkung 
schwache, der Schwelle naheliegende Empfindungen merklicher machen, 
und von zwei vollkommen gleichen Empfindungen die eine gegenüber 
der andern intensiv steigern können. (Cap. XVIII, i.) Die subjective Rhyth- 
misirung einer Reihe gleichförmiger Eindrücke beginnt daher in dem 
Augenblick, wo die Zeitdistanz der Reize die zwei zusammengehörigen 
Phasen einer einzelnen derartigen Gefühlsoscillation umfasst Dabei ist 
aber schon in diesem einfachsten Fall der Verlauf der Oscillation zugleich 
von den objectiven Eindrücken abhängig, indem jeder Eindruck einen 
Reiz auf die Apperception ausübt, daher sich denn auch die Wellen der 
Apperception selbst innerhalb einer gewissen Breite nach den Eindrücken 
richten: sie werden etwas langsamer, wenn diese seltener, schneller, weim 
sie häufiger einander folgen. Doch kann diese Adaptation der Auf- 
merksamkeitswellen an die Reizreihe natürlich nur innerhalb der durch 
die natürlichen Eigenschaften des Bewusstseins gebotenen Grenzen ge- 
schehen, die wohl schließlich mit jenen Eigenschaften der gesammten 
psychophysischen Organisation zusammenhängen, auf denen auch der 
Rhythmus unserer äußeren Körperbewegungen beruht. Ueberschreitet 
die Folge der äußeren Eindrücke diese Grenzen erheblich, so tritt nun 
durch den Zwang zur Apperception, den jeder Reiz ausübt, von selbst 
eine Gliederung der Apperceptionswelle ein. Diese bewahrt im ganzen 
die Periode, die sie auch bei langsameren Reihen innehielt. Jeder inner- 
halb einer solchen Periode einwirkende Reiz hat aber eine Erhebung der 
OscUlationscurve zur Folge, die sich bei völlig ungezwungenem Hinhören 
auf den Eindruck in der Weise geltend macht, dass sie in einem dem 
Maximum näheren Gebiet eine stärkere Erhebung über die Ruhelage her- 
vorbringt, als in dem absteigenden Theil der Curve. Außerdem bewirkt 
eine verstärkte Apperception, wie sich dies deutlich an der verlängernden 
Nach- und Vorauswirkung der Intervalle verräth, regelmäßig zugleich eine 
Verminderung der Apperceptionsenergie für die benachbarten Reize, also, 
bezogen auf die Aufmerksamkeitswelle selbst, eine jedem Wellengipfel 
folgende stärkere Vertiefung. Wird die Schwankungscurve unter der 
einfachsten Bedingung, dass zwei Taktreize eine ganze Oscillation erfüllen, 
d. h. bei dem den Anfang der Rhythmisirung bildenden ^/g-Takt, durch 
die in Fig. 320 -4 dargestellte Curve veranschaulicht, in der i den ersten, 
gehobenen, 2 den zweiten, gesenkten Taktschlag bezeichnet, so wird schon 
der nächst einfache Fall des ""/^-Takts durch die erheblich verwickeitere 
Form B repräsentirt werden, bei der sich neben der Wirkung der Appei> 
ceptionsphase bereits jenes zweite Moment geltend macht, dass jeder 



Theorie der Zeitvorstellungen. 



97 



Apperceptionsreiz im allgemeinen um so wirksamer ist, je ferner er sich 
von der vorangegangenen Apperceptionserregung befindet. Darum ent- 
spricht jetzt dem Taktschlag 3 gegenüber 2 eine stärkere Hebung, wäh- 
rend 4 wieder unter der Nachwirkung von 3 tiefer sinkt, also überhaupt 
die tiefste Lage einnimmt. Auf diese Weise modificiren die einwirkenden 
Reize zugleich den Verlauf der Spannungswelle, indem sich von ihnen 
ausgehende secundäre Erhebungen derselben superponiren, während sie 
außerdem durch die Nachwirkungen dieser secundären Oscillationen den 
folgenden Verlauf namentlich dann verändern können, wenn in diesen 
neue Erregungen eingreifen. So erklärt sich jener abgestufte Wechsel 





1 1 1 1 1 1 T 1 



F«ß- 320. Schema der Apperceptionswellen bei der Rhythmisirung gleichförmiger 

Eindrücke. 



der Hebungen und Senkungen, der alle rhythmischen Vorstellungen aus- 
zeichnet, und der um so stärker wird, je complicirter aufgebaut die Rhyth- 
men sind. In diesem Sinne ist daher der rhythmische Wechsel nicht, 
wie man meist annimmt, eine durch ästhetische Motive erzeugte Wirkung, 
sondern eine in den zeitlichen Vorstellungen als solchen begründete 
Eigenschaft. Wir gliedern Schall- und andere Gebilde nicht deshalb 
rhythmisch, weil uns der Rhythmus gefällt, sondern dieser gefällt uns, 
weil wir vermöge der natürlichen Anlagen unseres Bewusstseins Eindrücke, 
vor allem solche des Tast- und Gehörssinnes, rhythmisch gliedern. Nach- 
dem diese ursprüngliche Anlage einmal gegeben ist, kann dann erst das 
so entstandene ästhetische Wohlgefallen am Rhythmischen auf die Aus-* 
bildung desselben weiterhin einwirken. 

WuNOT, Grundzüge. IH. 5. Aufl. y 



q8 Zeitvontellnngen. 

In dem Zusammenhang der rhythmischen Vorstellungen mit den os- 
cillatorischen Gefiihlsprocessen dürfte nun auch das für den Umfang 
rhythmischer Gebilde maßgebende Gesetz der drei Hebungsstufen seine 
Grundlage finden. Wie der Rhythmus als solcher erst da beginnen kann, 
wo einmal innerhalb einer Oscillationsperiode der Apperception, den 
Phasen derselben entsprechend, zwei Reize in annähernd gleichen Ab- 
ständen einander folgen, so wird dieser unteren als obere Grenze die 
gegenüberstehen, wo sich der Wechsel der appercipirten Reize gerade 
noch einer solchen Oscillationsperiode einfügen kann, um mit der in 
der primären Spannungscurve gegebenen Hauptperiode eine zusammen- 
gesetzte Schwingungsform, analog der in Fig. 320 -B dargestellten, zu 
bilden, ohne dass die secundären Oscillationen durch die gehäuften 
Nach- und Vorwirkungen Störungen erfahren. Eine solche Grenze muss 
schon deshalb existiren, weil der Umfang der primären Schwankungs- 
curve annähernd constant bleibt. Dies ist denn auch offenbar der Grund 
dafür, dass jenes Grenzgesetz der drei Hebungsstufen allem Anscheine 
nach ein allgemeingfültiges Gesetz des menschlichen Bewusstseins ist, 
unter dem dieses zwar bei zurückgebliebener Ausbildung der rhythmi- 
schen Vorstellungen stehen bleiben, die es aber nicht überschreiten 
kann. Dies zeigt nicht nur seine Geltung für die Rhythmik der ver- 
schiedensten Zeiten und Völker, sondern auch die Thatsache, dass 
die willkürliche Uebung in Rhythmisirungsversuchen die gleiche Grenze 
aufweist. 

Wesentlich anders verhält es sich in dieser Beziehung mit den- 
jenigen Unterschieden, die innerhalb dieser Grenze je nach dem Verlauf 
der Betonungen und Senkungen möglich sind, und die individuell mannig- 
fach variiren können, nur immer mit der Beschränkung, dass ein einmal 
eingetretener Wechsel solcher Art meist mit einer gewissen R^elmäßig- 
keit festgehalten wird. Letzteres lehrt im allgemeinen nicht bloß die 
unter der Wirkung bestimmter ästhetischer Motive stehende Rhythmik 
des musikalischen und poetischen Kunstwerks, sondern auch schon die 
natürliche Rhythmik der Sprache. Ja gerade bei ihr gewinnt jene Regel- 
mäßigkeit nahezu den Charakter der Constanz, indem zahlreiche Sprachen, 
wie vor allem die sämmtlichen germanischen, zum sinkenden, andere da- 
gegen, z. B. die romanischen, ebenso entschieden zum steigenden Rhyth- 
mus neigen. Dass diese der Sprache eigene Richtung der Taktbewegung 
nicht auf sie beschränkt ist, sondern mit allgemeineren Anlagen des Be- 
wusstseins zusammenhängt, darauf weist aber schon die leicht zu machende 
Beobachtung hin, dass jedermann bei möglichst ungezwungener Auffassung 
der Schläge des Taktirapparates in diese den nämlichen Rhythmus hinein- 
zuhören pflegt, der in der ihm geläufigen Sprachform der herrschende 



Theorie der Zeitvorstellongen. 



99 



*. Nun könnte man vermuthen, es sei lediglich die Association mit 
dem gewohnten Sprechtakt der Muttersprache, die diese Unterschiede be- 
dinge. Doch muss die Ausbildung eines solchen abweichenden Rhyth- 
mus in verschiedenen Sprachen offenbar ihrerseits wieder auf bestimmten 
psychologischen oder psychophysischen Bedingungen beruhen. Accent- 
und Lautwechsel dafür verantwortlich zu machen, würde nur ein anderer 
Ausdruck für die nämliche Sache sein, da z. B. im Germanischen die 
Verlegung der Betonung auf die Stammsilbe eben das Phänomen ist, 
das im zusammenhängenden Sprechen den absteigenden Takt mit sich 
bringt. Da das Wort aus dem Satz und demnach auch die Wortbetonung 
aus der Satzbetonung hervorgeht, so wird die Lage des Accents als eine 
Wirkung des Sprechtaktes anzusehen sein, nicht umgekehrt. Sprechtakt 
und unwillkürliche Rhythmisirung gehörter Taktreihen sind dann allerdings 
eng mit einander assocürt, insofern beide aus einer gemeinsamen Quelle 
stammen. Zu dieser Quelle leiten uns aber unmittelbar die Erscheinungen 
hin, die wir bei der Beschleunigung der Taktschläge am Taktirapparat 
von selbst sich entwickeln sehen^ indem hier neben der Ausbildung compli- 
cirterer Taktformen regelmäßig auch die Neigung hervortritt, von fallen- 
dem zu steigendem Rhythmus überzugehen. Dieser Uebergang ist in der 
subjectiven Wahrnehmung stets mit einer Affectsteigerung verbunden; 
und je schroffer der Uebergang erfolgt, um so deutlicher wird der affec- 
tive Charakter des beschleunigten Tempos, zugleich mit seinem Ueber- 
gang zum steigenden Rhythmus. So ist denn auch schon in der ge- 
wöhnlichen Rede der steigende Rhythmus der Rhythmus des Affects; 
auch wo im Aussagesatz der fallende Takt herrscht, da tritt doch 

t jener in den affectreicheren Satzformen des Ausrufs und der Frage her- 
vor \ Vor allem aber ist in der Musik der steigende Rhythmus durchaus 
der vorherrschende ; die Musik ist eben die reine Sprache der Affecte, in 
der, bei im übrigen mannigfach wechselnder qualitativer Färbung, im 
ganzen die intensiven Affecte vorherrschen, die als solche den steigenden 
' Herr Dr. Wtrth hat auf raeine Bitte die tinwillkürlicbe Rhythniisimiig bei einer 
Anxftlil von Mitgliedern des Leipziger psycbolo^schen Laboratoriums näbcr geprüft Da- 
bei ergab sich: bei 6 Deutschen, 2 Schweden und einem Angloamerikaner ausnahnislüä 
fAllcnder, bei 2 Romanen (Italiener vtnd Rumäne) ebenso steigender Rhythmus; hei 2 Polen 
war das Resultat schwankend, doch schien faüeuiler Rhythrans vorherrschend zu sein. 
Am abweichendsten verhielten sich 2 Japaner, die überhau pi nur in größeren und manch- 
mal unregelmäßigen Intervallen einen einzelnen Taktscblag stärker betonten* Dabei ist 
tn bemerken, dass die japanische Sprache fast gar keine dynamischen, sondern nur Ton* 
accente hat Die Versuche wurden bei IntervaUen von 0,4 oder 0,3 sec. vorgenommen. 
Bei beiden Tcrhiclt sich die Rbythmisirung im wesentlichen gleich. Nur zeigte sich regel- 
müStgt wenn vom langsameren zum schnelleren Tempo und manchmal auch* wenn um- 
gekehrt plötzlich von diesem zu jenem übergegangen MiiiTde. auch bei den germanischen 
Beobachtern die Neigung^ die fallende in die steigende Taktform umzuwandeln. 
» Völkerpsychologie, Bd. i, 11, S. 400. 



lOO Zeltvorstellungen. 

Rhythmus mit sich fuhren'. Von diesen Gesichtspunkten aus wird nun zu- 
gleich eine Deutung der oben erwähnten Erscheinungen nahe gelegt, die 
dieselben wiederum mit den Oscillationen der Apperception in Beziehung 
bringt. Die Apperceptionswelle selbst hat nämlich den Qiarakter einer 
Gefühlscurve, und sie steht daher unter dem fortwährenden Einfluss von 
Gemüthsbewegungen, welche den an sich indifferenten Spannungsgefuhlen 
nicht nur mannigfache bestimmtere Gefiihlsinhalte einfügen, sondern ins- 
besondere auch die Schwankungen derselben durch ihren eigenen Verlauf 
bestimmen. Nun werden wir im nächsten Capitel (3) als einen charakteri- 
stischen Unterschied in dem formalen Verlauf der Affecte den der schnell 
ansteigenden, aber allmählich fallenden, und den der langsam steigenden 
und verhältnissmäßig rasch wieder sinkenden kennen lernen (Fig. 321 -4 
und B). Tritt aber eine solche Affectcurve in den regulären Verlauf einer 





Fig. 321. Grundformen der Affectcurve: A rasch steigender und langsam sinkender, 
B langsam steigender und rasch sinkender Affect. 

gleichmäßig steigenden und sinkenden Apperceptionswelle (Fig. 320) ein, 
so wird sie naturgemäß den Verlauf der letzteren im Sinne des Affect- 
Verlaufs modificiren; denn auch die Apperception wird dann in ihren 
regelmäßigen Schwankungen im einen Fall rasch ansteigen und schnell 
sinken, und im andern langsam steigen und schnell sinken. Nun ist, 
wie wir unten sehen werden, die Form B die typische Verlaufsforni 
dauernder Affecte, und sie neigt in hohem Grade zu oöcillatoriscben 
Wiederholungen. Mit den Apperceptionswellen combinirt, ergibt so die 

' Für die Musik ist es darum wohl vollkommen zutreffend, wenn H. Riemamn (AU-' 
gemeine Musiklehre ^, S. 91 ff.) es als ein allgemeines Princip der Taktlehre hinstellt, dass 

der leichtere dem schwereren Takttheil vorangehe (nach seiner Bezeichnung J J 

nicht J I ). Schon für die poetische Rhythmik bestehen je nach der Gesammtstiramnng 

wechselndere Verhältnisse, wie dies auch E. A. Meyer (Beiträge zur deutschen Metrik. 
Diss. Marburg. 1897) annimmt. Uebrigens leidet der Versuch dieses Beobachters, die 
Zeitmomente der Betonung durch begleitende Taktschläge zu bestimmen, die zusammen 
mit der Articulationscurve am Kymographion aufgezeichnet wurden, unter dem Fehler, dass 
die Verhältnisse der Reactionszeiten (vgl. unten Cap. XVIII, 2], gegen welche die von dem 
Verf. berechnete Fortpflanzungsgeschwindigkeit der Nervenerregung völlig verschwindet, 
nicht beachtet worden sind. 



Theorie der Zeitvörstellungen. loi 

Form A eine dem sinkenden, die Form B eine dem steigenden Rhythmus 
entsprechende Ordnung der in den Gesammtumfang einer Aufmerksam- 
keitsschwankung fallenden secundäreil Apperceptionswellen. Das noth- 
wendige Product dieser Wechselwirkung ist daher dort der fallende, hier 
der steigende Rhythmus, und darum ist hinwiederum jener mehr Ausdruck 
eines steigenden, dieser eines sinkenden Affectes. 

Indem so die in den Verlauf der Apperceptionswellen eingreifenden 
Affecterregungen von wechselnder Beschaffenheit sind, sind sie es aber 
zugleich, die zum großen Theil die beträchtlichen, mit dem Reichthum 
mannigfacher Vorstellungs- und Gefühlsinhalte immer vielgestaltiger werden- 
den Unterschiede in dem Verlauf jener Wellen bedingen. Dies spricht 
sich auch darin aus, dass die kunstmäßige Ausbildung der rhythmischen 
Formen in Musik und Poesie zwar im allgemeinen von einfacheren zu 
complicirteren rhythmischen Bildungen führt, was an sich ein unmittel- 
barer Ausdruck der durch den Hinzutritt secundärer Wellen entstehenden 
verwickeiteren Gestalt der Apperceptionscurven ist, dass sie aber zugleich 
mehr und mehr einen in kürzeren Zeiten eintretenden Wechsel verschiedener 
rhythmischer Bewegungen mit sich bringt, was auf die fortwährenden Um- 
gestaltungen dieser Schwankungscurve durch neue Affectmotive hinweist. 
Darum wird die Poesie in dem Maße, als der Gedankengehalt in ihr eine 
überwiegende Macht gewinnt, rhythmisch mannigfaltiger und freier zu- 
gleich*. Aber auch die musikalische Rhythmik, obgleich bei ihr jener 
Einfluss bestimmter Vorstellungsinhalte, der dem gesprochenen Gedanken 
eigen ist, fehlt, zeigt nicht minder dieselbe Entwicklung zu größerer, um- 
fassenderer Gesetzmäßigkeit und zugleich zu beweglicherer Freiheit, wie 
der gewaltige Schritt vom einfachen Tanz oder Marsch zum Rhythmus 
der symphonischen Tondichtung, oder auch der Uebergang von den 
älteren zu den modernen musikalischen Stilformen erkennen lässt. Einen 
charakteristischen Bestandtheil dieser Entwicklung bietet insbesondere 
auch die erst in der modernen Musik erreichte Verkürzung des klein- 
sten Taktelements auf den für das Ohr überhaupt noch eben unter- 
scheidbaren Zeitwerth von etwa ^/so See, wogegen in der antiken 
Rhythmik, wohl in Folge der noch festeren Beziehung zur Sprache, die 
kleinste untheilbare Zeit die einer kurzen gesungenen Silbe gewesen zu 
sein scheint'. 



' Vgl. hierzu die Bemerkungen von Meumann über den Rhythmus des gesprochenen 
Verses, Philos. Stud. Bd. lo, 1894, S. 393 ff., sowie unten Cap. XVI, 2. 

' Der »Chronos protos« des Aristoxenus. Vgl. R. Westi'HAL, Griechische Rhyth- 
mik 3, S. 82 ff., ond oben S. 36. 



I02 ZeitToisteUnngeik 

Die Theorien über den Ursprung der Zeitvorstellungen sind 
von Anfang an durch die Voraussetzung bestimmt worden, die Zeit sei eine 
dem Bewusstsein an und für sich eigenthümliche und allen seinen Inhalten 
von selbst zukommende Eigenschaft, die darum irgend eine Erklärung 
überhaupt nicht zulasse. Diese Voraussetzung liegt ebensowohl dem älteren 
philosophischen Empirismus wie Kants Lehre von der Zeit als der Form 
des > inneren Sinnes« zu Grunde. Beide unterscheiden sich niu* darin von 
einander, dass die Erfahrungsphilosophen die Zeit als einen Inhalt der »in- 
neren Erfahrung« ansahen, der entweder von der Einwirkung der äußeren 
Reize abhängig oder an die Succession der Vorstellungen gebunden sei, wäh- 
rend Kant sie als eine a priori g^ebene Anschauungsform betrachtete, durch 
die überhaupt erst eine »innere Erfahrung« möglich werde. Dieser erkennt- 
nisstheoretisch wichtige Gegensatz ist psychologisch bedeutungslos, insofern in 
beiden Auffassungen die zeitliche Ordnung der Bewusstseinsinhalte ein nicht 
weiter abzuleitendes Factum bleibt Erst Herbart' erkannte, dass hier ein 
psychologisches Problem vorliegt, indem er hervorhob, die Succession der 
Vorstellungen sei an und für sich noch durchaus nicht die Vorstellung einer 
Succession. Aber die Art und Weise, wie er selbst und die von ihm be- 
einflussten Psychologen nun diese Vorstellung der Succession aus stufenweisen 
Verschmelzungen der Glieder einer Vorstellungsreihe abzuleiten suchten, ent- 
behrte durchaus der empirischen Begründung. Wie bei den entsprechenden 
Raumtheorien, so waren es auch hier nicht sowohl psychologische Thatsachen 
als allgemeine logische Ueberlegungen, aus denen gewisse hypothetische Eigen- 
schaften der Vorstellungsreihen abgeleitet wurden, die man dann schließlich 
willkürlich den specifischen Eigenschaften und Unterschieden der Ramn- und 
der Zeitanschauung gleichsetzte. Gleichwohl haben diese speculativen De- 
ductionen das Verdienst, dass in ihnen das psychologische Problem der Zeit- 
vorstellungcn überhaupt zum ersten Mal erkannt und in einen gewissen Zu- 
sammenhang mit den allgemeinen Associationsvorgängen gebracht wurde. In 
diesem Sinne lehnen sich auch die Ausführungen von Lipps, der wohl als 
der Erste, nach Analogie der Localzeichen , die Forderung von >Temporal- 
zeichen« aufstellte, im wesentlichen an die Reproductions- und Reihentheorie 
Her BARTS an'. 

Auf die ersten Versuche einer experimentellen Behandlung der Probleme 
des Zeitbewusstseins sind diese psychologischen Speculationen ganz ohne Ein- 
fluss gewesen. Vielmehr lehnten sich jene Versuche, die auch hier nicht von 
der Psychologie selbst, sondern von der Physiologie ausgingen, an die ältere 
Lehre vom > inneren Sinn« an, sei es nun, dass man diesen Begriff mehr in 
der naiv empirischen Bedeutung verstand, wie Czermak^, oder an Kants 
»transcendentale Anschauungsform« anknüpfte, wie Vierordt*. Angeregt 
sind aber diese Versuche zunächst diurch E. H. Webers Arbeiten über den 
Tastsinn, was sich auch in dem nach Analogie des Weber' sehen »Raumsinns« 
und »Ortssinns« gebildeten Ausdruck »Zeitsinn« verräth. Bei Czermak war 
diese Anlehnung noch eine so enge, dass die selbständige Untersuchung der 

' IIerbart, Psychologie als Wissenschaft, 2. Theil, Werke Bd. 6, S. 115, 142 ff. 
'-' Tu. Lipps, Grundthatsachen des Seelenlebens, 1883, S. 587 fF. 
^ Czermak, Ideen zu einer Lehre vom Zeitsinn. Sitziingsber. der Wiener Akad. 1857. 
* ViERORDT, Der Zeitsinn, nach Versuchen. 1868. 



Theorie der Zeityorstellungen. 



103 



Probleme des Zeitbewusstselns ganz zurücktrati indem ihm die Zeitanschauung 
mit der Auffassung der Geschwindigkeit einer räumlichen Bewegung zusammen- 
fiel, und demnach auch der von ihm nach Analogie der Raumschwelle zum 
ersten Mal eingeführte Begriff der >Zeitschwelie« seiner eigentlichen Bedeu- 
tung nach eine »Geschwindigkeitsschwelle«, also im wesentlichen ungefähr mit 
dem identisch war, was neuerdings W. I.. Stern die »Veränderungsschwelle« 
genannt hat'. Erst Viercprdt löste den Begriff der Zeitscbwelle aus dieser 
Verbindung, da er in dem Gehörssinn dasjenige Sinnesgebiet gewissermaßen 
erst entdeckte, auf dem sich der neue Schwellenbegriff unabhängig von einem 
bestimmten Raumschwell enwerth gewinnen ließ. Indem er dann weiterhin in 
flen sogenannten > leeren«, bloß durch zwei momentane Schallreize abgegrenz- 
ten Zeitstrecken diejenigen Zeit Vorstellungen erkannte, die zur Vergleichung 
und Unterscheidung von Zeitgrößen am besten geeignet sind, lenkten seine 
Arbeiten in das Gebiet ein, das auch die spätere Untersuchung vorzugsweise 
gepflegt hat, in das der sogenannten »Gedächtnissv ersuch ec, aus dem sie 
hauptsächlich erst diurch E. Meumakn auf die an sich nähere Aufgabe der 
primären Entstehungsweise zeitlicher Wahrnehmungen zurtickgelenkt worden ist. 
Da sich auf diese Weise Vierördt auf die reproductiven Veränderungen 
gegebener Zeitvorstellungen beschränkte, so war es ihm nahegelegt, seine 
allgemeinen Voraussetzungen über das Wesen der Zeitanschauung an die 
KANTische Lehre anzuschließen, die ja diese Abstraction von dem Problem 
der psychologischen Entstehung gewissermaßen philosophisch rechtfertigte. 
Demgemäß betrachtete Vierordt den »Zeitsinn c, im wesentlichen Unter-^ 
schied von dem Ranmsinn, als einen »allgemeinen Sinne, der nicht nur alle 
speciellen Sinnesgebiete, sondern auch alles was sich sonst in unserm Be- 
wtisstsein vorfindet, Gefühle, Affecte u. s, w,, umfasse. 

Dieses Verhältniss änderte sich erst, als in der neueren Physiologie und 
Psychologie Versuche einer folget ich tigeren Durchführung der von J. Müller 
nur in ihren allgemeinsten Umrissen angedeuteten und in ebensolcher Weise 
auch von E. H. Weber seinem Begriff der »F^mpfindungskreise« zu Grunde 
gelegten nativistischen Theorie des Raumsinnes hervortraten. Sie forder- 
ten von selbst eine Uebertragung auch auf den >Zeitsinn« heraus* Deutlich 
ist übrigens in dieser Wendung der Dinge der Einfluss der bloßen Wortana- 
logie erkennbar, der in diesem Fall dazu verführte ^ an sich unschuldige 
Begriffsübertragungen schließlich in einer sinnwidrigen Bedeutung zu verwen- 
den, die dann wieder, um sie annehmbar zu machen, zu allerlei willkürlichen 
Hypothesen nothigte. Nachdem der Nativisraus dem Raumsinn sein Substrat 
in den »Raumemplin düngen« gegeben, lag es ja nahe, nun auch von dem 
t Zeitsinn« zu > Zeitempfindungen« überzugehen. Diesen Schritt hat wohl zuerst 
E. Mach* gethan. Die Zeit ist ihm eine specifische Empfindungsqualität, die 
»ich aber von andern dadurch unterscheide t dass sie sich mit jeder andern 
verbinde, ubd dass sie daher jedem beliebigen directcn oder reproducirten 
Eindruck seine Stelle in der Zeit anweise. Näher glaubt dann Mach in der 
»Arbeit der Aufmerksamkeit« diese specifische Zeitqualität erblicken zu dürfen, 
da die Zeit bei angestrengter Aufmerksamkeit länger erscheine und dagegen 
bei absoluter Ruhe derselben, im traumlosen Schlaf, ganz fehle. Der erste 



' VgL Bd. I, S, 529. Bd. 2, S, 92. 

* E. Mach, Beiträge im Analyse der Erapßndimgcti, |S86, S. io8. 



1900, S. 157. 



i04 Zeltvorstcllungen. 

dieser Beweisgründe dürfte, abgesehen von allen experimentellen . Ermittelun- 
gen, schon gegenüber der gewöhnlichen Lebenserfahrung, der er entnommen 
ist, nicht Stand halten. Eilt uns doch die Zeit bei angestrengter intellectu- 
eller Arbeit bekanntlich oft wie im Fluge vorüber, indess sie sich in der 
Langeweile, die mit keiner sonderlichen Energie der Aufmerksamkeit ver-r 
bunden ist, träge hinschleppt. Was aber den traumlosen Schlaf betrifft, 
so fehlen ihm mit der Aufmerksamkeit auch alle andern psychischen In- 
halte'. 

Insofern nun die »Spannung der Aufmerksamkeit« ein Vorgang ist, der 
neben dieser ihm zugeschriebenen Beziehung zur Zeit auch noch andere Em- 
pfindungen, namentlich solche, die an begleitende Muskelspannungen, gebimden 
sind, zu enthalten scheint, so wird von dem gleichen Gedankengang aus noch 
eine weitere Hypothese nahe gelegt, die der Forderung, die Zeitvorstellungen 
auf specifische, den andern Sinnesqualitäten conforme einfache Zeitempfindun- 
gen zurückzuführen, noch unmittelbarer gerecht zu werden sucht. Auch zu 
dieser hat wohl zuerst Mach' in einer älteren Arbeit die Anregimg g^eben. 
Davon ausgehend, dass der vornehmste > Zeitsinn c der Gehörssinn sei, ver- 
muthet er hier, die Zeitunterscheidimg sei eine Leistung des die Spannung 
des Trommelfells bewirkenden Accommodationsmechanismus. Diese später 
von Mach selbst aufgegebene Hypothese ist dann von MCnsterberg auf die 
Muskelempfindungen überhaupt ausgedehnt worden^. Da Muskelempfindungen, 
wie sie z. B. durch die Athembewegungen erzeugt werden, immer vorhanden 
seien, so erkläre sich hieraus zugleich die Continuität des Zeit Verlaufs*. Wie 
die Muskelempfindungen zu Zeitempfindungen werden, das bleibt übrigens 
um so dunkler, da sie nach Müxsterberg noch sehr viele andere Leistungen 
zu besorgen haben, z. B. die Raumanschauung, das IntensitätsmaO der Em- 
pfindungen, die Aufmerksamkeit. An eine andere Seite der MAca'schen 
Aufmerksamkeitstheoric knüpfte F. Schumann an, nämlich an die mit den 
Aufmerksamkeitsvorgängen gelegentlich verbundenen Erscheinungen der Er- 
wartung und Ueberraschung, die von ihm beide als Phänomene der > Ein- 
stellung der sinnlichen Aufmerksamkeit« bezeichnet werden. In dieser letzteren 
scheint Schumann die eigentliche Zeitvorstellung zu erblicken, während das 
Urtheil über das Verhältniss von Zeitgrößen immer auf Erwartung und 
Ueberraschung sich stütze, und zwar so, dass der Erwartung das Urtheil 
»größer«, der Ueberraschung das Urtheil »kleiner« entspreche, w^obei aber diese 
»sinnliche Ueberraschung« von der »intellectuellen« wesentlich verschieden sein 
soll. Wo diese Momente nicht ausreichen, da sollen dann auch hier die 
Athembewegungen neben andern sinnlichen Merkmalen das Zeitbewusstsein 



* Wenn \V. Jerusalem eine Art Bestätigung der Theorie Machs darin sieht, dass 
die Blindtauhe Laura Bridgman, die durch gespannte Aufmerksamkeit auf ihre Tastein- 
drückc ihre Sinnesdefecte zu compensiren suchte, auch durch ein besonders feines Zeit- 
bewusstsein sich auszeichnete, so ist das Factum ohne Zweifel richtig. Aber es handelte 
sich dabei nicht um directe Zeitvorstellungen, sondern um die Erkennung bestimmter 
Zeitpunkte (Tagesstunden, Wochentage) nach begleitenden Merkmalen, ein Erkennen, das 
natürlich durch die Aufmerksamkeit auf diese Merkmale gesteigert wird. (\V. Jerusalem, 
Laura Bridgman, 1890.) 

* Mach, Sitzungsber. der Wiener Akademie, 2, Bd. 51, 1865, S. 147. 
3 MÜNSTERBERG, Beiträge zur exp. Psych. Heft 4, S. 89 ff. 

* Vgl. die Kritik dieser Hypothese und der zu ihren Gunsten ausgeführten Versuche 
bei E. Meumann, rhilos. Stud. Bd. 9, 1894, S. 442 ff. 



Theorie der Zeit Vorstellungen. 105 

vennitteln'. Allen diesen Hypothesen mangelt offenbar von vornherein die 
scharfe Unterscheidung zwischen den unmittelbaren Zeitvorstellungen, 
die ebenso unmittelbare Erlebnisse unseres Bewusstseins sind wie die Wahr- 
nehmung einer räumlichen Form oder einer intensiven Klangverbindung, 
und jenen mittelbaren Zeitschätzungen, wie sie z. B. bei der Verglei- 
chung längerer Zeiträume oder eines unmittelbar gegebenen zeitlichen Vor- 
gangs mit einem früher erlebten stattfinden, wo die verschiedensten associa- 
tiven und apperceptiven Einflüsse secundärer Art eine Rolle spielen können. 
Während die früheren Beobachter auf diesen fundamentalen, für das psycho- 
logische Verständniss der Zeitvorstellungen selbstverständlich entscheidenden 
Unterschied überhaupt noch nicht aufmerksam geworden sind, bestreitet Schu- 
mann denselben geradezu, indem er die Existenz unmittelbarer Zeit Vorstellun- 
gen überhaupt leugnet. Weil der objective Inhalt einer Zeitvorstellung in 
einer Succession von Ereignissen besteht, so soll auch subjectiv eine Zeit- 
vorstellung stets eine Succession von Acten sein, die niemals im Bewusstsein 
gleichzeitig existiren. Diese oben schon besprochene Verwechselung der sub- 
jecliven Zeitvorstellung mit dem objectiven Zeitbegriff führt dann freilich von 
selbst dazu, auch bei den unmittelbaren Zeitvorstellungen nach allerlei secun- 
dären und eventuell ganz heterogenen Kriterien als Grundlagen der sogenann- 
ten >Zei turtheile« zu suchen. Es ist hauptsächlich das Verdienst E. Meumanns, 
durch die sorgfältige Untersuchung der bisher fast ganz der Beachtung ent- 
gangenen qualitativen Einflüsse auf die Zeitauffassung, wie Betonung, 
Qualitätswechsel, Rhythmus, und durch die Analyse der aus dem Wechsel- 
verhältniss dieser Momente entspringenden Zeittäuschungen einer psychologischen 
Theorie der unmittelbaren Zeitvorstellungen die ersten Unterlagen gegeben zu 
haben. WerthvoUe Bestätigungen und Ergänzungen der Meumann' sehen Ar- 
beiten hat namentlich Tu. L. Boltün geliefert"^. Bemerkenswerthe Beobach- 
tungen über rhythmische Erscheinungen sind endlich noch von philologischen 
Metrikern, besonders von E. Sikveks^ und Fk. Saran*, mitgetheilt worden. 
Den Gedanken einer objectiven Regislrirung rhythmischer Formen hat zuerst 
E. Brücke beim gesprochenen Verse zu verwirklichen gesucht, dabei aber, 
was bei der Verwerthung seiner Resultate nicht selten übersehen wurde, nicht 
das natürliche Sprechen oder die künstlerische Declamation, sondern nur das 
schulmäßige Scandiren zum ' Gegenstand seiner Beobachtungen gemacht^. 



* F.Schumann, Zeitschr. f. Psychol. n. Physiol. der Sinnesorg. Bd. 4, 1893, S. i ff., 
Bd. 17, S. 106 ff., Bd. 18, S. 1 ff . In den verschiedenen Arbeiten Schumanns wechseln 
übrigens die Kriterien seiner >Zeiturthcile<. Erwartung und Ueberraschung, anfangs all- 
gemein eingeführt, werden später auf die Schätzung großer Zeiten eingeschränkt, u. s. w. 
Zur Kritik dieser Hypothese und ihrer experimentellen Grundlagen vgl. Meumann, Philos. 
Stud. Bd. 8, 1893, S. 456 ff. 

^ Meumann, Zur Lehre vom Zeitsinn, Philos. Stud. Bd. 9, 1894, S. 264. Bd. 12, 1896, 
S. 127. Untersuchungen zur Psychologie und Aesthetik des Rhythmus, ebend. Bd. 10, 
1894, S. 249 ff. BOLTON, Amer. Journ. of Psych, vol. 6, 1894, p. 145. 

3 SiEVERS, Phonetik*, S. 197 ff. Zur Rhythmik und Melodik des neuhochdeutschen 
Sprechverses, Verh, der 42. Philologenvers. 1894, S. 370 ff. 

* Fr. Saran, Sievers' Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Litteratur, 
Bd. 23, 1898, S. 42 ff. 

5 E. Brücke, Die physiologischen Grundlagen der neuhochdeutschen Verskunst, 
1871. Auf den oben erwähnten Punkt hat übrigens schon W. Sciierer (Beiträge zur 
Geschichte der deutschen Sprache^, 1878, S. 627) hingewiesen. 



lo6 Zeitvorstellungen. 

Aehnliche Versuche sind dann neuerdings mehrfach auch von Psychologen theils 
mit Hülfe von Sprachzeichnem theils nach dem Vorbild Brückes mit Taktir- 
vorrichtungen ausgeführt worden: so von E. W, Scripture, W. Wallin', 
Triplett und Sanford', H. Sears^ u. A. 



* ScRiPTURE, Studies from tfae Yale Laboratory, vol. 7, 1899, p. i, 102 ff. W. Wallin, 
ebend. vol. 9, 1901, p. i. (Beides eingehende, anch die phonetischen Probleme berück- 
sichtigende Untersuchungen mit Hülfe des Grammophons.) 

* Triplett and Sanford, Amer. Joum. of Psych. voL 12, 1901, p. 361. (Regbtri- 
rung scandirender Sprechrhythmen.) 

3 H. Sears, ebend. vol. 13, p. 28. (Registrimng der Bewegungen beim Orgelspiel.) 



Vierter Abschnitt. 
Von den Gemüthsbewegungen und Willenshandlungen. 

Sechzehntes Capitel. 

YorstellungsgefUhle und Aflfecte. 

X. Allgemeine Eigenschaften der VorstellungsgefUhle. 

a. Begriff und Merkmale der Vorstellungsgefühle. 

Wie die Empfindungen überall nur in Begleitung eines mannigfaltigen 
Vorstellungsinhaltes im Bewusstsein vorkommen, so sind uns auch die 
stets mit ihnen verbundenen subjectiven Elemente des Seelenlebens, die 
Gefühle, im allgemeinen nur als Gebilde von mehr oder minder verwickelter 
Zusammensetzung gegeben, sei es nun, dass sie unmittelbar als simultane 
Verbindungen einfacher Gefühle erscheinen, in welchem Falle wir sie als 
zusammengesetzte Gefühle bezeichnen, oder sei es, dass sie einen 
bestimmten, in sich mehr oder weniger abgeschlossenen Zeitverlauf 
bilden, wo sie je nach den näheren Bedingungen dieses Verlaufs ent- 
weder Affecte, oder aber Willensvorgänge genannt werden. Fassen 
wir alle diese aus einfachen Gefühlen als ihren wesentlichen Elementen 
bestehenden Gebilde nach der früher (Bd. i, S. 347) getrofTenen Ueber- 
einkunft unter dem Ausdruck Gemüthsbewegungen zusammen, so 
können demnach die zusammengesetzten Gefühle als Uebergangsbildun- 
gen zwischen den einfachen Gefühlen und den Affecten betrachtet werden, 
während die letzteren ihrerseits wieder die Vorstufen zu den Willensvor- 
gängen bilden. Denn die Afifecte enthalten stets mehr oder minder zu- 
sammengesetzte Gefühle als ihre in der Zeit wechselnden Bestandtheile; 
und jeder Willensvorgang lässt sich als ein Affectverlauf betrachten, der 



Io8 Vorstellungsgefühle und Affecte. 

sich durch eigenthümliche , mit einer endlichen Lösung des Affects ver- 
bundene Gefühlwirkungen auszeichnet. 

Unter diesen drei Hauptformen der Gemüthsbewegungen bietet nun die 
erste, die der zusammengesetzten Gefühle, obgleich sie die relativ ein- 
facheren seelischen Gebilde in sich schließt, doch wegen der vollständigen 
Abhängigkeit, in welcher die Gefühle wiederum von den übrigen CJemüths- 
bewcgungen, sowie von den Vorstellungen und Vorstellungsverbindungen 
stehen, die weitaus größte Mannigfaltigkeit der Gestaltungen. Dies tritt nicht 
bloß darin hervor, dass die gcsammte Entwicklung des Gemüthslebens in 
dem fort und fort zunehmenden Reichthum und der wachsenden Zusammen- 
setzung der Gefühle ihren nächsten Ausdruck findet, sondern diese funda- 
mentale Bedeutung der Gefühle gegenüber den anderen Formen der Ge- 
müthsbewegung äußert sich insbesondere auch darin, dass die weitere 
Ausbildung der Affecte und Willensv^orgänge ganz und gar an die Ent- 
stehung neuer zusammengesetzter Gefühle gebunden ist, indess die son- 
stige Beschafienheit jener andern Formen der Gemüthsbewcgung lediglich 
durch die Eigenthümlichkeiten ihres zeitlichen Verlaufs und des in diesen 
Verlauf eingehenden Wechsels der Gefühle gekennzeichnet ist. Auf 
diese Weise bilden die Gefühle gleichzeitig Ausgangs- und Endpunkte 
dieser ganzen der Gemüthsseite des Seelenlebens zufallenden Entwicklung: 
Ausgangspunkte, insofern einfache Gefühle als Elemente in alle Gemüths- 
bewegungen eingehen, worauf dann weiterhin von Stufe zu Stufe complexe 
Gefühle als Bestandtheilc der zusammengesetzteren Vorgänge hinzutreten; 
Endpunkte aber, weil einfachere Gefühle, Affecte und Willensvorgänge 
ihrerseits wieder complexe Gefühle erzeugen, mit denen auf diese Weise 
in verdichteter Form die gcsammte Entwicklung des mdividuellen Be- 
wusstseins abschließt. Diese vielseitigen Beziehungen der Gefühle ver- 
bieten es von vornherein, die verschiedenen Formen zusammengesetzter 
Gefühle auch nur nach ihren hauptsächlichsten Richtungen hier schon zu 
erörtern. Vielmehr werden die an die Verbindungsprocesse der Vor- 
vStellungen, die Associationen und Apperceptionen sich anlehnenden Ge- 
fiihlsentwicklungen naturgemäß erst im Anschluss an jene Vorstellungs- 
processe selbst betrachtet werden können. Nach Ausscheidung der 
Associations- und Apperceptionsgefühle, die wir unter dem Gesammt* 
namen der intellectuellen Gefühle vereinigen wollen, beschränkt sich 
darum zunächst unsere Aufgabe auf diejenigen complcxen Gefühle, die, 
an einzelne Vorstellungen gebunden, vorzugsweise als Ausgangs-, nicht 
als Endpunkte in die Entwicklung der Gemüthsbewegungen eingreifen, 
und die gleichzeitig Mittelglieder zwischen den einfachen Gefühlen und 
den Affecten und solche zwischen jenen und den verschiedenen For- 
men intellcctueller Gefühle bilden. Wir wollen diese Gefühle kurz als 



Allgemeine Eigenschaften der Vorstellnngsgcfühlc. 



109 



f Vorstellungsgefühle bezeichnen^ wobei dieser Ausdruck andeuten 
soll, dass dieselben nicht schon in den Geftihtsbetonungen der in die 
Vorstellungen eingehenden Empfindungen enthalten sind, sondern zu diesen 
erst in Folge jener Verschmelzungsprocesse hinzukommen, durch die sich 
die Empfindungen zu neuen einhcitliclien Gebilden, den Vorstellungenj 
ordnen. Hierin liegt dann fi-cilich auch schon eingeschlossen, dass sich 
diese Vorstellungsgefühle nach beiden Seiten nicht scharf abgrenzen lassen, 

[ da sowohl die Empfindungselemente der Vorstellungenj wie die weiteren 
Verbindungen, w*clche die letzteren im Hewusstsein bilden, hier nie hin- 
weggedacht werden können, indem jene als Parti alge fühle in sie ein- 
gehen, diese aber als associative Factoren zu ihnen hinzukommen. In 
beiden Beziehungen sind in der That die Vorstellungsgefühle weit weni- 
ger noch als die Vorstellungen selbst irgendwie Rir sich isolirban Viel- 
mehr pflegt sich vermöge des gerade bei den Gefühlen eine so wich- 
tige Rolle spielenden Pnncips der herrschenden Elemente meist der 
Gefühlston einer einzelnen Empfindung in dem Ganzen eines Vorstellungs- 

I gefuhls mit besonderer Stärke geltend zu machen. Die weiteren an die 

I einzelne Vorstellung sich anschließenden Associations- und Apperccptions- 
geftihle verschmelzen dagegen vermöge des nicht minder alle Gefühle 
beherrschenden Princips der Einheit der Gemüthslage mit dem un- 
mittelbaren Vorstellungsgefühl so inaig, dass sich das letztere nur dann 
mit einiger Sicherheit gewinnen lässt, wenn die Associations- und Appcr- 
c^tionsverbindungen einem erheblicheren Wechsel unterworfen sind. 
Gerade diese Bedingung trifi't aber in vielen Fällen nicht zu, da die Vor- 
Stellungen um so mehr, je bestimmter ihr Inhalt ist, in mehr oder weniger 
feste Beziehungen zu anderen Bewusstseinsanlagen treten, und da sich 
überdies alle diese Beziehungen durch Wiederholung der gleichen As- 
sociationen mehr und mehr befestigen, so dass schließlich selbst solche 
Associations- und Appcrccptionsvcrbindungcn, die ursprünglich einer ein- 
zelnen Vorstellung nur zufällig anhafteten, zu constanten Bestandtheilen 

[ihrer Gefuhlscomponenten werden können. 

Nun wurde schon bei der Betrachtung der Gcfühlselemente des 
Seelenlebens und ihrer einfachsten Verbindungen das Princip der herr- 

[ sehenden Elemente ebenso wie das der Einheit der Gemüthslage in 

[seiner Bedeutung für die Constitution der Gefühle gewürdigt (Ab- 
schnitt in, Bd. 2, S. 3(1 ff.). Hier bleiben daher nur noch zwei Auf- 

[gaben t\x erledigen. Davon wird die eine darin bestehen, dtw allgemeinen 

iehungen zwischen den Vorstellungsgefühlen und den zugehörigen 

?Srstdlungen nachzugehen, Beziehungen, die man mit einer freilich will- 

kiU'Üchen und, wie wir sehen werden, sachlich nicht gerechtfertigten 

Bevorzugung der objcctiven BewusstscinsinhaJte als die Gefühls- 



HO VonteUungs^fÜhle nnd Afieete. 

Wirkungen der Vorstellungen zu bezeichnen pflegt. Daran schließt 
sich dann als die zweite, concretere Aufgabe die Untersuchung der wich- 
tigeren Hauptformen dieser Gefühle, die wir, theils weil sie an die jxnr 
mittelbare Wahrnehmung eines Vorstellungsganzen gebunden, theils weil 
sie elementare Factoren der höheren ästhetischen Wirkungen sind, mit 
dem Namen der ästhetischen Elementargefühle belegen wollen. 
Hierbei soll das Attribut Ȋsthetische gleichzeitig an die aXo&rjoig oder 
Wahrnehmung im weiteren und an den modernen B^friff der >Aesthe- 
tik« im engeren Sinne erinnern. Nur im Hinblick auf den letzteren Bc^ 
griff werden die betreffenden Gefühle »Elementargefühlec genannt. Denn 
obgleich Elemente der ästhetischen Wirkimg, sind sie doch als Gefühle, 
wie alle Vorstellungsgefühle, von zusammengesetzter Beschaffenheit Auch 
umfassen die »ästhetischen Elementargefühle« nicht die Gesammthdt der 
Vorstellungsgefühle, sondern bloß diejenigen, bei denen die E^nzelvor- 
stellung als solche das Substrat eines bestimmteren, bis zu einem gewissen 
Grade in sich abgeschlossenen Vorstellungsgefühls bildet. Bei den son- 
stigen Vorstellungsgefühlen sind aber die Beziehungen der Vorstellungen 
zum Gesammtzustand des Bewusstseins so sehr die vorwaltenden, dass bei 
ihnen überhaupt nur die Frage nach dem Verhältniss zu den sie beglei- 
tenden Vorstellungen in Betracht kommt. 

b. Beziehungen zwischen den Vorstellungen und ihren 
Gefilhlscomponenten. 

Da die Empfindungen und die einfachen Gefühle die objectiven imd 
die subjectiven Elemente eines in Wirklichkeit überall einheitlich gegebe- 
nen Bewusstseinsinhaltes bilden, so werden wir einen entsprechenden Zu- 
sammenhang zwischen den Vorstellungen und den zu ihnen gehörigen Vor- 
stellungsgefiihlen um so mehr voraussetzen müssen, als ja die letzteren stets 
Totalgefühle in dem früher (Bd. 2, S. 343) festgestellten Sinne, analog 
wie die Vorstellungen Verschmelzungsproducte der Empfindungen sind, 
in die sie zerlegt werden können. Wie bei den Elementen, so kann 
demnach auch bei diesen ihren psychischen Verbindungen von einem 
früher oder später des einen oder anderen Factors an sich nicht die 
Rede sein. Darum ist hier der Ausdruck »Gefühlswirkung einer Vor- 
stellung« nicht so zu verstehen, als wenn stets zunächst die Vorstellungen 
als solche gegeben sein müssten, worauf ihnen dann die zugehörigen 
Gefühlserregungen als die von ihnen erzeugten Wirkungen nachfolgten, 
sondern jener Ausdruck hat, ähnlich wie der des »Gefühlstons einer 
Empfindung«, lediglich die Bedeutung, dass wir genöthigt sind, bei der 
Analyse der Bewusstseinsvorgänge von den objectiven zu den subjectiven 
Bestandtheilen fortzuschreiten, da bei den ersteren, eben weil sie auf von 



Allgemeine Eigenschaften der Vorstellungsgefühle. m 

dem Bewusstsein unabhängige Gegenstände bezogen werden, von den 
subjectiven Factoren, niemals aber bei diesen von jenen objectiven, die 
mit ihnen zu dem unmittelbaren Thatbestand des Bewusstseins gehören, 
abstrahirt werden kann. Dazu kommt dann speciell bei den Vorstellungs- 
gefiihlen noch das weitere Moment, dass sie in ihrer Beschaffenheit mehr 
und jedenfalls augenfälliger als die zugehörigen Vorstellungen von dem Ge- 
sammtzustand des Bewusstseins, also von Bedingungen, die außerhalb der 
zugehörigen objectiven Vorstellungen selbst liegen, abhängen. Der Aus- 
druck »Gefühlswirkung einer Vorstellung« soll darum in diesem Zusammen- 
hang eben nur bedeuten, dass es sich hier darum handelt, aus allen den 
Beziehungen, in denen die einer einzelnen Vorstellung anhaftenden Gefühle 
überhaupt stehen, so viel wie möglich diejenigen auszusondern, die an 
den concreten Vorstellungsinhalt selbst gebunden, und die so lange 
dessen relativ constante Begleiterscheinungen sind, als nicht eben jene 
außerhalb liegenden Bedingungen dies Verhältniss ganz oder theilweise 
verändern. 

Bezeichnen wir diesen einer Vorstellung als solcher anhaftenden Ge- 
fiihlscharakter als den Gefühlston einer Vorstellung, so ist nun 
dieser an sich stets ein Totalgefiihl, welches aus einer Mehrheit einfacher 
Gefühle und in den meisten Fällen bereits aus Verbindungen derselben zu 
resultirenden Partialgefiihlen besteht, wie dies früher speciell an dem Bei- 
spiel der Klanggefüble erörtert wurde (Bd. 2, S. 344). Hierbei macht sich 
besonders die eine Eigenschaft dieser Gefühlsverschmelzungen geltend, dass, 
wahrscheinlich zusammenhängend mit dem Princip der Einheit der Gemüths- 
Is^e, dievariirenden Gefühlselemente die übrigen Bestandtheile des gleichen 
Totalgefühls zurückdrängen und so, namentlich wenn auch noch die außer- 
halb der Vorstellung selbst liegenden Bedingungen begünstigend einwirken, 
die gesammte Gefühlslage beherrschen können. Auf diese Verhältnisse 
dürfen wir wohl eine Thatsache zurückführen, die für das gesammte Ge- 
fühlsleben und seine Aeußerungen in Affecten und Willensvorgängen von 
entscheidender Bedeutung ist, und die wir kurz als die Incongruenz 
zwischen Vorstellung und Vorstellungsgefühl bezeichnen wollen. 
Diese Incongruenz äußert sich am auffallendsten darin, dass unter Um- 
ständen das Vorstellungsgefühl eine Intensität erreichen kann, zu der die 
Intensität der Empfindungselemente sowie der Apperceptionswerth oder 
die Klarheit der Vorstellung in keinem Verhältnisse steht. Die Kehrseite 
zu dieser Incongruenz der Gefühle in positiver Richtung bilden dann jene 
Erscheinungen, die der Annäherung der Gefühle an den Indifferenzpunkt 
des Gefühlscontinuums entsprechen, und die theils wieder in dem 
Charakter der Vorstellungen selbst, theils in der Verdriinc^ung ihrer (tc- 
fühlsbetonungen durch andere, intensivere Gefühle, namentlich solche aus 



112 Vorstclhmgsgefüble und Affecte. 

der Classe der Associations- und Apperceptionsgefühle, ihren Grund haben. 
Diese zwiefache Form des Auseinandergehens von Vorstellung und Ge- 
fühl kann nun aber weiterhin auch so in die Erscheinung treten, dass 
beide nicht simultan, sondern in zeitlicher Folge zur Auffassung 
gelangen, indem entweder das Gefühl der objectiven Vorstellung, an 
die es gebunden ist, oder aber umgekehrt diese jenem vorausgeht. Hier 
entspricht offenbar der erste dieser beiden Fälle derjenigen Form der In- 
congruenz zwischen Vorstellung und Gefühl, die oben vom Gesichtspunkte 
der Gefuhlsanalyse aus die positive genannt wurde, während der zweite 
der negativen, dem Sinken der Gefiihlc gegen ihren Indifferenzpunkt, 
conform ist. In der That bestätigt sich diese Beziehung darin, dass, wie 
wir sogleich sehen werden, die Erscheüiung des zeitlich vorausgehenden 
Gefühlstons sich sehr häufig mit einem in dem Vorstellungsganzen zu- 
rückbleibenden Uebergewicht der Gefühlselemcnte verbindet, während 
der zeitliche Vorrang des objectiven Vorstellungsinhalts unter allen Um- 
ständen bei Vorstellungen von schwacher, der Indifferenzschwelle sich 
nähernder Gefiihlsbetonung beobachtet wird. 

Im Hinblick auf diese Erscheinungen des wechselnden zeitlichen Vor- 
rangs lassen sich nun die gesammten Bedingungen dieser Abweichungen 
von einem gewissen mittleren Gleichgewichtszustand beider Factoren als 
beschleunigende oder hemmende Momente auffassen, die gegenüber 
dem aus einem Verschmelzungsproduct von Empfindungen und aus einem 
zugehörigen Totalgefiihl bestehenden Ganzen einer Einzelvorstellung wirk- 
sam werden, und die schließlich sämtlich theils in den Entstehungs- 
bedingungen dieses Ganzen, theils in dem Verhältniss, in dem es zu der 
gleichzeitig vorhandenen allgemeinen Bewusstseinslage steht, ihren Grund 
haben müssen. Dies findet in der That eine Bestätigung in den wichtigen 
Unterschieden, die in dieser Beziehung die durch äußere Reize erweckten 
Sinnesvorstellungen und die Erinnerungsvorstellungen darbieten, 
Unterschieden, die für die Sonderung beider mindestens ebenso wesentlich 
sind wie jene fließenden Merkmale, die sich in der unmittelbaren Be- 
schaffenheit der Vorstellungen selbst zu erkennen geben*. Lassen sich 
als solche unmittelbare Unterscheidungsmerkmale, wie wir bei der Analyse 
der Erinncrungsvorgänge (in Abschn. V) des näheren sehen werden, die 
fragmentarische und flüchtigere Beschaffenheit der Erinnerungsvorstellung^n 
sowie die meist geringere Intensität ihrer Empfindungselemente betrachten, 
so stehen dem hier als ebenso charakteristische die gegenüber, dass bei den 
directen Sinnesvorstellungen die Gefühlscomponente dem objectiven Ein- 
druck nachzufolgen pflegt, während sie bei den Erinnerungs Vorstellungen 

» Vgl. Bd. I, S. 346f. 



Allgemeine Eigenschaften der Vorstellungsgefühle. j j ^ 

ihm ebenso regelmäßig vorausgeht. Bei den durch äußere Reize er- 
weckten Sinneswahrnehmungen ist in der That die Succession Vorstel- 
lung — Gefühl eine so regelmäßige, dass sie sich schon in der gewöhn- 
lichen Selbstbeobachtung unzähligemal bestätigt findet. Nicht minder 
stellt sie sich bei den sogenannten »Associationsversuchen« heraus, wenn 
man bei diesen irgend welche unerwartete äußere Eindrücke während einer 
sehr kiu-zen Zeit auf Auge oder Ohr einwirken lässt und die Folge feststellt, 
in der die durch den Reiz ausgelösten psychischen Vorgänge in dem Be- 
wusstsein eines zwanglos dem Eindruck sich hingebenden, nicht durch 
irgend welche Vorschriften oder subjective Absichten beschränkten Be- 
obachters auftreten'. Hier stellt sich in der ganz überwiegenden Zahl 
der Fälle das Ergebniss ein, dass zunächst die Vorstellung nach ihrem 
rein objectiven Inhalt aufgefasst wird, worauf nun erst, oft nach einer 
sehr merklichen Zwischenzeit, der Gefühlston derselben hervortritt '. Be- 
sonders ist dies ausnahmslos dann der Fall, wenn der Gefühlston der 
Vorstellung schwach ist, woran unmittelbar als Grenzfall der sich an- 
schließt, dass er überhaupt null wird. Zugleich zeigt sich aber deutlich, 
dass bei vielen Vorstellungen, mögen sie nun durch äußere Eindrücke 
erregt oder reproductiv erzeugt werden, eine solche Indifferenz auch 
dann eintreten kann, wenn der an und für sich nicht mangelnde Ge- 
fühlston keine Zeit hat, sich zu entwickeln. Offenbar ist es dies bei 
directen Sinnesvorstellungen regelmäßig bestehende Verhältniss, in welchem 
die schon in der gewöhnlichen Auffassung des seelischen Lebens ent- 
standene und dann auch in der Psychologie weit verbreitete Ansicht 
wurzelt, dass sich überhaupt die Vorstellung und ihr Gefühlston wie Ur- 
sache und Wirkung zu einander verhielten, und dass nun die letztere je 
nach Umständen auch ausbleiben könne, was eben bei den gefühlsfreien 
Vorstellungen der Fall sei. Gleichwohl entspricht diese Ansicht schon im 
Gebiet der directen Sinneserregungen keineswegs den Thatsachen. Viel- 
mehr gelangen nicht selten sowohl in der gewöhnlichen Wahrnehmung 
wie bei planmäßigen Associationsversuchen, besonders bei stark das Ge- 
fühl erregenden Eindrücken, Vorstellung und Gefühl anscheinend voll- 
kommen gleichzeitig zur Geltung. Auch schmerzerregende Hautreize, bei 
denen zumeist dem Schmerz eine Berührungsempfindung deutlich voran- 
geht, verhalten sich in dieser Beziehung nicht anders. Denn auch hier 
ist das lebhafte Unlustgefühl des Schmerzes mit der Schmerzempfindung 



* Näheres über Ausführung und sonstige Verhältnisse der »Associationsversuche« 
vgl. in Abschn. V. 

" Vgl. die in dieser Beziehung durchaus übereinstimmenden Versuche von E. \V. 
SCRIPTURE, Philos. Stud. Bd. 6, 1891, S. 536 ff., und G. Cordes, ebend. Bd. 17, 1901, 
S. 46 ff. 

WüNDT, Grundlüge. III. 5. Aufl. g 



1 1 A Vorstcllungsgefühle und Affecte. 

vollkommen gleichzeitig, während die Berühmngsempfindung selbst in- 
different zu sein pflegt. Die Erscheinung des verspäteten Schmerzgefühls 
fällt daher durchaus zusammen mit der verspäteten Schmerz empfin düng, 
und beide beruhen, wie früher bemerkt, wahrscheinlich auf Verhältnissen 
der Erregungsleitung, die für die vorliegende Frage ohne Bedeutung sind'. 
Wohl aber werden umgekehrt gerade bei sehr schwachen Sinneserregungen 
zuweilen Erscheinungen beobachtet, die nicht wohl anders denn als eine 
Apperception des Gefühlstons einer Vorstellung gedeutet werden können, 
die der Apperception der Vorstellung selbst vorangeht. So können leise 
Eindrücke, namentlich auf den Tast-, Geruchs- und Geschmackssinn, die 
bei stärkerer Intensität mit deutlichen Unlustgefühlen verbunden sind, eine 
allgemeine Unluststimmung auch dann erwecken, wenn ihr objectiver 
Vorstellungsinhalt wegen der vorw^altenden Richtung der Aufmerksamkeit 
auf andere Eindrücke gar nicht zur Apperception gelangt. Oder bei Ver- 
suchen über die Apperception momentan einwirkender Wörter, Bilder u. dergl. 
begegnet es nicht ganz selten, namentlich wenn das Object einen sehr 
ausgesprochenen Gefiihlswerth besitzt, dass der Beobachter die Succession 
Gefühl — Vorstellung, manchmal mit einer deutlichen Zwischenzeit zwischen 
beiden Gliedern, wahrnimmt. Dem Eindruck einer regelmäßigen geometri- 
schen Figur z. B. folgt zuerst ein Gefühl des Wohlgefallens und dann 
erst die bestimmte Auffassung der Form. Oder dem Eindruck des Reiz- 
wortes > blenden« folgt das eigenthümliche Erregungs- und Unlus^efiihl, 
welches die Einwirkung blendenden Lichtes begleitet, noch ehe das Wort 
selbst appercipirt wird"". Auch viele Fälle des verzögerten Erkennens 
und Wiedererkennens von Gegenständen gehören hierher: ein gesehenes 
Object, ein zusammengesetzter Schalleindruck erweckt zunächst den ihm 
eigenen GefiihlSton, an den sich dann erst die deutliche Auffassung der 
Vorstellungselemente des Eindrucks anschließt. Da hierbei meist zugleich 
associative Processe eine wichtige Rolle spielen, so vermischen sich aber 
diese unmittelbaren Successionserscheinungen mit den später (in Cap. XD() 
zu betrachtenden Wirkungen der Associationen und der Associationsgefühle. 
Damit bilden zugleich diese Fälle den U ebergang zu der zweiten Er- 
scheinungsgruppe von Incongruenzerscheinungen, zu denen, deren Mittel- 
punkte die Erinnerungsvorstellungen bilden. 

Kann bei den durch äußere Reize erzeugten Eindrücken die Folge 
Vorstellung— Gefühl trotz der erwähnten Ausnahmen in dem Sinne als 
die normale betrachtet werden, dass sie bei Erregungen von mäßiger 



' Vgl. Bd. 2, S. 33 f. 

^ CouDES, Philos. Stud. Bd. 17, 1901, S. 49. Vgl. auch die zum Theil hier ein- 
schlagenden Ergebnisse der tachistoskopischen Versuche in Abschn. V. 



Allgemeine Eigenschaften der Vorstellungsgcfühle. 115 

Empfindungs- und Gefühlsstärke regelmäßig sich einstellt, so ist um- 
gekehrt bei den Erinnerungsvorstellungen die entgegengesetzte Suc- 
cession Gefiihl — Vorstellung die vorherrschende. Auch hierfür bieten 
wieder die Associationsversuche eine Reihe augenfälliger Belege, bei denen 
der Nachweis jener Succession durch die exacte Feststellung der Ver- 
suchsbedingungen erleichtert wird. Nur freilich müssen hierbei bestimmte 
den Versuchspersonen ertheilte Anweisungen, wie z. B. der Befehl, zu 
einem gegebenen Eindruck eine Erinnerungsvorstellung zu associiren, 
vollständig unterbleiben, da solche Anweisungen nicht nur überhaupt 
die Selbstbeobachtung trüben, sondern im gegenwärtigen Fall geradezu 
darauf ausgehen, die begleitenden Gefiihlsphänomene zn unterdrücken. 
Außerdem ist aber zu beachten, dass die zur Erweckung von Asso- 
ciationen gebotenen Eindrücke selbst in den meisten Fällen der In- 
differenzlage der Gefühle angehören — so z. B. namentlich bei den am 
häufigsten gebrauchten gleichgültigen Wortbildern — und dass dem- 
gemäß auch die so er\\^eckten Erinnerungsvorstellungen meist relativ 
gefiihlsfrei sind. Mit Rücksicht auf diese der Geltendmachung von 
Vorstellungsgefühlen ungünstigen Bedingungen ist nun die große Zahl 
von Fällen, in denen sich das Auftauchen einer Erinnerungsvorstellung 
durch ein ihr vorauseilendes, oft sehr lebhaftes Gefühl ankündigt, immer- 
hin höchst bemerkenswerth , besonders wenn man dieselbe mit den 
spärlichen Fällen vergleicht, bei denen dem directen Sinneseindruck das 
adäquate Gefühl vorangeht'. Sichtlich ist zugleich bei solchen Asso- 
ciationsversuchen die Succession Gefühl — Vorstellung um so auffallen- 
der, je mehr die dem Sinneseindruck folgende Erinnerungsvorstellung 
nicht in einem selbstverständlichen Gedankenzusammenhang mit jenem 
steht, sondern auf individuellen Bewusstseinsanlagen oder zufälligen Er- 
lebnissen beruht. So z. B. wenn bei einem Beobachter auf das Reiz- 
wort »Urtheil« zunächst ein unbestimmtes, aber lebhaft erfreuendes Ge- 
fühl sich einstellte, worauf sich dann erst die Gesammtvorstellung einer 
gewissen logischen Urtheilstheorie, die den Beifall des Beobachters ge- 
funden hatte, als der das Gefühl motivirende Vorstellungsinhalt hinzu- 
gesellte; oder wenn ein anderer Beobachter angesichts des Reizwortes 
»Abgrund« zunächst das Gefühl eines ästhetischen Missfallens in sich 
fand, und hiemach als Erinnerungsbild die Vorstellung eines jüngst 
gesehenen missrathenen Bildes hervortrat, auf dem ein Abgrund dar- 
gestellt war, u. s. w. In manchen Fällen kann auch das vorauseilende 
Gefühl einer Complication des zuerst gegebenen directen Sinneseindrucks 
angehören, die aber mit ihrem Vorstellungsinhalt dem Gefühl nachfolgt: 



* Tnstmctiy sind hier die von G. Cordes a. a. O. S. 46 ff. mitgetheilten Beispiele. 

8* 



1 1 6 Vorstellungsgefühle und Aflfecte. 

SO z. B. wenn in einem Versuch dem Reizwort »Stahl« das Gefühl einer 
festen muthigen Stimmung folgte, die wohl nicht bloß durch den vom 
Wort bezeichneten Gegenstand selbst, sondern besonders auch durch den 
metaphorischen Gebrauch des Wortes inducirt wurde. Dieser Fall nähert 
sich schon dem andern, wo das zwischen dem Sinneseindruck und der 
erweckten Erinnerung sich einschiebende Gefühl gewissermaßen doppelt 
orientirt ist, indem es eine übereinstimmende Gefiihlscomponente zu 
beiden darstellt und so, wie das dem regelmäI3igen Verhältniss wieder 
entspricht, dem objectiven Vorstellungsinhalt des Eindrucks nachfolgt, 
dem des Erinnerungsbildes aber vorausgeht. In besonders hohem Maße 
haben Farbeneindrücke, sowohl als diffuse wie als stark hervortretende 
Empfindungselemente sonstiger Vorstellungen, diese Eigenschaft, durch 
den der Farbe rasch folgenden Gefühlston beliebige Vorstellungen von 
verwandtem Gefühl zu erwecken'. 

Von diesen experimentellen Erfahrungen aus werden nun auch manche 
Thatsachen verständlich, die uns in zufälligen Selbstbeobachtungen nicht 
selten entgegentreten. Hierher gehören zunächst gewisse Stimmungen und 
Gefühlslagen, die in dem der Apperception direct gegebenen Vorstellungs- 
verlauf durchaus nicht motivirt erscheinen, dann aber in plötzlich auf- 
tauchenden Erinnerungsvorstellungen ihr deutliches Substrat gewinnen. 
Offenbar haben hier bestimmte Vorstellungsgefiihle bereits stark auf die 
gesammte Bewusstseinslage eingewirkt, ehe noch die zugehörigen Vor- 
stellungen selbst in den Blickpunkt des Bewusstseins traten. Solche Be- 
obachtungen werfen dann auch wiederum Licht auf andere Fälle, wo es 
zu einem Hervortreten dieser Vorstellungen überhaupt nicht kommt, viel- 
leicht weil ihnen die directen Sinneseindrücke oder andere sich aufdrän- 
gende Erinnerungselemente hemmend entgegenwirken, und wo nun die 
Gefühle allein in der Form jener anscheinend unmotivirt auftauchenden 
und ebenso wieder verschwindenden Stimmungen übrig bleiben, die unter 
Umständen sehr erheblich und je nach individueller Anlage sogar in vor- 
herrschendem Grade das Bewusstsein beeinflussen können. So erklären 
sich wohl jene gewöhnlich den sogenannten Temperamentsanlagen zuge- 
zählten individuellen Bewusstseinsanlagen, die wahrscheinlich durchweg auf 
derartigen, mehr oder minder dauernden Gefühlswirkungen beruhen, 
welche von relativ beharrenden, in ihren Empfindungselementen nur 
selten zu klarer Auffassung gelangenden Erinnerungsvorstellungen aus- 
gehen, dann aber um so stärker auf die Auffassung der directen Sinnes- 
eindrückc und die an diese gebundenen Gefühlsbetonungen assimilativ 
zurückwirken. 

" ScRlPTURE, Phil. Stud. Bd. 6, 1891, S. 536 ff. 



Allgemeine Eigenschaften der Vorstellungsgefühle. 1 1 n 

Eine andere, mehr vereinzelt und unter dem Einfluss bestimmter Er- 
lebnisse auftretende Erscheinung verwandter Arten besteht in den eigen- 
thümlichen Bewusstseinslagen, die der Erinnerung an irgend einen Vorsatz 
oder Auftrag vorangehen, oder die auch, wenn der Erinnerungsact selbst 
nach seinen Vorstellungselementen gar nicht zum Vollzug gelangt, fiir 
sich allein eine Zeit lang bestehen und wieder verschwinden können. Man 
hat sich etwa vorgenommen, eine gewisse Handlung auszufuhren, einen 
Brief zu schreiben, eine Arbeit zu erledigen. Aber jene vorausgenom- 
mene Vorstellung der auszuführenden Handlung erneuert sich nicht zur 
gewünschten Zeit, und statt ihrer stellt sich nur ein eigenthümlich dränr 
gendes Gefühl ein, das aus einem mehr oder minder lebhaften Spannungs- 
und Erregungsgefühl besteht, dem nicht selten zugleich die besonderen 
Gefühle beigemengt sind, die den specifischen Gefiihlston der Vorstel- 
lung selbst ausmachen. Dazu treten dann natürlich auch hier jene die 
verstärkte Spannung der Muskeln begleitenden inneren Tastempfindungen 
sowie, bei stärkerer Gefiihlserregung , die Gemeinempfindungen, die sich 
im Gefolge der vasomotorischen und respiratorischen Begleiterscheinungen 
der Gefühle einzustellen pflegen. In die gleiche Erscheinungsweise ge- 
hören die durch ihre intensive Spannungscomponente oft sehr peinlichen 
Gefühle des Vergessenhabens, des Erinnernwollens an eine Thatsache, 
die durch irgend welche begleitende Vorstellungen sogar unter unsern 
Vorerlebnissen bestimmter localisirt sein kann. Gerade in den letzteren 
Fällen pflegt dann überaus deutlich der Spannung und Erregung, die 
solche Zustände immer begleiten, ein besonderer, von der Vorstellung 
selbst und ihren Verbindungen herrührender qualitativer Factor beigemischt 
zu sein'. 

Nun sind für alle diese Erscheinungen, sowohl für die in den experi- 
mentellen Beobachtungen künstlich erzeugten, wie für die analogen, die 
sich im Umkreis geläufiger Erfahrungen bieten, an und für sich zwei 
Deutungen möglich. Ent>\'eder kann man annehmen, in allen diesen 
Fällen seien überhaupt nur Gefühle im Bewusstsein, Vorstellungen fehl- 
ten überhaupt, oder diese wirkten aus jenem unbewussten Hintergrund des 
seelischen Geschehens, aus dem auch die Erinnerungsvorstellungen früherer 
Eindrücke in das Bewusstsein wieder eintreten können, ohne aber in solchen 
Fällen selbst die Schwelle des Bewusstseins zu überschreiten. Dies ist 
im allgemeinen die populäre Auffassung der Sache, und sie ist in der 
Psychologie immer noch weit verbreitet. Man kann aber auch zweitens 
annehmen, irgend eine Vorstellung, sei es nun eine direct durch einen 



* Hierher gehörige Beispiele schildert, unter sorgfältiger Beachtung auch der be- 
gleitenden physiologischen Symptome, M. Giessler, Ueber die Vorgänge bei der Erinne- 
rung an Absichten, 1S95, S. 6 ff. 



1 1 8 Vorstellungsgefühle und Aftecte. 

Sinnesreiz en\'eckte oder ein Erinnerungsbild, könne nur dann durch das 
zu ihr gehörige Gefühl wirksam werden, wenn sie selbst irgendwie im 
Bewusstsein existirte. Wie nun die verschiedenen objectiven Bestandtheile 
der Vorstellung nicht selten mit sehr verschiedener Klarheit voi^estellt 
werden, so gelte das auch für die Vorstellung und das Vorstellungsgefiihl. 
In allen den Fällen, in denen sich ein Vorstellungsinhalt unserer Auffassung 
nur durch ein gewisses Gefühl oder sogar nur durch eine Veränderung 
der Gesammtstimmung des Bewusstseins kundgibt, da sei dies demnach 
als eine Andeutung dafür anzusehen, dass die betreffende Vorstellung 
im Bewusstsein vorhanden sei, dass sie aber zu jenen dunkleren In- 
halten desselben gehörte, die überhaupt mehr durch ihre Wirkungen auf 
andere Bewusstseinsvorgänge als durch ihre eigenen Bestandtheile er- 
kennbar werden. 

Es ist augenfällig, dass die erste dieser Deutungen im allgemeinen 
an eine Auffassung der seelischen Vorgänge gebunden ist, der wir bereits 
bei der Untersuchung der zeitlichen Vorstellungen begegnet sind: an die 
Auffassung nämlich, dass der in einem gegebenen Moment unmittelbar 
appercipirte Inhalt das ausschließlich im Bewusstsein Gegebene sei, oder, 
kürzer ausgedrückt, dass Apperceptionsinhalt und Bewusstseins- 
inhalt zusammenfallen (S. 86 fif). Bestünde das Bewusstsein in jedem 
Moment nur aus jener eng begrenzten Anzahl von Empfindungen und 
Gefühlen, auf die sich in dem gleichen Moment die Aufmerksamkeit 
richtet, so würde ja in der That die Annahme geboten sein, dass alle 
die Vorstellungsgefühle, deren zugehörige Vorstellungen nicht von uns 
bemerkt d. h. appercipirt werden, von der großen und unbestimmten Masse 
unbewußter Vorstellungen ausgingen, die als die Residuen früherer Er- 
lebnisse in der Seele zurückgeblieben sind. Nun hat sich aber bereits 
bei den Zeitvorstellungen gezeigt, dass selbst bei ihnen, die doch beson- 
ders durch die Eigenschaft, fließende Größen zu sein, vor andern sich 
auszeichnen, die Annahme, es werde jeweils nur der einzelne gegen- 
wärtige Zeitpunkt vorgestellt, unstatthaft ist, weil sie mit den unmittel- 
bar gegebenen Eigenschaften der Zeitvorstellungen und mit den sie ver- 
ändernden Bedingungen in unauflöslichen Widerspruch geräth (S. 59 ff.). 
Hierin liegt aber schon, dass jede Zeit Vorstellung aus klarer und dun- 
kler bewussten Theilen besteht; und in der That ließ sich aus der Aus- 
dehnung gewisser rhythmischer Zeitvorstellungen folgern, dass der Um- 
fang dieser dunkler bewussten Bestandtheile im Verhältniss zu den direct 
appercipirten ein nicht unbeträchtlicher sein kann. Bestimmter wird 
sich uns das noch bei der Untersuchung der allgemeinen Eigenschaften 
des Bewoisstseins ergeben, da dieselbe zeigt, dass der Gesammtumfang 
desselben zwar in jedem Moment ein begrenzter, dabei aber doch 



Allgemeine Eigenschaften der Vorstellungsgefühle. 1 1 n 

gegenüber den appercipirten Inhalten stets ein relativ bedeutender ist, in- 
dem nicht nur von jeder irgendwie zusammengesetzteren Vorstellung immer 
nur einzelne Theile im Blickpunkt der Aufmerksamkeit stehen, andere 
aber nur dunkel vorgestellt werden, sondern indem auch neben einem 
solchen durch die Apperception bevorzugten Gegenstand immer noch 
andere Inhalte gleichzeitig im Bewusstsein sind. Dabei lässt sich dann 
außerdem experimentell mit Sicherheit nachweisen, dass diese mit dem 
appercipirten Inhalt meist nur in einem losen und äußeren Zusammen- 
hang stehenden begleitenden Vorstellungen die allerverschiedensten Grade 
der Klarheit darbieten können, von einer oberen Grenze an, wo sie noch 
als zwar undeutliche, jedoch in ihren allgemeinen Eigenschaften noch 
einigermaßen erkennbare Objecte erfasst werden, bis zu einer unteren, 
wo nur festzustellen ist, dass überhaupt in einem bestimmten Sinnesgebiet 
irgend etwas vorhanden war, das im Bewusstsein wirksam w-urde, aber 
schon im Moment, nachdem der Eindruck vorübergegangen, nicht mehr 
zur Apperception gebracht werden kann'. Da es besonderer, eigens 
diesem Zwecke angepasster exacter Verfahrungsweisen bedarf, um solche 
außerhalb des engeren Bezirks der appercipirten Objecte liegenden Be- 
wusstseinsinhalte und die mannigfachen Abstufungen ihrer Klarheitsgrade 
nachzuweisen, so ist es nun vollkommen begreiflich, dass die gewöhn- 
liche, bloß die Apperceptionsvorgänge selbst in ihrem ungefähren Verlauf 
verfolgende subjective Wahrnehmung an jenen im weiteren Bewusstseins- 
umfang sich abspielenden Processen achtlos vorübergeht. Indem ihr in 
Folge dessen Apperception und Bewusstsein unterschiedslos zusammen- 
fließen, überantwortet sie dann aber nothgedrungen alle die Einflüsse, die 
von den dunkler bewussten Inhalten auf die Apperceptionsprocesse her- 
überwirken, dem gänzlich unbestimmten Begriff* des »Unbewussten«, der 
nun ebensowohl actuelle seelische Vorgänge wie bloße Anlagen zur Ent- 
stehung solcher in sich schließt, ohne dass zwischen beiden irgend welche 
sichere Unterschiedsmerkmale festgestellt werden. 

c. Die Vorstellungsgefühle als Bewusstseinsf unctionen. 

Lassen sich nun neben den Apperceptionsprocessen dunklere Bewusst- 
seinsinhalte der verschiedensten Klarheitsgrade als thatsächlich bestehende 
nachweisen, so ist damit auch die Möglichkeit gegeben, zwischen den 
bloßen Anlagen zur Wiedererneuerung von Bewusstseinsvorgängen, die 
unmittelbar gar keinen Einfluss auf das Bewusstsein ausüben, und den- 
jenigen psychischen Inhalten zu unterscheiden, die sich als unmittelbar 
wirksame nachweisen lassen. Denn es wird nunmehr vorauszusetzen 



Vgl. die in Cap. XVIII zu schildernden tachistoskopischen Versuche. 



1 20 Vorstellungsgefllhle nnd AfTecte. 

sein, die Fähigkeit, irgend welche Wirkungen auszuüben, sei überall an 
die Bedingung geknüpft, dass die wirksamen Elemente selbst in 
irgend einem Grade bewusst sind. Dieser Voraussetzung kommt zu- 
dem noch eine allgemeine Erwägung begünstigend entgegen. Wir werden 
sehen, wie sich auf Grund der thatsächlichen psychologischen Erfahrung 
für das Bewusstsein selbst keine andere Begriffsbestimmung gewinnen 
lässt als eben die, dass ein wirklicher psychischer Vorgang und 
ein Bewusstseinsvorgang nur verschiedene Namen für eine und die- 
selbe Thatsache sind, oder dass mit anderen Worten Bewusstsein 
nichts anderes bedeutet als die Summe der in einem gegebenen Moment 
wirklich vorhandenen seelischen Erlebnisse. Diese allgemeinen Gründe 
werden nun gerade im Gebiet der Vorstellungsgefllhle durch einen direc- 
ten thatsächlichen Beweis bestätigt. Die Annahme, dass irgend welche 
vorläufig oder dauernd unbewusst bleibende Vorstellungen in der 
Form von Gefühlen auf das Bewusstsein wirken könnten, würde näm- 
lich allenfalls bei den an die Erinnerungsvorstellungen gebundenen Ge- 
fühlen möglich sein. Sie wird aber unmöglich in jenen zwar selteneren, 
jedoch immerhin mannigfach vorkommenden und dann in höchst ausge- 
prägter Weise von dem gewöhnlichen Verlauf der Sinneswahrnehmungen 
sich unterscheidenden Fällen, wo auch bei directen Sinnesvorstellun- 
gen die Succession Gefühl — Vorstellung in die Erscheinung tritt. Dass 
hier der Eindruck zunächst überhaupt nicht, sondern erst, nachdem er 
durch das vorauseilende Gefühl verzögert worden sei, bewusst werde, 
ist nicht bloß überaus unwahrscheinlich, sondern widerspricht unmittelbar 
der Beobachtung. Denn bei den hier maßgebenden Versuchen mit mo- 
mentanen Eindrücken besinnt man sich in der Regel sofort, nachdem der 
Eindruck deutlich appercipirt wurde, darauf, dass er zuvor schon vor- 
handen war, aber zunächst hinter seinen sich aufdrängenden Gefiihlston 
zurücktrat. Nun würde es aber außerordentlich unwahrscheinlich sein, 
dass sich in dieser Hinsicht die Erinnerungsvorstellungen wesentlich an- 
ders verhielten als die directen Sinneswahrnehmungen, und dass jene 
schon als unbewusste Dispositionen Wirkungen äußern sollten, die diesen 
nachweislich erst nach ihrem Eintritt ins Bewusstsein zukommen. Da- 
gegen beweist die Thatsache, dass bei Sinneseindrücken wie bei Erinne- 
rungsbildern je nach Umständen sowohl eine gleichzeitige Apperception 
von Vorstellung und Gefühl wie eine Succession derselben in jeder der 
beiden möglichen Richtungen vorkommen kann, unzweideutig eine rela- 
tive Unabhängigkeit der Apperception dieser Bestandtheile der Bewusst- 
seinsinhalte, die zugleich auf eine wesentlich verschiedene Bedeutung der- 
selben hinweist. 



Allgemeine Eigenschaften der Vorstellungsgefühle. i 2 i 

d. Psychologische Bedeutung der Vorstellungsgefühle. 

Die Frage, worin diese Bedeutung bestehe, wird nun schließlich von 
den allgemeineren Gesichtspunkten aus zu beantworten sein, die schon 
für die Auffassung der einfachen Gefühle maßgebend waren; um so mehr, 
da ja jene Grundeigenschaften der Gefühle, wie sie sich in der Vorherr- 
schaft der dominirenden Elemente und in dem Princip der Einheit der 
Gemüthslage zu erkennen gaben, bei den Vorstellungsgefühlen in gesteiger- 
tem Grade wiederkehren. Sind aber, wie früher ausgeführt wurde, die 
Gefühle überhaupt Reactionen der centralen Bewusstseinsfunction, 
der Apperception, auf die einzelnen Bewusstseinserlebnisse% 
so liegt darin an und für sich schon, dass eine solche Reaction zwar stets 
von einem einzelnen wirklichen Bewusstseinsinhalt ausgelöst werden muss, 
dass sie aber sowohl nach ihrem Intensitätsgrad wie nach der Zeit ihres 
Eintritts nicht bloß von der Beschaffenheit der einzelnen Vorstellung ab- 
hängt, auf die sie sich unmittelbar bezieht, sondern außerdem auch von 
dem gesammten Bewusstseinszustand, wie er theils durch die sonst noch 
gegebenen Inhalte, theils auch durch die von Vorerlebnissen und ur- 
sprünglicher Anlage abhängigen Eigenschaften bestimmt ist. Darum kann 
eine Vorstellung, gerade so wie schon eine einzelne Empfindung, bald 
vollkommen gefiihlsfrei, bald von lebhaften Gefühlen begleitet sein, und es 
kann sich sogar in Folge jenes Einflusses der Vorerlebnisse und Anlagen 
eine ihrem objectiven Inhalte nach übereinstimmende Vorstellung in dem 
individuellen Bewusstsein sehr abweichend verhalten. Deshalb stehen nun 
bei den Gefühlen einem mittleren Verhalten, dem wir eine gewisse All- 
gemeingültigkeit zuschreiben, noch in ungleich höherem Maße individuelle 
Abweichungen gegenüber, als dies im Gebiet der Empfindung und Vor- 
stellung etwa fiir die Farben- und Tonempfindungen, das Augenmaß, die 
Zeitschätzungen u. dergl. gilt. Nicht minder können aber in Folge die- 
ser theils allgemeingültigen, theils individuellen Bedingungen die mannig- 
fachsten Verschiebungen in dem Verhältniss der objectiven Vorstellungs- 
inhalte zu jenen subjectiven Reactionen stattfinden. Bei einem gewissen 
mittleren Maß der Gefühlserregbarkeit werden wir im allgemeinen voraus- 
setzen dürfen, dass der Apperception einer Vorstellung die subjective Re- 
action so unmittelbar folgt, dass beide für uns zeitlich in einen einzigen 
Act zusammenfließen. Aber da jeder objective Vorstellungsinhalt, mag 
er nun einem äußeren Eindruck entstammen oder sich vonviegend aus 
reproductiven Elementen zusammensetzen, zunächst percipirt werden, d. h. 
überhaupt in das Bevvoisstsein eintreten muss, ehe er appercipirt werden 



Vgl. Bd. 2, s. 357 f. 



122 Vorstellungsgefiihle und Affecte. 

kann", so wird es bei Vorstellungen von relativ starkem Gefühlston oder 
bei ungewöhnlicher Gefiihlserregbarkeit sehr wohl vorkommen können, 
dass ein Inhalt, dessen objective Elemente selbst noch nicht appercipirt 
werden, doch bereits eine entschiedene apperceptive Reaction auslöst; 
und wenn weiterhin hemmende Momente hinzutreten, die vorübergehend 
oder bleibend die Apperception der Vorstellung selbst verhindern, so 
werden dann jene mannigfachen Erscheinungen die Folge sein, wie wir 
sie bei gewissen anscheinend substratlosen Stimmungen, bei unbestimm- 
ten Erinnerungen, beim Besinnen auf Vergessenes u. dergl. wahrnehmen. 
Weiterhin ergibt sich dann aus diesen Verhältnissen, dass die directen 
Sinnesvorstellungen und die Erinnerungsvorstellungen in dieser Beziehung 
im allgemeinen abweichende Bedingungen mit sich führen.. Ein äußerer 
Sinneseindruck übt, wenn er zureichend stark ist, im Verhältniss zu den 
sonst im Bewusstsein vorhandenen Nachwirkungen und Reproductionen 
früherer Erregungen in der Regel eine so überwältigende Wirkung aus, 
dass das Stadium zwischen dem Eintritt in das Bewusstsein und der 
Apperception außerordentlich verkürzt zu sein pflegt, und dass daher 
auch die subjective Reaction auf den appercipirten Inhalt entweder un- 
mittelbar mit diesem selbst oder, wenn hemmende Momente der neuen 
Gefuhlserregimg im Wege stehen, sogar erst eine merkliche Zeit nach 
der Apperception des objectiven Eindrucks stattfindet. Darum erscheint 
hier die Succession »Vorstellung — Gefühl< als das normale Verhalten, von 
dem nur bei Eindrücken von geringer objectiver Stärke und gleichwohl 
hohem Gefühlswerth gelegentlich Ausnahmen stattfinden. Wesentlich an- 
ders verhält sich dies bei den Erinnerungsvorstellungen. Erstens bedarf 
die Reproduction einer Vorstellung überhaupt durchweg einer sehr viel 
längeren Zeit als die Erzeugung einer directen Sinnes Vorstellung; zweitens 
aber verbleiben solche Reproductionen allgemein erheblich länger im 
dunkleren Feld des Bewusstseins : in manchen Fällen lässt sich geradezu 
feststellen, dass sich ihre Elemente hier zunächst sammeln und verdichten 
müssen, um überhaupt apperceptionsfähig zu werden. Daraus ergibt sich 
von selbst die Succession Gefühl — Vorstellung als die reguläre, der nur 
in einer verhältnissmäßig sehr kleinen Anzahl von Fällen die umgekehrte 
gegenübersteht, abgesehen von dem natürlich auch hier nicht seltenen 
Vorkommen der Association relativ gefühlsfreier Vorstellungen. Immer- 
hin pflegen auch dann nicht selten Spannungsgefühle von im übrigen 
qualitativ indifferentem Charakter der klaren Apperception des Erinnerungs- 
bildes voranzugehen. Dass endlich jene Fälle, wo eine Vorstellung als 
solche überhaupt nicht appercipirt wird, aber auf die Gefühlslage des 



' Siehe unten Cap. XVIII, i. 



Aesthetische Elementargefühle. 123 

Bewusstseins eine mehr oder minder intensive Wirkung- ausübt, zumeist 
dem Gebiet der Erinnerungsvorstellungen angehören, ist nicht minder eine 
naheliegende Folge aller dieser Bedingungen. 



2. Aesthetische Elementargefiihle. 

a. Subjective und objective Bedingungen ästhetischer 
Elementargefühle. 

Aus der unabsehbar großen Zahl der Vorstellungsgefühle treten einzelne 
durch das sie vor andern auszeichnende Merkmal hervor, dass sie sich als 
Lust- und Unlustgefiihle darstellen, die wir unmittelbar auf objective 
Bedingungen beziehen, und daher als Gefühle des Gefallens und des 
Missfallens zu bezeichnen pflegen. Diese Ausdrücke weisen zunächst, 
gleich den allgemeineren der Lust und der Unlust, auf die Eigenschaft 
des Bewusstseins hin, durch seinen Inhalt in der Form contrastirender 
Zustände bestimmt zu werden. Wie aber die Vorstellung selbst auf 
einer Mehrheit von Empfindungen beruht, die nach psychologischen Ge- 
setzen zusammenhängen, so ist auch schon das ästhetische Elementargefiihl 
nicht bloß eine Summe sinnlicher Einzelgefühle, sondern es entspringt 
aus der Verbindung derselben zu einer resultirenden Gefühlswirkung. 
Diese kann freilich bei relativ einfacheren Vorstellungen dem Indifferenz- 
punkt sehr nahe sein. Hieraus erklärt es sich, dass man nicht selten 
das Gebiet der ästhetischen Gefühle überhaupt auf die höheren, im 
engeren Sinne sogenannten ästhetischen Wirkungen einschränkt. Doch 
sind bei diesen immer nur jene elementaren Gefühle des Gefallens und 
Missfallens, die einzelne Vorstellungen begleiten, theils zu größerer 
Stärke entwickelt, theils mit anderen Gefühlen zusammengesetzteren Ur- 
sprungs verschmolzen. Die so entstehenden complexen Producte wollen 
wir daher als zusammengesetzte ästhetische Gefühle von den an 
Einzel Vorstellungen als solche gebundenen ästhetischen Elementar- 
gefühlen unterscheiden. Dabei muss übrigens von vornherein ein Miss- 
verständniss zurückgewiesen werden, das nicht selten durch die Ausdrücke 
»einfach« und »zusammengesetzt« erweckt wird, und das, wie es überhaupt 
auf einer falschen Auffassung der psychischen Entwicklungen beruht, so 
insbesondere im Gebiet der ästhetischen Gefühle völlig in die Irre führt. 
Wenn wir die an Einzelvorstellungen gebundenen Gefühle des Gefallens 
und Missfallens Elementargefühle nennen , so soll damit nicht gesagt sein, 
dass die höheren oder zusammengesetzten ästhetischen Gefühle bloße 
Summationen solcher Elementargefühle seien und ohne Rest in die 
letzteren zerlegt werden könnten. Das sind sie ebenso wenig, wie eine 



124 Vorstellungrsgefiihle und Affecte. 

räumliche Vorstellung eine bloße Summe von Lichtempfindungen oder 
ein consonanter Zusammenklang eine bloße Addition von Tönen ist. Im 
Gebiet der Gefühle, und vor allem der ästhetischen Gefühle, entfernt sich 
eine solche Auffassung um so mehr von der Wirklichkeit, da hier die Ver- 
bindungen der Elemente nicht bloß an und für sich neue, in den Elementen 
selbst noch nicht vorhandene Eigenschaften gewinnen, sondern da auch 
aus den mannigfachen Beziehungen, in welche die Vorstellungen zu ein- 
ander und zu früheren Erlebnissen treten, wiederum eigenartige Gefühle 
hervorgehen, die mit den Elementargefühlen zu einem verwickelten Total- 
gefühl verschmelzen, in welchem solche im weitesten Sinn associative 
Bestandtheile dann durchweg die dominirende Bedeutung besitzen. (Vgl. 
Bd. 2, S. 341 flf.). Auch darf hierbei nicht übersehen werden, dass schon 
in dem Ausdruck »ästhetische Elementargefühle« das Attribut des Ele- 
mentaren eine bloß relative Bedeutung hat. Als ästhetische Gefühle sind 
die Gemüthsbewegungen, um die es sich hier handelt, elementar; aber 
als Gefühle stehen sie doch schon auf einer wesentlich höheren Stufe als 
die an einfache Empfindungen gebundenen Gefühle, da sie eben von 
Vorstellungen ausgehen, die bereits gesetzmäßige Verbindungen von 
Empfindungen sind. 

Wenn wir nun die Eigenschaft, dass sie diejenigen Gefühlscomponenten 
einzelner Vorstellungen sind, die wir mit den Namen des Gefallens und 
des Missfallens belegen, als das nächste subjective Merkmal der ästhetischen 
Elementargefühle betrachten können, so sind diese übrigens damit zugleich 
als Unterformen der Lust-Unlustgefühle charakterisirt. Denn so wenig es 
bei ihnen an andenveitigen Gefühlsrichtungen fehlt, so ist doch das Gefallen 
als solches zweifellos ein Lust-, das Missfallen ein Unlustgefühl. Dabei 
unterscheidet sie aber von den andern, subjectiveren Formen der Lust und 
der Unlust die Beziehung auf äußere Gegenstände oder Vorgänge. Darin 
liegt dann zugleich die allgemeine Möglichkeit, dass sich diese Gefühle, 
indem sie mit den Vorstellungsobjecten selbst verschmelzen, bis zur In- 
differenz abschwächen können, wie das bei den Gegenständen unserer 
täglichen Umgebung zu geschehen pflegt. Aber auch da, wo eine starke 
Gefühlserregung nicht fehlt, verräth sich doch die objectivere Natur dieser 
Gefühle vornehmlich in zwei allgemeinen Merkmalen. Das eine besteht 
darin, dass bei den ästhetisch wirkenden Eindrücken der Gefühlston der 
reinen Empfindungen an Intensität zurücktritt, indem namentlich diejenigen 
Gefühle, die zu den Bestandtheilen des Gemeingefühls gehören, entweder 
ganz verschwinden oder mindestens nur noch eine sehr geringe Stärke 
besitzen. Das zweite, positivere Merkmal ist dies, dass die so zurück- 
bleibenden, und nun mit den Objecten selbst fest associirten Gefühle in 
ihren specifischen Eigenschaften durch das Verhältniss bestimmt werden, 



Aesthetische Elementargefühle. 125 

in dem die Theile der Vorstellung zu einander stehen. Da 
dieses Verhältniss ein objectives, von der besonderen Wirkungsweise der 
Eindrücke auf uns unabhängiges ist, so wird durch dasselbe jenes den 
ästhetischen Wirkungen eigene Zurücktreten der subjectiven Gemeingefiihle 
wesentlich unterstützt. Fehlen auch diese nicht ganz in dem ästhetischen 
Eindruck, so bilden sie doch, in ihm jeweils nur sinnliche Bestandtheile 
und Ergänzungen der eigentlichen Vorstellungsgefühle und ihrer complexen 
Verbindungen. Hierin liegt die relative Wahrheit der KANTischen Formel 
begründet, dass das ästhetische Wohlgefallen ein »interesseloses« sei. 
Aber freilich ist die Wahrheit dieser Formel psychologisch betrachtet nur 
eine beschränkte. Denn einerseits fehlt der sinnliche Gefuhlston der Em- 
pfindungen dem ästhetischen Eindruck schon lun deswillen nicht, weil es 
Vorstellungen ohne ein Empfindungssubstrat überhaupt nicht gibt, und 
weil demnach auch fiir die ungestörte Wirkung der einfachen wie der 
zusammengesetzten ästhetischen Gefühle ein ihnen adäquater Gefuhlston 
jener sinnlichen Elemente eine wesentliche Bedingung ist. Anderseits 
lassen sich die verwickeiteren ästhetischen Wirkungen unmöglich von den 
moralischen, religiösen oder sonstigen praktischen Interessen, die alle 
menschliche Thätigkeit durchsetzen, völlig sondern, so dass das Aestheti- 
sche als ein für sich allein dastehendes, den andern Lebensinhalten fremdes 
Gebiet anzusehen wäre. Worin sollte in der That die hohe ästhetische 
Wirkung z. B. eines Werkes der Dichtkunst oder auch der bildenden Kunst 
anders als eben darin bestehen, dass es jene Lebensinteressen auf das 
tiefste in Mitleidenschaft zieht ? Und mögen solche Beziehungen auch bei 
Musik und Architektur im allgemeinen nicht so unmittelbar an der Ober- 
fläche liegen, so treten sie doch deutlich genug hervor, sobald wir uns 
auf die entfernteren Bedingungen des ästhetischen Eindrucks besinnen. 
Dass ein Tanzlied und ein Choral abweichende Tonfugung und Rhythmik, 
ein Wohnhaus und eine Kirche andersartige architektonische Formen ver- 
langen, ist einleuchtend. Da aber schließlich kein Kunstwerk, mag es auch, 
wie die musikalische Symphonie oder Phantasie, von der subjectivsten Art 
sein, an sich zwecklos ist, so kann es auch nicht interesselos sein. Denn 
der Zweck, welcher Art er auch sein möge, schließt immer irgend welche 
theoretische oder praktische Interessen, Bedürfnisse oder Bestrebungen ein. 
So ist denn die KANTische Formel überhaupt kein zutreffender Ausdruck 
für die wirkliche Natur des ästhetischen Wohlgefallens. Wohl aber ist 
sie ein Ausdruck jenes falschen Ideals der classicistischen Kunst und 
Aesthetik, die der Form einen so übermäßigen Werth beilegte, dass sie 
darüber den ästhetischen Inhalt zu übersehen geneigt war. Dass sie da- 
neben eine berechtigte Reaction gegen die utilitarische Strömung der 
Zopf- und Aufklärungszeit ist, darf freilich nicht übersehen werden. 



120 Vorstellungsgefühle und Affccte. 

Doch gegen den Utilitarismus der Lehr- und Fabeldichtung des 
i8. Jahrhunderts brauchen wir uns heute ebenso wenig mehr wie gegen 
die Teleologie CHRISTIAN WoLFFs und seiner Schule zu wehren. Ist 
auch das »interesselose Wohlgefallen« kein zutreffender psychologischer 
Ausdruck für den Begriff der ästhetischen Wirkung, so nähern sich doch 
beide bei jenen relativ einfachen Eindrücken, welche die Objecte ästheti- 
scher Eiern entargefiihle sind, weil sich hier auf die einzelne Vorstellung als 
solche, ohne merkliche Beziehungen zu mannigfachen andern Vorstellungs- 
und Geflihlsinhalten, das ästhetische Gefühl bezieht. Eben darum aber be- 
sitzen die Elementargefühle zugleich den Charakter verhältnismäßig reiner 
Formgefühle. So verkehrt es wäre, eine Beethoven 'sehe Symphonie in 
ihrer ästhetischen Wirkung nur auf die einzelnen harmonischen und rhythmi- 
schen Formen, in die sie sich zerlegen lässt, oder den Eindruck eines Moses 
des Michel Angelo auf die Maßverhältnisse seiner Gestalt zurückfuhren zu 
wollen, so gewiss ist es, dass ein freilich unvollkommenes, aber immerhin 
deutlich ausgeprägtes elementares Gefühl des Gefallens oder Missfallens an 
eine einzelne, außer allem melodischen Zusammenhang stehende Con- 
sonanz oder selbst an die einfache proportionale Theilung einer geraden 
Linie geknüpft sein kann. Die so entstehenden Gefühle entsprechen dem 
Begriff des »interesselosen Wohlgefallens« am meisten, weil sie eben am 
meisten dem sich nähern, was wir ein reines »FormgefühU nennen dürfen, 
obgleich auch in diesem Fall associative Beziehungen kaum zu fehlen 
pflegen, da sich ja eben thatsächlich die einzelne Vorstellung nie ganz in 
unserem Bewusstsein aus den mannigfachen Verbindungen, in denen alle 
unsere psychischen Erlebnisse stehen, isoliren lässt. 

In diesen Bedingungen liegt nun weiterhin eine Thatsache begründet, 
die, so sehr sie mehrfach schon die Aufmerksamkeit der Aesthetiker 
erregt hat, doch nach ihrer psychologischen Seite noch wenig Beachtung 
fand. Sie besteht darin, dass es nur zwei Sinnesgebiete gibt, deren Ein- 
drücke als sinnliche Substrate ästhetischer Wirkungen eine allgemein an- 
erkannte Bedeutung besitzen: der Gehörs- und der Gesichtssinn. Daran 
schließt sich unmittelbar die Frage, ob und inwiefern die andern Sinne 
ebenfalls ästhetischer Wirkungen oder mindestens einer Mithülfe bei den 
Gefühlen, die durch jene beiden enveckt werden, fähig sind. Dieser, 
freilich mit der sonstigen functionellen Bedeutung zusammenhängende 
höhere ästhetische Werth ist es offenbar hauptsächlich, der dem Gehörs- 
und Gesichtssinn die Bezeichnung der »höheren Sinne« verschafft hat, 
während ihnen die andern, ihrerseits durch die nähere Betheiligung am 
Gemeingefühl ausgezeichneten Sinne, also der Tastsinn mit Einschluss 
der inneren Tastempfindungen und der Organempfindungen, der Genichs- 
und der Geschmackssinn, als die »niederen« gegenübergestellt werden. 



Aesthetische Elementargefühle. 127 



b. Aesthetische Wirkungen der niederen Sinne. 
Natur und Kunst. 

Ueber das Verhältniss dieser »niederen Sinne« zum ästhetischen Ge- 
sammteindruck besteht unter den Vertretern der Aesthetik keine völlige 
Uebereinstimmung. Während die einen jenen für die Constitution des 
Gemeingefuhls so wichtigen Empfindungen allen und jeden ästhetischen 
Werth absprechen, sind andere geneigt, ihnen immerhin eine Wirkung 
niederen Grades zuzuerkennen'. 

Auch wo man den niederen Sinnen einen gewissen ästhetischen 
Werth einräumt, da pflegt man übrigens denselben in doppelter Weise 
zu beschränken: erstens sieht man ihn meist nur in einer zu den Wir- 
kungen der höheren Sinne hinzutretenden Ergänzung; und zweitens er- 
blickt man in der subjectiven Beschaffenheit der Sinnesempfindungen 
selbst ein gewisses Hinderniss der ästhetischen Wirkung. Höchstens dem 
Geruch ist man geneigt in beiden Beziehungen eine Mittelstellung zu 
geben. Der Duft einer Blume z. B. soll auch unabhängig von dem Ge- 
sichtseindruck ein ästhetisches Gefallen erregen können, wie denn die 
Geruchsempfindung überhaupt, so lange sie eine gewisse Intensitatsgrenze 
nicht übersteige, ähnlich dem Ton und der Farbe objectivirt werde. 
Gleichwohl scheint es mir zweifelhaft, ob hier der Gefuhlston der Gerüche 
auf eine wesentlich andere Stufe zu stellen ist, als etwa gewisse unser 
Wohlbehagen erweckende Temperatur- oder Geschmacksempfindungen, 
oder als die eine mäßige Muskelleistung begleitenden inneren Tast- 
empfindungen. Alle diese Gefühle sind lustvolle Gemeingefiihle, die unter 
gewissen Bedingungen, wenn sie sich zu ästhetischen Gefühlen hinzu- 
gesellen, diese steigern können, weshalb wir denn auch die für die ästhe- 
tischen Gefühle gebrauchten Ausdrücke des Gefallens und Missfallens ge- 
legentlich auf sie anwenden. Aber diese natürlich bis zu einem gewissen 
Grade willkürliche und zufällige Bezeichnungsweise gibt doch keinen 
Rechtsgnmd dafür ab, nun das entscheidende Merkmal des ästhetischen 
Eindrucks, dass er stets von einer irgendwie zusammengesetzten Vor- 
stellung ausgeht, völlig bei Seite zu lassen. So oberflächlich die alte 
Unterscheidung des sinnlich Angenehmen und des ästhetisch Wohl- 
gefalligen sein mag, wenn damit das letztere als ein Nichtsinnliches 



* Zu den Aesthetikem erster Art gehören vor allen Hegel, sodann, mit einigen 
Einschränknngcn , Ed. von Hartmann, Philosophie des Schönen, 1887, S. 73, O. Lieb- 
UANN, Gedanken und Thatsachen. Bd. 2, 1902, S. 274. Der zweiten Meinung sind, bei 
übrigens mannigfaltiger Nüancirung, F. Th. Vischer , Das Schöne und die Kunst, 1898, 
S. 32, J. CoHN, Allgemeine Aesthetik, 1901, S. 94, K. Groos, Der ästhetische Genuss, 
1902, S. 31, und Volkelt, Der ästhetische Werth der niederen Sinne, Zeitschr. f. Psycho- 
logie, Bd. 29, 1902, S. 204. 



128 Vorstellungsge fühle und AfTecte. 

angesprochen werden soll, so berechtigt ist es, die ästhetischen Gefühle 
als eine Classe von »Vorstellungsgefiihlen« von den Gefühlstönen einfacher 
Empfindungen zu scheiden. Auch eine Farbe oder ein einzelner Ton ist 
für sich allein noch kein ästhetisches Object, sondern beide können sich 
eben nur in der Verbindung mit andern Elementen an der Bildung eines 
solchen betheiligen. Gerade so ist eine angenehme Geruchsempfindung 
kein ästhetischer Genuss; und der Umstand, dass der Geruch mehr als 
der Geschmack oder als die Tastempfindung objectivirt wird, ist hier 
nicht entscheidend. Denn auch bei Ton und Farbe ist es nicht die Be- 
ziehung auf ein äußeres Object an sich, was den Eindruck zu einem 
ästhetischen macht, sondern sein Aufgehen in einem Ganzen, das durch 
die Verhältnisse seiner Theile und durch seine Beziehungen zu mannig- 
fachen andern Bewusstseinsinhalten eine complexe Gefiihlsreaction her- 
vorbringt 

Doch liegt in dieser Unterscheidung der an die Empfindungen ge- 
bundenen einfachen Gefühle von den ästhetischen als Vorstellungsgefühlen 
verschiedener Zusammensetzung nicht der einzige und wohl nicht einmal 
der entscheidende Grund für die ästhetische Minderwerthigkeit der niederen 
Sinne. Vielmehr macht sich diese vor allem darin geltend, dass die hier- 
her gehörigen Sinnesempfindungen zumeist auch dann nichts zu einer 
ästhetischen Wirkung beitragen, wenn sie sich an eine durch ihre Ver- 
hältnisse und Beziehungen ästhetisch wirkende Vorstellung anschließen, 
ja dass sie in solchem Falle den sonst vorhandenen ästhetischen Eindruck 
beeinträchtigen oder vernichten können. Der ästhetische Genuss, den 
uns die Darstellung einer Winterlandschaft auf einem Gemälde bereitet, 
würde wahrscheinlich sofort schwinden, wenn man ihm durch die Her- 
stellung künstlicher Kältequellen zu Hülfe käme; und sogar eine auf der 
Bühne dargestellte Gartenscene würde schwerlich in ihrer dramatischen 
Wirkung gehoben, wenn man gleichzeitig Blumendüfte über das Parterre 
ausbreiten wollte'. 

Gleichwohl gibt es eine Form des ästhetischen Genießens, für die 
dieses vom Kunstwerk im allgemeinen geforderte Princip der Ausschaltung 
der niederen Sinne nicht gilt. Das ist gerade die ursprünglichste Form 
dieses Genießens : die der unmittelbar erlebten schönen Wirklich- 
keit. Zu dem Genuss einer Winterlandschaft gehört wirklich die Kälte, 



^ Nur in einem Fall erlaubt man sich bekanntlich im modernen Conversationsstück 
eine Ausnahme von dieser Regel: das geschieht, wenn auf der Bühne geraucht wird. 
In einer Scene wie in der des Tabakscolle^ium-4 in Gutzkows »Zopf und Schwert« wird 
es in der That kaum zu umgehen sein. Wo die Handlung eine solche Ausnahme nicht 
fordert, sondern der Darsteller bloß um des allgemeinen Eindrucks der Natürlichkeit 
willen die Cigarre oder Cigarette qualmt, da scheint mir auch dies ein ästhetischer Miss- 
griff zu sein. 



Aesthetische Elementargefühle. 120 

deren erfrischender Eindruck sich mit dem Anblick der schneebedeckten 
Flur zu einem übereinstimmenden Ganzen verbindet. Zur ästhetischen Wir- 
kung einer Gartenanlage gehört die leise unsere Tastempfindung erregende 
Bewegung der Luft, der Duft der Blumen, das Gezwitscher der Vögel ; und 
der Genuss würde uns abgestumpft oder todt erscheinen, wenn plötzlich 
alle diese Eindrücke, die wir einem Gemälde gegenüber als störende Ab- 
lenkungen empfinden, aus der Wirklichkeit hinweggenommen würden \ 
Will man es auf eine kurze Formel zurückfuhren, so ließe sich also sagen, 
dass das Naturschöne die Theilnahme der niederen Sinne an dem 
ästhetischen Eindruck fordert, während das Kunstschöne sie ausschließt 
oder mindestens auf ganz wenige, dem Gebiet der darstellenden Kunst 
angehörige Fälle einschränkt. Unter Natur hat man dabei freilich nicht 
bloß die freie, in einen Gegensatz zur Kunst sowie zu den Erzeugnissen 
der Cultur gebrachte Natur zu verstehen, sondern die Wirklichkeit im 
Gegensatze zu ihrer Nachbildung. Hieraus begreift sich dann auch die 
cigenthümliche Mittelstellung, die hier der dramatischen Kunst zukommt. 
Indem sie die Wirklichkeit nicht bloß im Bilde oder in der Schilderung 
durch die Sprache, sondern in Handlungen und Ereignissen wiedergibt, 
die selbst vor unseren Augen und Ohren geschehen, nimmt sie eben, 
insoweit hier zu dem Eindruck einer solchen Nachbildung des Lebens 
auch die Theilnahme der niederen Sinne unerlässlich ist, diese in An- 
spruch, nur dass sich das allgemeine ästhetische Bedürfniss, die Stärke 
des Eindrucks nicht über die Grenze zu steigern, die den ästhetischen 
Genuss in der sinnlichen Unlust aufgehen lässt, selbstverständlich auch 
hier geltend macht. Das »Naturschöne« in diesem weiteren Sinncj, in 
welchem es die ästhetisch wirkenden Eigenschaften der wirklichen Gegen- 
stände und Vorgänge bedeutet, umschließt aber zugleich eine Menge 
ästhetisch wirksamer Erscheinungen, an deren Hervorbringung die Kunst 
einen wesentlichen Antheil hat. Ein kunstvoll angelegter Park oder 
Garten, eine ästhetisch wirksame Gewandung, der Tanz, die Eindrücke 
und Handlungen des religiösen Cultus — alles das und vieles andere 
scheidet sich von jenen Schöpfungen der Kunst im engeren Sinne, die in 
irgend einer Weise entweder der bloßen Nachbildung der Wirklichkeit 
oder auch der Hervorbringung von Sinneseindrücken bloß um der ästhe- 
tischen Befriedigung willen bestimmt sind. So werden dem Tanzenden 
die Kraftempfindungen seiner Muskeln, dem Andächtigen der Weihrauch- 
duft in der Kirche zu sinnlichen Hülfselementen ästhetischer Wirkung. 



* In einem ergreifenden Gedicht schildert Heinrich von Treitschke nach eigenem 
Erlebmss das Gefühl schauerlicher Einsamkeit, das den taub gewordenen Knaben ergriff, 
als er zum ersten Mal in die freie Natur trat. 

WuNDT, Grundzüge. III. 5. Aufl. 9 



130 Vorstellungsgefühle und Affecte. 

Dieser eigenthümliche Unterschied in der Betheiligung der niederen 
Sinne an den Wirkungen des »Naturschönen« in der weiteren und des 
»Kunstschönen« in der engeren Bedeutung des Wortes beleuchtet nun 
zugleich den oben erwähnten Zwiespalt der Aesthetiker über den Werth 
oder Unwerth der niederen Sinne überhaupt. Wer den Begriff des ästhe- 
tischen Eindrucks mit dem des Kunstwerks zusammenfallen lässt, wie 
Hegel, der ist natürlich von vornherein geneigt, jene ganz vom Gebiet 
der ästhetischen Wirkung auszuschließen. Wer umgekehrt dem »Natur- 
schönen« ein gewisses Recht einräumt, wie Fr. Th. ViSCHER, der kann 
nicht umhin, ihnen wenigstens eine gewisse Mitwirkung einzuräumen. 
Aber so groß auch der ästhetische Werth sein mag, den man der Kunst 
überhaupt und insbesondere für die Steigerung der Wirkungen der schö- 
nen Natur einräumt, so setzt doch die Kunst überall die Natur voraus, 
und die Entstehung des Kunstwerks führt daher stets auf das Streben zu- 
rück, entweder gewisse ästhetische Natureindrücke nachzubilden und zu 
steigern, oder Gegenstände des Lebensbedürfnisses, die zu jenem weiteren 
Begriff der Natur im Sinne der den Menschen umgebenden Wirklichkeit 
gehören, wie das Wohnhaus, Geräthe, Waffen, durch die Verbindung mit 
ästhetischen Motiven, die der Naturanschauung entnommen sind, ebenfalls 
in ästhetische Objecte umzuwandeln. Bilden hiernach Natur und Kirnst 
keine Gegensätze, sondern Stufen einer zusammenhängenden Entwicklung, 
so nimmt die Frage nach der ästhetischen Bedeutung der niederen Sinne 
die besondere Form an: aus welchen psychologischen oder psycho- 
physischen Bedingungen ist es abzuleiten, dass die Empfindungen der 
niederen Sinne, die bei dem unmittelbaren ästhetischen Genüsse der 
Wirklichkeit zu der Steigerung des Eindrucks nicht selten wesentlich bei- 
tragen, mit dem Uebergang in die Kunst, namentlich in jene Kunst- 
formen, deren Zweck bloß noch in der Nachbildung der Wirklichkeit be- 
steht, diese ihre Wirkung nicht bloß einbüßen, sondern dass sie nicht 
selten zu störenden Elementen des Eindrucks werden? 

In dieser Frage liegt schon eingeschlossen, dass jene Auffassung, die 
den Unterschied der niederen von den höheren Sinnen lediglich in dem 
geringeren Grad ästhetischer Wirkung sieht, dessen sie fähig seien, 
nicht zutreffend ist. Denn zu dem Genuss der Wirklichkeit gehören die 
Empfindungen der niederen Sinne samt den an sie geknüpften Gefühlen 
als wesentliche Bestandtheile , deren Mangel unter Umständen die ganze 
ästhetische Wirkung aufheben kann. Bei den Gebilden der eigentlichen 
Kunst fehlen sie oder, wo sie sich gleichwohl einmengen, da werden sie 
meist zu störenden Elementen. Damit läuft aber die obige Fragestellung 
auf die andere hinaus: was scheidet überhaupt die Kunst von der erlebten 
Wirklichkeit? Man pflegt seit SCHILLER auf diese Frage zu antworten, 



Aestbetische ElementargefCible. 



131 



die Kunst sei ein »Schein*, der die Wirklichkeit in einer die Sinne 
nur maßvoll erregenden, die Form deutlich hervorhebenden^ aber den 
Stoff zurückdrängenden Weise spiegele. Die »niederen Sinne« sollen da- 
gegen durch den stofflichen Inhalt ihrer Empfindungen die reine Form 
des ästhetischen Eindrucks beeinträchtigen. Doch diese Auskunft ist 
psychologisch wenig befriedigend; denn sie macht nicht verständlich, wie 
der ästhetische Genuss der erlebten Wirklichkeit eben difrch diese ajigeb- 
lieh stofflichen Empfindungen nicht gestört, sondern im Gegentheil 
gehoben wird. Dagegen ist das andere Moment allerdings nicht zu 
übersehen, dass alle diese, in viel unmittelbarerer Weise auf das wahr- 
nehmende Subject bezogenen Empfindungen und ihre Gefühlstöne selbst 
niemals den eigentlich ästhetischen Charakter eines Eindrucks ausmachen, 

P sondern dass sie diesen nur steigern , wo er an und für sich schon vor- 
handen ist, indem sie es eben zumeist sind, die jene Vorstellung unmittel- 
bar erlebter Wirklichkeit hervorbringen, der bei dem »Naturschönen« 
eine so wesentliche Bedingung des Genusses ist. Sie ist dies aber bloß 
deshalb, weil sie erst den Eindruck zu einem wirklich erlebten macht. 
Das eigentliche Kunstwerk dagegen kann und will den Eindruck der er- 
lebten Wirklichkeit nicht hervorbringen, weil es diese stets nur von einer 
oder von einigen ihrer Seiten wiedergibt, indem es unter diesen Seiten 
ieder die für das menschliche Leben geistig bedeutsamsten und darum 
(ur die Entwicklung der complexen Gefühle wirksamsten herausgreift. 
Das sind aber überall Gefüh!e^ die an Vorstellungen und Vorstellungsver- 
bindungen der beiden höheren Sinne geknüpft sind. Die an die Eindrücke 
der niederen Sinne gebundenen Gemeingefühle beeinträchtigen, wenn sie 
zu stark sind^ naturgemäß die Wirkung dieser Vorstellungsgefühle. Doch 
selbst da, wo sie verhältnissmä^iig schwach sind, stören sie wohl weniger 
durch das w^as man die * Stofflichkeit« dieser Sinneserregungen genannt 
hat, als durch die Theilung des InteresseSy die das Naturschöne an 
sich schon gegenüber dem gewissermaßen abstracteren, auf die ästhetisch 
wirksamsten Bestandtheile der Wirklichkeit sich beschränkenden, eben darum 
aber concentrirteren und tieferen Eindruck des Kunstwerks zurücktreten 
lässt. Dazu kommt als ein nicht zu unterschätzendes psychologisches 
Moment noch das andere, dass, gerade durch solche Nebenbestandtheile, 
wie sie in den Empfindungen der niederen Sinne und den Gemein- 
gefiihlen gegeben sind, der Eindruck den Zweifel erwecken kann, ob der 
angeschaute Gegenstand ein natürlicher oder ein Gebilde der Kunst sei. 
Damit entsteht dann ein zwiespältiger Seelenzustand , der weder einen 
reinen Natur-, noch einen Kunstgenuss aufkommen lässt. Eine leben- 
dige, bewegte Menschengestalt kann in nicht minderem Grade ästhetisch 
auf uns w^irken, wie ein W'erk der plastischen Kunst, wenn sich auch 



1^2 Vorstellungsgefühle und Affecte. 

beide Wirkungen eben durch die vielseitigere Beschaffenheit der ersteren 
und durch die einheitlichere, concentrirtere der zweiten wesentlich unter- 
scheiden. Aber eine automatische Wachsfigur macht uns einen ästhetisch 
höchst minderwerthigen Eindruck, weil sie weder ganz lebendige, bewegte 
Wirklichkeit, noch ganz ruhende, plastische Kunst, sondern ein Zwitter- 
ding zwischen beiden ist, hd dessen Anblick uns zudem der Zweifel stört, 
ob sie das eine oder das andere sei. Genau so verhält sich nun die 
Sache da, wo die Empfindungen der niederen Sinne die an die Vorstel- 
lungen der höheren gebundene ästhetische Wirkung auf Eindrücke ab- 
lenken, die als Zeugnisse unmittelbarer Erlebnisse den Genuss 'erhöhen, 
jedoch unfehlbar eine zweifelnde und zwiespältige Stimmung erwecken, wo 
an die Stelle der künstlerischen Nachbildung . der Wirklichkeit eine diese 
in allen ihren Theilen wiederholende Nachahmung tritt. 

Zu diesen Bedingungen, die den Genuss der Wirklichkeit von dem 
ihrer ästhetischen Nachbildung scheiden, kommt endlich noch eine andere, 
die piit den ursprünglichsten physiologischen und psychophysischen Eigen- 
schaften der Sinne zusammenhängt. Die höheren Sinne umfassen ein 
Material von Empfindungen und Vorstellungen, das sich leicht, auch ohne 
die Einwirkung eines directen äußeren Sinnesreizes, in uns erneuert. So 
können sich die meisten Menschen an Klänge und Farben deutlich er- 
innern, und das Erinnerungsbild dieser Empfindungen pflegt zwar blasser 
und schwankender zu sein als der unmittelbare Eindruck; doch gibt es 
wohl verhältnissmäßig nur wenige Menschen, die nicht die erinnerten Töne 
wirklich als Töne und die Farben als Farben empfinden. Auch solche 
aber, die nach ihrer eigenen Beobachtung Töne oder Farben nur unsicher 
oder gar nicht zu reproduciren vermögen, können sich an Rhythmen und 
an räumliche Formen, wenn auch wiederum mit etwas individuell ver- 
schiedener Genauigkeit, erinnern. Dagegen fehlt den niederen Sinnen 
eine solche Reproductionsfähigkeit entweder ganz, oder sie ist jedenfalls so 
schwach, dass es besonderer Complicationshülfen bedarf, um Spuren dieser 
Empfindungen wachzurufen. Eine scheinbare Ausnahme bilden allein die 
die Stellungen und Bewegungen des Körpers begleitenden Spannungsem- 
pfindungen, die jedoch nur dadurch einen erhöhten Empfindungswerth 
gewinnen, dass ihre Reproduction sofort wirkliche Spannungen und Be- 
Avegungen der Organe auslöst, so dass auch hier unmittelbare Empfin- 
dungen entstehen. Diese bilden dann aber zugleich Complicationshülfen 
für die reproducirten Empfindungen der andern niedern Sinne, indem 
sich die letzteren, soweit sie überhaupt existiren, mit Bewegungsempfin- 
dungen der den verschiedenen Sinnesgebieten zugeordneten Muskeln ver- 
binden: so besonders die Geruchs- und Geschmacksempfindungen mit den 
ihnen associirten mimischen Bewegungsempfindungen. Dabei ist aber die 



Aesthetische Elementargefühle. 1^5 

begleitende mimische Empfindung wiederum so überwiegend, dass es 
zweifelhaft bleibt, ob wirkliche reproducirte Geschmacks- und Geruchs- 
erregungen überhaupt vorkommen". Hierin liegt nun offenbar zugleich 
eine wichtige sinnliche Bedingung für die bei dem Eindruck des Kunst- 
werks zu beobachtende Loslösung der Eindrücke der höheren Sinne von 
den in der Wirklichkeit sie stets begleitenden Empfindungen der niederen. 
Auch da, wo das Kunstwerk naheliegende Reproductionsmotive dieser Art 
enthält — man denke z. B. an ein aus leckeren Früchten componirtes 
Stillleben — fehlen solche in dem Eindruck. Nur die inneren Tastem- 
pfindungen bilden hier durch jene an ihre Reproduction gebundene un- 
mittelbare Entstehung eine Ausnahmestellung, die sich denn auch in den 
mannigfachsten Erscheinungen geltend macht: so in erster Linie in ihrem 
wichtigen Einfluss auf die an die Gehörseindrücke gebundenen rhythmi- 
schen Gefühle; so aber auch in mehr zurücktretender Weise bei dem 
Eindruck räumlicher Gestalten, zu deren Gefühlswirkung Augen- und 
Tastbewegungen eine fortwährende sinnliche Begleitung bilden'. 

In der Stufenfolge der ästhetisch wirksamen Eindrücke tritt uns nun 
die eigenartige, wenn auch mit den Bedingungen der Entstehung des 
Kunstwerks eng zusammenhängende Thatsache entgegen, dass uns jene 
Fälle, in denen der ästhetische Eindruck am freiesten ist von der Be- 
theiligung der an die niederen Sinne gebundenen Gemeingefühle, haupt- 
sächlich an den beiden entgegengesetzten Enden der Stufenreihen ästhe- 
tischer Wirkungen begegnen. Wie die höchsten Bildungen der Kunst 
ausschließlich ein den beiden höheren Sinnen zugehöriges sinnliches Ma- 
terial verwerthen, so sind auch jene einfachen, relativ beziehungslos 
wirkenden Objecte, die wir als Substrate der ästhetischen Elementar- 
gefühle kennen, reine Eindrücke des Gehörs- oder des Gesichtssinns. 



' Natürlich ist diese Frage ausschließlich eine solche der individuellen Selbstbeob- 
achtung. Ich kann in dieser Beziehung nur constatiren, dass ich bei mir selbst nicht im 
Stande bin, irgend merkliche Erinnerungsbilder von Gerüchen und Geschmäcken hervor- 
zubringen. WUl ich mir z. B. den Geruch einer Rose zurückrufen , so bemerke ich nur 
die Bewegungs- und Temperaturempfindung, die durch die unwillkürliche begleitende Be- 
wegung eines eingezogenen Luftstroms entsteht. Aehnlich bemerke ich bei dem Versuch, 
GescWack'^empfindungen zu reproduciren, nur die entsprechenden mimischen Bewegungs- 
empfindungen der Mund- und Rachenmuskeln. Danach bin ich geneigt, die Existenz 
merklicher reproducirter Empfindungen dieser Sinnesgebiete überhaupt zu bezweifeln. 

^ Den Künstlern, vor allem den plastischen Künstlern ist diese von den Aesthetikern 
oft übersehene Betheiligung der Bewegungsempfindungen von Auge und Tastorgan an dem 
Eindruck der räumlichen Gestalten nicht entgangen. Vgl. darüber die feinen Beobachtun- 
gen von Ad. Hildebrand, Das Problem der Form in der bildenden Kunst, 1893, ^^^ ^i^ 
kurze Darstellung des Inhalts dieser Schrift bei A. Riehl. Vierteljahrsschr. für wiss. Philo- 
sophie, Bd. 21. 1897, S. 283. Ebenso berühren sich hiermit manche Ausführungen bei 
Tii. LiPPS, Ranmästheiik und geometrisch -optische Täuschungen, 1897, in denen neben 
den unmittelbaren auch die associativen Bewegungsmotive besonders hervorgehoben wer- 
den. Vgl. darüber unten g. 



134 Vorstellungsgefilhle und Affecte. 

Dabei scheiden sich außerdem in diesem einfachsten Fall beide Sinnes- 
gebiete nach verschiedenen Richtungen, in denen bereits die Hinweise 
auf die Grundrichtungen auch der höheren Kunstformen gegeben sind. 
In dieser Wiederanknüpfung der höchsten an die einfachsten, nur durch 
das Verhältniss der Theile der einzelnen Vorstellung wirksamen ästheti- 
schen Objecte hat wohl jene formalistische Auffassung der ästhetischen 
Wirkung zumeist ihre Quelle, die den aristotelisch -scholastischen Unbe- 
griff der »stoff losen Form« , nachdem er sich auf metaphysischem Ge- 
biet fruchtlos erwiesen, womöglich in der Aesthetik wieder unterbringen 
möchte. Das ist eine Verirrung, die durch die psychologische Analyse 
des ästhetischen Eindrucks auf Schritt und Tritt widerlegt wird. Selbst 
die ästhetischen Elementargefühle sind keine bloß formalen Gefühle, wenn 
sie sich auch solchen am meisten nähern. Die höheren ästhetischen Ge- 
fühle sind es vollends schon deshalb nicht, weil sie sich durchaus nicht 
in bloße Elementargefühle auflösen lassen, sondern die wirksamsten Be- 
standtheile ihres Inhaltes den neuen Elementen und Gebilden verdanken, 
die in ihnen zu jenem spärlichen Gerüste der elementarästhetischen 
Eindrücke hinzutreten. 

Dem Gesichtspunkt, dass die ästhetischen Elementargefühle die ein- 
zigen relativ reinen Formgefuhle sind, lässt sich nun schließlich zugleich 
der angemessene Eintheilungsgrund für dieselben entnehmen. Gebunden 
an das Verhältniss der Theile einer einzelnen Vorstellung, werden die 
Grundformen dieser Gefühle von vornherein jenen Grundformen der Ver- 
bindung psychischer Elemente zu psychischen Gebilden sich anschließen, 
die uns die Analyse der Vorstellungsbildung kennen lehrte. Dabei können 
sich übrigens beiderlei Formen deshalb nicht ganz entsprechen, weil die 
Gefühle in der innigeren Verschmelzung verschiedener Gefühlselemente 
zu einem Totalgefühl eine besondere, den Vorstellungsgebilden nicht in 
gleicher Weise eigene Bedingung mit sich führen. Hiermit hängt es zu- 
sammen, dass die aus dem praktischen Kunstbedürfniss sich ergebende 
Gliederung der ästhetischen Elementarwirkungen auf zwei Gesichtspunkte 
zurückführt, deren einer dem Verhältniss der qualitativen Eigenschaften 
der Empfindungen, und deren anderer der äußeren Ordnung entnommen 
ist, in der die Theile zu einander stehen. Nennen wir der Kürze halber die 
ersteren, auf ein rein intensives Verhältniss zurückführenden Wirkungen die 
intensiven, die letzteren, auf irgend eine extensiv^c, räumliche oder zeit- 
liche Ordnung gegründeten die extensiven Gefühle, so entspricht jedem 
der beiden höheren Sinnesgebiete je ein intensives und ein extensives 
Gefühl. Die intensiven Gefühle lassen sich auch als die Harmonie- 
gefühlc bezeichnen und in die Gefühle der Klang- und der Farbenhar- 
monie scheiden. Dabei wird der Ausdruck »Harmonie« als ein genereller 



Aesthetische Elementargefiihle. i^c 

gebraucht, der nicht nur alle möglichen Grade derselben einschließlich der 
Indifferenz, sondern auch die nach dem allgemeinen Contrastprincip der 
Gefühle ihnen gegenüberstehenden der Disharmonie enthält. Ferner wird 
bei den Gefühlen der Farbenharmonie und -disharmonie selbstverständlich 
davon abgesehen, dass jede Farbenwirkung zugleich eine extensive Ord- 
nung der Farben in sich schließt, da, sobald die letzteren überhaupt 
ästhetische Wirkungen hervorbringen, solche extensive von den inten- 
siven, in der Qualität und Intensität der Eindrücke begründeten Wirkun- 
gen im allgemeinen leicht zu sondern sind. Die extensiven Gefühle 
scheiden sich sodann ebenfalls nach den Sinnesgebieten, damit aber zu- 
gleich nach den Formen der extensiven Ordnung in die räumlichen und 
in die zeitlichen Formgefuhle oder, wie wir sie auch nennen können, in 
Gestaltgefühle und rhythmische Gefühle, von denen die ersteren 
den Gesichts-, die letzteren den Gehörsvorstellungen zugehören, indess 
der Tastsinn durch seine Spannungs- und Bewegungsempfindungen an 
beiden theilnimmt. Will man für die extensiven einen analogen inhalt- 
lichen Ausdruck wie für die intensiven oder Harmoniegefühle, so würden 
sie sich etwa als »Proportionalgefühle« bezeichnen lassen, da es bei bei- 
den extensive Proportionen, dort solche der räumlichen, hier solche der 
zeitlichen Form sind, die als wesentliche Factoren auftreten. Hiernach 
ergibt sich das folgende Schema ästhetischer Elementargefühlc: 

Intensive Gefühle Extensive Gefühle 

(Harmoniegefühle) (Proportionalgefühle) 



Klangharmonie Farbenharmonie Gestaltgefühle Rhythmische Gefühle 

c. Klangharmonie. 

Die Begriffe der Harmonie und Disharmonie haben ihre ursprüngliche 
Heimath im Gebiet der Klanggefühle. Wo diese Ausdrücke sonst noch 
gebraucht werden, da ist überall die Analogie mit den Klangwirkungen 
maßgebend: so schon bei der Harmonie und Disharmonie der Farben, 
noch mehr bei andern complexen Gefühlen, in welchen letzteren Fällen 
darum auch andere Bezeichnungen, die der eigenthümlichen Beschaffenheit 
solcher Gefühle entsprechen, psychologisch die zweckmäßigeren sind. Vor 
den harmonischen Verhältnissen der Farben zeichnen sich aber die Er- 
scheinungen der Klangharmonie durch zwei Eigenschaften aus. Die eine 
besteht darin, dass sie die einzigen rein intensiven Gefiihle sind, während 
bei den Farbenwirkungen die Bedingungen der extensiven Ausdehnung 
und Anordnung in viel höherem Grade als mitbestimmende Factoren her- 
vortreten. Natürlich fehlen ja diese auch den Klangverbindungen so wenig 
wie irgend welchen andern zusammengesetzten Vorstellungen. Immerhin 



1^6 Vorstellüngsgefühle und Affccte. 

lassen sich jene zeitlichen Verhältnisse der Eindrücke, denen hier die Rolle 
des extensiven Complementes zukommt, bestimmter sondern, indem sie 
sich selbst wieder einer specifischen Gefiihlsform, derjenigen der rhyth- 
mischen Gefühle, unterordnen. Die zweite hervorragende Eigenschaft 
der Klangharmonie besteht darin, dass bei ihr die Bedingungen, welche die 
Ordnung der Theile der zusammengesetzten Vorstellung beherrschen, eine 
strengere Gesetzmäßigkeit einhalten, als sie bei irgend einer andern Form 
ästhetischer Elementarv%^irkungen vorkommt. Hier nähert sich ihr noch 
am meisten der Rhythmus, wie er in Verbindung mit den harmonischen 
Klangwirkungen den Aufbau der Melodie beherrscht Immerhin besitzt 
auch er wegen der schwankenden Natur der Zeitvorstellungen einen weiteren 
Spielraum gegenüber den in dem Zusammenwirken der Töne beg^ndeten 
Bedingungen der Harmonie. Diese Verhältnisse sind es zugleich, die den 
Harmoniegefühlen jene typische Bedeutung verleihen, vermöge deren sie 
uns als diejenigen psychischen Gebilde entgegentreten, die den Aufbau 
complexer Gefühle, der in andern Fällen nicht selten durch mannigfache 
störende Nebenbedingungen verdunkelt wird, am deutlichsten zum Aus- 
druck bringen". 

Die Vorstellungsgrundlagen der Harmonie- und Disharmoniegefiihle 
sind bei der Betrachtung der Consonanz und Dissonanz der Töne bereits 
eingehend erörtert worden. Wie aber bei der Entwicklung der Conso- 
nanz und Dissonanz das Harmoniegefiihl bestimmend ist, so muss man, 
nach einem durchgehcnds für die Analyse der Gefühle zur Anwendung 
kommenden Princip, wiederum umgekehrt von den Eigenschaften der 
Consonanz und Dissonanz ausgehen, um die Harmoniegefiihle selbst zu 
begreifen. Die mannigfachen Erscheinungen, die wir unter dem Namen 
der Consonanz zusammenfassen, beruhen nun, wie früher gezeigt wurde, 
auf einer doppelten, einer metrischen und einer phonischen Grundlage. 
Nach dem metrischen Princip ist es theils die in der Coincidenz der 
Differenztöne begründete relative Einfachheit des Klanges selbst, theils 
die einfache Gliederung der Tondistanzen nach dem Princip der einfach- 
sten Theilung, der Zweitheilung, wodurch sich die consonanten Intervalle 
vor andern auszeichnen. Nach dem phonischen Princip bilden die un- 
mittelbar empfundenen oder associativ erregten Beziehungen der Töne 
auf eine Klangeinheit die hauptsächlichsten Factoren der Consonanz. 
Als unterstützende Momente kommen hinzu der Wechsel mit dissonanten 
Intervallen, die »Bissonanz«, unci die Schwebungen. Endlich machen 
sich, ebenso in dem Zusammenklang wie in der melodischen Folge 
der Töne, noch jene Nebenintcrvalle geltend, die, den schwächeren 

' Vgl. Cap. XI, Bd. 2, S. 344. 



Aestheiiscbe Elementargefühle. i^j 

Partialtönen angehörend, je nach der Klangfärbung und der Vertheilung 
der Tonmassen in mannigfaltiger Weise den Eindruck der Hauptintervalle 
verändern können*. Indem wir die Analyse der einzelnen Intervalle, 
Accorde und Tonfolgen der psychologischen Aesthetik überlassen, möge 
hier nur auf das früher erörterte Beispiel der Dur- und Molldreiklänge 
nochmals hingewiesen werden". Der Duraccord, zusammengehalten durch 
den als Differenzton wahrgenommenen Grundklang, erscheint unmittelbar 
als eine Klangeinheit. Der MoUaccord entbehrt dieser Verbindung. An 
die Stelle des Zusammenhalts durch den Grundklang tritt aber durch den 
coincidirenden Oberton ein Abschluss nach der entgegengesetzten Seite 
der Tonreihe. Dazu kommt als sinnlicher Hintergrund der Accordwirkung 
der ernste und beruhigende Charakter der tiefen Töne, der durch den 
Grundklang entsteht, w^ährend im Moll die energische und erregende 
Gefühlswirkung der hohen Töne durch den coincidirenden Oberton ver- 
stärkt wird. Ueberdies erscheint beim Zusammenklang die Consonanz 
des Duraccords mit seinem einfachen Grundklang als eine einheitliche 
und vollständigere, während sie sich im Moll mit seinen zwei auseinan- 
derfallenden Grundklängen gewissermaßen nach zwei Richtungen scheidet. 
Die letzten Grundlagen der aus diesem Aufbau der Klanggebilde 
entspringenden Harmoniegefühle bilden hiernach die elementaren Gefühls- 
wirkungen der Töne. Diese gehen in jede Harmoniewirkung ein, und 
je nachdem durch Grundtöne, Differenz- und Obertöne diese Elementar- 
wirkungen einem bestimmten Tongebiet oder auch einer Vermischung 
verschiedener Tongebiete angehören, machen sich die einfachen Ton- 
und Klanggefühle als bestimmende Elemente der entstehenden Gefühle 
geltend'. Aber dabei sind diese, wie alle Totalgefiihle , niemals bloße 
Additionen jener Elemente, sondern der eigenartige Charakter der Har- 
moniegefuhle beruht gerade auf den resultirenden Wirkungen derselben. 
Hier kommen dann im einzelnen wieder alle die Momente in Betracht, 
die uns bei der Consonanz und Dissonanz begegnet sind. Demnach 
scheiden sich die Harmoniegeflihle zunächst nach den Hauptformen der 
Consonanz, indem die harmonischen Wirkungen successiver Klangverbin- 
dungen zwar in ihren Grundeigenschaften denen der simultanen verwandt 
sind, aber dadurch abweichen, dass in jedem dieser Fälle die einzelnen 
Factoren auch in ihrer harmonischen Verbindung in verschiedenem Grade 
wirksam werden. Nun sind, entsprechend der Entwicklung der musikalischen 
Formen aus dem Gesang, die successiven Harmoniegefühle die primi- 
tiveren und demnach auch in ihren Bedingungen wie in ihrem Aufbau die 



' Cap. XII, Bd. 2, S. 402. 2 Ebend. S. 409. 

3 Vgl. Cap. Xr, Bd. 2, S. 318, 326 ff. 



1^8 VorslcUungsgefÜlile und Affectc. 

einfacheren. Nach den der Consonanz der Tonfolgen zukommenden Eigen- 
schaften wirken nämlich hier als metrische Momente einerseits die Einfach- 
heit oder Zusammensetzung der einzelnen Klänge, wie sie aus dem Mangel 
oder der Beimischung der Obertöne entspringen, anderseits die bei der 
Succession der Klänge deutlich vernehmbare Gliederung der Tonstrecken. 
Dazu kommen als phonische Momente erstens die Verwandtschaft der 
Klänge, die sich in der Aufeinanderfolge derselben unmittelbar in der 
Wiederholung übereinstimmender Obertöne bei wechselndem Grundton 
zu erkennen gibt, und zweitens die bei jeder Klangfolge stattfindende 
successive Zerlegung der Theiltöne eines Einzelklangs in einzelne seiner 
Partialtöne. Diese metrischen und phonischen Eigenschaften der Klang- 
folge verbinden sich nun vermöge der natürlichen Bedingungen ihrer Ent- 
stehung gewissermaßen in gekreuzter Richtung. Der einfache, der Ober- 
töne entbehrende Ton lässt die unmittelbare phonische Verwandtschaft 
der aufeinanderfolgenden Klänge nicht aufkommen; dafür tritt bei der 
harmonischen Folge einfacher Töne neben dem zweiten metrischen Princip, 
der Zweigliederung der Tonstrecken, die associative Beziehung zu einem 
gemeinsamen Grundton um so klarer hervor. Dieser Verbindung akusti- 
scher Bedingungen verdanken Klangfolgen einfacher Töne ihre ausnehmend 
wohlgefällige, nur auf die Dauer etwas einförmige Wirkung. Ganz anders 
verhalten sich obertonreiche Klänge in homophoner Aufeinanderfolge. 
Bei ihnen verschwinden die metrischen Factoren zwar keineswegs ganz, 
aber sie treten doch mehr zurück, weil der Einzelklang schon als ein 
zusammengesetztes Gebilde erscheint, wodurch die einfache Gliederung 
der successiv durchlaufenen Tonstrecken um so mehr erschwert ist, je 
mehr die reine Wirkung der Grundtöne durch die Obertöne zurückgedrängt 
und je nach der Tonhöhe durch die wechselnde Stärke der letzteren 
modificirt wird. Dafür macht sich nun um so kräftiger die in der Ueber- 
cinstimmung begründete Aehnlichkeit der Klänge geltend. Diese Unter- 
schiede, die von der Einfachheit oder Zusammensetzung der Einzelklänge 
herrühren, sind bei der Harmonie der Tonfolge so überaus stark, dass 
man, einmal auf sie aufmerksam gew^orden, ohne weiteres erkennt, wie 
der Schwerpunkt der Harmoniewirkung hier, so lange es sich um ein- 
fache Töne handelt, auf der metrischen Seite, auf der Einfachheit der 
Töne selbst und der klaren einfachen Gliederung der Intervalle Hegt, 
während er bei klangfarbereichen Klängen umgekehrt auf die phonische 
Seite fällt, der gegenüber nun das metrische Princip im Einzelklang 
selbst ganz verschwindet, aber auch in der Gliederung der Tonstrecken . 
zurücktritt. Dazu kommen dann jedesmal von Seiten des Gefühlstons der 
Empfindungen die qualitativ abweichenden Wirkungen der reinen, ein- 
fachen, und der zusammengesetzten, obertonreichen Klänge, die zugleich 



Aestbeiische Klementargcfüble. 



139 



in allen diesen Fällen nach der Höhe der Grundtone und der Lage der 
Obertöne nach verschiedenen Richtungen auseinandergehen*. 

Alle diese Bedingungen ändern sich bei der zweiten Form, bei der 
Harmonie der simultanen Klänge. Hier tritt zunächst unter den 
beiden metrischen Factoren die in der Succession so deutliche Theikmg 
der Tonlinie nach einfachen, dem Princip der Zweiglicderung sich ein- 
ordnenden Maßverhäknissen beinahe völlig zurück. Ohne die natürlich 
auch hier nicht fehlenden associativen Beziehungen zu den entsprechen- 
den successiven Tonverbindungen würde sie wahrscheinlich überhaupt 
nicht zu bemerken sein. Um so stärker wirkt dagegen das erste, un- 
mittelbar metrische Moment: das der Einfachheit des Klangs. Doch 
spielt es in diesem Fall eine wesentlich andere Rolle als bei der Klang- 
folge, Während bei dieser lediglich die Zusammensetzung des Einzel- 
klangs, die in dem Fehlen oder Vorwalten der schwächeren Partialtöne 
begründet ist, in Betracht kommt, so dass hier die harmonische Wirkung 
auf den Gefühlston des Einzclklangs je nach seiner qualitativ'cn Zusammen- 
setzung zurückgeht, entspringt die Einfachheit des Zu sammcnk längs un- 
mittelbar aus der in der Coincidenz der Differenztöne begründeten Ver* 
einfachung der Klang^virIalng. Indem nun aber diese Coincidenz neben 
den primären auch die sccundärcn Difiercnztöne^ welche die Obertöne mit 
einander und mit den primären Differenztöncn bilden, ergreift, entsteht 
[daraus eine dem Zusammenklang specifisch eigenthümliche, in der Kbng- 
folge in nichts vorgebildete Beziehung zwischen metrischen und phoni- 
schen Bedingungen der Klangwirkung. Diese Beziehung liegt darin, dass 
bei einfachen Tönen die Coincidenz der Differenztöne die absolut ein- 
fachste Klangwirkung erzeugt, dass aber die relative Vereinfachung der 
letzteren umgekehrt um so größer ist, je obertonreicher die Bestandtheile 
des Zusammenklangs sind. Diesem Umstände verdanken wieder die 
Zusammenklänge einfacher und diejenigen zusammengesetzter Klänge ihre 
eigenthümlich verschiedene wohlgefällige Wirkung. Zugleich bringt aber 
[die ungemein wechselnde Zusammensetzung, deren ein bestimmter Zu- 
isaromenklang vermöge der veränderlichen Theiltönc der Einzelklänge 
[fähig ist, eine große Mannigfaltigkeit der Harmoniewirkungen mit sich, 
'Hierzu kommen endlich als specifisch phonische Wirkungen Differenztöne 
und Tonverstärkungen durch Coincidenz, von denen die ersteren auch hier 
in erster Linie von den Grundtönen bestimmt werden, die letzteren von 
den Obertönen, also von der Zusammensetzung der Einzelklänge, ab- 
hängen, so dass bei reinen einfachen Tönen die erste, bei zusammen- 
gesetzten die zweite vorzugsweise sich aufdrängt. Endlich gewinnen diese 



* Vgl. cUs SchemQ Fig, 232. Bd. 2, S. 328. 




1^0 VorstellungsgefÜhle nnd Affecte. 

nach Grundtonverbindung und Klangfärbung so überaus wechselnden 
Harmoniemotive noch durch den zeitlichen Wechsel der Zusammen- 
klänge, insbesondere durch den Wechsel mit Dissonanzen oder »Bisso- 
nanzen«, besondere Färbungen. Denn jeder solche Wechsel bringt 
wieder bestimmte Factoren des Zusammenklangs zu gehobener Geltung, 
dadurch dass er durch die vereinte Wirkung von Klangverwandtschaft 
und Contrast auf sie vorbereitet. Als Vorbereitungen nach dem Con- 
trastprincip sind hierbei außerdem auch die Schwebungen der Disso- 
nanzen aufzufassen, da sich ihnen gegenüber um so reiner und wohl- 
gefälliger eine darauf folgende Consonanz durchsetzt \ 

d. Farbenharmonie. 

Die Verhältnisse der Farbenharmonie bieten wegen der weit gleich- 
förmigeren und einfacheren Bedingungen des Zusammenwirkens ver- 
schiedener Farben an sich ein viel einfacheres Problem dar als die der 
Klangharmonie. Gleichwohl ist dieses Problem aus zwei Gründen von 
Schwierigkeiten umgeben, die der Wirkung harmonischer oder disharmo- 
nischer Farbenverbindungen, eben darum aber auch der Entscheidung der 
Frage nach den Bedingungen dieser Wirkung hindernd im Wege stehen. 
Erstens bietet uns überall die Natur Farbenzusammenstellungen, die, ohne 
Rücksicht auf unser Gefallen oder Missfallen entstanden, als gewohn- 
heitsmäßige Eindrücke das ästhetische Gefühl sowohl im positiven wie im 
negativen Sinne abstumpfen können, indem sie uns für missfällige Farben- 
eindrücke unempfindlich machen, möglicher Weise aber auch wohl- 
gefällige in ihrer Wirkung beeinträchtigen. Zweitens sind die ästhetischen 
Wirkungen der Farbenverbindungen theils wegen des dabei nothwendigen 
extensiven Nebeneinander der einzelnen Farben, theils wegen der sonstigen, 
wesentlich anders gearteten Bedingungen der Farben- gegenüber denen 
der Tonqualitäten offenbar überhaupt sehr viel schwächer als die der 
consonanten Klangfolgen und der Zusammenklänge. Dem stehen auf der 
andern Seite die sehr ausgeprägten, denen der einfachen Töne vielleicht 
überlegenen Gefühlswirkungen der einzelnen Farben gegenüber. Na- 
mentlich können die letzteren dann zu überwiegender Wirkung kommen, 
wenn die Farben im gesättigten Zustand einwirken. Endlich spielt die 
stets mit der Farbe verbundene Helligkeitsempfindung eine mehr oder 
weniger große Rolle. Combinationen gesättigter Farben können sich 



' Ueber diese verstärkende Wirkung des Wechsels der Consonanzen mit einander 
und mit Dissonanzen vgl. manches Einzelne bei H. Riemann, Elemente der musikalischen 
Aesthetik, 1900, S. 126 ff. Siehe auch oben Bd. 2, S. 432. Die Analyse der einzelnen 
Klangfolgen und Zusammenklänge hinsichtlich der Betheiligung der verschiedenen oben 
betrachteten Factoren muss hier als eine der psychologischen Musikästhetik zugehörige 
Aufgabe unterbleiben. 



Aesthetische Elementargefühle. i^i 

darum ganz anders als solche ungesättigter Farben verhalten, und bei 
der Combination dunkler und heller Farben kann der Helligkeitscontrast 
die eigentliche Farbenwirkung aufheben oder mindestens stören. 

Diese Umstände machen es erklärlich, dass die Angaben verschiede- 
ner Beobachter über gefallige und missfällige Farbenverbindungen nicht 
unerheblich von einander abweichen. Sie bedingen es aber auch, dass 
Urtheile, die auf bloß zufällige, meist ohne Rücksicht auf die besonderen 
abändernden Momente ausgeführte Beobachtungen gegründet sind, kaum 
eine Beweiskraft besitzen, sondern dass hier weit mehr noch als bei den 
Klangverbindungen ein planmäßiges Vergleichungsverfahren erforderlich 
ist. Versuche, die diesen Ansprüchen einigermaßen genügen, sind bis 
jetzt hauptsächlich mit möglichst gesättigten Pigmentfarben von spektra- 
lem Farbenton sowie zum Theil auch mit wirklichen Spektralfarben 
ausgeführt worden. Dabei kommt freilich in Betracht, dass auch bei die- 
sen Farben, so lange man sich, wie gewöhnlich, an die in dem Disper- 
sionsspektrum vorliegenden Verhältnisse hält, die Helligkeitsunterschiede 
nicht unbeträchtlich sind. Versuche über reine Farbenwirkungen würden 
daher streng genommen zunächst eine Reduction auf gleiche Helligkeiten 
erfordern, was bis jetzt noch nicht durchgeführt ist. Nach den allge- 
mein für die Maßbestimmung von Gefühlswirkungen zu Gebote stehenden 
Methoden kann man ferner entweder eine reihenweise oder eine paar- 
weise Vergleichung anwenden, unter welchen beiden Methoden auch 
hier die letztere entschieden zu bevorzugen ist (Bd. 2, S. 267). Bei den 
nach einer dieser Methoden vorgenommenen Versuchen hat man nun bis 
jetzt von den besonderen elementaren Gefühlswirkungen, wie sie haupt- 
sächlich als errregende und beruhigende schon an die einzelnen 
Farben gebunden sind, zunächst abstrahirt, und sich auf die Bestimmung 
der Grade des Gefallens und Missfallens, also der ins Aesthetische 
übersetzten Lust-Unlustgefuhle beschränkt. Auch wurden im allgemeinen 
nur die aus der Combination von je zwei Farben resultirenden Gefühle 
in Betracht gezogen. Die farblosen Eindrücke von ausgeprägter qualita- 
tiver Beschaffenheit, also namentlich Weiß und Schwarz, hat man dabei 
zuweilen nach ihrer psychischen Qualität gleichfalls den Farben zugezählt. 
Da sie jedoch außerhalb der in sich geschlossenen Farbenlinie liegen, so 
können sie eigentlich nur in einer auch die Sättigungen und Helligkeiten 
umfassenden Untersuchung ihre geeignete Stellung finden. Sie sind daher 
in den exacteren, auf annähernd spektrale Farbentöne beschränkten Be- 
obachtungen in der Regel aus dem Spiele gelassen worden. 

Untersucht man in der angedeuteten Weise planmäßig die binären 
Combinationen, in denen jede spektrale Farbe von deutlich ausge- 
prägter Qualität mit sämmtlichen andern Farben vorkommen kann, und 



IA2 Vorstellungsgefühle und Affecte. 

schätzt man approximativ die Grade des Gefallens oder Missfallens die- 
ser Combinationen , so ergibt sich für jede Farbe eine Curve, deren 
Abscissen successiv den einzelnen Farbentönen des Spektrums ent- 
sprechen, während die zugehörigen Ordinaten die Grade des Gefallens 
in positiven, die des Missfallens in negativen Werthen angeben. Da wir 
ein sicheres Werthmaß für diese ästhetischen Elementargefiihle vorläufig 
noch nicht besitzen, so geben solche Curven natürlich nur ein ungefähres 
Bild der thatsächlichen Verhältnisse'. Auch ist es wahrscheinlich, dass 
bei den verschiedenen Farben und bei verschiedenen Personen der Ver- 
lauf solcher Curven Abweichungen zeigt, auf die neben der Besonderheit 
des individuellen Farbensystems besondere elementarästhetische Dispo- 
sitionen sowie wechselnde associative Beziehungen von Einfluss sein 
mögen. Wählt man nun eine beliebige Normalfarbe, mit der die andern 
als Vergleichsfarben successiv combinirt werden , z. B. Roth , so nimmt 
die zugehörige ästhetische Elementarcurve ungefähr die in Fig. 322 dar- 
gestellte Form an. Die Curve beginnt, wenn wir die Combinationen 

J)utücelblau/ 
Grüw 




Orange 

VioUlt 

Fig. 322. Curve der binären Farbenharmonie für Roth. 

nach der Reihenfolge im Farbenkreis ausgeführt denken, mit einem Null- 
werth der Indifferenz (Roth mit Roth), geht in sehr kleinem Abstand von 
der Normalfarbe (reines Roth mit Hellroth) zu schwachen Lustwerthen 
über, um sich dann rasch auf die Unlustseite zu kehren, wobei sie im 



^ Aus einer größeren Anzahl von Versuchen an einem und demselben Beobachter 
würde sich ein einigermaßen exacteres Bild des individueUen Verlaufs einer Wohl efällig- 
keitscurve gewinnen lassen, wenn man, bei geeigneter Anwendung der uns bekannten 
Abzählnngsmethoden (Bd. i, S. 471 ff.), die Werthe der Ordinaten nach den Urtheilen »in- 
different, mäßig gefallend, sehr gefallend« u. s. w. abstufte, um danach eine Häufigkeits^ 
curve der einzelnen Urtheilsgruppen zu construiren und durch Interpolation zn erglänzen. 
Unter den bisherigen Versuchen sind nur die von Kirschmann und E. S. Bak£R (Toronto 
Stndies, 1902, p. 32 ff.) nach diesem Plan ausgeführt. Doch sind auch sie bis jetzt noch 
an Zahl zu klein, um den Forderungen eines solchen CoUectivverfahrens ganz zu genügen. 



Aesthetischc Elementargefühle. i^^ 

Orange ein erstes negatives Maximum erreicht. Von da aus wendet sie 
sich wieder auf die positive Seite, erreicht die höchsten Werthe des Ge- 
fallens zuerst im Grün und dann, nach einer dazwischen liegenden merk- 
lichen Senkung, im Dunkelblau, als ihrem absoluten Maximum. Von hier 
an geht sie wieder abwärts, wendet sich im Violett und Purpur noch- 
mals auf die andere Seite, um im Violett zum absoluten Maximum des 
Missfallens zu sinken und schließlich bei einer der Ausgangsfarbe nahe 
liegenden dunkleren Nuance des reinen Roth noch einmal eine kleine Er- 
hebung zu zeigen. Dieser Verlauf scheint in dem Sinne, dass das Maxi- 
mum positiver Werthe mit einer relativ großen qualitativen Verschieden- 
heit zusammenfällt, und dass sich kleinere Erhebungen in dichter Nähe 
der Ausgangsfarbe befinden, demnach also die relativ ungünstigsten Wir- 
kungen in einer mittleren Distanz liegen, überall wiederzukehren. Inner- 
halb dieses allgemeinen Rahmens finden sich jedoch erheblichere Unter- 
schiede, indem z. B. eine so scharf ausgeprägte missfallige Wirkung, wie 
sie Blau und Grün auf einander ausüben, bei dem Roth kaum vor- 
kommt'. Ferner liegen, wie es scheint, die beiden Maxima des Wohl- 
gefallens bei manchen Farben einander näher als bei andern. Dabei 
kommt wohl in Betracht, dass schon die einzelne Farbe eine mehr oder 
minder günstige Wirkung ausüben kann. So ist vielen Personen das 
Gelb an sich eine missfallige Farbe, welcher Umstand dann auch die 
Combinationen des Gelb beeinträchtigt. Umgekehrt wird dagegen jede 
Farbe durch beigemengten Glanz gehoben, so dass ungünstige Combi- 
nationen namentiich dann wohlgefällig werden, wenn eine von ihnen 
glänzend ist. So bildet namentlich das sonst zurückstehende Gelb im 
metallglänzenden Zustand fast mit allen andern Farben wohlgefällige Ver- 
bindungen'. Andere Abweichungen sind wahrscheinlich auf das ver- 
schiedene Verhalten der lang- und der kurzwelligen oder, wie sie Goethe 
nach ihrer Gefiihlsbetonung genannt hat, der warmen und der kalten 
Farben zurückzuführen. Dahin gehört, dass sowohl im Roth und Orange 
wie anderseits im Dunkelblau und Violett die Ausdehnung der gefallen- 
den Combinationen eine größere zu sein scheint, indess im Grün die 
Unlustregionen ihr Maximum erreichen. Hiernach bleiben hauptsäch- 
lich zwei allgemeine Thatsachen übrig: die eine besteht in dem relativ 



* Vgl. E. S. Baker (Kirschmann), Combinations of two colours, und Spectrally 
pure coloars in binary combinations, University of Toronto studies, psychol. ser. vol. i, 
1900, p. 29 ff. vol. 2, 1902, p. 27 ff. Uebrigens ist zu beachten, dass die Grade des Ge- 
fallens in diesen Versuchen nach einem andern Princip als dem oben angedeuteten be- 
stimmt wurden, so dass in den veranschaulichenden Curven negative Ordinaten nicht vor- 
kommen. 

^ Vgl. A. Kirschmann, Die psychologisch -ästhetische Bedeutung des Licht- und 
Farben contrastes, Philos. Stud. Bd. 7, 1892, S. 362 ff. 



I^^ Vorstellungsge fühle und AfTecte. 

wohlgefälligen Eindruck kleiner, aber übermerklicher Farbendifferenzen, die 
andere in dem Gefälligkeitsmaximum bei gewissen in weiterem Abstand 
befindlichen Farben, womit dann zugleich der missfällige Eindruck be- 
stimmter zwischen diesen Nah- und Fernpunkten des Wohlgefallens liegen- 
der Qualitäten zusammenhängt. Außerdem scheinen für die meisten, 
wenn nicht für alle Farben zwei durch eine Zwischenphase getrennte 
Maxima zu existiren (Fig. 322). 

Die erste dieser Thatsachen, die relative Wohlgefälligkeit kleiner 
Intervalle, ist von Brücke in die allgemeine Regel gefasst worden: 
kleinere Farbenunterschiede gefallen, so lange sie den Abstufungen der 
natürlichen Schatten entsprechen". In dieser Formel liegt schon eine 
Art Interpretation der Erscheinung, indem diese nicht sowohl auf die 
Qualitätsunterschiede der Farben selbst als vielmehr auf die dieselben 
begleitenden Helligkeitsunterschiede zurückgeführt werden. Nun sind 
solche allerdings sehr häufig mit dem Fortgang innerhalb der Farbenlinie 
verbunden: so erscheint z. B. Rothorange heller als Roth, Gelbgrün 
heller als Grün bei spektraler Sättigung, und diese Helligkeitsunterschiede 
treten zunächst deutlicher hervor als die Qualitätsunterschiede. (Vgl. 
Bd. 2, S. 143, Anm. i.) Dennoch bleibt der BBCCKE'sche Satz vorläufig 
eine Vermuthung, die noch der näheren Bestätigung bedarf. 

Wesentlich anders verhält es sich mit den größeren Maxi mal werthen 
des Gefallens. Hier besteht zunächst zwischen den verschiedenen Be- 
obachtern ein doppelter Widerspruch. Während nach den einen das Lust- 
maximum schlechthin mit der Complementärfarbe identisch ist, fallen nach 
den andern beide auseinander. Die erste Annahme schließt natürlich ein, 
dass es nur eine Verbindung von maximaler Wohlgefälligkeit gibt, näm- 
lich eben die mit der Complementärfarbe; die andere macht zwei Maxima 
möglich und sogar von vornherein wahrscheinlich. Gegen die Coincidenz 
des positiven Maximums mit der Complementärfarbe wird dagegen geltend 
gemacht, die Complementärfarben selbst wirkten wegen der Entstehung 
von successivcn Contrastwirkungen und Randcontrast ungünstig; daher 
das Maximum des Gefallens vielmehr solchen Farben entspreche, die hin- 
reichend weit von der Normalfarbe entfernt sind, um sich als selbständige 
Qualitäten zu behaupten, zugleich aber von der eigentlichen Complementär- 
farbe hinreichend abweichen, damit störende Contrast- und Nachbild- 
wirkungen vermieden werden. In diesem Fall sind dann zwei Maxima 
zu erwarten, von denen, wenn man das geradlinige Spektrum als Grundlage 
nimmt, das eine einer näheren, das andere einer ferneren Farbe angehört, 
während auf dem Farbenkreis beide der Normalfarbe näher liegen 

* Brücke, Physiologie der Farben für die Zwecke des Kunstgewerbes, 1866, S. 176. 



Aesthetische ElementargefUble. 



143 



als die Co mplenientär färbe'. Dies zeigt auch die folgende haupt- 
sachlich nach den Angaben von BRÜCKE sowie nach eigenen Beobach- 
tungen entworfene Zusammenstellung, die in der ersten Columne die 
Normalfarbe, in den drei folgenden die Vergleichsfarben enthält": 





Gefallend 


Zweifelhaft 


Missfallend 


Roth 


Durikelblaa, Grim 


Gelb 


Violett, Purpur 


Orange 


Himmelblau, Grün, Violett 


Rolh 


Gelb, BlangrilD 


Gelb 


Furpur, Blau 


Roth, Violett 


Blau grün, Grün, Orange 


Grün 


Roth, Violett 


Purpur, Gelb 


Blau, Orange 


Moictt 


Grün, Orange 


Gelb 


Roth, Parpur, Blau 



Die Auflösung des über diese Frage bestehenden Widerspruchs darf 
man wohl darin erblicken, dass die Beobachtungen überhaupt zwischen 
zwei Einflüssen schwanken. Der eine besteht in dem Farbencontrast, 
der in seiner eigentlichen, simultanen Form am reinsten und zugleich am 
wenigsten störend für die Einzelwirkungen der Farben bei möglichst fixi- 
rendem Blick wirksam wird. Wenn unter den älteren Beobachtern GoETiiE 
und Chevreul^, unter den neueren CoHK der complementären Combi- 
nation einen entschiedenen Vorzug vor allen andern einräumen, so ist daher 
bei ihnen wohl dieser Einfluss der vorherrschende gewesen* Man wird 
aber auch nicht fehlgehen, wenn man ihn als einen solchen ansieht, bei 
dem nicht sowohl ein harmonisches Verhältniss der beiden Empfindungen 
und ihrer Gefuhlstöne, als vielmehr die hierbei bestehende stärkste 
Hebung jeder einzelnen Farbe und demzufolge auch ihres Gefühls- 
tones wirksam wurde. In der That deutet dies Chevreul selbst an, wenn 
er neben dem Geflihlston der Einzclfarbc eine der Combination als sol- 
cher zukommende ästhetische Bedeutung direct leugnet. W^o dagegen 
das Maximum der Wohlgefälligkett auf einen oder, wie es dann in der 
Regel der Fall Ist, auf zwei vom Contrastverhältniss abweichende Punk-te 
fällt, da wird man annehmen dürlen, dass die Combination als solche, 



* Außer Brücke (a. a, O. S. 180J sprechen sich namentlich W. von Bezold (Farben- 
lehre im Hinblick auf Kunst und Kunstgewerbe, 1874, S. 219) und Alkr. Lehmann (Far- 
vcmes elementaerc Aestetik, 1884, S. 12 Ij sowie Kirschmann und Baxer (Toronto Shidies, 
vaL 2, 1902, p. 27 AT,) für ein von der eigentlichen Contiastfarbc abweichendes Verhältniss 
ans, während J. Cohn (Philos. Stud. Bd. 10, 1894» S. 599) eine durchgängige Zunahme der 
Wohlgefälligkett mit dem Contrast betont. Außerdem fand COHN Combinationen ge- 
äättigter Farben stets wohlgefälliger aU solche ungesättigter, welches letztere Resultat 
übrigens von Major und Titchener bestritten wurde (Amen Joum, of Psychol. voL 7, 
1S95, p. 57.1, Hierfür macht Cohn biowiefleruni thelh die abweichenden Vcrsuchsbedin- 
gnngen theils individuelle Unterschiede verantwortlich [Philos. Stud, Bd. 15, 1S99, S. 2791. 

' Die Farben, die in der Combination besonders wohlgeflltlig oder missfälUg er- 
sehemen, sind gesperrt gedruckt* 

^ Goethe, Zur Farbenlehre, Didakt. Theil, S, 803 ff, Weimarer Ausgabe, 2. Abth. 
Bd. I, S. 321 C Chevreul, De la loi du contraste simultane, 1839, p. to6. 

WoKDT, Crundiüge. Itl. 5, Aufl. iq 



1^6 Vorstellnngsgefühle und Affccte. 

relativ unabhängig von den nebenbei vorhandenen Gefühlstönen der Ein- 
zelfarben, das ästhetische Elementargeftihl bestimmt habe, welches dem- 
nach hier erst im eigentlichen Sinne als ein »Harmoniegefühl« in Anspruch 
zu nehmen wäre. Hieraus ergibt sich aber zugleich als der wahrschein- 
liche Grund dieses Verhältnisses, dass das Gefühl der Farbenharmonie 
eben auch hier ein Totalgefühl ist, in das die einzelnen Farbengefiihle 
als Partialgefiihle eingehen, ohne dass darum jenes als eine bloße Addition 
dieser betrachtet werden darf. Vielmehr wird man es wiederum als eine 
Resultante betrachten müssen, bei der die eigenthümliche Verbindung der 
partiellen Farbengefiihle* die Hauptrolle spielt. Je nach der Richtung die- 
ser Verbindung sind daher auch zu einer und derselben Normalfarbe ver- 
schiedene Combinationen von gleich wohlgefälliger, aber im Gesammt- 
charakter doch abweichender Gefiihlsbeschaflfenheit möglich. Als das die 
Qualität des Totalgefiihls muthmaßlich entscheidende Moment wird dann, 
wie dies schon Th. Lipps* ausgesprochen hat, das Verhältniss der in 
einer Combination enthaltenen Einzelgefühle gelten dürfen; und da die 
Wohlgefälligkeitsmaxima der Combinationen stets bei größeren Qualitäts- 
unterschieden auftreten, so liegt es nahe, dasselbe in dem Contrast der 
Partialge fühle zu sehen. Hieraus würde sich dann zugleich begreifen, 
dass die eigenüichen Contrast- oder Complementärfarben im allgemeinen 
nicht mit dem Wohlgefälligkeitsmaximum zusammenfallen, wie dies der 
von dem Farbenkreis wesentlich abweichende, in Fig. 233 (Bd. 2, S. 330) 
schematisch angedeutete Verlauf der einfachen Farbengefühle zeig^. In 
diesem Sinne bilden daher auch die ästhetischen Elementarwirkungen 
eine Bestätigung dieses bei der subjectiven Wirkung der Einzelfarbe ge- 
wonnenen Ergebnisses; und die Möglichkeit eines doppelten Maximums 
gefälliger Combination lässt sich nunmehr zu der Thatsache in Beziehung 
bringen, dass es für jede Farbe im Farbenkreis zwei entgegengesetzt 
gerichtete Bewegungen der Stimmung zu Farben von contrastirendem 
Gefiihlston gibt. Die Contrastfarbe selbst bringt nur den absoluten 
Gegensatz, nicht die Richtung zum Ausdruck, in der die Ausgleichung 
des Gegensatzes stattfindet, und die, weil sie eine zwiefache sein kann, 
auch ein zwiefaches harmonisches Verhältniss möglich macht. Darum 
erscheint die complementäre Farbencombination »hart«, und sie verbindet 
sich überdies mit physiologischen Nachbildwirkungen, die in gewissem 
Sinne ein den Schwebungen dissonanter Töne analoges störendes Moment 
bilden. So ist hier die harmonische Verbindung eine solche, die den 
Gegensatz und seine Ausgleichung zumal enthält. Damit ist wiederum eine 
gewisse positive Beziehung zur Klangharmonie hergestellt, da auch bei 



^ Th. LiPPS, Grundthatsachen des Seelenlebens, 18S3, S. 290. 



Aesthetische Elementargefühle. jaj 

• 
dieser, soweit sie auf phonischer, also rein qualitativer Grundlage ruht, 

Uebereinstimmung und Gegensatz zusammenwirken. Nur spielt bei der 
Farbenharmonie der Gegensatz, bei der Klangharmonie die Ueberein- 
stimmung die Hauptrolle'. 

e. Gestaltgefühle. 

Zur Auffindung der objectiven Bedingungen, an denen die ästhetische 
Elcmentarwirkung der Gestalten. haftet, bieten sich zwei Wege dar. Man 
kann zunächst einfache, in freier Construction erzeugte Formen auf das 
Gefallen oder Missfallen prüfen, das sie hervorbringen, ein Weg, der 
ganz und gar dem bei der Untersuchung der Klang- und Farbenver- 
bindungen eingeschlagenen entspricht. Oder man kann hineingreifen in 
die lebendige Wirklichkeit der Natur imd der sie nachahmenden Kunst, 
um an ihren Werken das Gefallende und Missfallende aufzufinden. Die 
psychologische Analyse der Elementargefiihle wird aber in beiden Fällen 
von den einfachsten Fällen geometrischer Schönheit auszugehen haben, 
und da diese den Vortheil bieten, dass sie willkürlich erzeugt werden 
können, so ist hier die erste, constructive Methode im allgemeinen vor- 
zuziehen. Sie ist, gleich der Aufsuchung der harmonischen Verhält- 
nisse der Klang- und Farbenqualitäten, eine experimentelle Methode, 
bei der die Eindrücke planmäßig abgeändert werden, um die zur Con- 
struction einer Wohlgefälligkeitscurve erforderlichen Werthe zu finden. 
Dabei ist freilich nicht zu bestreiten, dass die ästhetische Wirkung 
solcher einfacher geometrischer Formen eine sehr geringe ist. Sie ganz 
zu leugnen würde jedoch, abgesehen von dem unmittelbaren Eindruck 
derselben, auch gegen die Kunsterfahrung verstoßen, da die Ornamentik 
überall von solchen einfachen Formen Gebrauch macht. Im allgemeinen 
ist darum hier das Verhältniss kein anderes als bei der Klang- und Farben- 
harmonie und bei den nachher zu erörternden einfachsten rhythmischen 
Eindrücken. Ueberall kann schon die relativ einfache Verbindung der Theile 
einer Vorstellung ästhetisch wirken und demnach als elementarer Factor 
in einen zusammengesetzten ästhetischen Eindruck eingehen. Der Be- 
dingungen solcher elementarer Gestaltgefühle lassen sich aber, wenn wir 
zunächst von dem hier besonders stark hervortretenden Einfluss associativer 



* Leider fehlt es noch ganz an zureichenden Untersuchungen über die ästhetischen 
Wirkungen der Combinationen von mehr als zwei Farben. Vor allem würden Versuche 
über die sowohl in der Malerei wie in der Teppich- und Tapetencomposition wichtii^en 
»Farbendreiklänge« von Interesse sein. Leicht lässt sich hierbei beobachten, dass zwei 
disharmonische Farben durch eine dritte zu einem harmonischen Dreiklang vereinigt wer- 
den können : so z. B. Grün und Blau durch Roth. Meistens , und namentlich in der 
Malerei, greifen dann aber zugleich Helligkeitscontraste ein, welche die Erscheinungen ver- 
wickeln. 



1^8 Vorstcllungsgefiihlc und Affecte. 

• 
Nebenwirkungen absehen, zwei unterscheiden: die Gliederung der Ge- 
stalten und der Lauf der Begrenzungslinien. 

Die Beobachtung der Gliederung einfacher Gestalten ei^ribt als 
nächstes Resultat, dass wir das Regelmäßige dem Unregelmäßigen vor* 
ziehen. Der einfachste Fall der Regelmäßigkeit, die Symmetrie, be- 
gegnet uns daher an allen Formen, bei denen eine gewisse ästhetische 
Wirkung beabsichtigt ist, und bei denen nicht die Nachbildung asymme- 
trischer Naturformen eine Abweichung vorgeschrieben hat Die Sym- 
metrie gefällt jedoch ausschließlich als horizontale Gliederung: so auch 
bei den frei erzeugten Gebilden der Architektur imd Ornamentik. In ver- 
ticaler Richtung treten meist andere Größenverhältnisse an deren Stelle. 
Auch sind keineswegs alle symmetrischen Figiu-en einander ästhetisch 
gleichwerthig. Wir ziehen z. B. einem Kreis oder Quadrat ein symme- 
trisches Kreuz oder sogar einem Quadrat mit horizontaler Grundlinie ein 
solches vor, dessen Seiten einen Winkel von 45° mit dem Horizont bilden. 
Der einfache Kreis gewinnt an ästhetischer Wirkung, wenn er mittelst 
einer Anzahl von Durchmessern in gleiche Sectoren getheilt ist, und diese 
Wirkung erhöht sich noch, wenn außerdem in jedem Sector die Sehne 
gezogen wird. Geometrischer Formen dieser Art bedient sich daher nicht 
selten schon die Ornamentik, die von den einfachsten Figuren kaum jemals 
Gebrauch macht. Wir können diese Erfahrungen dahin zusammenfassen, 
dass symmetrische Formen wohlgefälliger werden, wenn in ihnen eine 
größere Zahl einzelner Theile verbunden ist. Die nackte Symmetrie ohne 
weitere Gliederung der Form ist zu arm, um das Gefühl merklich anzuregen. 

Für diejenigen Gliederungen, die sich auf die Höhendimensionen oder 
auf das Verhältniss der Breite und Tiefe zur Höhe beziehen, sind andere 
Theilungen durchweg wohlgefälliger als die Symmetrie. Alle Proportionen 
der Formen bewegen sich hier, wie am deutlichsten die experimentelle 
Untersuchung nach dem Princip der paarweisen Vergleichung lehrt, 
zwischen zwei Extremen, nämlich zwischen der vollständigen Symmetrie 

I : I und dem Verhältniss i : — , wo 71 eine so große Zahl bedeutet, dass 

- sehr klein im Verhältniss zu i wird. Eine Proportion, welche die 

Symmetrie in eben merklicher Weise überschreitet, ist weniger wohl- 
gefällig als eine solche, die von dem Verhältniss i : i etwas weiter ab- 
liegt. Jene erscheint nur als eine ungenaue Symmetrie. Anderseits wird 

die Proportion i : — , wo ;/ eine relativ große Zahl bedeutet und daher 

die kleinere Dimension an der größeren nicht mehr anschaulich gemessen 
werden kann, ungefällig. Zwischen beiden Grenzen liegen die gefallenden 
Verhältnisse. Eines derselben ist die Theilung nach dem goldenen 



Aesthetische ElemcntargefÜhle. i^q 

Schnitt, bei der das Ganze zum größeren Theil sich verhält wie dieser 
zum kleineren {x+i:x = x:i). Diese Proportion entspricht einem 

irrationalen Werth ^ -~ , wo das obere Vorzeichen für das Verhält- 

2 ' 

niss des Major zum Minor, das untere für das des Minor zum Major 
gilt, und kann arithmetisch annähernd durch die Relation Minor : Major 
= I : i,6i8 ausgedrückt werden. Dieser goldene Schnitt soll nach Zei- 
SING' alle Kunstformen beherrschen und der Symmetrie überlegen sein. 
In der That fand dies Fechner bei der experimentellen Untersuchung 
der Verhältnisse verschiedener Dimensionen gewisser einfacher Formen, 
z. B. der Höhe und Breite eines Rechteckes, annähernd bestätigt"*. Für 
die verticale Gliederung der Formen zeigten sich dagegen andere Pro- 
portionen dem des goldenen Schnitts überlegen: so besonders bei der ein- 
fachen Theilung einer Linie das Verhältniss 1:2. Doch ist dieses Resultat 
dadurch getrübt, dass Fechner die normalen Täuschungen des Augen- 
maßes (Bd. 2, Cap.XIV, S. 559) nicht berücksichtigte^. Bei Beachtung der 
letzteren fand WiTMER durchweg bei verticalen wie bei horizontalen Glie- 
derungen sowie bei dem Verhältniss verschiedener Dimensionen zu ein- 
ander neben der Symmetrie den goldenen Schnitt bevorzugt, so dass im 
allgemeinen die zwei Proportionen i : i und x-\-i:x = x:i b\s zwei Maxima 
der Wohlgefälligkeit anzusehen sind, zwischen denen und jenseits derer die 
missfalligeren Werthe liegen. Dabei erträgt aber der goldene Schnitt 
grrößere Abweichungen als die Symmetrie, ohne zu missfälligen Verhält- 
nissen zu fuhren. Die Curve Fig. 323, welche speciell die an einer Reihe 



Fig. 323. Wohlgcfälligkeitscurve für das Rechteck. 

von Rechtecken gewonnenen Resultate graphisch darstellt, veranschaulicht 
diese Beziehungen. Die auf der Abscissenlinie XX^ angegebenen Zahlen 

* Neue Lehre von den Proportionen des menschlichen Körpers, 1854. Das Normal- 
verhaltniss der chemischen und morphologischen Proportionen, 1856. 

* Bei Versuchen über Ellipsen, die Witmer (Philos. Stud. Bd. 9, 1894, S. no ff.^ aus 
Fechners Nachlass veröffentlicht hat, war das wohlgefälligste Verhältniss der großen zur 
kleinen Achse ein für den goldenen Schnitt minder günstiges und näherte sich mehr der 
Proportion 2:3. 

^ Fechner, Zur experimentalen Aeslhetik, Abhandl. der sächs. Ges. d. Wiss. Bd. 14, 
187 1, S. 555 ff. Vorschule der Aesthetik, Bd. i, 1876, S. 192. 



ICQ VorstellnngsgefUlile und Affecte. 

bezeichnen die Länge der Basis, wenn die Höhe des Rechtecks = i ge- 
setzt wird. Die relativen Grade des Gefallens sind wieder durch positive, 
die des Missfallens durch negative Ordinaten ausgedrückt. Das zweite 
Maximum G entspricht sehr nahe dem goldenen Schnitt, das erste, bei 
dem Punkte 5(1,030) dem scheinbaren Quadrate. Das wirkliche Quadrat 
(1:1) gehört ebenso wie die nach der entgegengesetzten Richtung ab- 
weichenden Rechtecke, wie schon Fechner fand, zu den missfälligfsten 
Verhältnissen \ Der Unterschied im Verlauf der Curve in der Nähe 
beider Maxima erklärt sich wohl daraus, dass Abweichungen von der 
scheinbaren Symmetrie schon wahrgenommen werden, wenn sie sehr 
klein sind, während der goldene Schnitt als ein verwickelteres Verhältniss 
Abweichungen innerhalb weiterer Grenzen erträgt. Der Gnmd der Be- 
vorzugung darf aber wohl beidemal darin gesehen werden, dass auch bei 
räumlichen Formen eine Art messender Zusammenfassung möglich sein 
muss, wenn sie gefallen sollen, dass jedoch, so lange die Zusammen- 
fassung ohne merkliche Anstrengung gelingt, im allgemeinen die mannig- 
faltigere Form die wohlgefälligere ist. In dieser Beziehung besitzt ins- 
besondere der goldene Schnitt gegenüber der Symmetrie wohl den 
Vorzug, dass er nicht nur jeden Theil, sondern auch das Ganze als 
Proportionalglied enthält, wodurch eine Beziehimg der Theile auf eine sie 
umfassende Einheit entstehen kann. Eine wichtige Bestätigung findet 
dieser Zusammenhang zwischen ästhetischem Wohlgefallen und einfacher 
Gliederung in der Thatsache, dass die ästhetisch wohlgefälligsten Form- 
verhältnisse zugleich diejenigen sind, die am genauesten abgeschätzt 
werden. Für die Symmetrie längst als selbstverständlich betrachtet, ist 
dieses Princip auch für die einfachen Proportionen der verticalen Gliede- 
rung, sowie insbesondere flir das Verhältniss der Breite zur Höhe ein- 
facher Formen leicht nachzuweisen*. 

Zu dem Eindruck, den die Gliederung der Gestalten hervorbringt, 
gesellt sich als ein weiteres Moment der Lauf der Begrenzungslinien. 
Ohne Mühe verfolgt das Auge namentlich von seiner Primärstellung aus 
gerade Linien im Sehfeld. Wenn dagegen Punktdistanzen durcheilt 
werden, so beschreibt es nur in horizontaler und verticaler Richtung 
gerade Linien, in allen schrägen Richtungen schon von der Primär- 
stellung und noch mehr von andern Stellungen aus Bogenlinien von 
schwacher Krümmung. Wir dürfen hieraus schließen, dass die schwach 
gekrümmte Bogenlinie die Linie der ungezwungensten Bewegung für das 

* WiTMER, Philos. Stud. Bd. 9, 1894, S. 96, 209 ff. 

' R. Seyfert, Philos. Stud. Bd. 18, 1902, S. 214. Auch farbige Contaren be- 
günstigen, wie S. fand, im allgemeinen die Genauigkeit der Formauffassung, während sie 
gleichzeitig die ästhetische Wirkung erhöhen (ebend. S. 204). 



Aesthetische Elementargefühle. i c j 

Auge ist*. Hieraus erklärt sich wohl, dass es uns z. B. an architekto- 
nischen Werken von größerer Ausdehnung entschieden missfallt, wenn 
das Auge gezwungen wird, ausschließlich geraden Linien nachzugehen; 
namentlich aber ist uns der plötzliche Uebergang zwischen Geraden von 
verschiedener Richtung gewissermaßen peinlich, und wir ziehen daher in 
solchen Fällen die Vermittlung durch die sanft geschwungene Bogenlinie 
vor. Diese Bedeutung gekrümmter Conturen für die Wohlgefalligkeit des 
Eindrucks ist besonders in der Architektur längst anerkannt; verfehlt aber 
ist der Versuch, eine absolute Schönheitscurve zu finden,* wie ihn z. B. 
HoGARTH' gemacht hat, da Grad und Form der wohlgefälligen Krüm- 
mungen sich nach den sonstigen Eigenschaften der Objecte richten. Nur 
dies lässt sich allgemeingültig aussagen, dass jede Linie missfallt, die dem 
Auge allzu stark gekrümmte oder allzu lange im selben Sinn gekrümmte 
Curven darbietet. Im letzteren Fall ziehen wir zwischenliegende Ruhe- 
punkte, also einen Wechsel der Krümmung vor^. 

Nächstdem schließt der Lauf der Begrenzungslinien alle diejenigen 
Momente ein, die wir als die Bedingungen der Perspective bereits 
kennen lernten (Bd. 2, S. 645 ff.). Indem wir bestimmte Anordnungen der 
Conturen auf bestimmte Verhältnisse der Tiefenentfemung beziehen, wird 
uns jede Abweichung missfallig, die der theils direct, theils associativ 
erweckten Vorstellung widerstreitet. Dabei sind namentlich geläufige 
architektonische Vorstellungen von großem associativem Einfluss. Ge- 
wisse Linien, wie z. B. die horizontalen Conturen eines Gebälks oder 
die verticalen einer Säule, fassen wir daher von vornherein leicht als 
geradlinige auf. Die Krümmungen, die vermöge der Bewegungsgesetze 
des Auges in solchen Fällen langgestreckte gerade Linien zeigen müs- 
sen, verschwinden so durch associative Verdrängungswirkung in dem 
resultirenden -Bilde. In Folge dessen kann es dann aber auch vor- 
kommen, dass es der bildende Künstler bei der Herstellung oder Nach- 
bildung solcher Formen weniger auf die wirkliche Geradlinigkeit, als nur 
auf den optischen Schein derselben absieht. Da nun nach den in 
Flg. 250 (Bd. 2, S. 528) dargestellten Erscheinungen der horizontale 
Netzhautmeridian bei den schrägen Bewegungen nach oben mit seinem 
äußern Ende nach aufwärts, bei den Bewegungen nach unten nach 



* WuNDT, Beiträge zur Theorie der Sinneswahmehmung , S. 139 ff. Siehe Bd. 2, 
S. 527, Anm. I. 

" HoGARTH, Analysis of Beauty, 1753. 

3 Viele hierher gehörige Beobachtungen finden sich in den Werken über Architektur, 
besonders bei J. H. Wolff, Beiträge zur Aesthetik der Baukunst, 1834, K. Bötticher, 
Tektonik der Hellenen*. Bd. i, 1874, S. 199 ff. Psychologisch - ästhetisch behandeln den 
Gegenstand J. Sully, Rev. philos. 1880, p. 499, H. Wölfflin, Prolegomena zu einer 
Psychologie der Architektur, 1886, S. 38 ff. 



1^2 Vorstellungsgefuhle und Affecte. 

abwärts gekehrt ist, so wird eine in Wirklichkeit horizontale Linie im 
entgegengesetzten Sinne gekrümmt gesehen: die Horizontale über dem 
Blickpunkt erscheint als eine nach unten, die Horizontale unter dem Blick- 
punkt als eine nach oben concave Bogenlinie. Aehnliche Krümmimgen 
müssen horizontale Linien, deren Fixirpunkt in der Mitte lieget, in Folge 
der Abnahme des Gesichtswinkels darbieten. Diese Abweichungen treten 
namentlich bei langen Fagaden, die man in der Nähe betrachtet, mit 
zwingender Macht hervor. In der That pflegt daher in solchen Fällen 
ein fein ausgebildeter Formensinn dem optischen Schein Rechnung zu 
tragen'. 

Schon in der Perspective und den mit ihr zusammenhängenden Er- 
scheinungen macht sich übrigens zugleich der Einfluss äußerer Natur- 
bedingungen deutlich geltend. Noch bestimmter zeigt sich derselbe in 
der Wirkung einzelner Naturformen, bei denen das an die allgemeinen 
Formverhältnisse gebundene ästhetische Gefühl wesentlich erhöht wird 
durch die tiefer liegenden Beziehungen, in denen die Theile der Form 
zu einander stehen. Dass die Schönheit einer menschlichen Grestalt 
nicht bloß aus ihrer Regelmäßigkeit hervorgehen kann, ist augen- 
fällig. Ein regelmäßiges Kreuz oder Sechseck wäre ihr sonst an ästhe- 
tischem Werth überlegen. Doch ebenso wenig wird man behaupten 
können, dass die Regelmäßigkeit hier gleichgültig sei. Die menschliche 
Gestalt ist bilateral symmetrisch ; sie ist in ihrer Höhe nach Verhältnissen 
gegliedert, die der allgemeinen Regel folgen, dass sie sich in den Grenzen 
leicht überschaubarer Maße bewegen, und die zwar innerhalb einer ge- 
wissen Breite schwanken, von deren Durchschnittswerthen aber doch 
nicht allzu weit abgegangen werden darf. Mehr jedoch als diese ab- 
stracten Proportionen dürfte zu der ästhetischen Auffassung der Menschen- 
gestalt und der Pflanzen- und Thierformen die Wiederholung" homologer 
TheÜe beitragen, die innerhalb der verticalen Gliederung eine Symmetrie 
zusammengesetzterer Art hervorbringt. Ober- und Vorderarm, Ober- und 
Unterschenkel, Arme und Beine, Hände und Füße, Hals und Taille, Brust 
und Bauch treten uns als formverwandte Theile entgegen. In den Armen 
und Händen wiederholen sich in feinerer und vollkommenerer Form die 
Beine und Füße. Die Brust wiederholt in gleicher Art die Form des 
Bauches. Indem sich dieser nach unten zur Hüfte, jene nach oben zum 

^ Auf diesen Conflict der wirklichen Geradlinigkeit mit den aus den Gesetzen der 
Bewegung des Anges und der Perspective hervorgehenden Bildern, des Collinearitäts- mit 
dem Conformitätsprincip, hat besonders Guido Hauck hingewiesen in seiner Schrift: Die 
subjective Perspective und die horizontalen Curvaturen des dorischen Stils, 1879. Anch 
zeigt er, dass die Bildung der genannten Curvaturen mit der nur aus architektonischen 
Erfordernissen entstandenen Seitenverschiebung der Ecktriglypjien in der engsten Beziehung 
steht (a. a. O. S. 126). 



Aeillietiscfee Elcmentairfefahle. 



153 



Schultei^ürtel erweitert, den beiden Stützapparaten der Extremitätenpaare, 
vollendet sich die Symmetrie der homologen Gebilde. Während uns 
aber alle andern Thcile zweimal in der verticalen GHedening der Gestalt 
begegnen, in einer unteren massiveren und in einer oberen leichteren 
Form, ist auf jene beiden Glieder des Rumpfes noch das Haupt gefügt, 
^'das als der entwickeltste und allein in keinem anderen homologen Organ 
^^vorgebildete Theil das Ganice abschließt. Aehnliche Betrachtungen lassen 
^pich an jede eindrucksvollere Thier- mid Pflanzenform anknüpfen, Sie 
^^ergeben. dass die ästhetische Wirkung organischer Gestalten vorzugsweise 
von einer Symmetrie in der Wiederholung homologer Theile und von 
der Vervollkommnung abhängt, die sich hierbei gleichzeitig in dem Auf- 
bau der Formen zu erkennen gibt. Geht man von hier aus zur An- 
schauung landschaftlicher Schönheiten oder der Werke der Architektur 
und der bildenden Kunst über, so gilt zu^ar für diese ebenfalls im allge- 
meinen die Regel, dass sich die Verhältnisse der Dimensionen und ihrer 
Theile von der Eintönigkeit der vollständigen Symmetrie und der Grenze 
incommensurabler Proportionen gleich weit entfernen. Es ist daher be- 
^fc^eiflich, dass man, weil zudem in der Wahl der Eintheilungspunkte eine 
^■gewisse Freiheit besteht, eine Regel überalt leicht bestätigt finden kann, 
die, wie der goldene Schnitt, diese Mitte einhält* Aber eine strengere 
Befolgung derselben wird doch von vornherein nur da zu erwarten sein, 

■wo die Unabhängigkeit von der Nachbildung bestimmter Naturformen dem 
tormgefühl eine freiere Bethatigung gestattet : in der Architektur. Hier 
findet sich in der That gerade an den Meisterwerken der Antike und 
^^Renaissance die Gliederung nach dem goldenen Schnitt am ehesten be- 
^ntätigt, während zugleich die Wiederholung der das Ganze bindenden 
Rege! an den einzelnen Theilen des Kunstw^erks den Eindruck der Har- 
monie hervorbringt', hidem Plastik und Malerei auf die strengeren 
Regeln geometrischer Proportionalität verzichten müssen, suchen gleich- 
wohl auch sie jene Harmonie zu erreichen, die aus der freien Wieder- 
holung homologer Formen und Motive entspringt, und die schon in den 
.vollkommeneren Naturformen ihre Vorbilder findet. Insbesondere zeigen 
Jic Meisterwerke der Architektur wie der bildenden Kunst darin eine 
Verwandtschaft mit der Schönheit organischer Naturformen, namentlich 
ier menschlichen Gestalt, dass sie sich von unten nach oben vervoll- 
kommnend aufbauen, indem sie einem das Ganze beherrschenden Theile 
zustreben. Diese Art der Schönheit der organischen Natur und des 
Kunstwerkes ist es zugleich, auf der schon in formaler Beziehung ihre 
Ueberlegenheit über die Schönheit des bloß geometrisch Regelmiißigen 



H. WöLFFLlKt Renaissance nnd Barock, 




154 Vorstellnngsgefühle und Affecte. 

beruht. Ueber den Grund dieses Unterschiedes geben uns aber die Er- 
fahrungen an diesem selbst einigermaßen Rechenschaft Dem einfachen 
ziehen wir den in Sectoren getheilten Kreis, und so überhaupt dem ein- 
fach Symmetrischen das mannigfaltig Gegliederte vor. Auch die Musik 
bietet naheliegende Vergleichungspunkte. Der Takt ist zweifellos ein 
Element musikalischer Schönheit. Seine Wirkimg wächst aber, wenn er 
einen mannigfaltigeren Wechsel der Klangeindrücke beherrscht, und ihm 
weit überlegen, wenn auch ihn voraussetzend, ist das rhythmische Gefiige 
der Melodie, das in der größeren Freiheit, mit der es sich bewegt, an 
die freiere Symmetrie der höheren Naturformen und der Werke der 
bildenden Kunst erinnert. In allen diesen Beziehungen hängt übrigens der 
ästhetische Eindruck der Formverhältnisse von Gebilden der Natur und 
der Kunst bereits so enge mit den unten zu erörternden associativen 
Wirkungen zusammen, dass er im einzelnen Fall niemals von ihm ge- 
sondert werden kann. 

f. Rhythmische Gefühle. Das Wohlgefallen am Rhythmus. 

Rhythmische Vorstellungen, die nach den in Cap. XV erörterten Be- 
dingungen im Gebiet des inneren Tastsinns oder des Gehörssinns oder 
beider zugleich entstehen, erregen ein Gefühl des Gefallens, das sichtlich 
an den regelmäßigen oder annähernd regelmäßigen zeitlichen Wechsel 
intensiv oder qualitativ verwandter Eindrücke gebunden ist. Dieses Gefühl 
nimmt im allgemeinen mit der Mannigfaltigkeit jenes Wechsels bis zu einer 
Grenze zu, wo die sichere Verbindung der Takte und Taktgruppen zu 
zusammengesetzten metrischen Gebilden zuerst erschwert und dann un- 
möglich wird (vgl. oben S. 29 ff.). Gleiche Empfindungen in gleichen Pausen 
stattfindend sind in den Grenzen, in denen eine rhythmische Gliederung 
stattfinden kann, wegen der dabei eintretenden subjectiven Betonimgs- 
unterschiede überhaupt kaum möglich. Wo sie sich einer solchen Gleich- 
heit nähern, da wirken sie aber ermüdend, nicht rhythmisch wohlgefällig. 
Soll dies geschehen, so müssen mindestens zwei verschiedene Eindrücke, 
Hebung und Senkung, wie im ^/g-Takt, regelmäßig einander folgen, mag 
nun der Wechsel durch die Eindrücke selbst oder bloß durch die sub- 
jective Betonung erzeugt werden'. Ebenso wird das rhythmische Grefiihl 
gestört, wenn die Reihe verschiedenartiger Eindrücke so g^roß wird, dass 
die Wiederholung des Aehnlichen nicht mehr empfunden werden kann, 
wie im ^/^-Takt oder in andern die Grenze der Uebersichtlichkeit über- 
schreitenden Formen "". Durch die Zusammenfiigung der Takte zu rhyth- 
mischen Reihen, der Reihen zu Perioden, endlich der musikalischen Perioden 

* Vgl. oben S. 26. ^ S. 31 Anm. i. 



Aesthetische Elementargcfiihlc. i c e 

ZU größeren Abtheilungen kann das rhythmische Gefühl auch noch über 
weitere Aufeinanderfolgen ausgedehnt werden. Hierbei sind zugleich für den 
engeren oder weiteren Spielraum, in dem sich die Wiederholungen gleicher 
oder ähnlicher Formen bewegen können, die Grenzen bestimmend, bei 
denen die Auffassung der rhythmischen Eindrücke noch eine unmittel- 
bare ist, und von wo an sie erst unter Mitwirkung associativer Reproduc- 
tionen zu stände kommt ^ Da im letzteren Fall das rhythmische Gefallen 
immer wieder auf die Motive unmittelbar gegebener rhythmischer Vor- 
stellungen zurückfuhrt, so darf sich aber die Untersuchung der allgemeinen 
Bedingungen rhythmischer Gefühle auf diesen Fall beschränken. Dabei 
kommen nun selbstverständlich alle die früher erörterten Wechselbe- 
ziehungen zwischen intensiver oder qualitativer Betonung und Umfang der 
Gliederung sowie zwischen Betonung und Pause zur Geltung, bei denen 
zugleich die Regel gilt, dass alle diese Verhältnisse dieselbe Wirkung auf 
den Rhythmus und demnach auch auf das rhythmische Gefühl äußern, 
ob sie nun in den objectiven Eigenschaften der Eindrücke oder in bloß 
subjectiven Betonungs- und Zeitauffassungen ihren Grund haben'. Die 
rhythmischen Vorstellungen bilden demnach hier ein ähnliches Substrat 
der rhythmischen Gefühle, wie die Consonanz und Dissonanz der Klänge 
ein solches für die der Harmonie und Disharmonie. Nicht minder ist 
wiederum dies Verhältniss ein solches, dass die Untersuchung der Gefühls- 
motive, indem sie aus den Eigenschaften der rhythmischen Vorstellungen 
die rhythmischen Gefühle abzuleiten sucht, den natürlichen Vorgang ge- 
wissermaßen umkehrt, da die objectiven Gesetze des Rhythmus ganz und 
gar durch die rhythmischen Gefühle bestimmt worden sind, woraus sich 
ja eben auch die auf diesem Gebiet so stark hervortretenden subjectiven 
Veränderungen der Betonungs- und Pausenverhältnisse erklären. Denn 
immer sind es bestimmte Gefühlsmotive, die diese Veränderungen hervor- 
bringen, eine Thatsache, durch die überdies jene auch aus andern Gründen 
unhaltbare Auffassung widerlegt wird, als seien die Gefühle überall erst 
secundäre Wirkungen ihnen vorausgehender Vorstellungen, und nicht viel- 
mehr gleichzeitige und gleichwerthige psychische Factoren. 

Neben diesem Zusammenhang von rhythmischer Vorstellung und 
rhythmischem Gefühl ist nun aber noch die Verbindung beider mit andern, 
auf Vorstellung wie Gefühl gleichzeitig influirenden Momenten nicht zu 
übersehen. Jeder Rhythmus besteht in der Gliederung einer concreten zeit- 
lichen Vorstellungsform, von der sowohl er wie das an ihn gebundene 
Gefühl seine näheren Bestimmungen empfangt. Beschränken wir uns auf 
das Sinnesgebiet, das die reichste Entfaltung rhythmischer Formen bietet, 

» S. 34 ff. » S. 54 ff. 



ie() Vorstellnngsgefühle nnd Affecte. 

auf den Gehörssinn, so zeigen sich hier namentlich zwei, in wichtigen 
Beziehungen von einander abweichende Vorstellungssubstrate bestimmend 
für die besonderen Eigenschaften der rhythmischen Formen imd der 
rhythmischen Gefühle: die musikalischen Klänge und die Sprachlaute. 
Unter ihnen sind die musikalischen Klänge in viel höherem Grade einer 
freien, durch den Affect und das rhythmische Gefühl selbst bestimmten 
Wahl der Betonungs- und Zeitverhältnisse der Eindrücke fähig, während 
bei der Sprache der rhythmische Ausdruck an die Wortbedeutung und 
den Zusammenhang des in den Worten ausgedrückten Gedankens ge- 
bunden bleibt. Dadurch sind hier der rhythmischen Bew^fung gewisse 
Schranken gezogen; zugleich führt aber jener Gedankeninhalt, der ja immer 
auch ein Gefühlsinhalt ist, der rhythmischen Bewegung eine Fülle be- 
sonderer Motive zu, die dann auch wieder auf die reinen Klangverbindungen 
zurückwirken können. Auf diese Weise gehen Rhythmus der Sprache 
und musikalischer Rhythmus nach verschiedenen Richtungen auseinander. 
Beide vereinigen sich dann in einer mehr dem gewöhnlichen Sprachrhyth- 
mus genäherten Form im Sprechvers, in einer dem musikalischen sich an- 
passenden im Gesang. Zwischen beiden in der Mitte steht das ursprünglich 
vielleicht auch dem Vortrag der alten Rhapsoden eigene Recitativ, das, in 
Wechselwirkung stehend mit dem Charakter der alten Sprachen und durch 
ihn unterstützt, den antiken Metren ein mehr musikalisches Gepräge ver- 
leiht, im Gegensatze zu den modernen, die sich dem Rhythmus der ge- 
wöhnlichen Sprache nähern. Auf diese Weise wirkt im antiken Metrum 
in höherem Grade die rhythmische Form auf den sprachlichen Inhalt; 
im modernen gestaltet sich dieser selbst seine rhythmische Form, und 
mehr und mehr gewinnt daher diese hier eine freiere, von Moment 
zu Moment dem Affect sich anpassende Beweglichkeit. Ihr Unterschied 
von der gewöhnlichen Sprache besteht nun nicht mehr darin, dass sie 
bestimmten metrischen Gesetzen unterworfen ist, sondern vielmehr darin, 
dass der durch die Worte und ihre Stellung erzeugte Rhythmus genau 
der Gefühlsbetonung der Worte und Gedanken sich anpasst. Dass aber 
diese Mannigfaltigkeit der rhythmischen Formen schließlich doch von ge- 
wissen allgemeingültigen Principien beherrscht wird, ist das stärkste Zeug- 
niss für die in ihren Grundeigenschaften doch unwandelbare Natur der 
rhythmischen Gefühle. Hier wird es sich daher vor allem darum handeln, 
eben diese ihnen in allen ihren Einzelgestaltungen gemeinsamen Eigen- 
schaften zu betrachten, da sie es zugleich sind, die eben wegen ihrer 
Allgemeinheit auch als ästhetische Elementargefühle in Anspruch genommen 
werden können. Nun bietet das rhythmische Gefühl in jedem einzelnen 
Falle zwei Seiten dar. Erstens bewegen sich die rhythmischen, wie alle 
ästhetischen Elementargefühle, zwischen den Gegensätzen des Gefallens 



Aesthetische Eleinentargefühlc, 



157 



und Missfallens. Wir fühlen Gefallen überall da, wo die nach ihren ob- 
jectiven und subjectiven Beding;ungen früher (Cap, XV) geschilderte rhyth- 
mische Bewegung der Empfindungen ungestört verläuft; und das Gefühl 
des Missfallens entsteht, wenn entweder die an sich rhythmisch gegliederten 
Vorstellungen den Umfang unserer Auffassung überschreiten, oder wenn 
unerwartete Abweichungen eine rhy^thmische Reihe unterbrechen ^ oder 
endlich, wenn ein bestimmter Rhythmus durch seine Gleichförmigkeit die 
Aufmerksamkeit ermüdet. Während in den beiden ersteren Fällen das 
Missfallen plötzlich eine bisher indifferente oder wohlgefällige Reihe unter- 
bricht, pflegt es im letzteren Fall allmählich aus einer solchen in einer 
stetigen Bew^egung durch den Indifferenzpunkt hindurch hervorzugehen. 
Diese allgemeinen ästhetischen Gefühle^ unter denen beim Rhythmus, 
\v*ie überhaupt bei den extensiven Gefühlen, die des Missfallens nur 
Grenzialle, kaum jemals selbst Factoren der ästhetischen Wirkung bilden, 
sind nun aber stets begleitet von andern Gefiihlsformen, die von der 
specifischen Beschaffenheit der rhythmischen Bewegung abhängen. Sie 

hsind es, die, mit jenem allgemeinen Gefühl des rhythmischen Wohlge- 
fallens verbunden, der rhythmischen Form ihre eigenthümliche Affect- 
färbung verleihcUj nach der wir sie bald erregend oder beruhigend» bald 
ernst oder heiter, oder auch mit noch specielleren Bezeichnungen, wie 
majestätisch, pomphaft düster, fröhlich, komisch u. dergl, nennen. Wie bei 
den Gestaltgefuhlen, so bieten nun auch hier nicht die mit den mannig- 
fachen andern Bestandtheilen musikalischer und poetischer Eindrücke ver- 
bundenen und darum schwer für sich isolirbaren Wirkungen des Rhythmus 
die günstigsten Bedingungen für eine möglichst exacte Untersuchung 
elementarer ästhetischer Gefühle, sondern selbstverständlich sind wiederum 

I diejenigen Einwirkungen zu bevorzugen^ bei denen die allgemeinen formalen 
Eigenschaften der rhythmischen Gefühle möglichst für sich allein auftreten. 
Dass solche Wirkungen verhältnissmäOig arm sind und mit den complexen 
Erscheinungen der zusammengesetzteren ästhetischen Gefühle keinen Ver- 
gleich aushalten können, ist freilich ebenfalls selbstverständlich. Wenn 
man aber deshalb eine solche Untersuchung elementarästhetischer F^ormen 
überhaupt für zw^ecklos hält, so verwechselt man die Aufgabe des Kunst- 
werks selbst mit derjenigen einer psychologischen Analyse seiner Factoren \ 
Nun ist von jenen beiden Factoren der allgemeinere, der des 
rhythmischen Gefallens, wie die unmittelbare Beobachtung des einen 



^ Dass diese Verwechselung selbst einem um die AnalyBe der h&rmoniscbea Kling- 

irlningen und um die Anbahnung eines Verständnisses der physiologischen und psycho- 

kogiscben Seite der Probleme bei den Musikern so verdienten Aesthetiker wie H. Ru^MANN 

vegegnct, ist sicherlich ein sprechendes Zeugniss für die hier noch verbreiteten Vor- 

üTthrile. (Vgl H, RiEMANN, Elemente der musikalischen Aestheik, S. 134,) 



1^8 Vorstellnngsgefühle und Affecte. 

einfacheren Rhythmus begleitenden Gefühlsverlaufes lehrt, dadurch ausge- 
zeichnet, dass dieses Gefallen ein resultirendes Gefühl ist, das immer 
erst aus dem Wechsel gewisser einfacherer Gefühle entspringt, die, im 
Contrast zu einander stehend, an sich weder Lust- noch Unlustgefiihle 
sind. Hierdurch unterscheidet sich das Wohlgefallen am Rhythmus höchst 
charakteristisch von dem Wohlgefallen an Raumformen. Vergleichungen 
wie die, dass der Rhythmus eine Art Symmetrie in der Zeit, oder umge- 
kehrt die Symmetrie und Proportionalität räumlicher Formen ein Rhythmus 
im Räume sei, bleiben daher äußerliche Analogien, die mit den psycho- 
logischen Eigenschaften der Elementargefühle selbst nichts zu thun haben ^ 
Durch alle diese äußerlichen Vergleiche, die höchstens auf eine dürftige 
Analogie der Entstehungsbedingungen zurückgehen, wird die eigentliche 
Natur der rhythmischen Gefühle nicht im mindesten berührt Denn natür- 
lich ist eine Beschreibung der objectiven Eigenschaften des Rhythmus 
noch lange keine Analyse der Gefühle selbst. Hier besteht aber das 
Eigenartige und mit irgend einer der andern ästhetischen Elementar- 
wirkungen durchaus Unvergleichbare des Rhythmus in den eigenthüm- 
lichen Beziehungen, in welche die in die Zeitvorstellungen überhaupt 
eingehenden Gefühle zu einander treten, um resultirende Gefühlswirkun- 
gen zu erzeugen. Solche Gefühlsfactoren sind, wie wir früher (S. 23) 
sahen, die Gefühle der Spannung und Lösung, die in verhaltnissmäßig 
reinen Formen gerade bei indifferenten Rhythmen, wie sie den elementar- 
ästhetischen Wirkungen zu Grunde liegen, beobachtet werden. Dabei ist 
nun aber dies für das Rhythmusgefühl charakteristisch und unterscheidet 
dasselbe ebenso von der Harmonie wie von der wohlgefälligen Gestalten- 
wirkung, dass die einfacheren Gefühle, aus denen das ästhetische Gefallen 
am Rhythmus entspringt, beide absolut leer von jenen Lust- und Unlust- 
momenten sind, von denen die ersteren stets, die letzteren wenigstens zu- 
weilen, als contrastverstärkende Momente, die Gefühlsgrundlagen des ästhe- 
tischen Gefallens abgeben. Das Lustgefühl des Rhythmus ist also von 
Anfang an nur resultirendes Gefühl, und zwar ist es ein aus einem 
Contrast von Gefühlen entspringendes Lustgefühl. Bei den ungestör- 
ten Formen rhythmisch-ästhetischer Wirkung begleitet dieses fortwährend 
die entgegengesetzten Gefühlsphasen, um sich in gewissen Momenten der 



* KÖSTLIN, Aesthetik, 1869, S. 90. H. Riemann, Elemente d. musikalisch. Aesthetik, 
S. 135 fF. Diese Vertauschung der Begriffe hängt übrigens mit der bekannten Neigung der 
Aesthetiker zusammen, jeden Begriff von seinem eigenen Ursprungsgebiet auf jedes be- 
liebige andere zu übertragen, eine Neij^ung, der neben dem Rhythmus auch die 9Harmo- 
iiie< zum Opfer zu fallen pflegt. Nach den Aeußerungen zahlreicher Aesthetiker müsste 
man annehmen, dass alles Aesthetische überhaupt Harmonie und Rhythmus zugleich sei. 
Auch die bekannte witzige Aeußerung, die Archi.e'.vtur sei gefrorene Musik, und andere 
ähnliche gehören hierher. 



Aesthetische Elementargefiihle. | 

Gefiihlscurve (Fig. 3 1 2 S. 23) zu einem Maximum zu erheben. Dieses letztere 
lallt dann mit dem Gefiihlsmaximum der Spannung und Lösung zusammen. 
Der zu der Curve der Spannungs- und Lösungsgefiihle zu ergänzende 
Verlauf des rhythmischen Wohlgefallens würde also etwa durch die in 
Fig- 324 gezeichnete unterbrochene Curve dargestellt werden können, die 
überall positive Lustwerthe aufweist, deren Maxima jedoch in die Zeit 
jenes Phasenwechsels der Spannungs- und Lösungscurve fallen, der die 



Fig. 324. Ae.thetische Lustcurve bei einfacher rhythmischer Wiederholung. 

(Die ausgezogene Curve repräsentirt den elementaren Gefühlsverlauf der Spannung 

und Lösung, die unterbrochene das resultirende Lustgefühl.) 

Zeitvorstellungen überhaupt und insbesondere die rhythmischen kenn- 
zeichnet. Weiterhin zeigt dann die Beobachtung gerade bei einfachen, 
von sonstigen ästhetischen Wirkungen möglichst frei gehaltenen rhythmi- 
schen Eindrücken, dass das Gefühl des Gefallens hier wieder auf zwei 
Bedingungen zurückgeht. Die eine besteht darin, dass jede Spannungs- 
curve eine Wiederholung einer vorangegangenen, ihr ähnlichen ist; die 
zweite darin, dass im Moment, wo die Spannung sich löst, ein Gefühls- 
contrast eintritt, der zunächst die beiden Factoren der Spannung und 
Lösung selbst, damit dann aber auch das aus ihnen resultirende Gefühl 
des Gefallens zu stärkerer Wirkung bringt. Aus dem ersten dieser 
Momente erklärt es sich, dass das rhythmische Wohlgefallen überhaupt 
niemals schon am Anfang einer rhythmischen Reihe, sondern immer erst 
im Verlauf derselben auftritt. Denn natürlich können jene an die Wie- 
derholung übereinstimmender Taktglieder gebundenen Gefühle erst nach 
einer Zeit, die der Reproduction einen ausreichenden Spielraum gönnt, 
deutlich hervortreten. In Folge dessen wird dann, indem eben diese 
auf vorangegangene Glieder zurückweisenden Associationsmotive immer 
deutlicher werden, der gefällige Eindruck bis zu einer gewissen, durch die 
entgegenwirkenden Ermüdungsbedingungen der Aufmerksamkeit gesetzten 
Grenze gesteigert, um hierauf wieder abzunehmen. Das zweite der erwähn- 
ten Momente dagegen bringt es mit sich, dass, abgesehen von den so er- 
zeugten stetigen Aenderungen der ästhetischen Elementarwirkungen, regel- 
mäßig periodische Öscillationen derselben in allen den Phasen stattfinden, 
in denen sich ein Gefühlsübergang von Spannung zu Lösung vollzieht. 
Nun wiederholen sich aber derartige Uebergänge in jedem zusammen- 



l6o Vorstellnngsgefühle und AflFecte. 

gesetzteren Rhythmus in mannigfach sich überdeckender Weise. Ein so 
einfaches Verhalten der ästhetischen Elementarcurve, wie es die Fig. 324 
darstellt, würde nur der einfachsten Taktform, der des '/g-Takts, ent- 
sprechen. In dem Augenblick, wo die Gliederung eine mannigfaltigere 
wird, gewinnt daher auch die Wohlgefälligkeitscurve eine verwickeitere 
Gestaltung. Die Haupteinschnitte des Taktes, bei denen sowohl die re- 
productiven Associationsmotive wie die Vorzeichenwechsel der Spannungs* 
und Lösungsgeflihle intensiver werden, lassen dann naturgemäß höhere 
Gipfelpunkte der resultirenden ästhetischen Curve entstehen, im Gegensatz 
zu den zwischenliegenden schwächeren Taktgliederungen. Schon ein dem 
""/^-Takt entsprechender Rhythmus wird so etwa Schwankungen von der 
Form der Fig. 325 hervorbringen; und bei noch zusammengesetzteren 
Metren wird sich dann dieser Verlauf weiterhin in analogem Sinne steigern. 
Allgemein wird man daher sagen dürfen: die durch rhythmische Eindrücke 



Fig. 325. Schwankungen der Wohlgefälligkeitscurve bei zusammengesetzten Rhythmen 

(V4-Takt:.. 

erzeugte Wohlgefälligkeitscurve ist eine Wellenlinie, die der Curve der 
Apperceptionswellen in ihrem allgemeinen Verlauf entspricht (Fig. 320, 
S. 97). Wie diese, so weist auch jene um so zahlreichere Oscillationen 
verschiedener Ordnung auf, je zusammengesetzter die metrische Form ist, 
vorausgesetzt nur, dass diese jene Grenzen der Uebersichtlichkeit nicht 
überschreitet, die den rhythmischen Vorstellungen durch den Umfang des 
Bewusstseins gesetzt sind. Den beiden Grundmotiven der Lustgefühle, 
die sich so bei jeder rhythmischen Wirkung begegnen, dem Wohlgefallen 
am Wiedereintritt des erwarteten Eindrucks, und der Gefiihlssteigenmg 
durch den Contrast des Geftihlswechsels, entsprechen endlich auch zwei 
Hauptformen der Unlust, die zunächst als störende Momente, dann aber 
weiterhin, in Folge secundären Contrastes, wiederum als steigernde Wir- 
kungen beobachtet werden. Dem associativen Motiv entspricht nämlich 
als sein Unlustgegensatz die Störung der Reproduction durch UeberfiUle 
der Eindrücke, dem Motiv des Gefiihlswechsels von Spannung und Lösung 
die Störung durch protrahirte Erwartung oder umgekehrt durch vorzeitigen 
Eintritt eines Reizes. 

Sucht man nun aber diesen beiden Motiven des Gefallens am Rhyth- 
mus selbst auf den Grund zu gehen, so zeigt die psychologische Analyse 
ihrer Bedingungen, dass sie an sich eigentlich gar nicht verschiedenartige 



Aesthetische ElementargefUhle. 15 j 

Motive, sondern nur verschiedene Abtönungen eines und des- 
selben Grundmotivs sind. In dem Reproductionsmotiv, wie wir 
kurz die während der ganzen Dauer der Spannungscurve wirksamen 
Elemente nennen können, wird nämlich der Grad des in jedem Moment 
vorhandenen Spannungsgefuhls durch die Association mit dem gleichen 
Spannungsgrad der vorangegangenen Periode bestimmt. Das Gefühl des 
Gefallens kommt also hier wesentlich dadurch zu stände, dass in Folge 
dieser Association in jedem Moment der Gefühlszustand leise schon 
zwischen Spannung und Lösung oscillirt: der folgende rhythmische Ein- 
druck wird erwartet, und dieser Zustand der Erwartung gibt dem Ganzen 
den vorwaltenden Charakter der Spannung. Aber daneben wird doch 
auch die Uebereinstimmung mit dem entsprechenden Theil des voran- 
gegangenen rhythmischen Takttheils leise als die Lösung einer Spannung 
gefühlt, so dass es in diesem ganzen Verlauf der Spannungscurve, so 
lange nicht Stönmgen hervortreten, keinen Moment gibt, wo nicht der 
Spannung in einem gewissen Grad ein Lösungsgefühl contrastirend gegen- 
überstünde. Beim Beginn jedes folgenden Taktes oder auch jedes eine 
beschränktere Einheit bildenden Takttheils sondern sich dann beide con- 
trastirende Gefühle deutlicher von einander, indem während einer kurzen 
Zeit das Lösungsgefühl zum Uebergewicht gelangt, womit immer zugleich 
ein Maximum der Wohlgefalligkeitscurve zusammenfällt. Nach allem 
dem darf man wohl allgemein als die Grundbedingung des rhythmi- 
schen Gefallens die resultirenden Gefühlswirkungen betrachten, die aus 
dem unmittelbaren Contrast der Spannungs- und Lösungsgefühle hervor- 
gehen. Nun vollzieht sich ein solcher Lösungsvorgang in jedem Moment 
eines wohlgeordneten, den allgemeinen Bedingungen der Auffassung sich 
fügenden rhythmischen Zeitverlaufs; und er fällt in concentrirterer Form 
auf einzelne Zeitpunkte, nämlich auf diejenigen, die mit besonderen Ein- 
schnitten der rhythmischen Reihe zusammenfallen. Durch die Tiefe 
dieser Einschnitte wird dann die Energie der Lösung und damit der 
Grad des aus dem Contrast hervorgehenden Wohlgefallens bestimmt. 
Auf diese Weise stellt sich das Gefühl des rhythmischen Gefallens all- 
gemein als eine Gefühlsresultante aus contrastirenden Gefühlen dar, die 
zwar als Partialgefühle erhalten bleiben, zugleich aber in dem resultiren- 
den Totalgefühl ein völlig neues, in jenen noch gar nicht gegebenes 
Moment, nämlich eben das rhythmische Wohlgefallen, hervorbringen, wo- 
durch nun auch der in den Partialgefühlen enthaltene Contrast in diesem 
Totalgefühl völlig aufgehoben ist. So sind die rhythmischen Gefühle 
schließlich dadurch ausgezeichnet, dass sie Lustgefühle sind, deren 
Factoren, die Spannungs- und Lösungsgefühle, selbst durchaus nicht der 
Dimension der Lust und Unlust angehören. Wenn auch die Lösung zuweilen 

WcNDT, Grundxüge. III. 5. Aufl. 1 1 



j52 VorstellongsgefUhle nnd AfTecte. 

außerhalb der Erscheinungen des eigentlichen Rhythmus von einem 
deutlichen Lustgefühl begleitet sein kann, so hängt dies in der Regel 
damit zusammen, dass die vorausgehende Spannung mit Unlust verbun- 
den war, die nun im Moment ihres Verschwindens als Gegenwirkung das 
Lustgefühl erzeugt: so bei ungeduldiger Erwartung im Moment des Ein- 
tritts des erwarteten Ereignisses, oder, in noch höherem Grade, bei länger 
dauernden, mit Spannung verbundenen Schmerzempfindungen bei der 
plötzlichen Remission des Schmerzes. Ob abgesehen von solchen Re- 
actionen auf vorangehende Unlustgefühle die Lösung selbst jemals lust- 
erregend sei, falls es sich nicht eben um rhythmische Gefühle handelt, 
ist mindestens in hohem Grade zweifelhaft, um so mehr, da ja auch im 
gewöhnlichen, im allgemeinen als arrhythmisch betrachteten Verlauf un- • 
serer Vorstellungen solche Rhythmisirungen fortwährend vorkommen. 
Hiernach ist das Wohlgefallen an rhythmischen Formen ein durchaus 
eigenartiges Totalgefühl, dadurch ausgezeichnet, dass es, obgleich deutlich 
zur Richtung der Lustgefühle gehörend, aus contrastirenden Partialgefühlen 
hervorgeht, die an sich selbst außerhalb der Dimension Lust-Unlust liegen, 
indem sie in einem oscillirenden, auf- und abschwankenden Contrast von 
Spannung und Lösung den Verlauf der rhythmischen Vorstellungen be- 
gleiten. Diese fortwährend vorhandenen, je nach der Beschaffenheit der 
rhythmischen Form verschiedentlich auf- und abschwankenden Contrast- 
gefühle entstehen aber ihrerseits wieder dadurch, dass jeder Punkt 
eines rhythmischen Gebildes doppelt, nämlich rückwärts imd vorwärts, 
orientirt ist. Denn die gesetzmäßige Continuität des Vorstellungsverlaufs, 
die den Rhythmus charakterisirt, besteht eben darin, dass jeder momen- 
tane Zustand einerseits dem kommenden Eindruck zugewandt, anderseits 
die Wiederholung eines vorangegangenen ist. Das erste dieser Momente 
bedingt ein Spannungs-, das zweite ein Lösungsgefühl, die demnach 
beide immer vorhanden, jedoch in ihren relativen Werthen einem con- 
tinuirlichen Wechsel unterworfen sind. Durch dieses Verhältniss zu den 
in ihnen enthaltenen Factoren bilden die rhythmischen Gefühle besonders 
deutliche Belege des allgemeinen Satzes, dass das aus einer Anzahl von 
Partialgefühlen resultirende Totalgefühl niemals die bloße Summe dieser 
seiner Elemente ist. Dies ist hier deshalb so augenfällig, weil die Gefuhl»- 
resultante in diesem Fall eine in den Componenten überhaupt nicht ent- 
haltene Gefühlsrichtung annimmt, — ein Ergebniss, das auf physischem 
Gebiet, z. B. bei der Zusammensetzung irgend welcher Bewegungen im 
Raum, völlig unmöglich wäre, und so den ungeheuren Unterschied 
psychischer Resultanten von resultirenden physischen Wirkungen beson- 
ders klar in die Augen springen lässt^ 

' Die obigen Ausführungen dürften die Bedenken erledigen, die Max Ettungsr 



Aesthetische ElementargefUhle. 163 

g. Speciellere Gefühlswirkungen rhythmischer Formen. 

Mit den Motiven des Gefallens an der rhythmischen Form ist der 
Inhalt der ästhetischen ElementargefUhle dieser Art noch nicht erschöpft. 
Auch die leicht zu machende Beobachtung, dass mit der Steigerung 
der rhythmischen Gliederung im allgemeinen auch der Grad des Ge- 
fallens zunimmt, um dann, bei der Annäherung an die Grenze des 
Bewusstseinsumfangs , rasch wieder zu sinken, führt hier nicht wesent- 
lich weiter, da es sich dabei nur um Intensitätsverhältnisse jenes Lust- 
gefühls handelt. Ein wesentliches Moment der rhythmischen Wirkungen 
besteht jedoch darin, dass eben dieses allgemeine Lustgefühl des Ge- 
fallens durch die specifische Form der rhythmischen Bewegung 
ihren besonderen qualitativen Gefühlsinhalt gewinnt, der dann 
jedesmal wieder der mannigfachsten Gradabstufungen fähig ist, und in 
dem außerdem wechselnde Mischungen verschiedener Gefuhlscomponenten 
und Uebergänge zwischen qualitativ abweichenden, ja entgegengesetzten 
Gefühlen möglich sind. Dabei können nun diese näheren Bestimmungen 
des rhythmischen Grfallens den sämmtlichen allgemeinen Richtungen der 
Gefühle angehören, bald vorwaltend einer einzigen, bald mehreren in 
ihrer Vereinigung. Aber gerade hier zeigt es sich zugleich, dass inner- 
halb jeder jener Richtungen überaus mannigfache Gefühlsabtönungen vor- 
kommen, abgesehen von den Verbindungen, die zwischen diesen concreten 
Gefiihlsinhalten einer rhythmischen Form in analoger Weise wiederum 
stattfinden können, wie jene selbst mit dem allgemeinen Gefühl des Ge- 
fallens verschmolzen sind. Hierbei ist nun diese Verschmelzung der 
beiden Grundbestandtheile des rhythmischen Gefühls besonders dadurch 
bedeutsam, dass das ästhetische Wohlgefallen samt den ihm zu Grunde 
liegenden Bedingungen an sich schon den in die concreten Gefühlsinhalte 
eingehenden Unlustgefiihlen Schranken zieht. So kann ein tief trauriges 
poetisches oder musikalisches Motiv ein bestimmt gefärbtes Unlustgefuhl 



(Zeitschr. für Psychol. nnd Phys. d. S. Bd. 22, 1902, S. 170 ff.) gegen die Ableitung des 
Wohlgefallens am Rhythmus ans den Spannungs- nnd LösnngsgefUhlen erhebt. Diese 
Einwände stützen sich nämlich theils darauf, dass ein discontinuirlicher Wechsel zwischen 
Spannung und Lösung bei rhythmisch wohlgefälligen Eindrücken nicht zu beobachten 
sei, theils darauf, dass nach der Meinung des Verf's das Spannungsgefühl ein Unlust-, 
das Lösungsgefühl ein Lustgefühl sein soll. Dass letzteres nicht zutrifft, falls man nicht 
nnter diesen Gefühlen etwas ganz anderes versteht, als was nach der subjectiven und ob- 
jectiven Gefühlsanalyse unter ihnen verstanden werden darf, ist schon in Cap. XI (Bd. 2, 
S. 284 ff.) eingehend erörtert worden. Dass die gleichzeitige Beziehung jedes innerhalb 
einer rhythmischen Reihe vorkommenden Eindrucks auf vorangegangene und kommende 
oder erwartete Eindrücke hier eine wichtige Rolle spielt, hat der Verf., wie es scheint, 
richtig gesehen. Indem er sich auf die bloße Selbstbeobachtung verlässt, ohne die Hülfs- 
mittel experimenteller Analyse herbeizuziehen, gelingt es ihm aber nicht, diese doppelte 
Beziehung in ihre wirklichen Gefuhlscomponenten aufzulösen. 



l54 VorstelliiDgsgefUhle nnd Affecte. 

erwecken, während es doch gleichzeitig durch seine rhythmische Form 
und durch noch andere im selben Sinne wirksame Factoren einen hohen 
Grad ästhetischen Wohlgefallens erzeugt, der dann auch die Unlust- 
stimmung mildert. Nun kommen die höheren Grade dieser Compen- 
sationen freilich, ebenso wie die höheren Grade ästhetischer Wirkungen 
überhaupt, immer nur durch die Verbindung der ästhetischen Elementar- 
gefühle mit weiteren psychischen Factoren zu stände. Doch fehlen jenen 
selbst bei ihrer isolirten Einwirkung solche Gegenwirkungen nicht, und sie 
bilden natürlich wieder die einfachsten Erscheinungen, von denen eine 
Analyse der ästhetischen Gefühle ausgehen muss. Dabei gewährt in 
diesem Fall, eben weil es sich um concretere Gefühlswirkungen han- 
delt, die Verwerthung der verschiedenen rhythmischen Formen zu be- 
stimmten musikalischen, poetischen oder rednerischen Wirkungen des- 
halb günstige Ausgangspunkte auch für die Analyse der elementaren 
Wirkungen, weil hierbei der zur rhythmischen Form hinzutretende Inhalt 
des Kunsterzeugnisses jene Form selbst eben nach dieser ihrer concreten 
Gefühlswirkung hin interpretirt. Zu diesem besonderen Zweck ist aber 
der gesprochene, nicht der gesungene Vers und nicht das musikalische 
Kunstwerk, das brauchbarste Hülfsmittel für die Interpretation des Rhyth- 
mus. Denn hier hat der Dichter, wenn ihm ein feines sprachliches und 
rhythmisches Gefühl eigen ist, dem Gedanken- und Stimmungsinhalt von 
selbst auch die adäquate rhythmische Form gegeben, und der Leser oder 
Recitator reproducirt daher im allgemeinen leicht nach seinem eigenen 
Gefühl die vom Dichter gewollte Rhythmik, während sich dieser zugleich 
am freiesten von bestimmten, durch die sonstigen Gesetze der Compo- 
sition vorgeschriebenen Regeln bewegt oder wenigstens bewegen kann. 
Der Gesang ist allzu sehr von den begleitenden Klangwirlomgen abhängig; 
und bei dem musikalischen Erzeugniss kommt dazu noch die Vieldeutig- 
keit des Stimmungsinhaltes, die auch die rhythmische Bewegung inner- 
halb weiterer Grenzen zu einer schwankenden macht, so dass ein und 
derselbe musikalische Satz, je nachdem der reproducirende Künstier ihn 
auffasst, bekanntermaßen wirklich einigermaßen verschiedene Gefühls- und 
Affectinhalte ausdrücken kann. Unter allen Arten von Sprechversen, die 
sich zur psychologischen Analyse rhythmischer Ausdrucksformen benützen 
lassen, sind aber die der lebenden Sprache wieder die geeignetsten, 
weil wir bei ihnen am sichersten wissen, wie die Verse wirklich gesprochen 
werden. Daneben bietet diese Form rhythmischer Gebilde noch einen 
Vorzug. Die moderne poetische Metrik besitzt dadurch, dass die poeti- 
sche Sprache unter dem fortwirkenden Einfluss der Umgangssprache mehr 
und mehr die musikalischen Eigenschaften der Sprachlaute eingebüßt hat, 
rhythmisch eine um so freiere Beweglichkeit. Sie gestattet es darum dem 



Aesthetische Elementargefühle. i5e 

Rhythmus, in hohem Grade sich der Stimmung des Gedankeninhaltes 
anzupassen und mit diesem zu wechseln. Zwar hat sichtlich diese Rich- 
tung der modernen poetischen Rh)rthmik auch auf den Gesang und sogar 
auf das rein musikalische Metrum schon stark herübergewirkt. Immerhin 
bleiben hier die entgegenwirkenden Momente und bei dem letzteren ins- 
besondere die Vieldeutigkeit des Inhalts immer bestehen. 

Gehen wir demnach bei dem Versuch einer psychologischen Analyse 
metrischer Formen von der Rhythmik des neueren deutschen Sprech- 
verses aus, so lassen sich hier wegen der angedeuteten Eigenschaften der 
Sprache Notenbezeichnungen nicht im Sinne der ihnen in der Musik beige- 
legten relativen Zeitwerthe verwenden. Wenn wir gleichwohl im Folgenden, 
um mit den früher (im Cap. XV) benützten Symbolen rhythmischer Zeit- 
vorstellungen in Uebereinstimmung zu bleiben, allgemein wieder mit der 
Achtelnote das rhythmische Element bezeichnen, so soll also diese, wie 
CS ja übrigens schon die ausschließliche Anwendung dieser Notenform 
ausdrückt, keinen bestimmten Zeitwerth bedeuten. Nicht als ob je nach 
den Bedingungen, die der Laut selbst und die rhythmische Betonung 
mit sich fuhren, nicht thatsächlich verschiedene Zeitwerthe vorkämen. Es 
soll aber von diesen Verhältnissen, die für die Gefiihlsbetonung der rhyth- 
mischen Formen von secundärer Bedeutung sind, hier abgesehen werden. 
Wir beschränken uns demnach auf die in erster Linie maßgebenden Ab- 
stufungen der Accentuirung, wobei wir in diesem Fall nur die Unter- 
scheidung von einem oder, wo es erforderlich scheint, von höchstens 
zwei Graden der Hebung berücksichtigen. Auch damit soll nicht gesagt 
sein, die früher (S. 2g flf.) angeführten niedrigeren Betonungsstufen seien 
hier überhaupt bedeutungslos ; sondern es soll nur der Einfachheit wegen 
von ihnen, ebenso wie von den mit ihnen zusammenhängenden Ver- 
hältnissen der Zeitintervalle zwischen den Takten und innerhalb derselben 
vorläufig abstrahirt werden. Es mag hier die allgemeine Bemerkung ge- 
nügen, dass die Wechselbeziehungen, in denen die Pausen zu den Be- 
tonungen stehen, durchgehends die Gefiihlswirlomgen der letzteren ver- 
stärken, wie sie denn selbst in dem natürlichen Zusammenhang rhythmisch 
geordneter Empfindungen entweder subjectiv durch die Betonungen er- 
zeugt werden, oder aber umgekehrt, wo sie objectiv gegeben sind und 
dem Eindruck die Accente fehlen, nun diese letzteren subjectiv hervor- 
bringen (S. 62). 

Als einfachste Bestandtheile eines rhythmischen Ganzen ergeben sich 
hiernach diejenigen, die zwei Elemente, im Sprechtakt also zwei Silben 
und einen Betonungsunterschied, enthalten: der auf- und absteigende 
Zweitakt 



l66 VorstellnngrsgefUhle und Affecte. 

oder, wie sie gewöhnlich genannt werden, der Jambus und Trochäus 
(^- und -^). Die verschiedene Gefiihlsbetonung beider tritt natürlich 
erst bei der Aneinanderreihung einer Mehrzahl jambischer imd trochäi- 
scher Versfüße oder auch noch wirksamer bei dem Wechsel beider hervor. 
Ihr specifischer Gefiihlsgegensatz ist aber unter diesen Bedingungen schon 
den alten Metrikern nicht verborgen geblieben. Wir werden, wenn wir 
ihre Ausfuhrungen über das »Ethos« der Versmaße in unsere psycho- 
logische Gefühlsterminologie übersetzen, den Jambus als die erregende, 
den Trochäus als die beruhigende metrische Grundform bezeichnen 
können \ Freilich muss hinzugefügt werden, dass die Einfachheit dieser 
Formen die Gefiihlsgegensätze ermäßigt und sie gelegentlich bis zur In- 
differenz herabdrücken kann. Dennoch tritt der Unterschied nicht bloß 
in der poetischen Verwendung, sondern auch beim reinen Taktiren mit 
gleichgültigen Eindrücken deutlich hervor; und eine Bestätigung liegt, 
wie man sich besonders im letzteren Fall leicht experimentell überzeugen 
kann, darin, dass in der Regel die Zeitwerthe jambischer Takte kleiner 
sind, weil wir unwillkürlich die Pausen zwischen den einzelnen Takten im 
Vergleich mit dem trochäischen Metrum verkürzen*. Zwar kann dieser 
Unterschied dadurch wieder ausgeglichen werden, dass innerhalb des 
Taktes der Uebergang vom betonten zum unbetonten Laut eine geringere 
respiratorische Anstrengung fordert als der umgekehrte, daher denn auch 
der Trochäus eine in sich geschlossenere Einheit bildet. Gleichwohl be- 
wahrt die jambische Form jenen Gefuhlston des rascheren, die trochäi- 
sche den des langsameren, bedächtigeren Fortschritts, der nun auch im 
gleichen Sinne auf die Gesammtbewegung der Takte herüberwirkt. Dabei 
darf man freilich nicht übersehen, dass nicht alles, was nach hergebrachter 
metrischer Schablone als jambisch oder trochäisch bezeichnet wird, dies 
auch wirklich ist. So wechseln schon im jambischen Trimeter der Griechen 
mannigfach ab- und aufsteigende Rhythmen, und der sogenannte fünf- 
füßige Jambus unserer Dramen enthält im ganzen vielleicht mehr tro- 
chäische als jambische Glieder. Gerade die jambischen Formen gehen 
dadurch, dass irgend ein unbetontes an ein ihm folgendes oder voraus- 
gehendes betontes Element enger als gewöhnlich sich anschließt, leicht 
in trochäische Rhythmen über, so dass nun beide Formen je nach dem 
Gefuhlston des rhythmisirten Inhalts wechseln können. Die trochäische 
Form gestattet einen solchen Uebergang umgekehrt dadurch, dass eine 
einzelne Hebung durch eine ihr folgende längere Pause rhythmisch isolirt 



* Vgl. Westphal, »Ueber das Ethos der Versfüße nach Aristoxenos«, Griechische 
Rhythmik 3, 1885, S. 226 ff. 

"^ Letzteres ist auch von den Metrikern gelegentlich bemerkt worden. Vgl. Minor, 
Neuhochdeutsche Metrik^, 1902, S. 143 f. 



Aesthetische Elcmentargefühle. 167 

Wird, worauf nun das Folgende im jambischen Rhythmus weitergehen 
kann. Man vergleiche z. B. die Verse aus Schillers Wallenstein 

Läss es genüg sein | Sdni | komm | herab, 

der Tag | bricht an | und Mars | regiert | die Stünde, 



ir^rtUf 




I LT I LT I 

und die folgenden aus Grillparzers Ahnfrau: 

Nun, wohlan, | was müss, geschehe, 
fällen s^h ich | Zwefg' auf Zweige. 

Dieser Gegensatz zwischen der Gefiihlsbetonung des auf- und ab- 
steigenden Rhythmus nimmt nun mit dem Uebergang der zweigliedrigen 
in drei- oder mehrgliedrige Takte mannigfaltigere Gestaltungen an. Es 
treten je nach der Art dieser Verbindungen bald Steigerungen, bald 
Compensationen, bald auch Contraste der einfacheren rhythmischen Wir- 
kungen ein, die immer zugleich eigenthümliche Abweichungen des Gefiihls- 
tones mit sich fuhren. So zeigt der Anapäst, namentlich wenn die beiden 
voranstehenden unbetonten Elemente unter sich keine merklichen Be- 
tonimgsunterschiede bieten, also bei der Form ~r^~ > ^^^^ besonders 
intensive Steigerung der erregenden Gefühlswirkung des Jambus. Durch 
den größeren Contrast, in dem sich bei ihm der betonte Taktschlag gegen 
den vorangehenden unbetonten Doppelschlag abhebt, gewinnt er jenen 
impulsiven, aggressiven Charakter, der ihn im Marsch- und im Kriegslied 
zum specifischen Ausdruck angriflfslustiger, kriegerischer Stimmung macht. 
So in dem Reiterlied aus Wallensteins Lager: 

Wohl auf, I Kameraden, | aufs Pfdrd, aufs Pfed! 

Ins Fdd, I in die Freiheit | gezögen . . . 

Da tritt I kein andrer | für ihn 6in, 

auf sich sdber | stdht er da | ganz allein 





l68 Vorstellungsgefühle nnd Affecte. 

WO zugleich die Schlusstakte mit ihrem daktylisch-trochäischen Tonfall 
den Uebergang in die Stimmung festen Beharrens unnachahmlich andeuten. 
Charakteristisch tritt dieser erregende Gefiihlston des Anapäst auch dann 
hervor, wenn er, wie es im freier rhythmisirten Hexameter und Penta- 
meter häufig vorkommt, trochäische oder daktylische Versfüße ablöst, 
oder wenn er einem ganzen Strophentheil eine gegen den vorangehenden 
contrastirende rhythmische Gliederung gibt. So in dem Beispiel aus 
Goethes Elegien 

Jähre | folgen auf | Jähre, || dem Frühling | reichet d^r | Sommer 
und dem reichlichen Hörbst || traulich ] der Wfnter | die Hand. 

L'\UJ\ U II LLT I 

■IT tis i II is I ds 

wo in den deutschen Daktylen der ersten Zeile die dem Trochäus ver- 
wandte, gewichtige Form des Creticus (~ f"f^ ) anklingt, mit der nun der 

im Anfang der zweiten Zeile folgende anapästische Rhythmus lebhaft 

contrastirt. 

Eine andere, nicht minder intensive, aber qualitativ abweichende 

Steigerung der erregenden Wirkung des Jambus begegnet uns im Amphi- 

^ X ^ 
brachys f f f l^-^)» der namentlich in seiner Wiederholung und Häufung 

dem Rhythmus im Vergleich mit dem Anapäst eine leichtere Gefiihls- 
betonung verleiht, wie denn auch ein dauernderes amphibrachisches Metrum 
unmittelbar einer hüpfenden Gehbewegung entspricht'. Dies zeigen die 
früher in Fig. 311 (S. 15) dargestellten Curven des menschlichen Gang- 
rhythmus, die an und für sich schon eine amphibrachische Form besitzen, 
diese jedoch um so ausgeprägter annehmen, je leichter und elastischer 
der Gang wird. Ist im Jambus und selbst im Anapäst noch eine ge- 
messene Bewegung möglich, so ist diese bei dem Amphibrachys ausge- 
schlossen: er drängt zu rascher, aber nicht stürmischer, sondern leichter, 
elastischer Bewegung, deren Stimmungsgehalt auch hier wieder besonders 
da wirksam wird, wo der Wechsel mit andern Taktgliedern Contraste 
hervorbringt. So im Anfang von GoETHEs Reineke Fuchs: 



' Von den in dem Wort ausgedrückten, dem antiken Metrum eigenen Zeitverhält- 
nissen ist natürlich hier ebenfalls abzusehen. Wir nennen einen Rhythmus auch dann 

f 
amphibrachisch, wenn die drei Taktelemente ~f~f'f~ ^^^ Betonungs-, keine merklichen 

Zeitunterschiede zeigen. 



Aesthetische Elementargefilhle. 169 

Pfingsten, | das Ifebliche Fdst, | war gekommen, || 

es grünten | und blühten 
Fdld und Wald; || auf Hügeln | und Höhen, || 

in Büschen | und Hecken . . . 

ii i U l i p -J-±frf I 

ÜJ I ÜJ 

m am I I m im I » mm I I 

üi; II 1l/ I lC/ li 

Oder in besonders auffalliger Weise durch den plötzlichen Wechsel des 
Metrums in GoETHEs Gott und Bajadere: 

Mähadöh, | der Hdrr | der Erde, 

kömmt herab | zum sechsten Mal . . . 

Und hat er | die Stadt sich | als Wandrer | beträchtet, 

die Größen j belauert, | auf Klefne | geächtet . . . 

uj\u\ii: 
aL'\üs g • • • 

tfs \ lLS\UJ\U T 

üs\üs\ ütVut ' • • 

wo die Amphibrachen der letzten Verszeilen mit dem gewichtigen Gang 
des Creticus am Anfang einen scharfen Contrast bilden. 

Dieses Beispiel zeigt zugleich deutlich, dass unter den dreigliedrigen 
Takten die symmetrisch gebildeten, Amphibrachys und Creticus 



' T~f~f ~ und r 1 I 

auch in der Gefiihlsbetonung volle Gegensätze sind. Anders verhält sich 
dies mit den beiden asymmetrischen, dem Anapäst und dem Daktylus 

TT "T" und TTr- 

Obgleich sie in gewissem Sinne auf das Grundschema des Jambus und 
Trochäus zurückfuhren, so bilden sie doch keineswegs Gefühlsgegensätze 
gleich diesen. Während vielmehr im Anapäst das erregende Gefühl durch 
die der Betonung vorangehende doppelte Senkung verstärkt wird und 
einen impulsiven, stürmischen Charakter gewinnt, erscheint im reinen 



I^o Vorstellnngsgefähle nnd Affecte. 

Daktylus, so lange die beiden Senkungen merklich gleichwerthig sind 
( f f I* ), die gedämpfte Ruhe des Trochäus durch die hinzutretende zweite 
Senkung theilweise aufgehoben. Außerdem zeigt aber diese Taktform, 
im Gegensatze zu ihrer Umkehrung, dem Anapäst, die Neigung,, auf eine 
der Senkungen einen Nebenaccent zu legen. So entstehen die zwei 
Unterformen 

TTr' und TfT 

denen wieder ein wesentlich abweichender, meist sich zum G^ensatz 
steigernder Gefiihlston zukommt. Die erste Form nähert sich nämlich 

dem Trochäus, die zweite je nach Umständen dem Creticus f f f ^ oder 
aber sie geht, imd dies in der Regel, durch die Einwirkungen der Wort- 
und Sinngliederung in einen amphibrachischen Rhythmus 



über. Dieser großen Variabilität des Daktylus entspricht im ganzen seine 
Verwendung im daktylischen Hexameter, welches Versmaß übrigens zu- 
gleich durch den Abschluss der Verszeile mit einem Trochäus oder 
Spondeus zeigt, dass die mehrfache Aneinanderreihung daktylischer Takte 
im allgemeinen ein Ausklingen der Stimmung in einem ruhigeren Rhyth- 
mus fordert. Auch inmitten des Verses stellt daher mit dem Anklin- 
gen einer gedämpfteren Stimmung meist der Trochäus als natürliches 
Ausdrucksmittel einer, solchen sich ein, während anderseits die dem Sinn 
folgende Verschiebung der Pausen den daktylischen in den erregteren 
anapästischen Rhythmus umwandeln kann. Diesen allen Nuancen der 
Stimmung sich anschmiegenden Schwankungen der rhythmischen Be- 
wegung verdankt wohl der daktylische Hexameter seine Verbreitung in 
der antiken wie neueren Poesie. Ebenso ist es vielleicht hierauf zurück- 
zufuhren, dass nach den Untersuchungen von SiEVERS ähnliche Formen 
im poetischen Metrum anderer Völker, wie der Hebräer, sich finden*. 
Dabei variirt dann freilich zugleich die rhythmische Form mannigfach 
nach den Eigenschaften der Sprache und nach sonstigen Bedingungen. 
Unter diesen Variationen ist besonders der oben erwähnte Wechsel 
zwischen den Formen 

r I I und I I I 

bedeutsam. Indem bei der im griechischen Daktylus herrschenden 



' Sievers, Metrische Studien, Abhandl. der Ges. der Wiss. zu Leipzig, Philol.-hist. 
Cl. Bd. 21, 1901, S. 98 ff. 



Aesthetische ElementargefUhle. i*7i 

2 \ ^ 

Form t* j f die Hebung in abgestufter Folge abklingt, verleiht dies dem 

Rhythmus eine ruhigere, getragenere Stimmung. Bildet dagegen die 
schwächere Hebung das Ende des Fußes, wie bei der gewöhnlichen Form 

f C f ~ des deutschen Daktylus, so kann, wo sich ihr die Satz- und 

Wor^liederung anpasst, ein dem Creticus genäherter getragener Rhyth- 
mus entstehen. Meist aber ergibt sich, begünstigt durch die zahlreichen 
deutschen Wortbildungen, in denen die betonte Stammsilbe von zwei 
Senkungen umfasst wird (wie gegeben, begreifen, erliegen, Vergnügen 
u. dgl.), ein amphibrachischer Rhythmus mit lebhafter, hüpfender Bewe- 
gung*. Dahin gehört z. B. das oben angeftihrte Beispiel aus Reineke 
Fuchs, einer Dichtung, in der überhaupt die amphibrachische Verwendung 
des Daktylus vorherrscht'. Dieser Gefiihlsunterschied der beiden Formen 
tritt wiederum besonders da hervor, wo etwa ein Dichter von feinem 
rhythmischem Gefiihl in der gleichen Dichtung abwechselnd die eine und 
die andere Form anwendet. Man vergleiche z. B. in Goethes Hermann 
und Dorothea die beiden Anfangsverse des fünften Gesangs: 

Aber | es säßen | die Dr^i || noch Immer | sprechend | zusammen. 
Mit dem \ gefstlichen | Hdrm || der Apotheker | beim Wlrthe. 

Je mehr dem Dichter auf diese Weise der Rhythmus ganz und gar 
zu einem Ausdruck des Stroms der Gefiihle und Stimmungen wird, um 
so mehr durchbricht er die Schranken, die ihm bei einfacheren poetischen 
Ausdrucksformen durch eine lediglich den Bedingungen des rhythmischen 
Wohlgefallens folgende gleichförmige Wiederholung der Betonungen und 
der Pausen entstehen. Jenem Wohlgefallen, das als durchgehende Stim- 
mung alle rhythmischen Gebilde bindet, wird auch durch eine freiere 
rhythmische Bewegung Genüge geleistet. Die Grenzen, zwischen denen 
sich die rhythmische Wiederholung bewegt, werden aber um so weitere 
und dehnbarere, je stärker über dieses allgemeinste ästhetische Moment 



' Vgl. A. KöSTER, Zeitschrift für deutsches Alterthum und deutsche Litteratur von 
E. SCHRADER und G. ROETHB, Bd. 46, 1902, S. 113 fr., wo allerdings diesen Amphibrachen 

die Form f f f auch im Rhythmus untergelegt wird. 

' Ein treffendes Beispiel ist auch der bekannte homerische Vers: 

auTi« I iizeixa \ Tziho^le H xoXlvSexo | Xäa; | d^aiSTj; 

dessen rhythmischer Eindruck in der Vossischen Uebersetzung: 

Hurtig I mit Dönnergepölter | entrollte | der tückische | Mdrmor 

dnrch die hinzugefügte Lautnachahmung noch contrastirend gehoben wird, da die hüpfende 
Bewegung und die dumpfe Klangfarbe eigentlich einander widersprechen. 



IJ2 VorsteUnngsgefühle und Affecte. 

das concretere mit seiner Fülle wechselnder Stimmungen die Vorherrschaft 
gewinnt. Die psychologische Analyse eines rhythmischen Gebildes sol- 
cher Art lässt dann meist von Takt zu Takt und oft noch innerhalb der 
Glieder eines Taktganzen diesen den Gedankeninhalt treu wiederspiegehi- 
den Wechsel der rhythmischen Bewegung verfolgen, wobei nun zugleich 
deutlich die oben geschilderten Gefühlsfarbungen der einzelnen Taktformen 
wiederzuerkennen sind. Als Beispiel sei hier die von SiEVERS gegebene 
metrische Analyse der Eingangsverse der »Iphigenie auf Tauris« an- 
geführt : 

Heraus | in eure Schatten | rdge Wfpfel 

des alten beugen | dfchtbelaübten | Hafnes 

wie in der Göttin | stüles | Hdiligthüm 

tret ich noch jdtzt | mit schauderndem | Gefühl, 

als wdnn ich sie | zum Ersten Mal | beträte, 

und ds gewöhnt sich nicht | mein Geist | hierher. 




u 



Erweckt der jambisch-amphibrachische Eingang der ersten Verszeile den 
die Bewegung der Priesterin begleitenden impulsiven Gefiihlston, so senkt 
sich sofort in den Trochäen der zweiten Hälfte die gedämpfte Stimmung 
des beschatteten Haines auf das Gemüth, die sich dann durch die zweite 
und dritte Verszeile mit ihrem durchgehends trochäischen Rhythmus fort- 
setzt. Darauf tritt in der vierten Zeile wieder, das erregtere Gefühl 
schildernd, in einer durch die gleichförmige Wiederholung gesteigerten 
Wirkung der Jambus ein, bis endlich in den beiden letzten Zeilen zu- 
nächst die entgegengesetzten Formen des Amphibrachys und Creticus in 
eigenthümlicher Verschling^ung ein Bild widerstreitender Stimmung geben, 
das zuletzt in den beiden Schlussjamben gehaltener ausklingt. Natürlich 
hat der Dichter selbst ein deutliches Bewusstsein dieser rhythmischen 
Wirkungen nicht besessen. Sie sind als unmittelbarer Stimmungsaus- 
druck in die von ihm gewählte Form des sogenannten fiinfiliOigen 



Aesthetische ElementargefÜhle. 1^2 

Jambus übergegangen. Auch versteht es sich von selbst, dass die Betonun- 
gen und Pausen, die diese Taktformen und die Uebergänge zwischen 
ihnen markiren, so fern wie möglich von skandirender Vortragsweise ge- 
dacht werden müssen. Gerade deshalb, weil diese Verhältnisse nur als 
leiseste Nuancen des Vortrags sich andeuten, wird es aber auch möglich, 
dass nun, wie man das z. B. in der vorletzten Zeile erkennt, ein metri- 
sches Gefiige 



den Eindruck entgegengesetzter metrischer Formen, nämlich den des Jam- 
bus und Amphibrachys und den des Trochäus und Creticus, bis zu einem 
gewissen Grade gleichzeitig hervorbringen kann: ersteres wenn man die 
ersten Glieder in der Form 



-u-d-üs- 



letzteres wenn man sie durch eine Verschmelzung unbetonter mit unmittel- 
bar folgenden oder vorangehenden betonten Elementen in der Form 

bindet. 

Als die Gnmdformen der an die specifische Beschaffenheit der rhyth- 
mischen Bewegungen gebundenen Gefühle, die sich auf solche Weise mit 
den verschiedenen Graden des rhythmischen Wohlgefallens vereinen, er- 
geben sich im allgemeinen stets die der Erregung und der Be- 
ruhigung, wobei freilich auch hier diese Ausdrücke eine unabseh- 
bare Fülle concreter Gefühle und Stimmungen in sich schließen, die sich 
durch die Verbindung von Gefühlen beider Richtungen und durch die so 
eintretenden Compensationen und Contraste noch weiter vermehren können. 
Die beiden Hauptfactoren der rhythmischen Wirkung bilden dabei aber 
jedesmal Geschwindigkeit und Richtung der Bewegung. Die schnelle 
und die steigende Rhythmik entspricht den erregten, die langsame und 
die sinkende den ruhigeren Gefiihlsbetonungen. Diese Beziehung von Ge- 
schwindigkeit und Richtung bewirkt es daher nicht selten, dass beide wieder 
von selbst sich associiren. Die Bedingungen, von denen das Gefühl des 
rhythmischen Wohlgefallens abhängt, setzen aber zugleich den erregen- 
den wie den beruhigenden Gefühlen gewisse Schranken, die wiederum 
dazu beitragen, den ästhetischen Elementargefühlen jenen objectiven 
Charakter zu wahren, der sie vor den durch wirkliche Erlebnisse erregten 
Gemüthsbewegungen auszeichnet. Schon durch die Art, wie Geschwindig- 
keit und auf- oder absteigende Richtung der Bewegung mit einander 



ly^ VorstellangsgefUhle und AfFecte. 

combinirt werden, kann dann ferner der Rhythmus von sich aus qualitativ 
verschiedene Formen der Erregung hervorbringen: man denke nur an die 
einfach aufstrebende Erregung des jambischen, an die lebhafter vor- 
drängende des anapästischen, die hin- und herwogende des amphibrachi- 
schen Metrums, und anderseits an den einfach ruhigen Gang des Trochäus, 
den schwerfällig ernsten des Creticus, und endlich an die zwischen den 
Grundformen jambischer und trochäischer Metren in mannigfachen Ab- 
stufungen der Gemüthsbewegung vermittelnden Formen des Daktylus. 
Ihren vollen Gefuhlsinhalt empfangen aber natürlich diese bloß der 
Dauer und dem Wechsel der Gefühle Ausdruck gebenden rhythmischen 
Formen, indem nun weiterhin durch die qualitativen Inhalte der Ein- 
drücke die dem Rhythmus selbst eigenen Gefühle gesteigert oder mit 
andern, die er für sich allein nur unvollkommen hervorbringen kann, wie 
vor allem mit der reichen Scale der dem menschlichen Gemüth eigenen 
Lust- und Unlustgefühle, verbunden werden. So entstehen erst jene com- 
plexen Gemüthszustände, die wir als Ernst und Heiterkeit, Würde und 
Ausgelassenheit, Scherz und Traurigkeit, Schwermuth, Zerrissenheit des 
Gemüths, jubelnde Freude und überwältigenden Schmerz u. s. w. kennen. 
Es ist einerseits der sprachliche Inhalt der rhythmischen Gebilde, der mit 
seinem, unter Umständen noch durch die Klangwirkung der Worte ver- 
stärkten Gefühlston dem Rhythmus diese reiche Nuancirung der Stim- 
mungen zuführt, anderseits die Welt der Klänge als solche mit ihren 
durch Consonanz und Dissonanz vermittelten Wirkungen der Klang- 
harmonie und ihres Gegensatzes samt den Uebergängen zwischen beiden. 
Lässt diese musikalische Gefühlswirkung den Stimmungsinhalt der rhyth- 
mischen Form unbestimmter, so macht sie ihn doch zugleich mannig- 
faltiger, indem sie eben den durch ihre Unbestimmtheit sprachlich 
nicht zu schildernden Gemüthsbewegungen die adäquaten Ausdrucksmittel 
schafft und dadurch eine Quelle neuer, eigenartiger Gefühlswirkungen 
wird. Einen nicht geringen Antheil an diesem Ausdrucksreichthum der 
musikalischen Rhythmik hat dann auch die Freiheit von jenen Schran- 
ken, die dem Rhythmus der sprachlichen Formen durch die physiologi- 
schen Eigenschaften ebenso wie durch den psychischen Inhalt derselben 
gezogen sind. Erst die musikalische Rhythmik vermag es daher, die Ge- 
schwindigkeit und den Wechsel der rhythmischen Bewegungen auf eine 
Höhe zu steigern oder aber auch unter eine Grenze herabzudrücken, die 
beide den Ausdrucksmitteln der Sprache unzugänglich sind, und an die 
nur die des sprachlichen Ausdrucks ermangelnden Gemüthsbewegungen 
selbst heranreichen. 

Damit ist nun auch die Antwort auf die Frage nach den Ursachen 
der elementarästhetischen Wirkung der rhythmischen Formen, soweit sie 



Aesthetische Elementargefühle. lye 

die Spannungs- und Lösungsgefühle und die ihre Wohlgefalligkeitsresul- 
tanten ei^änzenden Componenten betrifft, bereits angedeutet. In allen 
'diesen theils von der absoluten Geschwindigkeit der Eindrücke, theils 
von ihrer wechselnden Betonung und Dauer abhängigen Eigenschaften 
ist die einzelne rhythmische Form ein Abbild des Verlaufs der Ge- 
fühle und seiner mannigfachen Veränderungen. Indem der Rhythmus 
Affecte nach den formalen Eigenschaften ihres Verlaufs darstellt, erzeugt 
er aber dieselben nach dem gleichen Princip der Verbindung der Ge- 
müthszustände mit ihren Ausdrucksformen, nach welchem der mimische 
Ausdruck eines Affects diesen selbst in uns anklingen lässt. Die zeit- 
liche Art des Verlaufs der Gefühle bildet eben einen Bestandtheil des 
Affects selbst, und überall wo ein solcher Verlauf in uns erregt wird, ja 
in einem gewissen Grade selbst da, wo dies ohne jeden dazu passenden 
Inhalt geschieht, tritt associativ der Affect seinem vollen Stimmungs- 
gehalte nach mindestens in irgend welchen Anklängen in unser Be- 
wusstsdn. Verstärkt wird aber diese Wirkung noch wesentlich dadurch, 
dass die gehörte rhythmische Bewegung vermöge desselben Princips der 
Association übereinstimmender Empfindungen und Gefühle, denen der 
Rhythmus seine Affectwirkung verdankt, eigene rhythmische Körperbe- 
wegungen auslöst. Auf diese Weise lässt sich die ästhetische Bedeutung 
des Rhythmus schließlich dahin zusammenfassen, dass er die Affecte 
erzeugt, die er in ihrem Verlaufe schildert, oder, wie wir das 
nämliche auch ausdrücken können, dass er jeweils denjenigen Affect 
hervorbringt, zu dem er selbst nach den psychologischen Ge- 
setzen des Gefühlsverlaufs als ein Bestandtheil gehört. 

h. Associative Factoren ästhetischer Elementargefühle. 
Verschmelzungen directer Factoren. 

Unsere bisherige Betrachtung der ästhetischen Elementargefühle hat 
sich zunächst darauf beschränkt, die in dem unmittelbaren Inhalt relativ 
einfacher und isolirt gegebener Vorstellungen enthaltenen Motive ästhe- 
tischer Wirkungen zu untersuchen. Solchen directen Factoren lassen 
sich nun alle diejenigen, die dem Eindruck in Folge irgend welcher 
Associationsvorgänge zufließen, als associative gegenüberstellen. Indem 
wir diese von G. Th. Fechner* eingeführten Bezeichnungen hier ver- 
wenden, soll übrigens von den sonstigen psychologischen Voraussetzungen, 
die bei Fechner an diese Ausdrücke geknüpft sind, gänzlich abgesehen 
werden. Jene Unterscheidung soll lediglich andeuten, dass es theils 

* G. Th. Fechner, Vorschule der Aesthetik, Bd. i, 1876, S. 86. Die directen fasst 
Fechner gelegentlich auch unter dem Namen der > primären«, die associativen unter dem 
der »secundären« Factoren oder Gesetze zusammen (ebend. S. 47). 



1^6 Vorstellungsgefühle und Affecte. 

Eigenschaften sind, die dem wahrgenommenen Eindruck unmittelbar selbst 
zukommen, theils solche, die ihm erst durch irgend welche psychische 
Verbindungen, in die er in unserm Bewusstsein eintritt, zuwachsen. Der- 
artige Verbindungen werden aber schon in den einfachsten Fällen ästheti- 
scher Wirkung anzunehmen sein, da es überhaupt keine Vorstellungsinhalte 
gibt, die sich dem allgemeinen Zusammenhang der Bewusstseinsvorgänge 
entziehen können. In diesem Sinne verstanden ist demnach die Unterschei- 
dung directer und associativer Factoren beinahe ein selbstverständliches 
und darum thatsächlich längst anerkanntes Erforderniss psychologisch- 
ästhetischer Analyse. Allerdings ist aber der Begriff der Association wohl 
geeignet, jene Unterscheidung in eine falsche Beleuchtung zu rücken; 
und zweifellos ist das bei Fechner selbst schon geschehen, dessen As- 
sociationsprincip schwerlich einen so lebhaften Widerstand* bei den Aesthc- 
tikern gefunden hätte, wäre er wirklich bei jener allgemeinsten Bedeutung 
des Associationsbegriffs stehen geblieben. Indem er aber mit den meisten 
Psychologen den Begriff der Association in dem überlieferten, lediglich 
einer oberflächlichen Beobachtung der Erinnerungsvorgänge entstam- 
menden Sinne nahm, war es begreiflich, dass gerade diejenigen Aesthc- 
tiker, die den in einem tieferen Sinne erfassten associativen Factoren 
einen besonders hohen Werth beimaßen, einer Aesthetik, die auf jenen 
unwirklichen Associationsbegriff der traditionellen Psychologie zugeschnit- 
ten war, am heftigsten widersprachen. In der That lässt jede vorurtheils- 
lose Betrachtung der psychologischen Bedingungen ästhetischer Wirkun- 
gen sofort erkennen, dass diese mit jener schablonenhaften Reproduction 
fertiger Vorstellungen wenig oder gar nichts zu thun haben. W^enn die 
psychologische Analyse nicht überall sonst schon, namentlich bei den 
noch einfacheren Problemen der Vorstellungsbildung, Anlass genug fände, 
das überkommene Associationsschema als ein künstliches Begriffsgebilde 
zu erkennen, das, außer in den Köpfen gewisser Psychologen, eigentlich 
nirgends existirt, so würde daher die Analyse ästhetischer Wirkungen und 
vor allem auch schon die der ästhetischen Elementarwirkungen hieran 
keinen Zweifel lassen. Zweierlei wird nämlich bei dem richtig verstande- 
nen Associationsprincip stets zu beachten sein. Erstens sind bei dem 
ästhetischen Eindruck die associirten Elemente in der Wirklichkeit niemals 
von den directen zu scheiden; dies bleibt immer erst eine nachträgliche 
Aufgabe der auf Grund der objectiv gegebenen Bedingungen auszuführen- 
den psychologischen Analyse. Zweitens ist die Association kein Vorgang, 
bei dem sich einzelne fertig gegebene Vorstellungen neben einander 
stellen oder zeitlich auf einander folgen, ähnlich wie sich eine Anzahl 
Soldaten zu einer Compagnie oder zu einem Zug formirt; sondern sie 
ist hier, wie im Grunde überall, ein Elementarprocess , durch den sich 



Aesthetische Elementargefühle. lyy 

die associirten Elemente mit den directen zu einem unmittelbar gegebe- 
nen einheitlichen Ganzen verbinden. Demnach sind es auch dieselben 
Processe der Verschmelzung und der Assimilation, die uns schon 
bei der Bildung der Sinnesvorstellungen begegnet sind, aus denen sich 
der wesentlichste Theil der ästhetischen Wirkungen zusammensetzt. Einer- 
seits bilden nämlich die Theile des Objects die Grundlagen von Partial- 
gefühlen, die, wie in der objectiven Wahrnehmung die Empfindungen zur 
Vorstellung, so zu einem Totalgefühl verschmelzen. Anderseits erweckt 
der Eindruck reproductive Elemente, die mit den direct gegebenen ein 
Ganzes bilden, in welchem beiderlei Elemente verändernd auf einander 
einwirken. Diese jede Assimilation kennzeichnende Wechselwirkung wird 
aber für den ästhetischen Eindruck vor allem dadurch bedeutsam, dass 
sich hier zugleich die oben (S. iii) berührte Eigenschaft reproductiver 
Inhalte geltend macht, überwiegend mit ihren Gefiihlscomponenten wirk- 
sam zu werden, während die zugehörigen Vorstellungselemente im Hinter- 
grund des Bewusstseins bleiben. Daraus entspringt jener die unmittelbar 
aufzufindenden objectiven Bewusstseinsinhalte oft so weit übersteigende 
Effect ästhetischer Eindrücke. Zugleich aber ergibt sich hieraus, dass im 
allgemeinen, wenn man directe und associative Factoren gegen einander 
abwägt, wahrscheinlich schon bei den ästhetischen Elementargefühlen der 
größere Antheil auf die associative Seite fallen wird, vorausgesetzt nur, 
dass man das Princip der Association in jenem allein berechtigten ele- 
mentaren und zugleich allgemeinen Sinne versteht. 

Unter den beiden oben genannten Formen associativer Processe 
stehen nun die Verschmelzungen directer Factoren den unmittel- 
baren ästhetischen Elementarwirkungen wieder am nächsten. Nur ist 
freilich zu bedenken, dass es eben darum auch eine dieser Verschmel- 
zungen entbehrende ästhetische Wirkung kaum gibt, da die reinen Klang-, 
Farben-, Gestalten- oder Rhythmuswirkungen eigentlich Abstractionen 
sind, denen wir uns selbst bei unseren künstlichen Versuchen höchstens 
annähern können. In der Wirklichkeit sind Klang und Rhythmus, Ge- 
stalt und Farbe — diese in jenem weiteren Sinne verstanden, in dem 
sie auch die Stufen der Helligkeit umfasst, — immer verbunden. Die 
Verschmelzungsprocesse, auf denen die Bildung der einzelnen Sinnes- 
vorstellungen beruht, sind darum selbstverständlich auch die Grundlagen 
der an die Vorstellungen gebundenen Gefühlsverschmelzungen; und da 
es Klangeindrücke ohne zeitliche oder rhythmische Eigenschaften, räum- 
liche Gesichtseindrücke ohne Licht und Farbe nicht gibt, so sind eben 
auch die ästhetischen Wirkungen in diesem Sinne von vornherein min- 
destens doppelseitig, und wir können höchstens, z. B. bei den einfachen 
Taktirversuchen oder umgekehrt bei der Einwirkung isolirter Klänge und 

WuNDT, Grandcfige. HI. 5. Aufl. 1 2 



Ijg Vorstellungsgefühle und AfTecte. 

Zusammenklänge, den einen oder den andern' dieser Factoren so zurück- 
treten lassen, dass er für die resultirende Wirkung wenig in Betracht 
kommt. Zugleich handelt es sich dabei, im Vergleich mit den in den 
früheren Capiteln erörterten Klang-, Raum- und Zeitverschmelzungen, im 
allgemeinen um relativ lose Verschmelzungen, da sie eben Verschmel- 
zungen höherer Stufe sind, deren jede aus intensiven und ejctensiven Ele- 
menten besteht, die variabler verbunden und deshalb wieder leichter in 
ihre Bestandtheile zerlegbar sind. Indem jede dieser ästhetischen Ver- 
schmelzungen aus der Verbindung eines > intensiven« und eines »ex- 
tensiven« Gefühls hervorgeht, spielt nun aber in den so entstehenden 
Totalgefühlen bei dem in eminentem Maße intensiven Sinn, dem Ge- 
hörssinn, das intensive Gefühl, die Klangharmonie, bei dem vorwaltend 
extensiven, dem Gesichtssinn, das extensive, das Gestaltengeflihl, die 
dominirende Rolle. Damit soll nicht gesagt sein, dass dem andern 
Verschmelzungsfactor, dort dem Rhythmus, hier der Farbenharmonie, 
nicht ebenfalls seine Bedeutung zukomme. In Wirklichkeit gehören beide 
Momente, das intensive und das extensive, immer zusammen, wie denn 
auch der componirende Musiker seine Schöpfung harmonisch und rhyth- 
misch zugleich erfindet, und der bildende Künstler seine Gestalten nicht 
ohne die ihnen adäquaten Farben und Helligkeiten vorstellen kann. 

Am unmittelbarsten tritt diese Verschmelzung bei Klang und 
Rhythmus hervor, die darum auch am ehesten als annähernd gleich- 
werthige Factoren der ästhetischen Wirkung erscheinen, obgleich immer- 
hin die relative Freiheit, mit der sich in der Musik je nach Stimmung 
und Auffassung die rhythmische Wiedergabe einer und derselben Com- 
position bewegt, dem Rhythmus mehr eine den Gefuhlston der Klänge 
modificirende , als ihn beherrschende Bedeutung zuweist. Dem entspricht 
es nun auch, dass in der Total Wirkung, die Klang und Rhythmus zu- 
sammen ausüben, dem ersteren der Ausdruck jener Grundstimmungen 
zufällt, die wir als Ernst, Würde, Trauer, Freude, Heiterkeit, Schwermuth, 
Zerrissenheit des Gemüths u. s. w., kurz durch Bezeichnungen charakte- 
risiren, die durchaus der Lust-Unlustdimension der Gefühle zufallen, 
wobei nur diese durch die besonderen Färbungen der Klänge, Zusammen- 
klänge und Klangfolgen in der mannigfaltigsten Weise differenzirt er- 
scheinen. Dem gegenüber bewegen sich die hinzutretenden rhythmischen 
Factoren durchaus innerhalb der erregenden und beruhigenden Ge- 
fühle mit ihren verschiedenen, oben zum Theil gekennzeichneten Nuancen, 
Verbindungen und Contrasten. Nebenbei werden dann noch innerhalb 
dieser beiden Componenten dieSpannungs- und Lösungsgefühle, jedes- 
mal nur in wesentlich anderer Weise, wirksam: bei den Klanggeflihlen im 
gesetzmäßigen Wechsel und in der Wiederholung bestimmter Consonanzen, 



Aesthetische Elementargefühle. lyg 

namentlich aber und besonders bei der Auflösung der Dissonanzen in die 
durch sie vorbereiteten Consonanzen. Hier bewirken die Spannungs- und 
Lösungsgefiihle hauptsächlich eine Steigerung der eigenartigen Natur der 
Klanggefühle selbst in der Hebung durch ihre Gegensätze. Innerhalb des 
Rhythmus dagegen ist diese dritte Gefühlsform ein wichtiges Moment des 
allgemeinen Wohlgefallens an der rhythmischen Form und damit zu- 
gleich ein Hülfsmittel der Ermäßigung der sonstigen Gefühlswirkungen; 
in einzelnen Fällen aber bringt auch sie durch plötzlich eintretende Aen- 
derungen der rhythmischen Bewegung einen die Glieder des Gegensatzes 
verstärkenden Contrast hervor. Nun sind die beiden Factoren, in die 
durch dieses Zusammen von Klang und Rhythmus die ästhetischen Ein- 
wirkungen dieser Art zerfallen, ihrem Inhalte nach, wie wir im nächsten 
Capitel sehen werden, durchaus gleichartig mit den Grundbestandtheilen 
der Affecte. Die musikalischen Klang- und Rhythmusverschmelzungen 
sind daher Abbilder der Affecte in der Form eines durch harmonisch 
und rhythmisch geordnete Gehörseindrücke wiedergegebenen Verlaufs von 
Totalgefühlen, welche die nämlichen Partialgefühle wie die Affecte ent- 
halten. Dabei entsprechen die Klanggefühle hauptsächlich den Lust- 
Unlustrichtungen, die rhythmischen der erregenden oder beruhigenden 
Natur der Affecte und Stimmungen, während außerdem beide in et\vas 
verschiedener Weise die für den Affectverlauf nicht minder wichtigen 
Spannungs- und Lösungsgefuhle enthalten. Durch diese werden abermals 
wieder Contraste und Contrastverstärkungen erzeugt; besonders aber geht 
aus dem von ihnen getragenen Gefühl des Gefallens jene Mäßigung der 
Affecte hervor, die, diesen selbst erst ihren ästhetischen, nicht das Ge- 
müth belastenden oder überwältigenden, sondern entlastenden und ver- 
söhnenden Charakter verleiht. Am klarsten treten diese Eigenschaften 
der musikalischen Verschmelzungen natürlich in den rein musikalischen, 
ausschließlich über Klang und Rhythmus verfügenden Schöpfungen hervor. 
Sie ordnen sich dagegen in den poetischen Formen den Erfordernissen 
des sprachlichen Ausdrucks unter, wo nun der Bedeutungsinhalt der Worte 
mit seinem direct bestimmte Gefühle auslösenden concreten Vorstellungs- 
werth der Träger von Klang und Rhythmus wird. 

Wesentlich anders verhalten sich die Verschmelzungen von Gestalt 
und Farbe. Wohl sind auch hier Farbe und Helligkeit von der Gestalt 
und Gliederung der Objecte nicht zu trennen. Und auch hier ist jeder 
dieser Factoren der optisch -ästhetischen Wirkung gewissermaßen nach 
einer andern Seite der allgemeinen Gefühlsanlagen orientirt. Die Eigen- 
schaften der Gestalt finden, soweit nicht die nachher zu erörternden 
assimilativen Associationen ins Spiel kommen, ihren gefühlsmäßigen Aus- 
druck in erster Linie in jenen unmittelbaren elementaren Gefühlen des 



igo VorstellangsgefUhle und Aifecte. 

Gefallens und Missfallens selbst, die vornehmlich an die Gliederungen der 
Form gebunden sind. Die Farbe aber verleiht, wo sie in ausgeprägter 
Weise zur Gestalt hinzukommt, dieser theils jene Stimmimgen, die- wir 
als Gefiihlstöne der einzelnen Farben kennen lernten; theils erzeugt sie, 
wo eine Mehrheit von Farben auftritt, Gefühle der Farbenharmonie und 
-disharmonie, die das Gefallen an der Gestalt je nach Umständen er- 
höhen, vermindern oder in sein Gegentheil umwandeln können. Doch 
macht sich hier überall zugleich die Association mit den Naturobjecten, 
deren Nachbildungen die gesehenen Gestalten sind, in einem die reinen 
Farbenwirkungen unter Umständen ganz in den Hintergrund drängenden 
Grade geltend; und diese Associationen mit bekannten Objecten bilden 
nun wieder nur einen kleinen Theil jener Assimilationswirkungen, die von 
dem Hereinragen reproductiver Vorstellungs- und Gefiihlselemente her- 
rühren. Sucht man so weit wie möglich solche Assimilationen von 
dem directen Eindruck von Gestalt und Farbe in Abzug zu bringen, so 
bleibt dann im Vergleich mit den Klang- und Rhythmuswirkungen nur 
ein dürftiger Rest zurück, der sich auf ein aus Formverhältnissen und 
Farbenverbindungen resultirendes Gefühl mäßigen Gefallens beschränkt. 
Dieses bildet zusammen mit den sinnlichen Gefühlen, die an den Lauf 
der Begrengungslinien und an die einzelnen Farben gebunden sind, ein 
ästhetisches Totalgefühl, das in seiner Einförmigkeit und in dem ge- 
ringen Umfang seiner Qualitäten selbst mit verhältnissmäßig einfachen 
Klang- und Rhythmuswirkungen kaum vergleichbar ist. Dies Resultat 
entspricht ebenso der unmittelbaren Beobachtung der ästhetischen Ele- 
mentargefuhle, wie der bekannten Unabhängigkeit des musikalischen Er- 
zeugnisses von äußeren Naturbedingungen. Doch ist hierbei nicht zu 
übersehen, dass selbst bei der einfachsten Gestaltenwirkung nun um so 
mehr jene assimilativen Elemente wirksam werden, die eben wegen der 
subjectiveren Eigenschaften der musikalischen Formen bei diesen zurück- 
treten oder mindestens in ganz anderer Weise ihren Einfluss äußern. 

i. Assimilative ästhetische Elementarwirkungen. 

Die assimilativen Factoren der ästhetischen Wirkung sind es vor 
allem, die wegen ihrer Gebundenheit an reproductive Bewusstseinselemente 
bei den zusammengesetzten, höheren ästhetischen Eindrücken natürlich 
in einer unvergleichlich machtvolleren Weise auftreten, als bei einzelnen 
Vorstellungen oder relativ isolirten Vorstcllungsreihen. Dennoch ist es 
gerade deshalb eine Aufgabe der pychologisch- ästhetischen Analyse, 
diese Assimilationen zunächst in den einfachsten Fällen ihres Vorkommens 
zu untersuchen; und diese einfachen Fälle sind eben die der ästhetischen 
Elementargefühle. Insofern nun bei keinem irgendwie ästhetisch wirkenden 



Aesthetische Elementargefühle. i8l 

Eindruck reproductive Elemente fehlen können, hatten wir es oben im 
Grunde überall schon mit bloßen Abstractionen zu thun, die freilich 
einerseits durch die dringende Forderung, die einzelnen Factoren eines 
complexen Gefühls zunächst isolirt zu untersuchen, und anderseits durch 
den Erfolg der experimentellen Isolirung und Variirung der ästhetischen 
Wirkungen selbst gerechtfertigt wurden. Wenn wir z. B. beobachten, 
dass ein aller sonstigen musikalischen Elemente entbehrender Rhythmus 
je nach Geschwindigkeit und Betonungsverhältnissen abweichende Gefühle 
auslöst, oder dass die Teilung einer geometrischen Figur je nach den 
angewandten Maßverhältnissen Wohlgefallen oder Missfallen erweckt, so 
lässt sich mindestens mit Wahrscheinlichkeit annehmen, dass diese ein- 
fachen Formen an sich schon einen gewissen Grad ästhetischer Wirkung 
hervorbringen. Dies um so mehr, da wir doch vermuthen dürfen, dass, 
wenn dort die Musik, .hier die Baukunst ähnliche Gliederungen anwendet, 
beide zunächst durch elementare und rein formale Bedingungen des Ge- 
fallens mitbestimmt worden sind. Immerhin wird durch die nicht abzu- 
leugnende Unmöglichkeit, selbst in solchen einfachen Fällen die assimilativ- 
reproductiven Wirkungen ganz auszuschalten, die Frage, wie etwa dieser 
Factor schon bei den ästhetischen Elementarformen in Rechnung zu ziehen 
sei, eine wichtige psychologische Aufgabe. Da aber die Bedingungen 
hier ebenfalls einfachster Art sein werden, so ist zu erwarten, dass diese 
Erscheinungen am ehesten einen Einblick in die allgemeine Natur der 
ästhetischen Assimilationsvorgänge überhaupt gestatten werden. Insbe- 
sondere darf man annehmen, dass in diesem Falle leichter als bei den 
verwickeiteren ästhetischen Wirkungen durch die willkürliche Variirung 
der associativen Factoren die Art ihres Zusammenwirkens mit den directen 
Elementen des Eindrucks experimentell zu ermitteln sei. 

Auch hier scheiden sich nun, wie bei den Verschmelzungen der di- 
recten Bestandtheile, die Wirkungen je nach den Verbindungen, welche 
die zusammengehörigen intensiven und extensiven Elementargefiihle mit- 
einander eingehen. Bei Klang und Rhythmus scheinen auf den ersten 
Blick die reproductiven Elemente gegenüber den unmittelbaren Verschmel- 
zungen ganz zurückzutreten. Dennoch fehlen sie keineswegs, und sie sind 
es erst, die diesen ihre Macht über das Gemüth verleihen. Indem näm- 
lich die Verschmelzungen objective Nachbildungen von AfTecten sind, 
die in ihren beiden Bestandtheilen, Klang und Rhythmus, die Grund- 
bestandtheile der Affecte selbst, in dem Klang die Richtungen der Ge- 
fühle, in dem Rhythmus deren Verlauf, gleichsam als objectiv gewordene 
subjective Erlebnisse wiedergeben, bringen sie in ihrer sinnlichen Ein- 
wirkung auf das Bewusstsein nicht bloß die entsprechenden Affecte her- 
vor, sondern bei dieser Erzeugung werden nun auch die subjectiven 



l82 Vorstellungsgefilhle und AfFecte. 

Affectanlagen von entscheidendem Einfluss. Diese wirken so 
wiederum auf den Eindruck zurück und modificiren ihn in seiner Er- 
scheinungsweise. Auf diese Weise entwickelt sich eine Hin- und Her- 
bewegung der" Wirkungen, bei der schließlich ebenso sehr der ur- 
sprüngliche Eindruck in seinem Gefiihlscharakter durch die von ihm 
ausgelöste subjective Stimmung verändert wird, wie diese ihrerseits zuerst 
durch jenen Eindruck erzeugt wurde. Dies ist ein Assimilationsvorgai^ 
ganz und gar demjenigen gleichend, der schon jede Sinneswahmehmui^ 
zu einem resultirenden Erzeugniss directer Reize und reproductiver Ele- 
mente macht, wo ebenso der Eindruck die Reproduction bestimmt, wie 
diese wieder den Eindruck verändert, indem sie einzelne Elemente des- 
selben zurückdrängt, andere verstärkt oder ergänzt. Nur bildet hier den 
eigentlichen Inhalt des Assimilationsprocesses der Verlauf der Gefühle. 
In Anbetracht der Bedeutung des für die momentane Stimmung maß- 
gebenden Totalgefühls und der wechselnden Beschaffenheit, die dieses 
selbst bei Eindrücken von übereinstimmendem Empfindungsinhalt je nach 
den dominirenden Partialgefühlen annimmt, kann so ein und derselbe 
musikalische Eindruck nach dauernder oder momentaner Anlage des indi- 
viduellen Bewusstseins überaus verschiedene Stimmungen hervorbringen. 
Darum sind diese assimilativen Wirkungen sehr viel lebhafter und zugleich 
veränderlicher als im Gebiet der objectiven Sinnesw-ahrnehmung. Am 
klarsten zeigt sich dies natürlich bei dem reinen musikalischen Kunstwerk. 
Wo die Sprache hinzukommt, da wird auch den Assimilationen eine be- 
stimmtere Richtung gegeben. Eben weil das rein musikalische Kunstwerk 
schlechthin nichts ist als eine Objectivirung von Affecten, und seinen un- 
vergleichlichen Gefühlswerth dadurch gewinnt, dass es auch solche Stim- 
mungen und Affecte objectivirt, für welche die Sprache keine zureichen- 
den Ausdrucksmittel mehr hat, empfinden wir es störend, wenn die Musik 
durch die ihr zu Gebote stehenden Mittel Wirkungen erreichen will, die 
nicht mehr reine Affectwirkungen sind, sondern einen Vorstellungsinhalt 
bergen, der allein durch die Sprache oder durch die bildende Kunst ad- 
äquat ausgedrückt werden kann. An die Stelle der reinen und unmittel- 
baren Affectwirkung tritt dann besten Falls ein Gefühl intellectueller Be- 
friedigung, falls es gelingt, die Bedeutung der rhythmischen Klangwirkun- 
gen glücklich zu errathen. 

Bei Gestalt und Farbe sind nun diese assimilativen Wirkungen 
gegenüber den primären Verschmelzungen von überwiegender Wirkung. 
Sie sind aber so unmittelbar an die assimilativen Processe der Sinnes- 
wahrnehmung gebunden, dass sie in ihrer ästhetischen Bedeutung leicht 
übersehen werden. Zugleich tritt hier wieder der intensive Bestandtheil 
des Eindrucks, die Farbe, gegenüber der Gestalt in die zweite Linie 



Aesthedsche Elementargefühle. 183 

zurück. Eine irgendwie gegliederte Raumform, der die directen Momente 
ästhetischen Gefallens, Symmetrie und Proportionalität der Theile, eigen 
sind, übt aber, wie sich bei der experimentellen Variation der Bedingun- 
gen deutlich zeigt, immer noch weitere, specifisch gefärbte Gefühlswir- 
kungen aus, die sich zu jenem Symmetrie- uud Proportionalitätsgefiihl 
analog verhalten, wie etwa die specifischen AfTectwirkungen der rhyth- 
mischen Klanggebilde zu den allgemeinen Momenten des Gefallens an 
Consonanz und rhythmischem Wechsel der Eindrücke. Diese beglei- 
tende Wirkung unterscheidet sich von der vorigen nur dadurch, dass 
sie zunächst in das äußere Object selbst projicirt, und daher 
nicht in gleichem Grade, wie bei einem rhythmischen Klanggebilde, 
als eigene Gemüthsbewegung gefühlt wird. Ein aufrecht stehendes 
Rechteck, das auf seiner kleineren Seite ruht, erscheint uns als eine 
nach oben strebende, ein umgekehrt liegendes als eine in die Breite 
strebende Form. Dabei fehlt aber weder der aufrecht stehenden Figur 
diese in die Breite gehende, noch der quer liegenden jene aufwärts stre- 
bende Tendenz ganz. Vielmehr erscheint jede dieser Formen ihrer Ge- 
fühlswirkung nach als ein Product zweier Factoren, die entgegengesetzt 
gerichteten Kräften entsprechen. Von ihnen überwiegt beim stehenden 
Rechteck die aufwärts gerichtete, beim liegenden die in die Breite gehende 
Componente; und je mehr beide mit einander in einem gewissen Gleich- 
gewicht sind, um so mehr erscheint uns auch hier wieder das Ver- 
hältniss als ein wohlgefälliges, im entgegengesetzten Fall als ein miss- 
fälliges. Deutlicher noch als beim Rechteck drängen sich bei einem 
gleichschenkeligen Dreieck mit horizontaler Basis diese entgegengesetzten 
Momente dem Beschauer auf, indem jetzt ebensowohl das Streben in 
die Höhe wie das in die Breite durch die Verjüngung der Figur 
von unten nach oben unterstützt wird. Das Dreieck macht uns daher 
bei einem Verhältniss von Höhe und Basis, bei der das entsprechende 
Rechteck unerträglich wirkt, eben durch jenen Gegensatz des Aufstrebens 
in die Höhe und der Ausdehnung in die Breite noch einen ästhetisch 
wirksamen Eindruck. Der contrastirende Charakter beider Wirkungen 
tritt aber noch mehr hervor, wenn sich eine Gestalt aus verschiedenen 
selbständig begrenzten Theilen von entgegengesetzten Dimensionsverhält- 
nissen zusammensetzt. Bei einer Säule z. B. wird der Eindruck des Auf- 
strebens, den der Schaft hervorbringt, durch das sich horizontal aus- 
dehnende Capitell, und hinwiederum der Eindruck des letzteren und des 
sich anschließenden Gebälkes durch den Contrast zu dem vertical auf- 
steigenden Schaft verstärkt. Conturen, die im Sinne der herrschenden 
Richtung sich häufen, wie die Längscannellirungen des Schaftes und die 
Querringe oder Voluten des Capitells, verstärken noch diesen Gegensatz. 



184 Vorstellungsgefühle und AfFecte. 

Natürlich compliciren sich aber diese Factoren in der mannig^alt^- 
sten Weise bei den Objecten der bildenden Kunst und namentlich der 
Architektur, wo sie dann freilich zugleich, indem weitere assimilative 
Momente hinzutreten, das Gebiet ästhetischer Elementarwirkungen über- 
schreiten. 

Da nun jene elementaren Factoren des Aufstrebens in die Höhe 
und der stützenden Entfaltung in die Breite, ihre Verbindung und ihr 
Gegensatz, sowie das Gleichgewicht, in das sie gebracht sind, von selbst 
auch gewisse Maßverhältnisse mit sich fuhren, deren Verletzung ein 
solches Gleichgewicht stören würde, lässt sich offenbar die Frage auf- 
werfen, ob nicht alle jene Regeln der Gliederung nach proportionalen 
Verhältnissen, die wir oben als directe Factoren ästhetischer Wirkimg 
betrachteten, schließlich aus der nämlichen Quelle ihren Ursprung neh- 
men, so dass directe Factoren überhaupt nicht existiren würden. Gegen 
eine solche Annahme ist jedoch geltend zu machen, dass bei den ein- 
fachsten Gliederungen, z. B. bei den Theilungen einfacher gerader Linien, 
bereits die Reactionen des Gefallens oder Missfallens zu bemerken sind. 
So missfällt uns eine Horizontallinie, wenn sie asymmetrisch getheilt ist 
Oder gerade Linien von irgend welcher Richtung gefallen uns besser, 
wenn sie nach einfachen Proportionen, als wenn sie in einem belieb^ 
irrationalen Verhältniss gegliedert sind. Dass dabei entfernte Associationen 
mit proportional gegliederten Natur- und Kunstformen, ihren Stellungen 
und Gleichgewichtsbedingungen mitwirken könnten, ist freilich nicht aus- 
geschlossen. So bei dem Eindruck schräg gezogener gerader Linien, die, 
als Gegenstände ohne Stütze, in Gefahr erscheinen umzufallen. Bei der 
Bevorzugung horizontaler oder verticaler vor geneigten Linien, falls diese 
isolirt stehen, mag neben diesem statisch- mechanischen Gefühl der ob- 
jectiven Sicherheit überdies die einfachere Augenbewegung, mit der wir 
ein solches Object auffassen, eine mitwirkende Bedeutung besitzen. Im 
ganzen aber wird es, bei aller Anerkennung der großen Schwierigkeit, 
die in 'diesem Fall der Scheidung directer und assimilativer Bedingungen 
im Wege stehen, doch als wahrscheinlich gelten können, dass das Ver- 
hältniss hier schließlich kein anderes ist, als bei dem Rhythmus, insofern 
auch bei einer irgendwie gegliederten Gestalt die Art der Theilung an 
und für sich schon elementare Motive des Gefallens oder Missfallens mit 
sich führt. Zu diesen treten dann allerdings die assimilativen Factoren 
so unmittelbar hinzu, dass jene höchstens in gewissen Grenzfällen isolirt 
anzutreffen sind. Zu dieser engen Verbindung beider Momente trägt 
dann nicht wenig noch eine Bedingung bei, die sich hier ganz ähnlich 
wie bei den rhythmischen Gebilden geltend macht: sie besteht darin, 
dass Gestalten, die direct durch die Art ihrer Gliederung unser Gefallen 



Aesthetische Elementargefühle. ige 

oder Missfallen erregen, durchweg auch assimilative Einflüsse mit sich 
führen, die im gleichen Sinne wirken. So ergibt sich abermals eine 
Beziehung zwischen den unmittelbaren und mittelbaren Wirkungen, die 
schon in diesem elementaren Gebiet dem entspricht, was man bei den 
verwickeiteren Gebilden der Kunst Uebereinstimmung von Form und In- 
halt zu nennen pflegt. Welchen Spielraum man aber auch jenen directen 
Momenten des Eindrucks zugestehen mag, so ist doch nicht zu ver- 
kennen, dass gerade bei der Gestaltenwirkung die indirecten, im wei- 
teren Sinne als associativ zu bezeichnenden überwiegen. Um so mehr 
erhebt sich darum die Frage nach der psychologischen Natur dieser 
Einflüsse. 

Nim kann zunächst kein Zweifel daran obwalten, dass es nicht Vor- 
stellungen, sondern Gefühle sind, die auch hier der ästhetische Eindruck 
schon bei den elementaren ästhetischen Objecten wachruft, oder denen 
er mindestens seine ästhetische Wirkung verdankt. Ob ein Dreieck 
an einen Dachstuhl, oder ob ein aufrecht stehendes Rechteck an einen 
stehenden und ein liegendes an einen liegenden Menschen erinnert, wie 
gelegentlich behauptet wird, mag dahingestellt bleiben, obgleich ich 
bekenne, von solchen Associationen, wenigstens falls sie als wirkliche 
Erinnerungsbilder gemeint sind, wie dies von Seiten der Associations- 
ästhetik zu geschehen pflegt, bei mir selbst nichts bemerken zu können. 
Erinnerungsbilder, deren man sich nicht bewusst ist, das heißt Erinnerungen, 
deren man sich nicht erinnert, sind aber von fragwürdiger Existenz- 
berechtigung, und als ästhetische Factoren dürften sie um so weniger 
verwerthbar sein, als, mag man im übrigen über ihr Vorkommen denken 
wie man wolle, nur das eine gewiss ist, dass sie, wo sie sich irgend ein- 
mal in den Vordergrund drängen, die ästhetische Wirkung nicht verstärken, 
sondern vermindern oder gänzlich aufheben. Wenn ich mich bei dem 
Bild einer Säule an das eines Menschen erinnere, was ja, wenn man 
seiner Phantasie Zwang auferlegt, allenfalls angeht, so empfinde ich das 
nicht als eine Verstärkung, sondern als eine Herabsetzung des ästhetischen 
Eindrucks. Das Missverhältniss zwischen dem gesehenen Object und dem 
wachgerufenen Erinnerungsbild wirkt dann entschieden störend auf den 
Eindruck des ersteren. Wenn ich aber bei dem Bild der Säule an eine 
andere, früher gesehene Säule oder an ein Bauwerk, zu dem sie gehört, 
z. B. an einen griechischen Tempel, denke, so empfinde ich auch das 
eher als Verminderung denn als Hebung des ästhetischen Eindrucks. 
Denn dieser tritt dadurch hinter jenem Erinnerungsbilde zurück, und da 
Erinnerungsbilder, auch wenn ihre Gegenstände bedeutender sind als die 
wahrgenommenen Dinge selbst, doch, falls diese nur als ästhetische 
Objecte wirken, hinter ihnen zurückstehen, so pflegt auch eine solche 



l36 Vorstellungsgefühle und Affecte. 

sonst adäquate Association die ästhetische Wirkung eher zu hindern als 
zu fordern. 

Erwägungen dieser Art sind es gewesen, die schon längst diejenigen 
Aesthetiker, die von den objectiven Bedingungen des ästhetischen Ein- 
drucks auf seine subjectiven Elemente zurückzugehen suchten, vornehm- 
lich aus Anlass der Gestaltenwirkung einem Begriff zuführten, der diese 
Wechselwirkung deutlich, wenn auch psychologisch noch einigermaßen 
unbestimmt, zum Ausdruck brachte: dem Begriff der »Einfühlung«*. 
Wenn dieser Ausdruck unmittelbar eine Art Projection der eigenen Ge- 
fühle des Beschauers in den Gegenstand andeutet, bei der aber nicht 
sowohl Vorstellungen als Gefühle die hinüberwandernden Elemente seien, 
so ist damit sicherlich ein Motiv bezeichnet, das bei keinem ästhetisch 
wirksamen Eindruck fehlt. Freilich ist aber damit über die psychologi- 
sche Natur dieses Motivs oder der unter diesem Ausdruck zusammen- 
gcfassten Summe von Motiven noch kein Aufschluss gewonnen. Was 
hier einer psychologischen Analyse des ästhetischen Eindrucks im Gebiet 
der eigentlichen Aesthetik hindernd im Wege steht, das ist vor allem 
die Menge jener Motive, die man unter dem Wort »Einfühlung« zusam- 
menfasst, und ihre Vermischung mit andern theils wirklich nachzuweisen- 
den, theils zu vermuthenden Bedingungen. Mit Recht hat daher Th. LlPPS 
eindringlich darauf hingewiesen, dass auch hier, genau so wie bei Har- 
monie und Rhythmus, zunächst von einfachen Raumformen ausge- 
gangen werden müsse. Dieser Schritt, obgleich vom Standpunkt psycho- 
logischer Analyse aus eigentlich selbstverständlich, war doch deshalb 
nicht leicht, weil das Vorurtheil überwunden werden musste, solchen ein- 
fachen geometrischen Objecten komme, wenn überhaupt, so doch höch- 
stens eine directe, auf der regelmäßigen Theilung der Figuren beruhende 
ästhetische Wirkung zu, oder, falls jemals indirecte psychologische Facto- 
ren in Frage kommen sollten, so bestünden solche höchstens in jenen 
unbestimmten Associationen mit irgend welchen complicirten ästhetischen 
Objecten, die, wie oben gezeigt wurde, überhaupt fragwürdig, jedenfalls 
aber eher störend als förderlich für den ästhetischen Eindruck sind. In 
Wahrheit findet nun, wie LiPPS an der Analyse einfacher Raumformen 



' Als Arbeiten, in denen sich der Begriff der Einfühlung allmählich herausgebildet 
und dabei freilich zugleich verschiedene Wundlungen durchgemacht hat, seien hier ge- 
nannt: R. ViscHER, Das optische Formgefühl, 1873. Fr. Vischer, Das Symbol, Philos. 
Aufsätze Ed. Zeller gewidmet, 1887, S. 153, bes. S. 186 ff. Das Schöne und die Kunst, 
Vorträge herausgeg. von R. Vischer *, S. 70 ff. Volkelt, Aesthetische Zeitfragen, 1895. 
Zur Psychologie der ästhetischen Beseelung, Zeitschr. f. Philos. u. philos. Kritik, Bd. 1 13, 
S. 161. Die psychologischen Quellen des ästhetischen Eindrucks, ebend. Bd. 117, S. i6x ff. 
TiL LiPPS, Ranmästhetik und geometrisch- optische Täuschungen, 1897. Von der Form 
der ästhetischen Apperception , 1902. Zur Geschichte des Begriffs der Einfühlung vgl. 
P. Stern, Einfühlung und Association in der neueren Aesthetik, 1898. 



Aesthetische Elementargefühle. i3y 

gezeigt hat, schon bei ihnen jener mit dem unbestimmten Ausdruck 
»Einfühlung« bezeichnete Vorgang statt. Sobald uns die Objecte über- 
haupt als raumerfiillende und namentlich als solche entgegentreten, die 
verschiedene Maßverhältnisse nach verschiedenen Richtungen darbieten, 
so beobachtet man nämlich subjective Gefühle und begleitende Empfin- 
dungen, die aber sofort an dem wahrgenommenen Gegenstand objectivirt 
werden. Auf diese Weise entstehen dann jene oben an einigen einfachen 
Beispielen hervorgehobenen Eindrücke des Aufstrebens oder der sichern- 
den Unterstützung, des Gleichgewichts und ähnliche. Um sie wahrzuneh- 
men, brauchen wir keineswegs an wirkliche Kunst- oder Naturobjecte zu 
denken ; vielmehr hindern solche Associatonen, sobald sie sich zu Erinne- 
rungsbildern verdichten, die unmittelbare associative Wirkung. Allerdings 
ist die Nachweisung dieser Gefühle schwieriger und unsicherer, als die 
Ermittelung der direct gefallenden oder missfallenden Gliederungen einer 
Form, von denen sie überdies selbstverständlich nie ganz zu sondern 
sind. Auch bedarf es zu jener Nachweisung einer Ausbildung in der 
subjectiven Gefuhlsanalyse, wie sie bei bloßen Urtheilen über Gefallen 
und Missfallen kaum erforderlich ist. In Folge dessen und in Anbetracht 
der wechselnderen subjectiven Dispositionen sind die Ergebnisse größeren 
Schwankungen unterworfen. Das allgemeine Resultat, dass hier »Ein- 
fuhlungsprocesse« eine wichtige Rolle spielen, die mit den gewöhnlichen 
sogenannten Associations- oder Erinnerungsvorgängen gar nichts zu thun 
haben, dürfte aber unzweifelhaft sein\ Zudem lehren solche Beobach- 
tungen bei zweckmäßiger Variation der Erscheinungen, dass gerade rela- 
tiv einfache Formen die günstigsten Bedingungen für die Nachweisung 
dieser Processe darbieten, weil eben hier jene ungeheure Verwickelung 
der associativen und apperceptiven Motive fehlt, die den ästhetischen 
Eindruck eigentlicher Kunstobjecte modificirt und in diesem Fall die 
Einfühlung selbst zu einem überaus zusammengesetzten Vorgang macht. 
Sucht man nun aber die mannigfachen Gefühle, die, wenn auch nur in 
schwachen Anklängen, unter jenen einfachen Bedingungen zu beobach- 
ten sind, auf ihre Grundformen zurückzuführen, so bemerkt man, dass 
hier mit einer einzigen der früher unterschiedenen Gefiihlsdimensionen, 
wie dies z. B. trotz überaus vielgestaltiger Variationen bei den Formen 



* Ich verweise hier namentlicli auf Lipps' Analyse des Eindrucks der dorischen 
Säule (Raumästhetik , S. 3 ff.), die, obgleich Kunstobject, doch den einfachen Formen 
ästhetischer Raumobjecte noch hinreichend nahe steht, sowie auf die beiden Schhiss- 
capitel seines Werkes (S. 313 ff.). Bei der Analyse mancher, namentlich der zugleich in 
das Gebiet der geometrisch-optischen Täuschungen hereinspielenden Formen hat, wie mir 
scheint, die Hypothese von Lipps, dass diese Täuschungen auf dem ästhetischen Ein- 
druck beruhen , die . eigentliche Aufgabe der ästhetischen Elementaranalyse einigermaßen 
störend beeinflusst. 



l38 Vorstellungsgefühle und AfTecte. 

des Rhythmus der Fall war, nicht auszukommen ist. Vielmehr lassen 
sich die relativ einfachsten Gegensätze, die uns hier entgegentreten, noch 
am ehesten auf die des Strebens und des Widerstrebens zurück- 
führen. Der Schaft der dorischen Säule strebt in die Höhe, das 
Capitell und Gebälk widerstrebt dieser aufrichtenden Kraft und hemmt 
sie. Dadurch wohnt wohl auch dem ersten dieser Momente etwas von 
dem Geftihlston der Erregung, dem zweiten von dem der Ruhe bei; aber 
diese Gefühle scheinen hier nur Componenten zusammengesetzterer Ge- 
fühle zu bilden, indem sie namentlich noch mit Spannungs- und Lösungs- 
gefiihlen verbunden sind, aus welchen Verbindungen dann erst jene Ge- 
fühle der Thätigkeit und der widerstrebenden oder hemmenden Reaction 
als Resultanten hervorgehen. Nun sind dies, wie wir unten (in Cap. XVTI) 
sehen werden, die complexen Gefühle, welche die wesentiichen Bestand- 
theile der Willensvorgänge bilden, während sie bei den Affecten noch 
durch das Vor^\'alten der erregenden und deprimirenden Componenten 
hintangehalten werden und sich nur zeitweise, der nahen Beziehimg ent- 
sprechend, in der Aflfecte und Willensvorgänge stehen, hervordrängen. 
Mit Recht scheint mir daher LiPPS den Einfuhlungsprocess als eine Pro- 
jection der eigenen Willensthätigkeiten des Beschauers in das ästhetisch 
wirksame Object aufzufassen. Das Object wirkt als Willensreiz. Aber 
es bringt keine wirkliche Willenshandlung hervor, sondern nur die 
Strebungen und Hemmungen, die den Verlauf einer solchen bilden, und 
die nun auf das Object selbst übertragen werden, so dass dieses als ein 
nach mannigfachen Richtungen thätiges und himviederum in seiner Thätig- 
keit durch widerstrebende Kräfte gehemmtes erscheint. Indem auf diese 
Weise die Willensgefühle gleichsam in den Gegenstand hinüberwandem, 
beleben sie diesen und entlasten das anschauende Subject selbst von der 
Ausführung der Handlung. Dennoch fehlt es dem so in ein fremdes 
Object übertragenen Willensvorgang nicht an einem Empfindungssubstrat, 
das hier, wie überall, die Gefühle begleitet. Es besteht in Empfindungen, 
die jenem objectiven Streben und Widerstreben adäquat sind, die aber 
nicht zu Willenshandlungen fuhren, sondern an den Wahmehmungsvor- 
gang gebunden bleiben, in den an und für sich schon Spannungs- und 
Bewegungsempfindungen der den räumlichen Sinnesorganen zugeordne- 
ten Muskeln eingehen. Dadurch wird der Vorgang der ästhetischen Be- 
trachtung kein von dem gewöhnlichen Wahrnehmungsvorgang specifisch 
verschiedener, sondern er empfängt nur seine eigenartige Färbung, in- 
dem die ihn begleitenden subjectiven Bewegungsempfindungen und Ge- 
fühle mit den Elementen der Willensvorgängc übereinstimmen. Darum 
darf man nun aber auch annehmen, dass die besonderen Bedingungen, 
denen der Gesichtssinn als der specifischc Sinn der Gcstaltenwahrnehmung 



Aesthetische Elementargefüble. ign 

unterworfen ist, auf die ästhetische so wenig wie auf die raumbildende 
Function des Sinnes ohne Einfluss sein werden. Doch kann hier die 
Wirkimg naturgemäß nur von der Wahrnehmung zur ästhetischen Be- 
trachtung, nicht umgekehrt von dieser zu jener gerichtet sein. Wir fassen 
zimächst die Gegenstände in ihren objectiven räumlichen Eigenschaften 
auf, und durch diese können dann erst jene specifischen Assimilationen 
wachgerufen werden, welche die ästhetische Belebung des Objects erzeugen. 
Wir erfassen nicht zuerst das Object als ein durch unsere eigenen Willens- 
gefühle belebtes, um dann erst seine räumlichen Eigenschaften wahrzu- 
nehmen, sondern diese sind es, die jedesmal erst die Art jener >Einfuh- 
lungc bestimmen. Dabei ist allerdings zuzugeben, dass Wahrnehmung 
und ästhetische Anschauung sich in der Wirklichkeit in einem für unsere 
psychologische Beobachtung untheilbaren Acte vollziehen. Aber diese 
Gleichzeitigkeit des Geschehens gebietet doch, Ursache und Wirkung in 
dem gleichzeitig Gegebenen auseinanderzuhalten, und die Stellung der 
Ursache werden wir hier immer demjenigen Factor zutheilen müssen, 
dessen Verschwinden auch den andern Factor beseitigen würde, während 
das Umgekehrte nicht zutrifft. Nun ist eine räumliche Wahrnehmung 
ohne ästhetische Auffassung denkbar, nicht umgekehrt. Wie die Schwe- 
bimgen dissonanter Klänge mit den Klängen selbst gleichzeitig sind, aber 
doch als Wirkungen und nicht als Ursachen ihres Zusammenwirkens auf- 
gefasst werden müssen, im gleichen Sinne ist daher die räumliche Wahr- 
nehmimg mit allen ihr anhaftenden objectiven und subjectiven Factoren 
die Bedingung der ästhetischen Anschauung, nicht ihre Folge. Dies gibt 
auch jenen »geometrisch-optischen Täuschungen«, die wir als normale 
Bestandtheile der Gesichtswahrnehmungen und zugleich als unmittelbare 
Resultanten der an dem Wahrnehmungsprocess selbst betheiligten Empfin- 
dungen kennen lernten, ihre Stellung zu den ästhetischen Inhalten der 
Wahrnehmung. Dass diese optischen Täuschungen unmittelbare Wir- 
kungen des an dem Wahrnehmung^vorgang betheiligten Bewegungs- 
mechanismus des Auges seien, ließ sich für jede der Grundformen 
solcher Täuschungen experimentell überzeugend nachweisen. Damit sind 
sie zu gewissen allgemeinen Bedingungen des Sehens in Beziehung ge- 
bracht, denen sich der Bewegungsapparat bei seiner Entwicklung ange- 
passt hat* ; und alle diese Bedingungen sind für die Functionen der Wahr- 
nehmung als solche sehr wichtig, mit der ästhetischen Betrachtung haben 
sie jedoch an und für sich nichts zu thun. Wohl aber müssen diese 
nothwendigen Factoren der Wahrnehmung nun ihrerseits auf die ästhe- 
tische Betrachtimg einen Einfluss gewinnen. So wird in der That z. B. 



* Vgl. Bd. 2, S. 544 ff. 



IQO Vorstellungsgefühle und Affecte. 

jenes Gefühl aufwärts strebender Thätigkeit, dessen Träger eine vertical 
ansteigende Form ist, dadurch verstärkt werden, dass die Spannung des 
bewegten Auges in dieser Richtung intensiver empfunden wird, so dass 
auch das Thätigkeitsgefühl energischer ist. Oder die pseudoskopische 
Täuschung, die in der in Fig. 260 (Bd. 2, S. 552) gezeichneten Strahlen- 
figur hervortritt, hebt zugleich den ästhetischen Eindruck des Andringens 
gegen den Beschauer und der Hemmung dieser dem Object geliehenen 
Bewegung durch die Brennpunkte A und B der beiden Strahlenbüschcl. 
Doch in allen diesen Fällen ist eben die ästhetische Wirkung an die 
Wahrnehmung, nicht diese an jene gebunden. Höchstens kann, wie das 
ja in dem Spiel von Wirkung und Gegenwirkung begründet ist, an dem 
es auch auf psychischem Gebiete nicht fehlt, der unmittelbare Eindruck 
der Wahrnehmung durch die sich an ihn anschließende ästhetische Be- 
lebung des Gegenstandes gesteigert werden. 

Zusammenfassend werden wir demnach als das Empfindungssubstrat, 
das die Gefühle des Strebens, der Hemmung und des Gleichgewichts 
zwischen diesen einander entgegenwirkenden Kräften trägt, jene Span- 
nungsempfindungcn des Auges und der inneren Tastorgane ansehen dür- 
fen, die, indem sie als wichtige Factoren in die Gesichtswahrnehmui^ 
selbst eingehen, unvermeidlich auch als ästhetische Factoren wirksam 
werden. Und auch hier stellt sich dann eine innere Uebereinstimmung 
dieser psychischen Thatbestände unter einander heraus, da im gleichen 
Sinne, in dem bestimmte sinnliche Bedingungen die allgemeinen Gesetze 
der Wahrnehmung modificiren, sie auch auf die ästhetische Anschauung 
in einer den natürlichen Eigenschaften der Objecte entsprechenden Weise 
einwirken. Indem die Spannungsempfindungen unmittelbar bei der Auf- 
fassung der Raumgrößen wirksam sind, bilden sie, gewissermaßen als 
angedeutete Willenshandlungen des Beschauers, die Substrate der Gestalt- 
gefuhle, und diese folgen nur demselben Zug der unmittelbaren Objecti- 
virung der Empfindungen, wenn sie nun aus dem Subjecte selbst in den 
Gegenstand hinauswandern und diesen, auch wenn er eine unorganische 
und unbelebte Form oder sogar nur eine einfache geometrische Figur 
ist, doch insofern beleben, als eben die in ihn hinübergetragenen Ge- 
fühle Eigenschaften sind, die nur lebenden, empfindenden und fühlenden 
Wesen zukommen. Wenn man in solchen Fällen von einer >Symboli- 
sirung« des eigenen Seins oder Thuns im ästhetischen Object redet, oder 
wenn man endlich in jener Belebung eine That der ästhetischen »Phan- 
tasie« erblickt, so deuten diese Ausdrücke ungefähr das nämliche an, 
was unmittelbarer auch der Begriff der »Einfühlung« enthält. Aber alle 
diese Ausdrücke geben keinen zureichenden Aufschluss über den wirk- 
lichen psychologischen Thatbestand, und sie verändern oder verdunkeln 



Acsthetische Elementargefühle. 



lyi 



denselben, indem sie nachträgliche intellectuelle Envägfungcn an die Stelle 
des ps>''chischen Geschehens selbst treten lassen ^ oder indem sie dieses 
unbestimmten Allgemeinbegriffen subsumircnj die auf alle möglichen an- 
dern V*orgänge ebenso gut angewandt werden könnten, wie auf die ästhe- 
tische Anschauung* Aus eben solchen intellectuellcn Erwägungen, die 
die eigentlichen Componenten des ästhetischen Vorgangs ganz zur Seite 
liegen lassen, sind die Begriffe des »ästhetischen Scheins«, des »interesse- 
losen Wohlgefallens t, der »ästhetischen Contemplatton*, der »bewussten« 
oder >unbewüssten Selbsttäuschung« und ähnliche hervorgegangen. Wie 
diese, so ist die »ästhetische« oder »belebende Phantasie« ein psycholo- 
gisch unzulänglicher Ausdruck. Denn die Phantasie überhaupt ist ein Ver- 
mögensbegriff, der weder etwas erklärt, noch verdeutlicht. Psychologisch 
wollen wir vor allem wissen, wie sich die seelischen Vorgänge selbst bei 
den verschiedenen Formen der ästhetischen Wirkung vollziehen, und wie 
sie mit den uns sonst geläufigen Vorgängen der Sinneswahmehmung und 
der Gefühlswirkung zusammenhängen. Diesem Zweck kommt, so weit es 
sich um die Mitw'irkung associativer Processe handelt, offenbar der Aus- 
druck »Einfühlung« deshalb am nächsten, weil er einerseits mit riGhtigem 
Blick die Gefühle als die Grundmotive dieses psychischen Geschehens er- 
kennt, und wei! er anderseits die zutreffende Beobachtung enthält, dass 
die Gefühle in diesem P^all \^on dem wahrnehmenden Subject in die Ob- 
ecte selber verlegt werden. Doch um das Wie dieses Vorgangs näher zu 
bestimmen, dazu muss er zu den ihm analogen sonstigen Seelenprocessen 
in Beziehung gesetzt und so weit wie möglich in seine Factoren zerlegt 
werden. Unter dem ersten dieser Gesichtspunkte stellt sich nun die 
»Einfühlung« offenkundig als ein elementarer Assimtlationsvorgang dar, 
^^wie er bei jeder Sinneswahrnehmung stattfindet und das entstehende Fro- 
^Bduct überall zu einem aus directen und reproductiven Elementen bestehen- 
^Vden complexen Erzeugniss macht. Eben darum, well jede Vorstellungs- 
^■bildung auf einer solchen Assimilation beruht, ist auch die ästhetische 
I Wirkimg unmittelbar mit der W'ahrnehmung selbst gegeben, nicht erst 
I ein nachträglich ihr angehängtes Gefühlscomplement oder gar ein durch 
Erinneningsassoclationen oder intellectuclle Ueberlegungen entstandenes 
selbständiges Gebilde. Wie alle Assimilationen, so ist ferner auch diese 
Vorgang elementarer Wechselwirkung. Die Elemente des äußeren 
indrucks lösen ihnen entsprechende reproductive Elemente aus^ und diese 
irken wieder, soweit sie den directen Eindrücken gleichen, verstärkend, 
weit sie von ihnen verschieden sind, verändernd und verdrängend auf 
Sic ein\ Von den gew^ohnlichen Wahrnehmungsassimilationen scheiden 







Man vergleiche hierzu die Ausführungen Über die assimilativen Processe bei den 



IQ2 Vorstellungsgefühle und Affecte. 

sich die ästhetischen nur dadurch, dass ihre wesentlichen Elemente bei 
der Gestaltenwahmehmung jene Gefühle der Thätigkeit, ihrer Hemmung, 
ihres Contrastes und des Gleichgewichts beider sind, die wir oben wegen 
ihrer sonstigen subjectiven Verwandtschaften als »Willensgefiihle« zu- 
sammenfassten. Indem sie zu einem Totalgefiihl verschmelzen, erscheint 
das Object selbst, das sie anregt, als strebend, wollend, also in diesem 
Sinne als belebt, — freilich nicht als belebt in jener intellectuellen Be- 
deutung, in der wir etwa einem lebenden Wesen, das \^ir sehen, oder 
seinem wohlgetroffenen Bilde Leben zuschreiben, sondern in der rein ge- 
fühlsmäßigen Bedeutung, in der wir lediglich die Willensgefiihle, damit aber 
keineswegs auch die sonstigen, vorstellungsmäßigen Attribute des Lebens 
in dem Gegenstand objectiviren. Diese Gefühlselemente werden immittel- 
bar in das Object selbst verlegt, gerade so wie die Empfindungselemente 
in die Vorstellung, und beides geschieht in einem durchaus untheilbaren 
Acte. Ebenso wirkt nun aber das auf solche Weise mit den subjectiven 
Gefühlen ausgestattete Object wieder auf das Subject zurück und regt in 
diesem noch einmal dieselben Gefühle an, so dass sich das Totalgefuhl, in 
das alle diese Elemente zusammenströmen, in solchem Hin und Her der 
assimilativen Wechselwirkungen fortwährend verstärkt. Will man dies 
eine >ästhetische Illusion« nennen, so ist es in Wahrheit keine andere Il- 
lusion als die, die wir bei jeder Sinneswahrnehmung erleben, nur dass sie 
zu ihren Hauptbestandtheilen die Gefühlselemcnte des Eindrucks hat und 
so durch die Eigenschaft der Gefühle, sich zu intensiven Totalgefühlen zu 
verbinden, und durch den bei ihnen freier sich bewegenden Strom assi- 
milativer Wechselwirkungen von dem Subject zu dem Object und von 
diesem zu jenem zurück in höherem Grade die Fähigkeit der Steigerung 
und der Ausbreitung auf das gcsammte psychische Leben in sich trägt. 
Dazu kommen dann noch als rcgulirende Momente jene Bedingungen der 
Gliederung der Gestalten nach fest gebundener oder, je nach dem Mitdn- 
fluss der Naturbedingungen, nach freierer Symmetrie und Proportionalität, 
die als allgemeine Motive des ästhetischen Gefallens auch hier dem Strom 
der Gefühle einerseits gewisse Schranken auferlegen, anderseits als Fac- 
toren in die Gesammtwirkung eingehen. 

Aus allem dem erkennt man, dass in ihren wesentlichsten Zügen die 
assimilativen Gefühlsprocessc bei der Gestaltenwirkung denen bei Klang 
und Rhythmus durchaus analog sind. Nur die als Hauptbestandthcile in 
die Assimilationen eingehenden Gefühle sind vermöge der Beziehung der 
rhythmischen Klanggebilde zum Affect, der Gcstaltcnwirkung zur Willens- 

Ge>;ichtswahrnehmungen , Bd. 2 , S. 639. Die allgemeine Erörterung der Assimilationen 
folgt nnten Cap. XIX, 2. 



Aesthetische ElementargefUhle. igi 

thätigkeit zum Theil andere. Außerdem ist bei den ersteren in Folge 
des subjectiveren Charakters der Klanggebilde der von außen nach innen 
gerichtete Theil der assimilativen Wechselwirkungen der vorwaltende, 
daher wir hier viel immittelbarer der durch den Eindruck erregten Ge- 
fühle als selbsterlebter inne werden. Bei der Gestaltenwirkung ist da- 
gegen der assimilative Process weit mehr von innen nach außen gerichtet, 
indem unmittelbar mit den Empfindungen auch ihre Gefiihlsbetonungen 
objectivirt werden. Darum kann einerseits das gesehene Object viel leichter 
der ästhetischen Wirkung ganz entbehren, weil es hier schon einer er- 
höhten Gefiihlsreizbarkeit bedarf, um die Wirkung auszulösen. Anderseits 
aber wird diese, wo sie eintritt, weit unmittelbarer in den Gegenstand 
selbst verl^. Die üblichen Ausdrücke für den Eindruck musikalischer 
und architektonischer Kunstwerke weisen schon deutlich auf diesen Unter- 
schied hin: dort reden wir etwa von erschütternden, freudig erregenden, 
herabstimmenden, sehnsuchtsvollen Melodien; hiervon niedlichen, schönen, 
erhabenen, gewaltigen Formen, Ausdrücke, bei denen im ersten Fall 
überall die Gemüthsstimmung, im zweiten das Object selbst in den Vorder- 
g^rund tritt. Auch das hängt in gewisser Weise mit den verschiedenen 
Seiten des Gemüthslebens zusammen, denen diese ästhetischen Wirkungen 
zugewandt sind. Der Aflfect ist ein innerliches Erlebniss; der Willens- 
vorgang strebt sich zu objectiviren, in äußere Handlungen überzugehen. 
Diese Unterschiede, die mit den eigenthümlichen Richtungen der ver- 
schiedenen Kunstgattungen auf das engste zusammenhängen, ändern aber 
nichts an der schließlichen Gleichartigkeit der elementaren Processe. 

Bilden auf diese Weise die Verschmelzungen der directfen Factoren 
ästhetischer Eindrücke auf der einen, die assimilativen Wechselwirkungen 
acwischen dem wahrnehmenden Subject und dem objectiven Eindruck 
auf der andern Seite überall die wesentlichen Momente der ästheti- 
schen Gemüthserregung, so kommen dagegen, wie schon eingangs her- 
voigehoben, eigentliche Erinnerungsassociationen, d. h. solche Verbin- 
dungen, bei denen sich von dem Eindruck ein durch ihn reproducirtes 
Erinnerui^sbild relativ selbständig sondert, bei der ästhetischen Wirkung 
überhaupt nicht in Betracht*. Wo sie etwa einmal zu beobachten sind, 
da pflegen sie störend zu wirken. Auch dies macht aber die Analyse 
der assimilativen Factoren des ästhetischen Eindrucks leicht verständlich. 
Denn eben in dem Augenblick, wo die simultane in die successive 
Assimilation übergeht, da muss nun bei den Beziehungen, in denen 
diese verschiedenen Vorgänge zu einander stehen, der die ästhetische 



* Uebcr die verscliiedenen Associationsformen und specieU über das Verbältniss der 
Erinnemngs- oder snccessiven Associationen zu den Verschmelzungen und Assimilationen 
vgl. übrigens unten Cap. XDC. 

Wurarr, Grundifige. IIL 5. Aufl. 13 



ig4 Vorstellungsgerühle und Affecte. 

Wirkung hauptsächlich vermittelnde Assimilationsprocess nothwendig ge- 
hemmt werden, da, wie wir unten (in Cap. XIX) sehen werden, eine 
successive Association regelmäßig dann entsteht, wenn die Assimilation 
der reproductiven Elemente irgend welche Hindemisse in den Eigen- 
schaften der Vorstellungen oder den allgemeinen Dispositionen des Be- 
wusstseins findet. Darum stört nun auch wiederum umgekehrt jede suc- 
cessive Erinnerungsassociation die Assimilation, die neben ihr keinen 
zureichenden Raum findet, und mit ihr den ästhetischen Eindruck selbst 
Dies gilt nicht bloß von den einfachen Raumobjecten, in die überhaupt 
nur eine gekünstelte reflectirende Interpretation Erinnerungen an com- 
plicirte Gegenstände verlegen kann, sondern auch von den eigentlichen 
Objecten der Kunst. Um vom Anblick eines gothischen Domes ästhe- 
tisch erregt zu werden, brauche ich weder an den katholischen Cultus, 
noch an die christliche Gottesidee überhaupt zu denken, ebenso wenig 
wie bei der Sixtinischen Madonna an den Mariencultus oder auch nur 
an die Mutter Gottes. Vielmehr, je klarer solche Erinnerungen in mir 
aufsteigen, um so mehr tritt hinter ihnen die ästhetische Wirkung zurück. 
Damit soll natürlich nicht ges^ sein, dass die Gefiihlselemente, die 
mit solchen Vorstellungen zusammenhängen, bei dem ästhetischen Ein- 
druck keine Rolle spielten. In Wahrheit sind sie es und andere in 
dem religiös gestimmten Bewusstsein anklingende Elemente, die erst 
die höheren Formen der ästhetischen Wirkung in diesen Fällen möglich 
machen. Aber auch das geschieht nicht dadurch, dass diese Motive als 
selbständige Erinnerungsbilder dem Eindruck gegenübertreten, sondern 
wiederum nur, indem die Elemente derselben in die sich vollziehenden 
Assimilationen als unlösbare Bestandtheile eingehen. 

Eher treten in der Form einer bis zu einem gewissen Grade abtrenn- 
baren, wenngleich immer noch simultanen Association die farbigen 
Eigenschaften der Gestalten hervor, sobald diese wirkliche Naturobjecte 
nachbilden. Der Eindruck einer gemalten Orange ist uns um so wohl- 
gefälliger, je sicherer der Maler die Farbe und die tastbaren Eigenschaften 
ihrer Oberfläche wiedergegeben hat; und die W^irkung eines monumen- 
talen Architekturwerkes wird gestört, wenn das Material des Steines durch 
einen Holzanstrich oder überhaupt durch schreiende Färbung und Ver- 
goldung verändert wird. Auch in diesen Fällen bleibt eben der Ein- 
druck ein simultanes Product der elementaren Associationen; nur dass 
die Eigenschaften der Farbe denen der Gestalt mehr äußerlich anhaften 
und daher unmittelbarer als fördernde oder hemmende Bestandtheile auf- 
gefasst werden. Bei der Nachbildung der Naturobjecte machen sich über- 
dies die mannigfaltigeren Verbindungen mit den verschiedenen Sinnes- 
empfindungen geltend, aus denen sich der Eindruck des wirklichen 



Aestbetische Elementargefühle. 



195 



Naturgegenstandes zusammensetzt, und die zum Theil schon in jenes Ge- 
biet des »Naturschönen« hinüberreichen, bei dem neben den allgemeinen 
Bedingungen ästhetischer Wirkung zugleich die Uebereinstimmung des 
Gesichtsbildes mit dem wirklichen Object zu einem assimilativen Factor 
des Wohlgefallens wird. 

k. Theorie der ästhetiscli« n Eleraentarg^efCihle. 

Die groOe, bisher w^ohl immer noch allzu wenig gewürdigte Bedeutung 
der psychologischen Analyse der ästhetischen Elementargefühle für die 
I Aesthetik Hegt auf der Hand. Diese Bedeutung ist naturgemäß keine ab- 
I schließende, sondern vornehmlich eine wegweisende, aber als solche von 
unschätzbarem W^erthe. Indem in den elementaren Fällen cisthe tischer 
Wirkung diese von einer Fülle zusammenwirkender Haupt- und Neben- 
bedingungen befreit wird, ist zwar der eigene ästhetische Werth der unter- 
suchten Objecte nur ein geringer; aber ihr analytischer Werth ist ein um 
so größerer, weil sie die Grundlagen der ästhetischen Wirkung in einer 
verhältnissmäOig reinen und der experimentellen Variirung der Umstände 
leicht zugänglichen Form bieten. Wer die nächste Aufgabe der Aesthetik 
nicht darin erblickt, irgend welche andenvärts gewonnene metaphysische 
Ideen an ihr zu exemplificiren, sondern nachzuweisen, wie die ästhetische 
Wirkung überhaupt zu stände kommt, der wird daher auch als Aesthetiker 
nicht umhin können, von den ästhetischen FJementarwirkungen auszugehen. 
Eine wesentlich andere, aber nicht minder wichtige Bedeutung haben 
jedoch diese für die Psychologie. Sie besitzt in ihnen typische Bei- 
spiele zusammengesetzter Gefühle, deren Werth ebenso m der Klar- 
heit ihres Aufbaues wie in der ausgeprägten Qualität der Gefühle selbst 
besteht, wozu wiederum die relative Leichtigkeit ihrer experimentellen 
Analyse durch Variation der Bedingungen hinzukommt. 

tEs ist hauptsächlich der letztere, der psychologische Gesichtspunkt, 
nter dem wir uns hier mit diesen Gefühlen beschäftigen. Nach ihm sind 
her, wie sich aus den obigen Betrachtungen ergibt, die ästhetischen 
ülementargefiihle überall, wo sie vermöge der auf sie angewandten Frin- 
ipien psychologischer Analyse und Abstraction nicht bloß in einzelnen 
ihrer Factoren, sondern in ihrem thatsächlichen Vorkommen im mensch- 
lichen Bewusstsein betrachtet werden, bereits sehr zusammengesetzte 
iebilde, die, so weit sie auch im einzelnen variiren mögen, doch insofern 
ämmtlich nach einem Princip aufgebaut sind, als sie sich in ein Ver- 
leb melzungs- und in ein Assimilationsproduct zerlegen lassen. Beide 
id dann wieder so fest mit einander verbunden, dass sie in der Wirklichkeit 
iie völlig zu sondern sind. Denn jene Wechselwirkung reproductiver 
nd directer Elemente, wie sie schon jede Sinneswahrnehmung begleitet, 

'3* 



Iq6 VorstellungsgefÜhle und Affecte. 

fehlt auch hier niemals; nur dass wegen der subjectiven Richtung der 
Gefühle die Scheidung beider selbst für die nachträgliche psychologische 
Analyse viel schwieriger ist, weil uns die Hülfsmittel, die bei der Sinnes- 
wahrnehmung die Vergleichung der äußeren Objecte mit ihrer subjectiven 
Erzeugung in der Vorstellung darbietet, hier durchaus nicht in ähnlichem 
Umfang zu Gebote stehen. Auf der andern Seite sind aber in diesem 
Fall die Factoren der stattfindenden Gefiihlsverschmelzungen relativ leichter 
einer gewissen Isolirung zugänglich, indem wir uns der relativen Aus- 
schaltung bedienen, z. B. der Klangwirkung beim Rhythmus, der Farben- 
wirkung bei der Gestalt u. s. w., während bei den Processen der Vor- 
stellungsbildung eine solche Isolirung meist schwieriger ist. 

Nun wird der specifische Charakter eines ästhetischen Elementar- 
gefiihls stets in erster Linie durch die Gefühlsverschmelzungen be- 
stimmt, aus denen es hervorgeht, da die Assimilationsvo]^[änge ihrerseits 
wieder von den Verschmelzungen abhängen. Bei den Klang-Rhythmus- 
gefiihlen ist es aber der intensive Bestandtheil der Verschmelzung, der 
Klang, bei den Gestalt-Farbegefiihlen der extensive, die Gestalt, der 
dem Product hauptsächlich seine Gefuhlsbetonung verleiht, die dann von 
den ergänzenden Elementen gehoben, modificirt oder auch gestört, jedoch 
niemals in ein von dem dominirenden wesentiich abweichendes Gefühl um 
gewandelt werden kann. Unter diesem Gesichtspunkt lässt sich daher 
auch, wenn man diese Unterschiede in je ein Wort zusammenfassen will, 
die Wirkung im ersten Fall eine »intensive«, im zweiten eine »extensive« 
nennen, womit nicht nur die abweichende Beschaffenheit der dominiren- 
den Elemente, sondern bereits die Beziehung der Gefühle der ersten Art 
zu dem innerlich bleibenden Affect, die der zweiten zu dem nach 
außen strebenden Willen angedeutet liegt. Hier greifen nun aber auch 
sofort die assimilativen Eigenschaften der beiden Verschmelzungsproducte 
entscheidend ein. Wie im ersten Fall die intensive Seite des Gefühls- 
lebens in dem directen Verschmelzungsproduct selbst die überwiegende 
ist, so in der assimilativen Wirkung die nach innen gerichtete Wirkung 
der Assimilationen. Das Gemüth folgt in seinen eigenen Stimmungren 
und ihren Schwankungen unmittelbar selbst dem durch das rhj^hmische 
Klanggebilde geschilderten Verlauf von Affecten; und in geringerem Maße 
überträgt es diese Wirkung wieder nach außen und steigert dadurch das 
ästhetische Gebilde selbst in seinem Einfluss auf den Affectverlauf, Ganz 
im Gegensatze dazu erscheint im zweiten Fall der objective Eindruck, 
die Gestalt selbst, unmittelbar als der Träger der durch ihn im Bewusst- 
sein angeregten Stimmungen und Strebungen; und erst secundär, wenn 
sie eine gewisse Höhe erreicht haben, werden diese nun zugleich als 
eigene innere Erlebnisse aufgefasst, wodurch sich dann freilich auch 



Aesthetische Elementargefühle. iny 

sofort, indem jetzt die Bewegung abermals in umgekehrter Richtung vom 
Bewusstsein in den Gegenstand überströmt, abermals die Gefühlswirkung 
steigert, — ein Vorgang, der bei den höheren künstlerischen Formen der 
Gestaltenwirkung immer mächtiger anwächst, und mit dem sich hier zu- 
gleich die von den höheren intellectuellen Anlagen des Bewusstseins aus- 
gehenden Assimilationen verbinden. 

Diese Gegensätze vorwaltender Assimilationsrichtung kehren sich nun 
aber in charakteristischer Weise um, wenn das ästhetische Object nicht 
als ein gegebener Eindruck oder als eine Reihe solcher Eindrücke auf 
das Bewusstsein wirkt, sondern wenn dieses selbst erst jenes Object er- 
zeugt, wenn wir also, um in der Sprache der Höheren Kunstformen zu 
reden, vom Standpunkt des ästhetisch Empfangenden auf den des ästhetisch 
Schaffenden hinübertreten. Dann ist in den aus Klang und Rhythmus 
sich aufbauenden Gebilden die Wirkung zunächst ganz von innen nach 
außen gerichtet. Die Künste, die aus der Steigerung solcher Elementar- 
wirkungen hervorgehen, Musik, Gesang, Poesie, sind ausdrückende 
Künste. Der Schaffende lässt seine Stimmungen und Affecte in Klängen, 
Rhythmen und Worten ausströmen; dann erst, wenn diese ihm selbst 
objectiv geworden sind, wirken sie wieder auf ihn zurück und steigern 
die productive Affectstimmung. Wo dagegen die Gestalt die Grundlage 
der ästhetischen Wirkung bildet, da ist der Schöpfer einer solchen nicht 
bloß an das Material gebunden, das ihm die Natur entgegenbringt, sondern 
sein eigenes Bewusstsein kann nicht anders als Formen nachbilden, die 
ihm sei es unmittelbar sei es in einzelnen ihrer Theile in der Außenwelt 
entgegengetreten sind. Hier wird daher der Künstler durch vorgestellte 
Objecte in seinem Gemüth erregt: das von ihm erzeugte Gebilde ist, auch 
wenn es eine völlige Neuschöpfung sein sollte, nicht unmittelbar ein Aus- 
strömen subjectiver Gefühle, sondern die Nachbildung eines Objectes, in 
welchem er, während er es schafft, seine eigenen Stimmungen und Ge- 
fühle unmittelbar objectivirt. So wird er sich ihrer erst in der Rück- 
wirkung deutlich bewusst, die das erzeugte Gebilde oder, genauer ge- 
sprochen, die vorausgehende Vorstellung, der es nachgebildet ist, auf ihn 
ausübt. Darum hat die Bezeichnung bildende Künste auch psychologisch 
ihre gute Bedeutung. Diese Künste drücken nicht unmittelbar subjective 
Stimmungen aus, sondern sie bilden Gegenstände, die zu objectiven Ur- 
sachen der an sie assimilativ sich anschließenden Gefühle werden. In 
beiden Fällen ist das entgegengesetzte Verhalten des Aufnehmenden und 
des Schaffenden in dem psychologischen Wechselverhältniss beider be- 
gründet Wo dieser seine eigenen Stimmungen unmittelbar in dem ge- 
schaffenen Werk ausströmen lässt, da ist in dem Hörer zunächst der Ein- 
druck der von außen ihm aufgedrungenen Gefühle der vorwaltende. Wo 



Iq8 VorstellungsgefÜhle und Affecte. 

d^egen der Künstler selbst erst durch einen äußeren Gegenstand oder eine 
aus Elementen eines solchen gebildete objective Vorstellung in seinem 
Gemüth erregt wird, da löst nun umgekehrt dieser Gegenstand in dem 
Betrachter völlig selbständige und durchaus von seinen eigenen Gemütfas- 
anlagen abhängige Stimmungen aus, deren er sich entäußert, indem er 
sie auf den Gegenstand hinüberträgt. Dort, bei den Gebilden der aus- 
drückenden Künste, wirkt also der äußere Eindruck in erster Linie be- 
lebend auf den Hörer, indem er ihn nöthigt, das von außen Gebotene 
nachzufühlen und nachzudenken. Hier, bei den bildenden Künsten, wirkt 
vorzugsweise der Beschauer belebend auf den gesehenen Gegenstand, 
indem er die in ihm selbst entstehenden, je nach individueller Anlage 
und Stimmung überaus wechselnden Gefühle in das Object verl^ft. 

Indem nun die Verschmelzungen und Assimilationen, die letzteren in 
den mannigfachen hin- und hergehenden Wechselwirkungen, ein Ganzes 
bilden, das, auch wenn es aus zahlreichen Theilen besteht, doch als in- 
tensive Gefühlseinheit in ihrer psychischen Qualität eigentlich unzerlegbar 
ist, sind die ästhetischen Gefühle überhaupt, insonderheit aber deren ein- 
fachste typische Beispiele, die ästhetischen Elementargefiihle, ausgeprägte 
Fälle der Totalgefühle. Die Entstehung der letzteren haben wir schon 
bei den verschiedenen Formen der Gemeingefiihle als eine das Gefühls- 
leben auf allen seinen Stufen charakterisirende Erscheinung kennen 
gelernt. Vor jenen einfacheren Fällen sogenannter sinnlicher Total- 
gefühle zeichnet sich aber das ästhetische Elementargefühl durch die 
Eigenschaft aus, dass es trotz seiner bereits ziemlich verwickelten Zu- 
sammensetzung durch und durch ein wohlgeordnetes Ganzes ist, dessen 
Einzelgefühle sich meist in einer stufenweisen Gliederung von Partialge- 
fühlen einem einzelnen herrschenden Gefühl unterordnen, wobei nun dieses 
wieder jenen eine besondere, eben von dieser Beziehung auf das Ganze 
abhängige Färbung verleiht. In diesem Sinne würden die ästhetischen 
Elementargefühle, wenn man sie mit Naturobjecten vergleichen wollte, 
vielmehr einem organischen Wesen als einem unorganischen Gemenge 
analog sein. Nur ist freilich auch dieser Vergleich ein schiefer, weil in 
der That der Charakter der Einheit bei den Gefühlen noch sehr viel 
stärker ausgeprägt ist als bei einem Organismus. Während uns bei diesem 
in der Regel zuerst die Mannigfaltigkeit der Theile und Functionen in die 
Augen fallt, erscheinen jene so sehr als geschlossene Einheiten, dass sie 
trotz ihrer verwickelten Zusammensetzung zunächst für einfache Gebilde 
gehalten werden können. In dem Totalgefühl einer Harmonie, einer 
rhythmisch-harmonischen Reihe oder einer Gestalt sind unmittelbar keine 
Theile mehr zu unterscheiden. Diese, die Partialgefühle, werden immer 
erst durch die psychologische Analyse erkennbar, so stark sie auch das 



Aestbetische ElemenUirgefütile. 



109 



resultirende Totalgefiihl beeinflussen mögen. Besonders lebhaft tritt diese 
Eigenschaft in der Art hervor, in der die directen mit den associativen 
Factoren zusammenschmelzen, und in der beide sich in der resultirenden 
Gefühlswirkung ergänzen. So empfang z. B. bei einer rhythmischen Foim 
das aus den Spannungs- und Lösungsgefiihlen resultirende Moment des 
Gefallens stets zugleich eine nähere, bald mehr der Seite der erregenden, 
bald mehr der der beruhigenden Gefühle zugekehrte Färbung durch die 
Schnelligkeit, den Wechsel und die sonstigen speciellen Eigenschaften des 
Rhvlhmus. Aber alle diese Momente sind durchaus untrennbar an ein- 
ander gebunden, und man kann daher streng genommen von einem ge- 
gebenen Rhythmus nicht einmal sagen, dass er gleichzeitig errege und 
erfreue, sondern diese beiden Gefühle sind bei ihm wieder in einem einzigen 
untrennbaren Totalgefühl eingeschlossen, das sich immer erst reflexions- 
mäßig in jene Factoren zerlegen lässt. Wenn daher meist Gefallen und 
Missfallen als die allgemeinen Formen ästhetischer Gefühle hervorgehoben 
werden t so ist nie zu vergessen, dass es in der wirklichen ästhetischen 
Auffassung immer nur ein concret gefärbtes und mit andern GeRihls- 
clementen verschmolzenes GefaUen und Missfallcn gibt, und dass der 
eigentliche Inhalt der ästhetischen Wirkung schon bei den Elementar- 
gefiihlcn in der Regel weit mehr diesen andern Elementen als dem Ge- 
faUen selbst angehört. An dem Fehler, diesen gewissermaßen äußer- 
lichsten und nur wegen seiner relativen Cnnstanz und seines ausgleichenden 
Einflusses auf die andern Momente hervortretenden Factor der ästhetischen 
Wirkung xum einzigen oder zum ausschlaggebenden zu machen ^ leiden 
im Grunde alle jene philosophischen Versuche, das »Schöne« definiren 
und dann aus dieser Definition Aufschlüsse über das Wesen des Aesthe- 
tischen gewinnen zu wollen. Ihnen könnte man entgegenhalten, das 
Schöne sei weder bei dem Genuss des Kunstwerks noch bei dem der 
Natur der Hauptinhalt der ästhetischen Wirkung, sondern immer nur ein 
begleitendes Moment, das dämm gelegentlich auch ganz verschwinden 
könne, ohne einem Object seinen ästhetischen Werth zu nehmen. 

In dieser festen Verschmelzung aller einen ästhetischen Eindruck zu- 
sammensetzenden Partialgefühlc zu einem vollkommen einheitlichen und 
einfach erscheinenden Totalgefühl, welches gleichwohl jene Partialgefühle 
in abgestufter Stärke als seine integrirenden Theile enthält^ liegt nun zu- 
gleich der charakteristische Unterschied dieser Gefühle von denjenigen 
Vorstellungsprocessen, mit denen sie durch ihre Entstehung und durch 
die allgemeine Natur der in sie eingehenden psychischen Elcmentarvor- 
gänge am nächsten verwandt sind: von den Vorstellungsbildungen. 
Nichts ist für das Verständniss der Vorstellungsgefühle überhaupt und 
der ästhetischen insbesondere belehrender als diese Vergleichujig mit den 



200 Vorstellungsgefühle und Affecte. 

auf der Empfindung-sseite des Seelenlebens ihnen nächstverwandten, sie 
als ihre objectiven Complemente stets begleitenden und doch so weit von 
ihnen verschiedenen Vorgängen. Eine Sinneswahmehmung bestdit aus 
intensiven oder extensiven Verschmelzungen, in denen ebenfalls zahlreiche 
Elemente gegenüber bestimmten dominirenden Empfindungen zurücktreten; 
immerhin bleibt die Mannigfaltigkeit des Inhalts deutlich erkennbar, indem 
bei den intensiven Vorstellungen die zurücktretenden Elemente immer 
noch bis zu einem gewissen Grade in ihrer Sonderqualität unterschieden, 
bei den extensiven aber mehrere dominirende Empfindungen gleicher Art 
unmittelbar zu einer extensiven Ordnung verbunden werden. Auf diese 
Weise ist, abgesehen von den seltenen Grenzfallen, wo die dominirende 
Empfindung nahezu die einzige überhaupt vorhandene ist, jede Vorstellung 
eine Mannigfaltigkeit vieler Empfindungen und wird unmittelbar als solche 
aufgefasst. Diesem Zuge folgen dann auch die assimilativen Elementar- 
processe, die in jede Wahrnehmung eingehen: sie vertheilen sich über alle 
Bestandtheile jenes Mannigfaltigen der Wahrnehmung, und sie verstäiicen 
daher, indem sie einzelne im Eindruck nur schwach enthaltene Elemente 
durch reproductive heben, nicht selten den Charakter der Vielheit des 
W^ahrnehmungsinhaltes. Ganz anders bei den Gefühlen. So mannigfach 
die Gefühlssaiten sein mögen, die ein irgendwie zusammengesetzter Ein- 
druck anklingen läßt, und so unabsehbar die assimilativen Grefiihlselemente, 
die ihm entgegenkommen, der Totaleflfect ist doch für das Gefühl ein 
durchaus einheitlicher, darum für die unmittelbare Wahrnehmung im Grunde 
unanalysirbarer» falls nicht etwa direct Contraste der ästhetischen Stimmung 
hervorgerufen werden. Dann verschmelzen aber diese selbst doch wieder 
mindestens in jedem Zeitmoment zu einheitlichen Totalgefühlen. Besonders 
deutlich fällt dieser Unterschied in den geläufigen, wenn auch wenig be- 
achteten Erscheinungen auf, in denen die unmittelbare Nachwirkung irgend 
eines Kunstwerkes, dessen Eindruck soeben vorübergegangen ist, in ims 
andauert. Wer eine erschütternde Tragödie auf sich wirken ließ, der wird 
unmittelbar nach dem Ende der Vorstellung einzelne Scenen imd Bilder 
successiv in sich anklingend finden, eine Mannigfaltigkeit hin- und her- 
wandernder Eindrücke, denen der Zusammenhang nicht fehlt, in denen 
aber doch die Vielgestaltigkeit des Geschauten und Miterlebten vor allem 
nachwirkt. Ganz anders der GefühlsefTect, der zurückbleibt. So groß der 
Wechsel der Gemüthsbewegungen auch sein mag, zu deren Miterleben 
die Darstellung hinriss: am Schluss verschmilzt alle diese Mannigfaltigkeit 
in ein einziges mächtiges Gefühl, das gerade deshalb unser Gemüth noch 
lange bewegt, weil es ein Ganzes ist, das, so sehr es alle Richtungen 
des Gefühlslebens ergreifen mag, doch unmittelbar als ein untheilbares 
in uns lebt. 



Aesthetische Elementargefühle. 201 

Es ist vollkommen klar, dass diese Eigenschaft, der schon die ästhe- 
tischen Elementargefühle und dann natürlich in noch viel höherem Maße 
die complexeren ästhetischen Gefühle ihre große Wirkung verdanken, aus 
den oben analysirten Verschmelzungs- und Assimilationsprocessen allein 
nicht erklärt werden kann, so sehr namentlich die assimilativen Verbindungen 
geeignet sind, die Erfassung des gesammten Gemüthslebens und zugleich 
die individuell ausnehmend vielgestaltigen Erfolge zu erklären. Die Ein- 
heit der Gefühlswirkung aber, an die schließlich auch die Macht derselben 
gebunden ist, sie erklärt sich nur aus jener Beziehung, in der die Gefühle 
überhaupt zur centralen Function des Bewusstseins, zur Apperception 
stehen. * Stellt sich schon das einfache sinnliche Gefühl als eine Reaction 
der Apperception auf das einzelne Bewusstseinserlebniss dar, die, wie die 
Apperception selbst, eine einheitliche und bei aller Vielheit der Bedingungen 
einfache Function ist, so ist das ästhetische Gefühl eine Reaction der 
Apperception auf einen mannigfaltigen, in sich zusammenhängenden, dabei 
aber mit den gesammten Richtungen des Gemüthslebens direct oder durch 
assimilative Wechselwirkungen verbundenen Inhalt. Hieraus begreift sich 
ebenso der feste, unlösliche Zusammenhalt aller der Partialgefühle , die 
an einem ästhetischen Totalgefühl betheiligt sind, wie der durchaus ein- 
heitliche, bei jedem Versuch einer Zerlegung seine Intensität und seinen 
eigenthümlichen Werth einbüßende Charakter des Totalgefühls. Wie die 
Apperception als die elementare Willensfunction, als die wir sie im nächsten 
Capitel kennen lernen werden, den unmittelbaren Motiven und den ge- 
sammten durch vorangegangene Erlebnisse gewonnenen Anlagen einen 
einheitlichen Ausdruck gibt, so ist es schließlich auch die Zusammen- 
fassung aller der directen Elemente und associativen Processe in eine 
einzige Apperception, die hier jener Reactionsweise der letzteren, die wir 
das ästhetische Gefühl nennen, ihre Einheit, ihre unmittelbare und ihre 
nachwirkende Macht auf das Gemüth und damit schließlich auch ihren 
Werth für das persönliche Leben verleiht. 

Die psychologische Untersuchung der ästhetischen Gefühle hatte meistens 
unter dem Umstände zu leiden, dass die Anregung zu derselben ganz und 
gar von jenem Aesthetischen im engeren und höheren Sinne ausging, mit 
dem sich die Theorie der schönen Künste imd die aus ihr unter dem 
Namen der Aesthetik hervorgegangene Wissenschaft beschäftigt. So ist es ge- 
kommen, dass man die einfachsten Erscheinungsformen jener Gefühle, die 
doch eine nothwendige Grundlage für die Erklärung der complicirteren ästheti- 
schen Wirkungen büden müssen, fast ganz aus dem Auge verlor. Eine weitere 
erschwerende Bedingung lag darin, dass die Begründung der neueren Aesthetik 
von dem logischen Formalismus der Wolff' sehen Schule beherrscht war. 



Vgl. Cap. XI, Bd. 2, S. 357. 



202 Vorstellungsgefühle und Afiecte. 

Statt direct nach den Motiven des ästhetischen Gefühls zu suchen, behandelte 
man ohne weiteres die ästhetische Auffassting als eine Form des Erkennens 
und suchte nun nach dem BegrifT, aus dessen Verwirklichung das ästhetische 
Gefühl hervorgehen sollte. Kant, der diese Auffassung beseitigte, ist doch 
selbst noch von ihr beeinflusst, indem er das Aesthetische der »Urtheilskraft« 
zuweist, die nach ihm in der logischen Stufenfolge der Seelen vermögen zwi- 
schen Verstand und Vernunft das Mittelglied bildet, und indem er dem Be- 
griff der Wahrheit, in dessen dunkle Erkenntniss die älteren Aesthetiker das 
ästhetische Gefühl verlegen, den der Zweckmäßigkeit substituirt. Doch 
lenkt Kant insofern auf einen neuen Weg ein, als er beim ästhetischen Ge- 
schmacksurtheil die Zweckmäßigkeit als eine subjective bezeichnet, und 
als er dem Zweck eine eigenthümliche Mittelstellung zwischen den Natui^ 
begriffen und dem Freiheitsbegriff gibt, daher nach Kants Auffassung der 
Werth des Aesthetischen darin liegt, dass es für uns zwischen den Gebieten 
der Natiu: und der Sittlichkeit die natürliche Brücke bilde \ An Kant schließt 
sich einerseits Schiller, anderseits die Aesthetik der Romantik an. Schiller 
ist es, der, in seinem Streben das Aesthetische wie das Ethische auf gewisse 
Grundtriebe der menschlichen Natur zurückzuführen, zuerst auf die Kunst den 
Begriff des Spiels in jenem w^eiteren Sinne anwendet, in welchem dasselbe 
eine verklärende und erfreuende Nachbildung der Wirklichkeit sei; daher er 
als die psychologische Quelle der Kunst den dem Menschen innewohnenden 
Spieltrieb, als ihre Aufgabe die Erzeugung des schönen Scheins be- 
trachtet, — Gedanken, die in der Aesthetik zum Theil bis in die neueste 
Zeit nachgewirkt haben". Die aus der Romantik erwachsene idealistische 
Aesthetik sucht dagegen vor allem den Gedanken, dass das Aestheiische eine 
Zwischenstufe in der Entwicklung des Geistes sei, zu größerer Allgemeinheit 
zu entwickeln. Sie setzt daher dasselbe überall in die Verwirklichung der 
Idee, also eines geistigen Inhalts. Da sie nun das Reale überhaupt als eine 
lebendige Entwicklung des Geistigen oder der »absoluten Idee« ansieht, so 
wird von ihr das Aesthetische in die künstlerische Thätigkeit verl^t, insofern 
diese die Idee ohne die Trübungen und Schranken zu realisiren suche, die 
sie in der Natur erfahrt. So kommt es, dass hier einerseits die ganze Natur- 
betrachtung wesentlich zu einer ästhetischen wird, wie bei Schelling, und 
dass sich anderseits das Aesthetische völlig auf das Gebiet der Kunst zurück- 
zieht, wie bei Hegel. So vieles auch die Aesthetik dieser Richtung verdanken 
mag, die Psychologie geht dabei im ganzen leer aus. Eher hat diese aus dem 
im Gegensatz zu den idealistischen Systemen entstandenen Bestreben Herbarts, 
die objectiven Bedingungen des ästhetischen Urtheils aufzufinden, Anregung 
geschöpft. Herbart selbst bleibt freilich bei der Bemerkung stehen, dass 
das ästhetische Gefühl auf Verhältnissen der Vorstellungen beruhe. Der Unter- 
schied vom sinnlich Angenehmen und Unangenehmen beruhe nur darauf, dass 
uns beim ästhetischen Gegenstand jene Verhältnisse unmittelbar in der Vor- 
stellung gegeben seien und daher zugleich in der Form von Urtheilen dar- 
gestellt werden könnten^. Näher durchgeführt hat Herbart diese Theorie 
nur bei den musikalischen Intervallen, wo seine Betrachtungen jedoch zum 



* Kant, Kritik der Urtheilskraft, Atisg. von Rosenkranz, S. i6, 29, 229. 

* Schiller, Briefe über die ästhetische Erziehimg des Menschen, Werke, Bd. 12. 

3 Psychologie als Wissenschaft, Bd. 2. Werke, Bd. 6, S. 93. Vgl. auch Bd. 5, S. 394, 



Aesthetbche ElemeDtargefühie. 



^05 



Theil in Widerspruch mit den physikalischen und physiologischen Thatsachen 
gerathettt wie denn überhaupt die ästhetischen Ansichten dieses Philosophen 
schon dadurch einseitig bleiben^ dass er fast ausschließlich von der Musik 
ausging \ In der neueren Aesthetlk macht sich im ganzen das Streben nach 
einer Vermittelung zwischen den vorangegangenen idealistischen und realisti- 
schen Richtungen geltend^. Am schrolTsten stehen sich noch aus naheliegen- 
den Gründen die iüten Gegensätze auf dera Gebiet der Musikästhetik gegen- 
über* Hver vertritt einerseits MoRiiz Hauptmann* den Idealismus und die 
HfcGFx'sche Dialektik, anderseits Ed. Hanslick* den formalistischen Stand- 
punkt Hekbarts» Zwischen beiden bewegen sich außerdem, zum Theil in 
einander übergreifend, die metaphysische Gefühlsästhetik Schopenhauers^, die 
an Darwin und Hekbkrt Spencer anlehnenden Bestrebungen eines evolutio- 
nistischen Naturalismus, mit welchem sich, durch L. Fluerbach beeinflusst, 
RiCHARii Wagner in seiner ersten Periode berührt, während sich derselbe 
später an Schopenhauer anschließt, und in seiner letzten Zeit einer mystisch- 
religiösen Richtung zuwendet*. l>azu sind endlich in der neuesten Zeit 
mannigfache Versuche gekommen, mit der physiologischen und psychologischen 
Akustik Fühlung zu gewinnen^. Nicht minder sind auf dem Gebiet der bil- 
denden Künste von Seiten der Künstler, der Kunsthistoriker und Kunstkritiker 
vielfach Bestrebungen hervorgetreten * unabhängig von philosophischen Systemen 
aus der Beobachtung des künstlerischen Schaffens selbst einen Einblick in 
die Eigenart der ästhetischen Erscheinungen zu erhalten^. Ihnen verwandt 
sind die in der neueren Aesthetik der Dichtkunst auf die Analyse der dichte- 
rischen Einbildungskraft und ihrer individuellen Eigenthünilichkeiten ausgehen- 
den Bemühungen^. In allen diesen Arbeiten findet sich vieles auch psycho- 



' i'sycbologlscbf Bemerkungen zur Toni ehre. Werke, Od, 7, S, 7 ft. 

' Vgl. namenüich die AusfulimTigen von F. T11. VisCHER. Kritische Gänge, 5. lieft, 
S. 140, und Loi^E, Geschichte tler Aesthetik m Deutschland, iSoS» S. 232^ 323 u.a. 
AußeTdem Zimmermann, Aesthetik, ßd, 2, 1865. Kösti.in, Aesthetik. 1863—69, Ed. von 
Hasi^ann, Aestherik, Bd, 2. 18S7. Lazarus, Leben der Seele*, Bd, i, S. 2310". H. Sie- 
BECK, Das Wesen der ästhetischen Anschauung, i87S, vgl. besonders S. 57, 125 AT, J. CoHN, 
Allgeineme Aesthetik, 1901. 

^ M. Hauptmann, Hannunik und Metrik, 1853. 

* Kd. Hansluk, Vom MusikftHsch-Schcnen «^f t88i. 

^ SciiOPEKHAöiüi, Weh als Wille und Vorsiellung, Werke*, Bd, 2, S, 301 ff. 

^ Ueber R, Wagnt.rs ästhetischen Entwickltingignng vgl. HuGo OiNGERj Richard 
Wagners gci-tige Entwicklung, Bd. i, 1S92, S* 254 ff, 

' H. RiofANN, Elemente der musikal. Aesthetik, 1900, Paul Moos, Moderne Musik- 
ästhetik in Deuischlami, 1902. 

* Hier seien namentlich erwähnt: AD. GöLtER, Zar Aesthetik der Architektur, 1887. 
Die Entstehung der architektonischen Stilformen, 18S8. Ad- Hildebrand, Das Problem 
der Form in der bildenden Knnst^ 1894. H. VVöLiTLiN, Prolegomena /.ur Psychologie der 
Architckmr, 1886. Harock und Renaissance, 1888. A. Schmarsow, Beiträge zur Aesthetik 
der bildenden Künste, Bd. i — 3, 1896 — 1S99. 

^ Vgl, besonders A, RiEUL, Bemerkungen zu dem Problem der Form in der Dicht- 
kunst, Vierteljabfsschr. f. wiss. PhiL Bd. 21, 1897, S. 283, Bd. 22, 1898, S. 96 ff. W. DlL- 
TKEY, Ueber die £inbildang>krart der Dichter, 2cit.schr f. VülkerpaychoL ti. Sprachw. 
Bd. 10. 1878, S. 42 ff. Die Einbildungskraft des Dichters, Bßusteine für eine Poetik. 
Pbilos. Aufs. Ed. Zfllkr gewidmet, 1887, S. 305 ff. Gi'ST. Portig, Angewandte Aesthetik 
in ktmstgcschichtlicben und ästhetischf-'n Essays, 1887, 2 Bde. W, Schurer» Poetik, 1888. 
Max Dessoir, Beitrage znr Aesthetik, Archiv f. sysJtem. Philos. Bd. 3, S. 374, Bd. 5, S. 78, 
Bd. 6, S. 69» 470, Bd. 13, S. 454. E. Ei^TER, Principien der Litteraturwissenschaft, iSgjj 
bes» S, 75 ff. 




204 VorstellnngsgefUhle und A£fecte. 

logisch Werthvolle. Doch fallen sie mehr in das Gebiet der Kunst- und 
Litteraturgeschichte als der Aesthetik und Psychologie. Auch ist die Auffassung, 
als enthielten solche an sich gewiss wichtige Untersuchungen eine besondere, 
von der allgemeinen und insonderheit von der experimentellen gänzlich ver- 
schiedene Art von descriptiver Psychologie oder eine specifische kfinstl^erische 
Seelenkunde; eine Auffassung, die namentlich von Dilthey und Dessoir ver- 
treten wurde, principiell kaum haltbar. Es gibt nur eine Psychologie, die 
beschreibend und wo möglich erklärend zugleich, und die freilich von der 
Kunst praktisch-psychologischer Beobachtung verschieden ist, aber darum doch 
nicht verschiedener als beispielsweise die Staatswissenschaft von der praktischen 
Politik. Es mag gute praktische Politiker gegeben haben, die von der Staats- 
wissenschaft nicht viel wussten. Aber der Beweis ist nicht geliefert, dass sie 
im Besitz gründlicherer Kenntnisse nicht noch bessere Politiker gewesen wären. 
Nicht anders wird es sich wohl auch mit der Psychologie und der psycho- 
logischen Analyse der Dichter und ihrer Werke verhalten. Mit Recht hat 
daher, wie mir scheint, E. Elster diese Aufgaben der »Litteraturwissenscfaaft« 
und nicht der Psychologie zugewiesen, dabei aber diese als die Grundlage 
jener betrachtet. 

Die neueste Entwickelung einer psychologischen Aesthetik ist aus 
zwei wesentlich verschiedenen Quellen hervorgegangen. Die eine, die von 
der formalistischen Aesthetik der HERBARx'schen Schule gewisse Anregungen 
empfing, bestand in der Uebertragung experimenteller Verfahrungsweisen 
auf die ästhetischen Probleme. Diese wurde besonders von Fechner zum 
Programm einer inductiven Aesthetik gemacht. Sie steht mit den oben 
erwähnten, innerhalb der Kunstwissenschaft hervorgetretenen Bestrebungen 
einer empirischen Analyse der ästhetischen Schöpfungen unverkennbar in einer 
gewissen geistigen Beziehung; nur dass die experimentelle Methode die Unter- 
suchung im wesentlichen auf die einfachen Formprobleme einschränkte. Die 
zweite Quelle lag in der fortwirkenden Macht der Ideen der romantischen 
Aesthetik, insbesondere Hegels und seiner Schule, wobei aber zugleich in 
dem Maße, als die sonstigen Voraussetzungen des HEGEL^schen Systems auf- 
gegeben wurden, allmählich die metaphysische in eine psychologische Be- 
trachtungsweise überging. Diese hat sich dann um so reiner herausgearbeitet, 
je mehr man auch hier begann, zunächst die einfachen Probleme in den 
Vordergrund zu stellen und mit den sonst bewährten allgemeinen psychologi- 
schen Anschauungen Fühlung zu behalten: Fr. Th. Vischer, Joh. Volkelt 
und Th. Lipps bezeichnen hier, zugleich in der angegebenen Reihenfolge, den 
allmählichen Uebergang der metaphysischen in eine psychologische Aesthetik. 

Indem Fechner das Experiment in die ästhetische Untersuchung ein- 
führte, erwarb er sich nicht bloß das Verdienst, überhaupt auf diesem Gebiet 
eine neue Methode angebahnt, sondern auch das andere, auf den für die 
psychologische Seite der Probleme ganz unerlässlichen Weg vom Einfachen 
zum Zusammengesetzten hingewiesen zu haben. Beschränkte sich auch seine 
Arbeit im wesentiichen auf die Fragen der Gestaltwirkung, so boten sich doch 
gerade hier Anhaltspunkte für die Ausbildung zweckentsprechender Methoden. 
Indem Fechner als die beiden Factoren einer jeden ästhetischen Wirkung 
einen directen und einen associativen unterschied, gab er einer hier sich 
aufdrängenden Doppelheit der Bedingungen einen treffenden psychologischen 
Ausdruck, vorausgesetzt nur, dass man den Begriff der Association in diesem 



Aestbedicbe Elementargefuhle. 



205 



Zusammenhang ziureichend interpretirte. Dies zu tbtin, daran wurde nun 
freilich Fechner selbst theih durch den überkommenen Associationsbegrifif 
theils durch seine intellectualistische Psycliologie verhindert, in der er, so weit 
dieselbe nicht in eme mystische Naturphilosophie auslief, wesentlich von 
Herbart beeinflusst blieb* So kam es, dass er unter seinem »associativen 
Factor« angebliche Erinoerungseinfltisse zusamraenfasste^ die theils mit der 
ästhetischen Wirkung gar nichts zu thun haben, theils sie thatsächlich stören*. 
Nur ganz nebenbei streifte er in der »Gefühlsassociation« die t>scheinungen, 
die in der sonst auf wesenthLh anderem Boden stehenden Theorie der «Ein- 
fühlung« ihren Ausdruck gefunden haben. Die intellectualistische Tendenz im 
Verein mit seinem Streben nach einer völlig voraussetzungslosen Analyse der 
ästhetischen Erscheinungen führte dann weiterhin Fechner zur Formulirung 
einer großen Anzahl sogenannter ästhetischer >Principien*, die theüs ab- 
wechselnd theils neben einander die charakteristischen Merkmale des ästheti- 
schen Eindrucks bestimmen sollten: so das Princip der »ästhetischen Schwelle«, 
der »ästhetischen Hülfe oder Steigerung«, der »einheitlichen Verknüpfung des 
Mannigfaltigen«, der »Einstimmigkeit oder Wahrheit«, der »Klarheit«, denen 
er dann noch als eine zweite Reihe Contrast, Versöhnung, Abstumpfimg, Ge- 
wöhnung, Uebersattigang u. s. w. hinzufügte. Nun wird man ja nicht be- 
streiten, dass diese Begriffe gelegentlich eine Eigenschaft bezeichnen, die wir 
einem Kunstwerk oder einem schönen Naturobject beilegen, und die wir daher 
auch wieder aus der Vergleichung mehrerer solcher Objecte abstrahiren können. 
Wohl aber lässt sich mit gutem Grund bestreiten, dass irgend einer dieser 
Begriffe* oder dass alle zusammen genommen jemals eine ästhetische Wirkung 
verständlich machen. Dies gilt besonders auch von dem vielgerühmten Prindp 
der »Einheit in der Mannigf^iltigkeit«. Natürlich ist es nicht falsch; aber 
ebenso wenig ist es für den ästhetischen Gegenstand irgendwie charakteristisch. 
Das Sonnensystem, eine Dampfmaschine, ein Lehrbuch der Algebra und noch 
vieles andere ist eine Einheit in der Mannigfaltigkeit, ohne dass es deshalb 
ein Gegenstand ästhetischen Genusses zu sein braucht. Diese Abstraction von 
Princii>ien, wie sie Fechner ausführte, beruht auf der Voraussetzung, dass es 
mdglich sei, lediglich an den ästhetischen Objecten selbst und wo möglich an 
einer Anzahl von Cjegenständen, die nach einer statistischen Umfrage bei mög- 
lichst vielen Individuen in der Regel für schön gehalten werden, die Eigen- 
schaften des Schönen zu ermitteln* Eine solche objective Induction führt 
aber in diesem Fall deshalb zu keinem Ergebniss, weil der ästhetische Ein- 
druck ein psychologischer Vorgang ist, der vor allem als solcher analysirt 
werden muss, wenn man der Natur der ästhetischen Erscheinungen auf die 
^MT kommen will. Eine einzige solche Analyse an einem geeigneten Object 
geführt ist daher mehr werth als ein ganzer Katalog von Principienj den 
durch objective Vergleichung anerkannter ästhetischer Objecte gesammelt 
hat. Diese Mängel der FECHNEiR'schen Aesthetik »von unten« beeinträchtigen 



' * Vgl- hierzu die treffenden Bemerkungen von O. KtJLPE^ Ueber den associativen 

Factor de^ ästhetischen Eindruck«, Vierteljahrsschr. f wiss. Philos. Bd. 23^ 1899, S. 152 AT,, 
und Paul Stern, Einfühlnng und Aisociation in der neueren Aesthetik, 189S, S. 3S ff* 
So richtig diese Autoreri* jenen Fehler in Fechneks Ausführungen erkannt haben, so 
sehe ncn sie mir übrigens beide noch allzu sehr selbst in dem traditionellen Associations- 
begriff befangen zu sein, woran uaraentlicb bei Külpe auch die intellectualistische Rich- 
tung seiner Psychologie die Schuld tragen durfte. 



2o6 Vorstellungsgefdhle und Affecte. 

natürlich nicht das Verdienst, das er sich durch den energischen Hinweis auf 
die Einzelbeobachtung und durch die Einführung des Experiments in dieses 
Gebiet erworben hat. Auch schließen sie nicht aus, dass man in seinen Aus- 
führungen einer Menge trefflicher ästhetischer Fingerzeige begegnet. Aber sie 
beweisen allerdings, dass ohne Psychologie, durch die bloße Betrachtong 
ästhetischer Objecte keine Grundlegung der Aesthetik und am allerwenigsten 
die einer empirischen Aesthetik zu gewinnen ist. 

Kann Fechners >experimentale Aesthetik« als ein Ausläufer der forma- 
listischen Aesthetik betrachtet werden, so ist die moderne Aesthetik der »Ein- 
fühlung«, wie man wohl mit einem den verschiedenen Vertretern dieser Rich- 
tung gemeinsamen Ausdruck die Grundtendenz dieser zweiten Art psychologi- 
scher Aesthetik bezeichnen kann, direct aus der Aesthetik der Romantik 
hervorgegangen, wie sie namentlich in Hegels Aesthetik imd im Ajischluss 
an ihn in dem inhalts- und gedankenreichen Werke F. Th. Vischers vorli^^ 
ViscHER selbst repräsentirt in dem Wandel, den seine ästhetischen Grund- 
anschauungen allmählich erfuhren, den stetigen Uebergang von der meta- 
physischen zu einer psychologischen Aesthetik, die aber, getreu ihren Tradi- 
tionen, das Hauptgewicht nicht auf die Form, sondern auf den Inhalt der 
ästhetischen Erzeugnisse legt. Dabei bleiben freilich Vischers psychologische 
Gedanken noch allzu sehr in seine allgemeine pantheistisch-metaph3rsische 
Grundanschauung eingetaucht, als dass es, trotz vieler werthvoUer Beobach- 
tungen im einzelnen, zu einer klaren psychologischen Betrachtung konmien 
könnte. Hier setzt nun zunächst Volkelt in einer Reihe durchweg von reicher 
ästhetischer Erfahrung und von feinem psychologischem Gefühl getragener 
Untersuchungen das Werk und zugleich die Entwicklung Vischers fort. In 
seinen Anfängen noch stark metaphysisch und romantisch angehaucht, ist 
Volkelt immer mehr zu einer psychologischen Betrachtung vorgedrungen, 
welche wohl der Metaphysik des Aesthetischen nicht gänzlich entsagen möchte, 
sie aber doch vorläufig bis zur Entscheidung der psychologischen Grundfragen 
zurückdrängt*. Was Volkelts psychologische Anschauungen, wenigstens vom 
Gesichtspunkt einer das Aesthetische möglichst mit der Gesammtheit des 
psychischen Lebens in Beziehung setzenden Psychologie aus, einigermaßen 
trübt, ist die einseitige Betrachtung der ästhetischen Erscheinungen. Daraus 
erklärt es sich wohl^ dass Volkelt immer noch der ästhetischen Phantasie 
eine eigenthümliche Sonderstellung anweist, die sie zu den alten Vermögens- 
begriffen in eine bedenkliche Nähe bringt, und dass er demnach geneigt ist, 
auch die »Einfühlung« als einen specifisch ästhetischen Vorgang zu betrachten, 
womit dann zugleich seine stricte Ablehnung der Association zusammenhängt 
Freilich spielt dabei der alte, hier allerdings, wie wir oben sahen, gänzlich 
unbrauchbare Associationsbegriff, den er im Auge hat, eine wesentliche Rolle. 
Mit Volkelts Anschauungen stimmt endlich die von Th. Lipps in einer Reihe 



^ Als die hauptsächlich hier in Betracht kommenden Schriften VoLKELTs seien an- 
geführt: Der Symholbegriff in der neueren Aesthetik, 1876, Aesthetische Zeitfragen, 1895, 
und die oben schon erwähnten Aufsätze in der Zeit sehr, für Philos. und philos. Kritik, 
Bd. 113 und 117, wozu als Schriften, die specielle Probleme behandeln, die Aesthetik des 
Tragischen, 1897, und ein ergänzender Aufsatz hierzu in Bd. 112 der genannten Zeitschr. 
hinzukommen. In mancher Beziehung nähert sich übrigens den Anschauungen VoLKBLTi 
auch bereits H. Siebeck in seiner zwi-^chen der formalistischen Richtung und der Theorie 
der Einfühlung die Mitte haltenden Schrift: Das Wesen der ästhetischen Anschaunng, 1875. 



Aestbetkcbe Elementargcftihle. 



207 



k 



von Arbeiten entwickelte Theorie des Aesthetischen in wesenllichen Punkten, 
namentlich in der Bedeutung, die er der »Einfühlung* zugesteht, überein. 
Nur geht Lipps von Anfang an nicht von der Metaphysik, sondern lediglich 
von der Psychologie aus, deren grundlegende Bedeutung für die Aesthetik er 
energisch betont. Demgemäß steht denn auch bei ihm das Bemühen im 
Vordergrund^ die ästhetischen Erscheinungen mit der Gesaramtheit des seeli- 
srhen Lebens in Beziehung zu setzen, und er hebt die Nothwendigkeit, zu- 
nächst mit der Analyse der verhältnissmäßig elementaren ästhetischen Wir-- 
kungen zu beginnen, gebührend herv^or. Aus dieser Forderung sind seine oben 
erwähnten raumästhetischen Untersuchungen hervorgegangen, in denen er das 
selbst für diese elementaren Probleme Ungenügende der formalistischen Prin- 
ripien überzeugend dargelegt hat. Mit der entschiedeneren Geltendmachung 
des rein psychologischen Standpunktes hängt es fem er zusammen, dass Lipps 
dem Begriff der > Einfühlung« eine nähere psychologische Begründung zu geben 
sucht, indem er denselben auf das Associationsprincip zurückführt. Dabei 
scheint es mir freilich, dass der schablonenhafte Associationsbegriff der alten 
Psychologie auch bei Lipps noch nicht ganz seinen Einfluss eingebüßt, und 
dass sich bei ihm die Auffassung der Associationen als elementarer Processe 
in dem oben ausgeführten Sinne, der er otTenbar nahe steht, noch nicht voll- 
kommen durchgesetzt hat*. 

Neben den oben geschilderten Hauptrichtungen der psychologischen 
Aesthetik hat es schließlich in der Gegenwart auch nicht an Bestrebungen 
gefehlt, noch andere, theils naturwissenschaftliche, thcils sociologische Gnmd- 
lagen lür dieselbe zu finden. Ualiin gehört in erster Linie eine Reihe von 
Werken^ namentlich der französischen Litteratur, die den entwicklungsgeschicht" 
hellen Gesithtspimkt mit der descriptiven psychologischen Analyse der Phan- 
tasie, namentlich der dichterischen verbinden: so die Arbeiten von Th. RmoT, 
Gabr. Si^AiLLts ü. A.^ die jedoch ihrer Tendenz nach mehr der psychologi- 
schen Charakterologie, als der allgemeinen Psychologie und Aesthetik zufallen*. 



* Außer dem Werk: Raum^'stlietik und geometrisch -optische Täuschungen, i897t 
I seien hier «Is die wichtig-itea Arbeiten von Th. Lipps noch genannt: Die ästhetische 
I Einfühlung, Zettschr. für Psych. Bd. 22, S. 415 fl"., und: Von der Fomi ästhetischer Apper- 
[ception, m der tJedenkschrift für R. Havm. 1902, S. 365 ff. Dazn kommen die werth- 
, vollen Aesthctischen Littcrattirbcficbte, in den FhiL Monatsheften. Bd. 26, 27, und Archiv 
rfüt systemausche Philos. Bd. 5 unJ 6. sowie einige Werke über speclellefe Probleme: 
f Komik ond ilamor, 1898, und: Der Streit über die Tragödie, iSgi. Verwandte An^cbau- 
* lange^n wtcLtprs, dabei aber die Beziehungen zum Mythologischen besonders betonend, vertritt 
^ Alfk, BiFst, Das Metaphorische in der dichterischen Phantasie, 1S89, und: Das As30- 
I ciationsprincip und der Anthropomorpbi>mus in der Aesthr dk. 1890, Werthvolle r*esichts- 

punkte tnr Entwicklungsgeschichte der ästhetischen Gefühle enthalten des gleichen Verf. 's 
Werke: Die Kntwicklung des NaturgefUhls bei den tliicchen» 1882^ Die Entwicklung des 
NatnrgefQhls im Mittelalter und in der Neuzeit. 1888. 

• TtL RiBoT, L'imagination crcatrice, 1900. Deutsch u. d, T. Die Schöpferkraft der 
FlMltttiie von W. Mecku^NBIRG, 1902. tUwR. SEAitl.FS^ Essai snr le g^nie dnns l'art, 
j8l*j. Herm. TüKCK, Der geniale Mensch \ 1901. Einen besonderen Zweig dieser Kich- 

j luf>g biMet die anthropologisch-psychiatrische Litteratur über die künstlerische Hegabung, 
über die Beziehungen des ilenies zum Wohnsinn, zur Entartung u. s. w. , eine Litteratur, 

I die mit der heutij:;en Psychologie keinerlei Fühlung besitzt, in der aber in merkwürdiger 
Mlscbang Motive Scuoin-NirAUERscher Philosophie. GALt, 'scher Schädellehre, ÖARWiNscher 
L^escendenztbeorie und modemer Psychiatrie zusammenfließen. Vgl. LoMimoso, Lier geniale 

^Mensch* Deutsch von FKÄif:NKi\r* 1890, P. J, Mökius, Ueber Kunst und Künstler, 1901. 

I fDacQ die psychiatrischen Studien de* gleichen Verf.'» über Schopenhauer, Nietzsche^ 



2o8 Vorstellungsgefühle und Affecte. 

Zu einer eigenthümlichen, den teleologischen Charakter der ästhetischen Ent- 
wicklung in den Vordergrund stellenden Theorie hat den evolutionistischen 
Grundgedanken Konr. Lange ausgebildet, mit dem in wesentlichen Beziehun- 
gen auch die psychologisch-ästhetischen Arbeiten von Karl Grogs überein- 
stimmen \ Beide knüpfen in gewissem Sinne wieder an ScHiLLER*sche Ge- 
danken an, indem sie die Begriflfe des Scheins imd des Spiels in den Vorder- 
grund stellen. Bei Grogs ist es das »Spiel der inneren Nachabmungc, auf 
dem wesentlich der ästhetische Genuss beruhen soll, daher denn schon das 
Spiel der Thiere und des Kindes als Vorstufen der Kunst betrachtet werden. 
Lange sieht in der »bewussten Selbsttäuschung« das eigentliche Motiv des 
künstlerischen Genusses, dasselbe Merkmal, das auch dem Spiel eigen seL 
Den Schwerpunkt legen dann aber beide Autoren nicht in diese psychologi- 
schen Begriffe, sondern in den praktisch teleologischen Werth, den das Spiel 
und die Fortbildung desselben, die Kunst, für die menschliche Entwicklung 
besitze. In dem Spiel gewinnen das Thier und der Mensch jene Uebung der 
Kräfte, deren sie in dem späteren Kampf ums Dasein bedürfen. Das Spiel 
selbst sei daher ein lursprünglicher, durch Naturzüchtung entstandener imd 
vervollkommneter Instinkt. In analogem Sinne hat nach Lange die Kunst, 
die nur eine bewusstere Fortsetzung dieser Aeußerungen des Spieltriebes sei, 
den wichtigen Zweck der Erhaltung und Verbesserung der Gattimg durch 
»Verstärkung und Vermannigfaltigung derjenigen Gefühle, die der Mensch im 
Kampf ums Dasein braucht«. Wie man sieht, zerfallen diese evolutionisti- 
schen Theorien in einen psychologischen und in einen biologisch-teleologischen 
Theil. Davon wird aber der erstere offenbar als der untergeordnete betrachtet 
Auch sind die Motive der spielenden Nachahmung, der Selbsttäuschung u. dergL 
kaum wirklich beobachtete psychologische Thatsachen, sondern im wesentlichen 
Begriffe, die dem Hausrath der alten Begriffsästhetik entlehnt sind. In der 
That sind ja Spiel und Nachahmung complicirte Erscheinungen, die selbst der 
Interpretation bedürfen, ehe man irgend etwas mit ihnen anfangen kann. Zur 
Zeit Schillers mochte der »Spieltrieb« als eine erlaubte Analogie erscheinen, 
unter der sich manche treffliche Einzelbeobachtung unterbringen ließ. Heute 
sind solche Begriffe psychologische Anachronismen geworden. Schlimmer nodi 
als mit dem »Spiel der inneren Nachahmung« steht es aber mit der »bewussten 
Selbsttäuschung« , einem Begriffsgebilde , an dem sich die Ohnmacht der vul- 
gären Reflexionspsychologie den ästhetischen Problemen gegenüber glänzend 
documentirt. Ist doch nichts gewisser, als dass, wenn jemals sich das Be- 
wusstsein der Selbsttäuschung in die ästhetische Wirkung einmengt, damit 
dieser selbst ein jähes Ende bereitet wird. Eine »unbewusste Selbsttäuschungc 
würde man allenfalls noch begreifen, da ja das »Unbewusste« ein bewährtes 
Mittel ist, um über Dinge, von denen man nichts weiß, den Schleier geheim- 
nissvollen Versteh ens zu breiten. Wie aber bewusste Selbsttäuschung, also 

Goethe.) In die phrenologisch -anthropologische Strömung der Aesthetik gehören anch 
die geistreich paradoxen Schriften von G. Hirth, Aufgaben der Kunstphysiologie, 1891, 
und: Das plastische Sehen als Rindenzwang, 1892. 

' Konrad Lange, Gedanken zu einer Aesthetik auf entwicklungsgeschichtlicher 
Grundlage, Zeitschr. für Psychologie, Bd. 14, S. 242 ff. K. Grogs, E nleitnng in die 
Aesthetik, 1892. Vgl. dazu desselben Verf.'s Spiele der Thiere, 1896, und Spiele des 
Menschen, 1899. In seinem neuesten Werk: Der ästhetische Genuss, 1902, hat sich 
Grgos, ohne freilich den früheren Grundgedanken aufzugeben, der > Einfühlungstheorie c 
beträchtlich genähert. 



Affecte. 



209 



die deutliche Vorstellung, dass alles was man sieht und hört Täuschung sei, 
mit einem ästhetischen Genuss zusammenbestehen soll, das bleibt dunkel. 
Was sodann den zweiten, biologischen Theil dieser Entwicklungsästhetik be- 
trifft, so wird man ja gewiss nicht leugnen wollen, dass die Kunst, ebenso 
wie das Spiel, von Ausartimgen und Missbräuchen abgesehen, für den einzelnen 
Menschen und darum schließlich auch für die Gattung nützlich ist Aber wie 
aus diesem Nutzen des Erfolgs die Entstehung beider erklärt werden kann, 
das erscheint psychologisch wie biologisch völlig unbegreiflich, es sei denn, 
dass man einen mystisch- teleologischen Rückeinfluss künftiger Wirkungen auf 
ihre ursprünglichen Ursachen, oder dass man ein Spiel des Zufalls annimmt, 
das diesem ebenfalls wieder eine mystisch providentielle Natur zuschreibt. 
Man darf daher wohl von diesem ästhetischen Evolutionismus behaupten, dass 
bei ihm die innere Un Wahrscheinlichkeit, die die Verschwisterung der Zucht- 
wahlbypothese mit der Zufallshypothese schon in der Biologie besitzt, wo- 
möglich in verstärktem Maße sich wiederholt*. 



3. Affecte. 

a. Eigenschaften der Affecte. 

Die Gefühle, Affecte und Triebe pflegt man als die einzelnen Vor- 
gänge zu betrachten, aus denen sich die Gemüthsseite unseres Seelen- 
lebens zusanunensetzt. Die psychologische Analyse zeiget jedoch, dass 
alle diese Vorgänge nicht nur unter einander, sondern auch mit den Vor- 
stellungsprocessen innig zusammenhängen. Die Vorstellungen wie der 
Wechsel derselben, ihre Associationen und Apperceptionen sind überall 
von Gemüthsbewegungen begleitet, und dieses Begleiten bedeutet nirgends 
eine bloße regelmäßige Coexistenz an sich trennbarer Zustände, sondern 
einen einheitlichen Zusammenhang, aus dem erst unsere abstrahirende 
Analyse die einzelnen aussondert. Dies zeigt sich vor allem darin, dass 
wir uns über die Natur der Gemüthsbewegungen ebenso wenig ohne die 
gleichzeitige Analyse der Vorstellungsinhalte des Bewusstseins wie über 
den Zusammenhang und Wechsel der letzteren ohne die gleichzeitige 
Berücksichtigung jener, vor allem ihrer elementarsten, der Gefühle, 
Rechenschaft geben können. Nicht minder stehen nun aber die einzelnen 



* Für die heute noch gelegentlich in den Kreisen der Aesthetiker und Kunsthistoriker 
▼orkommende specifische Art von Reflexionspsychologie ist wohl auch die folgende Defini- 
tion des Begriffs der Kunst charakteristisch: »Kunst ist die theils angeborene, theils durch 
Uebnng erworbene Fähigkeit des Menschen, sich und anderen durch Werke seiner Hand 
oder seines Geistes oder durch Productionen seines Körpers einen Genuss zu bereiten, 
bei dem im Bewnsstsein des Künstlers und des Genießenden außer der Lust kein weiterer 
Zweck vorhanden ist.« (Konrad Lange, Das Wesen der Kunst, Bd. i, 1901, S. 58 ff.) 
Ob wohl Beethoven, als er in der neunten Symphonie alle Leidenschaften der mensch- 
lichen Seele vom tiefsten Schmerz bis zur jubelnden Freude in Tönen ausströmen ließ, 
ttberhavpt den Zweck Hatte, sich und Andern Lust zu bereiten? 

WuMDT, Grundzüge. III. 5. Aufl. I^ 



210 Vorstellungsgefühle und Affecte. 

Gemüthsvorgänge selbst in einer so engen Verbindung mit einander, dass 
ihre Scheidung immer bis zu einem gewissen Grade willkürlich bleibt 
Als ihre Grundlagen erscheinen die Gefühle. Aus ihnen entspringen die 
Affecte, aus den Affecten entwickeln sich die Triebe, und diese bilden 
wieder als einfache Acte des WoUens den unmittelbaren Uebergang von 
den Affecten zu den Willensvorgängen. Unter allen diesen subjectiven 
Processen ist daher das Gefühl der Grundbestandtheil : jeder der andern 
setzt sich aus Gefühlen zusammen, und insbesondere ist auch die Existenz 
eines nicht aus Gefühlen bestehenden, etwa auf Grund rein intellectueller 
Erwägungen zu stände kommenden WoUens eine leere Fiction der Philo- 
sophen. Anderseits freilich sind auch die Gefühle und Affecte nur als 
Zustände eines wollenden Wesens möglich. Theils sind sie Anfangs- 
theils Begleitzustände des Wollens. Nur weil sie dies sind, jeden Willensact 
zusammensetzen und einleiten, können sie auch als relativ selbständige 
Gemüthsbewegungen vorkommen, d. h. eben als solche, die erlöschen, 
ehe es zu einer Entwicklung von Willensvorgängen kommt. 

Hiernach nehmen die Affecte unter allen diesen seelischen Vor- 
gängen eine mittlere Stellung ein: sie setzen sich einerseits aus Gefühlen 
zusammen, und sie gehen anderseits unter bestimmten Bedingungen in 
Willensvorgänge über. Von den einfachen Gefühlszuständen unterscheiden 
sich übrigens die Affecte nicht bloß durch ihre Verbindung wechselnder 
Gefühle zu einem Gefühlsverlauf, sondern in der Regel auch durch die 
größere Stärke der Gefühle. Ueberdies sind starke Gefühle und Affecte 
so sehr an einander gebunden, dass jede bedeutendere Gefuhlssteigerung 
einen Affectverlauf im Gefolge hat. Eher kann es vorkommen, dass der 
Affect, namentlich nachdem er einmal durch eine intensivere Gefiihls- 
erregung erst eingeleitet ist, in schwächeren Gefühlen abklingt. Solche 
durch die relativ geringe Stärke der in ihnen enthaltenen Gefühle aus- 
gezeichneten Affecte pflegt man auch als Stimmungen zu bezeichnen. 
Wo Affect und Stimmung selbständig einander gegenübertreten, die 
Stimmung nicht bloß als ein ausklingender Affect erscheint, da unter- 
scheiden sich übrigens beide, abgesehen von der abweichenden Intensität 
der Gefühle, namentlich auch durch ihr Anfangsstadium: der Affect pfl^[t 
sofort mit einem starken Anfangsgefühl einzusetzen, an das sich dann, 
meist et^\'as abgedämpft, der weitere Verlauf anschließt; die Stimmung 
beginnt umgekehrt mit schwachen Gefühlen, um dann erst allmählich bis- 
weilen zu größerer Intensität anzuschwellen. 

Mit der Stärke der Gefühlserregung, die den Affect namentlich in 
seinem Beginn kennzeichnet, hängen nun auch die Veränderungen des 
Vorstellungsverlaufes zusammen, die bald, und dies bei intensiveren, auch 
in ihrem Gefühlsinhalt wechselnderen Affecten, in einer Beschleunigung, 



Affecte. 211 

bald aber auch — so namentlich bei den dauernden Stimmungen, aber 
auch bei plötzlichen übermächtigen Gefühlswirkungen — in einer Ver- 
langsamung oder Hemmung jenes Verlaufes bestehen. Aus der einseitigen 
Betonung dieser verschiedenen Eigenschaften der Affecte sind augen- 
scheinlich die beiden Hauptansichten, welche die ältere Psychologie über sie 
entwickelt hat, hervorgegangen. Die eine dieser Ansichten, die z. B. Kant 
in seiner Anthropologie vertritt, betrachtete sie als starke Gefühle, deren 
bloße Folgeerscheinungen die Veränderungen des Vorstellungsverlaufes 
seien; nach der andern, die Herbart zur Geltung brachte, sollten sie 
umgekehrt solche Gefühle sein, die selbst erst aus dem Vorstellungs- 
verlauf entspringen *. Jede dieser Auffassungen greift jedoch nur einen 
Theil des wirklichen Vorgangs heraus: die erste bezeichnet mit Recht 
ein Gefühl als den Ausgangspunkt der ganzen Gemüthsbewegung; ebenso 
Recht hat aber die zweite darin, dass sie als eine wesentliche Eigen- 
schaft der Affecte die Veränderungen des Vorstellungsverlaufs betont, 
mit denen natürlich auch solche in den qualitativen Verbindungen der- 
selben zusammenhängen. 

Hiemach lassen sich allgemein die Affecte als Formen des Gefühls- 
verlaufs definiren, die mit Veränderungen im Verlauf und in den Ver- 
bindungen der Vorstellungen verbunden sind, welche Veränderungen 
dann, durch die an sie gebundenen Gefühlsbetonungen, wieder verstärkend 
auf den Affect einwirken können. Jedes heftigere Gefühl führt zu einem 
Affecte, indem das zunächst entstehende Anfangsgefühl in weiteren Ge- 
fühlen abklingt; und dieser Gefühlsverlauf ist nun vermöge des engen 
Zusammenhangs unserer subjectiven und objectiven Bewusstseinsinhalte mit 
einem entsprechenden Vorstellungsverlauf verbunden. Diese Eigenschaften 
der Affecte bleiben im wesentlichen die gleichen, welches auch ihre Gefühls- 
inhalte sein mögen. Eine ihm eigene qualitative Färbung hat daher der 
Affect nicht; diese gehört gaijz den Gefühlen an, die seinen Inhalt bilden. 
Hiermit hängt es wohl zusammen, dass starke Affecte, namentlich in 
ihrem ersten Stadium, subjectiv einander sehr ähnlich zu sein pflegen. 
Schreck, Erstaunen, heftige Freude, Zorn stimmen zunächst sämmtlich 
darin überein, dass alle andern Vorstellungen vor der einen zurücktreten, 
die als Trägerin des Gefühls ganz und gar das Gemüth ausfüllt. Erst 
in dem weiteren Verlauf trennen sich die einzelnen Zustände deutlicher. 
Entweder kann jene erste Hemmung einem plötzlichen Herandrängen einer 
großen Zähl von Vorstellungen Platz machen, die mit dem affecterzeugen- 
den Eindruck verwandt sind. Oder es können diejenigen Vorstellungen 
im Bewusstsein beharren, aus denen von Anfang an der Affect entsprang. 

' Kant, Anthropologie, § 73 ff. Ausgabe von Schubert, Bd. 7, S. 171. Herkart, 
Psychologie als Wissenschjift, Thl. 2, § 106 ff. Ausg. von Hartenstein, Bd. 6, S. 97 ff. 

14* 



212 Vorstellungsgefiihle und Affecte. 

Jene überströmenden Affecte sind hauptsächlich bei den freudigen Er- 
regungen des Bewusstseins zu finden. Erfüllte Hoffnung oder unerwartetes 
Glück lassen uns in den mannigfachsten Phantasiebildem der Zukunft 
schwelgen, die, wenn der Affect steigt, von allen Seiten sich zudrängen. 
Beim höchsten Grad der freudigen Affecte, also namentlich im Beginn 
derselben, kann freilich dieser Zufluss wieder so mächtig werden, dass 
auch die Nachwirkui^ der Hemmung noch längere 2Wt fortdauert Der 
gewöhnliche Verlauf einer heftig^ Freude besteht daher in einer plötz- 
lichen, dem Schreck verwandten Bestürzung, die dann allmählich dem 
raschen Wechsel heiterer Phantasiebilder weicht. In anderer Weise 
pflegt sich bei dem plötzlichen Unlustaffect die erste henmiende Wir- 
kung zu lösen. Hier behalten die nächsten affecterzeugenden Vor- 
stellungen ihre Macht über das Bewusstsein. Es folgt so ein Stadium, in 
welchem dieses vollständig von einer bestimmten Vorstellung und dem 
an dieselbe gebundenen Gefühle beherrscht wird. Während daher der 
Affect der Freude allmählich in dem raschen Wogen der Vorstellungen 
und Gefühle sich löst, finden Schmerz, Wuth, Zorn ihr Gleichgewicht in 
der energischen Selbsterhaltung des Bewusstseins gegen die Macht der 
Eindrücke. Mit beiden Vorg^ängen ist eine Verminderung in der Stärke 
der Affecte verbunden, wodurch diese allmählich Stimmungen Platz 
machen, die als ihre Nachwirkungen eine kürzere oder längere Zeit noch 
bestehen bleiben. Besonders gewisse Unlustaffecte haben eine große 
Neigung in dauernde Stimmungen überzugehen. So löst sich der heftige 
Schmerz über den Verlust einer geliebten Person in Trauer auf Ent- 
wickelt sich dagegen eine Stimmung ohne vorausgegangenen Affect all- 
mählich, so verräth sich darin nicht selten ein krankhaft gestörter Zustand, 
der zu Dauer und Steigerung Neigung hat, daher es hier auch wohl vor- 
kommt, dass, entgegengesetzt dem gewöhnlichen Verlauf, die Stinmiui^ 
zum Affecte heranwächst. 

In diesen Verlauf der Affecte greifen nun in sehr mannigfaltiger 
Weise die Wirkungen ein, welche die physischen Begleiterscheinungen 
derselben theils durch die unmittelbar an sie gebundenen inneren Tast- 
und Organempfindungen mit ihren Gefühlsbetonungen, theils durch ihre 
weiteren Einflüsse auf den Zustand des Körpers, auf Secretionen, Ernäh- 
rung, Function der Organe, hervorbringen. Unter diesen physischen Be- 
gleiterscheinungen sind bei den Affecten, im Gegensatz zu den Einzel- 
gefühlen, die im folgenden Capitel (Cap. XVII, 3) zu betrachtenden 
Ausdrucksbewegungen der äußeren Körper muskeln von besonderer Be- 
deutung, da sie keinem Affect fehlen, und nach Stärke, Richtung und 
Verlauf durchaus den psychischen Eigenschaften der Affecte parallel 
gehen, so dass man sie physische Reflexbilder der Affecte selbst nennen 



Affecte. 



^»3 



könnte. Namentlich sind hier die mit den Ausdrucksbewegungen ver- 
bundenen Zustände gesteigerter und verminderter oder plötzlich gehemmter 
Muskeispannungcn bedeutsam. Diese Erscheinungen sind so augenfällig, 
dass schon Kant hauptsächlich nach ihnen die Afiecte in sthenische 
und asthenische uhterschied*. Dabei ist aber zu bemerken, dass ein 
Affect selten während seines ganzen Verlaufes der ersten dieser Formen 
zugehört. Eine zornige Aufwallung z. B. kann mit einer plötzlichen Er- 
scUaffung beginnen: der Zorn ȟbermannt <i den Menschen; oder er kann, 
wenn der Sturm des Affects ausgetobt hat, eine tiefe Erschöpfung zurück- 
lassen u. s. w. Nur die asthenischen Affecte, wie Schreck, Angst, Gram, 
bewahren während ihrer ganzen Dauer ihre erschlaffende Natiu*; und sehr 
heftige Affecte sind immer von asthenischer, lähmender Wirkung. 

Zu diesen Erscheinungen an den wnll kürlichen Muskeln gesellen sich 
nun noch weiterhin die uns bereits aus der Symptomatologie der Gefühle 
bekannten des Herzens, der Blutgefäße, der Athmung, der Absonderungs- 
werkzeuge, unter denen uns speciell die vasomotorischen und respiratori- 
schen unten (c) noch näher beschäftigen w^erden. Auch sie treten aber 
bei den Affecten, im Zusammenhang mit der Steigerung der Gefühle. 
meist auffallender als bei den einfachen Gefühlen hervor, und sie können 
sich so in Folge der mit ihnen verbundenen Organempfindungen und 
-gefühle oder weiterer Folgezustände des Körpers selbst wieder an den 
Gefühlscomponenten der Affecte betheiligen. Dabei pflegen dann zu- 
gleich diese verschiedenen physischen Symptome und ihre psychischen 
Torrelatzustände mannigfach in einander einzugreifen. So nimmt in den 
sthenischen Affecten die Frequenl der Herzschläge zu, die peripheren 
Gefäße werden weit und füllen sich mit Blut, so dass bis in die kleinen 
Verzweigungen der Arterien die Pulse klopfen. Dazu kommt eine stark 
vermehrte Athmungsfrequenz , die sich manchmal bis zur Athemnoth 
steigern kann. Wenn dagegen ein plötzlicher Affect die äußern Muskeln 
lahmt, so steht momentan auch das Herz still Bei geringeren Graden 
des asthenischen Affectes werden bloß Herzschlag und Athmung schwächer 
und langsamer, und an der Blässe der Haut verräth sich die dauernde 
Contraction der kleinen Arterien. Sehr starke Affecte können bekannt- 
lich momentan den Tod herbeiführen. Meist gescliieht dies wT)hl, 
namentlich bei krankhafter Veränderung der Gefäßwandungen, durch die 
heftige Alteration der Herz- und Gefäßnerven. Aber auch die mäßigeren 
Affecte bedrohen, wenn sie habituell w^erden, das Leben. Die Neigung 
zu erregten Stimmungen b^fünstigt Herzleiden und apoplektische Dis- 
position; Sorge und Gram beeinträchtigen durch dauernde Beschränkung 



Kant, Anthropologie, Ausgabe voii Schubrrt- Werke, Bd. 7, 2, S. 175, 



21 A Vorstellungsgefühle und Affecte. 

der Blut- und Luftzufuhr die Ernährung. Minder constant, auch zum 
Theil weniger der Beobachtung zugänglich sind die Rückwirkungen der 
Affecte auf die Absonderungswerkzeuge. Doch lehrt die Erfahrung, dass 
bestimmte Absonderungsorgane vorzugsweise bei einzelnen Aflfecten in 
Mitleidenschaft gezogen werden. So bei Schmefe xmd Kummer die 
Thränendrüsen, beim Zorn die Leber; die Furcht wirkt auf den Darm, 
die Bangigkeit der Erwartung auf die Nieren- und Hamw^e. 

Diese körperlichen Begleiterscheinungen der Affecte wirken nun ihrer- 
seits auf die Gemüthsbewegung selber zurück. Zunächst geschieht dies 
nach der allgemeinen Regel, dass sich verwandte Gefühle verstärken. Die 
heftigen Muskelempfindungen, welche die Bewegungen des Zürnenden be- 
gleiten, erhöhen als starke Erregungen des Bewusstseins den sthenischen 
Charakter des Affectes; das Herzklopfen und die Athemnoth des Furcht- 
samen wirken beängstigend. Unter gewissen Bedingungen können jedoch 
diese körperlichen Folgezustände secundär auch ein lösende Wirkung 
äußern. Der Zorn muss sich austoben, der Schmerz wird durch Thränen 
gelindert. Theilweise beruht dies wohl darauf, dass die an jene äußeren 
Symptome gebundenen einfachen Gefühle, gerade weil sie zunächst den 
Affect verstärken, damit auch ihn rascher über seinen Höhepunkt hinweg- 
führen. Vor allem aber bUden sie eine Ableitung der übermäßig an- 
gewachsenen inneren Spannung, die, je weniger sie in Geberden oder in 
Thränen sich äußert, um so heftiger die Centralorgane zu ergreifen pfl^. 
Vermöge aller dieser Bedingungen können Affecte in den verschiedensten 
Graden der Stärke vorkommen. Pflegen wir auch nur die hefl^eren Ge- 
müthsbewegungen mit diesem Namen 'zu belegen, so ist doch ganz un- 
bewegt unser Bewusstsein niemals. Von den Gefühlen, die den Empfin- 
dungen und Vorstellungen zugesellt sind, gehen immer leise Affecte aus. 
Ebenso sind die körperlichen Erscheinungen derselben in einem gewissen 
Grade immer zu finden. Wie die Affecte selbst gehen und kommen, 
steigen und sinken, so bilden äußere Bewegungen und der Innervations- 
wechsel der Gefäß-, Herz- und Athmungscentren einen fortwährenden 
Reflex dieses Wechsels. 

b. Grundformen der Affecte. 

Um über die Mannigfaltigkeit der Affecte einen allgemeinen Ueber- 
blick zu gewinnen, ist es unerlässlich , sie zunächst auf gewisse Grund- 
formen zurückzuführen. Bei dem Versuch, solche aufzustellen, kann 
man nun aber von sehr verschiedenen Gesichtspunkten ausgehen. Bei 
der großen Wichtigkeit, die die Affecte für die sittliche Entwicklung 
des Menschen besitzen, sind die älteren Versuche einer Classification, von 
Aristoteles an bis auf Descartes, Spinoza und K.\nt, vorwiegend 



Affecte. 



215 



von ethischen Betrachtungen ausgegangen, wobei dann psychologische 
Momente höchstens eine Nebenrolle spielten. Doch der ethische Werth 
oder Unwerth der Affecte, so bedeutsam er in praktischer Hinsicht sein 
mag, liegt gänzlich außerhalb der für ihre psychologische Betrachtung 
maßgebenden Gesichtspunkte. Auch die körperlichen Begleiterscheinungen, 
die schon Kant bei seinen sthenischen und asthenischen Affecten im Auge 
hatte, besitzen höchstens die Bedeutung von Nebenmomenten, da nicht 
sie, sondern nur die unmittelbar wahrnehmbaren Bewusstseinsvorgänge 
selbst den Anlass geboten haben, den Affect als einen specifischen see- 
lischen Vorgang zu unterscheiden. Demnach kann auch eine Eintheilung 
der Gnmdformen der Affecte nur auf diese unmittelbaren psychischen 
Eigenschaften derselben geg^ndet werden. Dabei kommt jedoch in Be- 
tracht, dass die Affecte zwar in gewissem Sinne specifische Bewusstseins- 
vorgänge sind, dass sie solche aber nicht deshalb sind, weil sie irgend 
welche, nur ihnen zukommende Elemente enthalten, sondern weil die Ge- 
fühle in ihnen zu bestimmten stetigen Verlaufsformen verbunden sind. 
In jedem Augenblick ist also der Affect durch den in diesem Moment 
bestehenden Gefühlszustand vollständig charakterisirt; und ein gegebener 
Affect wird immer durch eine gewisse Aufeinanderfolge von Gefühlen 
und durch die Wechselbeziehungen, in die dieselben unter einander treten, 
gekennzeichnet. Nur diese besondere Verlaufsform der Gefühle bildet 
seine specifische Natur. Hieraus erhellt, dass es einen doppelten Ge- 
sichtspunkt gibt, nach dem wir die Affecte nach ihren psychologischen 
Eigenschaften in gewisse Grundformen scheiden können: einen formalen 
und einen materialen. Formal werden sich gewisse Verlaufsformen 
des AfTects aufstellen lassen, bei denen man, von der Qualität der in sie 
eingehenden Gefühle ganz und gar absehend, bloß die in einem jeden 
Verlaufsmoment vorhandene Affectintensität berücksichtigt. Auf diese 
Weise gewinnt man verschiedene allgemeine Verlaufsformen der Af- 
fecte, die lediglich nach den intensiven und zeitlichen Merkmalen der- 
selben geordnet sind. Material dagegen wird man, da ja die Affecte 
sich ihrem psychischen Inhalte nach vollständig in Gefühle auflösen lassen, 
lediglich die Gefühlsinhalte oder, da voraussichtlich diese von complexer 
und zum Theil auch von qualitativ wechselnder Beschaffenheit sind, die 
vorherrschenden Gefühle zum Eintheilungsgrund machen können. Nun 
lassen sich aber freilich die Verlaufsformen der Affecte von ihren Ge- 
fühlsinhalten nicht derart scheiden, als wenn beide unabhängig veränder- 
liche Größen wären. Vielmehr lehrt uns sofort die subjective Beobach- 
tung des wirklichen Affectverlaufs, dass sie das nicht sind, sondern dass 
zwei Momente, die wesentlich jedem Gefühlsinhalt angehören, auf die 
Verlaufsform den entscheidenden Einfluss ausüben. Erstens nämlich bilden 



2i6 Vorstellungsgefiihle und Affecte. 

unter jenen Grundformen der Gefühle, in die sich alle Gemütfasvorgänge 
und darum vor allem auch die Affecte zerlegen lassen, den Lust-Unlust-, 
Erregungs-Beruhigungs-, Spannungs-Lösungsgefiihlen, die erregenden 
mit ihren Contrasten die zunächst (iir die Affecdntensität entscheidenden 
Factoren. Zweitens wirken im Affect die andern Grefühbqualitäten stets 
derart auf die erregenden Gefühle zurück, dass, wo immer eine dieser 
andern Qualitäten zu größerer Stärke anwächst, sie auch das erregende 
Gefühl steigert oder, wenn das Gefühl, sei es durch seine unmittelbare 
Stärke, sei es durch seine Dauer, eine gewisse Grenze überschreitet, 
die Erregung in ihren Contrast, zugleich begleitet von Unlustgefuhl, 
also in ein deprimirendes Gefühl, übergehen lässt. Solche aus der Ver- 
bindung der elementaren Gefühle zu complexen Resultanten entstehende 
neue Gefühle haben wir ja auch bei den ästhetischen Elementargefuhlen 
schon kennen gelernt. Sie bilden eben überall Specialfälle jenes Princips 
psychischer Resultanten, nach welchem diese niemals die bloße Summe 
ihrer Componenten sind, und nach welchem namenüich im Gebiet der 
Gefühle die Totalge fühle als solche stets neue Gefühlselemente ent- 
halten. Die Affecte bieten hierbei nur die besondere Eigenschaft dar, 
dass bei ihnen diese Resultanten im allgemeinen in die Richtungen der 
erregenden und deprimirenden Gefühle fallen, eine Erscheinung, die 
wohl mit dem Wesen des Affects, dass er einen einheitlichen Gefuhls- 
verlauf darstellt, zusammenhängt. Indem in diesem Verlauf jeder Gefühls- 
Zuwachs irgend welcher Art steigernd auf das momentane Totalgefühl des 
Affects zurückwirkt, steigert er vor allem auch dessen erregende Compo- 
nente oder lässt sie bei Erreichung einer gewissen Intensitäts- oder Zeit- 
grenze in ein deprimirendes Gefühl übergehen. Hiermit steht noch eine 
andere, für die qualitativen Beziehungen der Verlaufsformen überaus wich- 
tige Erscheinung offenbar in naher Verbindung. Jene erregenden Totai- 
gefühle, die für viele Affecte während ihres ganzen Verlaufs, für andere 
wenigstens während eines Theiles desselben charakteristisch sind, können 
die mannigfachsten andern Gefühlsqualitäten, sowohl Lust- wie Unlust-, 
sowohl Spannungs- wie Lösungfsgefühle, als Nebencomponenten enthal- 
ten. Die deprimirenden dagegen enthalten stets nur Unlust- und min- 
destens überwiegend Lösungscomponenten, daher denn ja auch der 
Ausdruck »deprimirend« hier von vornherein schon auf den Unlustfactor 
hinweist, was bei den entsprechenden einfachen Gefühlsgegensätzen durch- 
aus nicht der Fall ist, wo vielmehr das >beruhigendec Gefühl eine ver- 
hältnissmäßig reine, nicht selten von Lust-Unlustgefühlen freie Gefühls- 
richtung sein kann. Auch diese Eigenschaft der Affecte hängt wohl 
mit dem Ineinandergreifen der Gefühle während ihres zeitlichen Verlaufs 
zusammen, indem gerade jenes Ueberspringen in die entgegengesetzte 



Affecte. 



217 



Phase, wie sie an übermächtige Intensität oder lange Dauer der Gefühle 
geknüpft ist, ihrerseits wieder den Unlustfactor in das entstehende Total- 
gefiihl hineinbringt, auch wenn der ursprüngliche Affect davon ganz frei war. 
Nimmt man auf diese Weise für die Verlaufsformen der Affecte 
zunächst das Auf- und Abwogen der Gefühle zum Maß der Unterschei- 
dung, so gewinnt man hier als zwei einander entgegengesetzte Gnmdformen 
die der »erregenden« und der »deprimirenden« Affecte. Indem ihnen 
durchaus die äußeren Affectsymptome parallel gehen, den erregenden die 
gesteigerten, den deprimirenden die gehemmten Muskelactionen , ent- 
sprechen sie zugleich der auf diese Ausdrucksbewegungen gegründeten 
Scheidung der sogenannten »sthenischen« und der »asthenischen« Affecte. 
Denkt man sich die Gefiihlsintensität in jedem Zeitmoment des Affect- 
veriaufs durch die Größe einer der Abscisse der 2^iten aufgesetzte Ordi- 
nate aui^edrückt, so würde demnach die eine jener beiden Grund- 
formen, die erregende oder sthenische, durch eine über der Abscissenlinie 
verlaufende positive, die andere, die deprimirende oder asthenische, durch 
eine unter jener liegende, negative Curve dargestellt werden können. 
Dies vorausgesetzt, lassen sich nun innerhalb jeder dieser entgegengesetzt 
gerichteten Grundformen zwei wesentlich abweichende Verlaufsformen 
unterscheiden: die eine ist der Typus der rasch ansteigenden und 
langsam abfallenden, die an- 
dere der der langsam anstei- 
genden und relativ rasch ab- 
fallenden Affecte. Fig. 326 A 
und B veranschaulichen dieselben 
für die sthenische Grundform, — 
die asthenische würde ihr, abge- 
sehen von der entgegengesetzten 
Lage zur Abscissenlinie, vollstän- 
dig gleichen. Der Typus A samt 
seinem negativen Ebenbilde ent- 
spricht allen den Affecten, die von 
einem plötzlichen äußeren Ein- 
druck ausgehen: er ist daher die 
gewöhnliche Form der eigentlichen 
Affecte, namendich der unmittel- 
baren Wahmehmungsaffecte , wie 
sie z. B. beim Anblick eines Gegen- 
standes, beim Hören einer Nach- 
richt entstehen. Auch der Zorn und der Schreck gehören hierher, wo- 
bei zugleich der erstere erregender, der zweite deprimirender Art ist. 




Flg. 326. Typische Verlanfsformen der Af- 
fecte. A rasch ansteigende, B allmählich 
steigende, C remittirende , D oscillirende 
Affecte. 



2 1 8 Vorstellangsgefühle und Affecte. 

Der Typus B entspricht dagegen jenen stimmungsartigen Affecten, die 
allmählich aus inneren Motiven, besonders aus solchen der Reflexion 
und den sie begleitenden Gefühlen hervorgehen, wie Vergnügen, Hoff- 
nung oder, mit entgegengesetzter Lage der Gefiihlscurve, Sorge, Kummer, 
Wehmuth. 

Dauert ein Affect längere Zeit an, so pflegen sich nun diese ein- 
fachen Verlaufsformen dadurch zu compliciren, dass sie nicht in einer 
einzigen Auf- und Abwärtsbewegung bestehen, sondern dass mehrfache 
Remissionen oder sogar vollständige Intermissionen des AfTects, oder 
endlich in speciellen Fällen Oscillationen zwischen entgegengesetzten Stim- 
mungen entstehen. Den ersten dieser Typen, den remittirenden, ver- 
anschaulicht die Curve C. Sie ist die Normalform eines länger dauernden 
AfTects, nur dass freilich selten die Remissionen in der regelmäßigen 
Weise erfolgen, in der es hier dargestellt ist. Vielmehr können die ein- 
zelnen AfTectanfalle unter Umständen eine sehr verschiedene Dauer haben. 
Im allgemeinen tendiren zu solchen Verlaufsformen hauptsächlich die 
Affecte von dem Typus B\ und wenn einmal ein bei seiner ersten 
Entstehung in der Form A verlaufender AfTectanfall in die remittirende 
Form übergeht, so pflegt er in den weiteren Wiederholungen der An- 
fälle die Form B anzunehmen. So kann man beobachten, dass ein 
ZornafTect oder eine plötzliche Freude nach dem Typus A beginnt, dann 
aber doch in der Form C nachklingt. Darin macht sich eben geltend, 
dass solche nachfolgende Steigerungen aus inneren Motiven hervorgehen. 
Oscillirende, zwischen Erregung und Depression auf- und abwogende 
Affecte, die dem Typus D entsprechen, sind stets in speciellen affect- 
erregenden Ursachen sowie in besonderen Gemüthsanlagen begründet. 
Wird der Affect durch äußere Wahrnehmungen erweckt, so können 
zu dieser Form solche Eindrücke Anlass geben, die zunächst relativ 
indifferente Affecte hervorbringen, von denen aus aber leicht ein Os- 
cilliren nach entgegengesetzten Richtungen stattfindet: so bei dem Uebcr- 
gang gespannter Erwartung in Hoffnung, Furcht oder Sorge. Am 
häufigsten haben jedoch oscillirende Affecte in Stimmungen ihre Grund- 
lage, die nur aus innern Motiven entspringen, und bei denen sich oft 
ein bestimmtes objectives Substrat einer solchen auf- und ab wogenden 
Stimmung nicht auffinden lässt. Darum ist der pathologische Stim- 
mungswechsel, das auf und ab zwischen Exaltation und tiefer Nieder- 
geschlagenheit, das ein häufiges Symptom geistiger Störungen ist, 
psychologisch betrachtet lediglich eine Steigerung dieses letzten, im 
normalen Leben allerdings seltensten Atfecttypus. Sie weicht dann 
freilich darin von den normal vorkommenden Erscheinungen ab, dass 



Affecte. 2 1 Q 

sich die Perioden der Oscillationen meist über eine weit längere Zeit er- 
strecken \ 

Der von der Verlaufsform zu unterscheidende qualitative Affect- 
inhalt kann nun naturgemäß, abgesehen von der Qualität der Gefühle, 
auch insofern Unterschiede zwischen den einzelnen Affecten bedingen, als 
sich die einzelnen Gefühle in ihrer absoluten oder relativen Stärke oder 
in ihrer Verlaufsform und Dauer gleichfalls abweichend verhalten. Da die 
Affecte nichts anderes als Verlaufsformen der Gefühle sind, so wird man 
dagegen von vornherein nicht erwarten dürfen, in den Affecten irgend 
welche Gefühle anzutreffen, die von den allgemeinen Grundformen der 
Gefühle oder von den sonst unterschiedenen Einzelqualitäten derselben 
verschieden und etwa den Affecten allein specifisch eigen wären. In der 
That sind solche Voraussetzungen eines specifischen Affectinhalts offen- 
bar nur Ueberlebnisse des Nominalismus der alten Vermögenspsycho- 
logie, der hinter dem Wort Affect auch sofort einen besonderen seeli- 
schen Inhalt vermuthete; oder sie entstammen jener aller Beobachtung 
widerstreitenden intellectualistischen Seelenlehre, die den Affect für eine 
bloße Folgeerscheinung der Vorstellungsbewegung hält, welche letztere, 
da sie neue dynamische Bedingungen hervorbringe, auch von einer neuen 
Gattung von Gefühlen begleitet sein müsse. Da es in Wirklichkeit gar 
keine Gefühle gibt, die nicht schon inmitten des fortwährenden Flusses 
der Affecte und Stimmungen als deren einzelne Elemente enthalten sind, 
so würde, wenn es sich jemals ereignen sollte, dass in einem Affect ein 
anscheinend neues Gefühl vorkäme, dies immer nur beweisen können, 
dass bis dahin die Gefühlsanalyse unvollständig gewesen ist. Dies schließt 
aber wiederum nicht ein, dass ein Affect nun nichts anderes als ein zu- 
fällig zusammengewürfeltes Conglomerat von einander unabhängiger Theile 
sei. Das ist er in Wahrheit ebenso wenig wie das ästhetische Gefühl, 
das ebenfalls allen seinen Componenten gegenüber ein neues ist, dabei 
aber doch so wenig wie jene Partialgefühle außerhalb der gesammten 
Mannigfaltigkeit der Gefühle liegt, wie sie nach ihren allgemeinsten 



' Die Psychopathologie bezeichnet solche Erscheinungen als »circuläre« Erkrankun- 
gea, ein Ansdrack, der die regelmäßige Wiederkehr andeutet. Dabei ergibt sich aus den 
Schilderungen dieser Erkrankungsformen, dass hier, soweit die Afiectseite des Seelenlebens 
in Betracht kommt, ebensowohl eine Oscillation im Sinne der Curve D wie eine Remission 
im Sinne von C, nur jedesmal eine länger dauernde Periodik umfassend, vorkommen kann. 
VgL die Einzehchilderangen bei Kraefelin, Einführung in die psychiatrische Klinik, 1901, 
S. 71, 124 ff. Ueberhaupt bietet die Psychopathologie für die Psychologie der Affecte ein 
reiches, durch die meist in bestimmten Richtungen hervortretende Steigerung der Erschei- 
nungen besonders werthvolles Material. Es sei in dieser Beziehung verwiesen auf Krae- 
PELIN, Psychiatrie^, Bd. i, S. 185 ff., dazu zahlreiche Einzelausfiihrungen im 2. Band des 
gleichen Werkes. Störring, Vorlesungen über Psychopathologie, S. 342 ff. P. Janet, 
Nevroses et id6es fixes, 2 vol., 1898. (Behandelt besonders affective Zustände auf hyste- 
rischer und suggestiver Grundlage.) 



220 Vorstellongsgefühle und AfFecte. 

Richtungen durch die Ausdrücke Lust-Unlust, Erregung-Beruhigung, 
Spannung- Lösung definirt wird. Dass auch beim Affect aus der Ver- 
bindung der Gefühle zu einem Verlauf neue Resultanten hervorgehen, 
dafür haben wir schon oben bei der Betrachtung der Verlaufsformen ein 
wichtiges Beispiel in der Rückwirkung der Stärkegrade der übrigen Ge- 
fühlselemente auf die erregenden und deprimirenden Gefühle kennen ge- 
lernt. Analoge resultirende Wirkungen begegnen uns aber auch sonst 
Sie treten beim Aflfect besonders darin hervor, dass ein Gefiihl durch 
seine bloße Dauer oder durch seinen mehr oder minder raschen Wechsel 
mit andern Gefiihlsinhalten neue Gefühle auslösen kann. So erweckt 
ein lange anhaltendes Spannungsgefühl regelmäßig wachsende Unlust, 
ein Umstand, der offenbar dazu verführt hat, diese Gefühle überhaupt 
zusammenzuwerfen. Umgekehrt bewirkt, wie wir schon beim Rhythmus, 
dann aber auch bei den AfTecten beobachten, welche die Aufr^ung des 
Spiels begleiten, der Wechsel von Spannung und Lösung Lustgefühle 
von oft hoher Intensität. Nie entstehen jedoch auf diese Weise Gefühle, 
die nicht wieder den allgemeinen Grundformen der Gefühle zuzuzählen 
wären. 

Unter diesen Grundformen treten nun als die dominirenden Bestand- 
theile der Aflfectinhalte unbedingt die Lust-Unlustgefühle hervor, 
die darum auch dem den Affect fortwährend begleitenden Totalgefühl 
seine charakteristische Färbung zu geben pflegen. Diese Thatsache ist 
es vor allem, der die Annahme, dass es überhaupt nur Lust- und Unlust- 
gefühle gebe, ihr Dasein verdankt. Da schließlich alle Gefühlsunterschei- 
dungen einer auf Grund der subjectiven Beobachtung der Aflfecte unter- 
nommenen Abstraction ihren Ursprung verdanken, so ist es ja begreiflich 
genug, dass eine oberflächliche Selbstbeobachtung geneigt ist, bei den- 
jenigen Gefühlsqualitäten stehen zu bleiben, die sich immer und immer 
wieder in den AfTecten zunächst der Beachtung aufdrängen, und die da- 
her auch in den AfTectbezeichnungen der Sprache allein einen einiger- 
maßen zureichenden Ausdruck gefunden haben. In der That ist es 
charakteristisch, dass, so arm die Sprache an Namen für einzelne Ge- 
fühle, so groß ihr Reichthum an Benennungen verschiedener Affecte ist 
Auch das ist begreiflich, weil in Wahrheit die thatsächlich gegebenen Be- 
wusstseinsinhalte zumeist die Affecte oder die an sie sich anschließenden 
Willensvoi^änge sind, in welche dann die Gefühle erst als ihre Bestand- 
theile eingehen. So hat denn auch die Psychologie nur die farblosesten 
dieser AfTectbezeichnungen, Lust und Unlust, ausgewählt, um die Ge- 
fühle als solche zu benennen, während sie eine spcciellere Charakteri- 
sirung einzelner diesen Richtungen angehörender Gefühlsqualitäten nicht 
anders als dadurch zu geben weiß, dass sie die AfTecte namhaft macht, 



Affecte. 2 21 

in denen die Gefühle als dominirende Bestandtheile vorkommen, — ein 
Mangel der in der Sprache zum Ausdruck kommenden Vulgärpsycho- 
logie, der bekanntlich dann wieder auf die intellectualistische Reflexions- 
psychologie, deren psychologische Analyse nicht über die Grenzen der 
sprachlichen Begriffsbildungen hinausreicht, in dem Sinne zurückgewirkt 
hat, dass man jene künstlich gebildeten Generalbegriffe Lust und Unlust 
selber nunmehr als einfache und überall gleichförmige Gefiihlsqualitäten 
ansieht. 

Betrachtet man aber den Wortvorrath, den uns die Sprache zur Be- 
zeichnung der verschiedenen Affecte zur Verfugung stellt, so zeigt derselbe, 
mit mannigfachen verschiedenen Färbungen in den einzelnen Sprachen, die, 
völkerpsychologisch von hohem Interesse, hier außer Betracht bleiben 
müssen, zwei allgemeingültige Züge: erstens gibt es, von einigen wenigen, 
eine Indifferenzlage des Gemüths ausdrückenden Wörtern, wie Erwartung, 
Ueberraschung, Verwunderung u. ähnl. abgesehen, durchaus nur Aus- 
drücke, die auf Lust- oder Unlustgefühle hinweisen; und zweitens sind 
unter den Bezeichnungen der Sprache die für die Unlustaffecte in emi- 
nentem Uebergewicht. Man nehme z. B. im Deutschen die spärliche Zahl 
von Wörtern für Lustaffecte, wie Freude, Vergnügen, Befriedigung, Ge- 
fallen, Fröhlichkeit, Ausgelassenheit, Hoffnung u. a., gegenüber der un- 
geheuren Ueberzahl von solchen für Unlustaffecte, wie Leid, Wehmuth, 
Schwermuth, Betrübniss, Traurigkeit, Kummer, Gram, Missfallen, Miss- 
verg^ügen, Unwille, Verdruss, Aerger, Zorn, Wuth, Furcht, Angst, Sorge, 
Ueberdruss, Bangigkeit, Schreck, Bestürzung, Entsetzen u. a. Dieses Miss- 
verhältniss tritt besonders auch darin hervor, dass nur ganz wenige dieser 
Wörter für contrastirende Gefühle einander gegenüberstehen, wie Freude 
und Leid, Vergnügen und Missevi^nügen, Hoffnung und Furcht. Die 
überwiegende Zahl gehört nur der Unlustseite an. Wollen wir einen dazu 
gegensätzlichen Lustaffect ausdrücken, so steht uns meist nur ein unbe- 
stinmiter Gesammtausdruck, wie Freude, zu Gebote, der als der gemein- 
same contrastirende Correlatbegriff zu einer sehr großen Zahl von Un- 
lustaffecten gebraucht wird. 

Von diesen beiden Thatsachen ist nun die erste, die ausschließliche 
Hervorhebung des Lust- oder Unlustfactors, offenbar kein Beweis dafür, 
dass alle Affecte wirklich bloß aus Lust- oder Unlustgefühlen zusammen- 
gesetzt seien. Die Sprache benennt auch hier nach demjenigen Merkmal, 
welches für das vom Affect ergriffene Subject das praktisch wichtigste ist, 
weil sich in ihm die Hauptmotive seines Strebens oder Widerstrebens am 
schärfsten ausprägen, — und das sind ohne Frage die Lust- und Uulust- 
factoren. Dass sie in keinem einzigen Affect die einzigen, und in sehr 
vielen nicht einmal die wirklich vorherrschenden sind, dies lässt sich aber 



222 Vorstellungsgefilhle und Affecte. 

schon dem Umstand entnehmen, dass die Psychologie, wo sie sich auf 
eine Classification der Affecte einließ, nicht selten andere Momente be- 
vorzugt hat. So weisen Ausdrücke, wie »überströmende« und »nieder- 
drückende«, oder »sthenische« und »asthenische« Affecte unverkennbar 
auf erregende und deprimirende Gefühle hin. Sie constituiren ja in der 
That diejenigen Factoren, die sich wegen ihres Zusammenhangs mit den 
Ausdrucksbewegungen besonders dem objectiven Beobachter aufdrängen. 
In einzelnen Affecten endlich spielen unverkennbar Spannungsgefiihle die 
dominirende Rolle. Bei der zum Affect gesteigerten Erwartung können 
hierbei die andern Gefiihlsrichtungen ganz verschwinden. In andern Af- 
fecten, wie in Hoffnung, Furcht, Sorge, treten neben den Spannungs- 
noch Lust- oder Unlustgefühle entscheidend hervor. Aber sicherlich 
fehlen solche Elemente, auch wenn sie in" der sprachlichen Bezeichnui^ 
oder in einer bloß oberflächlichen Beschreibung der Affecte keinen Ausdruck 
finden, eigentlich nirgends, so dass im allgemeinen jeder Affect in jedem 
Augenblick eine Mannigfaltigkeit von Gefühlen in sich schließt, deren 
einzelne Elemente sich jedesmal den drei Hauptdimensionen der Gefiihie 
einordnen lassen. Die jedem aufmerksamen Beobachter ohne weiteres 
aufstoßende Unmöglichkeit, die Affecte in die einfache Schablone von 
Lust oder Unlust einzuzwängen, bildet so, falls man nur anerkennt, dass 
die Affecte nicht specifische psychische Elemente, sondern Verlaufsfonnen 
von Gefühlen sind, einen zwingenden, durch die Beobachtung der objec- 
tiven Begleiterscheinungen, der Ausdrucksbeweg^ngen, unterstützten Bel^ 
fiir jene Mehrdimensionalität der Gefühle selbst. 

Die Aufgabe einer exacten psychologischen Analyse der Affecte 
würde hiernach darin bestehen, dass man im Sinne des früher in Fig. 221 
entworfenen Schemas (Bd. 2, S. 289) zunächst den typischen Verlauf einer 
bestimmten Affectform in seiner Zerlegung nach den drei Hauptcompo- 
nenten der Gefühle theils auf Grund der subjectiven Beobachtung, theils 
an der Hand der unten (c) zu erörternden respiratorischen und vasomo- 
torischen Symptome zu ermitteln suchte. Damit würden dann jene re- 
sultirenden Formen des Gesammtverlaufs der Affecte zu vergleichen sein, 
wie sie in Fig. 326 A — D zunächst auf Grund der Ausdruckssymptome 
dargestellt worden sind. Daran würde sich endlich die Analyse der haupt- 
sächlichsten Schwankungen dieses typischen Verlaufs je nach besonderen 
Bedingungen öder individueller Anlage noch anzuschließen haben. Es 
versteht sich von selbst, dass heute, wo selbst die Analyse der Gefühle 
kaum erst in Angriff genommen ist, von einer auch nur unvollständigen 
Durchfuhrung dieser Aufgabe nicht die Rede sein kann. Eis mag darum* 
genügen, hier als schematische Beispiele einer solchen, zunächst nur 
durch die Selbstbeobachtung gewonnenen Affectanalyse den Verlauf eines 



Affecte. 



223 




Erregung 
Beruhigung 



Spannung 
Lösung 




sogenannten Lust- und eines Unlustaffects, zerlegt nach den genannten 
Hauptrichtungen der Gefühle, zu construiren. Ich wähle einen möglichst 
typischen Fall des 

Aflfects »Freude«, 
wie er sehr gewöhn- 
lich durch plötzlich 
eintretende, aber 
nicht lange nach- 
dauemde Eindrücke 
ausgelöst wird, und 
als Parallelbeispiel 
einen ebenfalls auf 
einen annähernd 
momentanen Reiz 
ausgelösten Verlauf 
des Affects »Zorn« 
(Fig. 327 und 328). 
Die Curven bedür- 
fen nach dem früher 
(s. Bd. 2, S. 288) 
Bemerkten keiner 
weiteren Interpreta- 
tion. Natürlich aber 
können in den un- 
absehbar mannig- 
faltigen Fällen, die 
wir als Freude oder 
Txym bezeichnen, 
vielfache Abwei- 
chungen vorkom- 
men. Die erheb- 
lichsten unter ihnen 
dürften dann statt- 
finden, wenn der 
Affect nicht plötz- 
lich, sondern all- 
mählich, demnach 
mehr aus inneren Motiven entsteht, und wenn ein remittirender Verlauf 
(Fig. 326 C) sich entwickelt. 

Auch die zweite der oben erwähnten Thatsachen, die uns die 
Sprache in ihren AfTectbezeichnungen darbietet, das große Uebergewicht 



Fig. 327. Schematischer Verlauf eines Lostaffects: »Frende«. 



Zorn 




Erregung 
Beruhigung 



Spannung 
Lösung 




Fig. 328. Schematischer Verlauf eines Unlustaffects: >Zorn<. 



224 Vorstellnngsgefühle und Affecte. 

nämlich der Namen für Unjust- gegenüber denen für LustafTecte, darf 
natürlich nicht ohne weiteres als eine entsprechende Verschiedenheit der 
Affecte selbst gedeutet werden. Denn auf die Bildung der sprachlicheii 
Ausdrücke ist auDer den benannten Objecten auch das Interesse des Be- 
trachtenden, in diesem Fall also das Interesse des den Affect selbst Er- 
lebenden von entscheidendem Einfluss; ja es wird gerade hier, wo es sich 
um die Benennung rein subjectiver Zustände handelt, unbedingt in erster 
Linie stehen. So wenig wir daraus, dass die Farbe Blau später benannt 
worden ist als Roth oder Gelb, schlieDen dürfen, dass sie auch später 
vom Menschen empfunden worden sei, ebenso wenig ist es erlaubt, aus 
jener verschiedenen Vertheilung der Wörterzahl nach der Lust- und Un- 
lustseite zu folgern, dass die Unlustaffecte wirklich an Zahl sehr viel 
mehr und mannigfaltiger seien als die Lustaffecte. Denn gerade in die- 
sem Fall ist es augenfällig, dass zu der Beschaffenheit des unmittelbar 
erlebten Affectes selbst noch eine weitere Bedingung hinzutritt, die den 
Unlusterregungen leicht jenen Vorrang in der Sprache verschaffen kann. 
Sie besteht darin, dass die Unlustaffecte im allgemeinen länger dauernde 
und intensivere Nachwirkungen zu hinterlassen pflegen. Affecte wie 
Kummer, Sorge, Gram und ähnliche besitzen daher selbst schon den 
Qiarakter der Dauer in einem Grade, wie er der Freude höchstens bei 
pathologischen Gemüthszuständen zukommt. Aber auch der Zorn, der 
Aerger, selbst der Schreck lassen theils die Neigung zu Wiederholungen, 
theils wenigstens physische und psychische Nachwirkungen zurück, durch 
die sie das Gemüth dauernder in Anspruch nehmen. Durch alles das ist 
die mannigfaltigere Unterscheidung solcher Unlustzustände zureichend 
motivirt. Doch liegen unverkennbar in den Bedingungen, die hier die 
Dauer, Wiederholung oder Nachwirkung der Affecte begünstigen, einiger- 
maßen auch Momente, welche die Affecte selbst qualitativ und namendich 
in ihrer Verlaufsform mannigfaltiger gestalten können. Man darf also wohl 
mit Wahrscheinlichkeit schließen, dass jener Vorzug, den die Sprache den 
Unluststimmungen einräumt, theils auf der im allgemeinen intensiveren 
und dauernderen Wirkung dieser Affecte auf das Gemüth, theils aber 
auch darauf beruht, dass mit eben dieser Wirkung zugleich eine etwas 
größere Mannigfaltigkeit der Affecte selbst zusammenhängt. 

Die meisten Darstellungen der Affecte begnügen sich, entweder nach dem 
Vorbilde des Aristoteles in der Nikomachischen Ethik, mit einer Aneinander- 
reihung der Hauptformen, ohne ein bestimmtes Eintheilungsprincip zu Grunde 
zu legen. Wo aber letzteres geschieht, da sind im allgemeinen nicht psycho- 
logische, sondern ethische Gesichtspunkte maßgebend: so bei Descartes, 
Spinoza, Shaftesbury u. A. Nun ist natürlich bei dem noch bestehenden 
Mangel an exacten subjectiven und objectiven Affectanalysen an eine zureichende 



Affecte. 



225 



Classification vorläufig nicht zu denken. Immerhin können hier die Bezeich- 
nungen der Sprache als Anhaltspunkte benutzt werden. Denn die Sprache hat 
wenigstens bei den Unlustaffecten für die praktisch wichtigeren Formen Aus- 
drücke geschaffen, die, wenn man sie nach ihrer psychologischen Bedeutung 
zu ordnen sucht, von selbst eine Art von provisorisdiem System darstellen. 
Nach den obigen Bemerkungen und nach den unter den Haupttiteln in Klam- 
mer beigefügten Hinweisen bedarf demnach das folgende, zunächst dem deut- 
schen Wortschatz entnommene Schema keiner weiteren Erläuterung. 

I. Unmittelbare Lust-Unlustaffecte. 

A. Subjective Formen. 
(Snbjective GefÜhlsverschmelzongen nnd Lnst-UnlnstgefUhle vorherrschend.) 
Frende Leid 



rein subjectiv 
(Beziehung anf 
einen äußeren 

Affectreiz 
zurücktretend) 



Zwischen- 
formen 



subj ectiv-obj ectiv 

(Beziehung zu 

äußeren Affect- 

reizen 

vorwaltend) 



Wehmuth Betrübniss Kummer 

Schwermuth Traurigkeit Gram 

B. Objective Formen. 
(Objective GefUhlsassociationen, neben Lust-Unlust ErregungsgefÜhle deutlich hervortretend.] 



Vergnügen 



Gleichgültigkeit 

(Schwanken um die 

Indifferenzlage, 

mit Neigung zur 

Unlustseite) 



Missvergnügen 



\ 



subjectiver gerichtet 
(mit vorwaltender 
innerer Gefühls- 
verschmelzung) 

/ \ 

Verdruss 

Aerger 

Erbitterung 

• II. Spannungsaffecte. 
(Vorwaltend Spannungs- oder LösungsgefUhle.) 



Ueberdruss 
Ekel 



objectiver gerichtet 

(mit vorwaltender 

objectiver GefUhls- 

assimilation) 

UnwUle 
Zorn 
Wuth 



Mit Lust 

I 
Hoffnung 



Indifferent 

I 

Erwartung 

I 

Ueberraschung 

(plötzliche 

Lösung der 

Spannung) 



Freudige Ueberraschung 



WuNDT, Gnindxfige. IIL 5. Aufl. 



Mit Unlust 
Furcht 

I 

Angst 
(gesteigerte Form) 

1 

Sorge 

(Daueiform) 

Schreck 

(plötzliche mit starker Depression 
verbundene Lösung) 

Bestürzung 
(mit vorwaltender Depression' 

Entsetzen 
(mit begleitenden Erregungsgefühlen) 

15 



226 Vonteilungsgefühle nnd Affecte. 

Natürlich variiren diese Wortbezeichnungan wieder in jeder Sprache etwas 
nach den besonderen psychologischen Bedingungen. Die obige Uebendcht 
beschränkt sich außerdem grundsätzlich auf Begriffe, die »reinen Afifecten« 
entsprechen, d. h. solchen, die lediglich durch die in ihnen enthaltenen all- 
gemeinen Geftihlsrichtungen (Lust-Unlust u. s. w.), nicht durch complexe Ge- 
fühlsinhalte specifischer Art, wie ästhetische und ethische, charakterisirt sind. 
Da sich die Affectenlehre ursprünglich ganz imter dem Einfluss praktischer 
Gesichtspunkte entwickelt hat, so trifft man noch gegenwärtig nicht selten 
nicht nur Gefallen und Missfallen, sondern auch solche seelische Richtungen 
und Anlagen wie Geiz, Hochmuth, Neid, Schadenfreude u. a. unter den 
Affecten behandelt. Diesen Begriffen liegen jedoch stets complexe Geflible, 
die an mancherlei intellectuelle Motive geknüpft sind, zu Grunde. Aus 
ihnen können nun zwar sehr leicht Affecte von zusammengesetzter Beschaffen- 
heit hervorgehen, die dann regelmäßig in irgend eine der oben aufgezählten 
reinen Affectformen hineinspielen werden. Aber jene Gemüthsrichtungen selbst 
sind an und für sich noch durchaus keine Affecte, daher denn auch durch 
diese Hineinmengung von Begriffen heterogener Herkunft die psychologische 
Auffassung der Affecte selbst nur getrübt werden kann. Aehnlich verhält es 
sich mit dem Wort »Leidenschaft«, das in der älteren Litteratur zum 
Theil mit dem Affect zusammenfließt, dabei aber frühe schon die spedfi- 
sehe Färbung einer Beeinflussung der freien Willensentscheidung durch be- 
stimmte Affecte oder Strebungen angenommen hat. Dadurch lag es dann 
nahe, in diesen Begriff zugleich verschiedene Nebenbedeutungen aufzunehmen. 
So verstand man unter der Leidenschaft bald den Affect, der durch seine 
Intensität keine Ueberlegung aufkommen lässt, bald denjenigen, der durch 
seine Dauer das Gemüth beherrscht. Da beide Bedeutimgen im psychologi- 
schen wie im populären Sprachgebrauch theils verbunden sind, theib mit einander 
wechseln, so hat auch dieser Begriff wesenüich nur noch eine praktisch-psycho- 
logische Bedeutung. 

c. Vasomotorische und respiratorische Affectsymptome. 

Wichtige Bestandtheile der Affecte, die, wie oben bemerkt, auf die 
Affecte selbst je nach den besonderen Bedingungen bald verstärkend, 
bald lösend zurückwirken können, sind die physischen Begleiterscheinui^en 
derselben. Unter ihnen sind die Ausdrucksbewegungen der äußeren 
Skeletmuskeln im allgemeinen die wichtigeren. Da sie aber in ihrer 
Genese mit den Willenshandlungen einerseits und mit den Reflex- 
bewegungen anderseits eng zusammenhängen, so sollen sie uns erst im 
nächsten Capitel iCap. XVII, 3) näher beschäftigen*. Dagegen sind die 
vasomotorischen und respiratorischen Innervationsänderungen auch hier 



^ In das gleiche Gebiet gehören die Veränderungen, welche die Aflfecte auf die 
sprachlichen Functionen, Geschwindigkeit der Articulation, Wortbildung, SAtzftignng 
u. s. w., ansüben, Erscheinungen, die aber bereits in das Gebiet der Völkerpsychologie 
hinüberführen. Viele hierher gehörige Thatsachen erörtert, mit besonderem Hinblick uif 
die französische Sprache und Litteratur, B. Bourdon, L'expression des ^motions et des 
tendances dans le langage, 1S92. 



AfTecte. 



227 



bedeutsame Erscheii 



piAfTe 



inungen, die besonders wegen ihrer Beziehungen zu den 

Symptomen der in die Affecte eingehenden Gefühle von allgemeinerem 
ychologischem Interesse sind* Freilich bieten diese Symptome bei den 
AfTecten erheblich größere Schwierigkeiten als bei den einfachen Gefühlen. 
Wo jene aus ihren natürlichen Anlässen entstehen, da hindern die gleich* 
zeitigen äußeren Muskelreactionen eine irgend genauere Reglstrining von 
Puls und Athmung, Man ist darum hier im wesentlichen auf die Methode 
der willkürlichen Reproduction erlebter Affecte angewiesen. Sie 
gibt zwar muthmaßlich nur abgeschwächte Bilder der Symptome, dafür 
gestattet sie aber bei geübten Beobachtern die gleichzeitige Controle 
d urch die subjective Wahrnehmung des Aftectverlaufs. Dazu kann 
^■bmer, besonders wenn es sich um dauerndere Stimmungen handelt, noch 
^Bie Untersuchung der unoaittelbaren Nachwirkungen der Affecte hinzu- 
^Hcommen, Dagegen ist die manchmal versuchte absichtliche ohjective Er- 
zeugung von Schreck, Furcht, Zorn u. s. w. wegen der angedeuteten stören- 
len Nebenwirkungen durchaus zu verwerfen*. 

Aus den so ausgeführten Versuchen ergibt sich nun zunächst, dass 
in den plethysmographischen und respiratorischen Affectcurven je nach 
en Gefiihlsinhalten der Affecte genau dieselben Veränderungen wieder- 
ehren, die uns bei den einfachen Gefühlscurven bereits begegnet sind. 
amcntlich die Lust-, Unlust-, die erregenden und beruhigenden Gcfühls- 
»mponenten prägen sich, sobald diese Gefühle deutlich als dominirende 
Affect hervortreten, auch in der Affectcurve aus. Ein charakteristischer 
nterschied besteht aber schon darin, dass diese Gefühlssymptome nicht 
einen einzigen, in einer bestimmten Richtung zu- und abnehmenden Ver- 
lauf bilden, der dann wieder in das normale Verhalten von Puls und 
Athmung übergeht, sondern dass sie, entsprechend dem meist länger 
[dauernden und wechselnden Affectverlauf, auf- und abwogen und dabei 
eist von andern Gefühlswirkungen gekreuzt werden. Hiermit hängt 
ine zwtiic wesentliche Eigenthümlichkcit der Affectcurven offenbar zu- 
iammen. Neben den Elementarwirkungen der Gefühlscomponenten treten 
nämlich zugleich resultirendc Wirkungen auf, die mit jenen interferiren 
oder sie auch ganz verdrängen können. Nach diesen resultir enden Wir- 
kungen zerfallen die Affecte deutlich auch hier in zwei Classen, die den 
in der subjectiven Beobachtung gegebenen Grundformen der excitir en- 
den und der deprimtrenden und den entsprechenden äußeren For- 
men der sthenischcn und der asthenischen entsprechen. Beiderlei 
Affectcurven unterscheiden sich nicht nur durch die Veränderungen der 



Dai Folgende baapistchlioli n&ch den Untersuch ungen von Werner Gknt, denen 
Ruch, soweit nichts anderes ang^egeben ist, die Curvenbeispicle entnommen sind. Vgl. 
^dessen von amfangreicberen Ciirven begleitete Arbeit, Philos. Stud, Bd, 18, 1903, S. 715 ff, 



22% 



VorstellttngsgefUhle und Aflfecte. 



von den Herzbewegungen herrührenden einzelnen PulswelJen, sondern 
vor allem auch durch die Volumhöhen des Gesammtpulses , durch die 
respiratorischen Bewegungen und in gewissen Fällen durch die Beziehungen 
zwischen Puls und Athmung, Der sthenische Typus zeigt so ein mehr 
oder minder stark erhöhtes Gefäßvolum, hohe Pulscurven, kräftige, oft in 
ihrer Geschwindigkeit vermehrte und unregelmäßige Athembevvegungen, 
Der Lust- und Unlustcharakter des Affectes gibt sich daneben nur durcb 
das Steigen der Pulse im ersten, ihr Sinken im zweiten Fall zu erkennen, 
ohne dass jedoch dort, offenbar wegen der Interferenz mit der fortdauern- 
den erregenden Wirkung^ ein ähnlich auffalliges Sinken wie bei den reinen 
Unlustgefühlen zu beobachten wäre. Auch werden solche Pulssenkimgcn 
immer wieder durch erregende Wirkungen abgelöst Vor allem charakte- 
ristisch für den sthenischen Typus ist aber die Erscheinung, dass cCc 



Fig. 329. Athem- und Volumpulscunre bei emem schwachen Lust-UnliwUffect 
Bei a Uebergang der Lust- in die Unltiststimoiung. 

ganze Volumpulscurve langsame, oft ziemlich regelmäßige Wellen s^etgt« 
die übrigens von den Athmungsschwankungen ganz unabhängig sind, undl 
in deren auf- wie absteigendem Theil die einzelnen Herzpulse ihre Frequenz ] 
nicht merklich ändern. Danach gleichen diese * vasomotorischen Undu* 
lationen«, wie wir sie kurz nennen wollen, in ihrer Erscheinungsw^eise 
den aus den physiologischen Thiervcrsuchen bekannten ^Traube-Herus'G- 
sehen Wellen« (Bd. 2, S, 270). Aber ihre Bedingungen sind wahrscheinlich 
andere. Man darf sie w^ohl als Wirkungen der mit dem Aflfect verbun- 
denen centralen Innerv^ation auf die Gefäßnerven und demnach als einen 
Ausdruck des Auf- und Absteigens der Intensität des Aflectes selbst auf- 
fassen. Die Figuren 32g und 330 zeigen Beispiele dieser sthenischen 
Affectcurven. Die Fig. 329 ist ein Bruchstück aus einem gemischten, 




ajo 



Vorstell UDgigieftthle und Affecte. 



wiederholten. Hierdurch unterscheidet sich das Symptomenbild auf den 
ersten Blick von dem des einfachen Lust- oder Unlustgefiihls, wie wir es 
in Fig. 22H und 229 (Bd. 2, S, 297) kennen lernten. Die Fig, 330 gibt das 
Bild eines ebenfalls autosuggestiv, durch die Erinnerung an einen heftigen 
Wortwechsel, erzeugten Zornaffects von intensiverem Gefiihlston. Die 
beiden hier abgebildeten Curvencomplexe bilden einen zusammengehörigen 
Verlauf, indem das rechts liegende Ende der oberen Curven unmittelbar 
unten links in den Anfang der zweiten Hälfte übergeht Die Figur um- 
fasst die ersten drei Undulationen der Volumcun^e eines längeren Affect- 
verlaufs. Derselbe beginnt mit einer starke Unlust andeutenden Depression 
der Pulse. Diese steigen dann allmählich, dem subjectiv wahrgenommenen 
Wachsthum der Erregung entsprechend, indess zugleich die vasomo- 
torischen Undulationen an Höhe und Dauer wachsen» Die Athmun^; 
ist in diesem Fall verstärkt, beschleunigt und unregelmäßig, jedoch 
ebenso wie in Fig. 330 ohne sichtbaren Etnfluss auf den Puls und seine 
Oscillationen. 

In der Mitte zwischen diesen sthenischen und den asthenischen 
Formen stehen nach ihren vasomotorischen Symptomen gewisse annähernd 
momentane Affecte, wie die Ueberraschung, der Schreck u. a. Die 
Fig, 331 zeigt hier das Beispiel eines schreckhaften Affectes, das durch 



Fig. 331. Athem- und Volumpulseurv« nach emein Schreckaffect, nach LcHMAKiii. 



seine in schwachen vasomotorischen Oscillationen abklingende Nachwir- 
kung noch in das Gebiet der sthenischen Affecte hinüberreicht Das hier 
abgebildete Bruchstück entspricht dem Verlauf, der unmittelbar nach dem 
bei a einwirkenden Schreckreize eintrat: nach einer sehr kurz dauernden 



Affccte, 



231 



schwachen Erhöhung der Volumcurve und der Pulse erfolgt ein plötz- 
liches^ jedoch bald sich wieder ausgleichendes Sinken beider, worauf die 
Gemüthsbevvegung in einigen (hier nicht mehr abgebildeten) Oscillationen 
abklingt. Die Athmung ^ird kurz nach der Einwirkung des Schreckreizes 
gestört und kehrt dann langsam zur Norm zurück. Dies entspricht der 
subjectiven Beobachtung, dass solche deprioiirende Affecte, namentlich 
wenn sie von mäßiger Intensität sind, als Reaction einen Zustand der 
EiT^^ng während einer kurzen Zeit zurücklassen. 

Wesentlich abweichend verhalten sich die Symptome der astheni- 
schen Affecte, zu denen die Fig. 332 ein Beispiel gibt Sie entspricht 



Hg. 332. Athera- und Volumpulscarve in einem asthenische ti AfTect: isnrückgehÄltene 
Erbitterang mit psychischer Depression* 



einem Zustand starker, aber zurückgehaltener Erbitterung, zugleich ver- 
bunden mit allgemeiner psychischer Depression. Die Athmung ist be- 
schleunigt und flach, der Puls sehr herabgesetzt, dabei verlangsamt, und 
das Gesammtvülum gleichmäßig niedrig. Vasomotorische Undulationen 
fehlen gänzlich. Die Herzpulse sind ferner unregelmäßig, mit Rückstoß- 
elevationen im absteigenden Schenkel, und der Rhythmus der Athmung 
ist auf sie von deutlichem Einfluss, wie es beim normalen menschlichen 
Pulse niemals der Fall ist, indem auf jede Respiration zwei Pulse kommen, 
von denen der erste, meist stärkere dem Beginn der Ausathmung, der 
zweite, schwächere dem der Einathmung entspricht'. 



* Ein weiteres Beispiel einer Cnrve in einem asthenischen ^ aber qualitativ etwas 
von dem obigen abweichenden Affect (anfgeregter Zustand mit Depression verbanden) ist 
schon früher (Fig. 230, Bd. 2, S» 300) znr Erlätnternng der Rückwirknngtn des Pulses auf 
die Athmung bei dyspnoiichen Zuständen, die durch starke Gcfübkerregung bedingt sind, 
mit^etbeilt worden. In ihrem allgemeinen Charakter entsprechen sich beide Cür?eii 




232 



VorätellmigsgeniHe und Affecte. 



Fasst man diese ^ in mancher Beziehung, besonders hinsichtlich der 
specielleren Affectformen, noch der Erg^änzung bedürftigen Ergebnisse zu- 
sammen, so bieten sie unverkennbar ein Bild, das man geradezu als eine 
Objectivirung der subjectiv wahrgenommenen Affecterschci- 
nungen bezeichnen könnte. Ivinerseits zeigt der Affect stets in seinen 
Symptomen Bruchstücke der in seinen Verlauf eingehenden Gefühle. 
Anderseits aber gehen aus der resultireoden Iiinervationswirkung, die diese 
Gefuhlsreactionen hervorbringen, respiratorische und vasomotorische Ver- 
änderungen hervor, die selbst wieder bestimmten Gerühlssymptomen, 
nämlich denen der erregenden und deprimirenden Gefühle gleichen. Auch 
dies entspricht dem in der Selbstbeobachtung wie der Beobachtung der 
allgemeineren Ausdmcksbewegungen sich aufdrängenden Uebergewicht 
jener Gefühlsformen. So bieten denn die plethysmographischen Curveo 
schließlich höchst charakteristische und in einen deutlichen Gegensatz scu 
einander tretende Bilder der beiden Classen der sthenischen und der 
asthenischen Affecte, Beide enthalten, abgesehen von der gesteigerten 
BlutfuHe und HerzacHon dort, der geschwächten hier, als wichtige Theil- 
Symptome im ersten Fall die langsam auf- und abwogenden Wellen des 
Arterienvolums, im zweiten die respiratorischen Pulsschwankungen, während 
außerdem diese starke respiratorische Beeinflussung zugleich die Osdlla- 
tionen verschwinden lässt^ welche die Intermissionen der Gefühle begleiten^ 
ein Unterschied, bei dem der mehr gleichmäßige Verlauf der dauernden 
asthenischen Affecte mitwirken mag. 



Für die Untersuchung der vasoraofcoriscben und respiratorischen 
Symptome stehen selbstverständlich die gleichen objectiven Methoden zu Ge- 
bote wie für die entsprechende Untersuchung der Gefühle (Bd, 2 S, 274 C). 
Nur verdient hier der Plethysmograph wegen der stark hervortretenden Be- 
theiligung der Gefaßsymptome noch mehr als dort vor dem Sphygmographeo 
den Vorzug. Leider fehlt es bis jetzt an einer zureichenden Untersuchung der 
Athmung, namentlich mit Rücksicht auf ihre verschiedenen Theilsymptome 
(thoracale und abdominale)j was um so mehr ins Gewicht fällt, als ja, wie 
sich besonders bei den asthenischen Formen zeigt, die Affecte wohl mehr 
noch als die Gefühle durch Athmungsänderungen charakterisirt sind. 

Als der Erste hat eine Untersuchung der Affecte mit diesen Hülfsmitteln 
Mosso geplant. Doch beziehen sich seine Versuche, ebenso wie die von 
BiNET und CüURTrER und von Dumas \ fast ausschließlich auf die Wirkungen 



durchaus. Nur ist m dem früheren Beispiel, wahrscheinlich mit der stärkeren Erregungi- 
componente and der intensiveren AthemhemmütijT zusammenhängend ^ eine in Fig. 332 
etwas Zurücktretende Erscheinung mehr ausgepräirt: die Pulscurven sind abwechselnd 
Doppelpulse und einfache Pulse, von denen di:e ersteren mit der EsispiratioUi die leixte* 
ren mit der Inspiration zu^ammeufallen. 

* BiNET et CouKTiER, Ann^e psycbol.j t. 3, 1896» p. 42 ff. Dumas, Revtie philos. 
t.41, 1896, p. 577. 




Boote. 



233 






intellectueller Arbeit und der Lust- und Unlustgeftihle, ohne dass auf den 
nterschied zwischen Gefühl und Affe et Rücksicht genommen wäre. Uebrigens 
tat Mosso gelegentlich bei Thieren mit dem Cardiographen auch Versuche 
tiei Gemüthserregungen , nameütlich bei der Furcht, ausgeführt". Ein aus- 
gedehnteres Material bietet erst die sorgfaltige Arbeit von Alfr. Lehmann', 
Doch sind in ihr die Affecte nur nebensächlich berücksichtigt. Einige charakte- 
ristische Beispiele finden sich namentlich über Schreck und Furcht (Taf. XIV Z>, 
XIX v^, C, XX ^, C), erregende Affecte (Aufregung durch ein Geräusch u. dgl. 
Taf. XVm), und über einen asthenischen Aflfect (Taf. X A), 

Bei Thieren, an denen, wie oben bemerkt, schon Mosso Versuche 
ausführte, lassen sich natürlich nur einige, durch directe Reize leicht zu er- 
zeugende Affecte, wie Furcht, Schreck, Schmerz, unter den wegen der Wir- 
kungen auf die äußere Krirperbewegung gebotenen Vorsichtsmaßregeln unter- 
suchen. Ich selbst habe vor langer Zeit (1870 — 72) Versuche über solche 
Affecte bei Kaninchen unter Benutzung eines Cardiographen ausgeführt. Die 
Ergebnisse bieten namentlich zwei Abweichungen von denen am Menschen, 



J 



;hAA!\^^^. 


K\ 






^/■v, ^ 


'A^' 



Fig. 333. Cardiogramme vom Kanmcben bei AfTectcn. 

B Angst, 



A heftige Schmerzcrregung. 



deren erste mehr von physiologischem, die zweite von psychologischem Inter- 
esse ist. Erstens unterscheiden sich die Curven darin, dass, wie auch bei 
andern Thieren, z. B. dem Hunde, Respiration und Puls in viel engerer 
Wechselwirkung stehen, indem jede Respiration größere Druckschwankungen 
des Blutes erzeugt, in die dann die einzelnen Herzpulse sich einordnen, so 
dass hier die Respirationsbewegungen immer von selbst mit den Pulsbewegungen 
zusammen registrirt werden. Treten nun Affecte auf, so werden dadurch zu- 
nächst die Athmungsbewegungen verstärkt, ohne sich in ihrer beim Kaninchen 
ohnehin großen Frequenz erheblich zu ändern. Dagegen werden die einzelnen 
Herzpulse mehr oder weniger bedeutend verstärkt und verlangsamt: so wenig- 
steos bei Schreck, Angst, Schmerz. Der zweite^ höchst augenfällige und psycho- 
logisch wichtige Unterschied vom Menschen besteht in der sehr viel kürzeren 
Nachwirkung der Affectreize, Beim Menschen klingt jeder Affect in einer 



» 



' Mosso, Die Furcht, deutsche Ausg., 1889, S. 10 r ff. 

* A. Lehmahn, Die körperlichen AeiiUeniugen pa)xhischcr Zustände, deutsch von 
"A. BE2a>iX£N, Thl. I, 1899. Atlas hierzu Kapenb&gen [S9S. 



234 



VofsteUungsg^flilüe und Affecte. 



längereD, den Reiz oft erheblich überdauernden Nachwirkung ab. Am auf- 
fallendsten ist dies bei den scheinbar momentanen Afifecten, wie Ueber- 
raschnng und Sehr eck, wo sie sich in den viele Sectinden lang fortdauernden 
Oscillationen der Volumcurve verräth, aber auch subjectiv leicht tu beob- 
achten ist Davon unterscheiden sich nun durchaus die beiden in Fig, 333 
reproducirten Cardiograrame vom Kaninchen, In A bestand der Affectreiz 
in der Erregung eines sensiblen Hautnerven durch starke Inductionsschlage: 
bei dem Verticalstrich links begann die Einwirkung, bei dem ähnlichen rechts 
hörte sie auf. Fast augenblicklich nach Beginn des Reizes verändern sich 
die Cardiogramme bedeutend , die Herzpul sattonen werden verlangsamt und 
verstärkt, indess die Athmung wenig alterirt scheint Ebenso momentan, wie 
sie entstanden , schwinden aber diese Veränderungen mit dem Aufhören des 
Reizes, In B war der Affectreiz ein weit schwächerer: er bestand in einem 
leisen Klopfen auf den Tisch, einem Geräusch, das gleichwohl diese äußerst 
furchtsamen Thiere zu erregen pflegt; bei dem Kreuzchen links begann das 
Klopfen, bei dem rechts wurde es unterbrochen. Hier brauchte der Reiz 
eine kurze Zeit, um deutliche Veränderungen hervorzubringen, die diesmal in 
Beschleunigung der Athmung und Verstärkung namentlich der mit dem 
Maximum der Exspiration zusammenfallenden Herzpulse bestand. Auch hier 
schwindet aber die Affectwirkung momentan mit dem Aufhören des Affect- 
reizes. Dagegen ist schon beim Hunde, wie einige Beobachtungen von Mosso 
lehren, die Nachwirkung eine merklich längere \ Vergleichende Versuche 
dieser Art würden darum wohl ein gewisses Maß für den zeitlichen Umfang 
des Bewusstseins bei verschiedenen Thieren gewinnen lassen. 




d. Theorie der Affectc, 

Die Betrachtung der Aff^cte wird bis zum heutigen Tage durch die- 
jenigen psychologischen Theorien schädlich beeinflusst, welche die Bestand- 
theile der Affecte, die Gefühle, so viel als möglich auf Empfindungen 
oder auf complicirte intetlectuelle Vorgänge zurückzuführen suchen. Diese 
heteronomen Affecttheorien lassen sich in intellectuaUstische und in 
sensu al ist i sehe scheiden. Auch die letzteren sind übrigens insofern im 
weiteren Sinne »intellectualistisch«, als sie aus Empfindungen, also aus 
den Elementen der intellectuellen Seite des Seelenlebens, die Affecte ab- 
leiten. Von diesen beiden Auffassungen ist die erste, die inteUectualisti- 
sche in der engeren Bedeutung des Wortes, wieder in zwei verschiede- 
nen Unterformen aufgetreten. Die eine ist die logische Affecttheorie. 
Sie besteht im wesentlichen in der Auflösung des Affects in die nach- 
träglich über ihn möglichen Reflexionen. So ist der Scholastik der Wll- 
lensvorgang ein »Schlüsse, ein »Syllogismus practicus*, und dem ent- 
sprechend ist ihr der Affect ein *Urtheil<. Sie gründet diese Ansicht 
auf die Thatsache, dass wir uns im AA'ect »über etwas freuen«, dass 



* Mosso, Die Furcht, S. 105. 




I 



wir »über etwas erzürnt sind« u. s* w. Eine solche Beziehung unseres 
Bewusstseins zu einem objectiven Sachverhalt soll deshalb ein Urtheil 
sein, weil dabei dem als Subject gedachten Gegenstand ein Pradicat, 
nämlich eben das Pradicat * erfreulich < , »erregend« u* dergL beigelegt 
werde. Der Fehler dieser Reflexionspsychologie springt in die Augen. 
Den AfFect selbst irgendwie zu beobachten, vermeidet sie: statt dessen 
zerlegt sie ihn in die Begriffe, die eine nachträgliche Reflexion an ihm 
auffindet Da sie aber an der unmittelbaren Beobachtung der Affecte 
achtlos vorübergeht, so bezieht sich eine solche Reflexion besten Falls 
auf die Begriffe, welche die Sprache mit den verschiedenen Wörtern 
wie Freude, Zorn, Schreck u. dergl. verbindet Noch häufiger besteht sie 
in leeren Wortumschreibungen: so z. B. wenn die »Freude* ein Urtheil 
über einen lusterregenden, oder der »Zorn« ein solches über einen miss- 
fälligen Gegenstand genannt wird. Die zweite intellectualistische Theorie 
lässt sich kurz als die associative bezeichnen. Sie führt die Affecte 
entweder auf die qualitativen Inhalte der durch einen Eindruck oder 
eine spontan entstandene Vorstellung angeregten Vorstellungsassociation 
zurück: so itn allgemeinen in der älteren, übrigens noch heute zahlreiche 
Anhänger zählenden Assoctationspsychologie. Oder sie leitet dieselben 
vornehmlich aus den formalen Eigenschaften des Vorstellungsverlaufes 
ab: so in der Herbart' sehen Theorie des VorsteUungsmechanismus, die 
in erster Linie in der Beschleunigung oder Hemmung der Vorstellungen 
und in den hierdurch erzeugten Gefühlen das Wesen der Affecte sieht. 
Die erste, qualitative Form dieser associativen nähert sich meist wieder 
der logischen Theorie, von der sie sich nicht selten ansehnliche Bestand- 
theile aneignet Die zweite, dynamische Form verräth darin, dass sie in 
den Verlaufsforraen der Affecte wesentliche Eigenschaften derselben er- 
kennt , immerhin eine richtige psychologsiche Beobachtung. Nur wird 
freilich bei ihr die Unbefangenheit dieser Beobachtung stark durch die 
von vornherein den Erscheinungen gewaltsam aufgezwungenen Hypothesen 
beeinträchtigt 

Leiten alle diese Theorien die Affecte aus Momenten ab, die mit 
den wirklichen Vorgängen entweder überhaupt nichts zu thun haben oder, 
wie die Vorstellungsbewegungen, secundären Charakter besitzen^ so nimmt 
nun die sensu a listische Affecttheorie umgekehrt die elementaren Be- 
gleiterscheinungen der Affecte im Gebiet der Empfindungen, namentlich 
der Organ- imd Muskelempfindungen, zum Ausgangspunkt. Diese Em- 
pfindungen, wie sie bei den dauernden, insbesondere den pathologischen 
Affectdispositionen aus centralen oder peripheren Empfindungsstörungen 
(Anästhesien > Hyperästhesien) hervorgehen, bei vorübergehenden Affec- 
ten aber als Begleiter der Ausdrucksbewegungen auftreten, sollen die 




236 Vöratcllvmgsgefulile und Affeete. 

EmpfindungsgTundlagen der Affecte selbst sein, sei es dass die Tast- oder 
Organempfinduögen unmittelbar als die für den Affect charakteristischen 
»Gefühle«, sei es dass sie als die Träger des entsprechenden Gefiihlstoncs 
angesehen werden. Diese Theorie hat unleugbar das Verdienst, ein 
Moment zur Geltung gebracht zu haben, welches zwar von aufmerksamen 
Beobachtern niemals übersehen ^ jedoch von den Vertretern der intel- 
lectualistischen Theorien vollständig in den Hintergrund gedrängt worden 
war, nämlich die oben erwähnte verstärkende Rückwirkung der Ausdrucks- 
bewegungen und theilweise auch der vasomotorischen und respiratorischen 
Symptome auf die Aftecte. Aber darum nun den Affect selbst als eine 
Summe von Muskel- und Organempfindungen oder als Wirkung einer 
vasomotorischen Innervationsänderung zu definiren, das bleibt gleichwohl 
eine völlig willkürliche Hypothese, die weder mit dem wirklichen Eintritt 
und Verlauf dieser Begleiterscheinungen noch mit den Thatsachen der 
Selbstbeobachtung übereinstimmt. Was sich bei der experimentellen Ana- 
lyse der objectiven Aftecterscheinungen immer und immer wieder deutlich 
herausstellt^ das ist die Thatsache, dass sich der Affect subjectiv schon 
vollkommen deutlich nach Richtung und Qualität kundgibt, wenn eben 
erst die physischen Symptome sich leise zu regen beginnen, in einem 
Stadium also, wo die vasomotorischen Erscheinungen und die äußeren 
Bewegungsreactionen, wenn überhaupt vorhanden, jedenfalls zu gering 
sind, uoi eine derartige Causalbeziehung zum Affect annehmen zu lassen. 
Dies um so mehr, als viel intensivere physische Veränderungen gleicher 
Art ohne jede Spur einer Gefühls- oder Affectänderung vorkommen 
können. Zweitens ist die Theorie absolut außer stände, von den eigen- 
thümlichen qualitativen Unterschieden der Affecte, wie sie sich in der 
subjectiven Beobachtung darbieten, auch nur entfernt zureichende Rechen- 
schaft zu geben* Dass erregende Affecte, wie jubelnde Freude, Auf- 
regung, Zorn qualitativ nahe übereinstimmende Ausdruckssymptome dar- 
bieten können, ist bekannt; das nämliche gilt von deprimirenden, wie 
Wehmuth, Kummer, Angst, Sorge. Die einzelnen Affecte zeigen gleich- 
wohl in jeder dieser beiden Gruppen so tief greifende Unterschiede, dass 
auch nicht entfernt davon die Rede sein kann, zwischen den äußeren 
Symptomen und den Gemüthsbewegungen selbst irgend einen Parallelis- 
mus anzunehmen. Das schließt natürlich nicht aus, dass nicht jeder 
Affect, wenn man alle ner\^ösen Veränderungen j die ihn begleiten« die 
äußerlich erkennbaren und die nicht erkennbaren, zusammennehmen würde, 
auch nach seiner physischen Seite eindeutig charakterisirt w^äre. Wohl 
aber ist es im höchsten Maße zweifelhaft, ob es sich auch hier jemals 
um etwas anderes als eben um Begleiterscheinungen handelt, bei denen 
dem Physischen ebenso wenig gegenüber dem Psychischen wie diesem 




I 



gegenüber jenem ein zeitlicher Vorrang zukommt. Nicht darin besteht 
daher die Willkürlichkeit der sensualistischen Hypothese, dass sie über- 
haupt regelmäßige physische Correlate annimmt, sondern darin ^ dass sie 
denselben eine einseitige Richtung zuschreibt. In dieser Voraussetzung 
liegt die heimliche Metaphysik, die hier die unbefangene psychologische 
Beobachtung zu verdrängen sucht. Drittens endlich lässt sich als eine 
Art experimenteller Gegenprobe die Thatsache anführen, dass, wenn 
man ii^end welche mimische Bewegungen, die starke Affecte ausdrücken, 
durch periphere elektrische Reizung der Muskeln erzeugt, allerdings manch- 
mal ganz schwache, associative Erregungen von Gefühlen auftreten können, 
die den entsprechenden Affectinhalten verwandt sind, eine Erscheinung, 
die ja innerhalb der Grenzen ^ in denen sie vorkommt, mit der oben 
erwähnten verstärkenden Rückwirkung der Ausdrucksbewegungen auf die 
Affecte übereinstimmt. Von einer wirklichen Erzeugung der Affecte auf 
diesem W^e kann aber absolut nicht die Rede sein, obgleich, wenn die 
sensualistische Theorie Recht hätte, bei den starken auf solchem Wege 
zu erzeugenden Muskelspannungen außerordentlich heftige Affecte ent- 
stehen müssten. 

Wenn wir nun gegenüber diesen Erklänmgsversuchen die oben dar- 
gelegte Auffassung, nach der jeder Affect ein zusanmienhängcnder Ge- 
fühlsverlauf ist, die emotionale Theorie der Affecte nennen können, so 
bietet diese zunächst den Vorzug dar, dass sie eigentlich überhaupt keine 
Hypothese erforderlich macht, da sie lediglich eine Beschreibung des bei 
jedem Affect vorliegenden Thatbestandes selbst ist. Dass in jeden Affect 
^^Gefdhle eingehen, und dass diese, dagegen nicht oder höchstens indirect 
^■die begleitenden Vorstellungen, den Charakter des Affects bestimmen, dies 
scheint mir eine so augenfällige Thatsache der unmittelbaren Beobachtung 
Bzu sein, dass eben nur eine durch logische oder metaphysische Vorurtheile 
^getrübte Beobachtung das zu verkennen oder, falls die Thatsache selbst 
zugestanden wird, nach weiter zurückliegenden Ursachen zu suchen ver- 
mag. Dass nicht jeder beliebige Gefühlsverlauf, sondern nur ein solcher, 
der einen Zusammenhang der Gefiihle und in einem gewissen Maße darum 
ihre Verbindung zu einer neuen psychischen Einheit enthält, ein Affect 
genannt wird, darauf weisen uns schon die Bezeichnungen der Sprache 
hin, in der sich alle jene einheitlichen BegrifTe^ wie Freude, Leid, Zorn, 
Kummer u. s, w., offenbar unter diesem Eindruck des Zusammenhangs 
der constituirenden Gefühle ausgebildet haben. Dass aber diese Grenze 
eine flieOende sein muss, ist nicht minder verständlich. Können doch hier 
unsere Unterscheidungen und Classificationen immer nur einigermaßen 
willkürlich sondern, da die psychischen Vorgänge selbst überall zusammen- 
igen und in einander übergehen. Gerade dieser Umstand, dass unsere 



238 VontellnngsgefUhle and Affecte. 

Unterscheidungen immer zugleich Abstractionen sind, gibt aber den zu- 
sammengesetzteren Vorgängen eine unmittelbarere Realität als den ein- 
facheren. Wie die Vorstellungen realer sind als die Empfindungen, und 
die Zusammenhänge der Vorstellungen wieder realer als isolirt gedachte 
Vorstellungen, so ist auch der Affect realer als das Gefühl. Fassen wir 
den BegriflT des Affects in seiner weitesten Bedeutung, so gibt es daher 
eigentlich nur AflTecte von mehr oder minder vollständigem Verlauf und 
von größerer oder geringerer Intensität, nicht isolirte Gefühle. 

Wird der Affect als ein Verlauf von Gefühlen anerkannt, so trifft nun 
aber auch die Theorie desselben im wesentlichen mit der Theorie der 
Gefühle zusammen. Jene »Reaction der Apperception auf das einzelne 
Bewusstseinserlebniss«, die wir schließlich in jedem Einzelgefühl erkann- 
ten, sie macht durchaus auch das Wesen des Affectes aus; — nur dass in 
ihm diese Reaction sich vollständiger entwickelt und über einen Zusammen- 
hang von Bewusstseinsvorgängen hinüberreicht, der, wenn der AfTect als 
Reaction auf bestimmte äußere Einwirkungen oder deren Reproductionen 
im Bewoisstsein eintritt, mit einem scharf bestimmten Anfangsgrefühl be- 
ginnt. Auch die physiologischen Begleiterscheinungen der Affecte ent- 
sprechen diesem Zusammenhang: sie sind, wie die Ausdruckssymptome 
der Gefühle, auf die erregenden und hemmenden Innervationen zurück- 
zufuhren, die von dem Centralgebiet aus, das wir als physiologisches 
Substrat der Apperceptionsvorgänge postuliren müssen, den vasomoto- 
rischen, den respiratorischen und den bei den mimischen und pantomi- 
mischen Affectäußerungen betheiligten Centren zugeführt werden. In diesem 
complexeren Sinne können wir daher auch die Affecte als »Reflexe des 
Apperceptionscentrums« betrachten. Die intensive und extensive Steigerung, 
die sie im Vergleich mit den Ausdruckssymptomen der einzelnen Gefühle 
darbieten, ergibt sich dann einerseits aus der Summation der Wirkungen, 
die aus der Verbindung der Gefühle zu einem Affectverlauf entsteht, 
anderseits aber auch aus dem Umstände, dass sich nun, der Verbin- 
dung der Gefühle entsprechend, im Affect ein zusammenhängender Vor- 
stellungsverlauf entwickelt, der specifische, dem einzelnen Gefühl in der 
Regel fehlende Ausdrucksbewegungen hervorbringt, die sich direct auf 
diese Vorstellungsinhalte beziehen. Diese Vorstellungsäußerungen der 
Affecte bilden so bereits den Uebergang zu den äußeren Willens- 
handlungen, von denen sie unter Umständen objectiv nicht zu unter- 
scheiden sind. Nach allem dem gilt schließlich rücksichtlich der causalen 
Beziehungen der Affectäußerungen zu ihren psychischen Correlatvorgängen 
dasselbe, was schon fiir die Beziehungen der physischen Symptome der 
Gefühle zu den Gefühlen selbst gilt. Alle diese Erscheinungen sind im 
wahren Sinne des Wortes Begleiterscheinungen, und es besteht ebenso 



Affecte 



239 



I 



wenig ein Recht, die Ausdrucksbewegungen als secundäre Wirkungen 
psychischer Affectinhalte^ wie umgekehrt diese als Wirkungen jener an- 
zusehen- Beide gehören zusammen, und in diesem Sinne ist daher der 
Afifect so gut wie das Gefühl ein psychophysischer, kein rein psychi- 
scher Vorgang. Immerhin muss hervorgehoben werden, dass die peri- 
pheren physischen Begleiterscheinungen der Affecte zumeist deutlich 
später hervorzutreten pflegen als die Be\MJSstseinsänderungen* Von den 
beiden einseitigen Auffassungen, von denen die eine die psychische, die 
andere die physische Seite des Affects zum primum movens desselben 
macht, hat also die erste die unmittelbare Erfahrung mehr auf ihrer Seite. 
Da aber die nächsten centralen Innervationsänderungen jenen äußeren 
Affectsymptomcn jedenfalls vorausgehen, so spricht alles dafür, dass der 
Afifect ein psychophysischer Vorgang im obigen Sinne ist, vor andern 
nur dadurch ausgezeichnet, dass er in Folge des Ineinandergreifens der 
an ihm betheiligten Factoren in hohem Grade die Eigenschaft der Selbst- 
stcigerung besitzt*. 

Die Psychologie der Afifecte hat mit der classischen Schildening, die 
Aristoteles in der »Nikomachischen Ethik* von den > ethischen Tugenden« 
gegeben, ihren Anfang genommen. Flir den praktischen Standpunkt einerseits 
und die intellectualistische Betrachtungsweise anderseits, die diese Lehre bis 
in die neueste Zeit beherrschte, ist jenes aristotelische Werk lange Zeit maß- 
gebend geblieben. So namentlich auch in der Psychologie des 17, und 18. Jahr- 
hunderts, in der zwar allmählich eine sorgfältigere Beschreibung der einzelnen 
Affecte hervortritt, aber immer noch unter der Vermengung mit logischen 
und ethischen Gesichtspunkten leidet. Als anerkennenswerthe Schilderungen 
aus der noch von der VennÖgenspsychologie beherrschten I.itteratur sind 
namentlich Kants Anthropologie und Maass' > Versuch über die Leiden- 
schaften « hervorzuheben *. Der Versuch einer elementaren Analyse der psychi- 
schen Vorgänge,, mit dem sich zugleich die Tendenz einer rein psychologischen 
Behandlung verbindet, begegnet uns auch hier erst bei Herbart, bei dem 
nur leider metaphysisclie Vorurtheile und die einseitig intellectualistische Rich- 
limg störend sich einmengen^, daher denn auch hier manche seiner Anhänger 
einen selbständigeren Weg einschlugen und namentlich den schon von Kakt 
stark betonten Ausdrucksbewegungen eine größere Bedeutung einräumten*. 
Mehr als Hekbart suchte im ganzen Bknek£^ der Eigenart der Affecte 
gegenüber den Gefühlen wie dem V orst eil ungs verlauf gerecht zu werden. 
Aber seine tmklare Theorie der * Elementar vermögen« und der emptindlich 



' Vgl. 2u obigem Cap. XI, Bd, 2, S. 357 ff,, sowie die im nächsten Cipitel (3) fol- 
gende Erörtening der Ausdrucksbewegungen. 

' Kant, Acthropologie, 3. Buch, S, 72 ff, Maass, Versuch über die Leidenschaften, 
1805 — 7, 2 Thle, Vgl, dtiu die eingehende Darstellung der sonstigen Arbeiten auf diesem 
Gebiete bei Max Dessojr. GeBchichtc der neueren deutschen Psychologie'^ Bd. i. 

3 Herbart, Psychologie uls Wissenschaft, 2. Tbl. Werke Bd, 6, b. 97 ff, 

♦ Nahlowskv, Das Gefühlsleben^, 1884, S. 80. 

* Bekeke, Psychologische Skizzen, Bd. i, 182$, S. 156 ff. 



240 



Vorstellnng&geflihte und Afiecte. 



hervortretende Mangel einer zureichenden Scheidung der allgemeinen Affectc 
von ganz concreten complexen Seelenzu ständen, wie Freundschaft, Vaterlands- 
liebe u. derghj lässt es bei ihm zu einer einigermaßen befriedigenden Unter* 
suchung nicht kommen. 

Indem in der neuesten EntM-ickelung der Psychologie diese Scheidung 
nicht minder wie der Grundsatz der Ausschaltung ethischer und praktischer 
Gesichtspunkte aus der psychologischen Untersuchung zur Anerkennung gelangt 
ist, sind mm um so schärfer in diesem Fall jene in ihren Grundlagen schon 
aus älterer Zeit überkommenen Richtungen der intellectualistischen^ sensualisd- 
schen und emotionalen Theorie hervorgetreten. Unter ihnen wird die iniel- 
lectualistische in ihrer logischen, stark an die scholastische Psychologie er- 
innernden Form gegenwartig hauptsächlich von Franz Brentano und seiner 
Schule vertreten. Sie schließt sich eng an des Thomas von Aquino fiir seine 
Zeit bedeutende, aber zu der unbefangenen psychologischen Beobachtung im 
schärfsten Gegensatz stehende Affectenlehre an. Denn mehr noch als ihr 
aristotelisches Vorbild fälscht diese scholastische Psychologie Thatsachen durch 
logische Reflexionen, die nicht bloß mit jenen vermengt werden, sondern ihnen 
als »anticipationes mentis« vorausgehen, so dass hier an Stelle der wirklichen 
Erlebnisse nur die Reflexion über sie übrig bleibt, tmd. dem so reflectirenden 
Psychologen seihst nicht selten die Fähigkeit unbefangener psychologischer 
.Beobachtung abhanden kommt. Die scholastische Methode in dieser ihrer 
Anwendung auf Psychologie lässt sich daher als ein Versuch definiren, die 
Psychologie durch die Logik zu absorbiren^ und die psychologische Beobach- 
tung durch eine reflectirende Begriffsanalyse zu verdrängen ^ wobei daim im- 
verraeidlich eine solche Begriflfsanalyse vielfach nur in einer Analyse der Be- 
deutungen besteht, welche die Sprache mit den VVörtern verbindet, oder auch 
derjenigen Bedeutungen, die der reflectirende Logilcex ihnen beilegt. Da Wör- 
ter wie Freude^ Leid, Furcht, Schreck u. s* w. die Beziehung auf ein Object ein- 
schließen, so wird demnach allgemein das Urtheil über einen objectiven Eindruck 
als die Grundlage des Atfects bezeichnet, imd darin zugleich sein Unterschied 
von dem sinnlichen Gefühl gesehen, bei welchem umgekehrt der Sinneseindruck 
zunächst vorhanden sein soll, um dann erst zum Gegenstand unserer Beurtheilang 
gemacht zu werden*. Dass diese l^nterscheidimg zwischen Gefühl und Affect 
eine künstliche ist, die den wirklichen l'hatsachen gegenüber nirgends stand- 
hält, und dass das »Urtheil*, das hier in den Anfang des AÖectes verlegt 
wird, nicht in diesem, sondern nur in der Interpretation des reflectirenden 
Psychologen existirt, braucht nach allem Vorangegangenen kaum noch bemerkt 
zu werden. Diesem Scholasticismus gegenüber bleibt in der That die Theorie 



* C. SiTMPF, Ueber den Begriff der Gcmüthsbewegiing, Zdtscbr. ftlr Psychologie, 
Bd, 21, 1899, S. 47 flf. Gegen die Auffassung de-i AtTects als eines Gefühls verlauf» be- 
merkt Six'Mpf: »Ich wiisste nicht, wiefern ein Schrecken, der in einer Secnnde vorbei 
sein kann, verschiedene Stadien nnterscheiden ließe, vorausgesetzt dass wir nur das Psy- 
chi^iche doran ins Auge fassen«. 1^. Si^ AnmJ Dazu bemerke ich^ dass ich noch niemals 
einen Scbrcckafrect beobacbtet habe, der wirklich in einer Secnnde vorübcrgewese ö wäre« 
und der nicht in einem sehr bemerkbaren, oft ziemlicli lange dauernden Gefühls verlauf 
nachgewirkt hätte- Ich bin daher geneigt zu glaahen, dass Stimif diesen Affect niemals 
selbst sorgfältig beobachtet, sondern dnss er sich eben damit begnügt hat. Über die dem 
Wort »Schreck* gewöhnlich beigelegte Bedentung »momentaner AfFecl« zu rcflectiren. 
D&raus iit ibm vielleicht nicht einmal ein Vorworf 2a machen. Denn dies Verfahren ist 
eben eine nothwendige Conseqneiu der von Ihm befolgten Metliode. » 




Affecte. 



241. 



Herbarts immer noch ein Meisterstück psychologischer Beobachtungskunst. 
Sie hat wenigstens die tiefgreifenden Veränderungen des Vorstellungsverlaufs 
und die Rückwirkungen, die dieser auf den Gefühlsinhalt des AfFectes ausübt, 
richtig erkannt und jene Einmengung nachträglicher logischer Reflexion, die 
der Tod jeder wirklichen psychologischen Beobachtung ist, ferngehalten. 
Freilich hat sie auch hier die primäre Bedeutung der Gefühle verkannt und 
die wichtige symptomatische wie rückwirkende der Ausdrucksbewegungen, die 
doch schon Kant zutreffend hervorgehoben hatte, beinahe ganz vernachlässigt. 
Gegenüber diesem einseitigen Psychologismus der HERBART'schen Lehre 
macht nun die s ensual ist i sehe Theorie umgekehrt die physischen Symptome 
zu den primären, den psychischen Inhalt der Affecte zu einer secundären 
Wirkung derselben. Dabei werden dann bald die vasomotorischen Innervations- 
änderungen*, bald die mimischen und pantomimischen Erregungen in den 
Vordergrund gestellt'*. Beiden Auffassungen bleibt gemeinsam, dass die Af- 
fecte im wesentlichen als Organempfindungen mit daran gebundenen Gefühlen 
gedeutet werden, die zunächst in peripheren Bedingungen des Nervensystems 
ihren Ursprung haben sollen. Abgesehen von der radicalen Fassung, in der 
C. Lange und W. James die Theorie vertreten, kommt dieselbe übrigens auch 
noch in den mannigfachsten Uebergängen zur emotionalen Theorie vor. 
Hierher gehören namentlich die Auffassungen von Th. Ribot^, Lehmann*, 
Ch. FfiRÄ^, O. KClpe^, J. Rehmke^, M. Giessler^, S. Exner^. Auch die 
evolutionistische Auffassung Herbert Spencers^ ° berührt sich, indem sie die 
Momente der Entwicklung wesentlich auf die physische Seite verlegt, nahe 
mit diesen Theorien. Auf der andern Seite hat unter den neueren Psycho- 
logen namentlich Fr. Jgdl" die Zusammengehörigkeit der physischen und der 
psychischen Symptome in einem Sinne betont, der mit der oben entwickelten 
Auffassung im wesentlichen übereinstimmt'''. 



* C. Lange, Ueber Gemüthsbcwegungen, 1885. 

^ James, Psychology, vol. 2, p. 442 ff. Psychological Review, vol. i, 1894, p. 516. 

3 Th. Ribot, Psychologie des sentiments, 1896. 

^ Lehmann, Die Hauptgesetze des menschlichen Gefühlslebens, 1892. 

^ Ch. F^e, La pathologie des ^motions, 1892. 

^ O. KÜLPE, Giundriss der Psychologie, 1893, S. 333. 

^ Rehmke, Zur Lehre vom Gemüth, 1898, S. 105. 

8 M. Giessler, Die Gemüthsbewegungen und ihre Beherrschung, 1900, S. 13, 37 if. 

9 ExNER, Entwurf zu einer physiol. Theorie der psychischen Erscheinungen, Bd. i, 
1894, S. 207. 

^** H. Spencer, Psychologie, deutsche Ausg. Bd. 2, 1886, S. 610 ff. 

" Fr. Jgdl, Psychologie», Bd. 2, 1903, S. 358 ff. 

** Au5 der ziemlich reichen Litteratur über die Theorien von James und Lange 
seien hier noch angeführt Gardiner, Phil. Rev. vol. 8, 1896; p. 102. Irons, ebend. vol. 6, 
1897, p. 242 ff. Lipps, Göttingische gel. Anzeigen, 1894, S. 98. Stumpf, Zeitschr. f. Psych. 
Bd. 21, 1899, S. 63 ff. WuNDT, Zur Lehre von den Gemüthsbewegungen, Philos. Stud. 
Bd. 6, 1891, S. 344 ff. 



WuNDT, Gnmdzüge. Ilf. 5. AuH. l5 



2 4 2 Willens Vorgänge. 

Siebzehntes Capitel. 

Willensvorgänge. 

I. Begriff und Eigenschaften der Willensvorgänge. 

a. Begriff des Willens. 

In keinem Gebiet der Psychologie spielt wohl die Neigung, Aussagen 
über den Inhalt seelischer Vorgänge nicht auf diese selbst, sondern auf 
irgend welche populäre oder philosophische Anticipationen zu stützen, 
eine größere und verhängnissvollere Rolle als in der Lehre vom Willen. 
Schon in dem Begriflf, den wir unmittelbar mit dem Wort »Wille« zu 
verbinden geneigt sind, prägt sich dies deutlich aus. Während niemand 
daran denkt, in Ausdrücken wie Vorstellung, Empfindung u. dergl. etwas 
anderes zu sehen als eine abstracte Generalbezeichnung für eine Menge 
von einzelnen Thatsachen, die überall nur als concrete Einzelinhalte des Be- 
wusstseins vorkommen, und von denen vielleicht keiner dem andern völlig 
gleicht, ist man geneigt, in dem ^ Willen« eine allgemeine seelische Kraft 
zu sehen, die mindestens in jedem Individuum immer dieselbe sei und 
den sonstigen einzelnen Vorgängen des Bewusstseins gewissermaßen als 
ein selbständiges Wesen gegenüberstehe. Es wird später, nachdem wir 
erst die Willenserscheinungen im einzelnen analysirt haben, am Platze 
sein, auf diese und andere Annahmen über die Natur des Willens näher 
einzugehen. Einstweilen aber wollen wir von allen solchen Anticipationen 
und Associationen, die das Wort >W^ille« anzuregen pflegt, völlig abstra- 
hiren. Wir wollen es versuchen, die einzelnen Vorgänge, die wir unter 
den Namen »Wille« und »Willenshandlung« zusammenfassen, so zu be- 
schreiben, wie wir sie unmittelbar erleben, nicht anders als wenn es sich 
nicht um die Beschreibung dieser, wie SciiorENHAUER meinte, uns aller- 
vertrautesten und bekanntesten, sondern als wenn es sich um die einer 
neuen, noch niemals näher beobachteten Erscheinung handelte. Da er- 
gibt sich denn als nächste Antwort auf die Frage, was denn eine solche 
Willenshandlung sei, vor allem die, dass ein abstracter »Wille«, der 
immer und überall derselbe wäre, überhaupt nicht existirt, sondern dass 
es immer und überall nur ein concretes, einzelnes Wollen gibt. Was 
wir aber bei einem solchen einzelnen Wollen stets in uns wahrnehmen, 
das ist ein Gefühls verlauf, der zugleich mit einem mehr oder weniger 
deutlichen Empfindungs- und Vorstcllungsvcrlauf verbunden ist. Dabei 
ist dieser Verlauf ein in sich zusammenhängendes Geschehen, weshalb 



Begriff und Eigenschaften der Willensvorgänge. 243 

denn auch jeder einzelne Willensvorgang als eine relativ geschlossene 
seelische Einheit erscheint. Natürlich soll übrigens dies Wort »Gefiihls- 
verlauf« nicht bedeuten, dass jeder Willensvorgang eine besonders lange 
Zeit in Anspruch nehmen müsse, und dass in ihm stets eine größere 
2^hl wechselnder Gefühlsmomente enthalten sei. Darin finden sich viel- 
mehr offenbar ebenso große Unterschiede, wie etwa in der Zusammen- 
setzung einer Vorstellung. Nur dies steht fest, dass ein Willensvorgang 
niemals ein momentaner Act ist, und dass er in der kürzeren oder 
längeren Dauer, die er in Anspruch nimmt, immer einen Gefiihlswechsel 
einschließt. 

Nun ist es augenfällig, dass diese Beschreibung eines Willensvorganges 
vollständig mit der eines AfTectes, wie sie im vorigen Capitel g^eben 
wurde, zusammenfällt, dass wir also nach ihr berechtigt sein würden, die 
Willensvorgänge als eine Classe von Affecten zu definiren. Zugleich 
muss sich aber diese Classe vor den andern, gewöhnlich im engeren 
Sinne sogenannten Affecten durch Eigenschaften auszeichnen, die diese 
Sonderstellung rechtfertigen und es daher begreiflich machen, dass die 
Zusammengehörigkeit von Wille und Affect herkömmlicher Weise so ganz 
übersehen zu werden pflegt. Ist doch die Praxis bekanntlich gewohnt, 
»Handlungen aus Affect« und > Willenshandlungen« als specifisch ver- 
schiedene Arten menschlichen Thuns einander gegenüberzustellen. Den- 
noch überzeugt eine eindringendere psychologische Beobachtung, dass 
diese Gegenüberstellung, wenn sie nicht bloß eine auf den ersten Anlauf 
brauchbare Art- und Gradunterscheidung an sich verwandter Vorgänge, 
sondern einen specifischen Gegensatz bedeuten soll, auf einem doppelten 
Irrthum beruht: erstens auf dem Irrthum, als ob Willensvorgänge auf rein 
intellectueller Grundlage, also von völlig gefiihlsfreier Natur überhaupt 
existirten, und zweitens auf dem andern, als ob nur solche Verlaufs- 
formen, die sich durch besonders intensive, mit Ausdrucksbewegungen 
verbundene Gefühle auszeichnen, wirkliche Affecte seien. Die erste dieser 
Annahmen ist, wie schon eine oberflächliche Selbstbeobachtung lehrt, 
völlig unhaltbar. Wir können etwas nicht wollen, ohne dass irgend ein 
Antrieb dazu, ein sogenanntes Motiv existirte. Motive ohne Gefühle gibt 
es aber nicht Selbst Kant, der den moralischen Werth einer Willens- 
handlung gerade darin erblickte, dass sie ohne jeden Antrieb der Lust 
oder Unlust, aus reinem Gehorsam gegen das Sittengesetz erfolge, sah 
sich doch hinterher genöthigt, ein specifisches »moralisches Gefühl« zu 
constniiren*. Wie ein Willensvorgang ohne Gefühle eine inhaltleere 
Fiction ist, so lässt sich aber auf der andern Seite die Einschränkung des 



* Kant, Kritik der praktischen Vernunft, Ausg. von Rosenkranz, S. 200. 

i6* 



244 Willensvorgänge. 

Begriffs »Affect« auf die starken und stärksten Affecte allenfalls für den 
praktischen Gebrauch rechtfertigen, weil für unsere praktische Beurtheilung 
der Menschen und ihrer Handlungen hauptsächlich das Vorhandensein 
oder Fehlen starker Affecte maßgebend ist. Theoretisch ist jedoch dieser 
praktische Gesichtspunkt nicht maßgebend. Für den Psychologen ist es 
daher ebenso unthunlich, solche schwächere Grade • von Affecten vernach- 
lässigen zu wollen, wie es unthunlich ist, die ästhetischen oder moralischen 
Gemüthsbewegungen erst bei den vollkommeneren Graden des ästhetischen 
Genusses oder der sittlichen Entwicklung beginnen zu lassen. 

Willensvorgänge sind also thatsächlich immer Affecte. Der affective 
Gefühlsverlauf kann unter Umständen, wie ja auch zuweilen bei den 
eigentlichen Affecten, ein sehr kurz dauernder, oder die Gefühle können 
von relativ geringer Intensität sein: ein Wollen ohne Affect gibt es aber 
an sich ebenso wenig wie einen Affect ohne Gefühle. In der That be- 
stätigt das überall die psychologische Beobachtung der Willensvorgänge, 
mögen diese nun einfacher oder zusammengesetzter Art sein, mögen sie 
in äußeren Handlungen zu Tage treten oder als rein innere Vorgänge 
sich abspielen. In einem Hungrigen, der eine ihm dargereichte Speise 
ergreift, treten zunächst die den Hunger begleitenden Unlustgefühle hinter 
den an den Anblick sich anschließenden Lustgefühlen zurück, es treten 
Erregungs- und Spannungsgefuhle, je nachdem der Bewegung Widerstände 
entgegenstehen, von größerer oder geringerer Intensität hinzu, u. s. w. 
Oder in einem Menschen, der sich eines ihm im Augenblick entfallenen 
Namens erinnern will, regen sich meist sogleich starke Spannungsgefuhle, 
begleitet von mimischen Spannungsempfindungen. Dazu kann sich dann 
noch ein wachsendes ünlustgefühl und eine mehr oder minder intensive 
Erregung gesellen, bis endlich, falls der gewollte Erfolg erreicht wird, 
alle diese Gefühle für einen Moment in ihre Contrastgefuhle umschlagen. 
Ueberall hier ist der Vorgang, so verschieden er im einzelnen sein mag, 
seinem allgemeinen Charakter nach ein zusammenhängender Gefiihls- 
verlauf oder ein Affect. Nicht darin wird man daher die Natur des 
Willensvorganges suchen dürfen, dass man ihn als ein von Gefühl und 
Affect von vornherein specifisch verschiedenes Geschehen auffasst. Viel- 
mehr ordnet er sich zunächst ganz und gar unter den Begriff des Affects. 
Er erscheint lediglich als eine besondere, durch spccielle Merkmale aus- 
gezeichnete Verlaufsform des letzteren; und die Frage lautet nicht mehr: 
was für ein specifischcr Bewusstseinsinhalt ist der Wille? sondern: welche 
besonderen Eigenschaften muss ein Affect annehmen, damit er zu einem 
Willensvorgang werde? Diese Eigenschaften können aber wiederum nicht 
äußere sein, etwa in den als Willcnshandlungen gedeuteten Bewegungen 
bestehen. Denn abgesehen davon, dass solche Bewegungen als reine 



Bepf^ Qod ElfeDsebäften der WiUensvorgänge. 



?45 



Ausdrucksbewegungeti auch bei den Affecten Im engeren Sinne vorkom- 
men, gibt CS, wie das oben angeführte Beispiel des willkürlichen Besinnens 
zeigt, zweifellos auch Willensvorgänge, bei denen auüere Handlungen 
fehlen. Damit stimmt die Thatsache überein, dass wir eine blofäe Aus- 
dmcksbe^^egung und eine Willenshandlung im allgemeinen gar nicht nach 
ihren äuOcren Merkmalen, sondern nur nach ihren psychischen Begleit- 
erscheinungen unterscheiden, sei es nun dass wir diese in uns selbst un- 
mittelbar erleben, oder dass wir sie in einem andern Wesen nach 
sonstigen Indicien annehmen. 

Nun lehrt weiterhin die psychologische Beobachtung, dass wir einen 
Wiliensvorgang von einem eigentlichen Affect in den Anfangsstadien des 
Gefühlsverlaufs niemals mit Sicherheit unterscheiden können. Vielmehr 
tritt das, was das Wollen als solches charakteosirt, immer erst in dem 
Endstadium, in dem Vorgang der Lösung des Affectes hervor. Wo 
der WtUensverlauf ein sehr kurz dauernder ist. da kann natürlich dieses 
Stadium der Losung sehr nahe an den Anfang heranrücken Aber dies 
begründet keinen irgend wesentlichen Unterschied, ebenso wenig wie ein 
solcher in dem Umstände gesehen werden kann, dass complicirtere 
rWillensvorgänge sich häufig aus einer grölieren Anzahl solcher Lösungen 
it zwischen ihnen liegenden neuen Affecterregungen zusammensetzen. 
In diesen Fällen handelt es sich eben um eine Reihe eng verbundener 

IW'iüensacte, die in jenen interraittirenden Vcriaufsformen des Affects ihre 
Analoga haben, von denen sie sich freilich wiederum durch die die Re- 
inissionen bedingenden, dem Wiliensvorgang eigenthümlichen Lösungs- 
processe unterscheiden. Hiernach liegt der specifische Charakter der 
RV'iUensvorgänge gegenüber den eigentlichen Affecten lediglich in dieser 
besonderen Form der Affectlösung. Erstens endigt ein Willensact stets 
tnit einer rasch und, wenn es sich nicht um eine Reihenverbindung der 
^^ben gedachten Art handelt, vollständig eintretenden Affectlösung, wäh- 
^nend die eigentlichen Affecte sehr häufig allmählich abklingen oder un- 
mittelbar in neue Affecte übergehen. Zweitens aber ist der Lösungs- 
vorgang darin ein eigenartiger, dass er in der Erzeugung von Gefühlen 
mit begleitenden Vorstellungen besteht, die den Afiect selbst zum Still- 
stande bringen. Demnach können wir die Willensvorgänge allgemein 
definiren als Affecte, die durch ihren V^erlauf ihre eigene Lösung 
herbeiführen* ^ 

^m Zur Entstehung eines solchen Lösungserfolgs sind nun, wie in dieser 
^T)efinition schon angedeutet ist, in dem ganzen vorangegangenen Aftect- 
verlauf die Bedingimgen gegeben, sei es dass dieser schon vom Moment 

Plelner Entstehung an auf jene plötzliche Lösung abzielt, sei es dass sich 
die Antriebe zu einer solchen erst in seinem Verlaufe selbst entwickeln. 



I? 



246 Willensvorgänge. 

Alle diese entweder vom Anfang oder von einem bestimmten Verlaufs- 
stadium an auf die AfTectlösung hinzielenden und dadurch den Verlauf 
mitbestimmenden Afiectbestandtheile aber bilden diejenigen Inhalte des 
Willensvorgangs, die man, eben mit Rücksicht auf diesen schlieOlicben 
Enderfolg, die Willensmotive nennt. So wenig der WUIensvorgang 
ein specifischer, allen andern Gemüthsbewegungen fremd gegenüberstehen- 
der Act ist, gerade so wenig ist das Motiv wiederum ein specifisches 
Willenselement. Für sich allein betrachtet, besteht es in einem Geiiihl, 
das von einer mehr oder weniger klaren Vorstellung oder auch von 
einer ganzen zu einem einheitlichen Complex verdichteten Vorstellungs- 
masse begleitet ist. Wollen wir diese Gefühls- und Vorstellungselemente 
eines Motivs durch besondere Ausdrücke scheiden, so können wir die 
ersteren als die »Triebfedern«, die letzteren als die »Beweggründec be- 
zeichnen. Die Sprache wendet freilich beide Ausdrücke ziemlich unter- 
schiedslos an. Immerhin liegt in dem Begriff der »Triebfeder« die directere 
Beziehung zur Handlung oder, allgemeiner au^edrückt, die unmittelbarere 
Vorbereitung zu jener momentanen Lösung, die den Willensvorgang 
gegenüber einem gewöhnlichen Affectverlauf charakterisirt. Der Beweg- 
grund liegt dieser Lösung ferner, und der Begriff des »Grundesc weist 
bei ihm auf die Beziehung zu der intellectuellen Seite des Seelenlebens 
hin. Dabei muss man aber im Auge behalten, dass, wie Vorstellung und 
Gefühl überhaupt, so auch Triebfeder und Motiv zusammengehörige Seiten 
eines und desselben psychischen Inhaltes sind, die eigentlich erst durch 
unsere abstrahirende Analyse gesondert werden. So können etwa als 
Beweggründe einer verbrecherischen Handlung das Streben nach An- 
eignung eines fremden Besitzes, nach Beseitigung eines Gegners u. dergl., 
als Triebfedern das Gefühl des Mangels, Hass, Rache u. s. w. wiricsam 
werden. Dabei weisen aber schon Ausdrücke wie Trieb, Streben, Be- 
gehren, die wir gerade den Beweggründen hinzufügen, auf die nothwendige 
Ergänzung der Vorstellungs- durch die Gefühlsseite der Vorgänge hin. 

Wo nun die Vorstellungs- und Gefühlsinhalte eines Affectverlaufe vom 
Beginn des Vorganges an jene auf die Affectlösung gerichtete Beschaffen- 
heit besitzen, vermöge deren wir sie zusammenfassend »Motive« nennen^ 
da spielt sich der ganze Process unmittelbar als ein Willensvoi^ng ab. 
Von den eigentlichen Affecten unterscheiden sich demnach solche Willens- 
vorgänge dadurch, dass den einzelnen Affectinhalten von Anfang an eine 
Zweckrichtung innewohnt welche die schließliche Affectlösung als eine 
»Zweckerfiillung« erscheinen lässt. Wir wollen derartige Vorgänge »pri- 
märe Willensvorgänge« nennen. Ihnen können dann als »secundäre« die- 
jenigen gegenübergestellt werden, bei denen erst im Verlauf eines eigent- 
lichen Affects einzelne Vorstellungs- und Gefühlsinhalte den Charakter 



Begriff und Eigenschaften der Willens Vorgänge. 



von Motiven gewinnen. Der Uebergang zwischen beiden Formen ist 
natürlich ein fließenden Nur so viel Ulsst sich mit Sicherheit sagen^ dass 
unter einfacheren Bewusstseinsbedingungen die primären Willensvorgänge 
. weitaus vorw'alten, daher wir wohl annehmen können, dass die einfachsten 
^frWillenshandiungen überhaupt nur primärer Natur seien. Dies hängt zu- 
^■gleich mit ihrer kürzeren Dauer und der viel geringeren Anzahl wirksamer 
I^^Motive zusammen. Im entwickelten Bewusstsein dagegen lassen es Ge- 
fühlsimpulse von verschiedener Richtung so oft nicht zur vollen Entwick- 
lung bestimmter einzelner Motive kommen, oder es werden Inhalte, die 
anfänglich die Natur von Motiven besitzen, nachträglich so sehr durch 
entgegenwirkende Gefühle gehemmt, dass hier sehr häufig ein Vorgang 
JÄzunächst nur in der Form eines Affectes sich abspielt, um dann entweder als 
^■solcher abzuklingen oder erst secundär durch ein allmählich zur Herrschaft 
gelangendes Motiv als Willensvorgang zu endigen. Doch pflegen auch 
im entwickelten Bewusstsein fortan die unter einfacheren Bedingungen 
entstehenden Willensv^orgänge primäre zu sein. So handelt unter einem 
primären Willensmotiv wer sich etwa gegen eine plutzlich eindringende 
Gefahr sofort zu schützen sucht Bei dem Zornigen dagegen, der erst, 

»nachdem der Aftect eine gewisse Grenze erreicht hat, zu Thätlichkeiten 
übergeht, ist der WiUensvorgang ein secundärer, und er hebt oft sehr 
deutlich gegen den anfänglichen bloßen Affect sich ab. 

Diese V^erhältnisse bringen es mit sich, dass die primären Willens- 
vorgänge einerseits solche sind, bei denen überhaupt verhältntssmäOig 
^n*enige eüifache Vorstellungs- und Gefiihlsinhalte als Motive wirksam 
Binrerden, und dass sie anderseits meist einen nur kurzen Verlauf zeigen, so 
Vdass das einleitende Motiv und die Affectlösung. auf die es abzielt, un- 
mittelbar einander folgen können. Willenshandlungen von dieser Be- 
schaffenheit pflegt man Triebhandlungen zu nennen, und die ältere 
Psychologie hat sie meist als specifisch verschiedene Vorgänge dem Willen 
gegenübergestellt. Die einfachste Selbstbeobachtung lehrt jedoch, dass in 
allen den Fällen , wo es sich um einen wirklichen Bewnsstseinsvorgang^ 
nicht etwa um eine bloße Reflexbewegung handelt, zu einer solchen 
Scheidung nicht der allergeringste Grund vorliegt. So kann z. B. die auf 
ein unmittelbares Motiv eintretende Schutzhandlung gegen eine drohende 
Gefahr durchaus den Charakter einer Willenshandlung an sich tragen. 
Man könnte daher viel eher umgekehrt behaupten, jene secundären 
Willensvorgänge, die sich aus vorausgehenden Aflecten allmählich ent- 
wickeln, seien keine reinen Willensvorgänge, weil eben hier den zunächst 
vorhandenen Bewusstseinsinhalten der Charakter von Motiven fehlt. 
H Aus dem Bedürfniss, die Triebhandlungen unter einem specifischen 
Allgemeinbegrifl" zusammenzufassen, ist nun auch die verbreitete Unter- 



248 Willensvorgängc. 

Scheidung von »Trieb« und »Wille« hervorg^angen. Es bedarf nach 
dem Gesagten kaum noch der Bemerkung, dass es einen solchen ab- 
stracten Trieb ebenso wenig wie einen abstracten Willen gibt. Wohl 
kommen Fälle vor, wo zunächst die psychischen Bedingungen zu einer 
Triebhandlung gegeben sind, wo es aber zu dieser trotzdem nicht 
kommt, sei es weil widerstrebende Triebe, sei es weil äußere Hin- 
demisse im Wege stehen. Dann besitzt aber dieser nicht zur Lösung 
gelangte Trieb, gerade so wie das nicht zur Lösung führende Wollen, 
mit dem offenbar der sogenannte Trieb vollkommen identisch ist, ledig- 
lich den Charakter eines Affects, in welchem einzelne Gefühls- und Vor- 
stellungsinhalte bereits die Beschaffenheit von Motiven angenommen 
haben, aber gleichwohl nicht über den Affect hinausgediehen sind. Man 
mag also zweckmäßig den Ausdruck »Triebhandlung« beibehalten, um 
ein kurzes Wort für primäre Willenshandlungen von einfachster Be- 
schaffenheit zur Verfugung zu haben. Da jedoch solche Triebhandlungen 
keine von den Willenshandlungen specifisch verschiedene Erscheinungen, 
sondern eben nur Willenshandlungen von verhältnissmäßig einfacher Be- 
schaffenheit sind, so wird auch das Wort »Trieb« natürlich nicht im 
Sinne einer specifischen seelischen Kraft, sondern nur als zusammen- 
fassender Ausdruck für gewisse Gefühls- und Affectanlagen angewandt 
werden können, denen mehr als andern die Eigerischaft innewohnt, in 
Motive von Willenshandlungen überzugehen. 

Mit den Begriffen Wille und Trieb hängen schließlich noch zwei 
andere zusammen, denen man eine mittlere und vermittelnde Stellung 
zwischen beiden anzuweisen pflegt: die des Strebens und des Be- 
gehrens. Beide werden in der Regel als Ausdrücke für einen im 
wesentlichen übereinstimmenden Thatbestand aufgefasst, wobei nur das 
»Streben« mehr die nach außen gerichtete, das »Begehren« die innere 
Seite desselben bezeichnen soll. Wir können etwas begehren, ohne es 
zu erstreben. Das Streben wird demnach auch als ein Begehren definirt, 
mit dem sich bereits die V^orbcrcitung zur Handlung verbinde; und in- 
sofern nun eine Handlung je nach Umständen eine Trieb- oder eine 
Willenshandlung sein könne, so werden auch Begehren und Streben zu- 
sammen als Vorbedingungen sowohl der Triebe wie des WoUens be- 
trachtet, nur dass man meist, um den Trieben von vornherein ihren 
niedrigeren Rang anzuweisen, das ihnen zu Grunde liegende Streben als 
ein » dunkles <; zu bezeichnen pflegt. Von solchen Erwägungen ausgehend 
ordnete die WoLFF'sche Psychologie die sämmtlichen Erscheinungen des 
Strebens, Wollens und der Triebe unter das » Begehrungsvermögen c. 

Geht man den Thatsachen nach, die diesen Unterscheidungen zu 
Grunde liegen, so erkennt man aber unschwer, dass alle die erwähnten 



Begriff und Eigenfcliaften der Willens Vorgänge, 



I fHTJ 



1 

I 



Begriffe lediglich Schöpfungen einer Reflexion sind, die an die Stelle der 
Thatsachen eine aus logischen Erwägungen abgeleitete Stufenfolge von 
Begriffen setzt Sucht man für das »Streben^ in dem Willensvorgang 
selbst ein diesem Ausdruck einigermaßen entsprechendes Substrat zu 
finden, so bleibt man stets bei gewissen Gefühlen stehen, die in diesem 
Fall wohl hauptsächlich den Richtungen der Spannungs- und Erregungs- 
gefühle angehören^ und die wir in dieser ihrer Verbindung wohl am zu- 
treffendsten als Thätigkeitsgefühle bezeichnen können. Zugleich wir- 
ken dabei jedenfalls auch Spannungsempfindungen entweder in gewissen, 
bereits zur bevorstehenden äußeren W'illenshandlung in unmittelbarer Be- 
ziehung stehenden Muskelgebicten oder in den allgemeinen mimischen und 
pantomimischen Ausdrucksmuskeln mit. Alles das sind jedoch Elemente, 
die selbst schon zum Willensv^organg gehören, und ein Anlass, sie zn 
isoliren, liegt viel weniger in dem normalen Verlauf einer Willenshandlung. 
als etwa in solchen Erscheinungen^ bei denen der Willens Vorgang nur bis 
zu diesem Stadium der unmittelbar bevorstehenden Handlung gelangt ist, 
dann aber in Folge irgend welcher Gegenmotive oder äußerer Hindernisse 
ergebnisslos abklingt, und wo es in Folge dessen bei dem bloßen Streben 
bleibt Das nämliche gilt flir die psychischen Theilvorgänge, die man 
als »Begehren* bezeichnet. Bei primären Willenshandlungen von ein- 
facher Beschaffenheit entschwinden sie überhaupt der Beobachtung: hier 
folgen Motiv. Strebungsgefühle und Handlung mit dem diese begleitenden 
Lösungsgefiihl so unmittelbar auf einander, dass für einen irgendwie ab* 

ennbaren Zustand des Begehrens gar kein Raum bleibt. Am ehesten 
treten auch diese Zustände noch als relativ isoHrbare hervor, wenn die 
auftauchenden Motivgefühle wieder verschwinden , bevor es zu einer 
Aeußerung derselben kommt, und namentlich dann, wenn die Gefühle zwar 
fortdauern, aber äußere Hemmungen den Willens Vorgang nicht zur vollen 
Entwicklung kommen lassen. Das Begelrren ist also nicht sowohl das 
vorbereitende Stadium eines wirklichen, als die Gefühlslage eines ge- 
hemmten Wollens. Verbindet sich dieser Gefühlszustand außerdem mit 
vorwaltenden intellectucllen Momenten, also mit den oben als »Beweg- 

ründe* bezeichneten Motivbestandtheilen, so nimmt das sogenannte Be- 
gehren die besondere Eigenthümlichkeit an, die wir mit dem Wort 
^ Wünschen < bezeichnen. Es sind eigentlich nur zufällige Umstände, die 
dem »Begehren < seinen bekannten Vorzug vor ihm in der Vermögens- 

sychologie verschafft haben: und man würde mit demselben Rechte der 

^eele auch ein »Wunschvermögen' beilegen können. Alle diese Begriffe 
Sind eben schließlich logische Artefacte, nicht im geringsten aber gegen 
einander abzugrenzende ps>xhische Vorgänge. 



250 VVillensvorgänge. 

b. Verlauf der Willensvorgänge. 

In ihrem Verlauf zeigen die VVillensvorgänge nicht minder mannig- 
faltige Unterschiede wie die Aflfecte; und da insbesondere in die secun- 
diiren Willensvorgänge Affecte jeder möglichen Art eingehen können^ so 
fallen hier in den Anfangsstadien ihres Verlaufs beide zusammen. Auch 
begründet der Umstand, dass beim Wollen die einzeUien Aflfectinhalte 
sehr bald den Motivcharakter annehmen, nur im Hinblick auf die Vor- 
bereitung der schließlichen Affectlösung, nicht in der Eigenart des mo- 
mentanen Affectzustandes einen Unterschied. Die wesentlichen Merkmale, 
durch die sich der Willensvorgang als eine besondere Form des Gefiihls- 
verlaufs von dem alle möglichen Formen eines solchen darbietenden 
Affect unterscheidet, concentrirt sich daher auf das Endstadium und 
auf die Beziehungen, in welche die vorangehenden Inhalte zu diesem 
Endstadium treten. Da es sich hier vor allem um die Feststellung des 
Bewusstseinsvorganges als solchen handelt, so werden wir dabei zunächst 
von etwaigen äußeren Willenshandlungen absehen können. Nicht als ob 
diese für die Entwicklung dieser Erscheinungen auch nach ihrer psychi- 
schen Seite hin gleichgültig wären, wohl aber weil jene äußeren Be- 
standtheile der Willensvorgänge hier nur insofern in Betracht kommen, 
als die Bewegungen in der Form von Bewegungsvorstellungen und von 
inneren Tastempfindungen die Handlungen theils begleiten, theils auch 
als Erinnerungsbilder ihnen vorausgehen. 

Unsere nächste 'Aufgabe besteht demnach darin, den Willensvorgang, 
ähnlich wie den Affect, in seine einzelnen Gefühlsprocesse und deren 
Verlauf zu zerlegen. Da aber die Anfangsstadien dieses Verlaufs selbst 
immer mit irgend welchen Affectformen zusammenfallen, so wird es hier 
hauptsächlich darauf ankommen, jenes Stadium plötzlicher Lösung, das 
den Willensvorgang als solchen charakterisirt, in seiner Eigenart festzu- 
stellen. Diese Aufgabe erscheint nun, trotz der ungeheuren Mannigfaltig- 
keit der als Vorstadien des Wollens vorkommenden Affecte, deshalb als 
eine relativ einfache, weil jenes Endstadium bei aller sonstigen Verschieden- 
heit dieser Erscheinungen eine überraschende Gleichförmigkeit zeigt. Da- 
durch ist immerhin zum Theil auch jene vulgäre Willensauffassung begreif- 
lich, die das W^ollen überall für ein und dasselbe Geschehen ansieht, was 
es nun freilich keineswegs ist. An sich lässt sich aber ein Willensverlauf 
in der Zerlegung in seine einzelnen Gefühlscomponenten selbstverständlich 
nicht schildern, ohne dass man jene ungemein variabeln Anfangsstadien 
mit ins Auge fasst. Denn die für den Willensact charakteristische Lösung 
wird in ihnen vorbereitet, und nur durch diese Beziehung auf das Ende 
gewinnen die Vorstellungs- und Gefühlsiiihalte entweder von Anfang oder, 



Begriff und Eigenschaften der Willensvorgänge. 



251 



bei den secundären Willensvorgängen, von einem bestimmten Punkte des 
Verlaufs an den Charakter von Motiven. Doch wird es genügen, hier 
ein beliebig herausgegfriflfenes Beispiel eines primären Willensvorganges zu 
Grunde zu legen, da sich andere Verlaufsformen immer nur durch solche 
Eigenschaften unterscheiden werden, die an sich eigentlich dem Affect- 
verlauf angehören. Hier bietet uns das bereits früher benutzte Beispiel 
der Zerlegung eines Geflihlsverlaufs in seine simultanen und succes- 
siven Componenten zugleich die typische Form eines einfachen Willens- 
vorganges ^ Dieser in der beistehenden Fig. 334 wiederholte Verlauf 
repräsentirt nämlich einen 
Willensvorgang, der durch 
einen sofort auf seine Be- 
seitigung hindrängenden 

Unlustaffect eingeleitet 
wird, also z. B. durch den 
Anblick einer drohenden 
Gefahr. Der Unlustaffect 
unterscheidet sich hier vom 
Anfang an von andern 

UnlustafTecten dadurch, 
dass er sich sofort mit 
einem starken Spannungs- 
gefiihl verbindet, dem sich 
nach kurzer Zeit ein rasch 
ansteigendes Erregungs- 
gefiihl beigesellt. Bald 

nachdem die Spannung ihr Maximum erreicht hat, steigt dann auch die 
Erregung zu dem ihrigen an. Dieser Augenblick bezeichnet aber zugleich 
den Uebergang in das Lösungsstadium, welches durch den Umschlag in 
ein mehr oder minder intensives Lust- und ein damit verbundenes Lösungs- 
geiiihl ausgezeichnet ist, indess die Erregung meistens rasch auf null sinkt 
oder nur noch schwach in der folgenden Gemüthsstimmung nachklingt. 
Diese Schilderung hat zunächst bloß die Gefühlsprocesse herausgegriffen, 
weil in ihnen das Charakteristische des Willensvorganges gegeben ist. Aber 
selbstverständlich lassen sie sich von den Empfindungs- und Vorstellungs- 
elementen nicht losgelöst denken, und der Wechsel, namentlich aber der 
Umschlag der Gefühle, wird immer erst durch die enge Verschmelzung 
von Vorstellung und Gefühl hervorgebracht. So fällt in dem angezogenen 
Beispiel mit dem Maximum der Spannung die äußere Bewegung und der 




^'^S' 334- Verlauf eine» Willens Vorgangs. 



Vgl. Cap. XI, Bd. 2, S 289. 



252 Willensvorgänge. 

ganze sie begleitende Vorstellungs- und Empfindungscomplex zusammen, 
und die weitere Wirkung der Bewegung, die Sicherung vor der drohen- 
den Gefahr, lässt sofort die Spannungs- und Erregungsgefiihle sinken, um 
dann die gegen den anfanglichen Affect contrastirenden Lust- und Lösui^p- 
gefühle zu erwecken. 

Unter diesen Verlaufsformen der Partialgefühle können nun insbesondere 
die Lust-Unlustcomponenten mannigfach wechseln. In zahlreichen Fällen 
ist es nicht, wie in dem Schema der Fig. 334, ein Unlust-, sondern ein 
Lustaflfect, z. B. die Freude über einen Eindruck, der den ganzen Vor- 
gang einleitet. Es kann dann diese Geflihlscomponente während der gan- 
zen Dauer des Vorgangs auf der positiven Seite bleiben. Sie kann aber 
auch auf die Unlustseite umschlagen: so z. B. wenn die Willenshandlung 
selbst den lusterregenden Eindruck zerstört, ihn durch einen andern ver- 
drängt u. dergl. In andern Fällen kann sich die Spannung nach ge- 
schehener Lösung wiederholen, oder kann die Erregung in ein positives 
Gefühl der Beruhigung umschlagen, dieses nochmals eine secundäre Ele- 
vation nach sich ziehen, u. s. w. In diesen letzteren Fällen handelt es 
sich jedoch stets um Nachwirkungen des Willensvorganges. Diesem 
selbst ist als charakteristisches Endstadium des Geflihlsverlaufs stets jene 
eigenthümliche Verbindung von Erregungs- und Spannimgsgefiihlen eigen, 
die das aus der Selbstbeobachtung allbekannte Bewusstsein der Thätigkeit 
vermittelt, das, unter welchen Umständen wir es auch finden, ob eine 
äußere Handlung oder einen auf die Bewusstseinsinhalte selbst gerichte- 
ten Act der Aufmerksamkeit begleitend, von durchgehends übereinstim- 
mender Beschaffenheit zu sein scheint, und das wir eben deshalb zweck- 
mäßig das Thätigkeitsgefühl nennen. Es lässt sich am genauesten 
bei den im nächsten Capitel zu beschreibenden »Reactionsversuchenc 
beobachten, bei denen die experimentelle Methode eine exactere Ver- 
folgung der Erscheinungen und zugleich eine Variation der Bedingungen 
gestattet, wie sie bei der gewöhnlichen zufälligen Selbstbeobachtung nicht 
möglich ist. Eine andere, in den äußeren Bedingungen davon abweichende 
Gelegenheit zur Beobachtung des Auf- und Absteigens der Thätigkeits- 
gefühle bieten auch die oben fCap. XV, S. 67 ff.) geschilderten Complica- 
tionsversuche. Hier begleiten diese Gefühle regelmäßig jene Handlung 
der Aufmerksamkeit, die mit der Apperception des Schalleindrucks bei 
einer bestimmten Stelle des Zifferblattes der Complicationsuhr verbimden 
ist. So verschieden in diesen beiden Fällen, der triebmäßigen oder will- 
kürlichen Reaction auf einen Reiz und der Erfassung eines Sinneseindrucks 
durch die Aufmerksamkeit, die sonstigen Bedingimgen sind, so erscheint 
doch der Verlauf des Thätigkeitsgefühles hier und in allen andern ähn- 
lichen Fällen als ein übereinstimmender. Zugleich erscheint er aber 



^ jede 
B qua] 



^ 



Begriff and Eigenschaften der Willensvorgängc, 

jedesmal als ein während seiner Dauer nicht bloß intensiv, sondern auch 
qualitativ veränderlichen Während nämlich mit dem Beginn des entschei- 
iden Endstadiums, das wir als den eigentlichen Willensact von den 
Vorbereiteaden Acten scheiden können, das Thätigkeitsgefühl zuerst stetig 
bis zu seinem Maximum anwächst und dann plötzlich sinkt, verändert sich 
zugleich die Qualität desselben in dem Sinne, dass zuerst das Spannungs- 
und dann das Erregungsgefiihl überwiegt, worauf nun, während das letztere 
noch fortdauert, plötzlich jenes in das Lösungsgefühl umschlägt. Dies 
aber ist eben ein Verlauf, der nicht wohl anders als mittelst einer solchen 
Zerlegung in zwei Componentcn geschildert werden kann, wie sie in 
Fig. 334 versucht ist. Danach lässt sich das für den Willensvorgang charakte- 
ristische Thätigkeitsgefühl auch als ein Totalgefühl definiren, das, aus den 
Partialgefühlen der Spannung und Erregung zusammengesetzt, Im allge- 
meinen einen regelmaOigen und in sich geschlossenen Verlauf hat, der 
durch die neben einander hergehenden intensiven Aenderungcn beider 
Partialgefühle zu stände kommt, und zuletzt in dem plötzlichen Umschlag 
des einen derselben, des Spannungsgefühls, in sein Contrastgefühl sein 
Ende findet. Empfindungscomplexe sind mit diesem Verlauf stets ver- 
bunden, auch da wo es sich um rein »innere Willensvorgängc-? handelt. 
Sie sind aber von äußerst wechselnder Art und bilden daher zwar eine 
wichtige Grundlage des Vorganges, nicht aber die charakteristischen Be- 
standtheile desselben, die ausschließlich auf der Gefühlsseite liegen. Zu 
diesen, bei jedem eigentlichen Willensact im wesentlichen übereinstimmen- 
den Momenten des Gefühlsverlaufs kommen dann aber noch weitere Ge- 
fühls^ und Vorstellungselemente, die, mit dem Thätigkeitsgefühl ver- 
schmelzend, von Fall zu Fall in unendlich mannigfaltiger Weise wechseln 
und auf diese Weise wiederum jedem einzelnen Vorgang seine individuelle 
Eigenthümltchkeit verleihen. Diese auf das Endstadium und insbesondere 
auf die schlief] lieh eintretende Lösung influirenden besonderen Bewusstseins- 
inhalte sind es, die wir eben mit Rücksicht auf ihre unmittelbare Beziehung 
zu dem geschilderten typischen Verlauf des Thätigkeitsgefühls als die 
Motive des W'ollens bezeichnen. Motive sind demnach fest verschmolzene 
Vorstellungs- und Gefiihlsinhalte des W^illensvorganges. Sie bilden ihrer- 
seits wieder mit dem letzteren in jedem Stadium seines Verlaufs zeitliche 
Verschraelzungenj durch die theils die Spannungs- und Erregungsge fühle 
gesteigert, theils specihsche Lust- und Unlustelcmente beigemischt werden. 
Auf dem außerordentlichen Wechsel dieser Verschmelzungen, bei dem 
nicht selten mehrere Motive neben einander und zum Theil sich gegen- 
seitig verdunkelnd wirksam werden, beruht vor allem die große Mannig- 
faltigkeit der Anfangsstadien der Willensvorgänge, Zugleich bezetchnct 
hier eine qualitativ überaus verschieden gefärbte, aber in ihrer typischen 



2 54 WillcMvorgängc. 

Form durchaus übereinstimmende Veränderung den Uebergfang in das 
Endstadium: sie besteht darin, dass ein bestimmtes Motiv, das entweder 
schon zuvor allein vorhanden war oder andere gegenwirkende Motive 
zurückdrängte, mit dem typischen Thätigkeitsgefühl zu einem untheil- 
baren Totalgefühl verschmilzt. Dieses Totalgefühl können wir füglich als 
das Gefühl der Entscheidung bezeichnen. Es leitet unmittelbar das 
Lösungsgefühl ein, das zusammen mit den übrigen Geiiihlselementen dieses 
Endstadiums ein neues Totalgefühl bildet, das wir das Gefühl der Er- 
füllung nennen wollen. 

Demnach sind Motiv und Willenslösung Wechselbegriffe, die sich 
gegenseitig bestimmen. Auf der einen Seite ist jeder Bewusstseinsinhalt, der 
Thätigkeitsgefiihle hervorbringt, ein Motiv; und auf der andern Seite ist 
die Willenslösung nichts anderes als ein an das Verschwinden des do- 
minirenden Motivs gebundener Gefühlsvorgang, während die vorange- 
gangenen Spannungs- und Erregungsgefiihle ein Maß für die psychische 
Wirkung der Motive abgeben. Dieser Zusammenhang gestaltet sich natür- 
lich am einfachsten, wenn nur ein einziges Motiv in merklichem Grade 
vorhanden ist. Er wird verwickelter, wenn mehrere Motive einander ent- 
gegenwirken. In diesem Fall entsteht nämlich zunächst ein Totalgefühl von 
complexer und meist wechselnder Beschaffenheit. Die unmittelbare Folge 
davon ist eine schwankende Gefuhlslage, bei der das Thätigkeit^efiöil 
bald von der einen bald von der andern Motivricbtung her specifische 
qualitative Färbungen gewinnt, die abwechselnd hervortreten oder einander 
compensiren können, bis ein bestimmtes Motiv so vorwaltend wird, dass 
es unmittelbar das Entscheidungsgefühl und damit den Uebergang in die 
Lösung bewirkt. 

c. Grundformen der Willensvorgänge. 

Zu einer Eintheilung der Willensvorgänge bieten sich verschiedene 
Gesichtspunkte dar, je nachdem man mehr den Enderfolg derselben, die 
Art also wie die Wille nslösung in die Erscheinung tritt, oder aber die 
Vorbedingungen der Lösung, die Motivbildungen, ins Auge fasst. Unter 
diesen beiden Gesichtspunkten ist der erste natürlich der einer oberfläch- 
lichen Beobachtung näher liegende. Ist es doch das Ende des Willens- 
vorganges, die Willenshandlung, die vor allem in die Augen fallt, und in 
die daher die gewöhnliche Auffassung durchaus das Wesen des Willens 
zu verlegen pflegt. So hat man denn auch frühe schon äußere und 
innere Willenshandlungen unterschieden, wobei unter den ersteren solche 
zu verstehen sind, deren Lösung mit einer äußeren Muskelbewegung ver- 
bunden ist. Ihnen lassen sich dann als innere diejenigen g^enübcr- 
stellen, bei denen die Wirkung der Willcnsentscheidung und -lösung 



Begriff nnd Eigenschaften der Willensvorgiliige. 



255 



H-d 



in 



m 



lediglich in einer Veränderung im Vorstellungs- und Gefühlsverlauf selbst 
besteht* In diesem Sinne werden wir z. B. einen Bewusstseins Vorgang, 

1er in dem Entschluss zu einer in späterer Zeit^ unter Voraussetzung 

•gend welcher noch zu erwartender Bedingungen auszuführenden äußeren 
Handlung endet, eine innere Willcnshandlung nennen müssen. Mit den 

leichen Thätigkeits- und Entscheidungsgefühlen und ihren lösenden Wir- 
ingen wie hier treten ferner fortwährend in unserm Bewusstsein Processe 

uf, die man als willkürliche Richtung der Aufmerksamkeit, als willkürliche 
Lenkung des Vorstellungsverlaufs 2u bezeichnen pflegt, und die einen 
wesentlichen Factor aller sogenannten intellectuellen Thätigkeiten aus- 
machen. Stimmen diese unter sich wieder mannigfach abweichenden Er- 
scheinungen in ihrem Gesammtcharakter und namentlich in ihrer End- 
wirkung mit Willensvorgängen überein, so handelt es sich jedoch bei ihnen 
ohne Frage immer schon um verhältnissmäßig complexe Willensacte, aus- 
genommen den einen, einfachen und auch fiir die äußeren Wiüenshand- 
lungen fundamentalen Fall, wo sich in Folge irgend eines äußeren oder 
inneren Reizes die Aufmerksamkeit auf einen gegebenen Bewusstseins- 
inhalt richtet. Dieser Fall wird uns wiegen der Bedeutung, die er für den 

usammcnhang der psychischen Vorgänge überhaupt besitzt, unten noch 
^tiaher beschäftigen (Cap. XVIll, i). 

Wichtiger als diese auf die Eigenschaften der letzten Willenserfolge 
gegründete Einth eilung ist nun aber die zweite, die von den Willens- 
motiven ausgeht. Da mit dem Auftreten der Motive ein vorhandener 
Gefühls- oder Affectzustand überhaupt erst zum Willensvorgange wird, 
so ist dieser Gesichtspunkt natürlich für den ganzen Verlauf der Processe 

ingleich bedeutsamer. Nach ihm lassen sich vor allem sämmtlichc Willens- 
Vorgänge in einfache und zusammengesetzte scheiden^ w^enn wir 
»einfach» einen solchen nennen, in dessen ganzem Verlauf nur ein Motiv 
im Bewusstsein bemerkbar wrird, Willenshandlungen solcher Art können 
wir auch eindeutig bestimmte nennen, da in diesem Fall die den Willens- 
vorgang zusammensetzenden Elementej also insbesondere das Entscheidungs- 
und Thätigkeitsgerühl , lediglich durch das eine Motiv bestimmt werden. 
Dem gegenüber können w^ir die zusammengesetzten Willenshandlungen als 
mehrdeutig bestimmte bezeichnen, weil bei ihnen der Willensvorgang 
in seinen Gefühls- wie Vorstellungscomponenten eine Function aus mehreren 
theits unabhängig von einander veränderlichen, theils in Wechselbeziehung 
stehenden Motiven ist, bis zu dem Moment, w^o durch die Ausbildung 
eines entsprechenden Entscheidungsgefühls eines der Motive so sehr an- 
wächst, dass es von da an den weiteren Verlauf und die endliche Lösung 
bestimmt. Nach dem, was oben über das Verhältntss der Begriffe Trieb 
und Wille bemerkt wurde, können wir die einfachen Willenshandlungen 




256 Willensvorgänge. 

auch als Triebhandlungen, die zusammengesetzten als Willkürhand- 
lungen bezeichnen, und demnach beide unter dem allgemeineren Begriff 
> Willenshandlungen« zusammenfassen. Dabei kommt dieser Unterscheidung 
der freilich im Sprachgebrauch gewöhnlich nicht festgehaltene, dem Worte 
»Willkür« zukommende NebenbegrifT des >Kürens€ (Wählens) zu statten. 
Von hier ausgehend lässt sich dann weiterhin im Interesse der psycho- 
logischen Unterscheidung der dabei vorkommenden Abstufungen auch noch 
die Thatsache verwerthen, dass der dem »Küren« ursprünglich eigene Sinn 
in der Verbindung zu »Willkür« im Vergleich mit dem ihm ursprünglich 
synonymen Begriff des »Wählens« abgeblasst ist. Demnach wollen vnr 
die drei Formen der Triebhandlungen, der Willkürhandlungen 
und der Wahlhandlungen als Stufen einer Entwicklungsreihe betrach- 
ten. Die Triebhandlungen können dann in dem oben angegebenen Sinne 
als eindeutige Functionen eines von Anfang an alleinherrschenden Motivs, 
die Willkürhandlungen als zunächst mehrdeutig gerichtete Bewusstseins- 
functionen definirt werden, bei denen aber gleichwohl nur ein Motiv zu 
deutlicher Wirksamkeit gelangt, so dass die übrigen nur den allgemeinen 
Eindruck vorhandener Neben- oder Gegenmotive hervorbrir^en, ohne 
einzeln klar als solche unterschieden zu werden. Endlich eine Wahl- 
handlung werden wir da statuiren, wo einzelne unter diesen Neben- und 
Gegenmotiven vorübergehend in den Vordergrund des Bewusstseins treten, 
so dass sich mehr oder minder ausgeprägt die Erscheinung eines »Streites 
der Motive« entwickelt, der dann zuletzt mit der Verdrängung der übr^en 
durch das entscheidende Motiv endigt. Alles dies bestätigt wieder die 
obige Bemerkung, dass das Endstadium der Willensvorgänge immer eine 
übereinstimmende Beschaffenheit bewahrt. Denn alle diese Erscheinungen 
des Zusammenwirkens und des Kampfes der Motive gehören den ersten 
Stadien an. Hier sind sie dann aber insonderheit für die begleitenden 
Gefühle von großer Wichtigkeit. Bei den Triebhandlungen tritt das Ge- 
fühl der Entscheidung an Intensität gegenüber den unmittelbar durch die 
äußeren Reize ausgelösten Lust- oder Unlustgefuhlen zurück. Bei den 
Wülkürhandlungen dagegen ist dieses specifische Gefiihl um so deutlicher, 
je mehr andere Motive das dominirende zu verdrängen suchen. Bei den 
Wahlhandlungen endlich wird das gleiche Gefühl durch den vorangehen- 
den schwankenden Gemüthszustand wesentlich gesteigert, während sich 
außerdem, häufig noch andere intellectuelle Gefühle, namentlich das des 
Zweifels, einmengen können. Das Gefühl der Entscheidung wird so zu 
dem der Entschließung, mit welchem Ausdruck man nun diesen haupt- 
sächlich durch Gefühlscontraste vermittelten höheren Grad des Entschei- 
dungsgefühls bezeichnen kann. 

Hiernach lassen sich die drei hier unterschiedenen Stufen des Willens- 



Begriff und Eigenschaften der Willensvorgänge. 



257 



Vorgangs durch die drei Schemata der Fig. 335 versinnlichen. Der große 
Kreis bedeutet jedesmal den gesammten Bewusstseinsinhalt in einem be- 
stimmten, dem Auftreten des Entscheidungsgefühls entsprechenden oder 
unmittelbar vorausgehenden Moment. Die Einzelinhalte, Vorstellungen 
samt den an sie gebundenen Gefühlen, sollen durch die kleinen Kreise 
angedeutet werden. Durch die unterbrochen gezeichnete Kreislinie denken 
wir uns die für den ablaufenden Vorgang gleichgültigen abgetrennt, wo- 
gegen die an ihm betheiligten ausschließlich den centralen Theii des 
Kreises einnehmen. Das dominirende Motiv endlich denken wir uns im 
Moment der Entscheidung im Mittelpunkt des Kreises. Durch das Schema 
A wird dann der Zustand des Bewusstseins bei einer reinen Triebhandlung, 
durch B derjenige bei einer Willkürhandlung veranschaulicht. C da- 
gegen entspricht einer Wahlhandlung in einem Moment des Kampfes der 
Motive, der eben der Entschließung vorausgeht. In A existirt außer dem 




Fig. 335. Symbolische Schemata für die Stufen der Willensentwicklung. 
A Triebhandlnng. ß Willkürhandlung. C Wahlhandlung. 



dominirenden überhaupt kein anderes Motiv. In B sind solche vorhanden, 
aber sie treten von Anfang an hinter dem dominirenden zurück. In C 
endlich hat sich in dem gegebenen Moment überhaupt noch kein einzelnes 
Motiv zum herrschenden erhoben. 

In doppeltem Sinne lassen sich nun diese drei Grundformen als Stufen 
einer Entwicklung auffassen. Erstens wird man unbedingt sagen dürfen, 
dassy wenn es Willenshandlungen gibt, die auf der Herrschaft eines einzelnen 
Motivs über andere beruhen, auch solche vorhanden sein werden, die aus 
einem von Anfang an allein vorhandenen Motiv hervorgehen: solche 
Willenshandlungen sind dann thatsächlich die Triebhandlungen. Vom 
psychologischen Gesichtspunkte aus ist es also widersinnig, Trieb und 
Wille als disparate Vorgänge einander gegenüberzustellen. Ferner wird 
sich vermöge der Motivgegensätze, die schon in Anbetracht des Princips 
der Gefühlscontraste nicht fehlen, aus einer Mehrheit vorhandener Motive 

WuNDT, Grundzüge. IIL 5. Aufl. I y 



258 Willensvorgänge. 

ein Kampf zwischen denselben entwickeln können: damit ist die Wahl- 
handlung wiederum als eine höhere Stufe der Willkürhandlung gegeben. 
Hier sind also die drei Grundformen Stufen einer aufsteigenden Ent- 
wicklung. Zweitens aber wird es sich auch ereignen können, dass in 
einem Willkür- oder selbst Wahlvorgang, nachdem er sich in vielen 
Fällen wiederholt hat, allmählich einzelne und schließlich alle ursprünglich 
mit dem dominirenden concurrirenden Motive außer diesem selbst ver- 
schwinden. Dann stellt sich die nämliche Stufenfolge als eine absteigende 
Entwicklung dar, die mit den complexen Willenshandlungen beginnt und 
mit den einfachen endet. 



2. Trieb-, Reflex- und Willkürbewegungen. 

a. Trieb und Instinct. 

Unter »Trieb« verstehen wir, wie oben (S. 248) bemerkt wurde, keine 
specifische Kraft, sondern das Wort soll lediglich ein zusammenfassender 
Ausdruck für solche Gefühls- und AfTectanlagen sein, die bei der Ein- 
wirkung geeigneter äußerer Reize unmittelbar zu Triebhandlungcn 
führen. Nach ihrer psychologischen Entstehung ist demnach jede Trieb- 
äußerung ein AfTect mit den zu ihm gehörigen Ausdrucksbew^^ungen; 
und die Triebe erstrecken sich, gleich den AfTecten, über alle möglichen 
Vorstellungs- und Gefühlsgebiete. So lässt sich schon jene Spannung der 
Aufmerksamkeit, bei der sich diese einem Eindruck zuwendet, als eine 
elementare Triebäußerung betrachten, die sich mit einem Streben ckier 
Widerstreben verbindet, sobald gleichzeitig Gefühle der Lust oder Un- 
lust vorhanden sind. In diesem Sinne finden wir fortwährend in uns 
ebensowohl Triebe wie Gefühle und Afifecte. Aus allen diesen leise an- 
klingenden Gemüthsbewegungen pflegen wir dann die stärkeren hervor- 
zuheben, nach denen wir die ganze Gemüthslage bestimmen, indem wir 
bald das Gefühl bald den AfTect bald den Trieb als das vorherrschende 
anerkennen. Dabei ist aber insonderheit für den Uebergang des AfTects 
in den Trieb das Vorhandensein eines Vorstellungs- und Gefuhlsinhaltes 
maßgebend, der, sobald er zu Ausdrucksbewegungen führt, durch diese 
die Lösung des Afifects erzeugt. Eben hierdurch gewinnt jener Inhalt den 
Charakter eines Motivs und die Triebhandlung den einer Willenshandlung. 
Diese Beziehung zur äußern Bewegung ist nun zugleich der Anlass, dass 
man die Triebe nicht sowohl nach den Gefühlen oder AfTecten, von denen 
sie ausgehen, als nach den Zwecken zu classificiren pflegt, auf die sie 
gerichtet sind, wobei freilich diese Zwecke im allgemeinen bloß als 
Gesichtspunkte unserer Beurtheilung und nur bei den entwickelteren 



Trieb-, Reflex- und Willkiirbewegungen. 250 

Triebformen auch als Motive gelten dürfen, die im Bewusstsein der han- 
delnden Wesen selbst existiren. 

Nach dieser teleologischen Auffassung lassen sich zwei Grundformen 
ursprünglicher Triebe unterscheiden, die dann wieder in zahh'eiche 
Unterformen mit je nach den Gefühls- und Vorstellungsinhalten wechseln- 
den Färbungen zerfallt werden können: der Selbsterhaltungstrieb 
und der Gattungstrieb. Der erstere umfasst alle diejenigen Triebe, 
die auf die Erhaltung des eigenen Seins gerichtet und nach ihren haupt- 
sächlichsten Aeußerungen theils Nahrungs-, theils Schutztriebe sind'. 
Die Schutztriebe, deren primitivste Form uns in dem plötzlichen Zurück- 
ziehen des Körpers oder eines Körpertheils vor einem äußern Reize ent- 
gegentritt, greifen zum Theil in das Gebiet der Gattungstriebe über, indem 
die Gewohnheiten des Höhlen- und Nestbaues der Thiere nicht selten 
gleichzeitig den Bedürfnissen des Schutzes und der Brutpflege dienen. 
Die Gattungstriebe können sodann in drei Unterclassen geschieden werden: 
die Geschlechtstriebe, die elterlichen und die socialen Triebe. Wie 
fiir die Schutztriebe die einfache Rückzugsbewegung, so bildet wahr- 
scheinlich für die Gattungstriebe der Trieb der Vereinigung zwischen 
Individuen der nämlichen Species, wie er sich schon in den Conjugations- 
erscbeinungen der Protozoen zu äußern scheint, den Anfangspunkt einer 
Entwicklung, für deren weitere Stufen das wechselseitige Ineinandergreifen 
der Schutz- und Gattungstriebe wohl vielfach bestimmend war. Nicht 
nur scheinen auf diesem Wege die elterlichen Triebe entstanden zu sein, 
sondern es führen insbesondere auch die socialen Triebe, die in der Ver- 
einigung von Wesen der nämlichen Gattung zu gemeinsamen Zwecken 
des individuellen Schutzes und der Brutpflege bestehen, sichtlich auf eine 
derartige Verbindung zurück. So sind die socialen Triebe in ihren primitiven 
Formen die frühesten, während sie in ihren vollkommeneren Gestaltungen 
am spätesten zur Entwicklung gelangen; zugleich ist auf einer höheren 
Stufe vorzugsweise an sie die Entwicklung sittlicher Gefühle und 
Triebe gebunden. Das Thierreich lässt nur unvollkommene Anfange 
socialer Triebe in den transitorischen Vereinigungen gewisser Thiere zu 
Wanderzwecken, sowie in den bleibenden Verbindungen der Bienen, 
Ameisen, Termiten u. a. zu Zwecken des Schutzes und der Brutpflege 
erkennen. Auch ist die Bezeichnung dieser Vereinigungen als »Thier- 
staaten« eine ungeeignete und irreleitende, da bei ihnen die gemeinsame 
Brutpflege der herrschende Zweck ist, so dass sie psychologisch wohl 
eher dem Begriff der Familie als dem des Staates unterzuordnen sind". 



* Vgl. hierzu die ausführliche Classification von G. H. Schneider, Der thierische 
WiUe, S. 397 ff., und Vierteljahrsschrift f. wiss. Philosophie, Bd. 3, S. 176 und 294. 

* A. Espinas, Die thierischen Gesellschaften, deutsch von W. Schlösser, 1879, 

17* 



26o Willenftvorgänge. 

Ein für gewisse Seiten der psychischen Entwicklung sehr wichtiger Trieb, 
den wir ebenfalls den socialen Trieben anreihen können, begegnet uns 
endlich in dem Nachahmungstrieb. Bei allen in Herden und Schwärmen 
lebenden Thieren beobachtet man, dass ausgeführte Bewegungen, ausge- 
stoßene Lock- und Warnungsrufe sich ausbreiten. Die Jungen ahmen 
die Handlungen ihrer elterlichen Thiere nach. Der Jagdhund folgt bei 
seinen ersten Uebungen dem Beispiel seiner älteren Genossen u. s. w. 

Die ursprünglichen Triebe des Menschen und der Thiere pflegt man 
auch als »angeborene Triebe« oder Instincte zu bezeichnen und von 
ihnen diejenigen, die eine gewisse psychische Entwicklung voraussetzen 
und daher selbst beim Menschen nicht von allgemeingültiger Beschaffen-^ 
heit sind, als erworbene zu unterscheiden. Dabei ist jedoch zu be- 
achten, dass als angeboren oder vererbt immer nur eine gewisse Trieb- 
anlage betrachtet werden kann, während die Art, wie diese Anlage sich 
äußert, von speciellen Lebensbedingungen abhängt, in diesem Sinne also 
erworben ist. Darum ist nun aber die Grenze zwischen dem Angebore- 
nen und dem Erworbenen bei den Instincten nicht immer sicher zu 
ziehen; und noch mehr ist die Frage, inwieweit auch bei den höheren 
intellectuellen Trieben angeborene Anlagen eine Rolle spielen, nur in 
extremen Fällen mit einer gewissen Sicherheit zu beantworten. Jedes 
Wesen bringt bestimmte Triebe als angeborene Anlagen zur Welt mit. 
Der Nahrungs- und Geschlechtstrieb zeigen sich in ihren ersten Aeuße- 
rungen gänzlich unabhängig von den vorausgegangenen Erfahrungen des 
individuellen Bewusstseins. Aber nicht bloß in ihrer allgemeinen Anlage, 
sondern vielfach auch in ihren besonderen Gestaltungen erscheinen sie 
als angeborene Triebe. Die ältere psychologische Theorie dieser Instincte, 
besonders auch der oft sehr complicirten Schutz- und Geselligkeitstriebe der 
Thiere, schwankte zwischen zwei Extremen. Nach der einen Ansicht sollte 
das neugeborene Wesen die Vorstellungen, auf die sich sein Trieb bezieht, 
zur Welt mitbringen. Dem Vogel schwebe das Nest, das er bauen soll, 
der Biene ihre Wachszelle als Bild vor. Die entgegengesetzte Auffassung 
betrachtete die instinctiven Handlungen umgekehrt als Erzeugnisse einer 
individuellen Erfahrung, wobei jedes Wesen theils durch das Beispiel 
anderer, theils durch eigene Ueberlegung bestimmt werde. Beide Theorien 
verfehlen vor allem deshalb das Ziel, weil sie den Instinct für ein an- 
geborenes oder erworbenes Erkennen halten, was er natürlich nicht ist. 
Im Gegensatze hierzu ging Darwin von der Analogie mit der individuellen 
Gewohnheit aus. Die Instincte sind nach ihm generelle Gewohnheiten, 



S. 331 ff. Vergleiche hierzu meine Vorlesungen über die Menschen- und Thierseele^, 
S. 474 ff. 



Trieb-, Reflex* and Wiilkilrbewcgnngen, 



die, durch natürliche oder künstliche Züchtung entstanden, sich auf die 
Nachkommen vererben ^ indem sie dabei unter Fortwirkung constanter 
Naturbedingungen verstärkt werden*. Mit Recht wird hier das Princip 
der Vererbung als ein wesentliches Moment der Erklärung betont. Aber 
fdie Gewohnheit, mit der schon CüNDlLLAC und F. CtrviER die Instincte 
; verglichen % ist ein unbestimmter BcgrifiT, der den psychologischen Vor- 
> gang völlig dunkel lasst Denn es fragt sich, wie jene Gewohnheiten 
* entstanden sin'd, die in ihrer Vererbung und Häufung die so außerordent- 
lich verschiedenen Instincte der Thiere erzeugt haben. Der Hinweis auf 
die Einflüsse der Züchtung hebt nur gewisse äußere Lebensbedingungen 
hervor; in seiner Erweiterung zum Begriff der »natürlichen Züchtung« 
macht er aber einen so verschwenderischen Gebrauch von der Annahme 
der Entstehung nützlicher r>folge aus einer unbegrenzten Anzahl gleich- 
gültiger oder schädlicher Wirkungen durch die Erhaltung des * Taug- 
lichsten*, dass dieses Princip der zufalligen Auslese gerade bei den In- 
stincten den schwersten Bedenken begegnet. Wenn nun manche Bio- 
logen^ um allen diesen Schwierigkeiten zu entgehen, auf die Reflex- 
bewegungen zurückgriffcn, deren »zweckmäßiger« Charakter auf der 
einen Seite augenfällig sei, während sie auf der andern in der angebo- 
renen Organisation des Nenensystems der Thiere ihre Grundlage haben, 
so ist das ebenso wenig eine annehmbare Lösung. Im Grunde führt 
diese Annahme auf die Cartesianische Vorstellung zurück, die Thiere 
oder wenigstens jene niederen Thiere , die sich , w^ie die Bienen und 
I Ameisen, durch besonders compÜcirte Instincte auszeichnen, seien *natür- 
iKche, unbeseelte Maschinen*''. Aber erstens sind diese Bewegungen 
mindestens bei den mit entw ickcltercn histincten begabten Wesen , z. B. 
ibei den Bienen und Ameisen, von so überaus complicirter, von Fall zu 
Fall den individuellen Lebensbedingungen sich anpassender Art, dass ein 
Reflex mechantsmus^ der alles dies leisten könnte, vorläufig für uns ebenso 
unbegreifUch bleibt, wie es die angeborenen bewussten oder unbewussten 
1 Vorstellungen der fri^iheren Zoologen sind. Zweitens wird durch diese 
Interpretation das Räthsel nur an eine andere Stelle verlegt. Denn wie 
Reflc.xraechanismen solcher Art, ja wie überhaupt zweckmäßige Be* 
wegungen entstanden seien, bleibt vollkommen dunkel, mag man hier 
. wiederum zu der ZufaHshypothese der Selection oder scliließlich zu dem 
Wunder einer ursprünglichen zweckmäßigen Schöpfung seine Zuflucht 
nehmen. 



I * Darwis, U«bcr die EntstehuDg der Arten, S. 317. 

* Flourens, De rinstinct et de rmteUigcnce, p. 107. Vgl. aach Tn. Ribot* Die 
Erblichkeit. Deutsche Ausgabe, 1S76, S. 13 ff. 

3 A. BethEt Pflügers Archiv, Bd. 68, 1897, S. 4490", Ebend. Bd. 70, iSgS» S. 15 ff. 
Dazu E. WasmaNN, Die psychischen Fühigiceiten der Ameisen. Zoologica, Heft 26, 1899. 




202 VVillensvorgänge. 

Dem gegenüber ist nun der psychologischen Betrachtung ein Weg 
vorgezeichnet, der allerdings nicht mit einem Schlage das Räthsel der 
complicirten Instincte löst, der aber wenigstens die Richtung zeigt, in 
der seine Lösung gesucht werden muss, soweit eine solche möglieb 
ist. Es ist nämlich vollkommen klar, dass wir kaum jemals aus den 
Lebensäußerungen der Thiere auf unsere eigenen psychischen Vorgänge 
Rückschlüsse machen können, dass aber das umgekehrte in einem ge- 
wissen Grade zulässig sein wird, sobald gewisse Handlungen der Thiere 
mit solchen des Menschen, deren psychische Bedingungen wir kennen, 
übereinstimmen. Dies ist nun aber gerade bei den Instincten der Fall. 
Den Nahrungstrieb bringt auch das menschliche Kind in die Welt mit, 
und der Geschlechtstrieb äußert sich zwar später, aber er entsteht offen- 
bar gleichfalls aus einer angeborenen Anlage. Nun beobachten wir gerade 
bei dem letzteren, dessen Entwicklung sich aus diesem Grunde am deut- 
lichsten verfolgen lässt, dass die ersten dunkeln Regungen desselben 
durchaus mit keinem Bewusstsein irgend eines bestimmten Zieles ver- 
bunden sind. Er wird nicht von den Vorstellungen beherrscht, sondern 
er bemächtigt sich gewisser Vorstellungen, die sich zufallig der individuellen 
Wahrnehmung bieten. In dieser Unbestimmtheit des ursprünglichen 
Triebes liegt zugleich der Keim zu den mannigfachen Verimingen, denen 
er unterworfen ist. In seiner ersten Aeußerung ist er aber ein Complex 
von Gefühlen und AfTecten, aus denen sich dann allmählich, unter der 
Wirkung äußerer Eindrücke, bestimmte Motive herausbilden. Zwar sind 
auch hier Sinnesreize schon zum ersten Hervorbrechen des Triebes er- 
forderlich; doch diese Sinnesreize stehen zu den späteren Motiven in 
keiner bestimmten Beziehung. Ebenso entspringt der Nahrungstrieb des 
Säuglings weder aus dem Anblick der Mutterbrust, noch aus der Vor- 
stellung der Nahrung, sondern, wie wir auf Grund der Ausdrucks- 
bewegungen mit zureichender Sicherheit annehmen dürfen, aus einem 
dumpfen Hungergefühl, das alle jene Bewegungen begleitet, die schließ- 
lich die Stillung des Triebes bewirken. Ist auf diese Weise öfter einmal 
der Trieb des Kindes befriedigt worden, so wird sich allerdings die zuerst 
dunkle und dann klarer werdende Vorstellung der äußern Objecte, die 
sich dabei darbieten, und seiner eigenen Bewegungen hinzugesellen, und 
es wird so mit dem Hungergefühl zugleich das reproducirte Bild aller 
dieser Eindrücke auf die Erfüllung des Triebes hindrängen. So erklärt es 
sich denn leicht, dass diese einfachsten Instincthandlungen schon, so sehr 
sie auch ursprünglich angeboren sind, doch sichtlich durch alle die Lebens- 
einflüsse, die wir in ihrer Wirkung unter dem Namen der »Uebung« zu- 
sammenfassen, vollkommener werden. 

Nicht anders werden wir uns nun die individuelle Entstehung der 



Trieb-, Reflex- und Willkurbewcgiingen, 



263 



I 



I 



Instincte bei den Thiercn denken können. In dem jungen Vorstehehund, 
der zum ersten Male zur Jagd geht, und der bei der Witterung des 
Wildes alsbald von dem unwiderstehlichen Trieb zum Stellen erfasst wird, 
existirte bis zu diesem Augenblick noch keine Vorstellung von dem 
Wilde. Wahrscheinlich sind es bestimmte Gesichts- und Geruchsreize, 
die jenen Trieb momentan in ihm losbrechen lassen. Auch hier kann 
aber der Instinct in seinen ersten Aeußerungen irre gehen, wie denn 
z* B, Darwin* berichtet, dass zuweilen junge Vorstehehunde vor andern 
Hunden stehen, was dem erfahreneren Thiere nicht mehr begegnet. 
Ebenso werden den Vogel körperliche Reize, die von den Organen der 
Fortpflanzung ausgehen, zu einer bestiramten Zeit seines Lebens antreiben, 
die Vorbereitungen zum Nestbau zu treffen. Das zum ersten Mal bauende 
Thier weiß nichts von dem Neste und den Eiern, die es hineinlegen 
wird: die Vorstellung entsteht erst, indem der Trieb zu seiner Erfüllung 
gelangt; der Trieb selber geht aber wieder von gefühtsstarken Gemein- 
empfindungen aus, die von jener Vorstellung nicht das geringste ent- 
halten. In andern Fällen werden wohl die Reize, welche die Instincte 
erwecken, sogleich mit dem Beginn des selbständigen Lebens wirksam 
und bleiben es fortwährend. Schon Reimarus hat hervorgehoben, dass 
auch die körperliche Bewegung und andere Lebensvorgänge als einfache 
Triebäußerungen betrachtet werden können\ Selbst der Mensch bringt 
den Trieb zur Bewegung oder vielmehr die Eigenschaft, den Trieb durch 
äußere Sinnesreize zu entwickeln, zur Welt mit, und ohne diese Anlage 
würde er niemals die Fähigkeit zu zweckmäßigen Körperbewegungen ge- 
winnen. Die sogenannte * Erlernung« der Bewegungen geht, sogar bei 
den Ortsbewegungen, die sich am langsamsten ausbilden, theils aus eige- 
ner TriebäuÖerung theils aus den dabei einwirkenden äußeren Eindrücken 
hervor. Bei zahlreichen Thieren ist nun allerdings die Fertigkeit der Be- 
wegung in dem Moment, wo sie ins Leben treten, schon nahezu voll- 
ständig ausgebildet. Das junge Hühnchen, dem noch die Eischale auf 
dem Rücken klebt, und das eben geborene Kalb stehen und gehen ohne 
weitere Uebung und Anleitung. Trotzdem kann man auch hier nicht 
sagen, das Thier bringe den actuellen Trieb zur Welt mit. Im Ei und 
im Fruchthalter hat sich dieser Trieb noch nicht oder doch nur in sehr 
beschränkter Weise geregt. Erst die äußeren Reize, die im Moment der 
Geburt beginnen, envecken ihn vollständig. Er ist hier aber schon in 
seinen ersten Aeußemngen so sicher, dass die individuelle Uebung ver- 
hältnissmäßig w^enig hinzufügt. Darum ist es nun aber doch noch nicht 



' A. a. O. S. 223. 

* Reimarus, Allgemeine Betrachtungen über die Triebe der Thiere, hauptsächlich 
Über ihre Knnsttriebe^ 1760, S, 2 ft 




264 Willensvorgänge. 

erlaubt zu schließen, diese Bewegungen seien in ihrem Ursprung von den 
mit ihnen im übrigen vollkommen übereinstimmenden des Menschen total 
verschieden, sondern wir werden annehmen müssen, in diesem Falle li<^e 
bereits in der angeborenen, von den vorausgegangenen Generationen er- 
worbenen Bildung des Nervensystems die fertige Disposition zu jenen 
Bewegungen, die nur der Erregung durch den von äußeren Sinnesreizen 
erweckten Trieb bedarf, um in volle Wirksamkeit zu treten. Bei den 
Instincthandlungen fallt also der individuellen Entwicklung im ganzen 
ebenso viel und ebenso wenig zu wie bei der sinnlichen Wahrnehmung. 
Die Anlage bringt das einzelne Wesen vollständig vorgebildet zur Welt 
mit; zur wirklichen Function ist aber die Einwirkung der Sinnesreize er- 
forderlich. Beide Fälle sind in der That nahe verwandt. Auch die 
Function der Sinnesorgane ist an Bewegungen gebunden, die ursprüng- 
lich wohl aus Trieben hervorgehen. Ebenso ist das Maß individueller 
Ausbildung, das zu der angeborenen Anlage hinzukommen muss, für die 
Sinneswahrnehmungen und die Instincthandlungen das gleiche. Je weniger 
der Instinct der Vervollkommnung durch Lebenseinflüsse bedarf, um so 
fertiger tritt von Anfang an auch die sinnliche Wahrnehmung auf. Der 
Mensch wird in beiden Beziehungen verhältnissmäßig unfertig geboren. 
Selbst die einfachsten Bewegungen und Wahrnehmungen, deren die mei- 
sten Thiere alsbald mächtig sind, muss er allmählich erst ausbilden. Es 
ordnet sich aber diese Thatsache einer, wie es scheint, allgemein im 
Thierreich zu beobachtenden Regel unter. Je einfacher die Organisation 
des centralen Nervensystems ist, um so sicherer vorgebildet sind jene 
ererbten Dispositionen, auf denen die ersten Aeußerungen der Sinnes^ 
Wahrnehmungen und der Triebe beruhen; je verwickelter dagegen, um 
so breiter wird der Spielraum, welcher der individuellen Ausbildung bleibt, 
um so größer sind nun aber auch die individuellen Unterschiede, die sich 
in allen psychischen Functionen, von den einfachsten Bewegungen an, 
geltend machen. Diese Wechselwirkung ist im allgemeinen leicht be- 
greiflich. Bei einer vielseitigen Anlage muss zugleich der individuellen 
Entwicklung ein größerer Raum geboten sein, und gleichzeitig damit wird 
die Determination durch Vererbung geringer. 

Gemäß dem Princip der Vererbung und dem der Anhäufung be- 
stimmter Eigenthümlichkeiten unter dem Einfluss gleichmäßig fortwirken- 
der Bedingungen können wir demnach alle irgendwie zusammengesetzteren 
Instincte als Producte einer Entwicklung betrachten, deren Ausg^angspunkte 
uns noch gegenwärtig in den einfachsten Triebäußerungen niederer Thiere 
vorliegen. Die weitere Entw-icklung der Triebe beruht dann darauf, dass 
bei der besonderen Gestaltung derselben den Vorstellungen und den an 
sie geknüpften associativen und appcrccptiven Processen eine wichtige 



Trieb-, Reflex- tmd WülkÜrbewegungen. 



265 



Rolle zufällt. Man braucht, um diesen Einfluss anzuerkennen, nur auf 
die mannigfaltigen Aeußernngen der verschiedenen thierisclien Instincte 
hinzublicken. Wenn die meisten Beobachter eine Erklärung der In- 
stincte aus Verstandeshandlungen zurückwiesen, so ist dies in der That 
nicht deshalb geschehen, weil etwa in solchen Instincten, wie in dem 
Bautrieb des Bibers und der Biene, in den Vereinigungen der Ameisen 
und Termiten u. s. w., kein Verstand zu finden wäre, sondern weil man 
im Gegentheil davon zu viel darin gefunden hat, so dass er, wenn man 
ihn als einen individuellen Erwerb betrachten wollte, mitimter als etwas 
den höchsten menschlichen Leistungen Ebenbürtiges geschätzt werden 
müssteV So ist es denn begreiflich, dass man sich lieber entschloss, in 
dem instinctiven Thun der Thiere die Aeußerung einer ihnen fremden 
Intelligenz zu sehen, sei es mm dass man in dieser, wie die Physiko- 
theologen des 18* Jahrhunderts, die göttliche Intelligenz selbst, oder, wie 
die Maschinentlieorie DesCARTEs' und der seinen Spuren folgenden neue- 
ren Biologen, die Leistung eines wunderbaren Mechanismus erblickte, der 
schließlich wieder kaum auf et^vas anderes als auf eine göttliche Frovidcnz 
zurückzuführen wäre. 

Dass die intellectuellen und moralischen Triebe, die sich nur in der 
menschlichen Seele ausbilden, ebenfalls in gewissem Grade dem Gesetz 
der Vererbung unterworfen sind, ist nach den Erfahrungen der Psycho- 
pathologie über die V^ererbung perverser Triebe und der Anlage zu geisti- 
gen Störungen wohl nicht zu bestreiten. Man kann aber hier immerhin 
zweifelhaft sein, in w^elcheni Umfange diese Vererbungstendenzen bei den 
normalen Triebanlagen gegenüber den Einflüssen der individuellen Le- 
benserfahrung ins Gewicht fallen. Doch muss die nähere Behandlung 
dieses Gegenstandes hier den Anwendungsgebieten der Psychologie, wie 
Charakterologie, Psychopathologie und Criminalpsychologie , überlassen 
bleiben'. 



E' Vgl. AüTENRiETH, Ansichten über Natur- und SeeUtileben , S, 171. Vg!. ferner 
JJ^odesungen Über die Menschen- und Thierseek^^ S, 385 ff., außerdem die specifillen 
Bchriften über lliierpsychologie^ namentlich : A, EsflNAS^ Die thiedüchen üeseUscbaften, 
1879* G. H. SCHNEIDER, Der thierische Wille, 1880. Romanes, L'intelligence clcs ani- 
maux*, 1889, I, IL Geistige Entwicklung im Tbierreicb, 1S85, (Mit einer nachgelassenen 
Arbeit Darwins über den Instioct^ 
[ ' Vgl. Th. Ribot^ Die Erblichkeit. Deutsche Ausg. 1876^ neu bearb* von Kurella, 

BS95. (Enthält besonders auch Beobachtungen über die Vererbung künsüerischer Anlagen.) 
£)ksch^\N5ICY, Etnde lur rherediti normale et morbide, 1894. Auch die, übrigens mit 
Kriitk zn benutzenden, Werke Lombrosos (Der VcrbrechcCi deutsche Ausg; 1887, Der 
geniale Mensch, 1893^ La femme criminelle, 1896) sind hier zu nennen. Zur Psycho- 
pathologie der Triebe vgl Kkaepelin, Psychiatrie^, Bd. i, S. 185, 220 A^ Dazu niit Rück* 
»Icht auf die Vererbung individueller Anlagen unten Cap. XIX, 6. 



206 Willensvorgänge. 



b. Automatische und reflectorische Bewegungen. 

Die automatischen und reflectorischen Bewegungen sind, als wichtige 
Functionen der Nervencentren, bereits früher erörtert worden (Bd. i, 
S. 79 fr., 242 ff.). Ebenso ist von den muthmaOlichen Ausgangspunkten 
der anscheinend > spontanen c, äußeren Reizen angepassten Bew^ungen, 
insofern sie allgemeine Merkmale seelischen Lebens sind, die Rede ge- 
wesen (ebend. S. 19 ff.). Dabei musste jedoch die Frage nach der psy- 
chologischen Bedeutung der Erscheinungen zunächst aus denni Spiele 
bleiben. Jetzt, nachdem wir die Willensvorgänge in den beiden- Ent- 
wicklungsformen der Trieb- und der Willkürhandlungen als Hauptformen 
zweckmäßiger psychophysischer Lebensäußerungen kennen lernten^ erhebt 
sich aber die Frage nach der Stellung der automatischen und reflectori- 
schen Bewegungen zu jenen psychophysischen Functionen. Sind diese 
Bewegungen ursprünglich rein physikalisch-chemische Wirkungen, 
ohne jede Spur psychischer Begleitphänomene? Oder enthalten sie psy- 
chische Elemente, die wir als Empfindungen und Gefühle, analog den 
uns aus der Selbstbeobachtung bekannten, betrachten dürfen? Es ist 
klar, dass diese Frage für die Physiologie wie für die Psychologie der 
Bewegungen ihre große Bedeutung hat, dass sie aber doch für die letz- 
tere von überwiegendem Interesse ist. Denn wie man sie auch beant- 
worten mag, für die rein physiologische Untersuchung bleibt immer die 
Aufgabe bestehen, den physikalisch-chemischen Zusammenhängen der Be- 
wegungen nachzugehen, da mit der Annahme von Anfang an vorhande- 
ner psychischer Elemente der physikalisch-chemische Charakter der Er- 
scheinungen, also auch die streng physiologische Analyse derselben nicht 
im geringsten alterirt würde. Anders steht die Psychologie zu der Frage. 
Wird die erste Alternative mit ja beantwortet, so müssen wir annehmen, 
das, was wir ein »Bewusstseinsphänomen« nennen, entstehe plötzlich, 
katastrophenartig aus bisher rein mechanischen oder, wenn der Ausdruck 
gestattet ist, »apsychischen« Functionen. Wird dagegen die zweite bejaht, 
so ist von selbst die Voraussetzung geboten, die Entwicklung der psy- 
chischen Erscheinungen, wie sie im Bewusstsein des einzelnen Menschen 
eine continuirliche ist, sei auch in der Stufenfolge der lebenden Wesen 
als eine solche anzunehmen, ein plötzlicher Sprung vom »Apsychischen« 
zum »Psychischen« existire also in Wirklichkeit nicht. Während dem- 
nach die Physiologie in der rein physiologischen Auffassung der Be- 
wegungen und in den Methoden ihrer physiologischen Analyse gar nicht 
alterirt wird, sieht sich die Psychologie zu zwei völlig abweichenden 
Grundanschauungen über den Ursprung der Willensvorgfänge und des 



Trieb*, Reflex- und WillkürbewegüEgen, 



267 






I ^i 






psychischen Geschehens überhaupt gedrängt, je nachdem sie sich im einen 
oder im andern Sinne entscheidet 

Welcher Seite man sich nun aber auch hier v^on vornherein zuneigen 
möge, jedenfalls kann dieses Problem nicht bloß durch Erfahrungen am 
Menschen und an den ihm näherstehenden höheren Thieren, sondern es 
kann nur auf Gnind einer auch die niederen organischen Wesen um- 
fassenden Beobachtung mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit gelöst wer- 
den. Indem wir demgemäß kurz zunächst der wesentlichsten Thatsachen 
gedenken, die hier die vergleichende Physiologie an die Hand gibt, wer- 
den wir iibrigens gut thun, von der etwaigen psychologischen Seite der 
Erscheinungen vorläufig noch zu abstrahiren, da ja eben die physische 
eite uns allein direct gegeben ist. Von diesem objectiven Standpunkte 
aus wollen wir dann >reflectonsch« einstweilen alle die Bewegungen 
nennen, die auf einen äußeren Reiz in einer diesem zweckmäßig ange- 
passten, coordinirten Form auftreten. Das Kriterium der > zweckmäßigen 
Anpassung« und der hierzu geeigneten Coordination der Bewegungen wird 
sich aber hier allerdings wiederum nur denjenigen Bewegungen höherer 
Thiere entnehmen lassen, die wir als zweifeltose Triebbewegungen keimen, 
»Zweckmäßige Reflexe < nennen wir also Reizbewegungen, die so erfolgen^ 
als wenn ein Schutztrieb oder ein Nahrungstrieb oder ein Geschlechts- 
trieb das die Bewegung erzeugende psychische Motiv wäre. Doch ist 
zu beachten, dass wir dieses Kriterium vor al!em auch da anwenden, wo 
solche Triebe als thatsächliche Bewusstseinsphänomene nicht nachzu- 
weisen sind. So verengert sich unsere Pupille auf Lichtreize, und so be- 
wegt der Rückenmarksfrosch sein Bein gegen einen Hautreiz ganz im 
Sinne eines Schutztriebes, obgleich die Existenz eines solchen, wenn wir 
dem Wort seine allein berechtigte psychologische Bedeutung lassen, bei 
der Lichtreaction der menschlichen Pupille sicher zu verneinen, bei dem 
hirnlosen Rückenmarksfrosch wenigstens sehr zweifelhaft ist. So lange 
wir diesen Standpunkt einer bloß objectiven physiologischen Sympto- 
matik festhalten, ist hiernach eine Unterscheidung zwischen Triebbe- 
wegungen und Reflexen ausgeschlossen^ da es ja eben Triebsymptome 
allein sind, nach denen wir Reflexbewegungen in dem der Nerv^n- 
physiologie geläufigen Sinne von andern beliebig unzweckmäßigen Reiz- 
bewegungen unterscheiden können. Dagegen wird es, sobald neben 
den äußeren physiologischen Symptomen auch die psychische Seite 
in Rücksicht gezogen wird, nützlich sein, zu jenem engeren und eigen t- 
chen Begriff der Reflexe zurückzukehren, nach welchem diese bloß 
echanisch-physiologjschen Erfolge der Reize von zweckmäßig angepass- 
m Charakter sind, aber nicht von nachweisbaren Bewusstseinserschei- 
nungen begleitet werden. Die Reflexe in diesem engeren Sinne würden 



268 



Willcnsvorgänge. 



sich daher in Kürze auch als »trlebartige Reacttonen ohne wirklich vor- 
handene Triebe* defiiiiren lassen. Aehnlich werden wir dann > automa- 
tisch« in der allgemeinsten Bedeutung des Wortes solche Bcwegfiingen 
nennen, die ohne äußere Reize^ aber im allgemeinen ebenfalls in zweck- 
mäßiger Coordination erfolgen. Und auch hier muss vom Standpunkte 
bloÜ objectiver Beobachtung aus ganz dahingestellt bleiben, ob solche 
Bewegungen psychologisch betrachtet Willenshandlungen sind, oder ob 
sie in Folge irgend welcher innerer Reize eintreten, die mit Bewusstseins- 
phänomcncn nichts zu thun haben. In diesem reiß physiologischen Sinne 
sind z. B. dte spontan erfolgenden Schwimmbewegungen eines intacten 
Frosches ebenso gut wie die eines hirnlosen > automatisch«, obgleich die 
ersteren wahrscheinlich auf Willensvorgängen beruhen, während dies von M 
den letzteren wenigstens zweifelhaft sein kann. Den Ausdruck »spontan«^ ■ 
den man in der Physiologie meist für solche Bewegungen anwendet, 
wollen wir wegen des unmittelbaren Zusammenhangs seiner Bedeutung 
mit dem Willen vermeiden. Doch behalten wir uns auch hier vor, zu 
dem engeren, die Bewusstseinsphänomene ausschlieöenden Begriff des 
Automatischen zurückzukehren, sobald die Mitberücksichtigung der psy-S 
chischen Seite der Erscheinungen wieder in Frage kommt, »Automa- 
tisch« im rein objectiven Sinne werden wir daher solche thierische 
Bewegungen nennen, die den Charakter zweckmäßig coordintrter Willens- ■ 
handlungen ohne sie unmittelbar auslösende äußere Reize besitzen, und 
von denen vorläufig dahingestellt bleibt, ob bei ihnen wirkliche Willens- _ 
Vorgänge vorhanden sind oder nicht. Nimmt man die Begriffe des ■ 
Automatischen und des Reflectorischen in dieser weitesten Bedeutung, 
so können nun freilich auch die Grenzbestimmungen gegenüber den des 
Zweckcharakters und der zweckmäßigen Coordination überhaupt entbeh- 
renden Bewegungen unsicher werden* So gehören die geotropischen, 
heliotropischen und chemotaktischen Erscheinungen in der niederen 
Pflanzen- und Thierwelt zumeist einem solchen zweifelhaften Gebiet an. 
Für den Stand der Frage nach der Bedeutung und Entwicklung der 
automatisch -reflectorischen Bewegungen im ganzen ist aber dies kaum 
von wesentlichem Gewicht, da die in überzeugender Weise den Charakter 
der zweckmäßigen Adaptation und Coordination an sich tragenden Be- 
wegungen auch nach Beiseitesetzung solch zweifelhafter Fälle eine hin- 
reichend vollständige Ent^vicklungsreihe bilden. 

Als die Ausgangspunkte dieser Entwickhnigsreihe sind dann jene 
Bewegungen niederer Organismen anzusehen^ die schon den allgemeinen 
Charakter automatischer und reflectorischer Erscheinungen an sich tra- 
gen, obgleich bei den Thieren selbst keinerlei Spuren eines Nerven- 
systems nachzuweisen sind, oder obgleich zwar Ner\^cn und gangliösc 



• 





Tricb-^ Reflex- und Willkiibewegungcn. 



Centren existiren, nach Entfernung dieser Gebilde jedoch die zweck- 
mäüig coordinirten Bewegungen erhalten bleiben. Dahin gehören also 
nicht bloß die Bewegungen der cili entragenden Protozoen*, sondern 
auch viele Erscheinungen bei Coelenteraten, Turbellarien und andern 
niederen Wirbellosen, bei denen die ganze contractile Substanz noch 
Trägerin ner\^öser Leistungen zu sein scheint, und daher die specifischen 
Nervengcbilde eine verhältnissmäßrg zurücktretende, wahrscheinlich nur 
einzelne Coordinationen räumlich entfernterer Theile des Kiirpers ver* 
mittelnde Function besitzen. So können Schirmquallen, denen man den 
am Rand des Schirms gelegenen Ner\^enring exstirpirt hat, ihre automa- 
tischen Contractionen bald ungestört fortsetzen, bald darin mehr oder 
weniger gehemmt werden, ohne dass eine völlige Suspension derselben 
eintritt'- Wird tine Turbellarie hinter dem am Vorderende des Thieres 
gelegenen Ganglienpaar quer durchschnitten, so bleiben automatische Be- 
wegungen bald beider Hälften, bald nur der vordem erhalten; locale 
Reflexerscheinungen dagegen bewahrt jedesmal auch der ganglienlose 
TheÜ^. Diese Eigenschaft contractiler Substanzen, auch wenn sie außer 
Zusammenhang mit nervösen Gebilden sind, automatisch oder reflectorisch 
zu reagiren, scheint sich sogar noch bei den höheren Thieren auf 
ge\%isse relativ selbständigere muskulöse Organe, wie das Herz und den 
Darm, zu erstrecken, so dass in dieser Zugehörigkeit der contractilen 
Substanz, ebenso wie gewisser Sinneszellen, zum Nervensystem die Con- 

Itinuitat der Entwicklung, mit freilich immer größer werdender Prävalenz 
der eigentlichen Nervencentren, erhalten bleibt*. Zwischen jenen beiden 
'Grenzfällen, der anscheinend auf besondere, ausgedehntere Coordinationen 
[beschränkten Function der Ncrvencentren und der Reduction eines vom 
Nervensystem relativ unabhängigen Automatismus auf einzelne, in näch- 
ster Beziehung zu den vegetativen Functionen stehende Organe, bietet 
pun das Thicrreich alle möglichen Uebergangsstufcn. Dabei kommt 
aber zu dieser ersten Erscheinung noch eine zweite, die zunächst mit 
jener Hand in Hand geht, um dann in der aufsteigenden Thierreihe 
eine zunehmende Bedeutung zu gewinnen: dies ist die anfangs sehr weit- 
reichende, hierauf aber bei den höheren Wirbelthieren und dem Menschen 

j immer mehr abnehmende relative Unabhängigkeit der verschiedenen 

^fclieile des centralen Nervensystems von einander. Frühe sind bekannt- 

^^ich schon bei den Wirbellosen gewisse Ganglienmassen durch ihren 

Umfang und ihre bevorzugte Stellung ausgezeichnet: so vor allem die 



« Vgl. Bd. I, s, 26. 

"^ RaMAi^Es, Jel!y-fi»h, Star-fish and SeÄ-Urchins, Intetnadonal scient. ser. 1893, 

^ LoES, Pflügkrs Archiv, Bd, 56, 1894, S. 247 ff. 

^ VgU oben Bd. 1, S. 29, 259 ff. 




270 Willensvorgänge. 

ZU einer Art von Gehirn entwickelten Schlundganglien. Aber wie die 
Differenzirung dieses Gehirns der Wirbellosen selbst bei verwandten Formen 
eine mannigfach wechselnde sein kann, so bieten nun auch die Körper- 
segmente selbst alle möglichen Stufen von einer nahezu voilständ^en bis 
zu einer auf wenige Restsymptome beschränkten Autonomie ihrer Be- 
wegungsfunctionen. So können Anneliden und Nemertinen zerschnitten 
werden, ohne dass die Theile ihre automatische Locomotion verlieren, 
vorausgesetzt nur dass die Zahl der verbunden bleibenden Segmente nidit 
unter eine gewisse Grenze sinkt'. Bei den Crustaceen und noch mehr 
bei den Insecten werden nach Beseitigung der Schlundganglien die Be- 
wegungen unsicher, und einzelne Reflexe schwinden gänzlich, da das obere 
und das untere dieser Ganglien offenbar verschiedene Coordinationen ver- 
mitteln. Allgemein aber scheinen dabei die reflectorischen und die auto- 
matischen Centren für die verschiedenen Beweg^gen zusammenzufallen*. 
Diese Verhältnisse wiederholen sich nun bei den Wirbelthieren mit 
der besonderen Modification, dass die relativ größere Selbständigkeit 
der niederen Centren vor allem in der Fähigkeit des Rückenmarks 
oder einzelner Segmente desselben zu mehr oder weniger ausgedehnten 
Reflexen zum Ausdruck kommt, wogegen schon beim Amphioxus die 
automatische Locomotion hin wegfällt, sobald der vordere, dem Gehirn 
entsprechende Abschnitt vom übrigen Körper getrennt ist^. Immerhin be- 
wahren z. B. beim Aal selbst beschränkte Rückenmarkstheile eine längere 
Zeit nach der Trennung nicht bloß, reflectorische , sondern anscheinend 
selbst automatische Locomotionen*. Aehnliches ergeben die Versuche 
an anderen Fischen, sowie besonders an den in dieser Beziehung am viel- 
seitigsten erforschten Amphibien und Reptilien. Als allgemeines Resultat 
lässt sich daher für alle diese niedereren Wirbelthiere festhalten: selb- 
ständige Reflexthätigkeit einzelner Segmente des Rückenmarks, verbunden 
mit umfangreichen Coordinationen und Selbstregulirungen; bei Erhaltung 
größerer Gebiete außerdem Erhöhung der Reflexerregbarkeit, augen- 
scheinlich in Folge hinwegfallcnder centraler Hemmungen, aber nur sehr 
spärliche automatische Bewegungen. Letztere sowie die umfassenderen 
Selbstregulirungen treten meist erst nach längerer Zeit ein^. Mit Rücksicht 



* S. S. Maxwf.ll, Pflügers Archiv, Bd. 67, 1S97, S. 263. Steiner, Die Functionen 
des Centralnervensystems, 3. Abth. 1899. 

" Bethe, Pfluc.ers Archiv, Bd. 68, 1897, S. 449 ff» 

3 Steiner, Die Functionen des Centralnervensystems, 2. Abth. S. 38 flf. D.VNIIJ|\^'SKY, 
1*flCgers Archiv, Bd. 52, 1892, S. 393. 

* Bickel. Pflügers Archiv, Bd. 68, 1897, S. iio ff. 

5 Vgl. besonders Sihrader, Pflügers Archiv, Bd. 41, 1887, S. 75. Bd. 44, 1888, 
S. 175. Bkkel, ebend. Bd. 71, 1898, S. 555, und Rev. m^d. de U Snuse rom. 1897, 
p. 295. Steiner, Functionen des Centralnervensystems, 4. Abth. S. 20 ff. 



Trieb-, Reflex- und Willkürbewegimgen. 271 

auf die Beziehungen der Ontogenese zur Phylogenese ist es endlich be- 
merkenswerth, dass die relative Selbständigkeit der untergeordneten Centren 
im Larvenzustand erheblich größer als bei den Thieren nach der Meta- 
morphose zu sein pflegt, so dass auch in dieser Beziehung die Larve eine 
phylogenetisch niedrigere Organisationsstufe darstellt. So zeigen Frosch- 
larven und bis zu einem gewissen Grade selbst noch ganz junge Frösche 
umfangreichere reflectorische Coordinationen als erwachsene Thiere, und 
die die Schwanzbewegungen der Larve regulirenden Reflexcentren schwinden 
völlig bei der Metamorphose'. Mit der Ausbildung der höheren Central- 
theile nimmt also nicht nur die Herrschaft derselben über die niedereren 
zu, sondern es können diese auch mehr oder minder weitgehende Reduc- 
tionen erfahren. 

Suchen wir alle diese Erscheinungen gleichzeitig nach ihrer physio- 
logischen und psychologischen Seite zu beurtheilen, so schließt dieser 
im eigentlichsten Sinne psychophysische Standpunkt den rein physio- 
logischen, der sich um die Frage begleitender psychischer Phänomene 
überhaupt nicht kümmert, selbstverständlich mit ein. Denn irgend welche 
animale Bewegungen müssen zunächst immer aus ihren physischen Be- 
dingui^en abgeleitet werden. Anderseits aber kann die Frage, ob physi- 
sche Phänomene zugleich als psychische Symptome anzusehen sind, nur 
auf Grund ihrer Beziehungen zu denjenigen physiologischen Erscheinungen 
beantwortet werden, denen wir eine solche psychische Seite mit Sicher- 
heit zuschreiben dürfen. Diese Sicherheit besitzen wir natürlich in letzter 
Instanz immer bei unseren eigenen Willenshandlungen, die daher, so 
ungeheuer die Abstände psychischer Entwicklung sein mögen, doch 
schließlich die entscheidenden Kriterien dafür abgeben müssen, ob eine 
Bewegung bloß physisch, oder ob sie psychophysisch zu deuten 
sei Unter diesem Gesichtspunkte fallen nun die einfachsten Formen 
automatischer und reflectorischer Bewegung, wie sie uns etwa bei den 
Protisten, Protozoen und in verwandten Formen bei den Reizerschei- 
nungen des pflanzlichen Protoplasmas entgegentreten, durchaus in den 
Rahmen jener Bewegungsphänomene der lebenden Substanz, die allem 
Anscheine nach mit der physikalisch-chemischen Constitution derselben 
unmittelbar zusammenhängen, so dass wir, wenn sie uns allein gegeben 
wären, keinen Anlass haben würden, irgend etwas Psychisches bei ihnen 
vorauszusetzen. So lassen sich die Nahrungsaufnahme der Protozoen, ihr 
Fliehen vor schädlichen mechanischen oder chemischen Einwirkungen, und 
selbst die Conjugations- und andere bei der Befruchtung der niederen 
Oi^anismen zu beobachtende Erscheinungen wohl im wesentlichen durchaus 



* Babak, Pflügers Archiv. Bd. 93, 1902, S. 134 ff. 



2 7 2 Willensvorgänge. 

als katalytische Contactwirkungen oder sogenante »chemotaktische« Vor- 
gänge deuten. Stellen wir uns jedoch auf den psychophysischen Stand- 
punkt, so ist es nicht minder unverkennbar, dass diese Erscheinungen 
zugleich die ersten Stufen einer Entwicklungsreihe bilden, die bis zu den 
unzweifelhaften Triebäußerungen der höheren Thiere und des Menschen 
hinaufreicht. Hier werden wir daher dieselben einerseits zwar durchaus 
als Phänomene, die in der Constitution der lebenden Substanz und in ihren 
Wechselwirkungen mit der Umgebung begründet sind; wir werden sie 
aber gleichzeitig auch als Triebäußerungen einfachster Art betrachten 
dürfen. Dass beides neben einander bestehen kann, versteht sich von 
selbst. Denn wenn ich eine willkürliche Handlung ausführe, bei der niemand 
die Existenz einer psychischen Seite des Vorgangs bestreitet, so bleiben 
doch die Nerven- und Muskelprocesse auch hier physikalisch-chemische 
Vorgänge, gerade so gut wie die chemotaktischen oder andere Reizbe- 
wegungen der niederen Organismen. Die physiologische und die psycho- 
logische Deutung schließen sich eben nicht aus. Sie schließen sich freilich 
auch nicht ein, wie die animistische Naturphilosophie annimmt, sondern 
es bedarf jedesmal besonderer, in letzter Instanz, wie gesagt, dem mensch- 
lichen Bewusstsein entnommener Kriterien, um irgend einer Bew^^ungs. 
erscheinung zugleich eine psychologische Deutung zu geben. L^en wir 
diesen Maßstab an, so tragen nun aber die fraglichen Bewegungen der 
Protozoen und der meisten Wirbellosen durchaus den Charakter eigent- 
licher Triebbewegungen in dem oben dcfinirten Sinne an sich, das 
heißt von Bewegungen, die mit Empfindungen und Gefühlen verbunden 
sind. Dieser Eindruck wird besonders auch*äadurch bestätigt, dass eine 
Scheidung von automatischen und Reflexfunctionen bei den niederen 
Organismen überhaupt nicht ausführbar ist. Sie lässt nicht nur da im 
Stiche, wo sich überhaupt noch kein Nervensystem von der reizbaren 
contractilen Substanz gesondert hat; sondern auch bei den meisten 
Wirbellosen mit differenzirtem Nervensystem scheinen automatische und 
reflectorische Centren zusammenzufallen. Die gleichen Bewegungen, die 
in einem Ganglion reflectorisch ausgelöst werden, können, so lange das- 
selbe erhalten ist, auch automatisch entstehen. So kommt es, dass sehr 
oft bei niederen Thicren gar nicht zu entscheiden ist, ob irgend eine 
coordinirte Bewegung durch einen äußeren Reiz, also reflectorisch, oder 
ob sie automatisch entstand, oder aber ob beides, Automatismus und 
Reflex, zusammenwirkten. Erst bei den höher organisirten Wirbellosen 
und den Wirbelthieren treten deutlich gesondert specifische Reflex- 
centren auf Insbesondere das Rückenmark der Wirbelthiere kann im 
wesentlichen als eine Reihe solcher den verschiedenen Körperregionen 
zugeordneter Reflexapparate betrachtet werden, zu denen dann erst in 



Trieb-, Reflex- «nd Willkürbewcgoiigen, 



273 



icr Medulla oblongata eine Anzahl automatischer Centren hinzutritt, die 
sich in den Mittel- und Vorderhirngebieten noch weiter vervollständigt 

Mit dieser allmählichen Ausbildung von Reflexcentren, die jeder auto- 
matischen Function entbehren oder höchstens in den Anfängen der Difi"e- 
enzirung eine solche noch in einem gewissen Grade bewahren, hängt nun 
zugleich eine andere Erscheinung zusammen, die sich der psychophysischen 
Jetrachtung dieser Bewegungserscheinungen unmittelbar aufdrängt. Sie 
besteht darin, dass in dem Maße^ als gewisse Centren ihre Selbständigkeit 
einbüßen, nun auch die an diese gebundenen Symptome, die auf einen 
äen physiologischen Vorgang begleitenden psychischen Inhalt bezogen 
k'crden können, zurücktreten und endlich ganz schwinden. So erfolgen der 
Pupillarreflcx, die vasomotorischen und secretorischen Reflexe, wie wir aus 
* unserer unmittelbaren Erfahrung wissen, beim Menschen ohne irgend eine 
Spur begleitender Bew^usstseinsvorgänge. Ebenso können bei Gelähmten 
kan Muskehl, die dem Einfluss der höheren Nervenccntren entzogen sind, 
"noch Rückenmarksreflexe auf Hautreize ohne gleichzeitige Empfindung 
eintreten. Aus allem dem darf man schließen, dass auch bei Thicren rein 
maschinenmäßige Reflexe vorkommen können: und man wird annehmen 
dürfen, dass sie in allen den Fällen thatsächlich vorkommen, wo ähnliche 
Verhältnisse wie in jenen Fällen beim Menschen obwalten, vorausgesetzt 
dass nicht die größere Selbständigkeit der einzelnen Centren dies zweifel- 
haft macht. Nicht minder lehrt die Erfahrung am Menschen^ dass es 
automatische Bewegungen gibt, die entweder gar nicht oder nur secundär 
und unter besonderen Bedingungen mit Empfindungen und Gefühlen ver- 
bunden sind: so die von den Centren des verlängerten Marks regierten 
Herz-, Athmungs-, Schluckbewegungen u. s, \v., bei denen zumeist Ver- 
änderungen des Blutes als automatische Reize wirken. Auch die automa- 
tischen Bewegungen der Thiere können darum nicht ohne weiteres als 
psychophysische Reactionen angesehen werden, sondern es bedarf dazu 
überall erst besonderer Kriterien, und selbstverständlich sind solche wiederum 
^nur der Analogie mit dem Menschen zu entnehmen. Dabei ist aber 
freilich diese Analogie nicht in dem Sinne zu verstehen, als wenn dte 
Erscheinungen des entwickelten menschlichen Bewusstseins unmittelbar 
auf irgend welche andere Organismen übertragbar sein müssten; sondern 
überall bt hier die Voraussetzung zu Grunde zu legen, dass es sich nur 
um mehr oder weniger primitive Vorstufen der Thatsachen des mensch- 
lichen Bewusstseins handeln kann. Erwägt man dies, so erscheint nun 
die Ausbildung automatischer und reflectorischer Functionen in der enge- 
ren, mechanistischen Bedeutung durchaus als ein Vorgang, der wesent- 
lich der aufsteigenden Entwicklung der centralen Functionen 
angehört, und der offenbar das Correlat zu jener Prävalenz gewisser 



2 74 Willens vorginge. 

Centralgebiete über andere bildet, mit der die relative Selbständigkeit der 
letzteren schwindet, und die Scheidung automatisch und reflectorisch wirk- 
samer Centren deutlich hervortritt. 

Hiermit sind die Gesichtspunkte gewonnen, von denen aus die ein- 
gangs aufgeworfene Frage zu beantworten ist. Zwei Annahmen wurden 
dort als möglich hingestellt: Entweder sind die automatisch- reflectoii- 
schen Bewegungen der niedersten Organismen ausnahmslos rein physi- 
kalisch-chemischer Natur, und erst von einer bestimmten Stufe organi- 
scher Entwicklung an werden sie zugleich zu Symptomen irgend welcher 
Bewusstseinsvorgänge. Oder jene Bewegungen sind ursprünglich psycho- 
physisch: sie beruhen zwar, wie alle organischen Bew^^ungen, auf physi- 
kalisch-chemischen Bedingungen, aber sie sind außerdem mit Empfindungen 
und Gefühlen, mit primitiven Wahrnehmungen und Affecten, kurz mit 
Vorgängen verbunden, die wir als die unvollkommenen Analoga mensch- 
licher Bewusstseinsvorgänge betrachten dürfen. 

Auf Grund der Beobachtung lässt sich natürlich der Widerstreit dieser 
beiden Annahmen nicht ohne weiteres entscheiden. Dazu fehlt den 
objectiv beobachteten Thatsachen selbst die eindeutige Beschaffenheit; 
daher man denn auch, um ihnen eine solche zu geben, so leicht darauf 
verfällt, den Begriff der »psychischen Functionen« willkürlich zu be- 
schränken und an gewisse objectiv leichter erkennbare Kriterien zu binden. 
Dies geschieht z. B., wenn »psychische« und »intellectuelle« Functionen, 
»Bewusstsein« und sogenanntes »Erinnerungsvermögen«, kurz wenn die 
muthmaßlichen primitiven Formen seelischen Lebens mit irgend welchen 
Functionen des entwickelten menschlichen Bewusstseinsidentificirt werden. 
Da wir jedoch für einen primitiven Zustand von Bewusstsein überhaupt 
keinen sicheren Vergleichungsmaßstab besitzen, so ist es klar, dass cMe 
Beobachtung in diesem Falle vor allem der Controle durch die Folge- 
rungen bedarf, zu denen die Annahmen fuhren. 

An diesem Maßstabe gemessen verwickelt nun die erste der beiden 
oben erwähnten Annahmen, die einer relativ späten Entstehung psychischer 
Correlaterscheinungen, schon physiologisch in kaum lösbare Schwierig- 
keiten. Diese sind doppelter Art. Erstens würde diese Voraussetzung 
offenbar erwarten lassen, dass automatisch -reflectorische Functionen im 
engeren, rein mechanischen Sinne bei den niederen Lebewesen am deut- 
lichsten als solche hervortreten. Wir sahen aber, dass umgekehrt die 
Ausbildung rein mechanischer Hülfscentren des Nervensystems und dem- 
zufolge auch die Scheidung automatischer und reflectorischer Centren erst 
einer späten Entwicklung angehört. Zweitens wird die complidrte Coordi- 
nation gerade dieser wahrscheinlich rein mechanisch wirkenden Centren 
der höheren Thiere verständlicher, wenn wir uns solche complicirte 



Trieb-, Reflex* und WillkÜrbcM^egungen. 



Coordinationsmechanismen als Erzeugnisse einer Entwicklung denken, bei 
der die verbäknissmäOig einfacheren zweckthätigen Handlungen der Or- 
ganismen bleibende und sich häufende Anlagen im Nervensystem zurück- 
gelassen haben, so dass nun die complicirte Zweckmäßigkeit und Zweck- 
thätigkeit der organischen Natur überhaupt als das Product von Verände- 
rungen erscheint, deren Richtung von Anfang an diesem Enderfolg 
adäquat ist, während der entgegengesetzten Hypothese nichts anderes 
übrig bleibt, als entweder eine wunderbare Häufung äußerer Zufälle vor- 
auszusetzen, oder aber zu einer dunkeln »Zielstrebigkeit* oder zu andern 
mystischen Hülfskräften ihre Zuflucht zu nehmen. Nun ist es freilich 
w*ahr, dass mit dieser genetischen Interpretation eine physiologische Er- 
klärung, insofern man unter dieser eine Zurückfuhnmg auf physikalisch- 
chemische Bedingungen verstehen muss, noch nicht gegeben ist Aber 
immerhin ist dadurch eine heuristische Deutung der Zweckvorgänge in 
der organischen Natur gewonnen, wie sie für uns vorläufig allein erreich- 
bar ist^ und auf die wnr schon darum nirgends verzichten dürfen^ weil sie 
die einheitliche, psychophysische Natur der organischen Wesen, gegen- 
über der sie in körperliche und seelische Erscheinungen zerlegenden Ab- 
straction, zu ihrem Rechte kommen lässt Wir sind mit der Erklärung 
einer künstlichen Maschine zufrieden, wenn wir die Absichten, die ihr Er- 
finder in ihr verwirklicht hat^ verstehen lernen; und wir verzichten auf 
die weiter zurückliegende unlösbare Frage, welcher Art die Gehirnprocesse 
i^^aren, die in dem Erfinder das Werk vorbereiteten. Nicht anders ist 
unser Standpunkt der organischen Natur gegenüber. Wir haben erreicht, 
■was vorläufig erreichbar ist, wenn wir einsehen, wie sie als eine natür- 
liche Selbst Schöpfung zu begreifen sei, die auf denselben psycho- 
physischen Grundbedingungen des Lebens sich aufbaut, die wir einzeln 
fortan in diesem nachweisen können. 

Venvickelt die Annahme einer bei irgend einem Punkte plötzlich 
eintretenden Wirksamkeit der psychischen Lebenserscheinungen schon 
physiologisch in unlösbare Schwierigkeiten^ so führt sie nun aber vollends 
psychologisch zu wissenschaftlich unmöglichen Hypothesen. Nachdem 
bis zu einer gewissen Entwicklungsstufe tn der Thierreihe alle Bewegungen 
rein mechanisch aus bestimmten, der lebenden Substanz eigenthümlichen 
physischen Energien hervorgegangen seien, soll mit einem Male das ^ Be- 
wiisstsein*, das »Erinnerungsvermögen«, w^enn nicht gar die »Intelligenz« 
selbst als ein Deus ex machina in die Erscheinung treten. Warum 

»das geschieht, kann natürlich aus den vorangegangenen physiologischen 
Bedingungen nicht verständlich gemacht werden. So gelangt man denn 
zur Annahme eines Vorgangs, der psychologisch ein Wunder, physio- 
logisch eine Katastrophe bedeutet. Denn Erscheinungen, die vorher nur 



; 




276 Willensvorgänge. 

physikalisch -chemisch zu interpretiren waren, sollen nun plötzlich unter 
einen völlig neuen Gesichtspunkt treten. Der Hund, der sich umwendet, 
wenn man ihn bei seinem Namen ruft, reagirt vermittelst seines »Erinne- 
rungsvermögens«. Die Motte, die ins Licht fliegt, führt nur eine »helio- 
tropische Reaction« aus*. Ich meine, dass bei der ersten Interpretation 
die Physiologie ebenso wie bei der zweiten die Psychologie zu kurz 
kommt. Die Reaction des Hundes ist eine Triebhandlung, die bei häuflgo* 
Wiederholung in eine reine Reflexbewegung übergehen kann, und die 
sich von ihrer physiologischen Seite betrachtet von Anfang an von einer 
solchen nur durch die Interpolation centraler, mit Empfindungen und Ge- 
fühlen verbundener Erregungen unterscheidet. Die Bewegxmg der Motte 
dagegen ist natürlich ebenfalls ein automatisch -mechanischer Vorgang, 
von dem wir annehmen mögen, dass ihm irgend eine Afiinität reizbarer 
Substanzen ihres Nervensystems zum Lichtreiz zu Grunde liege. Aber 
alle Wahrscheinlichkeit spricht dafür, dass gleichzeitig in dem primitiven 
Bewusstsein der Motte ein dunkler Trieb nach dem Lichte mit den jeden 
Trieb constituirenden Empfindungen und Gefühlen vorhanden sei. Denn 
die Annahme, dass Lebensäußerungen, die in ihren Symptomen wesent- 
lich übereinstimmen und nur als verschiedene Stufen auf der Leiter 
psychophysischer Entwicklung erscheinen, in psychologischer Hinsicht 
absolute Gegensätze seien, ist so unwahrscheinlich wie möglich. Auch 
macht es dann nur noch einen geringen Unterschied, ob man die willkür- 
lichen Kriterien des Psychischen so wählt, dass das Reich der »Seele« 
beim Frosch oder erst beim Hunde beginnt, oder ob man es mit Des- 
CARTES für den Menschen allein reservirt. Man wird vielleicht entgegnen, 
um eine Seele handle es sich hier überhaupt nicht, sondern lediglich um 
neue »Energien«, die als »Bewusstsein«, »Erinnerungsvermögen« oder 
»Intelligenz« an die lebende Substanz gebunden, aber erst auf einer be- 
stimmten Stufe der Entwicklung aus andern physischen Energien, dem 
»Geotropismus«, »Heliotropismus« und andern > Tropismen«, hervoi^c- 
gangen seien. Doch der Name thut nichts zur Sache, und wenn das 
Wort »Energie« vieldeutig genug ist, um neben den »Tropismen«, die 
ebenfalls nur Wörter für unerkannte Dinge sind, auch noch die alten, 
wohlbekannten Seelenvermögen liebend zu umfassen, so verms^ dieser 
Umstand die Begriffe der Vulgärpsychologie nicht in wissenschaftlich 
brauchbare Principien umzuwandeln. 

' LoEB, Einleitung in die Gehirnphysiologie, S. 141. 



Um die Entwicklung^ der Triebbewegiingen zu verstehen, müssen wir 
auf die ursprüngliche Natur der angeborenen Triebe zurückgehen. Diese 
Bsind, wie wir sahen, unbestimmte Affectzustände, die mit Körperbewegungen 
Bverbunden sind, deren Effect auf die Erzeugung von Lustgefühlen oder 
Bauf die Beseitigung von Unlustgefühlen gerichtet ist. Da kein Wesen bei 
Hder ersten AeuOerung der Triebe eine Kenntniss seiner eigenen Be- 
wegungen und ihrer Wirkungen besitzen kann, so müssen wir die Trieb- 
bewegung zugleich als einen in der vererbten Organisation begründeten 
mechanischen Erfolg äußerer Sinnesreize ansehen. Nach ihrer physischen 
Ä Seite gleicht also die Triebbewegung vollständig einer Reflexbewegung, 
'Aber sie unterscheidet sich von dem eigentlichen Reflex dadurch, dass 
sie von Bewusstseinsvorgängen begleitet wird, und dass sie, vom Stand- 
punkt der letzteren betrachtet eine Handlung ist, die in einem den 
I Willen eindeutig determinirenden Motiv ihren Ursprung hat. 
Schon die einfachste Triebhandlung ist also eine Wiflenshandlung. 
Unserer Beobachtung sind nun keine thienschen Wesen gegeben, bei 
denen die ursprünglichen Triebbewegungen nicht bereits auf einem in der 
ererbten Organisation fixirten Entwicklungsprocess beruhten. Selbst die 
Bewegungen der niedersten Protozoen zeigen von Anfang an einen dei 
Beschaftenheit der äußeren Eindrücke und den Lebensbedürfnissen des 
Individuums angepassten Charakter. Wie dieser Zustand sich entwickelt 
hat, bleibt Gegenstand bloßer Muthmaßung. Um den Entwicklungs- 
gedanken zu Ende zu fuhren, könnte man annehmen, aus den ursprüng- 
^lich regellosen Bewegungen seien diejenigen allmählich in eine festere 
y Verbindung mit bestimmten einwirkenden Reizen getreten, die Lustgefühle 
erregten oder Unlustgefühle beseitigten. Aber ließe sich dadurch auch 

I möglicherweise die Entstehung zweckmäßiger Triebbewegungen erklären, 
so ist doch nicht zu übersehen , dass in dieser Erklärung selbst die 
psychischen Grundfunctionen, Empfindungen und Gefühle, bereits voraus- 
gesetzt sind- Muss die Psychologie von dem Unternehmen abstehen, die 
Entstehung von Bewusstsein zu erklären, ebenso wie die Physik nicht 
•über die Entstehung der Energie oder der Materie Rechenschaft geben 
kann, so muss sie demnach auch die Grundfunctionen des Bewusstseins 
und damit die einfachsten Formen, in denen sich jene Grundfunctionen in 
der Körperbewegung äußern^ als das ihr ursprünglich Gegebene voraus- 
setzen. Denn nicht die Entstehung, sondern die Entwicklung der psy- 
chischen Lebensäußerungen bildet die Aulgabe der psychologischen 
[ Untersuchung, 

Existirt bei der ersten Aeußerungf der angeborenen Triebe kein 





2 y 8 Willensvorgänge. 

vorangehendes Bewusstsein des Erfolgs der Bewegung, so stellt nun aber 
ein solches bei den nachfolgenden Triebhandlungen immer deutlicher sich 
ein. Hand in Hand damit geht die Entwicklung der Bewegungsvorstellungen 
(Bd. 2, S. 472 ff.). Jeder Triebäußerung geht daher jetzt voran: i) die 
den Trieb erweckende Motiworstellung mit den sie begleitenden Gefühlen, 
2) eine den Erfolg der Bewegung anticipirende Vorstellung und 3) eine even- 
tuell freilich sehr dunkle gefühlsbetonte Vorstellung der Bewegung. Indem 
die Bew^^ng in verschiedenen Fällen bald vollkommener bald unvoll- 
kommener ihren Erfolg erreicht, wird so schon innerhalb der Triebhand- 
lungen selbst ein Uebergang zu zweckmäßigeren Bewegungen in gewissem 
Grade möglich sein. 

Von tiefgreifendem Einfluss auf diese Entwicklung wird nun die Ent- 
stehung der willkürlichen Bewegungen. Obzwar diese Entstehung 
die Existenz von Triebbeweg^ngen voraussetzt, so dürfte sie gleichwohl 
in die früheste Entwicklungszeit des Bewusstseins hinaufreichen. Schon 
bei verhältnissmäßig niederen thierischen Wesen treffen wir deutliche An- 
zeichen willkürlichen Handelns. Neben den einfachen Triebäußerungen 
treten von Zeit zu Zeit Bewegungen auf, bei denen sich eine Wahl 
zwischen verschiedenen Motiven geltend macht. Seltener handelt es sich 
hierbei um einen Kampf verschiedener Triebe, wie er sich erst in den 
höher entwickelten Bewusstseinsformen gestaltet, als um einen Wettstreit 
zwischen verschiedenen den nämlichen Trieb erweckenden Reizen. Sobald 
auf diese Weise die dunkle, wesentlich nur in einem begleitenden Gefühl 
sich ausprägende Vorstellung entstanden ist, dass statt der gegebenen Be- 
wegung eine andere mit anderm Erfolg hätte ausgeführt werden können, 
so besitzt die Handlung subjectiv und objectiv das Merkmal einer willkür- 
lichen. Die gewöhnliche Auffassung der Willkürbeweg^ngen betrachtet 
es hierbei meist als genügend, wenn ein einzelner Act aus einer Reihe 
zusammengehöriger Handlungen die Zeichen der W^illkür an sich trägt, 
um die ganze Kette von Bewegungen als willkürlich anzusprechen. Die 
psychologische Analyse muss aber in diesem Fall unterscheiden zwischen 
den wirklich willkürlichen Bestandtheilen und denjenigen, die als bloße 
Triebhandlungen oder sogar als rein mechanische Erfolge der durch 
vorangegangene Bewegungsacte gegebenen Anstöße auftreten. Die Regel 
ist es durchaus, dass wir bei unsern willkürlichen Handlungen nur im all- 
gemeinen das Ziel im Auge haben, die Ausführung im einzelnen aber 
dem angeborenen oder eingeübten Mechanismus überlassen. Ferner 
können Bewegungen, denen ursprünglich eine bestimmte Absicht zu 
Grunde lag, nach häufiger Wiederholung auch ohne solche, entweder als 
Triebhandlungen oder vielleicht sogar vollkommen unbewusst, als Reflex- 
bewegungen, ausgeführt werden. Ein großer Theil der Bewegungen bei 



Trieb-, Reflex- und Willkürbewegnngen. 279 

unsern täglichen Beschäftigungen gehört hierher. Meistens ist dabei nur 
der erste Anstoß willkürlich, zuweilen können wir aber auch einen ganzen 
Bewegungsvorgang oder sogar eine Reihe zusammengesetzter Bewegungen 
von Anfang bis zu Ende theils triebmäßig, theils automatisch vollbringen, 
um erst dann, manchmal mit Ueberraschung, den Effect wahrzunehmen. 

Verfolgt man die Entwicklung einer derartig mechanisch eingeübten 
Bewegung in solchen Fällen, wo sich dieselbe während des individuellen 
Lebens vollzieht, so erkennt man nun deutlich, dass einzelne ursprünglich 
willkürliche Bewegungen allmählich mechanisch werden, indem sie sich 
zuerst in Triebbewegungen umwandeln, die auf eine bestimmte Empfin- 
dung, nicht selten auch auf eine vorangegangene Bewegfungsempfindung, 
mit mechanischer Sicherheit, aber meistens noch begleitet von einem 
deutlichen Gefühl befriedigten Triebes, eintreten. Hierauf können sie 
dann, dadurch dass die Empfindung aus dem Bewusstsein verschwindet, 
völlig den Charakter von Reflexen gewinnen \ Auf diese Weise sind 
diejenigen Handlungen, die man gewöhnlich als willkürliche bezeichnet, 
meistens Complexe aus wirklich willkürlichen Bewegungen, Triebbewegungen 
und rein automatischen Reflex- und Mitbewegungen. 

Vergleichen wir nun mit diesen Erfolgen individueller Uebung die 
complicirteren Instincthandlungen der Thiere, so können sichtlich auch die 
letzteren am einfachsten gedeutet werden, wenn man annimmt, dass ein 
ursprünglicher Trieb allmählich willkürliche Handlungen in seine Dienste 
genommen habe, die dann, auf die Organisation zurückwirkend, zu me- 
chanisch eingeübten Triebhandlungen geworden seien. Ebenso werden 
wir in vielen jener oft höchst zweckmäßigen und zusammengesetzten 
Reflexe, die man bei Thieren beobachtet, welchen die zu den Functionen 
des Bewusstseins unerlässlichen Centraltheile mangeln, die Residuen ein- 
geübter Willkürbewegungen sehen dürfen. Die individuelle Ent\\1cklung 
unterstützt so die aus der generellen geschöpfte Annahme, dass nicht die 
Willenshandlungen aus Reflexen entstanden, sondern dass im Gegentheil 
die zweckmäßigen Reflexbewegungen stabil und mechanisch 
gewordene Willenshandlungen sind. Die gesammte Entwicklung 
der thierischen Bewegungen müssen wir hiemach als eine divergirende 
auffassen. Die Triebbewegungen bilden den Ausgangspunkt einerseits für 
die Ausbildung der höheren Willenshandlungen, der WMllkürbewegungen 
und schließlich der Wahlhandlungen, anderseits für die Entstehung 
der ohne Betheiligung des Bewusststeins erfolgenden reflectorischen 
und automatischen Bewegungen, welche letzteren nicht bloß aus 



* Man vergleiche hierzu die Bemerkungen über den Uebergang der zusammenge- 
setzten Reactionsvorgänge in die automalische Form unten Cap. XVIir, 3. 



2 8o Willensvorgänge, 

den ursprünglichen Triebbewegungen, sondern fortwährend auch aus den 
VVillkürbewegungen her\'orgehen. Zugleich geschieht aber diese Rück- 
verwandlung wahrscheinlich immer durch das Mittelglied der Triebbe- 
wegungen: zuerst ist die eine Bewegung auslösende Sinneserregui^ noch 
von Empfindungen und Triebgefühlen begleitet, dann versch^^Tiiden diese 
allmählich, und die Auslösung der Bewegung erscheint nun als ein bloß 
mechanischer Vorgang. 

Auf die wichtigen Folgen solcher Rückverwandlungen braucht kaum 
noch hingewiesen zu werden. Nur der Umstand, dass sich die Leistungen 
des Willens allmählich zu mechanischen Erfolgen befestigen, ermöglicht 
es demselben zu. immer neuen Leistungen fortzuschreiten. Die nämliche 
Sicherheit, die man für die Willensäußerungen dadurch gewährleistet sah. 
dass ihnen die Natur von Anfang an einen zweckmäßigen Mechanismus 
zur Verfügung gestellt habe, wird durch jene Entwicklung erreicht, und 
sie wird um so gewisser erreicht, als der Wille selbst sich im Laufe der 
Zeit die mechanischen Vorrichtungen schafft, die seinen Zwecken dienen 
sollen. 

Die Unterscheidung der automatischen und reflectorischen Bewegungen 
im engeren, rein mechanischen Sinne von den Trieb- und Willenshandlungen 
ist erst in der neueren Physiologie allmählich zur Durchführung gelangt. 
Nachdem Haller durch seine Irritabilitätslehre den Satz zur Geltung gebracht 
hatte, dass Bewegung und Empfindung getrennte Functionen seien, die sich 
darum nicht nothwendig begleiten müssten, galt durch die Feststellung der 
Grundgesetze der Reflexbewegungen, welche die Physiologie namentlich den 
Untersuchungen von Prochaska und J. Mül.lkr' verdankt, die mechanische 
Natur dieser Bewegungen im allgemeinen als sichergestellt. Auf dje merk- 
wuirdige Anpassung der Reflexbewegungen an die Einwirkungsart der Reize 
hat dann zuerst Pflü(;er aufmerksam gemacht, der aus seinen Versuchen den 
Schluss zog, ein gewisser Grad von Bewusstsein und Wille bleibe, wenigstens 
bei niederen Thieren, z. B. beim Frosch, auch noch im Rückenmark nach der 
Entfernung des Gehirns zurück''. Dem gegenüber wies Goltz auf die um- 
fangreichen Selbstregulirungen bei den Reactionen des Rückenmarks hin, und 
suchte die mechanische Deutung der letzteren durch die Verschiedenheiten in 
dem Verhalten enthaupteter und bloß geblendeter Frösche zu stützen^. Bei 
solchen Thieren dagegen, denen bloß die Großhirnhemisphären genommen 
sind, glaubte auch Goltz einen gewissen Grad psychischer Functionen zu- 
geben zu müssen, indem er den Gnmdsatz aufstellte, überall wo die Bewegun- 
gen so verwickelt seien, dass man sich eine Maschine, die sie ausführe, 
nicht mehr vorstellen könne, sei das Vorhandensein von » Seelen veiinögen« 
anzuerkennen*. Doch wenn dieses Kriterium schon an sich nicht ganz 

^ MÜLLER, Handbuch der Physiologie*, Bd. i. S. 608. 

^ Pflügkr, Die sensorischen Functionen des Rückenmarks, 1856, S. 46, I14 ff. 

3 Goltz, Functionen der Nervencentren des Frosches, S. 82 ff. 

4 A. a. O. S. 113. 



Trieb-, Reflex* und Willkürbewegiingen. 



281 






ei ist, so wurde die Anwendung desselben durch die später ausgefübr- 
Versuche von ScHRAtJFR, Bkkkl, Mkkzeacher u. a/ immer zweifelhafter; 
ind mehr noch erschütterten die Versuche an Wirbellosen die in der früheren 
hysiologie unter der Herrschaft der alten Reflexlehre entstandene Vorstellung 
OD einer unbedingten Superiorität gewisser, ausschlieülich als Substrate der 
^ewusstse ins Vorgänge anzusehender Centren, denen andere, niedere von bloß 
»hysiologischeTy automatisch-reflectorischer Betleutung beigegeben seien "". In- 
em das Studium der Wirbellosen die relative Selbständigkeit der verschiede- 
en Centralgebiete und die Gleichartigkeit ihrer Functionen bei aller Ver* 
hiedenheit in der Stufe ihrer Ausbildung kennen lehrte, wurde dann aber 
lUch die Uebertragung der so gewonnenen Gesichtspunkte auf die Wirbelthiere 
Dies hätte nun an sich ebenso gut den Anlass bieten können, 
>n Pflüger eingeschlagenen Richtung weitergehend, die psycliischen 
unctfonen über das gesaninite Nervensystem und scbließlich theil weise noch 
her die reizbare contractile Substanz ausjiudehnen. Doch das Streben , so 
viel als möglich auf dem Boden physiologischer Interpretation m bleiben, 
führte vielmehr dazu, dass man im Sinne des von Goltz aufgestellten Krite- 
ums noch einen Schritt weiter ging und für die Entscheidung aller hier 
rweifelhaften Fragen das Princip befolgte, Erscheinungen seien, gleichgültig 
ob für sie sonst Vorbilder einer maschinenmäßigen Entstehung existirten oder 
nicht, so lange rein physisch zu erklären, als sie nicht von deutlichen Zeichen 
jisychischer Leistungen begleitet seien. Dadurch wurde jetzt, im Gegensatze 
au dem erwähnten Princip von Goltz, die Entscheidung nicht mehr auf die 
Seite der physiologischen, sondern auf die der psychologischen Merkmale der 
Bewegung verlegt. Hiermit war oftenbar die Aufgabe gestellt^ diese Merk- 
male nun mit allen Hülfsmitteln der Psychologie möglichst exact zu bestim- 
men. Dies geschah jedoch keineswegs, sondern entweder deutete man Be- 
wegungen von sehr zweifelhafter oder mindestens vieldeutiger Natur intellectua- 
listisch als • Verstandeshandlungen < und fiel so in den Fehler der alten 
Thierpsychologie zurück, schon den niedersten Thieren alle möglichen In* 
iJeUigenzhandiungen zuzuschreiben: so i. B. pRrvKR bei der Untersuchung der 
ewegungen der Seesteme^. Oder — und dies wurde bald die vorherrschende 
Tendenz — es wurden wirklich gewisse >IntelligenzhandJungen<^ des Menschen 
und der höheren Thiere als das zur Annahme psychischer Functionen erfuider- 
iche Minimum angenommen^ um dann überall, wo solche Merkmale fehlten, 
inen rein mechanischen Ursprung derselben vorauszusetzen. Am weitesten 
ingen in diesen Ansprüchen an die Kriterien des Psychischen A. Bethe^ und 
I- LoEB*. Bethe nahm die Eernfähigkeit zum Kriterium des Psychischen. 



' SciiRADER^ BicKEL, EU a. O. MzrzdacheRj Pflügeää Aichiv, Bd,88, 1902^, S*4S3ff. 
BteD5XR, Die Functionen des Centralnervensystems, Abtli, i und 4. 

' Ucbcr die Reizbarkeitierscheiniingen <ler lebenden Substanz überhaupt vergleiche 
Verwobv, Allgemeine rbysiologie^, 8.362(1., über Versuche am Nervensystem der 
t^irbcllosen die oben angegebene Litteratiir sowie die ZasamDtenstellung eigener und 
emder Beobachtungen bei J» LoEn, Einleitung in die vergleichende Gehirophysiologie, 
10 (f, 

• Preyer, Mittbeilungen aus der zooL Station zu Neapel ^ Bd* 7, S- 96. 

♦ Bethi^ PflOgers Archiv, Bd, 70, 1898, S. 15 IT. 

* J. LOFtt, Einleitung in die Gehimphyslologie, S. 13g ff. PflCgers Archiv. Bd. 56, 
1895, S, 347 ff. 




282 Willensvorgänge. 

Ein Thier, das bei seinem Lebensende nicht weiter in seinen Leistungen 
gekommen sei wie am Anfang seines Daseins, entbehre nachweislich der 
»Bewusstseinsvorgänge«. Loeb setzte an die Stelle der Lernfähigkeit das 
»associative Erinnerungsvermögen«. Ein Thier, das zu erkennen gibt, dass 
es sich au frühere Erlebnisse erinnern kann, soll psychische Eigenschaften 
besitzen; im entgegengesetzten Fall sollen sie fehlen. Dass diese Kriterien 
psychologisch vollkommen willkürlich sind, ist einleuchtend. Das Kaninchen, 
das, wie wir oben (S. 233 j sahen, die charakteristischen Affectsjonptome des 
Schmerzes, der Furcht u. s. w. genau nur so lange zeigt, als die entspredben- 
den Reize andauern, wird schwerlich durch einen erlebten Affect veranlasst 
werden, sich vor künftigen Afifectreizen zu hüten. Es lernt nichts und scheint 
sich auch kaum an früher Erlebtes zu erinnern. Existiren also der Schmerz 
und die Furcht, auf die es doch genau so wie der Hund und der Mensch 
reagirt, bei ihm überhaupt nicht? Diese Theorien zeigen augenfällig, zu 
welchen Consequenzen es führt, wenn man von der »Lex parsimoniae« der 
Naturforschung einen verkehrten Gebrauch macht. Psychische Eigenschaften 
erst da zu statuiren, wo sie durch complexe psychische Leistungen sicher 
nachzuweisen sind, ist gewiss das Einfachste, wenn man das Kriterium der 
Einfachheit in der Einschränkung des psychischen Lebens auf ein möglichst 
kleines Gebiet sieht. Da aber mit dieser Annahme die andere vermacht ist, 
dass die psychischen Functionen plötzlich als complexe Vermögen und 
Fähigkeiten in die Erscheinung treten, so stellt sich jene vermeintlich ein- 
fachste Hypothese hinterher als die allercomplicirteste heraus. Gewiss ist der 
naturphilosophische Traum von der Allbelebung und Allbeseelung der Natur 
zurückzuweisen. Wie wir nur da berechtigt sind, Leben anzunehmen, wo 
uns die Merkmale des Lebens gegeben sind, ebenso haben wir Psychisches 
oder vielmehr, da Psychisches nur an Physisches gebunden vorkommt, PSycho- 
physisches nur da vorauszusetzen, wo uns psychophysische Functionen un- 
zweideutig entgegentreten, und demnach den Anfang psychophysischer Lebens- 
erscheinungen da, wo uns jene Functionen in ihrer einfachsten Form be- 
gegnen. Solche allverbreitete, in der verschiedensten Entwicklung vorkonunende 
und dabei doch unter sich gleichartige Functionen sind aber nicht Lernfähig- 
keit, Erinnerungsvermögen und andere complexe Begriffe aus dem Inventar 
der Vermögenspsychologie und Phrenologie, sondern die allgemeinen animali- 
schen Triebe: der Schutztrieb, der Nahrungstrieb, der Geschlechts- 
trieb. 

Sind die complexen psychologischen Begriffe, die in den erwähnten 
Hypothesen zu Kriterien des Psychischen gemacht werden, als solche unhalt- 
bar, so verwandeln sich nun aber auch die Thatsachen, die für die reine 
Reflexnatur gewisser Handlungen niederer Thiere angeführt werden, durchweg 
in Zeugnisse für den psychophysischen Charakter derselben. Wenn z. B. Bethe 
als einen Beweis gegen die »psychisclien Qualitäten« der Ameisen die Beobach- 
tung anführt, dass eine Ameise, die man in der zerquetschten Körpermasse 
von Angehörigen eines »feindlichen Nestes < gewälzt hat, in ihr eigenes Nest 
zurückversetzt von ihren früheren Genossen feindselig behandelt wird, so liegt 
darin freilich ein zureichender Beweis gegen die Extravaganzen jener Ameisen- 
psychologen, die diesen Thieren individuelle Freundschaften, Feindschaften 
u. dergl. zuschrieben. Aber die Thatsache beweist zugleich, dass die Thiere 
Geruchsempfindungen besitzen, und dass mit diesen ihre socialen Triebe 



Trieb-, Reflex- und WÜlkürbewegnugeu. 



283 



hei 



zusammenhängen u. s. w. So sind diese Beobachtungc^n überall nur Beweise für 
die Verkehrtheit der atifgestelUen psychologischen Kriterien, aber nicht im 
mindesten solche gegen die psychopl^ysische Natur der Triebe selbst. 

Der allmähliche Uebergang, der zwischen den einzelnen Fonnen der 
Körperbewegung stattfindet, bringt es übrigens mit sich, dass dieselben nicht 
in jedem einzelnen Fall durch die objective Beobachtung sicher uoterschieden 
werden können. So muss es bei vielen Bewegungen des Neugeborenen un- 
b^timmt bleiben^ ob sie als Triebbewegungen oder als Reflexe anzusehen 
sind. Die mimischen Reflexe z, B., die unmittelbar nach der Geburt durch 
die Einwirkung süßer ^ saurer und bitterer Geschmacksstofte auf die Zunge 
hervorgerufen werden, könnten schon die Bedeutung einfacher Triebbewegungen 
besitzen. Da sie aber auch bei hirnlosen Missgeburten beobachtet w^erden. 
bei denen die Kxistenz von Empfindungen mindestens zweifelhaft ist, so ist 
es wahrscheinlich, dass sie auch als reine Reflexe vorkommen. Ebenso sind 

ie Saugbewegungen, die bei Bertihrung der Lippen^ namentlich bei gleich- 
zeitigem Vorhandensein von Hungerempfindungen ^ entstehen, wohl als Trieb- 
bewegungen aufzufassen. Dagegen sind die anfänglichen Bewegungen des 
Auges bei Lichteindrücken, die Körperbewegungen bei Taste in drück en , das 
wegen der ursprüngliclien Verklebung der Obrkanäle in der Regel erst nach 
mehreren Tagen zu beobachtende Zusammenfahren bei Schallreizen wahr- 
scheinlich Reflexe. Auch ist bei dieser Unterscheidung zu beachten, dass 
nicht jede auf Einwirkung eines Reizes stattfindende Bewegung, bei der den 
Reiz zugleich eine Empfindung begleitet, darum schon als eine Triebbewegung 
angesprociien werden darf; das Kriterium der letzteren besteht immer darin, 
dass sie als die einem voihan denen Gefühls- oder Afl'ectzustand adäquate 
Reaction gegenüber dem äuDeren Reize erscheint Darum sind z. B. die 
körperlichen Rückwirkungen der Aflecte zu einem nicht geringen Tb eil Reflexe 
oder auch automatische Bewegungen, die aus einer längere Zeit den Eindruck 

iberdauemden Erregung der Nervencentren entspringen. Das Zusammensinken 

eim Schreck, das Lachen und Weinen bei F'reude und l'rauer sind ebenso 

retlectorische und theilweise automatische Erfolge iler Erregung wie das Er- 

then bei der Scham, die Veränderung des Herzschlages bei den verschieden- 

n Affecten, der Thränenerguss und andere Rückwirkungen auf die dem 

rillen entzogenen Muskeln oder Secretionsorgane. Dagegen vermengen sich 
hon in den Gesticulationen des Zornigen automatische Erregungen mit Trieb- 

ußerungen, wie sie sich in der geballten Faust, in dem Knirschen der Zähne 
verrathcn. Zu dem Reflex des Zusammenfahrens gesellt sich beim Schreck 
eine Triebbewegung, wenn die Hand schützend gegen die drohende Gefahr 
ausgestreckt wird. Auf diese Weise pflegen sich bei diesen Reactionen Re- 

tlexc und Triebbewegungen auf das innigste zu vermengen, und es ist be- 
p-eiflich. dass im einzelnen Fall die Unterscheidung beider Bestandtheile 
»cbwierig wird, weil ja eine Bewegung, die den Charakter einer Triebhandlung 
lat^ vermöge des oben geschilderten l'ebergangs der Willenshandlungen in 
nechanische Bewegungen gelegenüich auch als Reflex vorkommen kann. Da 
ener Uebergang bei allen thierischen Wiesen schon in einem gewissen Grade 
stattgefunden hat, so ist aber selbstverständlich die Frage, ob es auch solche 
automatische und reflectorische Bewegungen gibt, die sich nicht aus Trieb- 
und Willkürbewegungen entwickelt haben, aus der Erfahrung nicht zu be- 
antworten. Wir w*erden nur immer in jenen Fallen, wo die mechanische 




^ 



2 84 Willensvorgänge. 

Bewegung deutlich den Charakter der Zweckmäßigkeit an sich trägt, einen Ur- 
sprung aus Willenshandlungen annehmen dürfen, da, so viel bekannt, allein 
die Entwicklung des Willens es ist, die zweckmäßige thierische Bewegungen 
her\'orbringt. Die allgemeine Entwicklungsgeschichte macht es denkbar, dass 
selbst solche Bewegungen, die bei den höheren Thieren entweder ganz, wie 
die Herzbewegungen, oder großentheils, wie die Athembew^ungen, der Ein- 
wirkung des Willens entzogen sind, aus anfanglichen Triebbewegungen ihren 
Ursprung genommen haben. Denn als Anfange jener Functionen begegnen 
uns bei den niederen Thieren Bewegungen, die nicht mit automatischer Regel- 
mäßigkeit, sondern in unregelmäßigen Zwischenräumen und, wie es scheint, 
unter dem directen Einfluss bestimmter Emährungstriebe auftreten. 

Entzieht sich wegen der in der angeborenen Organisation angelegten Vor- 
richtungen die Entstehung der automatisch-mechanischen Bewegungen aus ur- 
sprünglichen Willenshandlungen durchaus unserer unmittelbaren Beobachtung, 
so bieten dagegen die Vorgänge bei der Erlernung und Einübung complicir- 
terer Bewegungen belehrende Belege für dieselbe. Es gibt keine erlernte und 
geübte Bewegung, vom Gehen, Schwimmen, Sprechen und Schreiben an bis 
zu den Hand- und Fingerbewegungen am Ciavier oder bei den verschieden- 
sten technischen Beschäftigungen, wo nicht Schritt für Schritt jener Ueber^ 
gang sich verfolgen ließe. Nachdem der Wille zuerst jede einzelne Bewegung 
isolirt ausgeführt hat, fasst er ganze Complexe von Bewegungen zusammen, 
indem nur noch die einleitende Bewegung durch directen Willensimpuls zu 
Stande kommt, während die folgenden mit diesem Anfangsglied automatisch 
verkettet werden. Bei der ersten Erlernung der meisten dieser Bewegungen 
spielt der Nachahmungstrieb eine wichtige Rolle. Wie das erste Lachen des 
Kindes als ein Mitlachen entsteht, wenn man es anlacht, so regt sich die 
Lust zu Gehbewegungen durch die Wahrnehmung fremder Bewegungen. Der 
Articulationsunterricht der Taubstummen benützt diese Erfahrung, indem bei 
ihm zuerst nur überhaupt die Fertigkeit in der Nachbildung von Bewegungen 
geübt wird, wobei man zugleich von möglichst einfachen und deutlich sicht- 
baren Bewegungen der äußeren Körpertheile ausgeht, um dann erst unter 
Zuhülfenahme des Tastsinns die feineren und verborgeneren Bewegungen der 
Articulationsorgane hen-orzubringen. Auch hier ist aber alles Streben darauf 
gerichtet, bestimmte Combinationen von Bewegungen, die ursprünglich will- 
kürlich verbunden waren, mechanisch zu fixiren, damit sich, wenn nur ein 
Glied einer Gruppe im Bewusstsein angeregt wird, sofort das Ganze re- 
producirc. 



3. Ausdrucksbewegungen. 

Indem sich die Gemüthsbcwcgungen fortwährend in äußeren Be- 
wegungen spiegeln, werden die letzteren zu einem Hülfsmittel, durch das 
sich verwandte Wesen ihre inneren Zustände mittheilen können. Alle Be- 
wegungen, die einen solchen Verkehr des Bewusstseins mit der Außenwelt 
herstellen helfen, nennen wir Ausdrucksbewegungen. Diese bilden 
aber nicht etwa eine Bewegungsform von besonderem Ursprung, sondern 
sie sind immer zugleich Reflex- oder Willensbewcgungen. Es ist also einzig 



Aosdmcksbewegiingeii. 



^85 



und allein der symptomatische Charakter, der sie auszeichnet. Sobald 
eine Bewegung ein Zeichen innerer Zustände ist, das von einem Wesen 
ähnlicher Art verstanden und möglicherweise beantwortet werden kann^ 
wird sie damit zur Ausdrucksbewegung, Indem durch sie das Bewusst* 
sein des einzelnen Wesens theilnimmt an der geistigen Entwicklung einer 
Gesammtheitj bildet sie zugleich den Uebergang von der individuellen 
^Ps>xhologie zur Psychologie der Gemeinschaft 

Alle Ausdrucksbewegungen geschehen selbst beim Menschen im An- 
Ifang des Lebens unwillkürlich; sie sind theils Tricbhandlungen theils 
' reflectorische Bewegungen. iVlImählich erst werden einzelne willkürlich 
gehemmt, andere hervorgebracht, und es entstehen anf diese Weise will- 
kürliche Auscjrucksformen* Indem der Cultiirmensch den Ausdruck seiner 
.Affecte nach den Mitmenschen richtet, von denen er sich beobachtet weiß, 
sucht er mehr und mehr auch Geberden und Mienen dieser Rücksicht 
anzupassen. Er sucht gewisse Affecte zu verbergen und andere auszu- 
drücken. So sind das Convention eile Lächeln in Gesellschaft und die 
mancherlei HöOichkeitsgeberden baltl moderirte bald übertriebene bald 
willkürlich fingirte Aeußerungen, Dieser Einfluss des Willens wird aber 
^n der Regel ohnmächtig, wenn die Gcmüthsbewegu ng zu hohen Graden 
iw^ächst. Auch gelingt es ihm meistens nur das Innere zu verschleiern, 
selten es ganz zu verhüllen. 

Um eine systematische Eiothcilung der Ausdrucksbewegungen zu 
gewinnen, hat man nun entweder den physiologischen Gesichtspunkt an- 
gewandt, indem man den Ausdiuck, dessen die einzelnen Korpcrtheile, 
luge, Mund, Nase, Arme u. s, w. , fähig sind, zergliederte; oder die 
leußeningsformen der einzelnen Affecte wurden nach der psychologischen 
Verwandtschaft der letzteren neben einander gestellt* Aber diese beiden 
lege werfen, so interessant sie für die praktische Menschenkenntniss sein 
lögen, doch auf das Wesen dieser Jlcwegungen höchstens ein indircctes 
Jcht Wir wollen es daher versuchen, dieselben nach ihrer unmittel- 
baren psychophysischen Entstehung in gewisse Gruppen zu sondern. In 
dieser Beziehung lassen sich wohl alle von Aftecten oder Trieben aus- 
fchenden Bewegungen zunächst auf drei empirische Frincipien zurück- 
ren^ die übrigens sehr häufig zusammenwirken j so dass eine einzelne 
Jewcgung gleichzeitig unter mehrere fällt. Wir können dieselben be- 
liehnen als das Princip der directen Innervationsänderung, der 
Association verwandter Gefühle und der Beziehung der Be- 
wegung zu Sinnesvorstellungen. 



286 Willensvorgänge. 

a. Princip der directen Innervationsändernng. 

Unter dem Princip der directen Innervationsändernng verstehen wir 
die Thatsache, dass bei starken Gemüthsbewegungen unmittelbar die 
Centraltheile der motorischen Innervation in Mitleidenschaft gerathen, wo- 
durch bei den heftigsten Aflfectcn eine plötzliche Lähnumg zahlreicher 
Muskelgruppen, bei geringeren Erschütterungen aber zunächst eine Er- 
regung entsteht, die erst späterhin der Erschöpftmg Platz macht Hier- 
nach unterscheiden sich vornehmlich nach diesem Princip die astheni- 
schen und die sthenischen Affecte (s. oben S. 227). Die erstercn 
verrathen sich in Hemmung^- oder Lähmungserscheinungen, die letzteren 
in verstärkten Erregungen. Dabei können übrigens die asthenischen 
Symptome wieder in doppelter Form auftreten: als plötzliche Lähmungen 
bilden sie die Begleiterscheinungen stärkster Affecte (Schreck, Übermaß^ 
Freude u. s. w.); als allmählicher entstehende und mäßigere Symptome 
finden sie sich bei den deprimirten Stimmungen, wie Kummer, Gram, 
Schwermuth u. dergl. Sowohl die Hemmungs- wie die Erregungserschei- 
nungen verdrängen, je mehr sich mit der Zunahme des Affects die In- 
nervationsänderung ausbreitet, die sonstigen Unterschiede des Ausdrucks, 
an denen sich die Qualität des Affectes erkennen ließe. Ist die Gemüths- 
bewegung weniger heftig, so kommen aber gleichzeitig die folgenden 
Principien zur Geltung. Neben der allgemeinen Hemmung oder Erregung 
ist nun deutlich die Beschaffenheit der Gefiihle oder die Richtung der 
Sinnesvorstellungen, die den Affect erzeugten, in Mienen und Geberden 
zu lesen. 

Die dem Princip der directen Innervationsändernng ft>lgenden Aus- 
drucksbewegungen sind unter allen am meisten der Herrschaft des Willens 
entzogen. So ordnen sich denn auch die auf S. 226 ff", besprochenen Wr- 
kungcn der Affecte vor allem diesem Princip unter. Namentlich sind es 
die Verengerungen und Enveiterungen der Blutgefäße, das Erblassen und 
Erröthen, und der Erguss der Thränen, die einen wichtigen Bestandtheil 
des Ausdrucks starker Aff^ecte zu bilden pflegen. Diese letzteren Aus- 
drucksbewegungen sind zugleich specifisch menschliche ^ und sie scheinen 
verhältnissmäßig spät von der Gattung Homo erworben zu sein, da Kinder 
in der ersten Zeit ihres Lebens weder weinen noch erröthen. Doch 
scheinen ähnliche Veränderungen in der Haut, wie sie beim Erblassen 
vorkommen, auch bei Thieren sich einzustellen, da das Aufrichten der 
Haare, das beim Menschen die Todtenblässe der Angst zuweilen b^ldtet, 

' Nnr der Elephant soU bei heftigen Gemüthsbewegungen zuweilen Thränen T«r- 
gießen. Vgl. Darwin, Der Ausdruck der Gemüthsbewegungen, deutsch yon J. V. CAluSf 
1872, S. 168. 



Ati sdmcksbe wegun gen. 



287 



weitverbreitet bei Thieren gefunden wird*. Das Erröthen begleitet im 
aJJgemeinen mäßigere Affecte, Scham ^ Verlegenheit, seltener, und dann 
meist mit dem Erblassen abwechselnd, die Aufwallungen des Zorns. Da 
^die Scham , dieser zum Erröthen vorzugsweise disponirende Gemüths- 
^kustand, von dem er auf die andern Aftecte vielleicht erst übertragen 
^■rurdc, eine durchaus menschliche Eigenthümlichkcit ist, so erklärt sich 
^Mrohl hinreichend die Beschränkung desselben auf das Menschengeschlechtj 
bei dem es übrigens eine ganz allgemeine Ausdrucks weise zu sein scheint". 
Die meist vorhandene Beschränkung des P>röthens auf die Gesichtshaut 
iürfte aber von derselben Ursache herrühren, aus der sich bei allen das 
lerz stark erregenden Affecten die Rückwirkung der gesteigerten Herz- 
ction am stärksten an den Blutgefäßen des Kopfes geltend macht. Durch 
bre anatomische Lage sind die Kopfschlagadern der heranstürzenden Blut- 
?clle am meisten ausgesetzt. Nun beruht das Erröthen auf einem augeii- 
Wicklichen Nachlass der Gefäßinnervati on, der als compensircnder Vor- 
[ig die gleichzeitig durch den AfTect bedingte Herzerregung begleitet 
id. ly S. 247). Da sich diese compensirende Inncrvationsänderung wahr- 
scheinlich nach den Bedürfnissen regulirt hat, so ist es begreiflich, dass 
sie vorzugsweise jene Gebiete trifft, die der Wirkung der Herzaction am 
meisten ausgesetzt sind-\ Der Erguss der Thränen ist eine Secretion, die 
als rein mechanischer Reflex bei Reizungen der Bindehaut des Auges und 
zuw^eilen der Retina sich einstellt. Heftige Zusammenziehungen der Augen- 
schüeOmuskeln, wie sie bei starken Exspirationen und auch beim Weinen 
vorkommen, pflegen zwar beim Menschen einige Thränen zu erpressen; 
dies kann aber um so weniger der Grund der Secretion sein, als die 
gleichen Bewegungen bei Thieren zu finden sind, die nicht weinen* Auch 
die reiche Menge des Secretes lässt sich nur aus einer directen Reflex- 
wirkung auf die Absonderungsnerven der Drüse erklären. Man darf wohl 
vermuthen, dass die Bedeutung, die diese Secretion beim Menschen er- 
langt, mit der lange dauernden Wirkung, die gerade bei ihm tiefere Ge- 
müthsafl^ecte hervorbringen, zusammenhängt. Den Gefahren, mit denen 

I diese Wirkung das Nervensystem bedroht, 
tnnervation der Thränendrüsen begegnet, 



durch die anhaltende 
jede nach außen 



wie 



a. O. S. 322. 



* Darwin, ebend, S. 96 f, ^ Darwin, a, 

^ Auch bei Thieren, namentlich Kaninchen, beobachtet man, dass sich bei gesteU 

gerter Herzaction die Gefäße am Kopf, besonder* die OhrarterieQ, erweitern. Ohne 

Zweifel sind also die sensibeln Fasern des Herzens mit den tJic Blutgefäße an Kopf nnd 

Hats regulirenden Hemmung-s Vorrichtungen in innigere Verbindung gesetzt. Aus diesen 

Grilnden scheint die Hypothese Darwins, dass die Aufmerksamkeit auf das Gesiebt die 

'Ursache jener Beschränkung des ErrÖthens sei (a. a. O- S, 3441^ mindestens entbehrlich. 

ach widerspricht ihr die Thatsache, dass das Erröthen gerade zu jenen Ausdrucksformen 

;chört, die dem Einfluss des Willens und also auch der Aufmerksamkeit am wenigsten 

uginglieh sind. 



288 Willensvorgänge. 

gerichtete Erregung, eine Ableitung und Lösung der hoch angewachsenen 
inneren Spannung mit sich führt. Als Secretion hat sie nur diese lösende, 
nie die verstärkende Wirkung auf den Affect, die den Muskelbewegungen 
unter Umständen zukommen kann. Schwieriger ist die Frage, wie gerade 
die Thränendrüsen zu dieser Rolle schmerzlindernder Ableitungsoi^ane 
kommen. Vielleicht hängt dies mit der Bedeutung zusammen, welche 
die Gesichtsvorstcllungcn für das menschliche Bewusstsein gewimien. Die 
Thränen sind zunächst ein Secret, das zum Schutze des Auges gegen 
mechanische Insulte bestimmt ist. Von fremden Körpern, wie Staub, In- 
sccten u. dergl., befreit sich das Auge durch den reflectorisch eintreten- 
den Thränenerguss. Nun wird unser drittes Princip lehren, dass Bewegungen, 
die ursprünglich durch bestimmte Empfindungsreize geweckt wurden, dann 
auch durch Vorstellungen, die nicht einmal in der Anschauung g^eben 
sein müssen, sondern nur eine jenen Empfindungen analoge Wirkung auf 
das Bewusstsein äußern, hervorgerufen werden können. Der Thränen- 
erguss ließe sich demnach als eine Wirkung leidvoller Gesichtsvorstellui^n 
auffassen, die dann allmählich zur Aeußerungsform des Schmerzes über- 
haupt geworden ist. Sollte diese Erklärung richtig sein, so wäre das 
Weinen nach seiner ursprünglichen Bedeutung dem Princip der Beziehung 
der Bewegung zu SinnesvorstcUungcn unterzuordnen, und erst unter der 
Wirkung der Vererbung wäre es zu einer directen Innervationsänderung 
geworden'. Es ist dies übrigens ein Vorgang, der sich bei fast allen 
Ausdrucksbewegungen wiederholt. Je fester diese durch Generationen 
hindurch eingewurzelt sind, um so leichter erfolgen sie mit der mecha- 
nischen Sicherheit des einfachen Reflexes, ohne dass sich die an&^lich 
die Bewegung herbeiführenden Bedingungen in merklichem Grade gleitend 
zu machen brauchen. Die Wichtigkeit, die hierbei der Vererbung zu- 
kommt, leuchtet hinreichend aus der Thatsachc hervor, dass gewisse 
Mienen und Geberden bei verschiedenen Gliedern einer Familie beobachtet 
werden, und dies sogar in solchen Fällen, wo Nachahmung nicht wohl 
ins Spiel kommen kann^. Trotzdem sind solche Ausdrucksbewegungen, 
ebenso wie die Instincte, noch nicht erklärt, wenn man sie einfach als 
vererbte Gewohnheiten betrachtet. Jeder angenommenen Gewohnheit li^^en 
psychophysische Bedingungen zu Grunde, die sich auf irgend eines oder 
auf mehrere der hier erörterten Principicn des Ausdrucks werden zurück- 
fuhrefi lassen, und die nämliche Ursache, welche die Bewegung ursprüng- 
lich herbeiführte, wird in einem gewissen Grade auch noch bei ihrer 

' Darwin (a. a. O. S. 177) vermuthet, dass das Weinen durch den mechanischen 
Druck hervorgebracht werde, dem das Auge bei der Mimik des starken Schreiens aus- 
gesetzt sei. Dem widerspricht, wie ich glaube, die Thatsache, dass Thiere nnd selbst 
ganz junge Kinder auf dns heftigste schreien können, ohne Thränen zu vergießen. 

* Darwin, a. a. O. S. 34. 



Ausdrucksbewegungen. 289 

Wiedererzeugüng wirksam sein. Nur so wird es begreiflich, dass selbst 
derartige individuell beschränkte Geberden doch immer an bestimmte 
Gemüthsaffecte gebunden bleiben. 

Die directe Innervationsänderung ist fast immer begleitet von einer 
bedeutenden Rückwirkung des Affectes auf die Apperception. Nicht bloß 
die plötzliche Lähmung oder Erregung der Muskeln bei starken Affecten, 
sondern auch jene schwächeren Anwandlungen, die sich nur am Herz- 
schlag, am Erbleichen oder Erröthen der Wangen verrathen, sind sehr 
gewöhnlich mit einer Verwirrung des Gedankenlaufs verbunden, die ihrer- 
seits auf den Affect selbst und seine körperlichen Folgen verstärkend 
zurückwirken kann. Der Furchtsame oder Verlegene stottert, nicht bloß 
weil ihm die Zunge mechanisch den Dienst versagt, sondern zugleich weil 
ihm die Gedanken stille stehen. 

b. Princip der Association verwandter Gefühle. 

Dieses Princip stützt sich auf die mehrfach hervorgehobene That- 
sache, dass Empfindungen von ähnlichem Gefühlston leicht sich verbinden 
und gegenseitig verstärken'. Dasselbe kommt vor allem bei den mimi- 
schen Bewegungen zur Geltung. Der Druck der Wangenmuskeln 
richtet sich, wie zuerst Harless bemerkt hat, nach den Qualitäten der 
zum Ausdruck kommenden Gefühle^. So sehen wir die mimische Be- 
wegung zwischen der schmerzvollen Verzerrung bei leidvollen Affecten, 
dem wohlthuenden Druck befriedigten Selbstgefühls und der festen Span- 
nung energischer Stimmungen mannigfach wechseln. Zu der vielseitigsten 
Verwendung aber kommt das Princip der Association der Gefühle bei 
den mimischen Bewegungen des Mundes und der Nase. Beide entstehen 
zunächst als Trieb- oder Reflexwirkungen auf Geschmacks- und Geruchs- 
reize. Am Munde unterscheiden wir deutlich den Ausdruck des Sauren, 
Bittern und Süßen. Die beiden ersteren sind im allgemeinen unange- 
nehme Empfindungen, die gemieden werden, das dritte ist ein angenehmer, 
von dem Geschmacksorgan aufgesuchter Reiz. Unsere Zunge ist aber an 
den einzelnen Stellen ihrer Oberfläche für diese verschiedenen Geschmacks- 
reize in verschiedenem Grade empfindlich, die hinteren Theile des Zungen- 
rückens und der Gaumen vorzugsweise für das Bittere, die Zungenränder 
für das Saure, die Zungenspitze für das Süße. So kommt es, dass wir 
bei der Einwirkung saurer Stoffe den Mund in die Breite ziehen, wobei 
sich Lippen und Wangen von den Seitenrändern der Zunge entfernen. 
Bittere Stoffe verschlucken wir, während der Gaumen stark gehoben und 

' Vgl. Cap. XI, Bd. 2, S. 351. 

' Harless, Plastbche Anatomie, 1856, S 126 f. 

WvNDT, Grundzfige. HI. 5. Aufl. 1 9 



290 



Willensvorgänge. 



die Zunge niedergedrückt wird, damit beide möglichst wenig den Bissen 
berühren. Kosten wir ds^egen süße Stoffe, so werden Lippen und 
Zungenspitze denselben in schwachen Saugbewegungen entgegengefahrt^ 
um mit dem angenehmen Reiz in Berührung zu kommen \ Dies ver- 
anschaulichen die in Fig. 336 — 338 links abgebildeten Schemata der 



\:' 







Fig- 336. Empfindlichkeit der Zange für 
Süß und mimische Bewegung auf Süß. 



Fig. 338. Empfindlichkeit der Zange für 
Bitter and mimische Bewegung aof Bitter. 



\ .. -•^:;-:^i:^. J 




Zunge, die zusammen dem 
früher (Bd. 2, S. 56, Fig. 161) 
mitgetheilten Schema der 
Isochymen entsprechen, in- 
dem Fig. 336 den Verlauf 
der Empfindlichkeit für SüO, 
337 den für Sauer, 338 den 
für Bitter angibt, wobei je- 
desmal die Dichtigkeit der 
eingezeichneten Punkte dem 
Grad der Empfindlichkeit 
für den Geschmacksstoff 
entspricht. Rechts von je- 
dem der drei Zungenbilder 
ist der zugehörige mimische 
Reflex dargestellt. Diese Bewegungen haben sich nun so fest mit den Ge- 
schmacksempfindungen associirt, dass ein reproducirtes Bild der letzteren, 
ohne die thatsächliche Einwirkung eines Geschmacksreizes, durch die Bewe- 
gung selbst schon entsteht. Sobald daher Afi*ecte in uns aufsteigen, die mit 



Fig- 337- Empfindlichkeit der Zunge für Sauer 
und mimische Bewegung auf Sauer. 



' Vorlesungen über die Menschen- und Thierseele*, Bd. 2, 1864, S. 348. 



Ausdracksbewegnngen. 291 

den sinnlichen Gefühlen, die an jene Empfindungen gebunden sind, eine 
Verwandtschaft besitzen, so werden die nämlichen Bewegungen ausgeführt, 
die dem AflTect in der analogen Empfindung im Gebiet des Geschmacks- 
organs einen sinnlichen Hintergrund geben. Alle jene Gemüthsstim- 
mungen, die auch die Sprache mit Metaphern wie bitter, herbe, süß 
bezeichnet, combiniren sich daher mit den entsprechenden mimischen Be- 
wegungen des Mundes'. Einförmiger ist die Mimik der Nase. Hier 
wechseln nur Oeffnen und Schließen der Nasenlöcher, um bald die Auf- 
nahme angenehmer, bald die Abwehr unangenehmer Geruchseindrücke zu 
unterstützen, Bewegungen, die dann in ähnlicher Weise wie die mimischen 
Reflexe des Mundes auf alle möglichen Lust- und Lddaflfecte übertragen 
werden '. 

c. Princip der Beziehung der Bewegung zu Sinnesvorstellnngen. 

Dieses Princip beherrscht wohl alle die Mienen und Geberden, die 
sich auf die zwei vorigen Grundsätze nicht zurückfuhren lassen. So werden 
die Ausdrucksbewegungen der Arme und Hände vor allem durch dieses 
Princip bestimmt. Wenn wir mit AfTect von gegenwärtigen Personen 
und Dingen sprechen, weisen wir unwillkürlich mit der Hand auf sie hin. 
Ist aber der Gegenstand unserer Vorstellung nicht anwesend, so fingen 
wir denselben irgendwo in unserm Gesichtsraum, oder wir deuten nach 
der Richtung, in der er sich entfernt hat. Gleicher Weise bilden wir in 
afTectvoIlem Sprechen oder Denken Raum- und Zeitverhältnisse nach, in- 
dem wir das Große und Kleine durch Erhebung und Senkung der Hand, 
Vergangenheit und Zukunft durch Rückwärts- und Vorwärtswinken an- 
deuten. In der Empörung über eine Beleidigung ballen wir die Faust, 
selbst wenn der Beleidiger nicht anwesend ist, oder wir doch nicht ent- 
fernt die Absicht haben, ihm persönlich zu Leibe zu gehen; ja der Er- 
zähler, der Ereignisse einer fernen Vergangenheit berichtet, braucht die 
gleiche Bewegung, wenn ein ähnlicher AfTect in ihm aufsteigt. Nach 
Darwins Ermittelungen scheint übrigens diese Geberde nur bei Völkern 
heimisch zu sein, welche mit den Fäusten zu kämpfen pflegen^. Bei 
heftigem Zorn kann sich die nämliche Bewegung mit der Entblößung der 
Zähne verbinden, als sollten auch diese zum Kampfe verwendet werden. 
Als Gegensatz zu dem aggressiven Emporrecken des Halses, wie es dem 

' PlDERiT, Wissenschaftliches System der Mimik und Physiognomik, 1867, S. 69. 
Experimentelle Vorschläge zur quantitativen Messung mimischer Ausdrucksbewegungen 
sind Ton R. Sommer gemacht und namentlich an der für viele Ausdrucks formen bedeut- 
Munen Stimmuskulatnr angewandt worden, Betträge zur psychiatr. Klinik. Bd. i, 1902, 

S. 143 ff- 

* PiDERiT, a. a. O. S. 90 f. 
■ 3 Darwin, a. a. O. S. 252. 

19* 



2Q2 Willensvorgänge. 

Zorn und energischen Muth eigen ist, erscheint das Achselzucken, eine 
ursprünglich wohl dem ängstlichen Verbergen und andern zweifelhaften 
Gemüthslagen eigenthümliche Geberde, die bei uns zum gewöhnlichen 
Ausdruck der Unentschiedenheit geworden ist. Wir können es als dne 
unwillkürliche Rückzugsbewegung, oder, wo es sich, wie oft beim eigent- 
lichen Zweifel, mehrmals wiederholt, als einen Wechsel zwischen Angriff 
und Rückzug auffassen. Von ähnlicher Bedeutung sind die Geberden der 
Bejahung und Verneinung. Bei der ersteren neigen wir uns einem fingirten 
Objecte zu, bei der letzteren wenden wir uns mehrmals von demselben 
ab. Endlich fallt unter dieses Princip fast die ganze Mimik des Auges. 
Bei gespannter Aufmerksamkeit ist der Blick fest und fixirend, auch wenn 
das Object, dem sich das aufmerksame Nachdenken zuwendet, nicht gegen- 
wärtig ist. Ferner öffnet sich das Auge weit im Moment der Ueber- 
raschung; es schließt sich plötzlich beim Erschrecken. Der Verachtende 
wendet den Blick zur Seite, der Niedergeschlagene kehrt ihn zu Boden, 
der Entzückte nach oben. Von den Bewegungen des Auges hänget auch 
der mimische Ausdruck seiner Umgebung ab. So legt sich bei lebhaft 
geöffnetem Auge die Stirn in horizontale, bei fest fixirendem Blick in 
verticale F^alten. Die senkrechte Stirnfurchung verbunden mit dem ge- 
spannten Blick wird durch ihre Ucbertragung auf verschiedenartige Vor- 
stellungen ein sehr verbreiteter mimischer Zug, der angestrengtes Nach* 
denken, Sorge, Kummer, Zorn ausdrücken kann. Erst die übrigen Aus» 
drucksbewegungen werfen in diesem Fall Licht auf die besondere Richtung 
der Stimmung. 

Es wurde schon bemerkt, dass sich die drei hier erörterten Formen 
des Ausdrucks zu einem gemeinsamen Effect combiniren können. So 
sind denn in der That meistens die Aeußerungen der Gemüthsbewegungen 
von zusammengesetzter Art und bedürfen daher einer Zergliederung in 
ihre Elemente. Diese Untersuchung der einzelnen mimischen Formen 
liegt außerhalb unserer Aufgabe', bei der es sich bloß um die Nach* 
Weisung der allgemeinen psychophysischen Gesetze handelt, die hier zur 
Geltung kommen. Nur auf zwei complicirtere Bewegungen dieser Art sei 
noch hingewiesen, welche die stärksten Ausdrucksmittel der entgegengesetz- 
ten Lust- und Leidaffecte sind: das Lachen und Weinen. Der Gesichtsr 
ausdruck des Weinens besteht, wie bei dem sauren Geschmacksreiz, in 
einer Erweiterung der Mundspalte, die sich zuweilen mit dem bittem Zug 
mehr oder minder deutlich combinirt. Zugleich werden die Nasenlöcher 

^ Man vergleiche hierüber namentlich die angeführten Werke von DaR'UIS und 
PiDERiT, meinen Aufsatz über den Ausdruck der Gemüthsbewegungen, Essays, S. 222, und 
Völkerpsychologie, Bd. i, I, S. 95 ff. Ferner lIuGin;s, Die Mimik des Menschen auf Gnmd 
voluntaristischer Tsychologie, 1900. 



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geschlossen, die Nasenwinkel herabgezogen, wie bei der Abwehr unange^ 
nehmer Geruchsreize» Das Auge ist halb geschlossen, als solle ein 
empfindlicher Lichtreiz ferngehalten werden, und die Spannung der das 
Auge umgebenden Muskeln wird entsprechend der Stärke des Affectes 
vermehrt: in Folge dessen legt sich die Stirn in senkrechte Falten. Auch 
die Stimmmuskeln nehmen, namentlich bei Kindern, leicht an der \^er- 
breiteten motorischen Erregimg Theil. Durch directe Innervationsänderung 
ergießen sich die Thränen, der Herzschlag wird beschieunigtj und die 
Blutgefäße verengern sich. Wahrscheinlich ist es die dauernde Contraction 
der kleinen Arterien, die eine Reizung des Centrums der Exspiration her- 
beiführt. Das Schreien wird daher zu einem natürlichen Begleiter der 
krampfhaften Ausathmimgsanstrengungen, die in Folge der Dyspnoe, die 
sie herbeiführen, von einzelnen InspirationsstöOen unterbrochen werden. 

o stellt das Schluchzen als natürliche Folge heftigen Weinens sich ein. 

'as Lachen unterscheidet sich vom Weinen hauptsachlich durch die ver- 

hiedene Mimik der Nase und des Auges. Beide Sinnesorgane sind in 
Jder Regel weit geöffnet, wodurch die Stirn in horizontale Falten gelegt 

ird; auch der Mund ist geöffnet^ als sollten alle Sinne den erfreulichen 
Kindruck aufnehmen. Dabei findet auch beim Lachen eine directe In- 
nervation der Gefäße statt. Sie ist aber nicht, wie beim Weinen, eine 

luernde. sondern, gemäß der Natur der Lachreize, des Kitzels und des 
Komischen, höchst wahrscheinlich eine intermittirende'. So tritt denn 
auch eine intermittirende Reizung des Exspirationscentrums ein. Das 
Ischen macht sich daher von Anfang an in einzelnen durch Einathmungen 
getrennten Exspirationsstößen Luft. Bekanntlich kann bei heftigem Lachen 
die so bewirkte starke Erschütterung des Zwerchfells sehr anstrengend 
werden. Dann nimmt das Auge die Mimik der Anstrengung an, fest ge- 
haltenen Blick verbunden mit senkrechten Stirnfalten; daher die merk- 
würdige Aehnlichkeitf welche Lachen und Weinen in ihren äußersten 
Graden darbieten. 



t Die Versuche, abwischen dem Aeußeren des Menschen, namentlich seinen 
Gesichtszügen, und seinem Innern gemsse Gesetze der Beziehung aufzufinden, 
sind zwar uralt; doch sind diese Versuche, wie sie namentlich in den früheren 
Arbeiten über Physiognomik vorliegen, von geringem Werthe. Sie leiden alle 
an dem Fehler, dass sie bleibende Verhältnisse der Form, die auf dem 
Knochenbau oder andern Eigenschaften der ursi>rünglichen Bildung beruhen, 
als bedeutungsvolle Symbole des geistigen Charakters ansehen, und sie er- 
gehen sich meistens in einer ganz willkürlichen Vergleichung menschlicher 
Züge mit Thierformen, indem sie sich für berechtigt halten, daraus auf eine 



* E. Hecker, Die Physiologie und Psychologie des Lachens und des Komischen» 



2^4 WillcMvorgängc. 

Verwandtschaft des Temperamentes oder sonstiger Eigenthümlichkeiten zu 
schließen \ Im Mittelalter hatte die Physiognomik, analog der Chiromantik, 
den Charakter einer geheimnissvollen Kunst angenommen. Lavaters Arbeiten 
waren nicht geeignet, ihr diesen Charakter zu rauben. Er selbst sagt, mit 
der Physiognomie sei es wie mit allen Gegenständen des menschlichen Ge- 
schmacks: man könne ihre Bedeutung empfinden, aber nicht ausdrücken*. 
Lichtenberg, der gegen die enthusiastischen ErgieOungen Lavaters die Pfeile 
seiner Satire richtete, hat zugleich schon vollkommen richtig die wissenschaft- 
liche Aufgabe bezeichnet, die hinter jenen physiognomischen Verirrungen ver- 
steckt lag: die Untersuchung der an die Affecte gebundenen Ausdrucb- 
bewegungen^. Dieses Ziel fassten denn auch J. J. Engel^, Charles Bell*, 
HuscHKE^ u. A. ins Auge, ohne dass sie jedoch zu hinreichend sicheren Re- 
sultaten gelangt wären, obgleich namentlich die Arbeiten von Engel und Bell 
manche richtige Beobachtungen darbieten. Die meisten Physiologen und 
Psychologen verhielten sich aber gänzlich skeptisch gegen solche Versuche, 
die oft mit der Cranioskopie auf eine Linie gestellt wurden^. Erst in einigen 
neueren Arbeiten ist mit der Zurückführung der Ausdrucksbewegungen auf 
bestimmte psychologische Principien ein Anfang gemacht worden. So stellte 
Harless^ den Satz auf, die Gesichtsmuskeln führten stets Spannungsempfin- 
dungen herbei, die dem vorhandenen Affecte entsprechen, ein Satz, der, wie wir 
sahen, innerhalb gewisser Grenzen richtig und unserm Princip der Association 
analoger Gefühle zu subsumiren ist. Piderit^ suchte nachzuweisen, dass die 
durch Geisteszustände verursachten mimischen Muskelbewegungen sich theils auf 
imaginäre Gegenstände, theils auf imaginäre Sinneseindrücke beziehen, ein 
Gesetz, das theilweise mit unserm dritten Princip zusammenfallt. Endlich hat 
Darwin '° alle Ausdrucksbewegungen bei Thieren und Menschen drei allr 
gemeinen Principien untergeordnet, die jedoch von den oben aufgestellten 
wesentlich verschieden sind. Das erste nennt er das Princip zweckmäßig 
associirter Gewohnheiten. Gewisse complicirte Handlungen, die unter Um- 
ständen von directem oder indirectem Nutzen waren, sollen in Folge von 
Gewohnheit und Association auch dann ausgeführt werden, wenn kein Nutzen 
mit ihnen verbunden ist. Das zweite Princip ist das des Gegensatzes. Wenn 
gewisse Seelenzustände mit bestimmten gewohnheitsmäßigen Handlimgen ver- 
knüpft sind, so sollen die entgegengesetzten Zustände sich aus bloßem Con- 
trast mit den entgegengesetzten Bewegungen verbinden. Nach dem dritten 



* Aristotelks, Physiogrnomica, cap. 4 seq. (Eine anechte Schrift.) J. B. Porta, De 
hnmana physiognomia, 1593. Die Vorstellnngen über thierische Verwandinngen des Men- 
schen hängen wahrscheinlich mit diesen Ansichten nahe zusammen. Vgl. Plato , Timins 44. 

^ Lavaters Physiognomische Fragmente, verkürzt herausgegeben von Armbrustei, 
3 Bde., 1783—87, Bd. i, S. loi. 

3 Lichtenbergs vermischte Schriften, Ausgabe von 1844, Bd. 4, S. 18 ff. 

*♦ Ideen zu einer Mimik, 2 Thle., 1785 — 86. 

^ Essays on anatomy of expression, 1806, ^, 1844. 

^ Mimices et physiognomices fragmenta, 1821. 

7 J. MÜLLER, Handbuch der Physiologie, Bd. 2, S. 92. 

8 I.ehrbnch der plastischen Anatomie. S. 131. 
^ System der Mimik und Physiognomik, S. 25. 

^° Der Ausdruck der Gemüthsbewegungen , deutsche Ausg., S. 28. Zur Kritik der 
DARWiN'schen und anderer Theorien über Ausdrucksbewegungen vgl, Völkerpsychologie, 
Bd. 1, I, S. 68 ff. 



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Princjp endlk h werden Handlungen von Anfang an unabhängig von Wille und 
Gewohnheit durch die bloDe Constitution des Nervensystems verursacht. Ich 
kann nicht verhehlen» dass mir diese drei Principien weder richtige Ver- 
lig emeineningen der Thatsachen zu sein, nocii die letzteren vollständig genug 
2U enthalten scheinen. Ein wirklicher oder scheinbarer Nutzen lässt sich bei 
den Aüsdrucksbewegungen natürlich schon deshalb in gewissem Umfang be- 
obachten^ weil sie theils Trieb-, theils Reflexbewegungen und als solche dem 
Prindp der Zweckmäßigkeit unterworfen sind\ Sie sind dies aber, wenig- 
stens bei dem Individuum, schon vennöge der Constitution des Nenensystems, 
Hier fließen also Darwiks erstes und drittes Princip in einander, Ueber die 
rsachen» weshalb solche zweckmäßige Reflexe auch auf andere Sin neseindi ticke 
übertragen werden, wo von einem Nutzen derselben nicht mehr die Rede sein 
kann» dariiber geben jedoch Darwins Sätze keinen Aufschluss. Hier kommt 
eiJs das Princip der Verbindung analoger Empfindungen , theils <las Princip 
er Beziehung der Bewegung zu Sinnes Vorstellungen zur Anwendung, die beide 
in Darwins Aufstellung nicht enthalten sind. So ist denn auch bei diesem 
das Gesetz des Contrastes ein otfenbarer Nothbehelf, Dafür, dass eine Aus- 
drucksbewegung als Contrast zu einer andern auftrete, muss doch ein psycho- 
logischer Grund aufgefunden werden. Ein solcher führt aber immer wieder 
auf die von uns oben formulirten Principien des Ausdrucks und damit auf 
positive Bedingimgen für die betretfende Bewegung zurück. Wenn z. B. der 
Hund, seinen Herrn liebkosend, eine Haltung darbietet, die jener, wo er sich 
inem andern Hunde feindlich naht, gerade entgegengesetzt ist"*, so hat dies 
einen Grund theils in den Eigenschaften der Tast- und Muskelempfindungen, 
ie das Wedeln des Schwanzes und die Windungen des Körj^ers begleiten^ 
theils in der Flucht vor dem Herrn, die sich in der gebückten Stellung kund- 
gibt, also in Bewegungen^ die wieder in entsprechenden Gefühlen und in 
der Beziehung zu Vorstellungen begründet sind. Abgesehen von diesen un- 
zureichenden psychologischen Ausführungen seiner Theorie hat übrigens Darwin 
i5 Verdienst, ein außerordentlich reiches Material von Beobachtungen ge- 
lammelt und die Bedeutung der Vererbung auch auf diesem Gebiet durch 
zahlreiche Beispiele wahrscheinlich gemacht zu haben. 

Dass die drei oben aufgestellten Principien nicht die eigentlichen Er- 
klärungsgründe der Ausdrucksbewegungen, sondern lediglich eine allgemeine 
Unterscheidung und Einthethmg ihrer Hauptformen enthalten sollen, bedarf 
schließlich kaum der Bemerkung. Ihrem Ursprünge nach besitzen ja diese 
Bewegungen keine specifische Bedeutung^ da sie, wie oben betont wurde, 
theils den Trieb-, theils den ReJiex-, seltener den Willkürbewegungen zti- 
2Uordnen sind, Ihre allgemeine Theorie fällt daher mit derjenigen dieser 
'allgemeinen Bewegungsfonnen zusammen. Im übrigen entsprechen die drei 
angeführten Principien den drei thatsächlich zu unterscheidenden Bestand- 
theilen eines jeden Affectes: das erste der Intensität, das zweite der (Qualität 
der Gefühle, und das dritte den begleitenden Vorstellungen \ Wie bei den 
Willenshandlungen, so hat man sich aber selbstverständlich auch bei den Aus- 
drucksbewegungen vor der Einmengung falscher metaphysischer Vorstellungen 



' Siehe oben S. 262 ff. 

» Darwin^ a. i. O. S. 51 f. 

3 Vgl. hierzu Völkerpsychologie, Bd. i, I, S. 84 fl*. 



2o6 Willcnsvorgänge. 

in die psychologische Theorie zu hüten. Es kann niemals die Aufgabe der 
letzteren sein, die physiologische Seite unserer äußeren Willenshandlungen auf 
ihre letzte Ursache zurückzuführen, theils weil diese Aufgabe der Physiologie 
zufällt, theils und besonders aber deshalb, weil dieselbe bei der ungeheuren 
Verwicklung der Mechanik der Centralorgane in jedem einzelnen Falle auf ein 
unlösbares Problem hinausführt Die Psychologie muss sich also damit be- 
gnügen, die einem gegebenen psychischen Act entsprechende äußere Bewegung 
als psychologisch erklärt anzusehen, sobald die Bewegung einem psychologisdi 
nach seinen Vorbedingungen begreiflich gemachten inneren Vorgange als die zu- 
gehörige physische Erscheinung sich anschließt. Selbstverständlich würde einer 
solchen psychologischen Causalerklärung nur dann die metaphysische Voraus- 
setzung eines >Influxus physicus« unterzuschieben sein, wenn dabei ausdrücklich 
das Princip der gleichzeitigen physischen Verursachung negirt würde, was 
allerdings von den Anhängern des Cartesianischen Seelenbegriffs zum Thcil 
noch heute geschieht. Nicht minder unzulässig ist aber natürlich die Vor- 
stellung eines Influxus physicus von umgekehrter Richtung, wie ihn manche 
Physiologen ausdrücklich oder stillschweigend vertreten. Während solche 
Autoren mit Recht gegen die Annahme protestiren, dass der Wille oder ein 
seelischer Affect die directe physische Ursache einer Körperbewegung sein 
könne, finden sie kein Arg dabei, aus beliebigen physiologischen Innervations- 
processen verwickelte seelische Vorgänge unmittelbar entspringen zu lassen'. 
Unter dem dritten Princip der Ausdrucksbewegungen sind uns bereits 
Geberden entgegengetreten, in denen nicht bloß ein innerer Affect zur Wir- 
kung gelangt, sondern wobei sich die Bewegung zugleich auf bestimmte äußere 
Vorstellungen bezieht. Den Gegenstand, der unser Gefühl erregt, deuten wir 
an, indem wir auf ihn hinweisen, ihn anblicken oder, wenn er selbst nicht 
anwesend ist, seine zeitlichen und räumlichen Beziehungen irgendwie durch 
Bewegungen kenntlich machen. Hierdurch geht die Affectäußerung tmmittel- 
bar über in die Gedankenäußerung, als deren einfachste Form die Ge- 
berdensprache sich darstellt, und aus der wieder die Lautsprache, als 
Entwicklungsform einer specifischen Form von Geberden, hervorgeht. Ihre 
Betrachtung muss, da sie aus dem Gebiet der experimentellen in das der 
Völkerpsychologie hinüberführt, der letzteren überlassen bleiben '. 



4. Theorie des Willens. 

a. Das Willensvermögen und die transcendente Willenstheorie. 

Von dem Begriff des > Willensvermögens« sind im Grunde die sämmt- 
lichen Willenstheorien ausgegangen. Dieser Begriff selbst gehört aber be- 
reits der verwissenschaftlichen Psychologie an, die sich hier wie in andern 
Fällen damit begnügt, L2rscheinungen auf Grund gewisser übereinstimmen- 
der Merkmale, über die man sich keine nähere Rechenschaft gibt, in ein 



' Vgl. meine Ethik «, S. 467 ff. 

* Ueber die Geberdensprache vgl. Völkerpsychologie, Bd. i, I, S. 131 ff,, Über den 
Ursprang der Lautsprache ebend. II, S. 584 ff. 



Thtione d«s Willens. 



297 



Wort zusammenzufassen. So ist auch der Begriff Wille zunächst nicht 
mehr als ein Wort. Aber die populäre Psychologie glaubt mit diesem 
Wort gerade so gut über die Eigenschaften der Willensvorgänge genügend 

I Rechenschaft gegeben xu haben, wie der populären, noch von keinerlei 
Wissenschaftlichen Einflüssen berührten Physik die Wörter Licht und 
fechwere vollkommen den Begriff dessen zu erschöpfen sehet hen, was 
Licht und Schwere wirklich sind. Der große Unterschied zwischen beiden 
Fällen besteht freilich darin, dass sich die Physik von jenen vonvissen- 
schaftlichen Begriffsbildungen längst befreit hat, während diese in den 
Theorien der Psychologen immer noch fortwirken. Hier ist der Staiid- 
ptmkt der Vermögenspsychologie von der populären Auffassung des 
Willens höchstens dadurch verschieden , dass jene zu dem Wort auch 

■-noch eine nichtssagende Worterklärung hinzufügt, indem sie etwa mit 
K(\V3LFF das Wollen als einen > Versuch eine vorausgesehene und als gut 
erkannte Vorstellung zu realisiren*^ definirt u. dergl. 

Ist dieser Willensbegriff nicht mehr als ein Wort für eine unerkannte 
Sache* so liegt nun aber in dem Wort zugleich die Gefahr, dieses Un- 
erkannte zum Unerkennbaren zu stempeln. Diesen Schritt hat, von 
ethischen Beweggründen unterstützt, Kant gethan, als er in dem Willen 
den •intelligibeln«, jenseits der Sinnenwelt und der Naturcausalität liegen- 
^klen Charakter des Menschen erblickte. Von hier sind dann alle jene 
"metaphysischen Speculationen ausgegangen, die mit ScHOrEXHAUER den 
Willen schlechthin als das -Ding an sich« oder mit Ed, VON Hartmann 
als das »Unbewusste* betrachteten. Sic liegen an sich außerhalb der 
Psychologie, haben aber nicht verfehlt, auf diese ihre Rückwirkungen zu 
äußern. Bei manchen Philosophen und bei vielen Vertretern der prakti- 
schen Wissenschaften kommt ihnen überdies das Vorurtheil zu Hülfe, dass 
man glaubt, mit der Ueberführung des Willens aus dem Transcendenten 

Iins Immanente werde der menschlichen Freiheit ihre sicherste Stütze ent- 
zogen. Doch ist uns, auch abgesehen von solchen ethischen Motiven, 
der gleiche transcendente Willensbegriff schon früher als eine psycho- 
logische Hülfshypothese in jenen Raumtheorien begegnet, in denen der 
Wille, einen Gegenstand irgendwo zu sehen, dieses Wunder wirklich volt- 
bringen soir. Nicht so ausschließlich zu einem einzigen abstracten Be- 
griff verdichtet erscheint endlich der transcendente Wille meist in den 
Theorien der eigentlichen Psychologen. Hier werden Empfindungen^ Vor- 
stellungen, Gefühle, je nach dem sonstigen Standpunkt mehr die einen oder 
die andern^ als allerlei Begleiterscheinungen zugelassen. Das entscheidende 
soll aber auch da ein letztes, in keinerlei sinnliche Bewusstseinsinhalte 



« VßL oben Bd. 2, S. 657 f. 





298 Willensvorgänge. 

aufzulösendes »Fiat« bleiben, hinter welchem Fiat sich doch offenbar 
wiederum nur der transcendente Wille verbirgt \ Mit dieser Zulassux^ 
begleitender Momente pfl^en aber solche Auffassungen zugleich in eine 
der im folgenden zu besprechenden intellectualistischen Theorien überzu- 
gehen, die somit meist einen gemischten Charakter besitzen. 

Da es nun einen abstracten Willen, wie oben gezeigt wurde, that- 
sächlich überhaupt nicht gibt, so fallt damit auch die transcendente 
Willenstheorie, die überall auf jenen Begriff zurückgeht; und die nächste 
Aufgabe der Psychologie kann allein die sein, die concreten Willens- 
phänomene zu beschreiben und nach ihren Hauptunterschieden zu ordnen. 
Dabei findet aber die psychologische Analyse nichts anderes als eben 
wiederum concreto, in Empfindungen und Gefühle aufzulösende Bestand- 
theile vor. Der zeitliche Verlauf dieser Verbindungen ist ein für die 
Willensvorgänge specifischer, so dass sich diese durch ihre empirischen 
Merkmale vollkommen eindeutig von andern complexen psychischen Vor- 
gängen unterscheiden. Jener abstracte »Wille« zerstiebt also bei dieser 
Analyse in nichts, in ein bloßes Wort, das die Vermögenstheorie in 
eine specifische Kraft venvandelt, während die transcendente Theorie aus 
ihm ein übersinnliches Wesen macht, das abwechselnd in die sinnliche 
Welt eintritt und wieder aus ihr verschwindet, also im eigentlichsten Sinne 
des Wortes ein Gespenst ist. 

b. Die intellectualistischen Willenstheorien. 

»Intellectualistisch« können wir in der weiteren Fassung dieses Begriffs 
alle diejenigen Theorien nennen, die den Willensvorgang ausschließlich 
oder vor\viegend auf die intellectuelle Seite des seelischen Lebens ver- 
legen, sei es nun dass dabei mehr die einzelnen Bestandtheilei die 
Empfindungen oder Vorstellungen, oder dass die zusammengesetzten in- 
tellectuellen Processe, wie die Vorstellungsassociationen oder die logischen 
Denkacte, in den Vordergrund gestellt werden. Danach lassen sich dne 
Associationstheorie, eine logische und eine sensualistische Wil- 
lenstheorie unterscheiden, wobei freUich zu diesen Ausdrücken bemerkt 
werden muss, dass Verbindungen dieser verschiedenen Auffassungen unter 
einander vielfach stattgefunden haben. 

Merkwürdiger Weise ist die Associationstheorie unter allen diesen 
intellectualistischen Ansichten diejenige, die sowohl in der geschichtlichen 
Entwicklung wie insbesondere auch unter den gegenwärtig herrschenden 
Richtungen der Willenslehre am wenigsten eine Rolle gespielt hat, — 
eine Thatsache, die angesichts der sonstigen Verbreitung der Associations- 

* W. James, Psychology, vol. 2, p. 501. 



Theorie des Willens. 2QQ 

Psychologie auffallen kann, die aber um so schlagender den Einfluss be- 
weist, den hier die Vermögenslehre und der transcendente Willensbegrift 
in ihrer Vereinigung immer noch ausüben. Denn diese besitzen allerdings 
eine größere Affinität sowohl zu der logischen wie zu der sensualistischen 
Willenstheorie, daher denn auch, wie wir sogleich sehen werden, die An- 
wendung des vulgären Associationsschemas auf den Willensvorgang meist 
in eine dieser andern Theorien oder in eine Vereinigung beider umschlägt. 
Was aber der Verwerthung der überlieferten Associationslehre in diesem 
Fall wiederum im Wege steht, das ist der einseitige Zuschnitt derselben 
auf die Erinnerungsvorgänge, der dazu verfuhrt, ein und dasselbe Schema 
mechanisch aneinandergereihter Vorstellungen auf jeden beliebigen in 
der Zeit verlaufenden Bewusstseinsvorgang anzuwenden. Um das Wollen 
von andern solchen Verlaufsformen zu unterscheiden, bleibt dann nichts 
übrig, als im letzten Moment entweder doch noch das wunderthätige 
»Fiat« des transcendenten Willens oder aber einen zufällig nebenher- 
laufenden mechanischen Reflexvorgang zu Hülfe zu nehmen. Dieser 
letztere soll hierbei genau in dem Moment mit einer zweckmäßigen 
äußeren Bewegung einsetzen, wo auch der zugehörige Associationsverlauf 
vorüber ist. So definirt z. B. Ziehen den Willensvorgang als »eine in- 
tensive, von starken Gefühlstönen begleitete Zielvorstellung«, die in Folge 
der engen associativen Verknüpfung mit den vorangegangenen Gliedern 
der Associationsreihe den Charakter der »Ursächlichkeit« besitze, und die 
überdies vermöge der begleitenden Bewegungsempfindungen auf das 
eigene »Ich« bezogen werde. Was die Zielvorstellung vor andern aus- 
zeichne und zum Sieg fiihre, das sei aber »ausschließlich der stärkere 
Gefiihlston, die engere associative Verwandtschaft und die Gunst der 
latenten Erinnerungsbilder«. Diesem Vorgang soll schließlich ein ma- 
terieller Rindenprocess parallel laufen, dessen motorischer Endeffect, die 
Handlung, »mehr eine zufallige Zugabe« sei'. 

Der Versuch, irgend einmal einen Willensvorgang selbst zu be- 
obachten, hat wohl bei dieser Schilderung kaum eine Rolle gespielt. Lehrt 
doch schon die oberflächlichste Selbstbeobachtung, dass es nicht die 
besondere Stärke des Gefühlstones ist, die den Willensvorgang in irgend 
einem Stadium seines Verlaufs auszeichnet. Es gibt »Zielvorstellungen - 
von überaus starkem Gefühlston, die nicht im mindesten zu einer Willens- 
handlung fuhren, und es gibt Willensvorgänge, deren »Gefiihlstöne« sich 
von Anfang bis zu Ende innerhalb sehr mäßiger Grenzen bewegen. Um 
hier nachzuhelfen, muss denn auch die »Gunst der Constellation der 
latenten Erinnerungsbilder« zu Hülfe kommen. Indessen besorgt ohnehin 

' Ziehen, Leitfaden der physiologischen Psychologie 5, S. 248 f. 



300 Willensvorgänge. 

der >Rindenprocess« das Erforderliche. Denn er bringt die Handlung 
gerade im richtigen Moment als eine »zufallige Zugabe« des Associatioiis- 
verlaufs zu stände. Von der eigentlichen und jedenfalls nächsten Aufgabe 
einer Analyse der Willensvorgänge ist in dieser ganzen, aus überlieferten 
schematischen Associationsbegriffen und hypothetischen Rindenprocessen 
zusammengesetzten Darstellung nicht die Rede: von der Aufgabe nämlidi, 
vor allen Dingen zu ermitteln, was sich denn bei einem Willensvoi^fang 
wirklich im Bewusstsein ereignet. Was aber der Versuch einer solchen 
Analyse ohne weiteres lehrt, das ist die Unmöglichkeit, den speciiischen 
Unterschied des Willensvorganges von irgend welchen andern sogenannten 
Associationsreihen aus quantitativen Unterschieden der Vorsteilui^;en 
und ihrer Geflihlstöne abzuleiten. Vielmehr liegen die Eigenthümlichkeiten 
hier durchaus auf der qualitativen Seite. Sie allein macht den Willens- 
vorgang zu einem speci fischen, — specifisch nicht in den letzten Ele- 
menten, aus denen er zusammengesetzt ist, und die sich auch sonst 
mannigfach in Gefühlen und AflTecten vorfinden, aber specifisch hinsicht- 
lich der Art, wie diese Elemente theils simultan verschmelzen, theils sich 
successiv zu einem Verlaufe ordnen. 

Eine zweite Form intellectualistischer Willenstheorie ist die logische. 
Sie schließt sich nahe an die aus der Scholastik überlieferte Aufifassui^ 
der Affecte an (S. 234). Ihr specifisches Gepräge hat sie aber in der 
neueren Psychologie durch die eigenthümliche Verbindung gewonnen, die 
in ihr die populäre, reflexionsmäßige WillensaufTassung mit der Physiologie 
der Bewegungen eingegangen hat. Je nach den Voraussetzungen über 
den Ursprung dieser Bewegungen nimmt dann die Theorie etwas ver- 
schiedene Gestaltungen an. Lässt man mit ALEX. Bain * den Process mit 
einem regellosen Automatismus beginnen, so wird angenommen, allmählich 
sei unter dem Einfluss des Willens selbst eine Hemmung einzelner über* 
flüssiger und eine weitere Ausgestaltung anderer, bestimmten Zweckvor- 
stellungen angepasster Bewegungen erfolgt. Setzt man dagegen mit LOTZE 
und vielen andern diese Anschauung vertretenden Philosophen* voraus, 
der ganze bereits zweckmäßig auf äußere Reize reagirende Reflexmecha- 
nismus stehe von Anfang an dem Willen zur Verfugung, so wird dadurch 
die dem letzteren gestellte Aufgabe zu einer einfacheren. Denn die 
Schwierigkeit, wie überhaupt zweckmäßige Bewegungen entstehen können, 
ist nun ganz in die Physiologie verlegt. Gleichwohl bleibt der psycho- 
logische Grundcharakter beider Auffassungen ein übereinstimmender, daher 

* A. Bain, The emodons and the will 3, p. 303 ff. 

' LoTZE, Med. Psychologie, S. 289. Jul. Baumann, Handbuch der Moral, 1879, 
S. I ff. Philos. Monatshefte, Bd. 17, 1881, S. 558. Vgl. dazu die Abhandlung: Zar Lehre 
vom Willen, Philos. Stnd. Bd. i, 1883, S. 337 ff. 




eorie des Willens. 



denn auch zuweilen beide vereinigt worden sind'* In der That Heg-t der 
Schwerpunkt aller dieser Anschauungen darin , dass man den Willen für 

Ieine secundäre, erst aus intellectuellen Bcwusstseinsvorgängen entstehende 
punction ansieht. Die Deutung, die man diesen Vorgängen gibt, ordnet 
^e aber durchaus in die Reihe der logischen Urtheils- und Schlussprocesse, 
Bei es nun, dass ausdrücklich »Werthurtheile* als die dem Willensentschkiss 
Irorausgehenden Acte anerkannt werden, sei es dass man die logischen 
Functionen als dunkel bewusste oder als völlig unbcwusste bezeichnet. 
i^Denn auch in dem letzteren Ausdruck liegt doch nur das Eingeständniss, 
lass zwar von den logischen Processen, von denen man den Willensvor- 
abhängig macht, in der Beobachtung nichts aufgefunden werden 
Icönne, dass man aber die Aufgabe der Psychologie eben auch hier nicht 
iarin sieht, zu beschreiben was wirklich im Jiewusstsein vor sich geht, 
andern darin, die Erscheinungen so zu construiren, wie sie zu stände 
aimen könnten, wenn sie das Werk einer logisch reflectirenden Intelli- 
wären. Das ist der Grundfehler der Rcflexionspsychologie, wie er 
sich hier von andern Anwendungen, z, B. im Gebiet der Gefühle, Affecte, 
Sinneswahmehmungen und Sinnestäuschungen, principiell nicht unterschei- 
det, aber allerdings drastischer hervortritt als anderwärts, weil in diesem 
Fall die Reflexionsmomente, deren man bedarf, von besonders verwickel- 
nder Beschaffenheit sind. Wird doch neben der Auswahl der geeigneten 
^^Bewegungsorgane und der zweckmäßigen Bewegungen auch die richtige 
BW^usführung und Abstufung ihrer Leistungen der Intelligenz aufgebürdet. 
Und endUch ist bei diesem ganzen Vorgang dem W'iüen noch die weitere 
Aufgabe gestellt, sich erst selbst zu entdecken* Nachdem eine große Zahl 
j unbewusster, zufällig und gelegentlich einmal zweckmäßiger Bewegungen 
^■lusgefuhrt worden ist, soll dem Bewusstsein der Impuls, von sich aus eine 
ahnb'che Bewegung auszuführen, als eine plötzliche Erleuchtung kommen. 
Das ist trotz aller »Werthurtheile* offenbar eine Leistung, die wiederum 
nur unter der Voraussetzung eines transcendenten Willens möglich ist, 
welcher dadurch nicht wahx'schelnlicher wird, dass man ihn so lange latent 
^^ein lässt, bis zufallige Beobachtungen und daran geknüpfte Lieber legimgen 
^■hn verwirklichen helfen. Die innere Unmöglichkeit dieses Vorgangs ist 
^^in der That so augenfällig, dass die neueren Versuche einer Wiederher- 
stellung dieser scholastischen WiÜenslehre meist noch Bestandthetlc der 
folgenden dritten Form einer intellectuahstischen Theorie sich angeeignet 
haben. 

Diese oder die sensualistische W^illenstheorie unterscheidet sich von 
allen bisher besprochenen dadurch^ dass bei ihr überhaupt nicht die Frage 



So :* B. von BaumanN, a. ». O. 




302 Willensvorgänge. 

nach der Natur des Willens, sondern die nach der Entstehung der äußeren 
Körperbewegungen im Vordergrunde des Interesses steht Entsprechend 
dieser physiologischen Wendung des Problems wird dann jene Bewegungs- 
form, welche überhaupt keine weiteren Bedingungen als die der ph3^o- 
logischen Organisation des Nervensystems voraussetzt, die, wie man an- 
nimmt, stets maschinenmäßig erfolgende Reflexbewegung, als die Grund- 
form aller thierischen Bewegungen von irgend zweckmäßigem Charakter 
angesehen. Da nun die Willenshandlungcn ebenfalls zweckmäßige Be- 
wegungen sind, so ordnen sie sich physiologisch durchaus dem B^[rifr 
des Reflexes unter: sie erscheinen nur als Reflexbewegungen von beson- 
ders verwickelter Beschaffenheit, die sich zugleich durch außerordentlicli 
mannigfaltige Selbstregulirungen auszeichnen. Dass wir uns bei unseren 
eigenen Willenshandlungen eine Vorstellung der ausgeführten und in vielen 
Fällen selbst der noch auszuführenden Bewegung bilden, wird demnach 
für eine secundäre Begleiterscheinung angesehen. Zu einer >WilIenshand- 
lung« soll eben eine Reflexbewegung dann werden, wenn die letztere von 
einer Wahrnehmung der Bewegung und der an sie gebundenen Gelenk- und 
Muskelempfindung begleitet wird, und namentlich dann, wenn diese Sinnes- 
erregungen allmählich in Folge der eintretenden Association selbst der Be- 
wegung vorauseilen, so dass die Meinung entstehen kann, der äußere Erfolg 
der Handlung sei die Ursache derselben. Hier grenzt, wie man sieht, die 
sensualistische sehr nahe an die vorhin betrachtete logische Theorie. Der 
einzige Unterschied zwischen beiden bleibt im allgemeinen der, dass diese 
eine gewisse selbständige Activität des Geistes annimmt, durch welche die 
zufällig wahrgenommenen automatischen Bewegungen zu gewollten Zwecken 
verwendet werden sollen, während die sensualistische das Wollen lediglich 
auf die Vorstellung einer Bewegung reducirt. In diesem Sinne ist sie 
daher der consequcnteste Intellectualismus. Gefühls- oder AfTectmomente 
existiren für sie überhaupt nicht, oder wo sie nebenbei angenommen 
werden, da spielen sie jedenfalls keine für den Willen irgendwie in Be- 
tracht kommende Rolle. Eben wegen dieser gewissermaßen naiven Folge- 
richtigkeit ist denn auch diese Theorie von HoBBES an eine der materia- 
listischen Philosophie geläufige, wenn auch freilich meist mit Elementen 
der Reflexionspsychologie vermengte Vorstellungsweise geblieben. In 
neuester Zeit ist sie dann von den meisten Vertretern der Gehimphysio- 
logie adoptirt worden", und von hier aus ist sie dann auch gelegentlich 
in die Psychologie eingedrungen''. In der Biologie hat sie dann darin 

' Vgl. besonders Meynert. rsychiatrie, 1S84, S. 145 ff. 

^ H. MüNSTERUERG, Die Willenshandlung, 1888, S. 18 ff. Unter den philosophischen 
Systembildiingen neuester Zeit nähert sich ihr namentlich der >Empiriokriticismns«. VgL 
über diesen Philos. Stud. Bd. 13. 1S97, S. i, 323 ff. 



Theorie des Willens. 



303 



äne gewisse Stütze gefunden, dass es thatsächltch nicht selten Schwierig- 
keiten bereitet, einen rein mechanisch bedingten Reflex und eine Willens- 
Handlung zu unterscheiden, um so mehr, als sich ja nicht leugnen lasst, 
dass schon bei den reinen Reflexen möglicher Weise Selbstregulirungen 
vorkommen können, die außerhalb der Bewusstscinsvorgänge liegen. 
Werden demnach selbst die complicirten Handlungen der Thiere bis 
herauf zu den Bienen und Ameisen oder den Fischen und Amphibien als 
Reflexe gedeutet, so liegt von hier aus natürlich auch die Anwendung 
auf den Menschen nahe, und da man bei diesem irgend welche begleitende 
Bewusstseinsvorgange denn doch nicht vermeiden kann, so ergibt sich die 

k Annahme beinahe von selbst^ dass diese Vorgänge bei ihm erst etwas 
iinzntretendes, secundäres, nichts ursprüngliches seien. Damit ist man 
Henn der Cartesianischen Lehre, der Organismus sei ein Mechanismus, 
der sich nur beim Menschen nebenbei noch durch die Verbindung mit 
einer Seele auszeichne, ziemlich nahe gerückt. Nun mochte dies bei der 
das Zeitalter DlCsCARTES' beherrschenden Anschauung^ dass alle organi- 
chen Wesen bis herauf zum Menschen fertig aus der Hand des Schöpfers 
hervorgegangen seien, eine erlaubte Annahme sein. Für uns, die wir 
überzeugt sind, dass sich der Mensch, wie alle andern organischen Wesen, 
allmählich aus niederen Formen entwickelt hat, ist eine plötzliche und 
unvermittelte Entstehung von Bewusstsein und Willen nicht mehr die 
einfachste, sondern die verunckeltste Annahme. So weit sie die mensch- 
lichen Willensvorgänge erklären will, ignorirt sie die wirklich zu beobach- 
tenden Thatsachen, um eine willkürliche Construction an deren Stelle zu 
setzen; und so weit sie sich auf die Interpretation der thierischen Be- 
wegungen bezieht, lässt sie die Entstehung der Reflexe selbst als rein 
mechanischer und doch zweckmäßiger Handlungen unbegreiflich erscheinen. 
Denn hier bleibt nur die Wahl zwischen einer alle Grenzen der Wahr- 
scheinlichkeit überschreitenden Zufallshypothese und der Annahme so- 
genannter Vitalkräfte j in denen die Wirkungen, die sie her\^orbnngen 
sollen, von vornherein hypostasirt sind\ 



c. Die emotionale Willenstheorie. 

Als »emotionale Theorie« soll hier diejenige Auffassung bezeichnet 
werden, die als die wesentlichsten Bestandtheile eines Willensvorganges 
lie in ihm nachzuweisenden Gefühle betrachtet, und die ihn daher mit 
dem Affect, der gleich ihm einen zusammenhängenden Gefühlsverlauf dar- 
stellt, in nächste Verbindung bringt. Gefühl , Affect und W'illensvorgang 



Vgl. oben S. 260 ff. und die Schlusserörtemugen dieses Werkes Absclrn. VL 



304 Willens Vorgänge. 

werden demnach hier als successive Stufen zusammengehöriger Prö- 
cesse betrachtet: das Gefühl als der einem gegebenen Zeitmoment ent- 
sprechende subjective Zustand, der Affect als ein Verlauf solcher Zustände, 
und endlich der Willensvorgang als die in sich abgeschlossene letzte dieser 
Verlaufsformen. In diesem Sinne haben die beiden vorangestellten Pro- 
cesse, die Gefühle und Affecte, einerseits die Bedeutung relativ selbständig 
vorkommender psychischer Inhalte, anderseits sind sie aber doch sänunt- 
lich nur möglich, weil es Willensvorgänge g^bt, in denen jene in Gefühl 
und AfTect gegebenen Vorbereitungen zu vollständiger Entwicklung ge- 
langen. 

Hiernach unterscheidet sich die emotionale in der hier vertretenen 
Form von den vorangegangenen Theorien in erster Linie dadurch, dass 
sie eine exacte, möglichst unter der Controle experimenteller 
Verfahrungsweisen gewonnene Beschreibung des in den Willens- 
vorgang eingehenden Gefühlsverlaufs zu geben sucht, eine Vor- 
bedingung, die von den vorangegangenen Theorien theils mangelhaft, theils 
gar nicht erfüllt wird. Soll die Anschauung, die wir uns von der Ent- 
wicklung des Willens bilden, keine leere Fiction sein, so müssen wir 
vor allem von den Bewusstseinsthatsachen, also, da wir diese nur bei 
uns selber beobachten können, von den Willenshandlungen des Men- 
schen ausgehen. Ferner wird, insoweit auf diesem schwierigen Gebiet 
hypothetische Voraussetzungen unvermeidlich sind, die Annahme analoger 
Bedingungen zu analogen Erscheinungen der entgegengesetzten vor- 
zuziehen sein. Möchten also immerhin die Bewegungen der niedersten 
thierischen Wesen, der Protozoen, Coelenteraten, Würmer, wenn sie ein 
für sich isolirtes Schauspiel der Natur wären, eventuell auch als bloße 
Reflexe gedeutet werden können, im Zusammenhang mit der Gesammt- 
heit thierischer Bewegungen wird das zur Unmöglichkeit. Denn hier 
hieße es doch die Dinge mit zweierlei Maße messen, wenn man dem 
Menschen und allenfalls noch einigen ihm nahe stehenden höheren Thieren 
bei den Aeußcrungen des Schutz-, Nahrungs- und Geschlechtstriebes Ge- 
fühle und Affecte zugestehen, einem Wesen niederer Classen aber diese 
psychischen Begleiterscheinungen absprechen wollte, obgleich die Be- 
wegungen selbst in ihrem ganzen Charakter übereinstimmen. Gewiss 
mögen ja die Empfindungen und Gefühle in solchen Fällen sehr dunkel 
und vorübergehend sein, die Behauptung, dass sie überhaupt nicht existi- 
ren, wird unmöglich, wenn man dem Princip, dass sich in der Nafur kein 
plötzliches Wunder ereignet, noch irgend eine Bedeutung zugesteht. 

Somit sind für die emotionale Theorie zwei Voraussetzungen maß- 
gebend. Die erste lautet: alle psychophysischen Functionen bilden eine 
continuirliche Entwicklungsreihe; es gibt daher auf psychischem Gebiet 



Theorie des Willens. 



305 



zwar enonne Unterschiede des Grades, aber es gibt keine Katastrophen, 
wie sie von der cartesianischen Seelentheorie und von den stillschweigend 
zu ihr zurückkehrenden logischen und sensualistischen Willenstheorien an- 
genonrnnien werden. Zweitens : wenn in der Entwicklung einer bestimmten 
Classe psychophysischer Functionen bei gewissen organischen Wesen eine 
wesentliche Uebereinstimmung auf der physiologischen Seite der Erschei- 
nungen hervortritt, so ist, abgesehen von jenen Gradunterschieden, auch 
eine Uebereinstimmung auf der psychischen Seite derselben anzunehmen. 

Von diesen beiden Voraussetzungen aus bieten nun die Willenser- 
scheinungen in doppeltem Sinne Glieder aufsteigender Entwicklungen. 
Erstens sind die mit äußeren Handlungen verbundenen Vorgänge die 
primären gegenüber denen, die anscheinend nur in psychischen Wirkungen 
endigen, also in Bewusstseinsvorgängen , die nicht von äußeren zweck- 
mäßigen Körperbewegungen begleitet sind. Finden sich doch überhaupt 
wahrscheinlich nur bei den psychisch höher stehenden Thieren Vorstufen 
solcher, erst beim Menschen eine wichtige Rolle spielender »innerer 
Willenshandlungen«. Zweitens bilden alle Willensvorgänge eine vorzugs- 
weise in den äußeren Bewegungen zu Tage tretende Entwicklungsreihe 
nach der Zahl und den Verbindungen der in sie eingehenden »Motive«. 
Danach scheiden sich die oben erwähnten Stufen der Trieb-, der Will- 
kür- und der Wahlhandlungen. Dieser Reihe steht aber endlich noch 
eine regressive Entwicklung gegenüber: die Verwandlung von Wahl- 
imd Willkür- in Triebhandlungen und dieser in völlig bewusstlos ver- 
laufende Reflexe. Die im nächsten Abschnitt zu beschreibenden »Re- 
actionsversuche« bieten Gelegenheit, alle diese Entwicklungen experimentell, 
unter willkürlicher Variirung der Umstände, in der Selbstbeobachtung zu 
verfolgen. Mit der Complication der Bedingungen verändert sich dabei 
der Willensvorgang zunächst progressiv; mit der häufigeren Wiederholung 
der Handlung wird diese aber allmählich mehr und mehr mechanisch und 
kann schließlich in einen wirklichen Reflex übergehen. (Vgl. unten 
Cap. XVin, 2.) Auf solche Weise bietet diese regressive Entwicklung 
eine wichtige Beobachtungsgrundlage, um den zweckmäßigen Charakter 
automatischer Bewegungen überhaupt und die bei solchen vorkommenden 
Selbstr^^rungen begreiflich zu machen. Die Reflexe werden verständ- 
lich, sobald wir sie als automatisirte Willenshandlungen auffassen, während 
der so vielfach versuchte entgegengesetzte Weg, umgekehrt die Willens- 
handlungen aus Reflexen abzuleiten, die Zweckmäßigkeit der organischen 
Bewegungen, abgesehen von den wenigen einfachen Fällen, in denen 
allenfalls eine doppelte Deutung möglich ist, völlig unerklärt lässt. 

Nun besitzt schon bei denjenigen Willensvorgängen, die unter dem 
oben geltend gemachten genetischen Gesichtspunkt den Anfang dieser 

WüNDT, Grundzüge. III. 5. Aufl. 20 



ßo6 Willensvorgänge. 

Entwicklung bilden, bei den äußeren Triebhandlungen, selbstverständlich 
nur der in das Bewusstsein fallende Theil des Vorgangs die fiir den 
Willensact als solchen kennzeichnenden Merkmale; und nur hieraus ist es 
zugleich verständlich, dass sich überhaupt Willensvorgänge entwickein 
können, bei denen die äußere Bewegung ganz hinwegfallt. Das was allen 
Formen und Stufen gemeinsam ist, bleibt so jener eigenthümliche Gefiihls- 
vcrlauf, der sich in seiner für den Willen charakteristischen Form vor 
allem innerhalb der Spannungs- und Erregungsgefiihle abspielt, und den 
wir in seinen hauptsächlichsten Stadien als das Thätigkeitsgefühl, das 
Entscheidungsgefühl und das Erfüllungsgefühl bezeichnet haben. 
Demnach werden wir vom psychologischen Standpunkte aus das Vor- 
handensein dieser drei Gefühle in dieser ihrer charakteristischen Auf- 
einanderfolge als das wesentliche Kriterium eines Willensvorganges über- 
haupt betrachten müssen. Als die einfachste Form des letzteren und als 
die Grundlage zu allen andern wird aber diejenige gelten dürfen, bei 
der jene Gefühlstrias unter den einfachsten psychischen Bedingungen im 
Bewusstsein auftritt. Bei der Aufsuchung dieser im psychologischen 
Sinne elementarsten W^illensvorgänge lässt uns jedoch selbstverständlich 
die Beobachtung der physiologischen Erscheinungen im Stich. Denn 
hier handelt es sich darum, lediglich auf Grund der unmittelbaren Be- 
obachtung der eigenen Bewusstseinsphänomene die Frage zu beant- 
worten: wann und wie tritt die den W^illensvorgang als solchen kenn- 
zeichnende Verbindung von Gefühlen in der emfachsten Form in uns 
auf? Die Antwort auf diese Frage kann auf Grund der Selbstbeobachtung, 
wie sie sich in experimentell leicht zu variirender Weise wiederum be- 
sonders bei den Reactions versuchen vornehmen lässt, nicht zweifelhaft 
sein. In jedem Zustand der Aufmerksamkeit nehmen wir deutlich das 
nämliche Thätigkeitsgefühl wahr, das auch in den Verlauf eines Willens- 
vorganges eingeht. Lässt man jedoch diesen Zustand sich allmählich 
entwickeln, so beobachtet man außerdem eine Verbindui^ dieses Thät^* 
keitsgefühls mit andern Gefühlscomponenten , in denen sich die für die 
anerkannten Willensvorgängc charakteristische Gefiihlstrias »Thätigkeit, Ent- 
scheidung, Erfüllung« auf das vollkommenste wiederspiegelt. Man ver- 
setze das Bewusstsein in den Zustand der Erwartung, indem man irgend 
einen Eindruck als bevorstehend ankündigt: das Gefühl der Thätigkdt 
stellt sich ein, meist begleitet von äußeren Spannungsempfindungen in 
den dem erwarteten Eindruck zugehörigen Sinnesgebieten. In dem Augen- 
blicke aber, wo der Eindruck erfolgt, springt dieses Gefühl plötzlich in 
zwei rasch einander folgende Gefühlsphasen um, von denen die erste un- 
mittelbar mit der Auffassung des lundrucks verbunden ist, die zweite 
derselben nachfolgt und dann etwas langsamer abklingt. Diese Gefühle 



Theorie des Willens. 



307 



pflegen sich, wenn der erwartete Kindruck ein fest bestimmter ist, nur 
als wenig differenzirte Nuancen von dem vorausgegangenen Thätigkeits- 
gefiihl abzulösen. Bleibt jedoch der Eindruck vorher ungewiss, oder ist 
er anders beschaffen, als envartet wurde, so heben sich diese Stadien 
deutlicher ab, und man bemerkt nun in ihnen unzweideutig jene Gefühle 
der Entscheidung und Erfüllung, wie sie dem Willens Vorgang allgemein 
eigen sind. Auf diese Weise ergibt sich als die elementare Form eines 
Wiilensvorgangs die Appcrception eines psychischen Inhaltes. Die 
verschiedenen Umstände, unter denen die Apperception stattfinden kann, 
modificiren zwar mannigfach die sonstigen begleitenden Gefiihle und 
Aflecte sowie die Zeitverhältnisse der Wille nscomponenten , sie ändern 
aber niemals in irgend wesentlicher Weise diese Componenten selbst* So 
ist namentlich die herkömmliche Unterscheidung zwischen *unwillkürl icher <= 
und »willkürlicher« Thätigkeit der Aufmerksamkeit eine durchaus irre- 
führende. Sie hat höchstens darin eine gewisse Bedeutung, dass sie zeigt, 
ie sich selbst der vulgären Reflex ionspsychologie in einzelnen besonders 
ausgeprägten Fällen der Zusammenhang der Apperception mit dem 
Villen nicht ganz entziehen konnte. Sie irrt aber darin, dass sie Auf- 
merksamkeit und Wille überhaupt als verschiedene Thätigkeiten einander 
fegenüberstellt. Eine Aufmerksamkeit ohne Willensthätigkeit gibt es 
jicht; und vom Gebiet des >Willküriichen* lassen sich die einfachsten 
Ipperceptionsvorgängc nur dann ausschließen, wenn man im Sinne der 
'oben gemachten Unterscheidung in der »Willkür bereits einen cooiplexen 
WiUensbegriff sieht. Dann scheiden sich eben auch die Apperceptions- 
acte 9 gleich allen Willensvorgängen, in Triebhandlungen und Willkür- 
handlungcn. 

Mit dieser Auffassung der Apperception als eines einfachen Willens- 
vorganges werden nun zugleich alle jene intellectuallstischen Willens» 
theorien hinrällig, die eine secundärc, mannigfache Empfindungen, Vor- 
stellungen oder Reflexionen voraussetzende Entstehung der Wilfenshand- 
lungen annehmen. Wille und Bewusstsein gehören zusammen von Anfang 
in^ und die äußere Handlung erscheint als ein Willensvorgang, der von 
äer inneren Handlung der Apperception nur in seinen Folgen, nicht in 
'seiner unmittelbaren psychologischen Beschaffenheit abweicht. Denn als 
Phänomen des Bewusstseins betrachtet besteht jene lediglich in der Ap- 
perception einer Bcwegungsvorstellung. 

Man könnte hiergegen einwenden, diese Apperception decke sich 
nur mit einem Theil der wirklichen Willenshandlung. Damit die letztere 
ZM Stande komme und nicht bloß ein Phantasiebild der Bewegung bleibe, 
müsse zu ihr noch die wirkliche Bewegung hinzutreten, in der nun 
erst das wahre Wesen des Willens bestehe. Doch dieser Einwand 



2o8 Willensvorg&ngc. 

vergisst, dass nicht alle psychophysischen Lebensäußerungen, die im ent- 
wickelten Bewusstsein gesondert werden können, auch ursprünglich von 
einander trennbar sind. Sicherlich vermögen wir uns eine Handlin^ 
unseres Körpers vorzustellen, ohne sie wirklich auszuführen. Aber dem 
aufmerksamen Beobachter wird ein mit der Deutlichkeit der Apperception 
wachsender Drang ziu* Bewegung selbst in diesem Fall nicht entgehen; 
manchmal ist sogar eine gewisse Willensanstrengung erforderlich, um jenen 
Drang niederzukämpfen. Diese Wahrnehmung zeigt, dass wir hier einem 
verwickelten Phänomen gegenüberstehen, das schon eine Wechselwir- 
kung verschiedener Willensimpulse mit hemmenden Erfolgen voraussetzt 
Je ursprünglicher der Zustand des Bewusstseins ist, um so untremibarer 
sind aber Apperception der Bewegungsvorstellung und Ausführung der 
Bewegung an einander gebunden. Noch das Kind und der Naturmensch, 
ebenso wie sie die wahrgenommene Handlung leicht zur Nachahmui^ 
fortreißt, vermögen es nicht, die lebhafte Vorstellung einer eigenen Be- 
wegung zu vollziehen, ohne dass diese auch wirklich eintritt. Wir haben 
also allen Gnuid anzunehmen, dass Apperception und Handlung nicht ur- 
sprünglich geschiedene Vorgänge sind, sondern dass ihre Sonderung auf 
einer Entwicklung des Bewusstseins beruht, welche Wettstreitsphänomene 
zwischen den Willensimpulsen und damit Willenshemmungen möglich 
macht. 

Sehen wir so in dem ursprünglichen Zustand des Bewusstseins die 
äußere Willenshandlung innig gebunden an die Apperception ihrer Vor- 
stellung, so dass, sofern keine hemmenden Einflüsse wirksam werden, 
fortan beide nicht als ein successives, sondern als ein simultanes Ge- 
schehen ablaufen, so werden wir demnach zu der Annahme gedrängt} 
dass die äußere Willenshandlung ihrem ursprünglichen Wesen 
nach nichts anderes ist als eine besondere Form der Appercep- 
tion, indem sie einen untrennbaren Bestandtheil jener Apper- 
ceptionen bildet, die sich auf den eigenen Körper des han- 
delnden Wesens beziehen. 

Hierin liegt keineswegs die Meinung, dass ein thierisches Wesen eine 
angeborene Kenntniss seines Leibes und seiner Bewegungen besitze. Viel- 
mehr ist das schon bei den angeborenen Trieben festgestellte Verhältniss 
auch auf diesen Fall anzuwenden, der eigentlich selbst die primitive Er- 
scheinungsform aller angeborenen Triebhandlungen ist. Angeboren ist 
nur die in der Organisation begründete Eigenschaft, auf gewisse äußere 
Eindrücke Bewegungen von bestimmter Form auszuführen; die Vorstel- 
lungen solcher Bewegungen entstehen aber erst in Folge ihres wirklichen 
Vollzuges. Demnach haben wir uns die ursprüngliche Entstehung einer 
Willenshandlung so zu denken, dass ein äußerer Eindruck und mit ihm 



Theorie des Willens, 






i 

! 



gleichzeitig^ die von ihm ausgelöste Bewegung appercipirt wurde. Wir 
bezeichnen eine solche Bewegung j obgleich sie nach ihrer physischen 
Seite durchaus den mechanischen Bedingungen des Reflexes entspricht, 
doch schon als eine einfache Triebbewegung, weil der Eindruck im 
ewusstsein von einer mehr oder weniger gefühlsstarken Empfindung be- 
leitet wird. Ihr entspricht dann auch die ausgeführte Bewegung, die 
entweder in einer Bewegung nach dem einwirkenden Reize hin oder in 
einem Zurückziehen von demselben besteht. Indem nun eine solche Be- 
w^egung bei ihrer Ausführung appercipirt wird, entwickelt sich jene com- 
binirte Wahrnehmung innerer und äußerer Thätigkeit, die der Apper- 
ccption eigener Bewegungen in charakteristischer Weise anhaftet. 
Zugleich ist aber diese Apperception der Bewegung in einer doppelten 
Form möglich: als reproductivc erweckt sie die bloOe Vorstellung 
iner eigenen Bewegung, als impulsive erweckt sie vollkommeo gleich- 
zeitig mit dieser Vorstellung die wirkliche Bewegung. Beide Formen 
verhalten sich ebenso zu einander wie das Erinnerungsbild zum unmittel- 
baren Sinneseindruck. Die reproductive Apperception enthält die sämmt- 
iichea Elemente der impulsiven, aber sie enthält unter ihnen namentlich 
die Bewegungsempfindungen in weit geringerer Intensität. Hieraus er- 
klärt es sich, dass wir zwar im allgemeinen die bloß vorgestellte von der 
irklich ausgeführten eigenen Bewegung leicht unterscheiden , dass aber 
doch, namentlich bei schwachen Bewegungen, gelegentlich Täuschungen 
vorkommen, indem wir entweder eine bloß vorgestellte für eine wirkliche 
Bewegung halten oder umgekehrt eine wirkliche nicht erkennen. 
1 Ueberall nun, wo der Wiüensentschluss das Ergebniss eines Streites 
zwischen verschiedenen Motiven ist, geht eine reproductive der impulsiven 
Apperception voraus, und beide sind auch subjectiv deutlich als succes- 
sive psychische Acte wahrzunehmen. Je geringer jene Hemmungen sind, 
um so kürzer wird die zwischen beiden Apperceptionen verfließende Zeit, 
bis endlich, wTnn die Handlung völlig ungehemmt einem bestimmten 
äußeren Reize nachfolgt, die zwei Acte in einen zusammengießen, der 
nun ausschließlich den Charakter einer impulsiven Apperception an sich 
trägt Ebenso ist aber die letztere von vornherein überall da die Grund- 
lage äußerer Willensbewegungen, w^o es überhaupt zu jener Entwicklung 
nnerer Hemmungen, die stets zugleich eine größere Ver^vicklung der Vor- 
Igänge voraussetzen, noch nicht gekommen ist So sind die Willenshand- 
lungen niederer Thiere sowie die einfachsten, ohne vorangegangenen 
Kampf der Motive entstehenden menschlichen WlUensacte psychologisch 
betrachtet impulsive Apperceptionen. Hiernach hat die isoHrte Entstehung 
der letzteren zwei Ausgangspunkte. Einerseits sind sie die primären 
Anfange aller Willensentwicklung. W^ie überall Erinnerungsbilder erst 



^ I O Willens Vorgänge. 

möglich sind auf Grund vorangegangener unmittelbarer Sinnesvorstellungti^ 
so können auch reproductive Bewegungsapperceptionen erst dadurch ent- 
stehen, dass es primäre, d. h. unmittelbar impulsive Apperceptionen un- 
serer eigenen Bewegungen gibt, die, nachdem sie ein- oder mehrmals ein- 
getreten sind, nun erst dem Bewusstsein als reproductive Gebilde zur 
Verfugung stehen. Anderseits aber können die so entstehenden Verbin- 
dungen reproductiver und impulsiver Apperceptionen durch die auch hier 
wirksam werdende Verkürzung und Zusammenziehung psychischer Acte 
selbst wieder in bloß impulsive Apperceptionen übergehen. Gehören die 
einfachsten, in der physischen Organisation unmittelbar vorgebildeten 
Willenshandlungen der ersten Art an, so umfasst die zweite alle ursprüng- 
lich verwickeiteren Willensbewegungen, die sich vermöge jenes Verdich- 
tungsprocesses in relativ einfachere Willensacte umgewandelt haben. 

Von den oben erwähnten Hypothesen über die Entstehung des 
Willens betrachten nun sowohl die transcendente wie die intellectualistische, 
die wir beide auch heterogenetische Theorien nennen können, diejeni- 
gen Handlungen, die aus der vollständigen Succession eines zusammen- 
gehörigen reproductiveii und impulsiven Apperceptionsactes hervorgehen, 
als die typischen und ursprünglichen; alle bloß impulsiven Erregungen 
sind nach ihnen durch die allmählich eingetretene Verschmelzung jener 
beiden Acte entstanden. Indem sie dann außerdem in dem psychischen 
Vorgang der Reproduction keinerlei Willenselemente anerkennen, erklären 
sie eben den letzteren heterogenetisch, d. h. aus Elementen, die ihm selbst 
disparat sind. Die emotionale Theorie dagegen betrachtet die impulsive 
Apperception als die primäre; die Reproduction der Bewegungsvorstellung 
ist nach ihr überall erst auf Grund vorangegangener impulsiver Apper- 
ceptionen möglich, und zwar entsteht sie dann, wenn durch den inneren 
Widerstreit verschiedener Impulse die actuelle Beweg^g gehemmt wird. 
Die auf diese Weise latent gewordenen Willensantriebe äußern sich aber 
als Gefühle, Affectc und Triebe. Demnach ist diese Theorie eine auto- 
genetische: der Wille ist nach ihr eine ursprüngliche Energie des Be- 
wusstseins, die psychischen Elemente, aus denen ihn die vorige Hypothese 
erst entstehen lässt, sind selbst theils Begleit-, theils Folgeerscheinungen 
desselben. 

Abgesehen von den oben erwähnten Erfahrungen ist es die noth- 
wendige Abhängigkeit reproducirter von primären Vorstellungen, auf die 
sich die autogenetische Willenstheorie stützt: die impulsive Bewegungs- 
apperception hat aber in diesem Fall die Bedeutung eines primären Er- 
lebnisses. Für ihre Ursprünglichkeit tritt die Thatsache bestätigend ein, 
dass fortan für das naive Bewusstsein die Vorstellung eigener Bewegungen 
ohne wirkliche Ausführung derselben schwierig, wenn nicht unmöglich ist, 



Theorie des Willens. 



311 



und dass wir uns, wo sie gelingt, im allgemeinen deutlich hemmender 
Einflüsse bewusst sind. Diesen Erfahrungen steht nur eine Schwierig- 
keit gegenüber, die in der That wohl ein Hauptmotiv für die Ausbildung 
heterogenetischer Theorien gewesen ist. Sic besteht darin, dass es auf 
den ersten Blick unbegreiflich erscheint, wie der Wille die Herrschaft über 
die eigenen Bewegungsorgane gewinnen kann, wenn nicht durch JErfahrung 
und Einübung. Auch findet ja ein solcher Vorgang bis zu einem ge- 
wissen Grade wirklich statt, wie das Automatischwerden zusammengesetzter 
Bewegungen und die vorhin erwähnte Verdichtung und Verkürzung der 
Apperceptionsacte beweisen. Aber jene Schwierigkeit schwindet, sobald 
man die falschen Voraussetzungen beseitigt, welche die gewöhnliche 
Willenstheorie hinsichtlich der Vorstellungselemente der Willenshandlungen 
macht. Selbst bei jenen zusammengesetzten Willkürhandlungen, aus denen 
diese Theorie ausschließlich den Begriff des Willens abstrahirt hat, pflegt 
sich die vorangehende Vorstellung auf den Effect der auszuführenden 
Bewegung zu beschränken, womit dann unmittelbar die an die wirkliche 
Beweg^g geknüpften Bewegungsempfindungen associirt werden; ein Bild 
der Bewegung selbst ist aber höchstens in schattenhaften Umrissen im 
Bewusstsein. Nur dann drängt sich dieses deutlicher in den Vorder- 
grund, wenn etwa eine vorausgehende Erwägung über verschiedene zum 
selben Effect dienliche Bewegungen in Frage kommt, oder wenn die 
Bewegung ungewohnt und schwierig ist, so dass sie eine vorherige Ein- 
übung ihrer einzelnen Acte erfordert. Gerade dies aber sind Bedingungen, 
die bei den primitiven Willenshandlungen fehlen. Denn bei ihnen ist 
stets nur ein einziger Reiz im Bewusstsein, und bei der Ausführung der 
Bewegung kommen allein diejenigen mechanischen Hülfsmittel ins Spiel, 
die in der Organisation des Nervensystems vorgebildet sind. 

Hiemach werden wir für die primitiven äußeren Willensacte allerdings 
die nämliche automatische Zuordnung bestimmter motorischer Innervatio- 
nen zu bestimmten Sinnesreizen anzunehmen haben, die auch bei den 
Reflexbewegungen wirksam ist. Aber jene einfachen Willens- oder Trieb- 
bewegungen unterscheiden sich von den eigentlichen Reflexen wesentlich 
durch zwei Merkmale, durch die sie eben zu psycho-physischen Vor- 
gängen gestempelt werden: erstens geht der Willensbewegung ein Affect 
oder zum mindesten eine durch einen äußeren Reiz erregte Sinnesvorstel- 
lung mit daran gebundenem Gefühl voraus; und zweitens ist die Aus- 
führung der Bewegung von den Empfindungen und Gefühlen begleitet, 
welche die impulsive Apperception zusammensetzen. Dem Reflex gehört 
also hier nur die auf der Verbindung der centralen Leitungsbahnen be- 
ruhende automatische Zuordnung an; psychologisch ist aber der ganze 
Vorgang ein Willensact, der freilich unmittelbar und mit mechanischer 



7 12 Willensvorgänge. 

Sicherheit über seine äußeren Hülfsmittel verfugt. Die so in der psycbo- 
physischen Organisation der Thiere voi^ebildeten einfachen Willensacte 
lassen dann erst in Folge der Entwicklung des Bewusstseins zusammen- 
gesetztere Willenshandlungen aus ach entstehen, und diese können ihrer- 
seits wieder vermöge der erwähnten Verdichtungs- und Einübungsprocesse 
in einfache triebartige Willensacte von verwickelter Form übeigeheit 
Durch jede solche Einübung bilden sich nun neue centrale Verbindungen 
aus, die, sobald sie sich zureichend befestigt haben, nicht auf das Indivi- 
duum beschränkt bleiben werden, sondern, indem sie sich forterben, nun- 
mehr künftigen Generationen als psychophysische Anlagen zu eigenthüm- 
lichen Triebhandlungen zur Verfügung stehen. Auf diese Weise erklärt 
sich el>ensowohl die ungeheure Vielgestaltigkeit thierischer Triebformen, 
wie der innige Zusammenhang derselben mit der gesammten inneren und 
äußeren Organisation. 

Man wendet vielleicht ein, der Handlung, deren Entstehung hier ge- 
schildert wurde, fehle zum Willen das wesentliche Erforderniss, dass sie 
frei sei von mechanischem Zwang. Solchem Einwände gegenüber ist aber- 
mals auf den Unterschied des Willens von der Willkür und der Wahl 
hinzuweisen. Es wird nicht behauptet, dass jenen entwickelten Willens- 
handlungen, die wir speciell als willkürliche bezeichnen, der reflectorisdie 
Charakter einfacher Triebäußerungen zukomme; wohl aber, dass, wer nicht 
den Willen als einen räthselhaften Deus ex machina ansieht, auf eine Ent- 
wicklung der complicirteren Willenshandlungen aus einfacheren geführt 
werden muss. Dann aber erscheinen nicht die Reflexe, sondern die 
Triebbewegungen als die ursprünglichen Formen zwecktfaätiger Be- 
wegungen. Aus ihnen entwickeln sich einerseits durch die Vervielfältigung 
der Motive die WUlkürhandlungen, anderseits durch die Mechaniänii^ 
dieser und der Triebbewegungen die Reflexe, nach dem Schema: 

Triebbewegungen 



^>:> 



Reflexe WiUktLrbewegangen 

Dieser Entstehung der zusammengesetzten äußeren und inneren Willens- 
handlungen aus den Triebbewegungen hat nun die früher verfolgte Ent- 
wicklung der Triebe den Weg vorgezeichnet. Nachdem wiederholt die 
Triebbewegung impulsiv auf die Einwirkung eines äußeren Reizes gefolgt 
ist, assocürt sich die Vorstellung ihres äußeren Erfolges mit der die Be- 
wegung einleitenden Empfindung zu einer untrennbaren Complication ; und 
indem sie in dieser Verbindung bald dominirende Bedeutung gewinnt, er- 
scheint sie dem Bewusstsein als die treibende Ursache der Handlung. 



Theorie des Willem* 



313 



Noch kann aber dabei die letztere eindeutig bestimmt sein. Die Vor* 
Stellung der Willkür und endlich der Wahl zwischen verschiedenen Motiven 
I entsteht erst in Folge jener zunehmenden Vielheit der Willensantriebe, 
I die in dem reiferen Bewusstsein gQgtn einander wirken, und die entweder, 
ji wenn sie im Gleichgewicht stehen, jede äuBere Action aufheben, oder, 
] wenn ein Impuls eine überwiegende Stärke gewinnt, schließlich in seinem 
I Sinne den Willen lenken. Hier verbindet sich dann mit der äußeren 
I Handlung das von dunkeln Vorstellungen begleitete Gefühl von Willens- 
I motiven, die neben den entscheidenden Impulsen im Bewusstsein anwesend 
I sind. Dieses Gefühl ist das Freiheitsgefühl oder, wie es gewöhnlich 
t genannt wird das Freiheitsbewusstsein. 

M 

^H d. Psychische Causalität des Willens. 

^r Wir empfinden in ims die Impulse des Willens bald leiser bald leb- 
hafter. Deutlicher fassen wir das die Apperception begleitende Thätigkeits- 
I gefühl namentlich dann auf, wenn wir unsere spontanen Denkacte von 
( den Anregungen unterscheiden, welche die Einwirkung der äußern Sinnes- 
eindrücke und die innere Association der Vorstellungen dem Verlauf der 
Vorstellungen und Rewegungcn darbieten. Vor allem aber werden wir 
uns der Willensthätigkeit klar bewusst, wenn wir uns zugleich die Möglich- 
keit einer Wahl vorstellen. Diese psj^chologische Beziehung hat jene 
Verwechselung der beiden Begriffe verschuldet, auf der durchaus die ge- 
wöhnliche Auffassung des Willens beruht Nach ihr ist jeder W^illensact 
ein Wahlact, und dieser Wahlact soll darin bestehen^ dass wir in jedem 
Ai^enblick unter den verschiedenen Handlungen, die sich als möglich 
darbieten, jede beliebige ausführen können. So erscheint hier der Wille 
zugleich als Ursache und als Wirkung, als das Ich, das bestimmend ist 
und bestimmt wird. Dies führt zu jenem Begriff der Willensfreiheit, wie 
ihn die Philosophie weiter ausgebildet hat, und nach dem jeder Willens- 

Iact als der absolute Anfang eines Geschehens betrachtet wird, 
[ Das psychologische Motiv, das dieser Auffassung zu Grunde liegt, ist 
Üemnach lediglich die Thatsache der Wahl Wo diese Thatsache in un- 
serem Bewusstsein vorkommt, da denken wir uns entweder die Möglich- 
keit, wir hätten statt der wirklich appercipirten Vorstellung oder Handlung 
eine andere bevorzugen können, oder wir sind uns sogar eines gewissen 
Schwankens bewusst, das der wirklichen Handlung vorausging. Diese 
Selbstbeobachtungen beweisen aber nicht im mindesten, dass der WÜle 
»sich selbst besdmme«. Auch das Schwanken vor dem Eintritt der 
Willensentscheidung zeigt nur, dass diese in vielen Fällen unter der gleich- 
zeitigen Wirkung mehrerer psychologischer Ursachen steht, die nach ver- 
schiedenen Richtungen gehen. Wenn solche Ursachen nicht da wären. 



2 11 Willensvorgänge. 

SO würde natürlich ein Schwanken nicht stattfinden können. Aber wenn 
der Wille schließlich einem Motiv nachgibt, so zeigt dies eben, dass 
dies Motiv diejenige nächste Ursache war, welche die stärkste Wirkung 
ausgeübt hat. 

Nun leugnet der Indeterminismus nicht, dass der Wille Motiven 
folge, und er gesteht so in gewissem Umfange psychologische Bedingun- 
gen desselben zu. Aber das Motiv unterscheide sich, so behauptet er, 
von der eigentlichen Ursache, die den Naturmechanismus beherrsche, da- 
durch, dass es den Willen nicht determinire. Die Motive sollen den 
Willen mehr oder weniger anziehen, sie sollen ihm die Wahl erschweren 
oder erleichtern; doch was einem Motiv zum Sieg verhelfe, das sei 
schließlich nur der Wille selbst, und so bethätige sich die Freiheit des- 
selben in der Wahl zwischen den Motiven. Demnach wird hier dem 
Begriff der psychologischen Ursache ganz allgemein der des Motivs sub- 
stituirt. Unter Motiven versteht man aber die in einem gegebenen Fall 
in unserm Bewusstsein deutlich wahrnehmbaren Bestimmungsgründe einer 
Handlung. Wenn z. B. ein Mensch schwankt, ob er eine zwar gewinn- 
bringende, aber nicht ehrenvolle Handlung begehen soll, so werden 
einerseits die in Aussicht stehenden Vortheile, anderseits die möglichen 
nachtheiligen Folgen als äußere Motive wirken, zwischen denen die Ent- 
scheidung schwankt, und es ist vollkommen richtig, dass alle diese Mo- 
tive zusammengenommen die Handlung nicht bestimmen. Doch ist dabei 
nicht in Rechnung gezogen das ganze Gewicht der durch Erziehung, 
Lebensschicksale und angeborene Eigenschaften ausgeprägten Persönlich- 
keit des Wollenden, die wir als seinen Charakter bezeichnen. Was 
eine menschliche Willenshandlung vor den unmittelbar gegebenen Mo- 
tiven determinirt, ist nun eben dieser Charakter. Je unveränderlicher er 
ist, und je vollständiger wir ihn kennen, um so sicherer machen wir uns 
anheischig, vorauszusagen, wie ein Mensch, wenn bestimmte Motive des 
Handelns an ihn herantreten, unter ihnen w-ählen werde. Der Charakter 
birgt aber eine Summe psychologischer Ursachen in sich, über die z\i'ar 
weder wir noch der Handelnde selbst Rechenschaft geben könneji, deren 
Totalwirkung wir jedoch abschätzen, wenn wir die muthmaßliche Handlungs- 
weise eines Menschen aus seinem Charakter voraussagen. Der Indetermi- 
nismus, der die Causalität des Willens leugnet, begeht also den Fehler, 
die für den objectiven Beobachter vorhandene Möglichkeit, dass von 
verschiedenen Handlungen irgend eine geschehe, mit der Wirklichkeit 
des WoUens selbst zu verwechseln. 

Für die psychologische Unterscheidung der willkürlichen von den 
unwillkürlichen Handlungen liegt nach allem dem der entscheidende Punkt 
nicht darin, dass die letzteren aus einem ursächlichen Zusammenhange 



Theorie des Willens. ^ i r 

folgen, dessen die ersteren entbehrten. Wohl aber ist die Art der Cau- 
salität hier und dort eine verschiedene; und nicht zum wenigsten ist es 
das Uebersehen dieser fundamentalen Unterschiede, das den Streit um 
die Causalität des Willens verschuldet hat. Ueberall nämlich führt diese 
Causalität wieder auf die zwei nahe mit einander zusammenhängenden 
Bedingimgen zurück, dass erstens die directen Ursachen des Willens 
psychische sind, und dass zweitens diese Ursachen einen integrirendeu 
Bestandtheil der allgemeinen geistigen Causalität bilden, für die das 
Princip der quantitativen Aequivalenz von Ursache und Wirkung, das die 
Naturcausalität beherrscht, keinen Sinn hat. Denn nirgends lässt sich 
hier der Effect einer Reihe von Ursachen auf eine bloße Transformation 
quantitativ unverändert bleibender Energiegrößen zurückführen, sondern 
die Wirkung erscheint als ein neues Erzeugniss, das zwar bestimmte 
Ursachen fordert, niemals aber zu diesen in ein Verhältniss quantitativer 
Aequivalenz gebracht werden kann. So besitzt schon die räumliche 
Wahrnehmung im Vergleich mit den sie bedingenden Localzeichen und 
Bewegungsempfindungen den Charakter eines schöpferischen Erzeugnisses, 
und auf den höheren Stufen des geistigen Lebens wiederholt sich dieser 
Grundzug geistiger Causalität in immer ausgeprägteren Formen. (Vgl. 
unten Cap. XXII, 2.) 

Zwei Einwände werden gegen diese Betrachtungsweise gemacht. Ein- 
wände, bei denen man freilich von den Thatsachen selbst abstrahirt, um 
sich auf das Feld allgemeiner metaphysischer Voraussetzungen zurückzu- 
ziehen. Der eine beruft sich auf den Inhalt des Causalgesetzes, das an- 
geblich eben jene Gleichheit von Ursache und Wirkung, die wir für das 
geistige Geschehen leugnen, in sich schließen soll. Der andere betont 
die allgemeine Beziehung des Psychischen zum Physischen, welche for- 
dere, dass auch die causalen Gesetze in beiden Gebieten einander ent- 
sprechen müssten. Aber der erste dieser Einwände ist hinfällig, weil er 
in den Causalbegriff eine Bestimmung hineinlegt, die ihm an und für 
sich fremd ist. Causalität ist nicht Identität. Sie ist es nicht einmal auf 
dem Gebiet des Naturgeschehens. Das für das letztere bewährte Princip der 
quantitativen Aequivalenz hat sein Correlat in den Principien der Constanz 
der Materie und der Constanz der Energie, Principien, die nur so weit 
der Causalerklärung zu Grunde gelegt werden dürfen, als die Hülfshypc- 
these der Materie überhaupt ihre Dienste leistet, und als die Reduction 
der verglichenen Energiegrößen auf Maßeinheiten der mechanischen Be- 
wegungsenergie ausführbar ist. Anders steht es qüt der allgemeinen Be- 
ziehung der psychischen zu den physischen Vorgängen. Die Darstellung 
der vorangegangenen Capitel hat gezeigt, dass solche Beziehungen überall 
theils direct nachweisbar sind, theils wenigstens mit großer Wahrschein- 



9 1 5 Willensvorgänge. 

lichkeit vorausgesetzt werden können. Auch die Willensthätigkdt hat 
schon in ihren inneren Formen physische Grundlagen, und die äußeren 
Willenshandlungen vollends gewinnen ihre wesentliche Bedeutung gerade 
dadurch, dass sie gleichzeitig psychische und physische Ereignisse sind. 
Der psychologische Grund dieser Wechselbeziehungen liegt aber darin, 
dass unser ganzes geistiges Leben eine sinnliche Basis hat: wir können 
nicht denken außer in sinnlichen Vorstellungen, nicht wollen ohne be- 
stimmte Nervenwirkungen. Alle diese physischen Begleiterscheinmigen 
der geistigen Vorgänge sind darum auch zweifellos dem Princip der 
materiellen Aequivalenz unterthan. So ist unser Denken an die durch 
die Entwicklung der Sinneswerkzeuge gebotenen Vorstellungen, unser 
Wollen an den in unserm Nervensystem bereit liegenden Vorrath von 
Innervationsenergie gebunden. Weiter als auf diese äußere Seite des 
geistigen Lebens erstreckt sich aber das Princip der Aequivalenz nirgends. 
Alle jene Beziehungen der psychischen Elemente, auf denen ihr Werth 
für unser geistiges Leben beruht, sind dagegen der psychischen Cau- 
salität unterworfen; und die physischen und psychischen Elemente, die 
auf jeder Seite einen in sich geschlossenen Causalzusammenhang bilden, 
sind nicht nur verschiedener, sondern unvergleichbarer Art. Die 
physischen Größen sind physische Energien und muthmaßlich in letzter 
Instanz mechanische Bewegungsenergien; die psychischen Größen sind 
geistige Werth e, die wir nach bestimmten qualitativen Merkmalen 
ihrem Grade nach abstufen'. 

Die Psychologie des Willens ist in viel höherem Grade noch als die der 
AfTecte von frühe an durch Gesichtspunkte, die gänzlich außerhalb der psycho- 
logischen Beobachtung liegen, ungünstig beeinflusst worden. Abgesehen von 
der ethischen Werthbeurtheilimg hat hier vor allem auch die Stellung zum 
metaphysischen Freiheitsproblem eine rein psychologische Betrachtung kaum 
aufkommen lassen. Dazu traten die großen Schwierigkeiten, denen die Selbst- 
beobachtung der Willens Vorgänge begegnet. Zu dem ihnen mit den Affecten 
gemeinsamen Umstand, dass wir während ihres Ablaufs aus naheliegendea 
Gründen zur Selbstbeobachtung wenig disponirt sind, kommt noch die weitere 
Thatsache, dass sich gerade die entscheidenden Momente der Willensacte auf 
sehr kurze Momente zusammendrängen. Hier vornehmlich ist es daher dringend 
gefordert, dass man der gewöhnlichen Selbstbeobachtung durch die experi- 
mentelle Auslösung der Willensvorgänge zu Hülfe komme. Es ist, wie schon 
oben bemerkt, hauptsächlich das Gebiet der im nächsten Abschnitt eingehen- 
der zu erörternden Reactionsversuche, die in dieser Beziehung von ent- 
scheidendem Werthe sind, und deren Ergebnisse daher oben schon voriäufig 
herbeigezogen werden mussten. Der Umstand, dass die Reactionsversuche in 
dieser ihrer centralen Bedeutung und namentlich als experimentelle Hülfsmittel 

' Vgl. hierzu die Schlussbetrachtungen des VI. Abschnitts. 



Theorie des Willens. ^i*^ 

der Selbstbeobachtung gegenwärtig noch wenig anerkannt sind, macht es er- 
klärlich, dass noch heute selten darauf Bedacht genommen wird, auch nur 
den Thatbestand festzustellen, der bei irgend einem Willensvorgang im Be- 
wusstsein gegeben ist Statt dessen sucht man diesen Thatbestand hypothetisch 
zu construiren, wenn man es nicht vorzieht, seine Existenz überhaupt ab- 
zuleugnen. 

Die älteste jener Constructionen , die in der populären Auffassung des 
Willens und fragmentarisch in gewissen philosophischen Theorien heute noch 
forüebt, ist die Ableitung des WoUens aus einer Verstandeshandlimg: der 
»Syllogismus practicus< der Scholastik. Von Aristoteles * an zieht sich diese 
Auffassung bis in die Anfange des neueren philosophischen Rationalismus, 
wobei dann noch meist der Wille als das von der höheren Vernunftthätigkeit 
geleitete Vermögen dem Trieb oder Begehren als dem niedereren, bloß von 
sinnlichen Motiven abhängigen gegenübergestellt wird. An inneren Wider- 
sprüchen pflegt es freilich hier nicht zu fehlen, wie der neben diesem streng 
rationalen Willensbegriff zuweilen sich vordrängende emotionale bei Spinoza 
deutlich zeigt '. Aber indem jener folgerichtig einem strengen Determinismus 
in die Arme führt, eröffnen sich zugleich zwei Wege, die in verschiedener 
Richtung aus dem Bannkreis dieser Auffassung hinausführen. Auf der einen 
Seite sieht man das Urbild jeder strengen Gesetzmäßigkeit in der mechani- 
schen Gesetzmäßigkeit der Natur. Ihr auch den Willen unterzuordnen er- 
scheint um so verführerischer, als ja die Willenshandlung selbst einen Bestand- 
theil der mit mechanischen Mitteln ins Werk gesetzten und mechanische 
Effecte hervorbringenden natürlichen Bewegungen bildet. So entwickelt sich 
die materialistische und mechanistische Willensauffassung, mit der theil- 
weise schon Hobbes hervorgetreten war, und die sich dann von den einseitig 
naturalistischen Umdeutungen des Spinozistischen Systems an bis in die neueren 
associativen und sensualistischen Theorien hinein fortsetzt. Auf der andern 
Seite stellt man diesem doppelten Determinismus, dem logischen und dem 
mechanischen, eine Willensauffassung gegenüber, die für die indeterministische 
Freiheitsidee Raum lässt. Dazu bietet der Begriff des > Willensvermögens«, 
wie ihn die Vermögenspsychologie ausgebildet hat, eine willkommene Hand- 
habe. Jedes andere »Vermögen« ist durch bestimmte psychische Inhalte, das 
Erkenntnissvermögen durch Vorstellungen und Begriffe, das Gefühlsvermögen 
durch Gefühle imd Affecte vertreten. Der reine Wille aber, so nimmt man 
an, kommt nur in seinen Wirkungen, den Willenshandlungen, ins Bewusstsein. 
So wird der Wille zu einem transcendenten Vermögen, er gehört, wie 
Kant es ausdrückt, dem >intelligibeln« Charakter des Menschen an* und steht 
außerhalb der Naturcausalität. Abgesehen von der Metaphysik, in der dieser 
mystische Willensbegriff bei Schopenhauer und von Hartmann nachwirkt, 
hat die Annahme der >unbewussten« Natur des Willens auch bei solchen 
psychologischen Schriftstellern Beifall gefunden, die damit das Unvermögen 
der populären Psychologie, dem Willen besondere, leicht aufzuzeigende Be- 
wusstseinsinhalte zuzuordnen, zu erklären suchten^. In anderer Weise suchten 

* Aristoteles, De anima, II, ii. Eth. Nicom. III, 3. 

« Vgl. R. Richter, Der WillensbegrifT bei Spinoza, Philos. Stud. Bd. 14, 1898, 

s. 266 fr. 

3 Vgl. z. B. C. GÖRING , Ueber die menschliche Freiheit und Zurechnungsfähigkeit, 
1876, S. 91 ff. 



^ 1 8 Willensvorgänge. 

das nämliche die neueren sensualistischen Theorien zu leisten, die hier, wie 
anderwärts, in sehr ausgiebiger Weise von den »Muskelempfindungen« Ge- 
brauch machten. Danach sollten diese zunächst als subjective Complemente 
der Reflexbewegungen entstehen und hierauf erst in Folge ihrer Anticipation 
im Bewusstsein die Vorstellung des WoUens erzeugen*. Bei diesem Punkte 
traf aber die sensualis tische zugleich sehr nahe mit jener Form der logisch- 
scholastischen Theorie zusammen, die sich in der neueren Reflexionspsycho- 
logie aus einer eigenthümlichen Verbindung des transcendenten Willensbegriffs 
mit der Lehre vom »Syllogismus practicus« und mit der physiologischen 
Theorie der Reflexe hervorgebildet hat. Nach ihr soll sich jener transcendente 
Wille der zweckmäßigen Reflexe bemächtigen, um sie nun frei nach seinen 
Motiven zu verwerthen*. Hiermit sind alle die oben geschilderten Modifica- 
tionen und Combinationen intellectualistischer Theorien gegeben, die die Psycho- 
logie und Physiologie der jüngsten Vergangenheit und zum Theil noch der 
Gegenwart beherrschen, und die sämmtlich darin übereinstimmen, dass in 
ihren Constructionen die psychologische Beobachtung so gut wie gar keine 
Rolle spielt. Noch am ehesten hat hier die Associationstheorie, namentlich 
in der von Leibniz^ schon angedeuteten und dann von Herbart* näher ent- 
wickelten Fonn einer »Mechanik der Vorstellungen«, wenigstens gewissen unter 
den empirischen Elementen der Willensvorgänge Rechnung getragen und im 
ganzen den transcendenten Willensbegriff ferne gehalten. Doch hat es auch 
bei ihr die einseitig intellectualistische Richtung und das constructive Ver- 
fahren zu einer irgendwie ausreichenden Beschreibung der Willensvoigänge 
nicht kommen lassen. 

Mit der größeren Beachtung, die in der neueren Psychologie die Ge- 
fühlsprocesse gefunden haben, sind endlich mehr und mehr Ansätze zu einer 
emotionalen Willenstheorie her\'orgetreten. So hat sich Th. Lipps, beson- 
ders in seinen neueren Arbeiten, einer Auffassung zugewandt, die im einzel- 
nen zwar vielfach von der hier gegebenen Darstellung abweicht und, wie ich 
j^laube, den in der experimentellen Beobachtung hervortretenden Beziehungen 
der Willensgefühle zu den allgemeinen Gefühlsrichtungen nicht hinreichend 
Rechnung trägt, in der allgemeinen Tendenz aber mit den obigen Ausführungen 
übereinstimmt^. 

Mehr als billig hat in dem Widerstreit der psychologischen Willens- 
theorien schließlich der aus ethischen und zum Theil auch religiösen Motiven 
entsprungene Kampf zwischen Determinismus und Indeterminismus seine Schat- 
ten geworfen^. In diesem Streit ist meistens von beiden Seiten empirischen 
Beweisgründen ein allzu hoher Werth beigelegt worden. Der Indeterminismus 
pocht auf die unmittelbare innere Erfahrung des Freiheitsbewusstseins. 



^ Vgl. z.B. MCnsterherg, Die Willenshandlung. 1888, S. 7, $6 flf. Dazu Philo». 
Stud. Bd. 6, 1891, S. 382 ff. 

' Vgl. oben S. 300 f. und Philos. Stud. Bd. i, 1883, S. 354 ff. 

3 Leibniz, Princ. de la nature, Opera ed. Erdmann, p. 714. Nouv. ess. , ebend. 
p. 251. 

* Herhart, Psychologie als Wissenschaft, Thl. 2, Werke Bd. 6, S. 76 ff. 

5 Grundthalsachen des Seelenlebens, 1883, S. 594 ff. Vom Fühlen, Wollen und 
Denken. (Schriften der Ges. für psycho!. Forschung, Heft 13 u. 14.) 1902, S. 115 ff. 

6 Zur Geschichte dieses Streitei; vgl. J. H. ScH(>lten, Der freie Wille, deutsche Aus- 
gabe von Manchot, 1874, S. 2 ff., 12 ff. 



Theorie des Willens. 7 ig 

hierin ein Beweis für die metaphysische Freiheit des Willens nicht liegen kann, 
hat schon Herbart einleuchtend dargethan'. In Wahrheit besteht ja übrigens 
auch jenes Freiheitsbewusstsein nur in der von einem lebhaften Gefühlston 
begleiteten dunkeln Vorstellung, dass für den Willen statt des gegebenen ein 
anderer Impuls hätte entscheidend werden können, ein Moment, das man mit 
ebenso vielem Rechte für den Determinismus benutzen könnte. Anderseits 
hat man von Seiten des letzteren die statistischen Thatsachen manchmal 
geradezu in einem fatalistischen Sinne verwerthet'. Was diese Thatsachen 
in Wirklichkeit beweisen, ist, wie Drobisch^ mit Recht bemerkte, lediglich 
eine psychologische Determination des Willens. Aber man muss weiterhin 
zugeben, wie dies von Quetelet selbst späterhin geschehen ist, dass ein 
zwingender Beweis für die ausschließliche Determination nicht einmal in 
den statistischen Daten vorliegt. Widerlegt wird durch sie nur jener vulgäre 
Indeterminismus, dem Freiheit und Causalitätslosigkeit identische Begriffe sind. 
Es würde aber immer noch die Annahme möglich bleiben, dass neben einer ge- 
wissen Anzahl regelmäßig wirkender Ursachen, die uns psychologisch in Gestalt 
der Motive gegeben sind, ein causalitätsloser Wille als begleitender Factor wirke. 
Man könnte sich vorstellen, die Impulse dieses Willens verschwänden, ähnlich 
wie in einer großen Zahl von Beobachtungen die Beobachtungsfehler sich aus- 
gleichen, so auch in den statistischen Zahlen, da sie in den einzelnen Fällen 
nach entgegengesetzten Richtungen wirken. Es bliebe dabei freilich der logi- 
sche Widerspruch, dass man den Willen gewissermaßen in zwei fundamental 
verschiedene Willensformen trennte, von denen die eine determinirt sei, die 
andere nicht. Immerhin ist zuzugeben, dass ein völlig bindender Erfahrungs- 
beweis auch für die Determination des Willens nicht existirt, sondern dass 
dieselbe schließlich ein metaphysisches Postulat ist, durch das sich die Anti- 
nomie des sittlichen Gefühls, das für die Freiheit, und des religiösen, das für 
die Gebundenheit des Willens eintritt, entscheidet. Das sittliche Gefühl wird 
nämlich auf das Gebiet der psychischen Causalität des Charakters verwie- 
sen; für das religiöse Gefühl bleibt dagegen die metaphysische Abhängigkeit 
des Willens gewahrt*. 



* Herbart, Zur Lehre von der Freiheit des menschlichen Willens, Werke, Bd. 9. 
S. 243 ff. 

' QuETBLETi Snr la statistiqne morale etc., p. 6. M^m. de TAcad. roy. de Belgique, 
t 21, 1848. Buckle, Geschichte der Civilisation in England, deutsch von A. Rüge, 1860, 
S. 25. Eüie historische Uebersicht des ganzen hauptsächlich durch Quetelet angeregten 
Streites gibt A. von Oethngen, Die Moralstatistik, 1868, S. 118 ff. 

3 Die moraUsche Statistik und die menschliche Willensfreiheit, S. 103 ff. 

* Vgl. hierzu die Ausführungen in meiner Ethik ", S. 462 ff. 



Fünfter Abschnitt. 

Von dem Verlauf und den Verbindungen 
der seelischen Vorgänge. 



Achtzelmtes Capitel. 
Bewusstsein und Yorstellungsverlauf. 

I. Das Bewusstsein. 

a. Bedingungen und Grenzen des Bewusstseins. 

Da das Bewusstsein selbst die Bedingung aller Erfahrung ist, so 
kann aus dieser nicht unmittelbar das Wesen des Bewusstseins erkannt 
werden. Alle Versuche, dasselbe irgendwie zu definiren, fuhren daher 
entweder zu tautologischen Umschreibungen oder zu Bestimmungen der 
im Bewusstsein wahrgenommenen Thätigkeiten, die eben deshalb nicht 
das Bewusstsein sind, sondern dasselbe voraussetzen. Thatsächlich be- 
steht das Bewusstsein darin, dass wir überhaupt irgend welche psychische 
Zustände und Vorgänge in uns vorfinden. Dasselbe ist also kein von 
diesen Vorgängen zu trennender Zustand. Unbewusste Vorgänge aber 
können wir uns nie anders als mit den Eigenschaften denken, die sie im 
Bewusstsein besitzen. Ist es daher unmöglich Kennzeichen anzugeben, 
durch die sich das Bewusstsein von etwaigen unbewusstcn Zuständen 
unterscheide, so kann auch eine Dcfinitition desselben, die ja doch in 
der Angabe unterscheidender Merkmale bestehen müsste, unmöglich ge- 
geben werden. Das einzige vielmehr was möglich bleibt ist dies, dass 
wir uns über die Bedingungen Rechenschaft geben, unter denen Be- 
wusstsein vorkommt. Dabei dürfen wir freilich in diesen Bedingungen 
nicht etwa die erzeugenden Ursachen des Bewusstseins sehen, sondern 
begleitende Umstände, unter denen es uns in der Erfahrung entgegen- 
tritt. Solcher Bedingimgen lassen sich nun zwei Reihen unterscheiden, 



IT] 
HC 



^on denen die einen der innern, die andern der äußern Erfahrung an- 
hören» 

Unter den psychischen Vorgängen, die wir, so weit unsere Er* 
fahrung reicht, an das Bewusstsein gebunden sehen, nimmt einerseits 
die Bildung von Vorstellungen aus Sinneseindrücken, anderseits das 
Gehen und Kommen der Vorstellungen eine hervorragende Stellung ein. 
Jede Vorstellung bietet sich uns als die Verbindung einer Mehrheit von 
Empfindungen* Jeden Klang stellen wir uns vor als dauernd in der 
Zeit, wir verbinden die momentane Empfindung mit den ihr voraus- 
gegangenen; jeder Farbe geben wir einen Ort im Räume, wir ordnen sie 
in eine Anzahl coexistirender Lichtempfindungen. Die reine Empfin- 
dung ist demnach eine Abstraction, die in unserm Bewoisstsein nie 
vorkommt; und ebenso verhält sich das einfache GeflihL Nichtsdesto- 
weniger werden wir durch eine überwältigende Zahl psychologischer 
hatsachen, die in den beiden vorigen Abschnitten erörtert wurden, ge- 

iöthigt anzunehmen, dass überall die Vorstellungen durch eine psycho- 
logische Synthese aus den Empfindungen, und dass die wirklichen, zu- 
sammengesetzten Gefühle und Affecte aus Geftihlselementen entstehen. 
Diese Verbindung von Elementen dürfen wir deshalb als ein 
charakteristisches Merkmal des Bewussteins selbst ansehen. Nicht minder 
gibt sich uns das Kommen und Gehen der Vorstellungen und Gefühle 
unmittelbar als eine Verbindung zu erkennen, die auf innern oder äußern 
Beziehungen beruht, und wobei die Wirkung, durch die ein früherer 
psychischer Inhalt wieder erneuert wird, jedesmal von einem schon vor- 
handenen ausgeht. Die Reproduction der Vorstellungen und Geftihle und 
ihre Association ist demnach ebenfalls eine allgemeine Begleiterscheinung 
des Bewusstseins , da nur unter der Voraussetzung einer Verbindung der 
zeitlich aufeinander folgenden psychischen Inhalte überhaupt Bewusstsein 
für uns empirisch nachweisbar ist. So ergibt sich auf psychischer Seite 
ein Zusammenhang unmittelbarer Erlebnisse als diejenige Be- 
düigung, unter der Bewusstsein allein vorkommt. 

Die Verschmelzungen und Associationen psychischer Erfahrungs- 
inhalte sehen wir nun aber weiterhin zugleich an bestimmte Verhältnisse 
der physischen Organisation gebunden. Wo durch diese die Mög- 
lichkeit einer Verbindung von Sinneseindrücken mit Bewegungsreactionen 
gegeben ist, die wir nach dem Verhältniss zu ihren Wirkungen mit 
Wahrscheinlichkeit auf Empfindungen und Gefühle zurückführen können ^ 
da werden wir auch die Möglichkeit eines gewissen Grades von Bewusst- 
sein nicht bestreiten können. In der That zeigt uns die Beobachtung der 
niederen Tliienvelt überall LebensäuOerungen, die wir in diesem Sinne 
auf Bewusstsein beziehen müssen. Sieht man also ein Merkmal des 

WüNOT, Gmndiüge. IlL 5. Autl 21 




^22 Bflwiisstsein und Vorstellungsvcrljiur 

letztern darin, dass ein Wesen auf Eindrücke anscheinend in ähnlicher 
Weise reagirt wie der Mensch ^ falls in diesem solche Eindrücke zu 
Empfindungen, Gefühlen und ihnen entsprechenden Willensäußerungen 
führen, so wird das Gebiet des Bewusstseins so weit auszudehnen sein, 
als ein Nervensystem als Mittelpunkt von Sinnes- und Bewegungsapparaten 
oder aber eine Protoplasmasubstanz zu finden ist, deren Bewegungen nach 
Analogie der menschUchen W'illenshandlungen zu deuten sind. Hierbei 
lehrt zugleich der Zusammenhang, in dem die auf ein Bewusstsein be- 
zogenen Lebensäußerungen mit einander stehen, dass an eine einheit- 
liche Organisation stets auch ein einheitliches Bewusstsein gebunden 
ist Eine Thiercolonie, auch wenn, wie z. B. beim Polypenstock ^ die 
Einzcithiere in fester Verbindung stehen, ist allem Anscheine nach eine 
Mehrheit von Bewusstseinseinheiten. Einem Einzel Organismus aber 
entspricht immer auch ein Einzel bewusstsein* Obgleich sich zumeist 
schon bei den Wirbellosen und in höherem Grade noch bei den Wirbel- 
thiercn das centrale Nerv^ensystem in eine größere Zahl einander neben- 
und übergeordneter Centren gliedert, so ist gleichwohl das Bewusst- 
sein ein einheitliches. Nichts spricht daher dafür, dass bei einem höheren 
Wirbel thier oder beim Menschen, neben einem etwa an das Vorder- 
hirn gebundenen Centralbewusstsein , noch mehrere Bewusstseinsstufen 
niedereren Grades in subordinirten Organen, wIq in den Hirnhügeln^ dem 
Rückenmark, den Ganglien des Synipathtcus, möglicherweise existir* 
ten. Hier ist vielmehr zu envägen, dass alle Theile eines individuellen 
Nervensystems in einem durchgehenden Zusammenhange mit einander 
stehen. Die phy.siologische Grundlage der Einheit des Bewusstseins scheint 
demnach, wie die der Einheit der psychophysischen Organisation über- 
haupt, der Zusammenhang des ganzen Nervensystems zu sein. Dammist 
es nun aber auch unzulässig, ein bestimmtes Organ des Bewusstseins in 
dem gew^öhnlich angenommenen Sinne %airauszusetzen. Zwar zeigt die 
Untersuchung des Nervensystems der höheren Thiere, dass es hier ein 
Gebiet gibt, das in näherer Beziehung zum Bewusstsein steht als die 
übrigen Theile, nämlich die Großhirnrinde, da in ihr, wie es scheint, nicht 
nur die verschiedenen sensorischcn und motorischen Provinzen der Köq>er- 
peripherie, sondern auch jene Verbindungen niedrigerer Ordnung, die in ■ 
den Hirnganglien, dem Kleinhirn u. s- \v. stattfinden, durch besondere 
Fasern vertreten sind. Die Großhirnrinde scheint also vorzugsweise ge- 
eignet, die Vorgänge im Körper theils unmittelbar theils mittelbar einem 
allgemeinen Zusammenhang unterzuordnen. Nur in diesem beschränkteren 
Sinne ist beim Menschen und bei den höheren Wirbelthieren die Großhirn- 
rinde »Organ des Bewusstseins*. Hierbei darf man aber niemals vergessen, 
dass die Function dieses Organs diejenige gewisser ihm imtergeordneter 




Das BewTisstsein. 



323 



Centraltheile, wie z. B, der Vier- und Sehhügel^ die bei der Verbindung 
der Empfindungen eine uncrlässliche Aufgabe erfüllen, voraussetzt. Auch 
macht es die größere Selbständigkeit, die solchen Centren schon bei den 
niederen Wirbelthieren und noch mehr bei den Wirbellosen zukommt, 
nicht unwahrscheinlich, dass auf diesen Stufen auch jenes Substrat des 
Bewusstseins in der engeren Bedeutung des Wortes eine weitere Aus- 
dehnung besitzt". 

Anders steht es mit der*Frage, ob nicht niedrigere Centraltheüe, 
wenn die höheren von ihnen getrennt werden, nun für sich einen ge- 
wissen Grad von Bewusstsein bewahren können. Diese Frage fällt mit der 
vorhin erörterten keineswegs zusammen. Das Rückenmark z. B. konnte, so 
lange es in Verbindung mit dem Gehirn ist, als ein bloß untergeordnetes 
Hülfsorgan des Bewusstseins functioniren, da der ganze Zusammenhang 
der Empfindungen, der das Bewusstsein ausmacht, erst im Gehirn sein 
organisches Substrat findet; und doch könnte, wenn das Gehirn getrennt 
ist, in dem Rückenmark ein niederes Bewusstsein sich ausbilden, das 
jenem beschränkteren Zusammenhang von Vorgängen entspräche, der 
durch dieses Centralorgan vermittelt wird. In der That sprechen hierfür 
durchaus die Erscheinungen, die wir früher [Bd. r, S. 259 ff. und oben 
S. 270 f,) als Folgen der Abtrennung der höheren Centralorgane kennen 
lernten. Es ist aber dabei zweierlei zu beachten. Erstens ist ein solches 
Bewusstsein streng genommen ein erst sich ausbildendes, das daher 
auch eine allmähliche Vervollkommnung erfahren kann, wie dies die Be- 
obachtung der enthaupteten Frösche, der Vögel, Kaninchen und Hunde 
mit über den Himganglien abgetragenen Hirnlappen bestätigt. Zweitens 
wird ein Centralorgan, das vermöge der ganzen Organisation eines Wesens 
von Anfang an auf selbständigere Function gestellt ist, natürlich in ganz 
anderer Weise Träger eines Bewusstseins werden können, als ein in viel- 
facher Beziehung und Abhängigkeit stehendes, w'enn auch sonst morpho- 
logisch verwandtes. Man wird also z. B. das Rückenmark des Frosches 
mit dem des Menschen nicht ohne weiteres in Parallele bringen dürfen. 
Nicht minder verkehrt wäre es, wenn man nach der absoluten CompH- 
cation des Baues die Fähigkeit eines Organs, in sich ein Bewusstsein zu 
ent^vickcln, beurtheilen wollte. Diese Complication ist ja gerade bei den 
niedrigeren Centralgebilden zum großen Theil durch ihre vielfachen Ver- 
bindungen mit höheren Nervencentren veranlasst. So wird es begreiflich, 
dass mit der Ver\^ollkommnung der Organisation die Fähigkeit dieser 
Centraltheiie, ein selbständiges Bewusstsein in sich auszubilden, offenbar 
immer mehr abnimmt, und dass ein solches Bewusstsein, das durch die 



^ VgL hienu B<3. i^ S. 26 ff. 




^24 Bewnsstsein und Vorstellnngsverlanf. 

Zerstückelung des Nervensystems gewissermaßen erst entstanden ist, 
wenigstens bei den Wirbelthieren nicht einmal entfernt die Stufie des 
niedersten Bewusstseins erreicht, das bei imversehrter Organisation über- 
haupt vorkommt. Anders ist dies bei denjen^en Wirbellosen, bei denen 
die einzelnen Theile des centralen Nervensystems in ihrer Structur und 
Function einander gleichwerthiger sind, und wo mm die künstliche Thei- 
lung zuweilen einer natürlichen Fortpflanzung durch TheQung äquivalent 
zu werden scheint. 

Sowohl die psychischen wie die physischen Bedingui^ren des Be- 
wusstseins weisen uns demnach darauf hin, dass das Gebiet des bewussten 
Lebens mannigfache Grade umfassen kann. In der That finden wir 
schon in uns selbst je nach äußern und innem Bedingrungen wechsdnde 
Grade der Bewusstheit, und auf ähnliche bleibende Unterschiede lässt die 
Beobachtung anderer Wesen schließen. In allen diesen Fällen gilt aber 
die Fähigkeit der Verbindung psychischer Inhalte als Maßstab des 
Grades der Bewusstheit. Sobald wir Eindrücke nur mangelhaft in den 
Zusammenhang imserer Vorstellungen einreihen oder uns ihrer spater 
wegen dieses mangelhaften Zusammenhangs nur unvollkommen erinnern 
können, schreiben wir uns während der betreffenden Zeit einen geringeren 
Grad des Bewusstseins zu. Bei den niedersten Thieren, bei denen sicht- 
lich nur die unmittelbar vorangegangenen Eindrücke bewahrt werden, 
nehmen wir ebenso ein unvollkommeneres Bewusstsein an. Von diesem 
Gesichtspunkte aus kann daher auch allein die Streitfrage über die 
Existenz oder Nichtexistenz von Bewusstsein bei solchen Thieren be- 
lutheilt werden, deren Centralorgane verstümmelt sind. Nicht die un- 
mittelbare Beschaffenheit der Beweg^ngsreactionen auf äußere Reize ent- 
scheidet hier, wie in der Regel vorausgesetzt wird, über den Grad des 
zurückgebliebenen Bewusstseins, sondern die Art der Nachwirkung der 
Reizung. Denn nur diese verräth uns, in welchem Grade jene fiir das 
Bewusstsein charakteristische Verbindung der Empfindungen und Gefühle 
erhalten geblieben ist. Da wir nun aber nicht das Recht haben, solchen 
Verbindungen innerer Zustände, die sich etwa nur über wenige simultane 
oder successive Inhalte erstrecken, den Namen des Bewusstseins zu ver- 
sagen, so entstehen für die Bestimmung der unteren Grenze des letzteren 
fast unüberwindliche Schwierigkeiten. Der geläufige Sprachgebrauch macht 
es sich meistens leicht mit dieser Grenze. Wo das Verhalten eines Men- 
schen nur einigermaßen unter die Linie des gewöhnlichen bewussten 
Handelns fällt, da ist man geneigt anzunehmen, dass er ohne Bewusst- 
sein gehandelt habe. Bald wird so das Bewusstsein mit dem Selbst- 
bewusstsein, bald mit der Aufmerksamkeit verwechselt, und in vielen 
Fällen würde es geeigneter sein, von einem Mangel der Besonnenheit 



Das Bewusstsein. 



325 



Statt von einem solchen des Bewusstseins zu sprechen. Da jedoch der 
Begriff der »Besonnen hei tc im Sprachgebrauch die engere Bedeutung 
eines nicht nur klar bewussten, sondern auch unter der Herrschaft be- 
stimmter ethischer Motive zu stände kommenden Thuns angenommen hat^ 
so würde man für alle jene Wülenshandlungen, die die Praxis fälschlich 
als »unbe^Mlsste• zu bezeichnen pflegt, vielleicht den Ausdruck >unbe- 
sinnte* gebrauchen können. Denn bei ihnen ^ z. B. bei > fahrlässigem« 
Thun, braucht nicht das Bewusstsein überhaupt ein dunkles zu sein, son- 
ll dern es fehlt nur an dem »Besinnen« auf gewisse Motive, die bei einer 
^^'illkürlichen Handlung normaler Weise mitwirken. Psychologisch haben 
^Baher solche »unbesinnte Handlungen« in der Regel den Charakter von 
■ Triebhandlungen. Sieht man nun aber, wie es folgerichtig geschehen 
muss, in jeder Verbindung innerer Zustände irgend einen Grad von Be- 
HTisstsein, so ist anderseits eine sichere Bestimmung der Grenze^ %vo Be- 
VMj&stsein anfängt, überhaupt nicht auszuführen. Denn dürfen wir auch 
in bestimmten Fällen auf die Existenz eines solchen schließen^ so ist 
doch eine sichere Entscheidung über die Nichtexistenz desselben nie- 
mals möglich; daher wir uns hier stets mit dem für alle empirischen 
Zwecke freilich ausreichenden Nachweis begnügen müssen, dass die Merk- 
male fehlen, die uns nöthigen Bewusstsein vorauszusetzen. Da aber hier 
das entscheidende Merkmal in der Verbindung psychischer Inhalte be- 
steht, so werden wir schließlich als untere Grenze diejenige anzusetzen 
haben, wo die Reactionen eines Wesens auf äußere Einwirkungen weder 
auf simultane noch auf successive psychische Verbindungen hinweisen. 

^B Seit Leibniz den BegritT des Bewusstsems in der uns heute geläufigen 

^^vorm in die neuere Psychologie einführte^ sind verschiedene Versuche ge- 

^Taacht worden, um eine psychologische [>efinition dieses Begriffs zu gewinnen. 

LoBNiz selbst dehnt den Begriff des Bewusstseins noch über den gesammten, 

nach seiner metaphysischen Lehre unendlichen Inhalt der Seele aus, unter- 

^scheidet aber von dem dunkeln das klare ßewaisstsein, das bei den Thieren 

^^banz fehle, und sich beim Menschen iramt;r nur auf eine relativ kleine An- 

^^abl von VorsteUungen erstrecke; dieses klare Bewusstsein ist ihm identisch 

mit dem Selbstbewnisstsein^. In der neueren Psychologie hat man bald das 

Bewusstsein als einen inneren Sion bezeichnet und in ihm eine aufmerkende 

Thätigkeit gesehen^, bald hat man es auf die Function der Unterscheidung 

zurückgeführt '*. Man verwechselt aber hier gewisse im Bewusstsein vorkom- 



* Ueber die filtere Entwicklung des Bewusstseinsbcgrifls von Aristotfxes an vgl. 
H. bi£i{ECiw, Geschichte der Psychologie, Bd. 1, 1S84, S, 351 ff* 

' Op. phllos« ed. £iU)MANK, p. 715. 

^ Vgl. Fortlage, System der Psychologie, Bd. i, S. 57. J. IL Fichte, P5,7chologie, 
Bd. I, S. 83. 

^ L. GeoüGE, Lebrb. der Psychologie, S. 229. H. Ulrici, Leib und Seele, S. 274. 
Bergmann, Grandlinien einet Theorie des Bewus-tseins, S. 129 f. Auch die Anschauungen 



ia6 



Bewusstsein und Vorstellungsv erlauf. 



meade Thätigkeiten mit dem Bewusstsein selber, und man Übersieht, dass es 
an der unerlässlichen logischen Bedingung für eine Definition des Bewussi- 
seins mangelt, an der Möglichkeit nämlich j dasselbe mit nicht bewussicn 
psychischen Vorgängen oder Zuständen zu vergleichen. Die einzige Begriffs- 
bestimmuiig, die jenem Einwurfe nicht ausgesetzt ist, diejenige He:rbarts. 
das Bewusstsein sei »die Summe aller wirklichen oder gleichzeitig gegen- 
wärtigen Vorstellungen«', ist darum auch keine Definition, sondern ein Hin- 
weis darauf, dass das Bewusstsein mit der Gesammtheit der inneren Erlebnisie 
identisch und demnach lediglich ein zusammenfassender Begriff für diese Er- 
lebnisse selbst ist. Freilich aber leidet Hekbarts Definition an dem GruDd- 
fehler seiner Psychologie, nur den Vorstellungen reale Existenz in der Seele 
zuzugestehen. 

Begreifiicherweise hat nun der Umstand, dass wir unbewusste Zustände 
der Vorstellungen anzunehmen genöthigt und doch über die Natur dieser 
Zustände nichts auszusagen im stände sind, zu metaphysischen Hypothesen 
reichliche Veranlassung geboten. Lkibniz nahm vermöge des von ihm überall 
verwertheten Princips der Stetigkeit an, alles scheinbare Verschwinden der 
Vorstellungen beruhe auf einem Herabsinken auf einen sehr kleinen oder 
selbst unendlich kleinen Grad der Bewusstheit, und ebenso sollen die inneren 
Zustände der Wesen nur gradweise sich unterscheiden^. Von dieser Anschau- 
tmg, dass die Vorstellungen unendlich verschieden in ihren Graden, an sich 
aber mivergän glich seien, entfernte sich schon Chr. Wolff, indem er, dem 
Eindruck der psychologischen Erfahrung nachgebend, nicht bloD verschiedene 
Grade der Bewusstheit, sondern auch Zustände ohne Bewusstsein unterschied, 
wobei er übrigens bemerkte, dass man auf die letzteren nur aus demjenigen 
schließen dürfe, was wir in unserm Bewusstsein finden^. Diesen Rath hat 
die moderne Philoso[)hie nicht immer befolgt, daher das Unbewusste nicht 
selten in einen metaphysischen Gegensatz zum Bewusstsein gerieth und in 
Folge dessen einen mystischt^n Charakter annahm, indem ihm die Aufgabe 
zugewiesen wurde, alle die wirklichen oder vermeintlichen Dinge zn erklären, 
über die das Bewusstsein keine zureichende Rechenschaft gebe. So vomehm- 
licli in Schopenhauers Willen s me taph ys ik , in Ed, von Hartmanns »Philo- 
sophie des Unbewussten«, und in einer eigenartigen Form, vom Begriff der 
►Bewusstseinsschwelle« ausgehend, in dem metaphysischen Theil der Psycho- 
physik Fechners*. Vom empirisch-psychologischen Standpunkte aus glaubte 



I 



von G. H SciLNEHHiR [Die Unterscheidang* S. 37) können hierher gerechnet werden. Dock 
gibt derselbe dem Begriff der Unterscheidung eine überwiegend physiologische Bedeutung, 
indem er sie als denjenigen Vorgang auffasst» der allgemeiTi durch Znstandsdifierenxcn der 
JCervcn entstehe (ebend. S. 7), 

* Herbakts Werke, Bd. 5, S. 208. 
' Op, philos, p. 706. 

3 Chr. Wolff, Vemünfdge Gedanlcen von Gott, der Welt and der Seele des Mor- 
schen^, § 193. 

* Schopenhauer, Die Welt als Wille nnd Voistellung, Bd. t^ 2. Buch. Ed. vo!t 
Hartmann, Philosophie des Unbewtissten^, 1873? ^tier ilie psychologischen Fragen be- 
sonders S. 177 ff. Fechser, Elemente der Psychophysik, Bd. 2, S. 437 ff- Vgl, daia 
WuNDT, G. Th. Fechner, 1901, S, 26» 83 ff. Mit den mystischen Anschauungen Fechner^ 
über eiD »Ober*« uml »L'nterbewusstsein« berührt sich aach die Annahme eines Doppel- 
bewusstseins, ^e sie in neuerer Zeit namentlich aus Anloss der hypnotischen und der 
Traumerscheinungen gelegentlich anfgeiancbi ist. (Vgl z. B* Max DEs>som, Das Doppel- 
Ich, Schriften der Ges. für psychoL Forschung» 1^90, ' 1896,) Wir werden bei der 



Das Bewusstseiß. 



327 



In hauptsachlich aus Äwei Gruppen von Thatsachtrn auf unbewusste psy- 
chische Vorgänge zuriickschließeo zu müssen : erstens aus gewissen Wirkun^ 
gen, die unbewusste seelische Inhalte auf das Bewusstsein ausüben ^ und 

I durch die sie die in diesem enthaltenen Vorstellungen verändern sollen ; und 

' iweitens aus der Reproduction früher vorhanden gewesener Vorstellungen 
oder sonstiger psychischer Inhalte. Das erste dieser Motive wird nament- 
lich von Th. Lipps vertreten , der mit Rücksicht auf die von Uim be- 
hauptete Unerklärbarkeit wichtiger Bewusstselnserscheinungen, wie der Ge- 

I fühle, der räumlichen Wahrnehmungen , der Harmonie, des Rhythmus u. 0, w., 
in »unbevvussten« psychischen Vorgängen geradezu die Gruodbestandtheile 
aller seelischen Vorgänge erblickt** Nun wurde in den vorangegangenen Ab- 
schnitten mehrfach im einzelnen nachgewiesen, dass es sich m diesen Fälleii 
in Wahrheit nicht um nnbewusste, sondern überall nur um dunkler be- 
russte psychische Elemente handelt (so n. B. bei den Elementen der Klang- 

^ färbe, den Harmonie- und Rhythmusgefühlen u. s. w.)j und dass, sobald man 
dies in Rechnung zieht, den hypothetischen unbewussten Vorgängen thatsäch- ' 
lieh nachweisbare oder jedenfalls minder hypothetische Bewusstseinsvorgänge j 
Sübstituirt werden können. Häufiger wird die Reproduction der Vor-I 
Stellungen als Beweisgrund für die Existenz unbewusster psychischer Inhalte' 
angesehen; und vielfach erblickt man in diesem Phänomen sogar mit Herbart 
ein Zeugniss für die unvergängliche Fortexistenz aller einmal entstandenen 
Vorstellungen in der Seele"*, Aber die Annahme, dass sich die Vorstellungen 
unverändert erneuern, steht durchaus im Widerspruch mit der Erfahrung: 
jedes Erinnerungsbild setzt sich vielmehr, wie wir sehen werden, aus einer 
mehr oder minder großen Zahl von Elementen verschiedener früherer Ein- 
drücke zusammen (Cap. XIX). Daraus ergibt sich aber, dass auch die Vor- 
stellungen nicht im verändert fcrtdauern können, sondern dass jede scheinbare 
Wiederemeuerung in Wahrheit ein neuer Vorstell langsprocess ist, auf den die 
von früheren Vorstellungen zurückgebliebenen E^ispositionen einwirken. 

Endlich gibt es noch eine Annahme, die, wenn sie richtig wäre, eine von 
dem Bewusstsein unabhängige Existenz von Vorstellungen in sich schließen würde: 
die Annahme angeborener Vorstellungen. Die ältere Form der Lehre von 
den »ideae innatae* bedarf freilich heute kaum mehr der Widerlegung, da 
der bereits von Locke geführte Nach w eis ^ dass für die Eutwicklung jener 
Ideen aus empirisch entstandenen Vorstellungen zureichende Gründe vorhan- 
den seien, kaum mehr einem ^Vide^spruch begegnet, weshalb sich denn auch 



alberen Betrachtung dieser Ertcbeinungen liu Ca|). XX) sehen, dass es sich hier überall 
um Veränderungen des individuellen Bewuss tscin s handelt, die nicht selten sogar con- 
ttnuirllch, in stetigen t'ebergängeii erfolgen, und denen hier durch eine gewaltsame und 
den Thatsachen widerstreitende Uradeutung eine Mehrheit von BewnsstseinsmdiTidnen 
snbstitnirt wird. Die Jetxteren miissten doch, wenn auch nur der Schatten eines Beweises 
exiatiren solUe, gleichzeitig in einem und demselben Individuum vorkommen können. 
Da die? zugestandenermaßen nicht der Fall ist. so darf das »Doppelbewusslseinc füglich 
als ein UebcrlebrJss aus dem psychologischen Mysticiitnus eines Echteraiaver» SCHUBERT 
und anderer Psychologen der ScHELLii^G'schen Schule angesehen werden, Lei denen diese 
nxkd ähnliche Vorstellungen bereits varkommen. 

■ Th, Lipps» Grund thatsachen des Seelenlebens, S. I2S AT, Der Begriff des Unbe- 
wussten in der Psychologie, 3. internationaler Congress für Psychologie in München, 1896, 
Sy 146 ff. Psychische Vorgänge nnd psvcbische Causnlität, Zeltscbr. fiir PsychoL Bd- 25, 
S, f6i ß, 

^ Heruart, Psychokgie als Wissenschaft, 3. Abschn. Cap. 3. Werke Bd. 5, S. 4i6fir. 



*. 




^2 8 Bewusatscin und VorstcUungs verlauf, 

der moderüe Platonismus seit Leibniz darauf beschränkt hat, nur die Anlage 
zur Entstehung gewisser Ideen als ein lu^prüngliches Besitzthum des Geistes 
zu betrachten*. Anders verhält sich dies mit einer in der neueren Biologie 
wieder aufgetauchten Form der gleichen Annahme, die ein Zeugniss für ver- 
erbte ^ also dem Individuum angeborene Vorstellungen in den angeborenen 
Instincten, Fähigkeiten und Gewohnheiten der Thiere und des Menschen er- 
blickt ^ \Venn das soeben aus dem Ei gekrochene Hühnchen davonläuft und 
die Kömer, die man ihm vorstreut, zu finden weiö, wenn der in Gefangen- 
schaft gehaltene Vogel ohne Vorbild sein Nest baut, wenn endlich selbst der 
menschliche Säugling ohne besondere Unterweisung die Milch aus der Brust 
der Mutter saugt, so sieht man darin einen zureichenden Eeweis dafür, dass 
nicht bloß bestimmte Gefühle imd Triebe, sondern auch räumliche Vorstellun- 
gen und zwar solche speciellster Art angeboren seien. Doch rauss man von 
diesen Beweisen sagen, dass sie gerade deshalb verdächtig werden, weil sie 
zu viel beweisen. Wenn das neugeborene Thier \virkiich von allen den Hand- 
lungen, die es vornimmt, im voraus eine Vorstellung hätte, welch' ein Reichihum 
anticipirter Lebenserfahrungen würde dann in den thierischen und menschlichen 
Instincten liegen, und wie unbegreiflich erschiene es, dass nicht bloß der 
Mensch, sondern auch die Thiere immerhin das meiste erst durch Erfahrung 
und Uebung sich aneignen! Denn in Wahrheit ist ja die oft nachgesprochenc 
Behauptung, dass der junge Vogel ohne Vorbild das nämliche Nest baut wie 
seine Eltern, ebenso unwahr, wie die Redensart >das Kind sucht nach der 
Mutterbrust «^. Und wie merkwürdig wäre es dann, dass die Klang-, Licht- 
und Farbenemplindungen, diese elementarsten und darum häufigsten Elemente 
unserer Vorstellungen, nicht ebenfalls angeboren sind, während doch die Fälle 
der Blind- und Taubgeborenen, denen diese Sinnesqualitäten fehlen, das 
Gegentheil bezeugen. Auch ist es seltsam, dass man sich immer nur auf die 
AeuOerungen von Instincten beruft, deren Entstehung unserer inneren Wahr* 
nehmuüg völlig entzogen ist, während man an dem einzigen Fall| wo uns 
über die Entwicklung eines Triebes aus eigener Erfahrung ein UrtheiJ zustehen 
könnte, vorübergeht. Dieser Fall ist der Geschlechtstrieb. Eine angeborene 
Kenntniss der Geschlechtsdiffereiiz wird man aber doch schwerlich dem Men- 
schen zuschreiben wollen. (Vgl. oben S. 262.) Diejenigen Elemente, die wir ■ 
bei allen diesen Instincten wirklich als die angeborenen ansehen müssen, be- I 
stehen lediglich in der in unserer Organisation gegebenen Anlage zur Ent- 
stehung bestimmter Gemeinempliindungeii imd zur Association bestimmter 
Bewegungen mit diesen Geraeinerapfindungen. Angeboren ist also dem neu- 
geborenen Kinde wie dem neugeborenen Hühnchen die Fähigkeit Hunger tu 
empfinden und diese Gemeinempfindung mit bestimmten Bewegungen zu ver- 
binden. Der Mechanismus dieser Verbindung wird also wohl eine Einrichtung 
sein, die sich im Laufe der Generationen in einer bestimmten Richtung be- 
festigt hat, um sich dann auf die Individuen zu vererben. Aber %^on der 
Mutterbrust besitzt der Säugling ebenso wenig eine angeborene Vorstellung 

* Leibniz, Nouveaux Essais. I, i, § 11. Op. pWL, p. 210* 

' £. Ha£CICEL, Natürliche Schöpfungsgescliiclite''» S. 63 ff, Voraichtiger spricht sich 
Darwin aus, doch icheint er im ganzen der Dämlichen Aoschammg zugeneigt« VgL 
Darwuj» Der Ausdrack der Gemüthsbewegungcn, deutsch von J- V, Cakus, 1872, S, 367. 

3 VgL A. R. Wallace, Beiträge zur Theorie der natürlichen Zuchtwahl, deutsch von 
A. B. Meyer, 1870, S. 228 t 



i 




Das Bewusstsein, 



329 



^ 



I 



wie das Hühnchen von den Körnern, die es fressen wird; sondern bei bei- 
den ist die Ausübung des NahrungstTiebes das gemeinsame Erzeugniss ur- 
sprünglicher Anlagen der psychophysischen Organisation und frühester Lebens- 
eindrücke\ 

Ist denmach eine Entstehung von Vorstellungen im Bewusstsein ohne 
vorausgegangene sinnliche Erregungen nirgends nachweisbar, sondern mit aller 
Erfahrung im Widerspruch, so besitzt dagegen auf der andern Seite die Fähig- 
keit der Wieder erinnerung an solche VorstelUmgen, die irgend einmal während 
des individuellen Lebens entstanden sind, keine sicher bestimmbare Grenze* 
Keinem Zweifel unterliegt es, dass längst entschwundene Vorstellungen ge- 
legentlich unter günstigen Bedingungen» oft aber auch ohne dass irgend ein 
Einfluss erkennbar wäre, wieder erinnert werden können''. Diese außerordent- 
lichen Fälle dürfen uns aber nicht übersehen lassen, dass sich die große 
Mehrzahl der einmal erweckten VorstelUmgen niemals oder nur in sehr ver^ 
änderten Verbindungen wieder erneuert. Denn als die entscheidende Be- 
dingung für die Reproduction erweist sich überall theils die häufige Wieder- 
holung der betreffenden Sinneseindrücke, theils die intensive Wirkung derselben 
auf das Bewusstsein. Selbst bei den auffallendsten Beispielen der Erinnerung 
an längst Entschwundenes vermisst man kaum jemals die Spuren einer der- 
einst vorhanden gewesenen ungewöhnlichen Einübung. Alle Vorstelliingen, 
die nicht durch solche Bedingungen begünstigt sind» verschwinden unwieder- 
bringlich. Nur ein spärlicher Niederschlag aus der Menge der unaufhörbch 
kommenden und gehenden Wahrnehmungen bleibt dem Bewusstsein zum fort- 
währenden Gebrauche verfügbar; und selbst diese geläufiger gewordenen ver- 
ändern sich fortwährend in ihrer Zusammensetzung, so dass eine reproducirte 
Vorstellung, die als Erinnenmgsbild einer früher dagewesenen betrachtet wird, 
zw^ar dieser ähnlich ^ niemals aber mit ihr oder auch nur mit irgend einem 
andern auf die nämliche Vorstellung bezogenen Erinnerungsbild identisch ist. 
Diese Thatsachen weisen deutlich darauf hin , dass die Vorstellungen nicht 
Wesen sind, die sich eines unsterblichen Daseins erfreuen^ sondern Functio- 
nen, die in gewissem Sinne erlernt, geübt und gelegentlich auch wieder ver- 
lernt werden, (VgL unten Cap. XIX.] 

Die verbreitete Neigung, den Vorstellungen eine unvergängliche Existenz 
in der unbewussten Seele zuzuschreiben , ist nun jedenfalls aus dem im Ein- 
gang berührten Umstände entstanden, dass wir uns eine aus dem Bewusstsein 
entschwundene nie anders denken können, als mit den Eigenschaften, die sie 
im Bewusstsein besitzt. Diese in der Beschränkung aller wnserer psychologi- 



^ Daiä die Entwicklung der R^iomanschAiiimg vom nämliclien Gesichtspunkte aus zu 
bcnrtheilen sei, wurde schon bei den GesichtsvorstelUmgen bemerkt (Cap. XIV, Bd,2, S, 659). 
Auch die von Dönhoff (du Bois-Reymonds Archiv . 1878, S. 388J versuchte BeweisfÜbrang 
dafür, dass neugeborenen Insecten und Vögeln der Typus ihre* Nestes vorschwebe, ist 
nicht bindend. Denn die Alteraative, die er aufstellt: entweder wird jede einzelne Be- 
wegnng beira Nestbau reflectorisch durch einen sinnHchen Eindruck , oder es wird die 
gmnze Kette von Handlungen ^loreh eine angeborene Vorstellung erzeugt, erschöpft mcht 
die möglichen Fälle, und der hier übergangene Fall, dass ein Complex sinnlicher Empfin- 
dungen eine zusammengesetite Handlung auslöst» ohne dass die äuflern Erfolge dieser 
Handlung im voraus vorgestellt werden, ist gerade der wahrscheinliche. Vjjl. hierzu oben 
Cap. XVlI, S. 258 ff. 

^ Zahlreiche Beispiele dieser Art sind lusammcugestellt von Taink, Der Verstand, 
deutsche Ausgabe, Bd. t, 1880, S. 64 ff. 





330 



Bewusstselii und YoretelluugsverlÄuf. 



sehen Erfahrung auf das Bewusstsein nothwendig begründete Art die Vorstel- 
lungen aufzufassen überträgt man dann auf die letzteren selbst ; und so wcrdeo 
diese zu Wesen hypostasirt| die nur durch eine Art von Wunder wieder ver- 
schwinden könnten. Die richtige Folgerung ist aber offenbar, dass wir un- 
mittelbar über die psychische Natur versch\vimdener Vorstellungen überhaupt 
nichts wissen koimen. Immerhin bleiben wir auf die Frage, wie dieselben 
zu denken seien, nicht ganz ohne Antwort, sobald wir annehmen, es werde 
der psychologische Zustand der Vorstellungen im Unbewnissten zu ihrem be- 
wussten Dasein in einer ähnlichen Beziehung stehen, wie sich die begleiten- 
den physiologischen Vorgänge oder Zustände zu einander verhalten* Diese 
Annahme ist allerdings nicht zwingend; aber sie hat insofern eine gewisse 
Wahrscheinlichkeit, als sie sich auf die allgemeinen Beziehungen zwischen 
psychischen und physischen Vorgängen stützt. Merkwürdigerweise hat man 
zuweilen die entgegengesetzte Schlussweise vorgezogen. Man setzte die Fort* 
existenz der unbewussten Vorstellungen voraus und folgerte nun, auch der 
entsprechende physiologische Eindruck im Gehirn müsse fortexistiren* Man 
nahm also an^ dass sich Bilder im Gehirn, >matendle Spuren« ablagerten, 
die nur eine geringere Stärke als die ursprünglichen Bilder besitzen sollten. 
Diese Hypothese i^t dann wieder in die Psychologie hinübergewandert, wo sie 
die Annahme entsprechender psychischer Spuren veranlasste*. Sind nun 
aber, wie oben bemerkt, die Vorstellungen nicht Wesen, sondern Functionen, 
so können auch jene zurückbleibenden Spuren nur als functionelle Dispositio- 
nen gedacht werden. Man hat hiergegen eingewandt, unter einer solchen 
Disposition könne man sich eben doch nur ein geringgradiges Fortbestehen 
der Function selbst denken. Auf physischer Seite handle es sich um eine 
Fortdauer oder eine Uebertragung von Bewegungen, und demgemäß auf ps)'- 
chtscher um eine Fortdauer der Vorstellungen'. Aber die Einübung einer 
Muskelgruppe auf eine bestimmte Bewegung besteht nicht im allergeringsten 
in der Fortexistenz geringer Grade eben dieser Bewegung. Zahlreiche früher 
ausführlich erörterte Erfahrungen zwingen uns auiiunehmen, dass Vorgänge 
der Uebung und > Bahnung c aller Orten im Nervensystem und in seinen An- 
hangsorganen stattJinden^ . Die Veränderungen, die sich dadurch in den Or- 
ganen vollziehen, haben wir uns aber offenbar als mehr oder weniger bleibende 
Mölecularumlagerungen zu denken^ die von den Bewegungsvorgängen , die 
durch sie erleichtert werden, an sich ebenso verschieden sind, wie die I^e- 
rung der Chlor- und Stickstoffatome in dem Chlorstickstoff verschieden ist 
von der explosiven Zersetzung, die durch sie erleichtert wird. W'enn wir im 
letzteren Falle sagen, es existire in der Atoraverbindung eine Disposition tut 
Zersetzung, so soll dieses Wort nicht die Erscheinimg erklären, sondern ntir 
den Zusammenhang zwischen der Gruppirung der Atome der Verbindung und 
der durch geringe äußere Anstöße eintretenden explosiven Zersetzung in einem 
kurzen Ausdruck andeuten. Wo wir nun, wie bei den verwickelt gebauten 
Apparaten des Nervensystems, von der wirklichen Beschaffenheit der Mole- 
cularänderungen, in denen die Uebung besteht, noch keine Kenntniss besitzen, 
da bleibt uns nur jener allgemeine Ausdruck, der jedoch immerhin den guten 



' Beneke, Lehrbuch der Psychologie ^, S. 64. 

' P, Schuster, Gibt es uabewusstc und vererbte Vorstellüiigen? 1879, S* 27. 

3 VgL Bd. I, S. 95. 




Dos Bevnuslseln. 



331 



I 



Sinn Jiat, dass er gegenüber der Annahme zurückbleibender materieller Ab- 
drücke eine zunächst dauernde» aber bei mangelnder Fortübung allmahbch 
wieder schwindende Nachwirkung %'orauBsetKt, die nicht in der Fortdauer der 
Function selbst besteht, sondern in der Erleichterung ihres Wiedereintritts, 
üebertragen wir diese Anschauungsweise aus dem Physischen in das Psychi- 
sche^ so sind demnach nur die bewussten Vorstellungen als wirkliche anzu- 
erkennen, die aus dem Bewusstsein verschwundenen aber sind psychische 
Dispositionen unbekannter Art zur Wiederemeuerung jener. Der wesent- 
liche Unterschied zwischen dem physischeD und psychischen Gebiet besteht 
nur darin, dass wir auf physischer Seite hoffen dürfen, die Natur jener blei- 
benderen Veränderungen kennen zu lernen, wahrend wir uns auf psychischer 
Seite dieser Hoffnung für alle Zeit werden entschlagen müssen* da die Gren- 
zen des Be\\^sstseins zugleich die Schranken unserer psychologischen Erfah- 
rung bezeichnen. Diesem Verhältnis^ ist gelegentlich auch der umgekehrte 
Ausdruck gegeben worden, indem man das Bewusstsein eine Schranke für 
die äußere Naturerkenntniss nannte*. In dieser Fassung will derselbe die 
alte, von den materialistischen Systemen freilich immer wieder in den Wind 
geschlagene Lehre verkünden, dass das Bewusstsein aus irgend welchen ma^ 
teriellen Moleciilarvorgängen nicht erklärt werden könne. Diese Abwehr stellt 
sich aber selbst auf einen falschen Standpunkt, weil sie das Bewusstsein als 
eine Schranke für ein Gebiet bezeichnet , das von ihm gänzlich verschieden 
ist, Grenzen können immer nur zwischen Theilen eines und desselben Ge- 
biets oder allenfalls zwischen benachbarten Gebieten vorkommen. Das Be- 
wusstsein und die es begleitenden Gehirnprocesse begrenzen sich aber nicht 
im mindesten, sondern sie sind, vom Standpunkte der Naturerkenntniss be- 
trachtet, Functionen von an sich imvergleichbarer Art, die im Verhältniss 
unabänderlicher Coexistenz stehen. Diese Coexistenz ist eine letzte, nicht 
weiter aufzulösende Voraussetzung, ähnbch etwa wie die Annahme der Ma- 
terie für die naturwissenschafdiche Untersuchung. 



b. Aufmerksamkeit und Apperceptton. 

Neben dem Gehen und Kommen der Gefühle und Vorstellungen 
nehmen wir in uns in wechselnder Weise mehr oder weniger deutlich 
eine Thätigkeit wahr, die wir die Aufmerksamkeit nennen. Subjectiv 
%vird diese Thätigkeit stets von einem Gefühl begleitet, das in der un- 
mittelbaren Selbstauffassunor denjenigen Gefühlen, gleicht, die wir bei jeder 
Art von VVillensthätigkeit in uns finden, und das wir daher oben bereits 
als das Thätigkeitsgefühl bezeichnet haben (S. 252). Sehr häufig 
wird dasselbe^ namentlich bei gesteigerter Aufmerksamkeit, durch die 
sinnlichen Gefithle verstärkt, welche die unten zu erwähnenden, im Zustand 
der Aufmerksamkeit häufig vorhandenen Spannungsempfindungen der 
Haut und der Muskehi begleiten. Jenes Gefühl der Thätigkeit selbst 




' E. DU Bois-Reymond, Ücber die Grenzcii des Natttreikennens, 1872, S, i6 ff. Vgl. 
Uercii aucli H. Sijsbect;, Ueber das Bewusstsein als Scbranke des Naturerkennens, 1878. 



^X2 Bewnsstsein und VorsteUungsverlEuf. 

steht aber in einem deutlichen Gegensatze zu einem andern Gefühl, das 
wir regelmäßig dann in uns finden, wenn ein äußerer Eindruck oder ein 
aufsteigendes Erinnerungsbild nicht der vorhandenen Disposition der Auf- 
merksamkeit entspricht, sondern diese plötzlich in eine ihrer bisherigen 
Thätigkeit entgegengesetzte Richtung zwingt, und das wir demnach als 
Geiiihl des Erleidens bezeichnen können. Beide Gefiihle sind einfach; ät 
können also, wie alle einfachen Gefühle und Empfindungen, nur als unmittel- 
bare Erlebnisse beobachtet, nicht definirt werden. Wohl aber scheint jedes 
von ihnen gleichzeitig mehreren der allgemeinen Gefiihlsrichtungen anzu- 
gehören: das Thätigkeitsgefühl, wie schon oben erwähnt, dem Err^rui^^s- 
und Spannung^efühl. Das Gefühl des Erleidens dagegen hat zwar eben- 
falls einen erregenden Oiarakter; mit diesem verbindet sich aber hier ein 
entschiedenes Gefühl der Lösung, indem jene fast niemals ganz im Be- 
wusstsein fehlenden Spannungsgefiihle in dem Moment eines solchen Er- 
leidens plötzlich in ihr Contrastgefiihl umschlagen. Der Contrast selbst 
beruht daher in diesem Fall wahrscheinlich nur auf diesen Spannungs- und 
Lösungscomponenten. In ihrem Eintritt und Verlauf unterscheiden sich 
jedoch beide Gefühle dadurch, dass das Thätigkeitsgefühl regelmäßig den 
sogleich zu schildernden objectiven Veränderungen des Vorstellungsinhaltes 
unseres Bewusstseins vorausgeht, während das Gefühl des Erleidens in 
seinem Entstehungsmoment den vorhandenen Bewusstseinszustand plötzlich 
und unvermittelt unterbricht. Dies ist wohl der Grund, weshalb wir im 
allgemeinen geneigt sind, die unter der Mitwirkung des Thätigkeitsgefuhls 
zu Stande kommenden Vorstellungsänderungen als selbsterzeugte auf- 
zufassen, während uns die von dem Gefühl des Erleidens begleiteten als 
passiv erlebte erscheinen. Doch schließt dieser Gegensatz nicht aus, 
dass nicht nachträglich die mit dem letzteren Gefühl in uns auftauchen- 
den psychischen Inhalte zu Objecten der Aufmerksamkeit werden; ja es 
ist dies, sobald nur den Eindrücken ein ihre Auffassung begünstigender 
Grefühlswerth zukommt, der gewöhnliche Verlauf der Erscheinimgen. Es 
geht dann aber auch sofort das Gefühl des Erleidens in das Thätigkeits- 
gefühl über. Immerhin bleibt der Unterschied, dass in der durch diese 
Gefühle bestimmten Auffassung der Vorgang im ersten Fall, wo das 
Thätigkeitsgefühl der Veränderung der Bewusstseinsinhalte vorausgeht, als 
ein activ gewollter, im zweiten, wo es sich im Verlauf derselben erst 
einstellt, als ein passiv erlebter aufgefasst wird. 

Den subjectiven Erscheinungen der Aufmerksamkeit steht nun als 
ihre objective Seite die Beziehung zu andern Bewusstseinsinhalten 
gegenüber, die wir eben mit Rücksicht auf diese Beziehung als die Ob- 
jecte der Aufmerksamkeit zu bezeichnen pflegen. Diese objective 
Beziehung gibt sich darin zu erkennen, dass der Zusammenhang der 



Das BewoÄStsein» 



Vorgange, der das Bewusstsein ausmacht, keineswegs zu jeder Zeit 
in gleicher Weise vorhanden ist^ sondern dass bestimmte Inhalte be* 
wusster sind als andere. Diese Eigenschaft lässt sich durch die Ver- 
gleichung mit dem Blickfeld des Auges verdeutiichen , indem man dabei 
von jener bildlichen Ausdrucksweise Gebrauch macht, die das Bewusst- 
sein ein inneres Sehen nennt. Sagen wir von den in einem gegebenen 
Moment gegenwärtigen Vorstellungen^ sie befänden sich im BÜckfeld des 
Bewusstseins, so kann man denjenigen Theil des letzteren, dem die Auf- 
merksamkeit zugekehrt ist, als den inneren Blickpunkt bezeichnen. 
Den Eintritt einer Vorstellung in das innere Blickfeld wollen wir die 
Perception, ihren Eintritt in den Blickpunkt die Appcrccption nen- 
nen*. Ist die Apperception von Anfang an von dem subjectiven Ge- 
fühl der Thätigkeit begleitet, so bezeichnen wir sie als eine activc; geht 
ddigegen dieses Gefühl erst aus einem ursprünglich vorhandenen entgegen- 
gesetzten Gefühl des Erleidens hervor, so wollen wir sie eine passive 
nennen. Dabei sollen diese Ausdrücke, wie schon aus der obigen Schil- 
derung der subjectiven Auf merksamkeits Vorgänge hervorgeht, natürlich nur 
auf die gegensätzlichen Gefühls zustände in dem der eigentlichen Apper- 
ception vorausgehenden Moment hinweisen; sie sollen nicht die Apper- 
ceptionsacte selbst als gegensätzliche bezeichnen, »Active Apperception« 
ist also in diesem Zusammenhang nur ein abkürzender Ausdruck für eine 
Apperception mit einem dem Eindruck vorausgehenden Gefühl der Activi- 
tät^ »passive* für eine solche^ bei der das gleiche Gefühl erst durch den 
Eindruck selbst nach dem Durchgang durch die negative Gefühlsphase der 
Passivität ausgelöst wird. Die active Apperception ist daher im allgemeinen 
eine durch die Gesammtlage des Bewusstseins vorbereitete, die passive 
ist in der Regel eine unvorbereitete. In ihrer Beziehung zu den sie 
bedingenden Vorstellungen unterscheiden sich beide Apperceptionsformen 
dadurch, dass uns bei der passiven die Vorstellung selbst als die Ursache 
ihrer Apperception erscheint, während sich uns bei der activen jener vor- 
ausgehende Zustand mit dem Gefühl der Thätigkeit als eine Gesammt- 



* Leibniz, der den Begriff der Apperceptloit in die Philosophie einführte, versteht 
damiiter den Eintritt der Perception tn das Selbstbewusst'äcin. 'Opern pMlosophica cd» 
Eri>mann, p, 715«) Menti trlbuitiir upperceptio ^ wie Wolff es ausdruckt^ quatenus per- 
ceptionis luae sibi cotiäcia est Fsychologia empir. § 25). Da sich aber entschieden das 
Bedürfnisi geltend macht, neben dem einfachen Bewusstwerden einer Vorstellung, der 
Ferception, die Erfassung derselben durch die Aufmerksamkeit mit einem besonderen 
Namen rn belegen , so wird der Ausdruck »Apperception« hier in diesem erweiterten 
Sinne gebraucht. Die Selbstanffassung ist nämlich immer auch Erfassung durch die Auf- 
merksamkeitf die letztere ist aber nicht nothwendig auch Selbstauffas^ung. Schon Hrrbart 
hat die Nöthigung empfunden* den Begrilf der Apperception zu verändern, jedoch in einer 
Weise, der wir uns hier nicht anschließen können. Vgl. darüber Cap. XIX, sowie die 
historisch* kritische Erörterung über die Entwicklung dieses wichtigen Begriffs von Otto 
Staude, Philos. Stud. Bd. i, 1883, S. 149 ff. 



« 





334 



BewussUein und Vorstellati gsverUti f. 



Ursache aufdrangt, die wir unmittelbar zunächst nur in der Form jenes 
Gefühls wahrnehmen und höchstens durch eine nachträglich sich an- 
schließende Reflexion in einzelne Componeaten zerlegen können. 

Der innere Blickpunkt kann sich nun soccessiv den verschiedenen 
Theilen des inneren Blickfeldes zuwenden. Zugleich kann er sich jedoch, 
verschieden von deat Blickpunkt des äußeren Auges, verengern und er- 
weitern, wobei immer 
seine Helligkeit abwech- 
sehid zu- und abnimmt 
Streng genommen ist er 
also kein Punkt, sondern 
ein Feld von etwas ver- 
änderlicher Ausdehnung. 
Immer jedoch bildet die- 
ses Feld der Appercep- 
tion eine einheitliche 
Vorstellung, indem wir 
die einzelnen Theile des- 
selben zu einem Ganzen 
verbinden. So verbindet 
die Apperception eine 
Mehrheit von Schallein- 
drücken zu einer Klang- 
oder Geräuschvorstellung^ 
eine Mehrzahl von Seb- 
objecten zu einem Ge- 
sichtsbild. Soll eine 
möglichst deutliche Auf- 
fassung stattfinden, so 
niuss außerdem die Zahl 
der Bestandtheile , aus 
denen sich die Vorstel- 
lung zusammensetzt, eine 

beschränkte sein. Je 
enger und heller hierbei 
der Blickpunkt ist, in um 
so größerem Dunkel 
befindet sich das übrige 
Blickfeld. Am leichtesten 
lassen sich diese Eigenschaften nachweisen, wenn man das äußere Seh- 
feld des Auges zum Gegenstand der Beobachtung nimmt, wo durch das 





F*&- 339' Fallappttrat zur Erzengimg momentiLnef 
Ge sich tscin drücke. (Dcmonstrations-Tucliistoskop.) 



i 



Das Bewusstsein. 



535 



Hülfsmittel einer instantanen Erleuchtung die Beobachtung auf Vorstellungen 
eingeschränkt werden kann, die nur während einer sehr kurzen Zeit auf 
das Bewusstsein einwirken. Man bedient sich dazu zweckmäßig eines 
Fallapparats, wie ihn die Fig. 539 etwa in '/\^ seiner wirklichen Größe 
darstellt Derselbe besteht aus einem verticalen Hokbrett, vor dem 
zwischen Schienen ein schwarzer Schirm herabfällt, sobald die in der 
Seitenansicht B sichtbare Feder F angezogen wird. In dem oberen Theil 
des Schirms ist eine quadratische Oeffnung angebracht, deren Gesichts- 
Winkel ungefähr, der Ausdehnung der Stelle des deutlichsten Sehens im 
Auge entsprechend, bei der Sehweite, in der beobachtet wird, 4'/»° be- 
tragt. Bei heraufgezogener Stellung des Schirms w^erden nun die Ge- 
sichtseindrücke (in Fig. 35g die Buchstaben) durch den Schirm so verdeckt, 
dass der auf ihm befindliche kleine w*eiiie Kreis, der als Fixationspunkt 
dient, in die Mitte des nachher beim Herabfallen des Schirmes durch die 
Oeffnung freigelegten Objectes fällt. Die Frontansicht A stellt demnach 
den Versuch in dem Augenblick dar, %vo eben das Objcct durch den 
fallenden Schirm für eine sehr kurze Zeit freigelegt ist, um im nächsten 
Augenblick wieder hinter dem oberen Theil des Schirms zu verschwinden \ 
Bei den so ausgeführten Versuchen wird nun in der Regel der Blickpunkt 
des Sehfeldes vermöge seiner physiologischen Eigenschaften auch vor- 
zugsweise zum Blickpunkt des Bewusstseins gewählt; doch lässt sich leicht 
die abwechselnde Verengerung und Erweiterung des letzteren bemerken. 
Von einer Druckschrift z. B. kann man, wenn es sich nur darum handelt 
dieselbe zu lesen, einige Wörter auf einmal erkennen. Will man da- 
gegen die genaue Form eines einzelnen Buchstabens bestimmen, so treten 
schon die übrigen Buchstaben desselben Wortes in ein Halbdunkel* 
Durch willkürliche Lenkung der Aufmerksamkeit gelingt es übrigens, wie 
schon Helmhültz"" bemerkt hat, auch auf indirect gesehene Theile des 
Objectes den Blickpunkt der Aufmerksamkeit zu verlegen; in diesem Fall 
wird das direct Gesehene undeutlich- Complicirtere Formen erfassen w^ir 
immer erst nach mehreren momentanen Einwirkungen, bei deren jeder 
sich in der Regel der äußere und der innere Blickpunkt einem andern 
Theile des Sehfeldes zuwenden. Man kann aber auch willkürlich den 
äußeren Blickpunkt festhalten und bloß den inneren über das Object 

^p * Statt dieses einfachen Fallapparats, der xnr allgemeinen Oricntirung der oben be- 
schriebenen Ericheinungen sowie rur Demonstration derselben vor emena größeren Zii- 
schaaerkreis dienen kann , bedient man sicli für exacte Versuche zweckmäOig^ der unten 
(d) tn beschreibenden, übrigens nach demselben Princip con^truirte.i Tachistoskope. 

' Physiologische Optik, S. 741. Helmholiz bediente sich bei diesen Versnchen 
der momentanen Erlenchuing durch einen elektrischen Fnnkcn. Dieser Methode ist je- 
doch wegen der bei ihr stattfindenden starken Adaptatiansstörungen (Bd. 2, S. 171 fif.) die 
Beobachtung bei Tageslicht mittelst der Fallap parate oder sonstiger tachi-itoskopischer 
Vorrichtungen vorzuziehen. (Vgl. unten iL) 



336 Bewnsstsein nnd Vontellnngsyerianf. 

wandern lassen. Bei diesem Versuch stellt sich dann die wdtere Eigen- 
schaft desselben heraus, dass mit zunehmender Dauer oder Wiederholui^ 
der Eindrücke seine Ausdehnung wächst, ohne dass, wie bei der wechseln- 
den Auffassung momentaner Reize, seine Helligkeit in entsprechendem 
Maße vermindert wird. An Schallvorstellungen lassen sich im allgemeinen 
die nämlichen Verhältnisse darlegen, indem man sich hierbei der früher 
(Bd. 2, S. 91) erwähnten Pendel Vorrichtungen für die Einwirkung kun 
dauernder Schalleindrücke bedient. Es eignen sich dazu vorzugsweise 
harmonische Zusammenklänge. Auch hier kann bei der Wiederholung 
der Einzelbeobachtungen der Blickpunkt von einem Klang zum andern 
übergehen, sich erweitem und verengem, und mit wachsender Dauer des 
Eindrucks wächst die Zahl der Töne, die gleichzeitig deutlich wahlge- 
nommen werden können. Ebenso können disparate Eindrücke in einem 
einzigen Apperceptionsacte aufgefasst werden. Dabei müssen aber die 
gleichzeitig in den Blickpunkt des Bewusstseins tretenden Einzelvorstei- 
lungen wieder Bestandtheile einer einzigen complexen Vorstellimg bilden. 
So verbindet man bei den oben (S. 67 flf.) geschilderten Complications- 
versuchen mit der Vorstellung eines bestimmten Zeigerstandes die des 
Schalls. Man ist aber nicht im stände, gleichzeitig mit dem Zeiger etwa 
das Bild des auf eine Glocke herabfallenden Hammers, der den Schall 
hervorbringt, in den inneren Blickpunkt zu verlegen. 

Unter den äußeren Einflüssen, welche die Apperception lenken, 
stehen Stärke der Eindrücke, Fbcation der Gesichtsobjecte, Bewegung der 
Augen längs der begrenzenden Conturen in erster Linie. Aus einer 
Summe gleichzeitiger Eindrücke treten femer vorzugsweise solche in den 
Blickpunkt des Bewusstseins, die kurz zuvor gesondert zur Vorstellung 
gelangt waren. So hören wir aus einem Zusammenklang einen vorher 
für sich angegebenen Ton besonders deutlich. Auf dieselbe Weise über- 
zeugen wir uns von der Existenz der Obertöne und Combinationstönc. 
Wegen der Schwäche dieser Theiltöne vermögen vnr in der Regel nicht 
mehr als einen einzigen auf einmal deutlich zu hören, da der Blickpunkt 
des Bewusstseins um so enger ist, je mehr die Aufmerksamkeit gespannt 
wird. Deutlich bemerkt man hierbei zugleich, dass der Grad der Apper- 
ception nicht nach der Stärke des äußeren Eindrucks, sondern nach der 
subjectiven Thätigkeit zu bemessen ist, durch die sich das Bewusstsein 
einem bestimmten Sinnesreiz zuwendet. 

Dies führt uns auf die inneren Bedingungen der Apperception. 
Gehen wir von der zuletzt besprochenen Beobachtimg aus, so kann das 
geübte Ohr einen schwachen Theilton eines Klanges bekanntlich auch 
dann wahrnehmen, wenn dieser ihm nicht zuvor als gesonderter Eindruck 
gegeben wurde. Bei näherer Beobachtimg zeigt sich aber, dass man sich 



Das Bewusitsein. 



337 



in diesem Fall nicht selten zunächst das Erinnerungsbild des zu hörenden 
Tones zurückzurufen sucht, um ihn deutlicher aus dem Klang herauszuhören. 
Aehnliches bemerkt man bei schwachen oder schnell vorübergehenden Ge- 
sichtseindrücken. Wird eine Zeichnung mit elektrischen Funken beleuchtet» 
die in Zeiträumen von einigen Secunden auf einander folgen, so erkennt 
man nach dem ersten und manchmal auch nach dem zweiten und dritten 
Funken fast gar nichts. Aber das undeutliche Bild bleibt im Gedächtniss, 
jede folgende Erleuchtung vervollständigt dasselbe, und so gelingt allmäh- 
lich eine klarere Auffassung. Diese Versuche zeigen, dass jeder Eindruck 
einer gewissen Zeit bedarf, um zum Blickpunkt des Bewiisstseins durch- 
zudringen. Während dieser Zeit finden wir nun stets in uns das oben 
erwähnte Gefühl der Thätigkeit. Dasselbe ist um so iebhafter, je 
mehr sich der Blickpunkt des Bewusstseins concentrirt, und es pflegt in 
diesem Falle noch fortzudauern, während die Vorstellung schon vollkom- 
men klar vor dem Bewusstsein steht. Am deutlichsten ist es jedoch im 
Zustande des Besinnens oder der Spannung auf einen erwarteten 
Eindruck, Zugleich bemerkt man hierbei, dass bestimmte sinnliche 
Empfindungen jenes Gefühl begleiten. Schon Fechner hat beobachtet, 
dass man beim Aufmerken auf äußere Sinneseindrücke in den betreffen- 
den Sinnesorganen, also in den Ohren beim Hörens in den Augen beim 
Sehen^ eine leise Spannung wahrnimmt; der Ausdruck gespannte Auf- 
merksamkeit ist wohl selbst zunächst dieser Empfindung^ dann aber auch 
dem mit ihr verbundenen starken Spannungsgefühl entnommen , dessen 
Bezeichnung selbst diesen es mehr oder minder regelmäßig begleitenden 
Empfindungen entlehnt ist. Auch bei dem Besinnen auf Erinnerungs- 
bikier fehlt die Spannungsempfindung nicht; sie zieht sich dann aber auf 
die das Gehirn umschließenden Theile des Kopfes zurück*. 

In allen diesen Erscheinungen verräth sich deutlich eine Anpassung 
der Apperccption an den Eindruck. Die Ueberraschung durch unerwartete 
Reize entspringt wesentlich daraus, dass bei ihnen im Moment, wo 
der Eindruck erfolgt, eine solche Anpassung noch nicht eingetreten 
ist. Sie selbst ist aber eine doppelte: sie bezieht sich auf die 
Qualität und auf die Intensität der Reize. V^erschie den artige Sinnes- 
cindrücke bedürfen abweichender Anpassungen. Ebenso bemerken wir, 
dass der Grad der Spannungsgefühle gleichen Schritt hält mit der Stärke 
der Eindrücke. Von der Genauigkeit der eingetretenen Anpassung hängt 
dann die sogenannte Schärfe der Aufmerksamkeit ab. Die Klarheit 
einer Vorstellung, mag diese nun eine Sinneswahrnehmung oder ein Er- 
innerungsbild sein, wird dagegen gleichzeitig durch die Stärke ihrer 



■ FEaiNER, Elemente der Psycliophysik, Bd. 2, S. 475. 
WüKDTi Grundfüg«. 111 5. Aufl. 




338 Bewnsstsem und Vorstellnngsverlanf. 

Empfindungselemente und durch die Schärfe ihrer Apperception bedingt 
Ein Eindruck muss stark genug sein, um eine deutliche Auffassung zu- 
zulassen, und gleichzeitig muss eine möglichst vollständige Anpassui^ 
der Apperception an ihn stattfinden. Vermöge beider Momente bietet 
eine mittlere Intensität der Empfindungen die günstigsten Bedingungen 
für die Klarheit der Vorstellungen, da auch die übermäßige Stärke eines 
Eindrucks die Anpassung an denselben erschwert. Neben der Klarhdt 
ist endlich der Grad der Deutlichkeit eine wichtige Eigenschaft der 
appercipirten Inhalte. Deutlich nennen wir eine Vorstellung, wenn ac 
von andern im Bewusstsein anwesenden scharf unterschieden wird. Die 
Klarheit bezieht sich demnach auf die eigene Beschaffenheit der .Vor- 
stellungen, die Deutlichkeit auf ihr Verhältniss zu andern. Ein gewisser 
Grad der Klarheit ist zur Deutlichkeit erforderlich; diese ist aber außer- 
dem noch von andern Bedingungen abhängig, welche die Unterscheidung 
der einzelnen Vorstellungen beeinflussen. Die Begriffe der Schärfe der 
Auffassung, der Klarheit und Deutlichkeit der Vorstellungen sind demnach, 
wie sie ursprünglich der äußeren Sinnesempfindung entnommen sind, so 
auch in einer ähnlichen Bedeutung anzuwenden wie hier. Wir sehen aber 
scharf, wenn unser Auge für den Lichteindruck gut adaptirt ist; wir sehen 
klar, wenn zu der richtigen Einstellung auch noch die zureichende Stärke 
des Lichtes hinzukommt, und wir sehen deutlich, wenn wir die einzelnen 
Gegenstände genau zu unterscheiden im stände sind. 

Da die Stärke der Empfindungselemente einer Vorstellung auf die 
Klarheit einen zweifellosen Einfluss ausübt, so sind nicht selten beide 
Begriffe mit einander vermengt oder sogar für identisch gehalten worden. 
Streng genommen kann aber immer nur von der Stärke der Empfindungs- 
elemente, nicht von der Stärke einer Vorstellung die Rede sein, da in 
diese meist Empfindungsinhalte von sehr verschiedener Stärke eingehen. 
Umgekehrt dagegen sind Klarheit und Deutlichkeit ausschließlich Eigene 
Schäften der Vorstellungen, die auf Empfindungen nur übertragen werden 
können, wenn diese als Vorstellungsbestand theile gedacht werden. Die 
wesentliche Verschiedenheit der Klarheit einer Vorstellung von der Stärke 
ihrer Empfindungsinhalte verräth sich vor allem auch darin, dass eine 
Zu- und Abnahme der Klarheit ohne eine gleichzeitige Zu- und Abnahme 
der Empfindungsstärke sehr wohl stattfinden kann. Dies ist besonders 
bei schwachen Eindrücken nachzuweisen, die der Reizschwelle naheli^en. 
Bestünde die Klarheitszunahme in irgend einer regelmäßigen, wenn auch 
nur minimalen Verstärkung, so müsste sich solches in einer deutlichen 
Erhebung über die Reizschwelle, ebenso die Klarheitsabnahme in einem 
Sinken unter dieselbe vcrrathen. Ein dunkler werdender schwacher Ein- 
druck hört aber nicht auf wahrnehmbar zu sein, und das Klarerwerden 



Das Bewusstsein. 



339 



desselben %vird von einem Stärkenverden in der Regel deutlich unter- 
schieden. Lässt man z. B. einen continuirlich andauernden Reiz auf ein 
Sinnesorgan einwirken^ so ist es, auch wenn der Reiz keine Ermüdung 
des Sinnesorganes hervorbringt, doch unmöglich , denselben fortdauernd 
gleich klar und deutlich zu appercipiren. Viehyichr bemerkt man bei dem 
Versuch, die Aufmerksamkeit auf ihn zu spannen, einen fortwährenden 
Wechsel der Klarheit, Dieser Wechsel wird aber als ein Vorgang auf- 
gefasst, der von etwa absichtlich herbeigeführten objectiven Intensitäts- 
schwankungen des Reizes verschieden ist. Lässt man ferner in einer 
Periode der Verdunkelung des Eindrucks diesen ganz unterbrechen, so 
wird dies ebenfalls wahrgenommen, und man bemerkt zugleich, dass der 
Reiz in den Momenten der Verdunkelung trotzdem in unverminderter 
Stärke auf das Bewusstsein einwirkt". 

Sind auf diese Weise Klarheit und Stärke der Eindrücke durchaus 
von einander verschieden, so wird demnach auch der Begriff der Reiz- 
schwelle, wenn wir ihn auf das Bewusstsein übertragen, hier eine 
doppelte Bedeutung annehmen müssen. Als Intensitätsschwelle hat 
er die Bedeutung einer Bewusstseinsschwelle, insofern der Eintritt in 
das Bewusstsein oder die Perception einer Vorstellung von der Intensität 
ihres Empfindungsinhaltes abhängt. Davon verschieden ist aber die 
Klarheitsschwelle der Vorstellungen: sie ist eine Aufmerksamkeits- 
oder Apperceptionsschwelle. Nur Eindrücke, die über der Intensitäts- 
schwelle liegen, können die Apperceptionsschwelle überschreiten; doch 
damit dies geschehe, muss die subjective Function der Aufmerksamkeit 
hinzukommen. Wie der Eindruck, der die Perceptionsschwellc über- 
schritten hat, von da an noch alle Intensitätsgrade bis zur Reizhöhe 
durchlaufen kann, so kann der Eindruck, der sich über die Apperceptions- 
schwelle erhebt, von da an noch verschiedene Grade der Klarheit er- 
reichen. Ein Eindruck aber, der unter die Apperceptionsschwelle ge- 
sunken ist, verschwindet damit noch nicht aus dem Bewusstsein, und seine 
Fortexistenz in diesem kann daher in jedem Augenblick wieder Inhalt 
der Apperception werden. Auch wenn dies nicht geschieht, übt er je- 
doch, wie jeder Bewusstseinsinhalt, auf die Aufmerksamkeit eine Gefühls- 
wirkung aus, an der in der Regel sein Aufhören sofort bemerlct wird* 
(Vgl oben Cap. XVI, S, 118 f) 

Steht es demnach fest, dass das Klarer- und das Stärkerwerden eines 
Eindrucks in vielen Fällen unabhängig vorkommende und subjectiv wohl 
zu unterscheidende Vorgänge sind, so schließt dies nun aber nicht aus, 
dass beide einen gewissen Einfluss auf einander äußern können. In Betreff 



HcGO EcKEKER, Fhilos. Stud. Bd. 8, 1893, ^' 3^* ^- 




23* 



340 



BewQsstsetn und Vontellangs verlauf. 



des Einflusses der Starke auf die Klarheit ist dies schon oben bemerkt 
worden: ein intensiver Eindruck wird in der Regel, sofern nicht besondert 
Dispositionen entgegenwirken, klarer appercipirt als ein schwacher* Aber 
imz\vcifelhaft kann auch in der umgekehrten Richtung ein g^euisser Em- 
fluss stattfinden. So bemerkt man, wenn ein Reiz das Bewusstsein bd 
großer Unaufmerksamkeit trifft und dann in gleicher Stärke wiederholt 
wird, wie z. B- beim unerwarteten Stundcnschlag einer Thurmuhr, dass 
der zweite Eindruck entschieden nicht bloß deutlicher, sondern scheinbar 
auch intensiver wahrgenommen M'ird. Das nämliche zeigt sich, wenn 
man sich willkürlich anstrengt, Erinnerungs- und Phantasiebilder zu er- 
wecken und möglichst intensiv im Bewusstsein festzuhalten* Die Fähig- 
keit hierzu ist freilich individuell sehr verschieden, und manchen Personen 
scheint es überhaupt nur zu gelingen, zwar die Klarheit, nicht aber die 
Intensität solcher Erinnerungsbilder in merklichem Grade zu vergrööem. 
In vielen Fällen ist aber diese Fähigkeit vorhanden, und sie scheint m- 
weilen so groß zu sein, dass das Phantasiebild schließlich die Stäxlee 
eines Phantasmas erreicht'. Dennoch zeigen auch diese Fälle deutKch, 
dass die Klarheits- und die Stärkezunahme keineswegs zusammenfallende 
Vorgänge sind. Denji die Zunahme der Klarheit geht hierbei stets der- 
jenigen der Stärke voran, und die letztere kommt wohl immer erst nach 
längerer Zeit und in Begleitung starker Spannungsempfindungen ru stände, 
wobei zugleich die Art der Muskel erregung genau der Form der apper- 
cipirten Vorstellung entsprechen muss. So richten sich die eine Gesichtsr 
vorstellung begleitenden Spannungsempfindungen des Auges nach den 
Begrenzungslinien des Gegenstandes; bei hohen und tiefen Tönen wechsch 
die Innervation des Trommelfellspanners und zumeist auch die gleichzeitige 
Inner\^ation der Kehlkopfmuskeln. Diese Umstände machen es im höchsten 
Grade wahrsclieinlich^ dass jene unter bestimmten Bedingungen im Ge- 
folge der Klarheitszunahme eintretende Verstärkung der Empfindungen 
eine sccundärc Wirkung ist, die durch gewisse Begleiterscheinungen der 
Aufmerksamkeit herbeigeführt werden kann, aber nicht nothwendig bcr- 
beigefiihrt werden muss. In der That legt die Erscheinung der be- 
gleitenden Muskelerregungen und Spannungsempfindungen eine Interpre- 
tation nahe, welche die Art und Weise der gelegentlichen Verstärkung 
der Empfindungen und die engen Grenzen, in denen sie eintritt, begrab 
lieh machen durfte, W'ir werden uns nämlich offenbar diesen Vorgang 
am einfachsten als einen von den Muskelerregungen und Bewegungs- 
empfindungen ausgehenden Associationsprocess denken können. Mit 



* Fechner, Psychophysik, Bd. 2, S. 471. H. Mever, Unten, über die PhysIoL der 
Nervenfaser, S» 237 ff. Vgl. nuch G, E, MÜLLER, Zur Theorie der sinnliclien Anfmerk- 
simkeilj Diss, Leipzig, 1873, S, 46 ff. 




Das Bewttsstseitt. 



341 



den Spannangsempfindungen des Auges z, B. associiren sich die ent- 
sprechenden Gesichtsvorstellongen, und je mehr durch willkürliche Steige- 
rung die Spannungsempfindung anwächst, um so mehr kann sich auch 
der Empfindungsinhalt des Erinnerungsbildes verstärken. Hierbei kommt 
nun aber wahrscheinlich noch eine andere Bedingung dieser Wirkung zu 
Hülfe. Je gespannter die Aufmerksamkeit ist, um so mehr beschränkt sie 
sich zugleich, wie oben bemerkt, auf eine einzige oder auf wenige mit 
einander zusammenhängende Vorstellungen. Diese Beschränkung kann 
ps^'-chologisch (und ohne Zweifel auch physiologisch) nur als ein Hem- 
mungsvorgang aufgefasst werden, durch den anderen Eindrücken die 
Appcrception erschw^ert wird. In Folge dieser Hemmung wird sich dann 
fiber auch die verstärkende Wirkung, welche die Spannungsempfindungen 
Lisiiben^ einseitig auf die appercipirte Vorstellung beschränken und einen 
Lbfluss der Erregungen auf andere, associativ ebenfalls mit ihnen ver- 
bundene Erinnenmgsbilder verhüten'. 

Nach allem diesem sind Aufmerksamkeit und Apperception 
Ausdrücke für einen und denselben psychologischen Thatbestand. Den 
sten dieser Ausdrucke wählen wir vorzugsweise , um die subjective 
"^Sette dieses Thatbestandes , die begleitenden Gefühle und Empfindungen, 
zu bezeichnen; mit dem zweiten deuten wir hauptsächlich die objectiven 
Erfolge, die Veränderungen in der Beschaffenheit der Bewiisstseinsinhalte 
an. Der gesammte Thatbestand, den wir so je nach dem Standpunkt 
der Betrachtung einen Aufmerksamkeits- oder einen Apperceptionsvorgang 
nennen, lässt sich aber wieder in folgende Theilvorgänge zerlegen; 
i) Klarheitszunahme einer bestimmten Vorstellung oder Vorstellungsgruppe, 
verbunden mit dem für den ganzen Process charakteristischen Thätigkeits- 
gefühl, 2) Hemmung anderer disponibler Eindrücke oder Erinnerungsbilder, 
3) muskuläre Spannungsempfindungen mit daran gebundenen das primäre 
Gefühl verstärkenden sinnlichen Gefühlen, 4) verstärkende Wirkung dieser 
Spannungsempfindungen auf die Erapfindungsinhalte der appercipirten 
Vorstellung durch associative Miterregung. Von diesen vier Theilvorgangen 
sind jedoch nur der erste und der zweite wesentliche B e stand t heile eines 
jeden Appcrceptionsvorgangs. Schon der dritte kann fehlen oder von 
sehr geringer Stärke sein; der vierte ist stets dann nachzuweisen, wenn 
der vorige, dem er als secundäre Wirlamg nachfolgt, eine gewisse Dauer 
und Intensität erreicht. 



* Vgl. hierzu die Ausführnngen über das bypothe tische Appercepdonscentrum Bd. i, 
S. 320 ff. 



342 Be^\tisstsein und Vorstellnngsverlanf. 

c. Die Apperception als Willensvorgang. 

Nach den Erscheinungen, die der Vorgang der Apperception dar- 
bietet, fällt derselbe, wie bereits im vorigen Capitel erörtert wurde, durch- 
aus in das Gebiet der Willensvorgänge. Als die wesentlichen Kriterien 
der Willensthätigkeit erkannten wir nämlich: i) eine vorausgehende ge- 
fühlsstarke Vorstellung, die von dem Handelnden als Motiv seines Wol- 
lens aufgefasst wird: sie ist bei der Apperception bald in den äußeren 
Eindrücken, bald in bestimmten Erinnerungsbildern gegeben; 2) ein den 
Eintritt der Handlung begleitendes Gefühl, das Thätigkeitsgefühl: es 
ist bei den Handlungen der Aufmerksamkeit genau so wie bei den